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Gerhard
Voigt
Ungarn
Bericht
von einer wirtschaftsgeographischen Fachexkursion in den Altindustrieraum
in Nordungarn unter der Leitung von
Prof. Dr. Zoltan Antal (ELTE)
2.-7.9.1991
im Rahmen der internationalen wissenschaftlichen
Konferenz
»Aktuelle Fragen der Geographie
in Wissenschaft und Unterricht«
anläßlich des fünfzigsten Jahrestages des Bestehens des
Lehrstuhles für Allgemeine Wirtschaftsgeographie
der Eötvös-Loránd-Universität von Budapest
Einführung
Die weltoffene, interkulturelle Arbeit einer
UNESCO-Projekt-Schule äußert sich nicht nur in spektakulären Schüleraustauschprogrammen,
Schulpartnerschaften und Projektveranstaltungen, sondern hat nur dann ihr
Ziel erreicht, wenn die Ziele und Perspektiven der UNESCO-Arbeit ganz
selbstverständlich im Unterricht aufgenommen und fruchtbar gemacht werden.
Die
Bismarckschule Hannover hat hierbei sicher noch nicht alles geleistet, was
notwendig oder sinnvoll wäre, aber sie versucht immer wieder, diesen Zielen näher
zu kommen im Sinne einer ständigen Aufgabe und Verpflichtung.
Eine
Möglichkeit, UNESCO-Schul-Arbeit in die Unterrichtspraxis zu integrieren,
bieten die Studienfahrten in den Leistungskursen der Sekundarstufe II (Kursstufe).
Auslandsstudienfahrten haben sowohl eine deutliche fachliche Schwerpunktsetzung
als auch die Aufgabe, mit offenen Augen die politischen und kulturellen Situationen
wahrzunehmen und aufzuarbeiten. Die politischen Umwälzungen in Europa, die
sich in der sozialen Aufbruchstimmung im letzten Jahrzehnt in Ländern wie
Polen und Ungarn schon andeuteten, stellen uns Fragen zu unserer eigenen
gesellschaftlichen Lebensperspektive und den Chancen für ein friedliches
Zusammenleben: die aktuellen Bedrohungen des Friedens führen uns die Nachrichten
ja jeden Tag aus neue drastisch vor Augen!
Umso
wichtiger ist es, die sozialen und ökonomischen Transformationsprozesse nicht
nur "globalpolitisch" wie unsere regierungsamtlichen
"Generalisten" zu klassifizieren und zu kategorisieren, sondern
sensibel und wachen Sinnes die historischen und sozialen Determinanten
aufzuspüren, die Prozeßhaftigkeit der Umwandlungen zu begreifen und
Konfliktpotentiale zu erkennen, ehe sie sich in Aggression und Krieg
entladen. Umso wichtiger ist für uns der bewußte interkulturelle
Ansatz und die Verpflichtung gegenüber den völkerverbindenden Zielen der
UNESCO.
Polen
ist seit langem Schwerpunktthema dieser Bemühungen unserer Schule. Um das Bild
auszuweiten, zu differenzieren und die Vielfältigkeit der Problemlagen
und Transformationen besser verstehen zu lernen, führen wir seit vielen Jahren
vor allem mit Leistungskursen des Faches Gemeinschaftskunde Studienfahrten
nach Ungarn durch. Dabei sind jeweils umfangreiche Exkursionsberichte entstanden
und der Schulöffentlichkeit zugänglich gemacht worden, die die Entwicklung
in diesem Lande schrittweise verdeutlichen. Auch in Zukunft werden wird die
spannenden Entwicklungen in Ungarn zum Anlaß weiterer Studienfahrten
machen.
In
diesem Zusammenhang ist es jedoch wichtig, daß auch von Lehrerseite her Neues
wahrgenommen und fachlich aufgearbeitet wird: vor dem Lehren steht das eigene
Lernen, umso mehr, als sich die Lage in Ungarn schneller ändert als es in der
Fachliteratur nachgewiesen wird. Der persönliche Kontakt und die konkrete
Erfahrung im Lande selbst sind daher für eine sinnvolle Vorbereitung weiterer
Studienfahrten von großer Bedeutung.
Im
Herbst 1991 bot sich dem Verfasser und dem Kollegen Lothar Nettelmann die Chance
zur Teilnahme an einer wirtschaftsgeographischen Tagung der Universität
Budapest, die von unserem alten Freund und Kollegen, dem Leiter des wirtschaftsgeographischen
Institutes der Eötvös-Lorand-Universität, Prof. Antal Zoltán, zum fünfzigjährigen
Bestehen des Lehrstuhles mit Gästen und Referenten aus Ungarn und Deutschland
organisiert worden war. Neben Tagungsbeiträgen in mehreren thematischen
Sektionen, die in der Universität großen Zuspruch fanden und zu denen wir
jeweils auch ein Referat beitrugen, wurde für die deutschen Gäste, einem
exklusiven Kreis von zehn Personen vor allem aus dem universitären
Bereich, eine intensive und bestens fachlich betreute geographische Exkursion
durch Nordungarn angeboten, bei der das von Krisen heimgesuchte alte nordungarische
Industriegebiet mit seiner Hütten- und Schwerindustrie in Ózd und Miskolc, der
Glasindustrie in Salgótarján und der Aluminiumindustrie in Apc als
differenziertes Beispiel für die sozioökonomischen, politischen und wirtschaftsgeographischen
Determinanten der wirtschaftlichen Strukturtransformation und der
Charakteristiken der Krisendynamik dienen konnte.
Gerade
die gedrängte Folge von Firmen- und Branchenbeispielen ließen die Regelhaftigkeit
des Krisenverlaufes, die strukturelle Vergleichbarkeit der Krisenursachen
und andererseits die Differenziertheit möglicher Krisenlösungsstrategien sehr
deutlich hervortreten. Die glänzende Exkursionsdidaktik, die wir Prof. Antal zu
verdanken hatten, machte diese Exkursion für uns zu einer der aufschlußreichsten
Gelegenheiten, auch die strukturellen und zeitgeschichtlichen Grundlagen des
Zusammenbruchs der "real existierenden sozialistischen Wirtschaftsordnung"
und der Probleme des Übergangs zu einer neuen, an marktwirtschaftlichen
Modellen orientierten Wirtschaft deutlicher zu erkennen und von politischen Phrasen
zu entkleiden.
Die
Exkursionsergebnisse waren so aufschlußreich, daß wir uns entschlossen haben,
die Notizen, die der Verfasser während dieser Veranstaltung gemacht hat, neu zu
sichten und redaktionell lesbar zu machen, um sie auch anderen an Ungarn und
an den Transformationsprozessen in Ost- und Südosteuropa interessierten
Kolleginnen und Kollegen oder Schülern zugänglich zu machen und damit in den
Schulalltag der Bismarckschule rückwirken zu lassen. Dabei kann uns der UNESCO-Club
der UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., durch die Aufnahme
des Berichtes in seine Schriftenreihe helfen, da wir glauben, daß gerade auch
die Mitglieder des UNESCO-Clubs besonderes Interesse an diesen Ergebnissen,
die ja letztlich Ausfluß der UNESCO-Arbeit unserer Schule sind, haben können.
Gleichzeitig wird damit der Sinn einer durch Schulleitung und Bezirksregierung
unterstützten und genehmigten Veranstaltung während der regulären
Unterrichtszeit erfüllt, daß Fortbildungsveranstaltungen nicht nur der individuellen
Qualifikation dienen sondern positive Wirkungen auf den Fachunterricht und
die pädagogische Arbeit der Schule nach sich ziehen sollen. In diesem Sinn
sollen die nachfolgenden Exkursionsaufzeichnungen Anregungen und Informationen
vermitteln und die nächste Ungarn-Studienfahrt vorbereiten helfen.
Exkursionen
2.9.91, Montag
Tatabánya
- Tata - Vértesszls [Fundort eines Urmenschen] - Travertinterrassen und Steinbrüche - Weingut - Jurakalksteinbruch
Tardosbánya - Esztergom [Basilika] - Donautal bei Visegrád, Antezendenz,
Probleme des Baustops am Wasserkraftwerk Gabcikovo/Nagymaros
Die
Bergwerks- und Steinbruchregion nordwestlich von Budapest
Der erste Exkursionstag galt dem Hügel- und Gebirgsland
nordwestlich der Hauptstadt Budapest. Der westliche, rechts der Donau gelegene
Teil der Millionenstadt, Buda, liegt auf dem Hügelzug der Budaer Berge (Budai
Hegyek) mit dem Gellertberg, dem Burgberg und dem Rosenhügel. Die Budaer
Berge sind jedoch Teil und Ausläufer eines größeren Gebirgszuges, der sich
westlich und nördlich um Budapest schmiegt und zwischen Esztergom und Visegrád
im sogenannten "Donauknie" in einem epigenetisch-antezendenten
Taldurchbruch von der Donau durchflossen wird, die damit die Verbindung
zwischen der "Kleinen Tiefebene" (Kisalföld) an der österreichisch-ungarisch-tschechoslowakischen
Grenze, die sich im Süden zum Neusiedler See hinzieht, und der Großen
Ungarischen Tiefebene (Alföld) südlich und östlich von Budapest
herstellt.
Östlich
der Donau zieht sich der Gebirgszug mit Cserhát, Mátra und Bükk als Ungarisches
Mittelgebirge hin zum Karpartenbogen östlich des heutigen ungarischen
Staatsgebietes (Siebenbürgen, Rumänien). Das nördlich von Mátra und Bükk
gelegene alte Industriegebiet an der slowakischen Grenze um Salgótarján, Ózd
und Miskolc wird Gegenstand der folgenden Exkursionstage sein.
Die
geologische Geschichte dieses Gebirges ist detailliert und vielschichtig und
kann hier nur in Hinblick auf die heutigen Lebens- und Nutzungsverhältnisse
angedeutet werden. Wichtig für die Wirtschaftsgeschichte Ungarns waren vor
allem die Braunkohlevorkommen aus dem Tertiär sowie die mächtigen Travertinablagerungen,
die im Zusammenhang mit der Hydrologie des Gebietes erklärt werden müssen.
Der Quellreichtum förderte zudem die Besiedlung und landwirtschaftliche
Nutzung seit vorgeschichtlicher Zeit und die juvenilen, z.T. leicht radioaktiven
vulkanischen Mineralquellen sind in vielen Orten am Rande des Ungarischen
Mittelgebirges einschließlich Budapests selbst seit der Antike Grundlage für
Heilbäder und Badeurlaub.
Der
Gebirgsstock stammt in seinem Kern aus dem Trias. Die tertiären Schollenbewegungen
zerbrechen das Gebirge mit deutlichen tektonischen Bruchlinien in einzelne
Horste - auch der Donaudurchbruch folgt einer solchen tektonischen Linie - und
aktiviert vulkanische Tiefenbewegungen. Im Miozän und Oligozän lagert das
Pannonische Meer mächtige Kalksedimente ab. Den sattelförmigen Verformungen
der Kalke folgt der Grundwasserspiegel, so daß in Talanschnitten in verschiedenen
höher gelegenen Quellhorizonten mineralreiches Wasser austritt und im Laufe der
Zeit mächtige Sinterterrassen ablagerte.
