
Referate
und Studienfahrtmaterialien
Alina Gordenko, Polina
Mourakhver, Igor Singer, Igor Gerschmann
Bedeutung und Untergang
der jüdischen Kultur in Ungarn
Die jüdische Kultur in Ost- und Mitteleuropa bis zum
Zeitalter der Nationalstaatenbildung; ungarisches Judentum und die
Entstehung der ungarischen Nationalidentität; Antisemitismus in der
Habsburger-Monarchie; Die Shoa in Ungarn
Von den Anfängen bis zum
Mittelalter
Der siebte Bezirk von Budapest heißt Erzsebetvaros,
Elisabethenstadt. Es ist das «jüdische Viertel» von Budapest, ein Quartier
mit schmalen Gassen und engen, grauen Hinterhöfen. Das warme
Septemberwetter macht die Luft schwer, es riecht nach Essen und
Autoabgasen. Zahlreiche Werkstätten und Kneipen prägen das Straßenbild von
Erzsebetvaros.
Im letzten Jahrhundert entstand hier das erste
jüdische Zentrum der Stadt. Mehrere Synagogen befinden sich hier, in den
zwanziger Jahren lebten rund 65.000 Juden in diesem Bezirk. Heute leben in
ganz Ungarn noch etwa 80.000 Juden, die meisten von ihnen in Budapest.
Ihre zentralen Einrichtungen befinden sich noch immer in Erzsebetvaros,
auch das bekannteste Gebäude aus der ungarisch-jüdischen Vergangenheit,
die große Synagoge an der Dohany utca. Das imposante, kürzlich renovierte
Gebäude steht im Herzen der Stadt, wenige Schritte nur vom Stadthaus
entfernt. Mit über 3000 Plätzen ist sie bis heute die größte
funktionierende Synagoge Europas und eine der größten der Welt. Als sie in
den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts erbaut wurde, war sie der
Stolz der Pester Juden. Budapest bestand damals noch aus den drei
unabhängigen Städten: Buda, Pest und Obuda, die vereinigte Hauptstadt
Budapest entstand erst 1872.
Aufgrund von Ausgrabungen (Grabsteine in Aquincum und
eine Gedenktafel in Dunapentele) lassen sich Juden in ›Erez Hagar‹, also
in Ungarn, seit der Römerzeit nachweisen, wo das Land noch in Dacien und
Pannonien geteilt war. Einer Legende zufolge sollte der König von Dacien,
Decebal, die Juden zu Hilfe gerufen haben, in seinem Kampfe gegen die
Römer. In Ungarn sind die Juden fest seit dem 9.Jahrhundert belegbar, wo
Dokumente (im Archiv Sopron) jüdische Niederlassungen bereits vor der
Landnahme der Ungarn erwähnen; und 1050 existiert bereits in Esztergom
eine größere jüdische Gemeinde mit einem Friedhof. Bis zu diesem Zeitpunkt
scheint es jedenfalls keine wesentlichen Gesetzgebungen gegeben zu haben,
die das jüdische Leben beeinträchtigt hätten, so dass sich ein vitales
Leben mit hohem kulturellem und wirtschaftlichen Standard entwickeln
konnte.
Erst durch die verstärkte Christianisierung begann
auch in Ungarn, wie im übrigen Europa, der Kampf der Kirche gegen den
Einfluss der Juden. Beispielsweise verbot 1092 die Synode von Szabolcs,
unter Ladislaus (1077-95), den Juden, Christen zu heiraten, an Sonn- und
Feiertagen zu arbeiten sowie christliche Dienstleute zu halten. Andreas
II. (1205-1235) bestimmte in seiner ›Goldenen Bulle‹ (1222), dass
Kammerdiener, Münzpräger, Salz- und Steuerbeamte in Ungarn nur noch
Adelige, nicht aber mehr Juden sein dürfen.
Diese Verordnungen zeigen aber auch, dass es bis
dahin ein gutes Auskommen mit den Regenten und der Bevölkerung und welches
Vertrauen bestanden haben muss, dass die Juden so hohe Stellungen
einnehmen durften.
1233 musste Andreas II. unter Androhung des
Kirchenbanns vor einem Gesandten des Papstes schwören, dass er ab sofort
alle Juden aus öffentlichen Ämtern treiben würde und, dass er die Juden
zum Tragen eines ›Judenzeichens‹ zwingen werde. Auch sein Nachfolger, Bela
IV. (1235-1270) musste, ehe er den Thron bestieg, einen Eid leisten, die
Judengesetze seines Vaters beizubehalten. Doch bereits im Jahre 1239
zwangen ihn die großen finanziellen Probleme beim Papst Gregor IX um Ablas
seines Schwures zu bitten. Er gewährte Bela IV diese Bitte jedoch unter
der Auflage, dass er neben dem Juden einen christlichen Vertrauensmann
bestelle, in dessen Namen der Jude die öffentlichen Einkünfte verwalten
sollte.
