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1. Erlebnisse, Kontinuitäten...
Könnt
Ihr Euch vorstellen, in ein Hotel zu kommen und als Freunde empfangen zu werden?
So erging es uns im „Otel Tur“ in Konya.
Nachdem unser Bus auf dem Hinterhof-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des Mevlâna
einrangiert hat, folgt eine herzliche Begrüßung durch den Hotelbesitzer mit
Umarmungen und – in Englisch – dem Austausch der Neuigkeiten seit dem
letzten Besuch vor zwei Jahren.
Die Verteilung der Schülerinnen
und Schüler auf die insgesamt nur zwölf Zimmer des Hotels geschieht schnell
und wir haben das Hotel fast für uns alleine. Aber bis ich selbst zu meinem
Zimmer komme, vergehen noch zwei Stunden in der Eingangshalle bei Tee und Gesprächen
mit Mustafa Akseki, dem Hotelier, und den nach und nach vorbeischauenden
Bekannten aus der Straße, die uns begrüßen wollen.
Zwei Jahre zuvor hatten
wir uns wegen Terminproblemen nicht vorher in Konya anmelden können und fuhren
auf gut Glück zum Otel Tur, das ich
von mehreren Reisen schon gut kannte – wie wir ja auch sonst meistens auf
unser Glück vertrauen und mit dem Bus einfach vor einem Hotel vorfahren und mit
dem Manager über den Preis für die Gruppe verhandeln, was uns diesmal z.B. in Gülsehir
(der „Rosenstadt“) in Kappadokien zu einer besonders preiswerten und
komfortablen Unterkunft führte, während wir in Ankara
und Selçuk einfach wieder in früheren
Reisen spontan gefundene und nun bewährte Hotels ansteuerten, ggf. mit einem
kurzen Anruf vorab. Aber auch 1994 bei unserem Überraschungsbesuch in Konya ermöglichte
es unser Hotelier-Freund sofort, in dem Hotel für einen äußerst günstigen
Preis – jeweils um 10,-- bis 12,-- DM pro Person mit Frühstück –
unterzukommen, und der Fahrer, für den kein Einzelzimmer mehr vorhanden war,
wurde kurzerhand im Nachbarhotel untergebracht.
Zum sechsten Mal übernachten
wir 1996 im Otel Tur, um von dort aus
die geschichtlich und religiös faszinierende Stadt Konya, deren zentrale
Moscheen als Welterbe der Menschheit unter dem besonderen Schutz der UNESCO
stehen, für uns zu erobern. Konya gehört zu den zentralen Programmpunkten
unserer Türkeireisen. Diese Halbmillionenstadt ist nicht nur kulturell
interessant, sondern zeigt ganz besonders die Widersprüchlichkeiten der
heutigen Türkei. Keine türkische Stadt ist baulich so modern, europäisch und
durch eine effiziente Stadtverwaltung sauber und geordnet – aber dadurch auch
kaum noch wie noch vor zwanzig Jahren „orientalisch“ wirkend – wie Konya
mit seiner sanierten Innenstadt und dem Ring moderner, durchaus höherwertigerer
Wohnblöcke, die fast vollständig durch Sonnenkollektoren auf den Dächern
modernen ökologischen Standards entsprechen.
Konya ist aber auch das
geistige Zentrum vielfältiger islamischer Bewegungen, unter denen an zentraler
Stelle der Derwisch-Orden des großen Mystikers und Philosophen Celâleddin Rûmî
aus dem 13. Jahrhundert, der Herrschaftszeit der Selçukensultane, die hier in
Konya, dem antiken Iconium, ihre Hauptstadt hatten, zu nennen ist. Rûmî
schrieb das „große Buch“ Masnavi
– gleichzeitig ein zentrales Werk der Weltliteratur –, in dem er die
mystische Lehre von der Allgegenwart der Liebe zu Gott und die daraus folgende
Liebe zu allen Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft und Volk, lehrte.
Seine Schüler, die bis heute in Konya eine wichtige geistige Rolle spielen,
obwohl der Orden in der Türkischen Republik offiziell aus politischen Gründen
seit Atatürk verboten ist, versuchen durch hochritualisierte meditative Tänze
eine emotionale Annäherung an die ersehnte Gottesgegenwärtigkeit
zu erreichen – Tänze, die heute in typisch türkischem Kompromiß, äußerlich
unter der Ägide des Tourismusministeriums als „Volkstänze“ gepflegt und
dargeboten werden, ohne ihre innerliche religiöse Bedeutung für die Tanzenden
Derwische dabei je verloren zu haben. Das Grabmal Rûmîs (des „Römers“,
der aus dem islamischen Zentralasien stammte, aber nach Westen in den Einfußbereich
von Byzanz, dem östlichen Rom, an den
Hof der Selçukensultane zog und dort der religiöse verehrte Meister und
Lehrer, der Mevlâna, wurde) ist in dem traditionellen Kloster („tekke“)
in Konya zu finden, einem sehr meditativen und ruhevollen Ort – trotz der
vielen Touristen und Pilger –, das heute offiziell staatliches Museum ist,
aber für die Besucher zu einem Ort geistiger Kontemplation werden kann.
Der Sakophag Rûmîs
steht zusammen mit den Begräbnisstätten seiner Nachfolger im Orden, den Celebi,
in einem reich mit goldenen Schriftbändern verzierten hohen Kuppelraum, den die
sehnsuchtsvoll-monotone Musik der Ney-Flöte, die im Masnavi als Symbol der Sehnsucht nach der Heimkehr zu Gott eine
zentrale Rolle spielt, leise klagend erfüllt und jedes eigene laute Wort
verbietet.
Zwei weitere Kuppelräume
quadratischen Grundrisses waren früher der Tanzraum und der Gebetsraum der
Derwische; heute dienen sie als Ausstellungsräume für wertvolle Handschriften
– Qor’an- und Masnavi-Bände seit dem 14. Jahrhundert –, Musikinstrumente
und Gebrauchsgegenstände aus dem Ordensleben.
Neben der islamischen
Mystik ist Konya aber auch ein Zentrum der gebildeten islamisch-sunnitischen
Theologie, die ihre Heimat heute an der Universität hat. Aus der Selçuk-Zeit
stammen zwei großartige Baudenkmäler, die
„Ince Minare Camii“ (die Moschee „mit dem schlanken Minarett“, das
leider Anfang des Jahrhunderts vom Blitzschlag gefällt wurde) und „Büyük Karatay Medresesi“ (Eine heute als Museum dienende
Koranschule, die nach dem Philosophen und Wissenschaftler Wesir Karatay genannt
ist), die beide in den letzten Jahren grundlegend restauriert und wieder der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht worden sind.
Zentrales Gebäude in
Konya ist aber die auf dem in der Stadtmitte liegenden (wahrscheinlich schon frühgeschichtlich-anthropogenen)
Burghügel liegende Sultansfestung, von der nur einige Mauern und Grabmäler („türbe“)
übrig geblieben sind, und die riesige Alaeddin
Camii, die von Sultan Alaeddin Kaykobat I. um 1220 als „fromme Stiftung“
(„vaqf“) errichtete
Sultansmoschee, deren Gebetshalle seit Jahrzehnten unzugänglich war, da die hölzerne
Dachkonstruktion über dem Wald steinerner Säulen – mit ihrem ornamentalen
und stilistischen Reichtum – eingestürzt war. Es war schon seit vielen Jahren
mein Wunsch, diese Moschee einmal besichtigen zu dürfen, aber ich hatte die
Hoffnung fast schon aufgegeben, als ich dieses Jahr von ihrer Wiedereröffnung
erfuhr...
Zurück zum
islamistischen Zentrum Konya! In der berühmten islamischen theologischen Fakultät
der Universität werden heute die führenden Theologen ausgebildet, von denen
die islamische Renaissance und damit
auch die Kritik am weltlichen Staat der Türkischen Republik ausgeht; Kritiker
meinen, daß damit auch eine Abkehr von der Moderne beabsichtigt sei. Konya war
dann auch die erste Großstadt der Türkei, in der die islamistische Refah-Partei
die kommunalpolitische Mehrheit errang. Heute beherrscht sie die meisten Großstädte
wie Istanbul und Ankara und ist mit ihrem Vorsitzenden Erbakan
in der Koalition mit der „Partei des rechten Weges“ (DYP) von Frau Çiller an
der Staatsregierung beteiligt.
Der widersprüchliche
Eindruck dieser Situation entsteht nun gerade dadurch, daß seither die äußere,
städtebauliche Modernisierung Konyas zur Leitmaxime der Stadtverwaltung
geworden ist und effektiv durchgesetzt wurde. Dieser technologisch-modernistische Zug der „Refah Partisi“ ist
aber nicht zufällig, sondern Teil ihres Selbstverständnisses, das die
islamische Kultur als moderner und der
westlichen Zivilisation überlegen bezeichnet; das wurde uns auch in der
Beobachtung des Wahlkampfes in Istanbul deutlich, wo auf großen Plakaten unter
dem Signum der Refah junge, fesch-westlich mit weißem Hemd und Krawatte
gekleidete Männer, sichtlich »Yuppie-Ingenieure«, sich über
Konstruktionszeichnungen oder Baupläne beugen, sichtlich Repräsentanten einer
»neuen, sauberen, pragmatischen« Türkei. Über dieses Motiv sprechen die
Islamisten das von Korruption und politischer Kungelei abgestoßene türkische Bürgertum
an... Was aber die gesellschaftliche Modernität und Liberalität, das tolerante
Grundverständnis für eine pluralistische Demokratie, deren Entwicklung und
Sicherung der Türkei zu wünschen wäre, angeht, sehen die Antworten der Refah bekanntlich anders aus, enger, konservativer, unduldsamer, an
islamischen Großmachtträumen orientiert, aus...