Solche
am Hang gelegenen Sinterterrassen an Quellen wurden zu Lagerstätten und Lebensräumen
von steinzeitlichen Urmenschen, deren Knochen und Artefakte in der Gegend von
Tata gefunden worden sind. Der Paläontologe Prof. Dr. Vértes László
untersuchte eine nach ihm benannte Fundstelle, Vértesszölös, wo auf einer Travertinterrasse
aus dem Günz-Mindel-Interglazial in mehreren Fundschichten zwischen
mindestens 350.000 bis etwa 50.000 Jahren vor unserer Zeit die vorzeitliche
Entwicklung des Menschen beobachtet werden kann. Die ältesten Knochenfunde
sind damit etwa 100.000 Jahre jünger als der Homo Heidelbergensis. Die wichtigsten
Funde wurden in den sechziger und siebziger Jahren gemacht. Interessant sind
dabei auch die versteinerten tierischen und urmenschlichen Fußspuren um
eine Wasserstelle herum, die heute im paläontologischen Freilichtmuseum
von Vértesszölös besichtigt werden können.
Auch
der Kurort Tata verdankt seine Entwicklung den Heil- und Karstquellen am Rande
des Hügellandes. Ein Sommerschlößchen der Grafen Eszterházy ist heute
Ausflugslokal in einer großen Parkanlage am Ufer eines künstlichen Sees, der
von den Karstquellen gespeist wird. Der Bergbau im benachbarten Tatabánya hat
jedoch im Laufe der Jahre zu einer beträchtlichen Grundwasserabsenkung geführt,
die z.T. aus bergbaulichen Gründen durch massives Abpumpen noch verstärkt
wurde, was erheblich ökologische Schäden im Tal von Tatabánya bewirkt hat und
die meisten Quellen rund um Tata versiegen ließ.
Tatabánya,
aus drei Siedlungskernen als Bergbausiedlung zusammengewachsen, hat
heute Tata in Größe und Bedeutung überflügelt und ist Komitatssitz geworden.
Die Autobahn- und Eisenbahnachse Wien-Budapest verbindet Tatabánya günstig
mit Budapest. Entlang dieser Magistrale finden sich neuere Siedlungs- und
industrielle Wachstumskerne. Der unmittelbare Einfluß der Konurbation Budapest
läßt sich bis etwa Budaörs feststellen. Dieser ehemals von deutschstämmigen
Donau-Schwaben besiedelte Ort hat sich vor allem auf Gemüse- und Obstproduktion
für den Budapester Markt spezialisiert. Seit dem letzten Jahrhundert wird an
den Hängen auch Wein angebaut. In letzter Zeit spielt die intensive Schweinemast
eine größer werdende Rolle. Auf umgelagerten Lößlehmböden werden heute
ca.-45-% der LNF mit Futterpflanzen bestellt. Auch hier spielt die Nähe des
Budapester Absatzmarktes eine entscheidende Rolle. Jüngere Wandlungen des
Ortsbildes verursachen flächenintensive Gewerbeansiedlungen, Großmärkte und
Lagerhallen, die aus dem Großraum Budapest an die Peripherie der Konurbation
wandern.
Der
Bergbau von Tatabánya geht, nachdem 35-40-% der Braunkohlenvorkommen
abgebaut sind und die hydrologischen Folgeschäden einen weiteren Eingriff in
den Grundwasserhaushalt verbieten, seinem Ende entgegen, vor allem da sogar Auswirkungen
auf die Trinkwasserversorgung von Budapest befürchtet werden. Die Schließung
der Bergwerke und der Zementfabrik haben die Arbeitslosigkeit in Tatabánya
anwachsen lassen. Der Maschinenbau in Zweigwerken Budapester Firmen beschäftigt
Ende 1991 noch ca. 6000 Arbeiter, doch bedroht die allgemeine Wirtschaftskrise
auch diesen Wirtschaftszweig.
Interessant
sind schließlich norwestlich von Tata die ausgeprägten, mächtigen Travertinterrassen,
die sich von einem quellenreichen Gebirgssporn aus in westlicher Richtung in
das Donautal erstrecken. Die Travertinterrassen entstanden in den feuchteren
Perioden seit Ende des Tertiär vor allem im Frühpleistozän. Ausgehend von
teritären Kalkplatten, die zur Donau hin verworfen sind, finden sich außer spärlichen
Resten spättertiären Travertins sieben pleistozäne Travertinterrassen
mit Bankmächtigkeiten von teilweise über zwanzig Metern. Zwischengelagert
sind Löß-, Lehm- und Sandschichten aus den fossilen Talböden der Donau.
Der
Abbau des Travertins, der ein exellentes Baumaterial ist, erfolgt seit der Römerzeit.
Die auf äußere Repräsentation bedachte Ausbauphase der ungarischen Städte
von Budapest bis Esztergom nutzte diesen Travertin zusammen mit den in der Nähe
abgebauten lachsroten Sandsteinen von Tardosbánya für ihre Großbauwerke.
Die farbliche Harmonie der städtebaulichen Ensembles ist vor allem auf dieses
einheitliche Baumaterial zurückzuführen, dem wir am gleichen Tage noch bei der
Dombasilika von Esztergom wieder begegnen werden.
Doch
sollte schon hier auf einen weiteren wertvollen Rohstoff hingewiesen werden,
der im Westen der Dunazug-Hügel zwischen Tatabánya und dem Donautal abgebaut
wird: dem der Aluminiumproduktion zugrunde liegenden Bauxit (Tonerde). Die
Aluminiumgewinnung und -verarbeitung spielt für die ungarische Wirtschaft
eine positive Rolle, wie wir im Zusammenhang mit der Aluminiumgießerei Apc noch
erläutern werden. Doch die Energiearmut des Landes macht eine Verarbeitung
in Ungarn problematisch. In den letzten Jahrzehnten behalf man sich im Rahmen
der RGW-Kooperation damit, Die Tonerde zur Elektolyse in die Sowjetunion zu
transportieren und die Rohaluminiumbarren zu reimportieren. Dieser Verarbeitungs(um-)weg
ist durch den Zusammenbruch des RGW und die Wirtschaftskrise in Rußland
heute abgebrochen. Ein gangbarer neuer Weg ist noch nicht gefunden; für eine
Energie-(Strom-)einfuhr fehlen Ungarn die Devisen, so daß die
Aluminiumindustrie in eine existenzielle Krise geraten ist.
Der
ursprünglich geplante Ausweg aus der Energiekrise durch den Bau des Donaukraftwerkes
Nagymaros wurde aus Gründen des Umweltschutzes aufgegeben, während die
tschechoslowakische Kraftwerkstaustufe von Gabcikovo gerade jetzt Anfang
Juli 1992 in Betrieb genommen wurde. Der Verdacht, daß neben ökologischen
Gründen auch Fragen der politischen Akzeptanz und der akute Devisenmangel
des Landes für die Baueinstellung von Nagymaros eine Rolle gespielt haben,
ist zwar nicht von der Hand zu weisen, doch bleibt das Ergebnis bestehen,
wie wir bei Visegrád selbst sehen konnten, daß auf ungarischer Seite der internationale
Bauvertrag storniert wurde und eventuell sogar noch Konventionalstrafen
an die österreichischen und tschechischen Partner fällig werden. Die in Ungarn
erzeugte elektrische Energie reicht heute keineswegs, die wirtschaftliche
Entwicklung zu sichern; Devisen für den Stromzukauf sind ebenfalls nicht vorhanden:
für Ungarn bleibt nur die Hoffnung auf ein Wunder - eine typisch ungarische
Hoffnung!
3.9.91, Dienstag
Konferenztag
in Budapest
4.9.91, Mittwoch
Konurbation
von Budapest - Apc [Leichtmetallgießerei] - Hollók [Dorfmuseum] - Salgótarján
[Glasfabrik und ungarisch-japanische Glaswollenfabrik] - Ózd
Konurbation Budapest:
Über die Entwicklung der Stadt und Stadtregion Budapest wäre
an anderer Stelle Eingehenderes auszuführen. Budapest ist ein Thema für
sich. In unserer Untersuchung der nordungarischen Kultur- und
Industrielandschaft mit ihrem Schwerpunkt, die ökonomische
Transformationskrise in einem ehemaligen RGW-Land am regionalen Beispiel
darzustellen, um damit zu allgemeineren Einsichten über ökonomische
Entwicklungsprozesse und die dabei zu beobachtende Krisendynamik zu
gelangen, spielt Budapest nur als Entwicklungspol und in das Umland hinein
wachsende Agglomeration ein Rolle. Dieser Aspekt kann mit einigen wenigen
Daten umrissen werden:
1950
vergrößert sich Budapest durch Eingemeindungen von 14 auf 22 Stadtbezirke;
doch die gravierenden Infrastrukturprobleme vergrößern sich weiter, und bis
1988
wächst die Agglomeration über diese Grenzen weit hinaus. Nebenzentren
bilden sich an den Metró-Endstationen und HÉV-(Vorortbahn-)Stationen.
200.000 Pendler benutzen täglich vor allem die öffentlichen
Verkehrsmittel nach Budapest, deren Zahl in der Wirtschaftskrise etwas zurückgegangen
ist; andererseits wächst der individuelle Motorisierungsgrad, so daß es
zu einer chronischen Überlastung der Einfallstraßen kommt. Die
Wirtschaftskrise mit dem Ende der sozialistischen Staatsordnung bremst den
Wachstumsprozeß der Stadt kaum; ihre ökonomische Dominanz wird eher noch
stärker. Doch kommen zu den strukturellen nun auch die sozialen Krisenerscheinungen
hinzu.
1990
gibt es ca. 20.000-Arbeitslose in Budapest mit wachsender Tendenz. Vor
allem liegt das an der Krise der Großbetriebe (Csepel, Ikarus), die auf die Zulieferbetriebe
in der Provinz ausstrahlt. Das Ende des RGW bringt z.B. der Autobusfabrik Ikarus
den Konkurs. Dadurch, daß Budapester Firmen in der Provinz Filialen gegründet
haben, Ikarus z.B. vier Zweigwerke, verlagert sich die Krise in die Provinz.
Westlich
der Konurbation Budapest gelangen wir im Vorland der ungarischen Mittelgebirge
in einen traditionelle Agrarraum, in dem sich entlang der Verkehrslinie
nach Osten in Richtung Miskolc, Debrecen und der Ukraine erste industrielle
Wachstumszentren gebildet haben. Ausläufer des nordungarischen Hügellandes
südlich von Mátra und Bükk (Küstenbildungen des Pannonischen Meeres Ende
des Tertiär). Am Nordrand der ungarischen Tiefebene (Alföld) bei Hatvan werden
auf Tschjernosom-Böden (Schwarzerde) intensiv Zuckerrüben, Mais und To-maten
angebaut. In Hatvan befindet sich eine Zuckerfabrik und Konservenindustrie.
Gödöllbesitzt eine Agraruniversität. Im
Tal der Zagyva sind dagegen weniger fruchtbare braune Waldböden und Flußablagerungen
(Alluvione) zu finden.
Das Zagyva-Tal und die Ausläufer des
Cserhát
Das westlich anschließende Cserhát-Hügelland ist im
Verlauf des Zagyva-Tales durch eine tektonische Bruchzone vom vulkanischen Block
des Mátra getrennt. Die Andesitvorkommen im östlichen Cserhát gehören
genetisch noch zum Mátra-Vulkan aus dem Miozän bis Oligozän. Die Bruchzone
erscheint als "tektonisches Becken" und wird als "Brücke des Mátra"
bezeichnet. Das Gebiet ist dicht bewaldet; bis in 500 m Höhe finden sich
Eichenwälder, bis ca. 900 m Mischwald. In dieser abgelegenen Gegend hat sich
ein altes nicht-magyarisches Volkstum an der Grenze zur Slowakei erhalten. Der
periphere Agrarraum war gekennzeichnet durch Abgeschiedenheit und Armut. Inzucht
und Debilität waren häufig. Andererseits haben sich hier Volksbräuche
und Volkstrachten erhalten, die für die Volkskunde wichtig sind. Das sorgfältig
restaurierte Dorf Hollókwird als Museumsdorf im
Rahmen des UNESCO-Projektes "kulturelles Welterbe" erhalten. Das Straßendorf
besteht aus Holzhäusern, die mit tschechischen Holzschindeln gedeckt und mit
kunstvollen Giebelmustern und Schnitzereien geschmückt sind. Auf einer randlichen Kuppe - einem herauspräparierten vulkanischen Andesitgang - befindet
sich die Ruine einer Burg, die ehemals zur Sicherung gegen slowakische Autonomiebestrebungen
errichtet worden war.