Die Juden durften unter dem wohlwollenden Bela IV.
sogar als Pächter des Münzamtes wirken, wo u.a. auch hebräische Münzen
geprägt wurden, von denen sich einige noch erhalten haben.
Nach den Tataren-Einfallen begann Bela IV. mit dem
Wiederaufbau des Landes und erteilte 1251 den Juden ein Privileg, dessen
Basis die ›Kammerknechtschaft‹ war, in der ähnlichen Struktur der
Schutzbriefe deutscher Kaiser: die in seinem Lande wohnenden Juden
gehörten zur königlichen Kammer, bildeten das Eigentum des Königs und
standen mit ihrer Person und ihrem Hab und Gut unter dessen Schutz.
1279 beschloss die vom Papst Nikolaus III. in Ofen
einberufene Synode, dass die Juden ein besonderes Kennzeichen tragen
müssen, dass ein Bischof, wenn dieser seine Einkünfte an einen Juden
verpachte, seine Würde verliere, und dass jeder (auch der König), der
einem Juden ein öffentliches Amt verleihe, exkommuniziert werden würde.
Diesen kirchlichen Verordnungen zollte man in Ungarn jedoch wenig Achtung
sondern beließ die königlichen Privilegien gelten Mehrere Juden waren
sogar ›Großgrundbesitzer‹ und erhielten sogar Prädikate in der Art von
Grafentitel.
Ein Jahr nachdem Andreas III (1290-1301), als letzter
König des Hauses Arpad, den Thron bestieg, verlieh er 1291 der Stadt
Preßburg mehrere Privilegien, worin er u.a. bestimmte, dass die hiesigen
Juden die gleichen Rechte wie die übrigen Bürger genießen sollten. Das
Privileg Bela IV. wurde von allen Nachfolger, die bis zur Schlacht von
Mohács (1526) den Thron bestiegen jedes Mal neu bestätigt.
Die Privilegien basierten zwar auf dem Wohlwollen des
jeweiligen Herrschers, doch sie waren nicht umsonst sondern mussten durch
‚reiche‘ Geschenke und hohe Jahressteuern ‚erkauft‘ werden.
14.-18. Jahrhundert
Karl I. Robert, aus dem Hause Anjou, gewährte den
Juden die volle bürgerliche Freiheit, doch sein Sohn Ludwig I.(der Große;
1342-1382), der in einem engen Verhältnis zu Papst Innozenz VI stand,
verwies die Juden aus einzelnen Städten Ungarns, z.B. aus Sopron, auf
Grund des Konkurrenzneids der christlichen Zünfte.
Spätestens nach drei bis vier Jahren wurden die Juden
wieder zurückgerufen, zumal sie, wie in den übrigen europäischen Ländern,
die treibende Kraft des Wirtschaftslebens bedeuteten.
Im Jahre 1365 schuf Ludwig der Große ein neues
Landesamt, an dessen Spitze ein von sämtlichen Würdenträgern des Landes
gewählte ‚Richter aller Juden des Ungarlandes‘ stand. Seine Aufgaben
bestanden darin, die Steuern bei den Juden einzutreiben, über ihre
Privilegien zu wachen sowie ihre E3eschwerden entgegenzunehmen. Der erste
von Ludwig ernannte Judenrichter war ein gewisser ‚Meister‘ Simon.
Der Luxemburger, Sigismund (1387-1437), der auch
König über Böhmen (1419/36) wurde, nahm 1421 mit der einen Hand die aus
Österreich vertriebenen Juden auf, aber mit der anderen Hand wischte er
1425 die Schuld, die die Stadt Preßburg bei den Juden hatte vom Tisch.
Matthias I. Corvinus (1458-1490), der ebenfalls König
über Böhmen war, hob zu Beginn seiner Regentschaft das Amt des
Judenrichters auf und schuf ein neues Amt, die Präfektur, an deren Spitze
ein Jude, der Präfektur Judaeorum stand.
Präfectus Judaeorum, war der Titel eines jüdischen
Beamten am Hofe der ungarischen Könige während der Jahre 1482-1539. Es
waren dies fast ausschließlich Mitglieder der Familie Mendel (z.B. 1515
Jakob Mendel, der auch ein Vertrauter Kaiser Maximilians war) die als
Vertreter der ungarischen Juden am Hofe tätig waren. Sie waren
verantwortlich für die Aufbringung der Judensteuer und besaßen das Recht
den Juden Ungarns Strafgelder aufzuerlegen oder diese vom Tragen der
Judenabzeichen zu befreien.