Was hat es nun mit
unserem Empfang im Hotel Teuer auf sich, das sollte schließlich erklärt
werden. Zum ersten Mal übernachteten wir mit einer Gruppe der Türkei-Arbeitsgemeinschaft
der Bismarckschule im Otel Tur im Jahre 1985 bei unserer ersten Austauschfahrt in die Türkei,
die wir noch sehr sorgfältig von Hannover aus organisiert hatten (übrigens
hatte ich 1974 bei einer Gruppenfahrt in den Iran schon einmal auf dem
Camping-Platz von Konya übernachtet, wo wir auch 1987 bei unserer großen
sommerlichen »Orienttour« mit vier VW-Bussen nach Ägypten und Israel
unterkamen). Ich hatte die Adresse vom Fremdenverkehrsbüro aus Konya erhalten,
die mir sympathisch unprofessionell handschriftlich in holprigem Englisch
geantwortet hatten. Das Hotel war funkelnagelneu und sichtlich zum größten
Teil in Eigenarbeit von dem stolzen Besitzer und seinen Freunden gebaut und
eingerichtet worden. Auch hier wieder das noch familiäre und etwas
unprofessionelle Engagement einiger junger Männer, wie es in der Türkei häufig
anzutreffen ist und das voll auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens, auch
zum Gast, aufbaut. Aber der Überschwang dieser ersten Aufenthaltsdauer war doch
noch etwas besonderes. Mustafa Akseki vermittelte uns, da wir dieses eine Mal
unsere Rundreise mit Linienbussen durchführten, Kleinbusse zum Besuch von
Sultanhani und Kappadokien und legte zunächst auch das Geld dafür vor. In späteren
Jahren, wir berichteten in unseren Abschlußheften jeweils darüber, hat er uns
in findiger Weise liegen gelassene Gegenstände nach Izmir nachgeschickt und überhaupt
ein Maß an Hilfsbereitschaft gezeigt, daß nicht nur für ihn, sondern für
Konya und die türkische Kultur insgesamt einnahm. Was wir erst Reisen später
erfuhren: Wir waren überhaupt die ersten Gäste nach der Eröffnung des Hotels
gewesen. Seither sind wir in diesem Teil von Konya »VIPs«!
2. Das weitere Programm
Wie jetzt schon klar ist,
war die Türkei-Reise 1996 nicht unsere erste Begegnung mit diesem interessanten
und auch für die europäische Politik wichtigen Land sondern ist Teil der
intensiven interkulturellen Partnerschafts- und Austauschprogramme der
Bismarckschule Hannover als UNESCO-Projekt-Schule. Seit 1985 haben wir eine enge
und gut funktionierende Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi – einer der
besten Schulen des Landes – aufgebaut und wechseln uns jährlich alternierend
mit unseren gegenseitigen Besuchen ab.
Erleichtert wurde mir
persönlich dieses Engagement für die Türkei dadurch, daß ich dieses Land
seit meinem Studium der Geographie kenne und erstmalig, nach ersten Geländeerfahrungen
in Nordafrika, auf meiner Reise in den Iran 1970 (wo ich für meine
Staatsexamensarbeit einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt in der Region
Shiraz hatte) von West nach Ost und später auf dem Rückweg noch einmal in
entgegengesetzter Richtung mit dem Wagen durchqueren konnte, wobei ich mich
schon bemühte, möglichst viele Orte kennenzulernen und zu besuchen. In dem
folgenden Vierteljahrhundert bin ich dann aus verschiedenen Anlässen in der Türkei
gewesen und konnte dort Kontakte und Freundschaften finden und auch beginnende
»Heimatgefühle« für dieses Land, dessen Lebensgefühl mir nicht mehr so
fremd ist, entwickeln, von dem ich versuche, etwas meinen Schülerinnen und Schüler
in der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule mitzuteilen.
So kann es durchaus
vorkommen, mich an einem warmen Frühlingsabend, natürlich wieder, um dem
Leitmotiv dieses Berichtes zu folgen, in Konya, auf einem kleinen Teppich am
Straßenrand mit einigen Kleinhändlern aus der Straße sitzen zu sehen, Tee
trinkend und in endlose Gespräche über Gott und die Welt, über die Heiligkeit
des mevlâna oder die Korruption von
Frau Çiller und die desolate Wirtschaftslage des Landes verwickelt, während
die Schülerinnen und Schüler einige Häuser weiter mit jungen Leuten oder bei
Teppichhändlern, die längst wissen, daß unsere Gruppe keine Teppichkäufer
bringt, ebenfalls reden und Apfel-Tee trinken...
Unsere Partnerschule in
Istanbul ist eine sogenannte „bilinguale Schule“, in der die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache – von
deutschen Lehrern – erteilt werden. Durch einen ein- bis zweijährigen
intensiven Einführungskurs in die deutsche Sprache – es handelt sich bei den
Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi ja nicht um „Rückkehrerkinder“,
in der Türkei »Deutschländer« genannt, die schon Deutschkenntnisse mitbringen – sprechen
die Kinder schon in der sechsten Klasse, der Eingangsklasse, fließend Deutsch,
so daß auch unsere Kontakte und die Unterbringung in Familien in Istanbul
keinerlei Schwierigkeiten bereitet.
Türkisches
Familienleben und türkische Gastfreundschaft ganz privat erlebt als Auftakt
unserer Begegnungen mit der Türkei sind der menschlichste und intensivste Weg,
die Schulpartnerschaft nicht nur institutionell zu sichern, sondern mit Leben zu
füllen, wie es das Ziel des Interkulturellen Lernens der UNESCO-Projekt-Schulen
ist. Auch Freundschaften über die Grenzen hinweg sind auf diesem Wege
entstanden. Ich kann mir nur wünschen, daß noch viele unserer Schülerinnen
und Schüler diese Erfahrungen machen dürfen und lernen können, das Fremde zu
verstehen und zu begreifen, daß wir in einer
Welt zusammen leben.
***
Impressionen aus dem Reisetagebuch
1. Vorbereitungen
ach inzwischen mehr als
10 Jahren intensiver Kontakte mit unserer Partnerschule Istanbul Lisesi liefen
die Vorbereitungen eigentlich recht reibungslos, nur in den Weihnachtsferien
hieß es plötzlich, die Schule dort würde geschlossen, ein Schüler hatte
wohl seinen Austauschkameraden falsch verstanden und verbreitete nun mit
diesen Schreckensmeldungen einige Unruhe. Meinen Kollegen Voigt konnte man mit
derartigen Meldungen jedoch nicht aus der Ruhe bringen, er hatte in den
vergangenen Jahren schon manche Meldung erhalten, die sich später als falsch
oder zumindest unerheblich erwies. So wartete er mit seiner fast
orientalischen Gelassenheit einfach ab und überhörte das aufgeregte Geschwätz
einiger besorgter Mütter: völlig zu Recht, wie sich bald herausstellte!
Für die Fahrt hatten
wir dank der Feiertage 17 Tage zur Verfügung; Himmelfahrt, Pfingsten und ein
zusätzlicher freier Tag ließen diesen langen Zeitraum zu, und in der Schule
fielen auf diese Weise nur acht Schultage aus. Damit hatten wir für die
geplante Rundtour, die sich an den Aufenthalt in Istanbul anschließen sollte,
immerhin 10 Tage Zeit. Die vorgesehenen Ziele waren: Sinop, Samsun, Ankara,
Hattuşa, Kappadokien, Konya, Pamukkale, Selçuk, Ephesus, Pergamon, Troja und
Çannakale. Leider mußten wir in Istanbul den Abstecher ans Schwarze Meer
streichen, die Entfernungen in der Türkei, die Straßenverhältnisse, die
Belastbarkeit von Fahrer und Schülern hätten zu einem krassen Mißverhältnis
zwischen zeitlichem Aufwand und den Belastungen der stundenlangen Busfahrten
und den dafür gewonnenen Eindrücken und Erlebnissen gestanden. Mit einer
anderen, belastbareren Gruppe wäre das Unterfangen vielleicht möglich
gewesen, mit Schülern der Klassen acht bis elf schien uns letztlich das
Risiko eines Mißerfolgs doch zu groß; so mußten Kollege Voigt und ich uns
vertrösten auf eine weitere Gelegenheit, die Kontakte in die Türkei werden
sicher noch etliche Jahre halten!
Der größte Teil der
Vorbereitungen für die Schülergruppe wurde von meinem Kollegen Voigt
erledigt, er hat fast alle nötigen Schreiben, Anmeldeformulare und
Reiseunterlagen im Computer gespeichert und versteht es hervorragend, die
jeweils nötigen Teile schnell herauszuholen und zu drucken. So blieb für
mich fast nur die eigene Vorbereitung, also ein recht angenehmer Beginn der
Fahrt. Dennoch machte sich am Vorabend der Fahrt einige Unruhe im Hause
bemerkbar, letztlich haben Renate und ich wohl doch alle Sachen
beisammengehabt, unterwegs hat uns nichts gefehlt ä nur wie so oft hatte ich
meinen Koffer wieder einmal zu voll gepackt, einige Sachen habe ich unbenutzt
zurückgebracht. Andererseits war ich aber für alle möglichen Fälle, sprich
Veranstaltungen gerüstet, denn es war nicht abzusehen, zu welchen
gesellschaftlichen Ereignissen wir geladen würden, und in der Türkei legt
man sehr wohl, zumindest bei offiziellen Anlässen, Wert auf Etikette.
Günter Fuchs
2. In Istanbul
Ich höre Istanbul
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Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Zuerst
weht ein leichter Wind,
Leicht
bewegen sich
Die
Blätter in den Bäumen.
In
der Ferne, weit in der Ferne.
Pausenlos
die Glocke der Wasserverkäufer.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
In
der Höhe die Schreie der Vögel,
Die
in Scharen fliegen.
Die
großen Fischernetze werden eingezogen,
Die
Füße einer Frau berühren das Wasser.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Der
kühle Basar,
Mahmutpascha
mit dem Geschrei der Verkäufer,
Die
Höfe voll Tauben.
Das
Gehämmer von den Docks her;
Im
Frühlingswind der Geruch von Schweiß.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
|
Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Im
Kopf den Rausch vergangener Feste.