Die
günstige Verkehrslage an der Hauptstraße von Budapest nach Miskolc ermöglicht
Ansätze von Industrie- und Gewerbeansiedlung, obwohl die Landwirtschaft
noch dominiert. Von Hatvan aus nach Norden im Tal der Zagyva führt die Straßen-
und Eisenbahnverbindung nach Salgótarján und in das nordungarische Industrierevier.
Die Infrastruktur ist jedoch noch wenig entwickelt und von mangelnder
Leistungsfähigkeit. Das Elektrozählerwerk von Gödöllist heute ein »joint-venture«-Betrieb.
Dieser Betriebsform, bei der ausländische Investoren gemeinsam mit
ungarischen Unternehmen (in Privat- wie auch in Staatsbesitz) gemeinsame
Firmen gründen oder bestehende in Kapitalgesellschaften der Rechtsformen
GmbH oder AG umwandeln, werden wir noch mehrfach begegnen. Sie ist für die
Ungarische Wirtschaft in der Systemtransformation typisch geworden und funktioniert
hier deutlich besser als z.B. in Polen. Der ausländische Investor kann dabei
eine qualifizierte Mehrheit am Betrieb halten. Die Grundlage legten die neuen
Wirtschaftsgesetze, die einen freien Waren- und Arbeitsmarkt sichern und auch
den Kapitalmarkt schon weitgehend liberalisiert haben. Der ungarische Forint
wird schrittweise konvertibel gemacht und bisherige Geldmarkteinschränkungen
und Kontrollen fallen nach und nach. In der Zusammenarbeit mit internationalen
Investoren sieht Ungarn eine Chance, den extremen Kapitalmangel zu beheben
und durch Investitionen Anschluß an die Weltmarktentwicklung zu erhalten.
Daß damit auch die politischen und sozialen Probleme des marktwirtschaftlichen
Kapitalismus in Ungarn Eingang finden, zeigt sich sehr deutlich und ist auch in
Ungarn mit Sorge erkannt worden. Doch scheint nach dem Zusammenbruch des
RGW und des östlichen Marktes der ungarischen Industrie und angesichts der
politischen Liberalisierungsbestrebungen der Ungarn selbst kein Weg an dieser
Systemtransformation vorbei zu gehen.
Der
größte »joint venture« ist heute der Elektro-Konzern Tungsram an dem sich
General Electric beteiligt hat. Sogar ehemalige Rüstungsbetriebe werden vom ungarischen
Staat privatisiert und in joint ventures eingebracht, wie z.B. die Elektro-Werke
von Székesfehérvár (Laser, Radar, CD-Speicher). Auch die traditionsreiche
Waggonfabrik Ganz ist verkauft worden und betreibt im Verbund mit einer
englischen Firma weiter Waggonbau. Die größte Kommunalbusfabrik der Welt,
Ikarus, sollte in ein internationales »joint venture« eingebracht werden. Eine
private russische Beteiligung scheint jedoch nicht seriös und eher auf das Ausplündern
der Firmenanlagen gerichtet zu sein. Eine Firmenliquidation liegt im Bereich
des Möglichen. Die Firma hat 1991 Konkurs angemeldet und ihre Produktion
eingestellt, was, wie wir sehen werden, negative Auswirkungen auf eine große
Zahl von Zuliefererbetrieben hat.
Die
Privatisierung im Dienstleistungs- und Infrastrukturbereich ist zwar ebenfalls
angestrebt, ist jedoch wegen mangelnder Gewinnaussichten problematischer.
Besondere "Altlasten" sind durch den Abzug der sowjetischen Truppen
aus Ungarn entstanden. Auf den Militärflughäfen z.B. wurden zwar die technischen
Einrichtungen demontiert. Die großen Flächen der Truppenübungsplätze, Kasernen
und Flughafeneinrichtungen wurden jedoch nicht in einen gebrauchsfähigen
Zustand zurückversetzt. Vor einem Umbau zu Privatflughäfen und der zivilen
Nutzung sonstiger ehemals sowjetischer Militärflächen sind tiefgreifende Umweltverschmutzungen
zu beseitigen. Für das ohnehin stark reduzierte ungarische Militär sind
diese vor allem strategisch gegen Westen gerichteten Anlagen ohnehin nicht zu
nutzen und in der neuen weltpolitischen Lage funktionslos geworden. Auch
diese Flächen sollen wieder industriell in Wert gesetzt werden, wobei man
auch hier auf internationales Kapital hofft.
Das
Hauptproblem ist jedoch, daß parallel zur Firmensanierung der einzelnen »joint
ventures« umfassende Strukturinvestitionen in der ungarischen Volkswirtschaft
notwendig sind, um einen integrierten Binnenmarkt aufzubauen. Investoren
brauchen dabei "einen langen Atem" und können kaum mit einer kurzfristigen
Rendite rechnen, was Investitionen in Ungarn vor allem für internationale Großkonzerne
mit langfristigen Marktperspektiven interessant macht - mit allen damit
verbundenen politischen Problemen. General Electric, Suzuki und Quelle/Schickedanz
sind Beispiele für in Ungarn besonders aktive Investoren. Gerade Japan hat
die langfristigen Chancen des Standortes Ungarn für einen zukünftigen
großeuropäischen Markt unter Einschluß von EG und dem ehemaligen RGW-Bereich
erkannt und ist mit vielfältigen Investitionen auf dem ungarischen Kapitalmarkt
präsent.
Aluminium-Gießerei
Apc:
Die Betrieb »QUALITAL« nördlich von Hatvan ist die
bislang größte Aluminium-Gießerei Ungarns mit einem Produktionsvolumen
von 22-25.000-t legierten Aluminiumblöcken und 2500-t Fertigguß aus der
Formgießerei. Kleinere Betriebsteile fertigen Schweißpulver für die
Schienenschweißerei und zum Schweißen von Betoneisen sowie
Magnesium-Verbindungen als Korrosionsschutz z.B. für Heißwasserbehälter.
Das Magnesium muß importiert werden. Abnehmer für die Teilefertigung war
bisher vor allem die Automobilindustrie, wie Ikarus oder Rába/Györ.
Der
Betriebsleiter Szabó Imre berichtet, daß das Werk vor dem Zweiten Weltkrieg
als privater Betrieb der Eisenmetallurgie gegründet worden ist. Eine Halle, die
1940 von der Fa. Mannesmann errichtet wurde, wird heute noch genutzt. Die Produktion
konnte erst nach dem Krieg aufgenommen werden. Einige Jahre lang unmittelbar
nach dem Krieg konnte die Halle nur als Lager genutzt werden. Im Wirtschaftsplan
1947-48 wurde der Betrieb fertiggestellt. In einem Kontrakt mit der BRD wurde
wiederum Mannesmann mit der Fertigstellung beauftragt; gleichzeitig wurde
bei Ózd ein kleineres Röhrenwerk für längsgeschweißte Röhren aufgebaut.
Die Anlagen aus Apc wurden dann aber auf die Csepel-Insel in Budapest verbracht.
Nach kurzem Leerstand der Anlage wurde Mitte der 60er-Jahre eine Gießerei
der Csepel-Werke aus Budapest hierher verlegt.
Es
erfolgte eine Umstellung zu einer Gießerei von Aluminium-Schrott. Nach dem Bau
von zwei neuen Hallen konnten 1400-1500 Arbeiter beschäftigt werden. Mitte der
80er-Jahre begann eine Umstrukturierung, die mit einer Loslösung von der
Mutterfirma Csepel verbunden war. Der Betrieb wurde zunächst der Außenhandelsorganisation
"Metalloglobus" zugeordnet, später aber ganz selbständig.
Die
Firmengeschichte zeigt sehr deutlich die problematische Standortsituation, die
von sich aus wenig positive Standortbedingungen zu bieten hat und daher wechselnde,
von der jeweiligen Firmenpolitik gesteuerte Nutzungen nach sich zog. Diese starke
Abhängigkeit von wirtschaftlichen Entwicklungen, die in Budapest oder sogar
vom Weltmarkt aus gesteuert und lokal kaum zu beeinflussen sind, ist ein typisches
Merkmal eines peripheren Wirtschaftsraumes, wie er sich uns in Nordungarn
darstellt.
Die
heutige Firmenstruktur umfaßt mehrere unabhängige GmbHs, an denen z.T. ausländisches
Kapital (z.B. aus Österreich) in Form von joint ventures beteiligt ist. Am
Gesamtbetrieb ist die ungarische Handelsorganisation MINERALIMPEX mit 30-%
Hauptaktionär, doch die österreichische Beteiligung soll mit der Zeit bis zu
51-% Mehrheit erhalten.
Die
Daten zur Produktion 1991 zeigen einen typischen Krisenverlauf: Der bisherige
Exportanteil von 35-% steigert sich durch die Krise des bisherigen Hauptabnehmers
Ikarus, für den bisher ist noch kein Ersatz gefunden ist, auf ca. 70-% bei
Fertigteilen mit Abnehmern in Österreich, Deutschland, Italien und England
bei gleichzeitigem starken Rückgang der Gesamtproduktion. Aluminiumblöcke gehen
nach Japan. Durch die geringere Gesamtproduktion in der Wirtschaftskrise können
nur noch ca.-1/3 der Produktionskapazitäten genutzt werden. Positiv ist jedoch
der vergrößerte Außenhandelsanteil aus betrieblicher Sicht in Hinblick auf
die eingenommenen Devisen, über die der Betrieb heute selbst verfügen kann.
Aber die Verkaufspreise für Aluminiumfertigprodukte werden auf dem Weltmarkt immer
niedriger. 1991 war der Ankaufspreis für Aluminium-Schrott mit 80-ft./kg höher
als der Verkaufserlös für verarbeitetes Aluminium mit 65-ft./kg. Inländische
Abnehmer und Kunden aus dem ehemalige RGW-Bereich waren zudem nicht zahlungsfähig.
Bankkredite sind nur noch für gesicherte Exporte in Hartwährungsländer
zu erhalten, während die inländische Produktion keine ausreichende Sicherheit
mehr bietet.
Ein
weiteres Hauptproblem liegt in der Rohstoffversorgung. Bisher wurde neben 60-%
Aluminium-Schrott aus Ungarn vor allem 40-% Primär-Aluminium aus der
Sowjetunion verarbeitet, was zur Qualitätssicherung notwendig ist. 1990 wurden
aber nur noch 2000-t Primär-Aluminium aus der Sowjetunion importiert, 1991 wurde
die Lieferung ganz eingestellt, so daß nur noch die eigenen Vorräte aufgebraucht
werden konnten. Der Betrieb ist dadurch in eine ernste Krise geraten. Das
Abkommen mit der UdSSR ist wirkungslos geworden, daher besteht Rohstoffmangel.