König Matthias Corvinus verbot 1475 den Christen in
Preßburg Immobilien bei Juden zu verpfänden und 1490 liel3 er die Juden
aus Tata vertreiben, weil es angeblich den religiösen Gesetzen zuwider
sei, dass Christen und Juden zusammenwohnen.
Unter dem Jagellonen, Władisław II (Laszlo,
1490-1516) kam es 1494 bezüglich einer Blutbeschuldigung in Tyrnau zu
einer Juden-Verbrennung, bei der 14 Juden unschuldig das Leben lassen
mussten.
Maria Theresia,
Joseph II., Leopold II...
Die stets mit Geldnot kämpfende Maria Theresia
(1740-1780) legte den Juden 1744 eine sogenannte ‚Toleranztaxe‘ auf, die
die Juden anfänglich zwang 20.000 Gulden und später sogar 160.000 Gulden
als Jahressteuer (die Juden nannten es ‚Malke-Gelt‘) zu entrichten.
Der Sohn Maria Theresias, Kaiser Joseph II., trug
während seiner Regentschaft, 1780-90, einen wesentlich Beitrag zur
Entwicklung des ungarischen Judentums bei. Zwar bediente er sich weiter an
den Steuern, die seine Mutter den Juden auferlegte, die er lediglich etwas
senkte, doch bemühte er sich, wie er es sagte, aus ihnen ‚nützliche Bürger
des Landes‘ zu machen. Was er damit meinte, sah folgendermaßen aus: einmal
die äußerliche Assimilation, d.h. Abschneiden der Bärte und der Pajeß, und
ferner 1781 der Zwang zur Landessprache, vor allem in den jüdischen
Religions- und Schulbüchern.
Wer sich diese Zumutung gefallen ließ, sprich: sich
assimilierte, dem stand sozusagen die Welt offen, der durfte Landgüter
mieten und jedes Gewerbe ausüben. 1783 erließ er die Verordnung
‘Systematica gentis judaicae regulatio’, die für Juden etwas die Tore der
'verbotenen' Städte öffnete und ferner noch das Recht zu studieren
gewährte. 1785 hob er den Leibzoll auf und änderte die Bezeichnung
‘Toleranzsteuer’ in ‘Kameralsteuer’.
Insofern war Joseph II. in der Tat tolerant, indem er
den 'Bart- und Pajeßlosen' gestattete in Preßburg, Altofen, Miskolc,
Nakgyaroly, Vagujhely, Trencsen, Satoraljaujhely, Hagyvarad und
Lovasbereny Schulen zu eröffnen und auch die öffentlichen Schulen zu
besuchen.
Der erste Jude, der an der Ofener Universität die
medizinische Doktorwürde erhielt, war Manes Joseph Österreicher.
Die Landwirtschaft blieb für Juden hingegen wegen dem
Widerstand der Gutsbesitzer verwehrt; wie auch das Gewerbe des Handwerks
nur dort gestattet war, wo eine Mehrheit von Juden lebte, da für Juden die
Türen zu den Zünften weiterhin verschlossen blieben.
Bald nach dem Tode Joseph II. bemühte man sich
allerorts wieder den Status und die Rechtsstellung der Juden herzustellen,
wie er quo ante war.
Unter Leopold II. (1790-1792) bemühten sich die Juden
in ihrer Eingabe um Gleichberechtigung; 1791 schien der Reichstag dem
Ansuchen Gehör zu schenken, indem er ihnen das Wohnrecht garantierte,
allerdings mit der Gegenforderung: die Heranziehung der Juden zum
Militärdienst. Es entbrannte ein Streit zwischen den assimilierten und
orthodoxen Juden, zwischen den Befürworter und Gegnern dieser Forderung.
Der Streit dauerte nicht lange an, denn im Jahre 1807 wurde ungeachtet
aller Argumente der Militärdienst staatlich verordnet.
Späte Assimilation
Im europäischen Vergleich setzte die Integration der
jüdischen Bevölkerung in die ungarische Gesellschaft erst spät ein,
verlief aber atemberaubend schnell und war auf den ersten Blick äußerst
erfolgreich. Vier Ereignisse waren es, welche diesen Prozess nachhaltig
geprägt hatten: Zum einen stimmte 1848 die ungarische Nationalversammlung
für die politische Gleichstellung der ungarischen Juden; die
Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Habsburger
verhinderte indes die Umsetzung des Beschlusses, und das siegreiche Wien
verweigerte den Juden die Emanzipation. Die zweite Wegmarke war 1867, als
nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich die ungarischen Juden ihre
politische und rechtliche Gleichstellung doch noch erhielten. Zwei Jahre
später – und dies war bereits der nächste große Einschnitt – kam es
anlässlich eines Kongresses zum Zerwürfnis zwischen Orthodoxie und
Reformjudentum. In der Folge bildeten sich zwei selbständige jüdische
Gemeinschaften heraus, die ihre Autonomie während fast hundert Jahren
wahren konnten. Die letzte Etappe auf dem Weg der Integration in die
ungarische Gesellschaft war schließlich 1896 die konfessionelle
Gleichstellung der jüdischen Glaubensgemeinschaften mit den christlichen.