Eine
Strandvilla mit halbdunklen Bootshäusern,
Das
Sausen der Südwinde legt sich.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ein
Dämchen geht auf dem Gehsteig.
Flüche,
Lieder, Rufe hinter ihr her.
Sie
läßt etwas aus der Hand fallen,
Es
muß eine Rose sein.
Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ich
höre Istanbul, meine Augen geschlossen.
Ein
Vogel zappelt an deinen Hängen.
Ich
weiß, ob deine Stirn heiß ist oder nicht,
Ich
weiß, ob deine Lippen feucht sind oder nicht.
Weiß
geht der Mond hinter den Nußbäumen auf,
Ich
weiß es von deinem Herzschlag.
Ich
höre Istanbul.
Orhan
Veli
KanIk (1914-1950)
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Samstag,
11. Mai
Flughafen
Istanbul (Dış Hatlar): Empfang durch die Gastgeber Ankunft 15.30 Uhr –
(Istanbul Airlines)
as sind die drei Stunden
Flug von Hannover nach Istanbul, wenn Anfahrt, Einschecken, Ankunft, Paßkontrolle,
Warten auf das Gepäck und Autofahrt über die Schnellstraßen nach Istanbul
das Doppelte dieser Zeit in Anspruch nehmen? Für die Piloten ist diese Route
wohl auch nur eine Bagatellstrecken, hin und zurück im täglichen
Pendelverkehr.
Mit Istanbul Hava
Yollarx sind wir durch Öger Tour nun schon mehrfach geflogen, früher auch
mit Birgen Air, die ja nun vom Markt verschwunden sind. So ist vom Flug nichts
Besonderes zu vermelden, das Fertigessen alla
turca belanglos fad, aber eßbar, der Flug ruhig und Pünktlich, business
as usual...
Schön ist aber
jedesmal der freudige Empfang durch die ›Gasteltern‹ unserer Schülerinnen
und Schüler in der Ankunfthalle des Atatürk-Flughafens. Bis dann alle ihre Familien gefunden, keiner übrig geblieben und das Gepäck
regelrecht verteilt ist, vergeht einige Zeit; kurze Verabschiedung bis Montag,
in der Schule... dann mit Herrn und Frau Türkoälu, bei denen Rainer Gusky
untergebracht ist im Auto zur Istanbul Lisesi, wo die Lehrer, Günter Fuchs
und ich, als einzige im Internat der Schule untergebracht werden. Daß zunächst
auch Rainer Gusky hier unterkommen mußte, hing an unerwarteten Zwischenfällen,
über die er selbst in seinem nachfolgenden Bericht Auskunft geben wird. Frau
Türkoälu, Lehrerin an der Istanbul Lisesi, ist diesmal für die Betreuung
der Gruppe in Istanbul zuständig, da sie letztes Jahr auch die türkische Schülergruppe
bei ihrem Besuch in Hannover begleitet hatte – und bei Rainer Gusky wohnen
konnte.
Das Internat für
Jungen der Istanbul Lisesi hat im Kellergeschoß eine Reihe von Gastzimmern,
in denen, falls einmal eine Familienunterbringung nicht klappen sollte, auch
eine ganze Gruppe untergebracht werden könnte. Vor einigen Jahren, als wir
kurzfristig einen Besuchstermin verschieben mußten, waren wir dann auch hier
untergebracht. So bleiben nur die begleitenden Lehrer in dieser ›minder komfortablen‹ Unterkunft auf unterstem
Jugendherbergsniveau mit einer Verpflegung, der man die Finanznöte der Schule
doch deutlich herausschmecken kann. Vielleicht kann es sich die
Reiseorganisation in kommenden Jahren jedoch leisten, die Begleitpersonen ohne
finanzielle Zusatzbelastungen in einem kleinen Hotel in der Altstadt nahe der
Schule unterzubringen... Es sei denn, wie die Schule plant, daß das ganze
Internat abgerissen und ›luxuriös‹
wieder aufgebaut würde...
Diese Pläne stehen
mit weitreichenden Umbaumaßnahmen im Zusammenhang, von denen der Neubau einer
zugeordneten privaten Grundschule auf dem Grundstück, hangabwärts auf der
anderen Seite des Schulhofes, schon während unseres Besuches Gestalt annahm.
Was Ausschachtungsarbeiten und Neubauten in der Istanbuler Altstadt auf
historischem Grund und Boden mit einer Vielzahl noch unerkundeter
Siedlungshorizonte für Probleme bereitet – statische und denkmalschützerische,
die z.B. schon den Bau einer dringend notwendigen Tiefgarage verhinderten –,
kann man sich vorstellen.
Den Nachmittag
verbrachten wir nun in Gesellschaft von Herrn und Frau Türkoälu, die uns zu
einem Spaziergang durch das derzeit in Restauration und Sanierung befindliche
alte Stadtviertel von Pera, um den
alten Namen hier zu gebrauchen, bis zum Taksimplatz,
dem quicklebendigen Einkaufs- und Flanierzentrum des Istanbul der ersten Hälfte
dieses Jahrhunderts. Und schließlich zum gemeinsamen Abendessen in einem
idyllischen Restaurant beim Çiçek-Pazari (›Blumen Bazar‹), von dem
Rainer Gusky noch berichten wird...
Zunächst aber noch
einige Eindrücke, die mein Kollege Fuchs an diesem ersten Tag der Fahrt
gesammelt hat. Er schreibt von der Fahrt zum Flughafen. „Dort begann erst
einmal die übliche Warterei, die Eltern gaben ihren Sprößlingen zum
wiederholten Male gute Ratschläge mit, wir Lehrer wurden nochmals sorgenvoll
befragt, ob es denn in der Türkei wirklich sicher wäre, der Beauftragte des
türkischen Reisebüros tauchte auf, die Pässe wurden eingesammelt, und dann
wurde es tatsächlich ernst. Unsere kleine Gruppe, bestehend aus 14 Schülern
der Klassenstufen acht bis elf, Kollege Voigt und Rainer Gusky, ein vorzeitig
in Ruhestand versetzter Beamter mit guten Türkischkenntnissen, reihte sich in
die Schlange vor dem Schalter ein, wir schoben unsere Gepäckstücke aufs Förderband
und ließen uns letztlich gründlich durchsuchen. Ganz interessiert
beobachteten die Schüler auf dem Monitor, was in den einzelnen Reisetaschen
verborgen war, es ließ sich erstaunlich gut ausmachen!
Im Warteraum gab es
dann die erste Aufregung, ein Schüler suchte verzweifelt nach seiner
Bordkarte; innerhalb von nur wenigen Minuten war es ihm gelungen, die Karte so
zu verlegen, da sie nicht wieder aufzufinden war. Also zurück durch die
Sperre, den Angestellten am Schalter unser Leid geklagt, in äußerst netter
Weise dann aber die Beruhigung für Henning, da er auf jeden Fall mitfliegen dürfe,
er mußte nur als Letzter einsteigen.
Der Flug verlief sehr
angenehm, ich hatte meinen Platz in der ersten Reihe am Gang und saß daher
recht bequem, der Himmel war stark bewölkt, so da fast nichts zu sehen war;
ständig fuhren die Stewadessen ihre Karren beladen mit Getränken, dem üblichen
Hähnchenschenkel mit Beilagen als Imbiß, zollfreien Zigaretten und
Alkoholika durch den schmalen Gang. Die Zeit verging daher im wahrsten Sinne
des Wortes wie im Fluge. Über dem Bosporus riß die Wolkendecke auf und, da
wir einige Kurven flogen, genossen wir einen schnellen Blick auf Istanbul.
Die üblichen
Formalitäten am Flughafen waren bald abgewickelt und wir wurden herzlich von
den Gastgebern begrüßt. Die Schüler kannten ja ihre Gastgeber schon, die
nun von ihren Eltern begleitet wurden; wir Begleiter waren schnell vergessen,
ein kurzes Winken und wir drei standen mit der türkischen Kollegin Ümran Türkogulu
und ihrem Mann alleine da. Ümran kannte ich schon vom letzten Jahr aus
Hannover, als sie mit der türkischen Schülergruppe in Deutschland war, und
wir gemeinsam in Bremen waren. Außerhalb des Flughafengebäudes empfing uns
eine warme Wand, ein krasser Gegensatz zum Wetter in Hannover: wir merkten
sofort, da wir weit nach Süden vorgedrungen waren!
Die Fahrt zur Schule
zeigte mir schnell einige Veränderungen, es waren neue Viertel entstanden,
die eine erhebliche Ausdehnung hatten; das wirkliche, oder besser
erschreckende, Ausmaß des immensen Wachstums nahmen wir erst im Lauf der nächsten
Tage wahr. Andererseits war der Weg in Richtung Stadt am Ufer des Bosporus
entlang auch noch ein wenig vertraut, die schlichte Uferpromenade, die einfach
ausgestatteten Spielplätze, die Schiffe auf der Reede, die Stadtmauer, natürlich
auch der dichte Verkehr, selbst der Weg durch die Altstadt waren mir noch
bekannt. Die Schule hatte allerdings eine neue Pförtnerloge, und der alte Pförtner,
den Kollege Voigt seit vielen Jahren kannte, war inzwischen durch eine Garde
junger Angestellter abgelöst worden, die uns aber nicht weniger zuvorkommend
in den nächsten Tagen ein- und ausließen. Wir bezogen im Internat der Schule
unsere Räume, machten uns schnell ein wenig frisch und schon wartete der
erste Programmpunkt auf uns.“
Günter Fuchs
Sonntag,
12. Mai
Bei
den Familien
Bei Familie Türkoğlu
ei der diesjährigen
Reise sollte ich auch einmal in den Genuß kommen bei einer türkischen
Familie unterzukommen, um die dortigen Lebensverhältnisse näher kennenlernen
zu können. Normalerweise werden seitens der türkischen Gastgeber Lehrer und
Begleitpersonen nicht in Familien, sondern in Gästezimmern des Internats
untergebracht. Dennoch habe ich, weil wir im letzten Jahr eine türkische
Begleiterin bei uns aufgenommen hatten, und so schon im Vorwege von ihr eine
Einladung bekommen, sie zu
besuchen.