Das im nördlichen Donautal geförderte Bauxit (Tonerde) wurde wegen des ungarischen
Energiemangels bisher in die Sowjetunion, z.T. ins Donbas, transportiert,
dort elektrolytisch verarbeitet und als Rohaluminium zur Weiterverarbeitung
nach Ungarn zurück gebracht. Dieser unökonomische Transportaufwand war nur
durch die RGW-Rohstoffpreis-Verrechnung möglich. Auf Devisenbasis ist er nicht
mehr realisierbar. Ungarn ist daher derzeit auf die Wiederverarbeitung von Alt-Aluminium,
das z.T. eingeführt werden muß, angewiesen. Das gleiche gilt in der Stahlverarbeitung,
wo die Rohstahlimporte aus der UdSSR ausgefallen sind und nur noch Schrott
aufgeschmolzen werden kann (siehe Ózd). Bislang wurden 16.000-t reines
Aluminium pro Jahr aus der Sowjetunion geliefert, die jetzt durch Aluminium-Schrott
minderen Reinheitsgrades ersetzt werden müssen, was Produktionsprobleme
ergibt.
Die
Folge ist ein Personalabbau um 500 Beschäftigte auf jetzt ca. 1000 Beschäftigte,
wobei durch Betriebsvereinbarungen und Renten versucht wurde, diese Maßnahme
sozial verträglich zu gestalten. Das hat Folgen für die ganze Region, da die
Beschäftigten der Gießerei aus einem Umkreis von ca. 30 km einpendeln. Die
minimalen Einnahmen im ersten Halbjahr 1991 zogen Finanzierungsprobleme
und erhöhte Verschuldung nach sich.
Wie
sieht die Zukunft der Aluminium-Industrie in Ungarn aus? Es muß eine durchgreifende
Modernisierung erfolgen. Nur mit bester Qualität ist auf dem Weltmarkt zu
bestehen. Seit 1-½-Jahren ist eine neue unabhängige Qualitätskontrolle
eingerichtet worden, deren Maßstäbe sich an westlichen Standards orientieren.
Andererseits ist bei dem erfahrungsgemäß stark schwankenden Preisindex für
Aluminium-Produkte auf dem Weltmarkt der derzeitige Tiefstand wohl bald überwunden,
so daß wieder bessere Preise erzielt werden können. Dabei sind aber auch günstigere
Zollregelungen für den Handel mit den EG-Ländern erforderlich.
Salgótarján:
Salgótarján ist ein alter Industrieort, dessen Ursprünge
in Verbindung mit der böhmisch-slowakischen Glasbläserei zu sehen sind. Auf
der Basis von Holzkohle aus den umliegenden Wäldern und einem
Braunkohlevorkommen findet sich hier im 19. Jh. auch eine frühe Erzverhüttung,
die auf Roheisen aus der nördlichen Slowakei zurückgreifen konnte. Wir
finden hier einen der ältesten Standorte der ungarischen Stahlindustrie.
1871 begann die Walzstahlherstellung. Um 1890 geht das Stahl- und Walzwerk nach
Ózd, wo es günstigere Standortbedingungen findet; dort befindet sich seit
1890 der Sitz und Produktionsschwerpunkt der Aktiengesellschaft. In Salgótarján
verbleibt noch ein Kaltwalzwerk zur Draht- und Stahlbandherstellung.
Die
metallverarbeitende Industrie konnte sich an diesem peripheren Standort letztlich
nicht halten. Als Reste der metallverabeitenden Industrie findet sich in Salgótarján
noch eine Eisengießerei, in deren Elektroöfen spezielle Silizium-Eisen-, Molybdän-
und Wolframstahl-Legierungen erzeugt werden. Dabei wird für relativ kleine
Produktionsmengen ein hoher Energieaufwand benötigt. Schon Ende des 19.
Jahrhunderts wurde die Braunkohle zu Generatorgas verarbeitet. In den 60er-Jahren
wurde Salgótarján durch eine Pipeline an die Erdgasversorgung aus dem Alföld
angeschlossen. Das Braunkohlekraftwerk arbeitet heute ausschließlich als
Heizkraftwerk, während die Industrie das Erdgas nutzt.
Die
günstige Energieversorgung förderte aber vor allem die Entwicklung der
Glasindustrie, die auf eine ältere Glasbläserei und Glasflaschenfabrik zurückzuführen
ist. Veraltete Technologien förderten bis vor Kurzem jedoch die Energieverschwendung.
Für qualitativ anspruchsvolle Gläser muß heute zudem Sand aus der Region
Szekesfehérvár transportiert werden. Der Standort ist durch seine abgelegene
Lage belastet und von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung teilweise abgekoppelt,
der ehemalige Rohstoffvorteil ist verloren gegangen, seitdem auch die Energie
herangeführt werden muß.
Zwei
ökonomisch verwandte, aus der gleichen industriellen Wurzel entwickelte Betriebe
bestimmen heute das wirtschaftliche Bild Salgótarjáns: die Flachglasfabrik
und die ungarisch-japanische Glaswollefabrik. Der Firmensekretär der Glasfabrik
erläutert die ökonomische Entwicklung des Werkes und des Standortes: Die
heutige Firma wurde 1893 gegründet und spezialisierte sich später auf die Erzeugung
von Fahrzeugglas. In Ungarn gibt es derzeit zwölf Glashütten mit spezialisierten
Produktionsprofilen. 1990 erzielte der Betrieb einen Umsatz von 1,5-Mrd.-ft.
Durch den Zusammenbruch der Exportverbindungen in die ehemalige Sowjetunion
1990/91 ist der Betrieb in eine existentielle Krise geraten.
Der
Zusammenbruch des RGW stellt Herausforderungen an die Produktionsqualität.
Bislang wurde billiges, qualitativ geringwertigeres Glas und Glas zweiter Wahl
in die RGW-Länder exportiert. Dieser Markt ist nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig
ist der Abnehmer Ikarus, der bisher mit ca. 1,5 von 2-Mrd.-ft. am Betriebsergebnis
beteiligt war und große Serien standardisierter Automobilgläser abnahm,
ausgefallen, so daß heute wirtschaftliche Chancen nur noch in der spezialisierten
und weltmarktorientierten Hochqualitätsfertigung gesehen werden.
Die
Krise des Betriebes wurde dadurch verschärft, daß neue Technologien erst beim
Eintreten der Krise verspätet eingeführt worden sind, da nach den bisherigen
RGW-Maßstäben das Qualitätsniveau als gut eingestuft worden war. Zwar gibt es
keine besonderen restriktiven Zollschranken für den EG-Bereich, doch ist der
europäische Markt traditionell unter den großen Glasherstellern oligarchisch
aufgeteilt. Nur in eng begrenzten Marktnischen ist derzeit noch Absatz für
Flachglas erfolgreich, z.B. bei Bilderrahmengläsern. So sind Massenentlassungen
notwendig geworden, die in dem strukturschwachen Raum Salgótarján besonders
schmerzhaft sind. 1989 begann der Personalabbau um ca. 10-%. 1990/91 sank die
Zahl der Beschäftigten stufenweise von
ca.-2000 auf heute ca.-1100 zum 1.8.91. Dabei wurden den Entlassenen Abfindungen
bis zu 1-Mio.-ft. gezahlt. Im Bezirk Salgótarján gibt es heute über
10.000 Arbeitslose und kaum neue Arbeitsplätze.
Die
ökonomische Erneuerung der Firma wird aber zielstrebig durchgeführt, indem
sie als eine der ersten zwanzig Firmen in Ungarn in Form einer AG privatisiert
wurde. Gleichzeitig wird in neue Technologien investiert, und in Südostungarn
wurde am 4.9.91 ein Zweigwerk mit neuer Fertigungstechnologie eröffnet. Der
Produktionsschwerpunkt liegt heute auf Spezialgläsern zur Wärme- und Strahlungsisolierung,
industriellen Sicherheitsgläsern und der Weiterverarbeitung von Plattenglas.
Der Servicebereich wird dabei besonders ausgebaut. Die Privatisierung
hat jedoch einige Rückschläge erlitten. Zunächst gehörte der Betrieb zur
"Gruppe der 20"-Betriebe, die in Art eines Pilotprojektes mit
staatlicher Unterstützung ab Herbst 1990 bis 1992 privatisiert werden
sollten. Mit finanzieller Unterstützung sollten sie sich einer
Konzernstruktur anschließen. Dafür war auch schon ein westlicher
joint-venture-Partner gefunden. Doch entschied man sich dann aus
betriebswirtschaftlichen Gründen für eine dezentrale Privatisierung, wobei
der westliche Partner absprang und bei einem Konkurrenzunternehmen in der CSFR
investierte.
Die Raumwirksamkeit des
Krisengeschehens
Auch am Beispiel des Ortes Salgótarján kann eine deutliche
Periodisierung der ökonomischen Entwicklung aufgezeigt werden. Bis zum zweiten
Weltkrieg war der eher dörfliche Charakter des Ortes und seine geringe ökonomische
Differenzierung ein Anzeichen für eine standortfaktoren-, d.h. auch
rohstoffnahe eher kleinbetrieblich-handwerkliche Fertigung, die im Vergleich
zu Mitteleuropa frühindustrielle Züge trug. Der ökonomische Rückstand
Ungarns, durch seine politische Geschichte bedingt, prägte auch die
wirtschaftliche Struktur des nordungarischen Industrierevieres, das
zudem nach dem ersten Weltkrieg durch die neue Grenzziehung von den nördlichen
slowakischen Ergänzungsräumen abgeschnitten wurde. Nach dem Zweiten
Weltkrieg erfolgte eine zentral gesteuerte Wachstumsphase, die für Salgótarján
vor allem einen großen Absatzmarkt von Bauglas für den forcierten städtischen
Wohnungsbau bedeutete. Auch der Ort selbst erfuhr eine rapide Umgestaltung, der
die ehemals dörflichen Strukturen in den fünfziger Jahren nahezu vollständig
beseitigte und ein standardisiertes städtisches Neubaubild in
Plattenbauweise und mit synthetischem Ortszentrum (Kaufhaus, Kulturhaus,
sozialistische Massenorganisationen) erzeugte. Die Bevölkerungszahl wuchs, da
das Firmenwachstum neue Arbeitsplätze schuf. In den siebziger Jahren wurde
dann das Schwergewicht auf die Autoglasproduktion für Ikarus gelegt. Die Großinvestitionen
waren nach zwei bis drei Jahren rentabel, so daß der Betrieb mit Gewinn
arbeiten konnte. Doch wurden während dieser Zeit die Gewinne vom Staat
abgezogen und die notwendigen technologischen Innovationen und Reinvestitionen
versäumt, so daß sich die heutige Wirtschaftskrise schon hier strukturell
vorbereitete.
Der
technologische Rückstand wurde deutlich, als am westlichen Standard orientierte
neue Isoliernormen bei Fensterglas wie bei Automobilglas eingeführt wurden
und von der Firma eingehalten werden mußten. Die jetzt erfolgenden Innovationsinvestitionen
konnten schon nicht mehr aus dem Gewinn bezahlt werden, sondern führten zu
einer Verschuldung des Betriebes. Es besteht derzeit aber die Hoffnung auf den
neuen Großkunden Suzuki, der ein Montage- und Fertigungswerk für den
europäischen Markt in Ungarn gegründet hat und vertraglich verpflichtet
ist, über 50 % der Zulieferungen aus ungarischer Produktion zu nehmen, wozu
auch das Automobilglas gehören wird.