Zum Vorreiter dieser Gleichberechtigung wurde der
Komitat Vac, als er seinen Abgeordneten beauftragte, dem Landtag ein
Gesetz vorzuschlagen, dass ‘alle bürgerlichen Rechte, die die
Nichtadeligen besitzen, auch den Juden erteilt werden sollten’, und der
Komitat Pest forderte in den Instruktionen für seinen Abgeordneten, dass
die Juden an allen den Bürgern Ungarns zukommenden Rechten Anteil haben
sollten. Im Zusammenhang dieser Instruktionen schlug der Abgeordnete von
Pest, Simon Dubravitzky, vor, die Toleranzsteuer aufzuheben, die jüdische
Religion anzuerkennen, ihren Bekennern Gleichberechtigung zu gewähren und,
wenn sie es verdienten, sogar den Adel zu verleihen.
Dieser liberale Zeitgeist in Ungarn erwuchs in jener
Zeit, in der Ungarn (seit 1867) ein selbständiger Teil des habsburgischen
Großreiches wurde.
Die ungarischen Juden waren um die Jahrhundertwende
zu einem tragenden Element der ungarischen Gesellschaft, insbesondere des
städtischen Mittelstandes, geworden. Bei einem jüdischen
Bevölkerungsanteil von etwa 4,5 Prozent waren zum Beispiel mehr als 40
Prozent aller Ärzte oder Rechtsanwälte jüdisch. Auch viele Publizisten und
Schriftsteller waren damals jüdisch oder jüdischer Abstammung. Die
assimilierte, verweltlichte Lebensweise der meisten Budapester Juden
führte aber dazu, dass in Ungarn keine eigenständige «jüdische Literatur»
entstand. Die meisten jüdischen Intellektuellen dieser Zeit fühlten sich
als Juden und standen auch zu ihrem Judentum. Ihr Judesein war aber nur
noch eine Frage des Glaubens, keine Frage der alltäglichen Lebenswelt
mehr. Mit ihren Vorfahren, die einige Generationen früher nach Budapest
gekommen waren und zumeist in bescheidensten Verhältnissen gelebt hatten,
verband sie nur noch die Konfession. Das Judentum des Schtetl, das den
gesamten Alltag und alle sozialen Kontakte geprägt hatte, war ihnen fremd.
Heute heißt der Platz vor der großen Synagoge
Herzl-Platz. Gleich neben der Synagoge, dort, wo sich jetzt das Jüdische
Museum befindet, stand das Geburtshaus von Tivadar – oder später Theodor –
Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Bei seinen ungarischen
Glaubensgenossen stieß Herzl mit seiner Idee, in Palästina eine Heimstätte
für die Juden in aller Welt zu errichten, auf offene Ablehnung: «Wir haben
unsere gesegnete ungarische Heimat, wir suchen keine neue», schrieb die
jüdische Presse in Budapest damals und kam zum Schluss: »Die Burg Zions
leuchtet weit am Ufer der Donau«. Herzls Mahnung, dass die
ungarisch-jüdische Symbiose auf schwachem Grund gebaut sei, verhallte
damals fast ungehört. 1903, ein Jahr vor seinem Tod, wies er warnend
darauf hin, dass in Ungarn der Antisemitismus bald schon erstarken werde.
Er sollte recht behalten: Nach dem Zusammenbruch der
österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und dem Scheitern der darauf
folgenden Räterepublik von 1919 setzte eine schrittweise Ausgrenzung der
Juden aus der Gesellschaft ein, und schon 1920 existierte ein
Numerus-clausus-Gesetz, das sich hauptsächlich gegen die Juden richtete.
Anfänge des
Antisemitismus und die Katastrophe
Noch um 1882 und dann nach dem I.WK kam es zu
Ausschreitungen gegen Juden besonders die Zeit der Räterepublik brachte
blutige Verfolgungen.
Erst der Beginn des 15.Jahrhunderts brachte eine
Reihe Verfolgungen von Juden mit sich, die in die 'üblichen'
Anschuldigungen des Ritualmordes, Hostien-Schändungen und
Brunnenvergiftungen ausarteten, was sich vereinzelt über die Jahrhunderte
hinweg wiederholte. Trotz allem war es doch den Juden in Ungarn gestattet
friedvoll mit ihrer Umgebung zusammen zu leben.