In Istanbul angelangt
mußte Ümran, meine Gastgeberin, sich bei mir vielmals entschuldigen, da sie
mich im Moment nicht aufnehmen könne, weil Handwerker im Hause seien, die
nach einem elektrischen Defekt suchen, denn überall im Haus bekäme man an
den Wasserleitungen einen elektrischen Schlag. Also ging es erst einmal in das
mir wohl vertraute Internat.
Das Wochenende war
sehr ausgefüllt, da Ümran und ihr Mann Sabahattin sich sehr um unser
Wohlergehen gekümmert haben. Am Samstag wurden wir gleich in ein sehr altes
Hotel »entführt«, in dem ein sehr gemütliches Café ist, in dem Ümran
gelegentlich auch mit Freundinnen sitzt, um einen Plausch zu halten. Die Suite
von Kemal Atatürk, noch im original
Erhaltungszustand, ist eine von vielen weiteren Suiten prominenter Leute, die
hier ihre festen Zimmer hatten, die wir besichtigen durften. Anschließend
machten wir im Stadtteil Taksim
einen Stadtbummel und kehrten dann von einer neu eingerichteten Fußgängerzone
im Çiçek-Pazari in einer
Lokalmeile in ein Restaurant ein, um uns an den vielen leckeren Vorspeisen,
frisch zubereitetem Fisch und dem vom Gastgeber verbindlich gereichten Rakı gütlich
zu tun. Wie alte Bekannte, die sich längere Zeit nicht gesehen haben wurde
uns wie selbstverständlich ein schöner Tagesausklang beschert. Die Verständigung
ist in Türkisch und Englisch ganz gut gegangen.
Da Ümran’s Mann
gleich für mehrere Jahre in Efes,
in der Hagia Sofia, im Topkapı Saray als archäologischer Direktor gearbeitet hatte und
derzeit im Yıldız Saray arbeitet,
ist es nicht verwunderlich, daß wir gleich am Sonntag ins Archäologische Museum eingeladen wurden. Sabahattin’s Namen
konnten wir mit seinem Einverständnis immer wieder als unseren Gastgeber
angeben, um in den Dolma Bahçe Palast,
ins Kulturmuseum oder in andere Museen kostenlos hineinzugelangen.
Am Mittwochvormittag
wurden bei Türkoğlu die Reparaturarbeiten beendet und ich konnte dann
nachmittags mit zu ihnen nach Hause fahren. Da sie auf dem Gelände des Yıldız
Saray’s eine Dienstwohnung bezogen haben, sind wir erst einmal ins Museum
gegangen, wo Gebrauchsgegenstände, Bekleidung, eine Kutsche, Möbel, Gemälde,
Waffen und Schmuck der letzten Sultanatszeit ausgestellt wurden. Anschließend
schlenderten wir durch den herrlichen Garten des Palastes. Auf dem Weg zur
Wohnung, fast am Ende dieser Anlage, mußte Sabahattin noch das dazugehörige
Privattheater zeigen. Yıldız bedeutet Stern und so war es nicht verwunderlich,
daß die in blau gehaltene Decke mit vielen goldenen Sternen versehen war.
Einige Originalkostüme des letzten Jahrhunderts sind neben ersten Fotografien
von Schauspielern in einem Nebenraum ausgestellt.
Nun durfte ich tatsächlich
die Wohnung meiner Gastgeber kennenlernen. Wie sich das so gehört, werden
hier die Schuhe vor der Wohnungstür ausgezogen, denn für Gäste sind immer
genügend Hausschuhe vorhanden. Ich durfte das freie Zimmer des Sohnes
beziehen, da dieser in Ankara studiert und nur noch gelegentlich zum
Wochenende mal nach Hause fährt. Das Mobiliar und die Art der Gestaltung sind
dem Stil des Hauses angepaßt und könnten auch irgendwo aus einem westeuropäischen
Land stammen. Technische Geräte, sowie sanitäre Einrichtungen kommen einem
sehr vertraut vor. Der kleine Unterschied besteht nur darin, daß die Türkoğlus
zur türkischen Oberschicht gehören und sich diesen Status nur halten können,
weil auch Ümran berufstätig ist.
Mir blieb gerade noch
genug Zeit meine Gastgeschenke zu überreichen, mich frisch zu machen und
umzuziehen, um dann im asiatischen Teil Istanbuls Ümrans Schwester zu
besuchen. Einfluß kann man darauf überhaupt nicht nehmen, da alles schon im
Vorwege organisiert wurde. Nach dem Parken in der Hofzufahrt gingen wir durch
einen großzügig angelegten Garten zum Haus. Es liegt auf einer Anhöhe mit
Blick zum Bosporus.
Das Haus war einmal,
so wie es sich später herausstellte, als Doppelhaus im typischen Holzbaustil
der Jahrhundertwende errichtet worden. Da das Gebäude sehr verfallen war und
daher günstig zu erwerben war, wurden Trennwände herausgenommen und aus zwei
ein herrlich restauriertes Stadthaus herausgeputzt.
Man hat uns schon
erwartet und tauscht die üblichen Begrüßungsfloskeln: „How geldiniz!“,
„How bulduk!“, aus. Die Straßenschuhe wurden im Eingang ausgezogen und
Hausschuhe gereicht. Nach dem allgemeinen Erfragen nach dem Wohlbefinden kümmert
man sich erst einmal wenig um mich. Ich bin einer der Gäste, werde wie alle
behandelt, darf mich frei bewegen und bekomme höflicherweise noch ein Getränk
angeboten. Nur die beiden Kinder Ufuk, 9 Jahre alt, und Wafka, 19 Jahre alt,
zeigen wahres Interesse. Ufuk, weil er Französisch kann und hofft seine
Kenntnisse nun an den Mann bringen zu können, und Wafka, weil sie Englisch
studiert, geht es nicht anders. Da ich fast kein Französisch spreche, müssen
wir uns wohl in Türkisch oder Englisch unterhalten. Die Eltern sprechen fließend
Französisch und Englisch, so daß allgemein eine Unterhaltung in Türkisch
und Englisch möglich ist. Während des Essens wird viel erzählt und man
merkt erst beim Dessert wieviel Gänge es doch gegeben hat. Ein Mokka bildet
den Abschluß der Festtafel, obwohl, so wurde mir gesagt, solch eine
Speisenfolge hier in der Familie üblich sei, da Ümrans Schwester, Nazen,
leidenschaftlich gerne kocht. Da sich die drei Damen wohl etwas langweilten
und obendrein noch gerne spielen, ließen sie Sabahattin Nachrichten schauen,
und mich überredete man zum Scrabblespielen – selbstverständlich ein türkisches
Spiel. Der Abend wurde lang und kurioserweise wurde ich vor Wafka, die sonst
immer gewinnt, mit nur wenigen Punkten Vorsprung Tagessieger.
Am nächsten Tag
starteten wir unsere Rundreise, so daß ich dann den letzten Tag in Istanbul,
nach unserer Rückkehr, nochmals mit der Familie Türkoğlu verbringen konnte,
In der Zwischenzeit war eine Freundin von Ümran aus Wien eingetroffen. Helga,
selbst Lehrerin, interessierte sich für die Kulturwoche an der Istanbul
Lisesi und hat dafür vier Tage Urlaub genommen. Eine Nacht blieb sie noch.
– – Was machen zwei Schwestern, die sich gut verstehen? Sie arrangieren
nochmals einen schönen Abend für uns bei Nazen.
Da Helga auch französisch
spricht wurde dies ein besonders lustiger Abend, da wir uns nun in vier
Sprachen unterhielten. Es wurde wieder Mitternacht und der Abschied fiel uns
nun schwer. Man fühlte sich wie ein Familienmitglied, freundlich behandelt,
mit eingebunden aber auch nicht pausenlos umsorgt. Inwallah göruwürüz!
Rainer Gusky
Meine türkische Gastfamilie ...
Als wir am 11.5.1996 auf
dem Atatürk Flughafen in Istanbul gelandet sind, war ich schon ziemlich
aufgeregt, meinen Austauschschüler Mehmet Kalaycioälu endlich wiederzusehen
und seine Eltern und Schwester kennenzulernen.
Dann, als wir mit der
Paßkontrolle fertig waren und unsere Koffer abgeholt haben, wurden wir
bereits von den türkischen Schülern und deren Eltern erwartet.
Nach der Begrüßung
und einigen Fragen über den Flug usw. ging es dann auch gleich nach Hause.
Dort angekommen, warteten Mehmets Mutter und Schwester auf uns. Ich wußte
nicht recht, wie ich Mehmets Mutter begrüßen sollte, doch sie nahm mich
gleich in den Arm und gab mir einen Kuß, was ich sehr nett fand, da sie mich
nicht wie eine Fremde behandelte, sondern wie jemanden, der zur Familie gehörte.
Danach, hat mir Selin, Mehmets Schwester, ihr Zimmer gezeigt, in dem ich für
eine Woche schlafen würde.
Noch am gleichen Tag
sind wir alle zusammen, mit Mehmets Onkel und seinen Töchtern essen gegangen.
Das Essen dort, war sehr, sehr lecker, vor allem der Nachtisch!!!
Als wir mit dem Essen
fertig waren, es war schon Abend, sind wir noch auf einen Hügel gefahren, von
wo aus man auf Istanbul gucken konnte und da es schon dunkel war, war es sehr
schön, die vielen Lichter zu beobachten.
Danach sind wir dann
nach Hause gefahren und ich habe mich gleich schlafen gelegt, denn es war ein
anstrengender aber auch sehr schöner Tag gewesen
Was ich auch sehr
nett von den Eltern fand, war daß sie mir auch sehr viel über die Türkei
erzählt haben; obwohl die Mutter nur Englisch und der Vater nur türkisch
konnte, hat uns das keine großen Probleme bereitet und ich war sehr froh, daß
ich in eine so nette und liebenswürdige Gastfamilie gekommen bin.