Der
Charakter der Krise
In diesem Zusammenhang ergeben sich auch grundsätzlichere
Fragen nach dem Charakter der Krise und den Reaktionen in der Bevölkerung und
bei den Arbeitnehmern. Zwar sind auf betrieblicher Ebene keine auffälligen
Verhaltensänderungen zu beobachten, doch herrscht Angst vor der
drohenden Arbeitslosigkeit. In der ärmeren Bevölkerung besteht die
Gefahr einer dauerhaften Verelendung, so daß der Konkurrenzdruck auf dem
Arbeitsmarkt größer wird. Geld wird traditionell vor allem in Immobilien
angelegt wie z.B. in Eigenheimen, die nicht kurzfristig zu liquidieren sind.
Was für die gesamte Wirtschaft Ungarns typisch ist, gilt auch für den
Einzelnen: es gibt kaum verfügbare Rücklagen und Ersparnisse. Der ökonomische
Druck erzeugt Opportunismus. Das gilt auch für die Betriebe, die sich oft
mehr als unabdingbar an politischen Rücksichtnahmen orientierten; es gab
und gibt wenig selbständige Krisenlösungskonzepte. Die notwendige
marktwirtschaftliche Risikobereitschaft wird durch mangelnde Rücklagen und
Reserven stark behindert.
Es
gilt hier wie in anderen Wirtschaftsbereichen Ungarns im längerfristigen ökonomischen
Konzept die traditionellen Märkte im Osten z.B. in den Nachfolgestaaten
der UdSSR nicht aufzugeben, wenn auch angesichts der Krise für einige Zeit
keine Wachstums- und Gewinnaussichten bestehen. Doch sind die traditionell entwickelten
Kontakte in Zukunft ein Marktvorteil gegenüber neu auf den Markt drängenden
westlichen Mitbewerbern.
Das
von der Glasfabrik kürzlich abgetrennt Glaswollewerk ist ein japanisch-ungarisches
joint venture, das unter Leitung und nach Fertigungsnormen der japanischen
Mutterfirma für den westeuropäischen Markt produziert und vor allem in
Hinblick auf den voraussichtlich bald explosiv wachsenden Wohnungsbau- und Restaurationsmarkt
in Ostdeutschland und in den osteuropäischen Partnerländern zielt. Die
ungarische Herkunft ist bei den Endprodukten oft nicht zu erkennen, die für
italienische und westdeutsche Handelsfirmen und Baumärkte unter deren Handelsmarken
auf den Markt gebracht werden. 1991 wurden die angepeilten Produktionsziele
noch nicht erreicht, doch hat der japanische Partner wohl ausreichend
finanziellen Hintergrund, um die Investition langfristig zu sichern und zu
entwickeln.
5.9.91, Donnerstag
Ózd:
Stahlwerk, Walzwerk - Miskolc-Lillafüred [Metallurgisches Museum]
- Stahl- und Hüttenkombinat Miskoc-Diósgyr - Vortrag von Herrn Csoba Tamás
[Bürgermeister von Miskolc] - Thermalquellen von Miskolc-Tapolca - Jósvaf
Die traditionellen Eisen- und Stahlwerke von
Ózd:
Seit ca. 150 Jahren existiert die Hüttenindustrie in Ózd.
Lange Zeit bestand eine enge Verbindung zu den Produktionsstandorten Salgótarján
und Miskolc. Um 1890 wird das Stahl- und Walzwerk
von Salgótarján nach Ózd verlegt, wo es günstigere
Standortbedingungen findet und wo seitdem der Sitz und Produktionsschwerpunkt
der Aktiengesellschaft ist. Der private Betrieb wird 1946 verstaatlicht und
Mitte 1990 wieder in eine AG mit ausländischer Kapitalbeteiligung umgewandelt.
Der Standort Ózd ist jedoch durch seine periphere Lage, die wenig entwickelte
Infrastruktur, die industrielle Monostruktur und die größtenteils technisch
veralteten Anlagen wenig entwicklungsfähig und in einer tiefen ökonomischen
Krise.
Nach
Angaben des technischen Vizedirektors ist das Werk eingerichtet für eine
umfassende Produktpalette der Fertigung vom Roheisen bis zu Fertigwaren. In Ózd
stehen vier Hochöfen, die aber seit Ende 1990 nicht mehr gefahren werden.
1962 wurde das Stahlwerk erneuert und modernisiert sowie ein Oxygenwerk errichtet;
1965 wird ein eigenes Energiesystem gebaut; eine Generatorenanlage zur
Eigenstromerzeugung wird in einem gemischten Erdgas-/Erdöl-System betrieben.
Parallel dazu wurden die neuen Großöfen errichtet. Seit 1973 laufen ständig
Siemens-Martin-Öfen und seit etwa 1975 wird ein spezielles Kropp-Verfahren
verwendet. In Betrieb sind ferner das Feinwalzwerk, seit 1975 das
Drahtwalzwerk und seit 1985 ein neues Schlackenverarbeitungswerk an einem neuen
Standort in der Nähe der alten aufzubereitenden Schlackenhalden. Die
wirtschaftlich erfolgreichste Zeit für den Betrieb waren die Jahre von
1975 bis 1980.
Die
starken Umweltprobleme werden durch den Einbau von Staubfiltern und die Hüttengasreinigung
vermindert. Mit modernsten Investitionen wurden in den letzten Jahren in einem
Zweigwerk am Stadtrand Produktionsstätten für Bandstahl und Schweißnahtröhren
errichtet.
Rohstoffgrundlage
war bislang staubförmiges sowjetisches Eisenerz, das bis 1972 in einem eigenen
Erzverdichter vorbereitet wurde. Dann wird die Erzvorbereitung nach
Miskolc verlagert. Überwiegend handelt es sich um Haematit, dazu kommen ca.
10 % Magnetit besserer Qualität. Von den 400-Tsd.-t Koks wurden 300-Tsd.-t aus
der Sowjetunion, aus Polen und der CSSR importiert, der Rest wurde in
Yugoslawien aus sowjetischer Kohle verkokt. Das Roheisen aus der Rußland und
der Ukraine kann seit Ausbruch der Transformationskrise nicht mehr nach den
bisherigen RGW-Modalitäten bezogen werden; nur direkte Tauschgeschäfte
sind noch möglich. Im Winter 1991/92 wurden z.B. vom Stahlwerk ungarische
Agrarprodukte aufgekauft und mit eigenen LKW nach St. Petersburg transportiert.
Im Gegenzug konnte aus Rußland Roheisen und Eisenschrott mitgenommen
werden, was zur Aufrechterhaltung der Produktion in Ózd dringend benötigt wurde.
Verhüttungszuschläge wurden bisher sowohl aus der Sowjetunion wie aus Ungarn
selbst verwendet. Die Lieferungen aus Rußland fallen heute jedoch weitgehend
aus.
Die
Energieversorgung erfolgt durch Erdgas und Elektrizität; der Betrieb unterhält
ein eigenes Oxygenwerk und erzeugt im Werk selbst Dampfenergie. Die Tendenz
geht hin zum Aufbau einer eigenen Energieversorgung. Wegen der hohen
Energiekosten in Ungarn versucht das Stahlwerk Ózd eine »Energieoptimierungref in einem geschlossenen Produktionszyklus aufzubauen.
1980
wurden mit 13.800 Beschäftigten rd. 980.000 t Roheisen verarbeitet,
1,4 Mio. t Stahl produziert und im Walzwerk über 1 Mio. t
Walzprodukte hergestellt. Neben Roheisen wird in großem Maße Schrott bei
der Stahlherstellung verwendet. Doch war die Produktionsqualität nicht
immer besonders gut und der Energieeinsatz z.T. zu hoch, wie die folgenden
Daten zeigen:
1980:
700 kg Koks für 1 t Stahl
1990:
500 kg Koks für 1 t Stahl
optimal:
400 kg Koks für 1 t Stahl nach westlichem Maßstab.
Die Produktpalette umfaßt Wandstahl, Profil- und Baustahl
in verschiedenen Abmessungen, auch Stahlplatten für den Schiffbau in Stärken
von 5 bis 360 mm. Auch Spezialprofile in vielen Formen können hergestellt
werden. Wegen des Baubooms arbeitete das Werk von 1980 bis 1986 rentabel, doch
wurden die erzielten Gewinne vom Staat einbehalten, so daß keine Rücklagen
gebildet wurden und zu der Zeit keine weiteren Reinvestitionen erfolgten.
Im
Jahr 1980 wurden ca. 50 % für den ungarischen Binnenmarkt produziert, auf
den westlichen Markt gingen ca. 300.000 t, der Rest in den
RGW-Bereich. Bis 1990 sank der Exportanteil auf ca. 30 %, nach dem
Zusammenbruch des RGW werden 78 % mit steigender Tendenz nur noch für
den ungarischen Binnenmarkt produziert bei sinkender Gesamtproduktionsmenge.
Das
Krisenszenario stellt sich für Ózd nun so dar, daß der Betrieb durch einseitige
Bindungen an Rohstofflieferungen aus der Sowjetunion und durch Einbindung in
die Absatzstrukturen des zerbrochenen RGW kaum noch auf bisherige Wirtschaftszusammenhänge
zurückgreifen kann, daß der ungarische Binnenmarkt durch die allgemeine
Wirtschaftskrise ebenfalls keinen Ersatz bietet und daß durch veraltetet
Technologien in Teilen des Betriebes und wenig rationelle Fertigungsmethoden
ein Angebot auf dem ohnehin durch Überkapazitäten gekennzeichneten
Weltmarkt weder qualitativ noch preislich erfolgsversprechend ist. Auch wenn die
lokale Energieversorgung durch die Verwendung von Hüttengas und die Erzeugung
von Dampfenergie für Generatorturbinen nach ungarischem Maßstab recht gut
ist, bestehen durch die Energiearmut des Landes und die daraus folgenden hohen
Energiekosten weitere Marktnachteile für alle energieaufwendigen
Industrien. Eine grundlegende Umstellung des Betriebes wie des Industriestandortes
Ózd ist wohl unvermeidlich. Eine staatliche Kommission sieht vor, nur noch das
Drahtwalzwerk weiter zu betreiben. Die drohende fast völlige Einstellung
des Betriebes löst jedoch nicht die ökonomischen und sozialen Strukturprobleme
des Standortes Ózd und kann zu einer zusätzlich belastenden Peripherisierung
des gesamten nordungarischen Industrierevieres mit unkalkulierbaren Sekundärfolgen
führen. Doch sieht die Situation derzeit schlimm aus. Ende 1991 war eine
Arbeitslosenquote von über 15 % zu verzeichnen; kurzfristig werden weitere
4000 bis 5000 Entlassungen erwartet. Bei einer Schließung des Betriebes würde
die Arbeitslosigkeit in der Region Ózd auf 40‑50 % steigen, denn um
das Stahlwerk herum sind weitere elf private Kapitalfirmen vom Stahlwerk abhängig.
Über
die ökonomischen Perspektiven von Ózd ist kaum etwas Positives auszusagen:
Seit Ende 1990 wird das - veraltete - Hauptwerk nur noch mit 30 bis 20 %
seiner Kapazität gefahren; die Verhüttung ist bis auf eine Schrottschmelze
aus Rohstoffmangel eingestellt, die Siemens-Martin-Öfen stehen still. Das
Draht- und Grobbandwalzwerk werden noch betrieben, das Feinbandwalzwerk wurde
firmenrechtlich als Mitarbeiter-GmbH ausgegliedert, was wohl - angesichts
einer fünfzigprozentigen staatlichen Beteiligung - eher als
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu werten ist. (Daß hier aus der Not heraus nach
dem Ende des sozialistischen Systemes erstmals ein "echter
Sozialismus" der Beschäftigten praktiziert wird, ist wohl eine ironische
Fehldeutung der Situation!) In allen Werksteilen wird "auf Verdacht"
produziert; der Einzelverkauf und der Versuch, kurzfristig auftretende
Marktlücken und Marktnischen zu besetzen, ist z.Zt. die einzige Absatzchance.