Erste im Jahre 1882 kam es im Ort Tisza-Esziar
wiederum zu einer Blutbeschuldigung. Am 1.4.1882 wurde dort die Christin
Esther Solymossi tot aufgefunden. Aufgrund einer lügnerischen Aussage des
Knaben Moritz Scharf kam es zu einer Ritualmord-Anklage gegen Juden, die
aber am 3.8.1883 wegen erwiesener Unschuld mit einem Freispruch endete.
Arnold Zweig schrieb bezüglich diese Vorkommnisse 1914 sein Stück
„Ritualmord in Ungarn“ (später: „Die Sendung Semaels“).
In den dreißiger Jahren lebten Ungarn eine offene
Politik der Annäherung an die faschistischen Staaten Deutschland und
Italien. Man erhoffte sich dadurch im Kampf um die im Ersten Weltkrieg
verlorenen Gebiete Unterstützung von dieser Seite. 1938 wurden in Ungarn
die ersten Judengesetze erlassen. Anfang der vierziger Jahre kam es zu den
ersten antisemitischen Gewaltakten und Massakern, doch Deportationen gab
es zu diesem Zeitpunkt noch keine. Als Ungarn allmählich versuchte, sich
aus dem Bündnis mit den Achsenmächten zu lösen, besetzten im März 1944
deutsche Truppen das Land. Unverzüglich wurde die Deportation der rund
800.000 Juden Ungarns an die Hand genommen. Eichmann kam persönlich nach
Budapest und organsierte zusammen mit dem ungarischen Innenministerium den
gigantischen Massenmord. Adolf Eichmann hat die Richtlinien Himmlers
umzusetzen Der Auftrag: Budapest gettoisieren.
Die Dokumentation der
Erinnerungen Adolf Eichmanns
Er erhält den Auftrag, die Juden aus Ungarn zu
beseitigen. Text wird ohne oder stilistische, orthografische, syntaktische
Korrekturen abgedruckt.
„Gleich Anfang 1944 erteilte mir Müller Befehl, etwa
80 km. östlich von Berlin eine Ausweichstelle für das Amt IV zu errichten.
Zeit dazu hatte ich ja jetzt genügend. Ein Kommando aus Theresienstadt
bestehend aus Baumeistern, Technikern, Arbeitern, Köche und in der Stärke
von etwa 30-40 Mann unter Leitung von einem Architekten ging zu dieser
Stelle ab. Dortselbst wurden etwa 10-12 große „Wehrmachtbaracken“
aufgestellt. Die Anlage war in einem Wald, wo die Bäume zur Tarnung stehen
bleiben und die Baracken geschickt unter diesen Bäumen placiert werden
mussten. Diese Anlage war nicht umzäunt und hatte mit einem K.Lager nicht
die geringste Verwandtschaft. Die Juden verköstigten sich aus den
reichlich mitgebrachten Lebensmitteln selbst und soweit mir in Erinnerung
ist kein einziger Jude damals geflüchtet, obschon er zu jeder Stunde dazu
die Möglichkeit gehabt hätte.
lch selbst wohnte auch in einer aufgestellten
provisorischen Unterkunft einige hundert Meter von dieser Ausweichstelle.
SS-Ostuf Stuschka, der bautechnisch ausgebildet war,
hatte den techn. Teil mit den Ingenieuren zu erledigen. Es war eine Zeit,
in der für mich auch wieder nicht viel zu tun war.
Im Monat März kam SS-Gruf. Müller zur Inspektion
seiner neuen „Ausweichstelle“, die kurz vor der Fertigstellung war.
Anläßlich dieses Besuches teilte er mir den Befehl Himmlers (C. d. S.?)
mit, dass ich nach Ungarn zu gehen hätte und mich dieserhalb sofort
marschfertig zu machen und im K.L Mauthausen, wo der „Einsatz“
zusammengestellt werden würde, mich beim B. d. S. u. des SD für Ungarn,
SS-Oberführer Dr. (Anm. d. Red.: Hans) Geschke zu melden hätte. Wieder
versuchte ich, wie schon so oft, mich noch in letzter Minute davon
befreien zu können, unter Hinweis auf die noch nicht fertige
Ausweichstelle, aber ich sah es ein, es war zwecklos, sich einem solchen
Befehl irgendwie zu entziehen. Es war mein Schicksal. Wieder etwas
angefangen, aber fertig machen konnte ich es nicht. Wieder zu etwas
befohlen, wovon ich bis dahin keine Ahnung hatte, dass so etwas überhaupt
kommen könne.
lch meldete mich von Berlin ab und nach Ankunft in
Mauthausen bei Dr. Geschke zum Dienstantritt zur Stelle. Müller hatte mir
vor Abgang aus Berlin die Himmler'schen Richtlinien zur Durchführung der
beschleunigten Evakuierung von Juden aus Ungarn weisungsgemäß mitgeteilt,
insonderheit hatte ich dafür zu sorgen, dass der Osten Ungarns zuerst
evakuiert wurde und in Budapest vorerst lediglich zu gettoisieren sei.