Patrizia Wasilewski, 9a
Familienbericht von Renate
Als ich am Tag unserer
Anreise aus dem Flugzeug stieg, hatte ich schon ein komisches Gefühl im
Bauch. Es war mein erster Besuch m der Türkei, und ich hatte keine Ahnung,
was mich erwarten würde. Mein Austauschschüler und seine Mutter holten mich
vom Flughafen ab. Emre hat schon im August bei mir gewohnt, so daß ich froh
war, bei ihm untergekommen zu sein, da er wirklich sehr nett und höflich ist,
und wir uns während seiner Zeit in Deutschland gut verstanden haben. In der
Wohnung angekommen, wurde ich erst einmal von Emres Haustier, einem
Wellensittich, begrüßt.
Ich hatte während
der Woche in Istanbul mein eigenes Zimmer, und damit ich nicht immer auf
Socken durch die Wohnung laufen mußte, bekam ich ein paar Hausschuhe
geschenkt. Nachdem ich mit dem Duschen fertig und Emres Vater von der Arbeit
gekommen war, wurde ich zum Essen eingeladen: mit einem der zwei Autos ging es
ein paar Minuten durch die Stadt, in der es um 20 Uhr immer noch so voll war,
wie in Deutschland zur Rush-Hour. Im Restaurant angekommen, wurde das Essen
bestellt. Für mich war es sehr hilfreich, daß jedes Gericht auf einem Foto
abgebildet war. Das, was ich aufgetischt bekam, war köstlich, und ich habe
sehr viel probiert, auch von Sachen, die mir vorher gänzlich unbekannt waren
Wieder zu Hause angekommen, setzte ich mich erst einmal daran, die vielen
Eindrücke zu verarbeiten, indem ich einen Brief an eine Freundin schrieb. Wie
gut, daß der nächste Tag ein Sonntag war, und ich noch mehr dieser tollen
Stadt zu sehen bekam! Der darauffolgende Abend war mindestens genau so schön,
da mein Vater zu einem gemütlichen Essen zu Hause eingeladen wurde. Verständigungsprobleme
gab es praktisch nicht: beide Elternteile sprachen gut Englisch.
Um meinen Aufenthalt
so angenehm wie möglich zu machen, fragten sie mich immer nach meinen Wünschen,
und ich bin Ihnen für alles sehr dankbar. Ich glaube, daß ich mich noch
nirgends so wohl gefühlt habe, wenn ich mal woanders war, als zu Hause.
Einen unbedeutenden
Nachteil hatte das Ganze aber: Ich mußte schon um 6 Uhr aufstehen, um pünktlich
zur Schule zu kommen. Gemessen an der Zeitverschiebung waren das für mich 2
Stunden früher, aber wenigstens konnte man während der 60 Minuten Busfahrt
zur Schule noch mal ausschlafen.
Die Woche dort war
leider viel zu schnell vorbei, ich hätte sie am liebsten noch um mindestens
eine verlängert. So wie mir ging es noch einigen aus der Gruppe, doch wir
konnten es nun mal nicht ändern. Aber wir sollten ja nach 11/2 Wochen
Rundreise noch einen Tag, oder besser eine Nacht, in den Familien verbringen.
Als ich mich dann endgültig verabschieden mußte, bekam ich noch einige
Geschenke von der Mutter, die mich immer wieder gerne an meinen Aufenthalt
erinnern ...
Renate Fuchs
Beate berichtet über ihre Gastfamilie
ls wir am Samstag, den
11. Mai, pünktlich um 15.30 Uhr (Ortszeit) auf dem Istanbuler Flughafen
landeten, konnte ich immer noch nicht glauben, daß auch ich endlich die
wunderbare Türkei, über welche mir schon so viel erzählt wurde,
kennenlernen würde. Am meisten war ich natürlich auf meine Gastfamilie
gespannt und freute mich riesig meinen Austauschschüler, Ali Wirvan Yüksel,
welcher im letzten Jahr bei meiner Familie zu Gast war,
wiederzutreffen.
Mein erster Eindruck
von Istanbul auf der Fahrt vom
Flughafen „nach Hause“; nach Beylerbey überwältigte mich schon total,
und ich war mir ziemlich sicher, daß mein Aufenthalt in dieser bezaubernden
Stadt einfach nur super genial
werden würde, was sich schließlich in der folgenden Woche bestätigte.
Wie nicht anders zu
erwarten, war natürlich auch die Familie von
Wirvan überaus gastfreundlich, so daß ich mich fast wie zu Hause fühlte.
Sie taten wirklich alles, um mir keine Langeweile zu bereiten, so luden sie
mich z.B. in luxuriöse Restaurants oder zum Bowlen ein, machten mit mir einen
Einkaufsbummel und versuchten mich im Computerspielen zu schlagen (was ihnen
zu meinem Bedauern natürlich auch meistens gelang).
Selbstverständlich
hatte ich auch gewisse Befürchtungen, z.B. daß mir das türkische Essen
nicht bekommen würde, was sich allerdings als völliger Quatsch erwies, denn
Frau Yüksel, Hausfrau und Mutter, ist eine ausgezeichnete Köchin und überraschte
mich zu jeder Mahlzeit mit ihren türkischen Spezialitäten aufs Neue.
Die Verständigung
mit meiner Gastfamilie verlief eigentlich recht gut, wenn man bedenkt, daß
Wirvans Vater, Besitzer einer Papierfabrik, weder Deutsch noch Englisch und
seine Schwester, Shirin, und seine Mutter (im Gegensatz zu mir) fließend
Englisch sprechen.
Dies führte dann des
öfteren auch zu äußerst witzigen Mißverständnissen. Aber egal, auf jeden
Fall war ich tierisch traurig, als wir am Freitag, den 17. Mai, unsere
Rundreise nach Anatolien antraten, und ich hoffe sehr, daß ich meine
Gastfamilie auch bald wiedersehen kann.
Beate Pohlmann
Montag,
13. Mai
Treffen
in der Schule, Unterrichtsbesuche – Empfang der Gäste durch den türkischen
Schulleiter Mahir Yegmen – Mittagessen in der Schule – Besuch der
Zisterne »Yerebatan Sarayı« und des Topkapı Serails – Rückkehr zur Schule
TOPKAPI SARAYI: Der große Palast
Das
Serail des Großherrn ist das erste, was ein jeder, der nach Constantinopel
zur See kommt, erblicket. Das Gebäude ist ganz und gar nicht prächtig,
sondern sehr einförmig; aber die daran befindlichen Gärten geben demselben
nach der Seeseite einen schönen Prospect. Eigentlich heißt es Serrai,
welches türkische Wort einen Pallast bedeutet. Die Franzosen nennen es
Serail. Es stehet auf einem Hügel an dem Orte, wo ehemals Byzantium gewesen.
Oben sind die Logimenter, und unten gehen die Gärten durch. Es hat drey
Meilen im Umfange, und ist triangulair. Zwo Seiten davon sind nach der
Seeseite, und von den Mauern der Stadt umschlossen, die dritte Seite aber ist
durch eine besondere, mit vielen Thürmen versehene Mauer von der Stadt
abgesondert. In diesen Thürmen, dergleichen auch in den Mauern nach der See
zu sind, halten die Aadgemogians, welche ausgesuchte, und sehr feine Leute
sind, beständig Wache. Auf der Seite des Hafens, gegen Galata über, ist ein
erhabener, und von vielen schönen marmornen Säulen unterstützter Pavillon,
auf welchem der Großherr oft, frische Luft zu schöpfen, erscheinst. Auf der
andere Seeseite ist noch ein Pavillon, wo der Großherr sich auch oft
belustigst, und der Ceremonie zusiehet, wie die Griechen am Tage der Verklärung
ihre Kranken aus einer hier nahe gelegenen Quelle trinken lassen, und sie bis
am Halse im Sande vergraben. Nahe dabey ist auch ein großes Fenster, aus
welchem man diejenigen, die des Nachts im Serail erdrosselt worden, in die See
wirft, und so viel deren sind, so vielmal wird eine Kanone gelöset. Nach der
Wasserseite hat dieser Pallast verschiedene Thüren, welche aber nur für den
Großherrn und einige seiner vornehmsten Bedienten sind. Die Hauptthüre,
welche die gemeineste ist, ist gegen Santa Sophia über, und wird von Capidgis
bewacht. Man kommt durch dieselbe in einen sehr geräumlichen Hof, auf welchen
die Kranken des Serails, die gleich rechter Hand ihre eigenen Wohnungen haben,
in einem von zween Menschen gezogenen Wagen hingefahren werden. jedermann, und
selbst der Großherr, machet diesem Wagen Platz, wenn er ihm begegnet.
Linkerhand ist eine Art von Zeughaus. Von hier kommt man auf den zweyten Hof,
der an zwey hundert Schritte weit ist, und rund um mit einer Galerie umgeben,
hinter welcher rechterhand die Küchen, und linkerhand die Wälle sind. Auf
diesen Hof darf außer dem Großherrn niemand kommen, und sein ganzes Gefolge
bleibet am Ende des ersten Hofs stehen. In der Mitte dieses zweyten Hofes ist
ein mit Cypressen und Feigenbäumen umgebener Brunnen, und ehedem war nahe
dabey der Ort, wo die Bassas und andere Großen enthauptet wurden. Zu Ende
dieses Hofes ist rechterhand der Saal, worinn der große Divan gehalten wird;
und linkerhand gehet man durch eine Thüre in das Serail. Niemand aber kommt
in dasselbe hinein, als der dahin gerufen wird. Ein Fremder lernt also dessen
innere Beschaffenheit niemals kennen. Die meisten Bedienten des Serails sind
Eunuchen. Diese Leute sind nicht bloß castriret, sondern des männlichen
Gliedes gänzlich beraubet. Man nimmt sie mehrentheils aus Abyßinien und
Aethiopien, in ihrem zarten Alter. Sie haben sowohl über das gesammte
Frauenzimmer des Serails, als auch über die Ichthogians, oder Pagen des Großherrn,
welche Christenkinder sind, die in der mahometanischen Religion erzogen
worden, die Aufsicht, und sonderlich halten sie die Sultaninnen in der
strengsten Zucht. Wenn diese in den Gärten spatzieren gehen, so darf kein
Schiff, obgleich die Gartenmauern sehr hoch sind, auf 400 Schritte nahe
kommen. Die Bostangis oder Gärtner stehen zu der Zeit an der Mauer, und
halten große Segel hinter die Sultaninnen, damit diese Unglücklichen, welche
selbst bey Gefahr ihres Lebens kein Auge auf die Gärtner werfen dürfen, von
niemanden auf dem Meere können gesehen werden. Eine der besten Stellen im
ganzen Reiche ist die eines Bostangi Bachi, oder obersten Gärtners. Ihm ist
es allein erlaubt einen langen Bart zu tragen. Er ist beständig um den Großherrn
auf allen Promenaden, in allen Gärten, und er regieret auch die Galliote, in
welcher der Großherr auf dem Meere spatzieren fährt. Er hat in allen Dingen
das Ohr bey dem Monarchen, und wenn dieser einen von den Großen will tödten
lassen, so schicket er den Bostangi Bachi zu ihm, um seinen Kopf zu holen.