Daß dies nicht nur an der veralteten Produktionstechnologie liegt, zeigt sich
daran, daß das technisch hochmoderne Zweigwerk am Rande von Ózd im Herbst
1991 ebenfalls seine Produktion einstellen mußte. Derzeitige Sanierungspläne
gehen von einer engeren betrieblichen Verknüpfung von Ózd und dem
Stahlkombinat von Miskolc-Diósgyr aus. Die Komitatsverwaltung hat
einen Antrag auf Sanierungshilfe von 6,5 Mrd. ft für die
nordungarischen Industriestandorte gestellt, mit der Investitionen zur
Rationalisierung, Spezialisierung und Produktionseinschränkung ("Verschlankung
der Produktion") finanziert werden sollen.
Die
Stahlwerke haben heute die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, die von den
Banken mit 2 Mrd. ft finanziert worden ist. Gewinne werden nicht gemacht, der
Konkurs droht. Die anfangs zugesagte deutsche Beteiligung durch die Korff-Gruppe
wurde wegen falscher ungarischer Betriebsdaten zurückgezogen. "Nach alter
ungarischer Gewohnheit" (so der ironische Kommentar vor Ort) wurde das Betriebsergebnis
geschönt, indem der Betrieb in einzelne Firmen aufgeteilt und deren
gegenseitige wirtschaftlichen Aktivitäten als Umsatz und Gewinn herausgerechnet
wurden. Dafür wurden die kostenintensiven Bereiche der Rohstofflieferungen
und der Energieversorgung in der vorgelegten Bilanz "vergessen". Tatsächlich
wurden aber im ersten privatwirtschaftlich geführten Betriebsjahr 1 Mrd. ft
Verluste erwirtschaftet, die die Aktionäre vom Staat ersetzt bekommen wollen.
Doch ist dieses Geld im Staatshaushalt nicht vorhanden; dringender werden
zudem Gelder für Neuinvestitionen benötigt.
Längerfristig
muß Ungarn, um den Industriestandort Ózd unter marktwirtschaftlichen
Bedingungen erhalten zu können, sicher einiges an Innovationsinvestitionen
nachholen, die Fertigungsprozesse umstellen und modernisieren, und dabei von
der Hüttenindustrie zur Endproduktfertigung der metallverarbeitenden Industrie
gelangen. In der metallurgischen Phase der Produktion sind auf dem Absatzmarkt
bestenfalls 85 % der Selbstkosten zu erzielen. Trotz einer sicher länger
andauernden "Durststrecke" liegt die Perspektive von Ózd sicherlich
in dem Erhalt und dem Ausbau der traditionellen Ostmärkte, die in Zukunft
wieder eine größere Nachfrage versprechen. Dazu muß jedoch die
Rohstoffversorgung neu geregelt werden, vielleicht indem verhütteter und
legierter Rohstahl, Stahlrohlinge oder Granulate eingeführt und in Ózd
veredelt und weiterverarbeitet werden. Eine eigene ungarische Stahlindustrie
wird in Zukunft wenig Chancen haben, da im Westen und in der Dritten Welt
ohnehin ein Überangebot herrscht, in der CSFR und in Rußland rohstoffnähere
Stahlwerke - bislang staatlich hochsubventioniert - produzieren, die derzeit
noch auf dem Weltmarkt zu fast jedem Preis anbieten, vor allem, um mit den
Devisen Nahrungsmittel einzukaufen. Zudem ist der hohe Energiepreis in Ungarn
ein weiterer unbeeinflußbarer Kostenfaktor. Auch in Ungarn selbst zeigt sich
die geringe Marktbedeutung der Stahlindustrie darin, daß der Kreditrahmen
durch die Banken seit 1985 stufenweise verringert worden ist.
Miskolc:
In Miskolc-Lillafüred, heute ein touristisch erschlossener
Thermalbade- und Luftkurort, findet sich eine der Wurzeln der ungarischen
Schwerindustrie. Im "Metallurgischen Freilichtmuseum" findet sich
die Rekonstruktion des ältesten Hochofens aus dem Anfang des 19.
Jahrhundert. Die ca. 20 m hohe Steinkonstruktion wurde von oben
beschickt und durch Maueröffnungen in Sohlenhöhe durch Gebläse befeuert und
abgestochen. Die Energieerzeugung für die Pochhämmer und die Blasebälge
erfolgte durch oberschächtige Wassermühlen. Der kleine Fluß, der als
Gebirgsbach durch Lillafüred fließt, war damit auch neben der in Meilern gewonnener
Holzkohle und später der Nutzung der Braunkohlevorkommen der wichtigste
Standortfaktor für die Gründung der Hüttenindustrie in Lillafüred. Die
Namen der Orte Felsáhámor (Oberhammer) und Alsóhámor
(Unterhammer) deuten noch heute auf die Standorte der Pochwerk-Mühlen hin.
Im
zwanzigsten Jahrhundert machte der Stahlwerkstandort Miskolc einen ungeahnten
Aufschwung; nach dem zweiten Weltkrieg wurde Miskolc durch staatliche
Planungsentscheidungen neben Budapest, dem neugegründeten Dunaújváros (Donauneustadt)
an der mittleren Donau (zunächst als "Sztálinváros" = Stalinstadt
gegründet) zum dritten Schwerpunkt der Schwerindustrie in Ungarn und Miskolc
(heute mit 208 Tsd. Einwohnern) nach Budapest (2,1 Mio. Ew.) und
Debrecen (219 Tsd.) zur drittgrößten Stadt des Landes. Dabei spielte
in der Zeit der engen politischen und ökonomischen Dependenz zur Sowjetunion
die strategische Lage im Nordosten des Landes nahe der sowjetischen
Grenze und die gute Erreichbarkeit mit der Eisenbahn von der UdSSR her
sicher eine wichtige Rolle.
Heute
befindet sich die Wirtschaft von Miskolc ebenfalls in der Krise. Die vom Bürgermeister
der Stadt hervorgehobene drastische Verbesserung der bislang sehr belasteten
Umweltsituation (Gewässer- und Luftqualität) ist dabei nur ein Indiz dafür,
in welch starkem Maße die industrielle Produktion in der Region Miskolc zurück
gegangen ist. Gegenüber Ózd hat Miskolc dennoch was das Stahl- und Hüttenkombinat
wie auch die Stadtregion angeht deutliche
Agglomerationsvorteile, die sich in einer seit jeher stärkeren
Differenzierung und Diversifizierung der Produktion, der stärkeren
Bedeutung der weiterverarbeitenden Industrie und des Maschinenbaus sowie der
chemischen Industrie und in einer besseren infrastrukturellen Ausstattung
und Anbindung an internationale Verkehrswege ausdrücken. So dürften hier
im großstädtischen Bereich die Transformationsprozesse
erfolgversprechender verlaufen als in der industriellen Monostruktur von Ózd.
Doch ist auch in Miskolc die sozioökonomische Situation erschreckend, wie es
sich Ende 1991 in einer Arbeitslosenquote von über 15
%, in Produktionsrückgängen
in der Schwerindustrie um 30 bis 50 %
und in Konkursen in der gerade erst privatisierten mittelständischen
Industrie zeigt. Dabei ist das Krisenszenario dem von Salgótarján
und Ózd durchaus vergleichbar:
a. Rohstoffmangel
durch Ausfall der Lieferungen aus der UdSSR
b. hohe
Energiekosten durch die ungarische Energieknappheit
c. Technologie-
und Modernisierungsdefizite
d. Kapital-
und Reinvestitionsdefizite
e. mangelnde
Marktorientierung der bisherigen Produktion
f. mangelner
Weltmarktzugang durch Qualitäts- und Preisnachteile
Auch hier wird eine grundlegende Umstellung der Produktion,
ein Abrücken von der Primärproduktion hin zur qualitativ hochwertigen
Veredelungs- und Weiterverarbeitungsindustrie notwendig sein. Dies wird in
der ungarischen Wirtschaftspolitik ebenfalls so gesehen. Die Startvorteile
der ungarischen Volkswirtschaft durch die schon seit Jahren schrittweise
eingeführten, wenn auch oft noch zaghaften Wirtschaftsreformen zeigen sich in
den gegenüber den übrigen ehemaligen RGW-Staaten positiven
Entwicklungstrends.
In Ungarn selbst rechnet
man mit einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren, in denen die grundlegenden Anpassungsprozesse
erfolgt und die strukturellen Krisenursachen zumindest in Ansätzen beseitigt
sind. Im Gegensatz zu
den Perspektiven in den Ländern der GUS, vielleicht auch zur Krisenstruktur
in Polen, wo die Krisendynamik aus politischen Gründen oft
kontraproduktiv verläuft, erscheint eine solche Prognose für Ungarn
durchaus realistisch.
Doch
ist das wirtschaftsgeographisch besonders interessante Problem der regionalen
Disparitäten damit noch lange nicht bewältigt. Die politische Aufgabe einer ökonomisch
sinnvollen Raumordnung mit der Entwicklung gleicher sozioökonomischer
Lebenschancen in allen Teilen des Landes ist wohl auch langfristig noch
nicht lösbar. Der gegenwärtige Trend geht, wie unsere Beobachtungen in Nordungarn
zeigen, eher in gegenläufiger Richtung: in die Verstärkung struktureller
Entwicklungsunterschiede, in der Konzentration des ökonomischen Aufschwungs
auf die Großregion Budapest und einige Standorte in Westungarn. Die Verstärkung
zentral-peripherer Gefälle reproduziert sich im lokalen Maßstab auch im
Vergleich der Entwicklungschancen von Ózd und Miskolc.
Dies
entspricht im kleinen Maßstab den neuen globalen Entwicklungsprognosen
für das kommende Jahrhundert, in denen ein weiteres ökonomisches Wachstum
der Industrieländer und hier der städtischen Metropolen und eine starke Verarmung
der peripheren Räume vorhergesagt wird. Für Deutschland wird in pessimistischen
Prognosen eine Luxusentwicklung der Großstädte und eine radikale
strukturelle und soziale Deprivation der städtischen Ergänzungsräume (da von
echten ländlichen Räumen in Deutschland ohnehin nicht mehr gesprochen werden
kann) und die Stabilisierung eines strukturellen West-Ost-Gefälles vorhergesagt.
Ähnliche
Ansätze sind in Ungarn schon phänomenologisch zu erkennen im Vergleich der
sorgfältig restaurierten Konsumzentren in Budapest mit der verfallenden
und strukturell kaum noch sanierungsfähigen Orts- und Wirtschaftsstruktur
in Ózd und Salgótarján. Auch hier zeigen die städtebaulichen Bemühungen in
Miskolc die Bedeutung des Agglomerationsvorteiles für eine Abwendung
der Peripherisierungsdynamik.
6.9.91, Freitag
Vortrag
von Herrn Buzetcki Gyözö [Direktor des Nationalparks Aggtelek] - Besichtigung
der Karstforschungsstation der Eötvös-Universität - Besichtigung der Baradla-Tropfsteinhöhle
- Tokaj [Weinprobe] - Nyíregyháza
Aggteleki Karszt:
Im nordostungarischen Grenzbereich findet sich ein
weitgehend unbekannter attraktiver Naturraum, der auch geographisch einige
interessante Besonderheiten zeigt: das Karstgebiet von Aggtelek. Der
Gesamtbereich dieses Karstgebirges wird durch die Staatsgrenze zerschnitten;
Grundwassersysteme und Höhlen reichen weit in die Slowakei hinein. Die
geologische Geschichte dieses Gebirgsstockes geht auf das Varistikum zurück.