(Anm.: Der folgende Satz wurde von Eichmann
gestrichen) Das Kommando des B. d. S. u. d. SD für Ungarn und dass des B.
d. O. (Anm.: Befehlshaber der Ordnungspolizei) fuhr aus Mauthausen ab.
1.) Der Reichsbevollmächtigte für Ungarn SS-Gruf. Dr.
(Anm.: Edmund) Veesenmayer.
2.) Der Höhere SS- u. Pol. Führer war SS-Ogruf. und
General der Polizei (Anm.: Otto) Winkelmann.
In Ungarn selbst kam die Salaschi (?) (Anm.: Ferenc
Szálasi – Führer der faschistischen Pfeilkreuzler-Partei) –Regierung zum
Zuge, nachdem Horthy ausgebootet war. SS-Obersturmbannf. Krumey meldete
sich szt. bei Gruf. Müller und bat mir zugeteilt zu werden (möglich, dass
er nicht ausdrücklich mich damit meinte, sondern den Ungarn-Einsatz als
solchen). Er wurde jedenfalls zum ständigen Vertreter von mir, in meiner
Eigenschaft als Referent des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des
SD, bestellt.“
Im April begann die Ghettoisierung und Konzentration
der ungarischen Juden im Ostteil des Landes. Die »Eliminierung« der rund
200.000 Juden in Budapest war als letzte Etappe vorgesehen. Täglich trafen
ab Mitte Mai 10 000 bis 12 000 Juden aus Ungarn in Auschwitz ein. Die
Vernichtung der Budapester Juden war für Mitte Juli vorgesehen. Miklos
Horthy, der seit den zwanziger Jahren als «Reichsverweser» im Amt war,
ließ aber - vermutlich auf Druck der Alliierten - die Deportationen
stoppen. Offensichtlich wollte er die Allianz mit Deutschland lösen und
aus dem Krieg austreten. Im Oktober 1944 erreichte die Rote Armee
schließlich Südungarn und eroberte die Stadt Szeged. Zwischen Ungarn und
Moskau gab es Geheimverhandlungen über einen Waffenstillstand. Doch als am
l5. Oktober diese Wende am Rundfunk verkündet wurde, brach in der
Hauptstadt das Chaos aus. Einheiten der ungarischen Faschisten, der
sogenannten «Pfeilkreuzler», besetzten Teile der Stadt. Horthy ernannte
auf Druck der Deutschen den Führer der «Pfeilkreuzler», Ferenc Szalasi,
zum neuen Ministerpräsidenten.
Die «Pfeilkreuzler» setzten nun zu einer
erbarmungslosen Jagd auf die Juden an, bei der in Budapest Zehntausende
ermordet und rund 30 000 in Todesmärschen Richtung Österreich getrieben
wurden. Im inneren Teil von Erzsebetvaros, im Zentrum der Stadt, wurde ein
Ghetto errichtet: 70 000 Menschen lebten eingepfercht in 4500 Wohnungen,
den ständigen Übergriffen der ‘‘Pfeilkreuzler» ausgesetzt. Die Shoah
forderte in Ungarn einen hohen Blutzoll: Etwa 600.000 ungarische Jüdinnen
und Juden wurden während der wenige Monate dauernden Nazi-Herrschaft
deportiert und ermordet.
Neues Regime
Mitte Januar 1945 befreite die Rote Armee das
Budapester Ghetto. Rund 120 000 Juden hatten die Schreckenszeit überlebt,
nicht zuletzt dank dem engagierten Einsatz von westeuropäischen Diplomaten
wie etwa dem schweizerischen Gesandten Carl Lutz und dem Schweden Raoul
Wallenberg. Außerdem überlebten viele Juden, weil sie sich mit falscher
Identität und der Hilfe von Christen verstecken konnten. Die Jahre nach
dem Krieg wurden aber für die Juden zu einer neuen Bewährungsprobe, denn
sie hatten mit großen Ängsten und Gewissensbissen zu kämpfen. Viele litten
unter dem Schuldgefühl, den ermordeten Angehörigen nicht genug geholfen zu
haben. Hinzu kam die bange Frage, wie es möglich sein sollte, in einem
Land weiterzuleben, in welchem die Bevölkerung das Morden nicht nur
zugelassen, sondern oft auch unterstützt hatte.