Jean
Thevenot
(1633-1667)
Der erste Tag
Morgens trafen wir uns
auf dem Pausenhof. Dann wurden wir zum Direktor der Schule geführt. Dieser
erzählte uns in seinem Büro von der Schule und fragte auch einige, was sie
am ersten Tag mit den Familien unternommen haben. Er erklärte unter anderem,
daß die Schule jetzt eine Universität und eine Grundschule bauen werde. Die
Unterredung dauerte etwa eine Stunde.
Danach gingen wir
wieder auf den Pausenhof, wo wir dann von unserem Stadtführer abgeholt wurden
und mit der Besichtigung Istanbuls begannen. Als erstes gingen wir zu der Yerebatan
Zisterne. Die Zisterne hatte früher die Funktion, die Stadt im Sommer mit
Wasser zu versorgen. Im regenreichen Winter wurde das Wasser gespeichert und
dann im Sommer verbraucht. Diese Zisterne wurde unter Kaiser Justinian
(527-65) angelegt. Die Zisterne war auch in Kriegszeiten für die Versorgung
wichtig, wenn die Aquädukte vom Feind zerstört worden waren. Die Zisterne
ist 141m lang und 73m breit. Die Decke wird von 336 Säulen getragen. Man
wandert durch die Zisterne auf Holzstegen, die eine Rundweg bilden. Heute
werden in der Zisterne auch Fische gezüchtet.
Unser nächstes Ziel
war der Topkapi-Serail. Der Serail
ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Istanbul. Nach der
Eroberung Konstantinopels waren die Paläste der byzantinischen Kaiser bereits
zerfallen. Mehmet der II. baute deshalb einen Palast. 1462 begann er und 1478
war der Topkapi-Serail fertig. Doch erst unter Süleyman dem Prächtigen
(1520-1566) wurde die Palastanlage offizieller Sitz des Sultans. Alle
wichtigen Entscheidungen wurden nun hier getroffen. Er war sozusagen der
Hauptkoordinationspunkt des Osmanischen Reiches. Süleyman und seine
Nachfolger erweiterten den Serail beträchtlich.
Der Serail ist durch
eine Mauer von der restlichen Stadt abgetrennt. Der Serail ist in drei
Bereiche unterteilt: Den äußeren Serailhof, den mittleren Serailhof und den
inneren Serailhof. Das mittlere Tor (Tor des Heils) durfte nur vom Sultan
durchritten werden durfte. Neben dem Tor erblickt man den
“Henkersbrunnen”. Hier wusch der Scharfrichter nach der Exekution das
blutbefleckte Schwert oder Beil. Im mittleren Serailhof befindet sich auch das
Küchengebäude, wo früher die Hofküche war. Bis zu 2000 Mahlzeiten am Tag
wurden hier zubereitet. Heute befindet sich in der Hofküche die prachtvolle
Porzellansammlung der Sultane. Die Sammlung besteht aus über 10.000
wertvollen und seltenen Stücken. Sie wurde im wesentlichen von Selim dem I.
und Süleyman dem Prächtigen im 16. Jahrhundert zusammengetragen. Durch ein
weiteres Tor gelangt man dann in den inneren Serailhof. Hier stehen zwei Gebäude,
der Audienzsaal und die Bibliothek Ahmets des dritten. Der Brunnen vor dem
Audienzsaal diente früher dazu, daß draußen Wartende dem Verlauf der
Audienz nicht folgen konnten. Die Sammlung in der Bibliothek enthält mehr als
4000 wertvolle alte Handschriften. Im inneren Hof ist auch die Schatzkammer.
Diese Schatzkammer ist mit das Bekannteste vom ganzen Serail. Man sieht hier
viele wertvolle Stücke u. a. den Thron des Nadir Schah, mehrere sehr
wertvolle Diamanten und den goldenen Thron. Der Thron des Nadir Schah, der dem
Sultan geschenkt worden war soll angeblich mit über 25000 Perlen besetzt
sein. Der goldene Thron ist ebenfalls sehr wertvoll. Er ist mit 954 Topasen
geschmückt und das Gold hätte eingeschmolzen ein Gewicht von 250 kg. Der
vierte Hof ist an der nördlichen Ecke. Von hier aus hat man einen sehr schönen
Blick auf den Bosporus. Hier befinden sich auch noch Gartenanlagen. Von der früheren
Schönheit des Tulpengartens ist jedoch nicht viel erhalten. In den Anlagen
befinden sich ferner mehrere Pavillons auch Kioske genannt. Wenn man
weitergeht kommt man zum Reliquienhaus mit mehreren Reliquien unter anderem
von Mohammed. Und zu der Waffensammlung, wo man alte Waffen aller Art sieht.
Schließlich kommt man noch zum Harem. Dieser Komplex wurde zwischen dem 16.
und 17. Jahrhundert errichtet. Die Gebäude dienten dem Sultan und seiner
Familie als Wohnung und durften nur von ihm und seinen engsten Verwandten
betreten werden. Das ist das Ende des Rundgangs. Hiernach gingen wir zurück
zu Istanbul Lisesi, wo dann jeder zu seiner Familie zurückfuhr.
Henning Sann
TOPKAPI
SARAYI: Ein Labyrinth
Von den
vierhundert Zimmern des Harems werden wir etwa fünfzig sehen, aber zuerst müssen
wir durch die Quartiere der schwarzen Eunuchen und ihren gemeinsamen Baderaum
gehen. Links und rechts der Türen erstreckt sich ein langer, finsterer
Korridor. Fast in Deckenhöhe zwei große Querstangen und, an der Wand hängend,
ein dicker Knüppel, um die ungehorsamen Sklaven zu züchtigen. Die Neuankömmlinge
entgehen ihm nicht, selbst wenn sie nichts getan haben: Willkürliche
Vorbestrafung, ohne anderen Grund als den, sie mit dem Ton des Hauses
bekanntzumachen. Ich schaue mir lieber die kleinen, blaugekachelten Zimmer an,
in denen die Konkubinen des Sultans warteten und warteten, daß er sich in
einer zufälligen Sinneslaune an die eine oder andere von ihnen erinnerte.
Eine Matratze zum Schlafen auf dem Boden, ein winziger Diwan, das war ihr
Platz in dieser hübschen kleinen Hölle, wo die Mädchen unter den zu ewiger
Blüte erstarrten zarten blauen Blumen an den Wänden in den Zügen ihrer
zahllosen Rivalinnen die ersten Vorzeichen des Welkens zu entdecken suchten.
Man kann sich den Klatsch und die Zänkereien vorstellen ... Über Gänge und
Korridore, an den Gemächern der Sultaninnen vorbei, gelangen wir endlich zum
Herrn und Meister, wo lange Sofas sich den Wänden entlang aneinanderreihen.
Das Blaugrün der Keramikfliesen erfreut und erfrischt das Auge. Ein
Springbrunnen, dessen Plätschern das vertrauliche Geflüster übertönt –
denn der Argwohn ist überall in den orientalischen Palästen zu spüren. Der
Schrecken dieser geheimen Welt schlägt einem wie in Schwaden entgegen, während
man von Zimmer zu Zimmer geht. Hier, in einem kleinen Speiseraum, sind Früchte
an die Wände gemalt, um den übersättigten Appetit des zarter als die
anderen besaiteten Sultans anzuregen; dort, die Muscharablen aus Steingut,
durch die sich die Fürsten bespähen. Wie soll ich mir das alles notieren?
Ich bin es müde, mich mit einem Labyrinth herumzuschlagen, und ziehe es vor,
in den Gärten spazierenzugehen, den Himmel wiederzusehen. Kaum habe ich draußen
ein paar Schritte getan, da verspüre ich eine Art von Glücksgefühl, fast
von Freude, nach der erstickenden Atmosphäre des Harems. (...) Wenn man das Serail verläßt, verlängern
sich seine Wege durch vernachläßigte Obstgärten, erstrecken sich über
Terrassen und Eukalyptusalleen, in denen der Wind mit einem leisen Knistern
durch die harten Blätter fährt, bis zum Bosporus hinab. Ganz unten, wenn man
jenseits des Walls ist, sieht man einen runden Mauervorbau, der den Spähern
des Sultans gestattete, das Kommen und Gehen gegenüber zu beobachten. Gegenüber
beim Großwesir, denn die Hohe Pforte war er, und wenn er auch manchmal im
gegenständlichen Sinne den Kopf verlor, so hatte er doch die Ehre, für die
Welt das ottomanische Reich zu repräsentieren. Hinter dieser Hohen Pforte mit
ihrem extravaganten Rokokoschutzdach im Wiener alla-turca-Stil führen
schattige Alleen zu den Ministerien.