Der Grundstock des Magenagebirges ("Slowakisches Erzgebirge") besteht
aus Dolomit aus dem Ende Perm bis Mitte Trias. An dieser variskisch verfestigten
Insel in der Thetis lagerten sich im Küstenbereich maritime Kalke ab. Im
Kreidemeer entstehen weitere Kalkablagerungen, die die Grundlage für
mehrere große Höhlensysteme bilden. Im Pannonischen Meer im Tertiär, für
Ungarn eine geologisch prägende Phase, wurden Küstenkliffs und Schorren am
Rande der Kalkablagerungen herauspräpariert und Küstenschotter und -sande
abgelagert. Diese Küstensedimentation findet sich bis weit in die Höhlensysteme
herein, die zu dieser Zeit weiter ausgewaschen und vergrößert wurden.
Das
mehrstöckige System der Baradla-Höhle, die sich zum größeren Teil in Ungarn
befindet, umfaßt ca. 22 km miteinander verbundene Höhlengänge. Abgedeckt
wird der triassische "Graue Kalkstein" (Wetterstein der alpinen Trias
über permischem Sandstein und Tonschiefer), einem sehr reinen Material, das
nur mit < 0,1 % Tonbestandteilen verunreinigt und daher für Karstbildungen besonders geeignet ist, von
oberpliozänen Oberflächenschichten. Die Streichrichtung verläuft West-Ost,
die Schichten fallen nach Norden ein. Die Baradla-Höhle gehört zu den größten
Höhlensystemen Europas; an der Oberfläche sind alle bekannten Karstformen zu
beobachten wie Dolinen, Karrenfelder und Karsttäler und Karstquellen, z.T. in
lehrbuchgerechter Idealform. Die Baradla-Höhle zwischen Aggtelek und Jósvafist auch touristisch äußerst
attraktiv, da in gut gesicherten und beleuchteten Abschnitten der Haupthöhle,
in der kilometerlange Höhlenwanderungen möglich sind, spektakuläre
Stalaktiten- und Stalagmitentropfsteine zu finden sind.
Tokaj:
Die Tokajer Hügel (Tokaj Hegy) sind ein berühmtes und
wirtschaftlich bedeutendes Weinbaugebiet. Der süße und schwere Tokajer
ist seit Jahrhunderten als Dessertwein berühmt, auch wenn er heute nicht ganz
in die modische Tendenz zu trockenen und leichten Weinen paßt. Doch die
besondere, nur in den Kellern der Tokaj Hegy ausgebaute Edelfäule eines
speziellen Traubenpilzes gibt dem Tokajer ein einmaliges Aroma, das durch sorgfältige
mehrjährige Gärung entwickelt wird. Doch dazu sollte Genaueres in der
Literatur des Weinbaus nachgelesen werden.
Wirtschaftsgeographisch
interessant ist die flächenmäßige Dominanz des Weinanbaus auf den Tokaj
Hegy und die starke Exportorientierung. In den vergangenen Jahren erfolgte
aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus eine zu starke Ausweitung des Anbaus
auch auf weniger geeignete Flächen, was zu Qualitätseinbußen führte.
Teile des Rebbestandes im dominierenden Staatsgut von Tokaj sind in keinem
besonders gepflegten Zustand. Auch hier ist eine Umorientierung notwendig,
die sowohl die Betriebsform als auch die stärkere Konzentration auf die qualitativ
herausragenden Weine umfaßt. Nur eine mengenmäßige Einschränkung und die
Sicherung der Qualität der Spitzenweine kann den Tokajer auf Dauer konkurrenzfähig
und ökonomisch gesund halten.
Die
Weinvermarktung ist ohnehin in Ungarn ein Problem. Zu lange hat man die guten
und naturreinen Weine des Landes als Billigweine, Faß- und Tankwagenweine
exportiert und damit ein schlechtes Marktimage aufgebaut. Die Vielzahl der z.T.
alten und aromatischen Rebsorten, die in Ungarn noch mit Erfolg angebaut
werden, muß Ungarn zu Weinspezialitäten auf dem Weltmarkt ausbauen.
7.9.91, Samstag
Im
Komitatshaus Nyíregyháza: Vortrag über die physische Geographie des Komitats
Szabolcs-Szatmár-Bereg; Vortrag über sozioökonomische Fragen des Komitats -
Staatsgut und Kooperative bei Nyíregyháza [Apfelanbau] - Hortobágy Puszta /
Kadarcsi Csárda - Budapest
Landwirtschaft
im Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg
Das Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg ist eine wichtige
landwirtschaftliche Region Ungarns, in der vor allem der Fruchtbaumanbau im
Vordergrund steht. Für das Verständnis der landwirtschaftlichen Grundlagen in
diesem ehemals sumpfigen Gebiet an der Theiss (Tisza) - nyirkos = feucht -
ist ein Blick auf die geologische Geschichte wichtig. Im Komitatshaus in
Nyíregyháza wurden wir in Vorträgen sowohl über die naturgeographische
Situation als auch über die heutigen wirtschaftlichen Probleme der Region
informiert.
Die
Region Nyíregyháza liegt am Rande des Alföld im Einzugsbereich der Tiza. Bis
zum Miozän Festland, wurde der ca. 5100 km² große Bereich im Mittelmiozän
in die zentralungarische Senkung einbezogen und von der Transgression des Pannonischen
Meeres erfaßt. Während der gleichzeitigen Heraushebung der nördlichen
Ungarischen Mittelgebirge erfolgte eine starke Sedimentation von Schottern und
Sanden, die heute die Große Ungarische Tiefebene bilden. Nach der maritimen
Regression erfolgt eine Hebungsphase. Im Pleistozän erfolgt noch einmal eine
starke Ablagerung von Sanden und Löß und gleichzeitig die Reliefausprägung
durch die Flüsse, die von Norden und Nordosten in das Alföld hineinströmen
und sich im Gebiet von Nyíregyháza zu den Theißsümpfen vereinigen. Tiza und
Szamos sedimentieren bis zu 70 m Schotter- und Flußsande über den Pannonischen
Sedimenten ab. Der Verlauf der Theiss verlagert sich mehrfach, zunächst vom nördlichen
Gebirgsrand nach einer entsprechenden Sedimentationsphase weiter in die Ebene
nach Süden hin, dann, nach einer lokalen Hebung des Nyirség-Hügellandes um
Nyíregyháza nach Westen. Die Theiss-Nebenflüsse der Region Nyíregyháza
fließen somit nach Norden zur Theiss, die das Hebungsgebiet nordwestlich
umfließt; Feuchtperioden seit dem Pleistozän bewirken großflächige Deflationserscheinungen.
In den Sumpfniederungen entstehen ortsteinähnliche Eisenanreicherungen in
den Böden. Diese Kobavarner Schichten sind zeitweilig abgebaut und zur
Eisengewinnung genutzt worden.
Die
Bodenqualität ist wechselnd. Gute Böden finden sich im nördlichen Bereich
auf Löß und Lößlehmen; im Süden gehen die äolischen Sedimente in Flott§sande
und Dünen über, deren agrarische Nutzbarkeit geringer ist, teilweise aber für
den Fruchtbaumanbau noch ausreicht. Die hydrologisch bedingten edaphischen
Unterschiede der Bodenqualität sind groß. Die Theißregulierung im letzten
Jahrhundert hat die Landwirtschaftliche Nutzfläche der Region Nyíregyháza
deutlich vergrößert und qualitativ verbessert. Doch wurde dadurch auch ein
langfristiger Austrocknungsprozeß eingeleitet, der den Grundwasserspiegel
erheblich absenkt und zur Austrocknung der ohnehin oft trockenen Sandböden führt.
In der westlich anschließenden Tiefebene im Bereich der Hortobágy-Puszta führt
diese Austrocknung zu starken ökologischen Schäden, Versalzungen und Bodenverkrustungen,
die sich im Landschaftsbild als sekundäre Versteppungen bemerkbar machen.
Für
die Ungarische Tiefebene, das Alföld, einschließlich der Theißsümpfe von Nyíregyháza
können daher mehrere neuzeitliche Landschaftswandlungen, die kulturgeographisch
bedingt sind, festgehalten werden. Zu Beginn der Neuzeit dominierten im
Alföld und besonders in der Fußregion der Ungarischen Mittelgebirge noch großflächige
lichte Wälder, z.T. mediterranen, z.T. kontinentalen Charakters mit vielfältigen
Eichenbeständen, Birken, mit Heide und Maiglöckchen als Bodenbedeckung,
neben breiten Sumpfvegetations- und Auebereichen an Donau und Theiss. Nach der
Landnahme im zehnten Jahrhundert erfolgte eine intensive Rodungsphase und
die landwirtschaftliche Inwertsetzung. Schon im Spätmittelalter beginnt die
Bodenerosion und im Zentralbereich die Dünenbildung. Die natürliche Vegetation
wird auf einige Inseln reduziert. Die Zeit der Türkenkriege entvölkert das
Land; die Landwirtschaft extensiviert sich, die landwirtschaftliche Bevölkerung
konzentriert sich auf einige große Wehrdörfer wie z.B. Kecskemét. An die Stelle
von Ackerbau tritt in großen Teilen des Landes die Weidewirtschaft; die Pferdezucht
erlebt in diesen kriegerischen Zeiten einen großen Aufschwung. Die verödeten
großen Tieflandflächen versteppen und es entsteht die typische Pusztalandschaft,
die damit - ähnlich wie in Norddeutschland die Heide - eine Sekundärsteppe
nach einer Phase der Abholzung und der nachfolgenden landwirtschaftlichen
Extensivierung ist.
Im
19. Jahrhundert, im Zusammenhang mit der Besinnung auf die ungarische nationale
Identität und nationalstaatliche Ziele, die letztlich zum "Ausgleich"
mit Habsburg und der Konzeption der k.u.k.-Doppelmonarchie führte, erfolgt
mit der vor allem auch von Graf Széchenyi vorangetriebenen Theiss-Regulierung
eine neuerliche landwirtschaftliche Intensivierung mit den heute für Ungarn
typischen Produktionsschwerpunkten Obst- und Weinanbau, Gemüse und Paprika;
später folgte die Intensivierung der Schlachtviehhaltung mit großflächigem
Anbau von Futtermitteln, vor allem in den letzten Jahrzehnten von Mais.
Apfelbaumkulturen
finden sich in Ostungarn bis ca. 200 m über dem Meeresspiegel. Gleichzeitig
erfolgt eine regionale Aufforstung mit schnellwachsenden Hölzern, z.B. mit
der Pseudo-Akazie (Robinie), die vor allem zum Binden und Festlegen von Sand,
Dünen und Flottsanden genutzt wird. Die traditionelle Weidewirtschaft und
Pferdezucht wird in "Reservate" mit marginalen Böden zurückgedrängt
(Hortobágy-Puszta, Bugacz-Puszta) und wird auch sozialökonomisch marginalisiert.
Ohne die Bedürfnisse des Tourismus würde sie wohl bald gänzlich verschwunden
sein. In der Funktion eines "ökologischen Reservates" zur Erhaltung
der ungarischen Steppenlandschaften und des "Genpools" urtümlicher widerstandsfähiger
Zuchttierrassen (Pferde, Rinder, Schafe) kann der Bewahrung von Resten der
Puszta-Wirtschaft jedoch über den Tourismus hinaus eine übernationale zukünftige
Bedeutung zukommen.