In den drei kurzen demokratischen Jahren zwischen
Kriegsende und kommunistischer Machtergreifung gab es in Ungarn eine
intensive Auseinandersetzung um die Frage, wie der Genozid an den
ungarischen Juden hatte geschehen können. Es erschienen zahlreiche
Publikationen und Studien zu dieser Frage. Die Errichtung der
stalinistischen Einparteiendiktatur nach sowjetischem Vorbild veränderte
die gesellschaftliche Lebenswelt der ungarischen Juden grundlegend. Viele
nahmen die Sowjets aber nicht als Sieger, sondern als Befreier wahr und
fühlten sich ihnen verpflichtet, da sie ihr Leben schließlich nicht
zuletzt der Roten Armee zu verdanken hatten. Sie wollten bei der
Entnazifizierung des Landes mithelfen und engagierten sich bei den
Kommunisten und bei der politischen Polizei. Viele Ungarn hatten deshalb –
wie schon um die Jahrhundertwende – das Gefühl, dass es die Juden seien,
die das Land beherrschten. Tatsächlich war nicht nur der verhasste
Parteichef Matyas Rakosi jüdischer Herkunft, auch der Chef des
berüchtigten Staatssicherheitsdienstes, Gabor Peter, entstammte einer
jüdischen Familie. Weder Rakosi noch Peter vertraten indes jüdische
Interessen, und so ging es den ungarischen Juden damals in keiner Art und
Weise besser als den übrigen Ungarn.
Die Jahre nach dem erfolglosen Volksaufstand von 1956
waren für das ganze Land, auch für die ungarischen Juden, eine Zeit der
relativen Stabilität und Ruhe. Das jüdische Leben wurde zwar konsequent
hinter die Fassaden des öffentlichen Raumes gedrängt und konnte nur noch
in den eigenen vier Wänden oder in der Abgeschlossenheit der Synagogen
stattfinden, ganz verboten wurde es aber nie. Eine Auseinandersetzung mit
der jüngsten Vergangenheit gab es hingegen nicht. Einige jüdische
Institutionen wie zum Beispiel das Rabbinerseminar konnten zwar
weiterbestehen, doch sie wurden jeglicher gesellschaftlicher Relevanz
beraubt. Das jüdische Leben bestand in erster Linie in der sozialen
Betreuung der Shoah-Überlebenden.
Die nachfolgende Generation wuchs oftmals ohne
jegliche jüdische Erziehung auf, und in nicht wenigen Familien wurden die
jüdischen Wurzeln schlicht zum Tabuthema erklärt. In einer Studie mit dem
aufschlussreichen Titel «Wie ich schließlich gemerkt habe, dass ich Jude
bin» untersuchten einige Budapester Soziologen in den achtziger Jahren das
Phänomen der verdrängten jüdischen Identität in der ungarischen
Nachkriegszeit. Sie kamen zum Schluss, dass gerade Mitglieder des
Parteikaders die Tendenz hatten, ihr Judentum zu verleugnen. Zahlreiche
jüdisch oder deutsch klingende Namen wurden nach dem Krieg magyarisiert:
Aus Kohn wurde Kovacs, aus Friedmann Faludi. Das ungarisch-jüdische
Kulturerbe, das während Jahrzehnten die Entwicklung des Landes stark
geprägt hatte, drohte in der realsozialistischen Tristesse der Kadar-Zeit
endgültig unterzugehen. Die intellektuellen Gravitationszentren des
ungarischen Judentums befanden sich nun nicht mehr in Budapest, sondern
verstreut über alle Welt, in Paris, Israel und in den USA.
Der Systemwechsel, der in Ungarn nicht erst vor zehn,
sondern eher vor fünfzehn Jahren einsetzte, veränderte die Situation der
ungarischen Juden erneut grundlegend. Nachdem bereits Mitte der achtziger
Jahre einige geschichtliche und sozialwissenschaftliche Publikationen
erscheinen konnten, wurden kurze Zeit später die ersten neuen jüdischen
Vereinigungen gegründet. Sie versuchten, das kulturelle Erbe der
Vergangenheit wieder zu beleben. Langsam erwachte in Erzsebetvaros der
Geist der alten Zeit wieder: Mehrere koschere Geschäfte, eine jüdische
Buchhandlung, Restaurants und ein Souvenirladen boten ihre Waren und
Dienste feil. Busse mit ausländischen Touristen, vornehmlich aus Israel
und den USA, drängten sich durch die engen Gassen. Wer Anfang der
neunziger Jahre durch die Straßen des Quartiers spazierte, konnte wieder
etwas vom längst verlorenen Charme und vom früheren Lebensgeist dieser
Straßen und ihrer früheren Bewohner erahnen.