Julien
Green
(geb. 1900)
Der Besuch im Topkapx
Sarayx regt an zu Überlegungen über die Gesellschaft, die eine solche
Lebens- und Staatsform hervorgebracht hat, so unendlich fremd der heutigen Türkischen
Republik auf ihrem Weg zu Integration in die globalisierten Weltmärkte und
das überstaatliche Weltsystem der
Gegenwart.
Unbeschreiblicher
Prunk und Reichtum, doch eine höfische Lebensform hinter Mauern, doch keine
Prunkentfaltung nach außen... Manches kommt bekannt vor aus der europäischen
Geschichte des Feudalismus und des Absolutismus, manches jedoch fremd. Ähnlich
wie die Bildung der ersten nachantiken Staaten in Mittel- und Westeuropa durch
eine bis zur Völkerwanderung germanische Kriegerkaste – die Ritter,
Grafen und Fürsten der ›Franken‹ – wanderten auch in Anatolien die
Türken als Reiter- und Kriegervolk ein und konnten sich zunächst unter dem
Supremat des Byzantinischen Reiches, dann des islamisch-arabischen Kalifats
ansiedeln und regionale Autonomie erkämpfen.
Das osmanische
Sultanat war von Anfang an auf eine Kriegerkaste gebaut. Der Reichtum des
Osmanisches Reiches war durch Expansion, Eroberung und Ausbeutung, nicht aber
durch eine systematische Entwicklung eigener landwirtschaftlicher oder
gewerblicher Ressourcen gesichert, so daß die ökonomisch-soziale
Existenzkrise zwangsläufig mit dem Ende der Expansion, das heißt mit der
Niederlage vor Wien, mit den Niederlagen gegen Habsburg und dem sukzessiven
Verlust von Ungarn und den Balkanstaaten über das Sultanat hereinbrach und es
immer weiter in ökonomische und machtpolitische Abhängigkeit von den
aufstrebenden westeuropäischen Hegemonialmächten brachte.
Das Osmanische Reich
entwickelte sich in Laufe von etwa dreihundert Jahren von einem europäisch-nahöstlichen
Machtzentrum, von einem der größten Imperien der europäischen Geschichte zu
einem Land der Semiperipherie, während
sich das heutige ökonomisch-politische
Weltsystem entwickelte.
Doch die Unterschiede
liegen im Detail, sind aber nichtsdestoweniger von entscheidender Bedeutung für
die zivilisatorische Entwicklung der Türkei. Während in Europa seit dem Spätmittelalter
die Entwicklung der Städte und des Fernhandels zur Bildung eines selbstbewußten
und sich emanzipierenden Bürgertums führte, blieb im Osmanischen Reich
Reichtum und politischer Einfluß allein auf den Sultanshof und eine kleine
militärische und geistliche Oberschicht konzentriert: wohl auch, weil die
Expansionspolitik viel länger erfolgreich war als in Europa, wo sie vom
Kolonialismus in ›überseeische Gebiete‹ abgelöst wurde. So ist es für
die Türkei typisch, daß eine strikte kulturelle Zweiteilung stattfand in
eine osmanische höfische Kultur, für
die das Topkapx Sarayx steht – mit einer eigenen Sprache, dem Osmanli –, und die türkische
Volkskultur, die in den übrigen beherrschten Regionen von den jeweiligen
Regionalkulturen ersetzt wurden, was ihnen später die Bildung von regionalen
Nationalismen und der regionalen gesellschaftlichen Integration erleichterte,
wodurch der Begriff ›Türke‹ zu
einer schimpflichen Bezeichnung für den unkultivierten,
ungebildeten Landbewohner geworden ist.
Im Gegensatz zu
Westeuropa ist also die höfische Kultur
in der Türkei nicht ›nach unten
durchgesickert‹ und zum Bestandteil einer kulturellen Integration
geworden. Das bedeutete für die neue Türkische Republik, einen eigenen
kulturellen Kontext und ein politisch-gesellschaftliches Integrationsmodell zu
finden, das sich nicht aus dem Osmanli,
sondern aus einer, oft eher konstruiert wirkenden Volkskultur und dem Rückgriff
auf den Nationalismus europäischer Prägung entwickelte: eine schmerzhafte
Kulturrevolution, die noch nicht abgeschlossen ist.
Halk Dansları Yarışması Finali
as verbirgt sich hinter
dieser Ankündigung? Am 13. Mai 1996 fand im Atatürk Kültür Merkezi
(Kulturzentrum) in Istanbul das Finale der besten türkischen Folkloregruppen
statt. Zu dieser Veranstaltung wurden wir drei Begleiter vom Ehemann der
Kollegin Ümran Türkoğlu eingeladen, der als Mitglied der Jury sicher über
genügend Karten verfügte, darüber hinaus aber auch uns einen besonderen,
landestypischen Leckerbissen
anbieten wollte.
Voller Erwartung ließen
wir uns per Taxe zum Veranstaltungsort fahren und betrachteten auf dem
Vorplatz die illustre Gästeschar – zwangsweise, denn unsere Gastgeber verspäteten
sich wegen des selbst 19.30 Uhr noch äußerst dichten Verkehrs. Die Palette
der Bekleidung reichte vom normalen Tages-Outfit bis hin zu erstaunlich
aufwendigen und auffallenden Roben. Mittendrin immer wieder Polizisten und
Wachpersonal, über deren massive Anwesenheit wir zunächst recht erstaunt
waren. Dann ging es aber hinein. Ümran Hanim lotste uns am Empfangstisch
vorbei, wobei allein ihr Name ausreichte, um uns höflichst hereinzubitten,
die zurückgelegten Karten wurden gar nicht erst gesucht! Im Foyer drängte
sich eine große Zahl von Besuchern, überall waren Stände aufgebaut, an
denen man sich mit verschiedensten Getränken bedienen konnte, die Gläser mit
den unterschiedlichsten Säften, Weinen und Longdrinks waren exakt in
geometrischen Formen ausgerichtet. Durch die Menge drängten sich Kellner mit
großen Tabletts, von denen man sich nach Herzenslust mit Süßigkeiten, gefüllten
Teigwaren und vielen anderen Leckereien versorgen konnte.
Endlich schien es
loszugehen. Gegen 20.30 suchten wir uns im riesigen Theater im Parkett einen
Platz und durften weiterhin auf den Beginn warten! Dann aber hektisches
Gelaufe, Blitzlichter, helle Leuchten für Fernsehaufnahmen: der türkische
Kultusminister und der reichste Mann und gleichzeitig Hauptsponsor der
Veranstaltung, Bay Sabancı, ließen sich in der ersten Reihe nieder. Damit
erklärten sich nun auch die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Als das
Blitzlichtgewitter erloschen war, begann tatsächlich die Veranstaltung.
Die einführenden
Worte verstanden wir zwar nicht, sie hoben aber sicher die bedeutende Rolle
der Folklore hervor, huldigten bestimmt ebenso dem Minister und dem Sponsor
des Abends. Dann ließ sich die erste Darbietung nicht mehr länger
hinausschieben, das Festival begann.
Zehn Gruppen hatten
sich qualifiziert, und es erwartete uns ein äußerst buntes und vielfältiges
Programm. Fast alle Darbietungen wurden durch eigene Musikanten begleitet, die
meist laut, durch Lautsprecher enorm verstärkt, ihre Instrumente
bearbeiteten. Trommeln mit langsamen und schnellen Rhythmen, dumpfen und
hellen Schlägen, Geigen und andere traditionelle Streichinstrumente,
verschiedene Flöten, einmal auch ein Klavier wurden eingesetzt. Die Melodien
reichten von alten türkischen Weisen mit ihrer Verwandtschaft zur
orientalischen Musik bis zu stark westlich klingenden Stücken, die an
italienische Barockmusik erinnerten. Entsprechend vielfältig zeigten sich
auch Tänze und Kostüme. Meist traten gemischte Gruppen auf, bis zu dreißig
Personen, die sich auf der großen Bühne präsentierten. Die Kostüme waren
alle farbenprächtig und teilweise reich geschmückt, die landestypischen
Stilelemente waren für uns natürlich nicht zuzuordnen, dennoch war an
einigen Kostümen schon abzulesen, welchen Sinn und Aussage die Tänze haben
sollten. Wir genossen daher stärker das farbenfrohe Bild.
Die Tänze selbst,
die sich teilweise hervorragend an die Musik anpaßten, ließen oft Deutungen
zu. So gab es getanzte Kämpfe, die mit Schwertern bzw. Messern ausgetragen
wurden, Liebeswerben mit erhofftem aber auch mit vergeblichem Ausgang,
stilisierte Formationen und lebenslustige, sogar akrobatische Vorführungen.
Wir hatten große Probleme, für uns eine Wertung vorzunehmen, es fehlten uns
letztlich zu viele Kenntnisse über historische und kulturelle Zusammenhänge
einzelner Volksgruppen in der Türkei.
Einig
waren wir uns über eine Einlage einer Modenschau. Zu teilweise sehr
getragenen Klängen wurden Modelle vorgeführt, die nicht unbedingt
Begeisterung beim Publikum fanden; es waren teilweise peinliche Imitationen
von klassischen Modellen, andere ließen eine elegante Designerhand vermuten.
Leider paßten häufig Musik und Auftreten, Haltung und Gestik der Mannequins
nicht zueinander, die Aufführung war unnötig lang – der Beifall des
ansonsten begeisterungsfähigen Publikums hielt sich denn auch in bescheidenen
Grenzen.
Die Beratungszeit der
Jury wurde überbrückt durch den Gesang dreier anscheinend recht bekannter Sänger,
die, begleitet von einem großen Orchester, moderne folkloristische Lieder
vortrugen. Auch sie ernteten reichlich Beifall, sie schienen eine sehr populäre
Gruppe zu sein.