Das
Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg ist Zentrum des Apfelanbaus in Ungarn, der
bisher in großen Plantagen von Kooperativen und Staatsgütern betrieben wurde.
Die Randlage im Osten erschwert eine wirtschaftliche Weiterentwicklung und
Diversifizierung der Produktion, obwohl die Verbindung in Richtung Budapest
nach ungarischen Maßstäben gut ist (vier Autostunden nach Budapest, acht Autostunden
bis Wien; die Haupteisenbahnlinie führt ebenfalls durch Nyíregyháza).
Doch ist der Ausbauzustand der Infrastruktur noch nicht ausreichend.
Auch
in diesem vorwiegend landwirtschaftlichen Bereich steigt die Arbeitslosigkeit.
Bei einer Gesamtbevölkerung des Komitates von 600.000 Bewohnern, von denen
320.000 dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sind Ende 1991 mehr als 10 %
arbeitslos - mit steigender Tendenz. Eine Konferenz in Budapest im Mai 1991 beriet
über regionale Strukturverbesserungen. Vor allem wird der Ausbau einer Autobahnverbindung
nach Osten in Richtung Ukraine und Rußland angestrebt. Das veraltete
Telefonnetz wird auf digitale Glasfasertechnik umgestellt und von 40 auf 120 Tsd.
Linien erweitert. Das Komitat sieht in diesen Maßnahmen den Beginn einer
industriellen Entwicklung in Ostungarn.
Im
landwirtschaftlichen Vermarktungsbereich bei Äpfeln und Molkereiprodukten
finden sich heute schon ausländische Kapitalinteressen in joint ventures. Auch
die Firma Beiersdorf AG (Hansaplast) hat ein joint venture in Nyíregyháza aufgebaut.
Künftige Industrialisierungsschwerpunkte werden im Chemiebereich gesucht;
Firmen wie Ferrostaal zeigen sich an einer Kapitalbeteiligung interessiert.
Doch ist der Kreditmarkt in Ungarn recht angespannt und die Standortsituation
im Komitat erschwert die Requirierung von Industrieansiedlungen. Die Investitionsquote
könnte durchaus noch höher sein.
Im
Komitat befindet sich ein großer Eisenbahnknotenpunkt, Záhony, an dem die
Umspurung auf die in der Ukraine und in Rußland übliche Breitspur erfolgt. Die
Umschlagkapazität dieses Knotenpunktes liegt bei 21 Mio. t pro Jahr. Man erwartet für die Zukunft eine weitere
Steigerung der Bedeutung dieses Umschlagpunktes, wenn die EG und Südosteuropa
einen großen Teil des wahrscheinlich wachsenden Osthandels mit den Ländern
der GUS über Ungarn laufen lassen. Dazu ist jedoch ein großzügiger Ausbau der
Eisenbahnverbindung in Richtung Österreich und - wenn auch heute durch die
politischen Konflikte belastet - Belgrad/Bukarest/Istanbul notwendig. Für die
Erneuerung der Umschlageinrichtungen wird ein Investitionsbedarf von 1,5 Mio. ft.
benötigt.
Der
Entwicklungsrückstand der Industrie erzeugt große Umweltprobleme. Doch auch
hier besteht die Hoffnung auf eine Erneuerung im Zusammenhang mit einem Anschluß
an den westeuropäischen Markt. Von den 320.000 Beschäftigten arbeiten
jeweils ca. ein Drittel in der Landwirtschaft, in der Industrie und im tertiären
Sektor. Der Schwerpunkt der Industrie liegt heute noch in der Leichtindustrie
und der Nahrungsmittelverarbeitung. In Nyíregyháza findet sich Gummi- und
Papierherstellung, Elektro- und Elektronikindustrie, in Kisvárda eine Eisengießerei.
Die Chemieindustrie konzentriert sich dem lokalen landwirtschaftlichen
Markt folgend auf den Pflanzenschutz. Textil- und Lederindustrie haben in der
Region Nyíregyháza Tradition: Im Komitat werden pro Jahr ca. 5 Mio. Paar
Schuhe hergestellt. Die durchschnittliche Betriebsgröße in der Industrie liegt
bei 500‑1000 Beschäftigten. Doch gerade im industriellen Bereich machen
Massenentlassungen große Sorge. Viele Betriebe mußten durch
Absatzschwierigkeiten bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitsproduktivität
zwischen 40‑50 % der Beschäftigten
entlassen. Das innovationsorientierte Investitionsverhalten der Unternehmen
zeigt aber positive Ansätze und Perspektiven für eine zukünftige strukturelle
Gesundung der regionalen Industrie.
Im
Zentrum der Wirtschaft des Komitates steht aber auch heute noch die Landwirtschaft
und die Lebensmittelindustrie. ca. 600.000 t Äpfel werden pro Jahr geerntet und vor allem zu
Apfelsaftkonzentrat verarbeitet. Speiseäpfel und die Herstellung von
Apfelschnaps haben ebenfalls wirtschaftliches Gewicht. Aus dem Komitat kommen
ca. 60 %
der Apfelproduktion Ungarns. Daneben erzeugt die Region 40 % des
Tabaks, auch wenn hier keine Endproduktion erfolgt, und eine erhebliche
Menge Sonnenblumenöl. Daneben wird Viehzucht (Schafhaltung und Schweinemast)
betrieben. In Kisvárda erfolgt Geflügelverarbeitung nach EG-Normen für den
westeuropäischen Markt.
Die
Cooperative Levelek bei Nyíregyháza
ist ein typischer Großbetrieb der Apfelerzeugung. Die neu konstituierte
"Verwertungs- und Absatzgenossenschaft" tritt das Erbe der
Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft an. Die Produktion selbst
befindet sich in einem Prozeß der Reprivatisierung, in der zum 31.12.91 alle Flächen
ihren ursprünglichen Eignern zurück gegeben wurden. Dabei ist die Gründung
einer freiwilligen Cooperative im Gespräch, die den Produktionsmitteleinsatz
rationalisieren würde. Die nichtagrarischen Betriebsteile der alten
Cooperative sind in eine Reihe von unabhängigen GmbHs überführt worden (Elektromotorenservice,
Textilherstellung - z.B. auch für die deutsche Lufthansa -,
Kunstharzfabrikation, Isoliermittel/Sicherungen für Elektroanlagen, Transportunternehmen).
In der bisherigen Cooperative waren ca. 40 % der Beschäftigten im Industriebereich tätig, der Rest, mehr
als 1000 Beschäftigte, in der landwirtschaftlichen Produktion.
Die
Privatisierung erfolgt nach dem Privatisierungsgesetz von 1991, das verschiedene
Formen der Überführung in privatwirtschaftliche Betriebsformen für die
Cooperativen vorsieht. Von der Cooperative gepachtete - aber rechtlich immer im
Eigentum der Vorbesitzer gebliebene - Flächen werden ohne weitere Auflagen zurückgegeben.
Die freiwillige Weiterführung in Genossenschaftsform bleibt möglich. Für
enteigneten Großgrundbesitz, bei denen der ehemalige Eigner bzw. seine Erben
nicht weiter im Betrieb tätig waren und z.T. aus politischen Gründen vertrieben
worden sind, gelten andere Bestimmungen: die ehemaligen Eigner werden vom
Staat entschädigt entweder mit übertragbaren Besitzzertifikaten, mit denen
u.U. an beliebiger Stelle vom Staat im Rahmen der Privatisierungsmaßnahmen auf
dem Grundstücksmarkt angebotene Immobilien oder auch Kapitalbeteiligungen erworben
werden können - was nur in selten Fällen im Bereich der betreffenden aufgelösten
Cooperative selbst sein wird; oft besteht ohnehin größeres Interesse an
gewerblichen oder für den Hausbau nutzbaren Grundstücken! -, oder sie wählen
eine staatliche Ausgleichsrente. Die höchste Entschädigung beträgt 1991 jedoch
5 Mio. ft,
was ein Wiederentstehen von Latifundien verhindert.
In
der landwirtschaftlichen Produktion entscheiden nunmehr die Eigner selbst über
die günstigste Betriebs- und Produktionsform. Bisher wurden auf ca. 3300 ha Betriebsfläche 2200 ha landwirtschaftlich bewirtschaftet, davon 280 ha
Apfelbaumplantagen, daneben
Tabakanbau und Gemüsekulturen sowie Viehzucht mit ca. 4000 Schafen.
Die bisherigen Einnahmen der Cooperative beliefen sich auf 350.370 Mio. ft.
Heute
übernimmt die Absatzgenossenschaft die Vermarktung. Das ist besonders daher
notwendig, da die Industrieapfelproduktion (für Saft und Konzentrat) nur auf
Großhandelsebene abgesetzt werden kann. Die Umstellungsschwierigkeiten des Betriebes
führten dazu, daß die höherwertigen Speiseäpfelbestände vorübergehend
als Industrieäpfel vermarktet werden, da noch keine hinreichende Betriebsorganisation
die Fruchtpflege und sorgfältige Ernte mit der Hand sichern konnte und noch
keine neuen Vermarktungswege für Speiseäpfel gefunden sind. Die mechanische
Ernte für Industrieäpfel darf aber höchstens zwei Jahre lang vorgenommen
werden, um die Baumbestände nicht dauerhaft zu schädigen.
Das
Hauptproblem für die Cooperative ist der Verlust der Ostmärkte - das gleicht
den Problemen der ungarischen Industrie. Die Umstellung und Veränderung
der Absatzbeziehungen muß schnell erfolgen, um den Kapitalbestand und die
Baumkulturen nicht zu gefährden und die hohe Zinsbelastung durch die im Rahmen
der Umstellung notwendige Verschuldung wieder abbauen zu können. Problematisch
ist es für den Betrieb auch, daß die industriellen Betriebsmittel, die in der
landwirtschaftlichen Produktion benötigt werden, im Preis schnell steigen und
sich am Weltmarktpreis orientieren, ohne daß die landwirtschaftliche Produktion
ebensolche Preissteigerungen realisieren könnte. Das Problem der landwirtschaftlichen
Überproduktion in Europa ist hier durchaus bekannt und belastet die
Zukunftsprognosen. Doch bleibt für die einheimische Bevölkerung, für die
hochqualifizierten landwirtschaftlichen Experten, in Ungarn kaum eine Beschäftigungsalternative.
Daher wird man versuchen, mit viel Phantasie und Flexibilität eine
spezialisierte und differenzierte Angebotspolitik auf vielen Märkten und in
vielen Marktnischen zu betreiben bei hoher und kontrollierter Produktionsqualität.
Inhalt:
Einführung
Die
Bergwerks- und Steinbruchregion nordwestlich von Budapest
Konurbation
Budapest
Das
Zagyva-Tal und die Ausläufer des Cserhát
Aluminium-Gießerei
Apc
Salgótarján
Die
Raumwirksamkeit des Krisengeschehens
Der
Charakter der Krise
Die
traditionellen Eisen- und Stahlwerke von Ózd
Miskolc
Aggteleki
Karszt
Tokaj
Landwirtschaft
im Komitat Szabolcs-Szatmár-Bereg
Impressum
der Druckauflage
Voigt, Gerhard:
Ungarn. Bericht von einer Exkursion durch Nordungarn
2.-7.9.1991. Gerhard Voigt - Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am
Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. (An der Bismarckschule 5, Hannover)
1992
Schriftenreihe
des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V. [ISSN 0945-1536]
Hannover 1992. 28 S., A
5, geheftet [ISBN 3-930307-02-2]
Erstveröffentlichung im Internet
IX/2002 / Überarbeitung 14.11.2011
Folgt der 1. Auflage 1992
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
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