Den ersten jüdischen Kulturvereinen folgten weitere.
Mit Zeitschriften, Podiumsdiskussionen und geselligen Anlässen entstand
eine kleine jüdische Subkultur in Budapest, die aufzuarbeiten versuchte,
was vierzig Jahre lang brachgelegen hatte. In zahlreichen Publikationen
schrieb sich eine ganze Generation des ungarischen Judentums die
aufgestauten Ängste und Traumata der letzten Jahrzehnte von der Seele.
Daneben meldete sich auch eine junge, selbstbewusste Generation zu Wort.
Ihre Vertreter waren auf der Suche nach ihrer jüdischen Identität und
bemüht, ihre Doppelrolle als Ungarn und Juden neu zu definieren. Plötzlich
sah man in Budapest wieder junge Männer mit einer Kipa, der traditionellen
Kopfbedeckung, durch die Straßen gehen. Nachdem es unter der
kommunistischen Herrschaft offiziell zwar keinen Antisemitismus, wohl aber
einen mehr oder weniger offenen Antizionismus gegeben hatte, war nun auch
Israel kein Tabuthema mehr.
Gleichzeitig mit dieser jüdischen Renaissance
erwachte in Ungarn auch der Antisemitismus zu neuem Leben. 1990,
anlässlich der ersten freien Wahlen nach über vierzig Jahren, kam es in
den Medien zu wüsten Ausfallen einzelner Politiker des rechten Spektrums.
Auf dem Herzl-Platz vor der großen Synagoge fand zum zweiten Mal ein
jüdisches Sommerfestival statt.
Das jüdische Leben ist nach der ersten Euphorie zur
Normalität zurückgekehrt. Auch Manifestationen des Antisemitismus sind,
sieht man von einzelnen Zwischenfällen ab, nicht mehr an der Tagesordnung.
Viele jüdische Initiativen und Projekte sind wieder verschwunden, einige
sind geblieben: So gibt es wieder mehrere jüdische Schulen in Budapest,
ein Kulturzentrum an der Revay utca, einige jüdische Zeitschriften. Das
ehemalige Rabbinerseminar wurde vor kurzem zu einer jüdischen Universität
erweitert. Geblieben ist aber auch die Erkenntnis, dass der Traum der
ungarisch-jüdischen Symbiose, der vor hundert Jahren in Budapest geträumt
wurde, nicht realisierbar ist. Oder mit den Worten von György Konrad:
»Assimiliert werden, aufgenommen werden, eins werden
mit den anderen, das ist es, was wir gern gesehen hätten. Es ist nicht
gelungen. Es hat nicht gelingen können.«
Informationsquellen:
Elena
Romero Costello: Die Juden in Europa: Geschichte und Vermächtnis aus zwei
Jahrtausenden. Wilhelm Heyne Verlag. München
Rolf
Fischer: Entwicklungsstufen des Antisemitismus in Ungarn 1867-1939. Die
Zerstörung der magyarisch-jüdischen Symbiose. R. Oldenbourg Verlag München
1988
Peter
Haber (Hrsg.): Jüdisches Städtebild Budapest. Jüdischer Verlag bei
Suhrkamp, Frankfurt 1999.
Walter
Pietsch: Zwischen Reform und Orthodoxie. Der Eintritt des ungarischen
Judentums in die moderne Welt. Philo-Verlag, Mainz 1999
Haim
Beinart: Geschichte der Juden. Atlas der Verfolgung und Vertreibung im
Mittelalter. Bechtermünz Verlag / Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1998
Zeitungsausschnitt: Die Welt 02.09.1999 (Erinnerungen Adolf Eichmanns)
http://www.hagalil.com
http://www.cordis.com
Inhalt
Von den Anfängen bis zum
Mittelalter
14.-18. Jahrhundert
Maria Theresia, Joseph II., Leopold II...
Späte Assimilation
Anfänge des Antisemitismus und die Katastrophe
Die Dokumentation der Erinnerungen Adolf Eichmanns
Neues Regime
Informationsquellen
Inhalt der Sammlung der Vorbereitungsreferate
Programm
der Studienfahrt nach Ungarn 2000
Dokument Information
Der
Abschlussbericht der Ungarnfahrt vom 09.10.2000 bis zum 17.10.2000 wurde
aus Zeitmangel niemals fertig gestellt. Er sollte in einem Heft der
Schriftenreihe des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Heft 7 - ISSN 0945-1536 - erscheinen. Der
vorliegende Text wurden veröffentlicht im Internet am 17.11.2011 auf diese Homepage
Kontakt: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20, 30952
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Revision 17.11.2011