Endlich aber das Finale! Der Vorhang hob sich erneut, und alle Akteure saßen
bunt gemischt auf Stufen, die die ganze Bühne einnahmen – es war ein
farbenfrohes, prächtiges Bild. Nach weiteren Reden wurde schließlich die
siegreiche Gruppe vorgestellt und erhielt den Scheck von über 350 Millionen
Lira, umgerechnet immerhin 7000 DM. Da die Gruppen nicht selbst den Scheck
entgegennahmen, sondern der Manager vortreten durfte, bekamen wir zuerst gar
nicht mit, wer denn nun der
Sieger war; erst hinterher ließen wir uns beschreiben, welche Kostüme und Tänze
honoriert worden waren. Unsere Favoriten waren nicht dabei, unsere Maßstäbe
entsprachen wohl doch nicht den türkischen! Letztlich ist das sicher auch gut
so, wird uns auf diese Art doch sehr deutlich, daß es viele andere Kulturen
auf der Welt gibt, für die wir bisher wenig Verständnis haben, und die wir
nicht so ohne weiteres mit unseren Maßstäben bewerten können. Liegt nicht
gerade hierin ein wichtiges Ziel unserer Fahrt, nämlich uns dieses fehlende
Verständnis erst einmal bewußt zu machen und dann vorsichtig zu versuchen,
ein klein wenig dieser anderen Kultur zu erfassen und zu schätzen?
Günter Fuchs
Dienstag,
14. Mai
Treffen
in der Schule – Besuch berühmter Sehenswürdigkeiten
Soğukçeşme
Straße, Hagia Sophia, Sultanahmet Platz, Sultanahmet Moschee etc. –
Mittagessen in der Schule – Unterrichtsbesuche
Moschee
mit sechs Minaretten
Was die hohen und
dünnen Türme (Minarets) betrifft, auf welche ein Sänger steigt, um das
Gebet anzukündigen, so haben die kaiserlichen Moscheen derselben nie weniger
als zween, oft aber auch vier, ja sogar sechse. Die neue Moschee, welche der
Sultan Achmet hat bauen lassen, hat derselben sechs. Auf dem Atmeidan, oder
dem Rennplatz, so der alte Hippodromus ist, hat ein Minaret dieser Moschee
drei Galerien von durchgebrochenen Steinen, nach dem Landesgeschmack. Der Hof
derselben ist schön. Derselbe ist ein langes Viereck, und mit einigen Bäumen
gezieret. Ehe man in die Moschee kommt, gehet man durch eine freie Säulenstellung
(peristyle) die eine Art eines Klosters mit verschiedenen Bogenstellungen ist,
die kleine Kuppeln haben, welche mit Blei bedeckt sind, und auf Säulen ruhen.
Das Pflaster ist von einem sehr schönen Marmor, so wie auch der in der Mitte
stehende sechseckige Springbrunnen, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die aus
einem eisernen und vergoldeten Gitter bestehet. Der große Dom, welcher den
Hauptteil der Moschee ausmacht, ist mit verschiedenen kleinern Doms umgeben,
die auf vier Pfeilern von weißem Marmor stehen, welche sechs Klaftern im
Umfange haben, und elf bis zwölf Klaftern hoch sind. Von außen ruhet dieses
Gebäude auf vier festen Türmen, welche die Stelle der Säulen vertreten.
Diese, und alle andere Moscheen, welche die Muselmänner haben bauen lassen,
werden mit weit mehreren Lampen erleuchtet, als die Sophienmoschee, und man
hat unter die Lampen der neuen Moschee kristallene Kugeln und Leuchter, Straußeneier
und andere dergleichen Dinge gesetzt, um ihnen ein desto schöneres Ansehen zu
geben. Man siehet daselbst zwo Kugeln von Glas. In der einem siehet man ein
Galeere, die stückweis vermittels eines kleinen Zängleins hinein gebracht,
und darinnen zusammen gesetzet worden. In der andern Kugel ist der Plan der
Moschee in Basrelief vorgestellet worden, wozu eine bewundernswürdige Geduld
erfordert wurde. Das Türbe oder Grabmal des Sultan Achmet stehet hinter der
Moschee auf der nördlichen Seite.
Pitton de
Tournefort (1656-1708)
Die Blaue Moschee
a die Schule unserer
Gastgeber direkt im Zentrum von Istanbul liegt, hatten wir es auch zu dieser Sehenswürdigkeit nicht weit. Mit unserem Fremdenführer
Attila besichtigten wir zuerst die Blaue Moschee, den Obelisk und die Hagia
Sophia.
Vor dem Betreten der
Moschee mußten wir ersteinmal unsere Schuhe ausziehen und diejenigen aus
unserer Gruppe, die nur kurze Hosen anhatten bekamen vor dem Eintreten ein
Tuch, das sie sich umbinden mußten.
Die Moschee wurde von
Sultan Ahmet in Auftrag gegeben, weshalb sie auch seinen Namen trägt. Gebaut
wurde sie von dem Architekten Mehmed Aäa zwischen 1609-1616. Die Blaue
Moschee unterscheidet sich von den anderen Moscheen in Istanbul, da sie 6
Minarette hat. Der Vorhof hat fast die gleiche Fläche, wie der Gebetsraum.
Schon dort fällt die Eleganz auf. 26 Granitsäulen mit Stalaktitenkapitellen
tragen 30 Kuppeln, die wegen der gigantischen, sich mit einer erstaunlichen
Harmonie stufenartig herabwölbenden Kuppeln des Gebetsraumes fast übersehen
werden. Die Eleganz wird im Innern noch übertroffen. Vier mächtige, frei im
Raum stehende Pfeiler tragen vier
1/4-Kuppeln,
die wiederum die Hauptkuppel tragen (die einen Durchmesser von 23 m hat).
Ihren Namen hat die Moschee durch die blauen Fliesen, auf die durch 260
Fenster das Tageslicht fällt. Auffällig sind die wunderschönen
Wandverzierungen, die aus Nelken, Tulpen, Lilien und Rosen bestehen, da weder
Menschen noch Tiermotive als Wandschmuck erlaubt sind. Die feine Gebetsnische
aus Marmor mit einem Stück des schwarzen Steines der Kaaba-Moschee, sowie die
Freitagskanzel aus dem gleichen Marmor und Teppiche am Boden vervollständigen
die innere Ausstattung. In der Moschee lag ein etwas unangenehmer Geruch, da
sich leider nur die Gläubigen vor Betreten die Füße waschen (im Gegensatz
zu den Touristen!).
Hagia Sophia
HAGIA
SOPHIA: Sie grüßt von oben die Stadt
So bietet die
Kirche den herrlichsten Anblick, überwältigend für den Betrachter, für
diejenigen, die nur davon hören, ein Gegenstand ungläubigen Staunens; steigt
doch das Gotteshaus fast zu himmlischer Höhe empor und indem es sich wie von
den übrigen Bauwerken fortschwebend löst, grüßt es von oben die übrige
Stadt. Die Sophienkirche ist deren Schmuck, da sie ihr zugehört, wird aber
selbst auch von ihr verschont, weil sie als Teil der Stadt und stolzer Höhepunkt
so weit emporragt, daß man diese von hier wie von einer Warte aus überschauen
kann. Ihre Breite und Länge sind wohl aufeinander abgestimmt; man wird daher
deren riesige Ausmaße nicht als störend bezeichnen können. In
unaussprechlicher Schönheit bietet sie sich dar. Denn Glanz und Harmonie der
Maße schmecken sie, kein Zuviel und kein Zuwenig ist an ihr festzustellen, da
sie prunkvoller als das Gewohnte und zuchtvoller als das Maßlose ist: an
Licht und Sonnengefunkel aber hat sie Überfluß. Man könnte nämlich meinen,
der Platz werde nicht von außen her durch die Sonne erleuchtet, sondern
empfange seine Helligkeit von sich aus, eine solche Lichtfülle ist über das
Heiligtum ausgegossen.
Prokop
(500-559)
Die heute als Museum
dienende Kirche wurde im 6. Jahrhundert von dem römischen Kaiser Konstantin
errichtet. Innen befinden sich vier gewaltige Pfeiler, die voneinander 31 m
entfernt sind und fast in den Ecken des Hauptschiffes stehen. Sie wurden
unterhalb der Kuppel mit vier Bögen miteinander verbunden. Die Kuppel ist
55,60 m hoch und nicht vollständig rund. Sie mißt in West-Ost Richtung 30,88
m und in Nord-West Richtung 31,88 m. Ihre runde Form hat sie 556 bei einem
Erdbeben verloren. Die Kuppel war die Erste ihrer Art und stürzte wenig später
nach der Erbauung ein, weil die Außenmauern ihr Gewicht nicht halten konnten.
Am Nordwesten der Kirche befand sich der Vorhof und das Atrium, das wie üblich
mit Säulenhallen umgeben war. Durch fünf Tore gelangte man vom Atrium in die
Exonarthex genannte äußere Halle. Das mittlere größere Tor war für den
Kaiser und seine Gefolgschaft bestimmt. Vom Exonarthex, in dem der Kaiser
Schwert und Krone ablegte, führen jeweils fünf Tore in den 11 m breiten und
60 m langen Narthex, die innere Halle. Hier erfolgte das weitere Zeremoniell für
den kaiserlichen Einzug. Unter den Säulen, die eventuell vom Artemistempel
aus Ephesus stammen, befindet sich auch die „schwitzende Säule“, so
genannt, weil sie als einzige Säule in der Kirche „feucht“ ist. In dieser
befindet sich ein Loch, in das man seinen Daumen stecken kann. Dreht man nun
seine Hand um 360°, darf man sich etwas wünschen.
Die Moschee wurde im
15. Jahrhundert von einer griechisch orthodoxen Kirche in eine Moschee
umgewandelt, nachdem die Osmanen Konstantinopel, das dann Istanbul wurde,
erobert hatten. Wie schon erwähnt sind Darstellungen von Menschen im Islam
verboten. Bei der Umwandlung von einer Kirche in Moschee wurden die Mosaike
(mit Jesusbildern) abgedeckt und für das Museum teilweise wieder freigelegt.
Renate Fuchs
& Iris Bode
Im Mittelalter erzählte
man sich eine sagenhafte Geschichte vom Bau der Kirche der Hagia Sophia, das heißt:
der Heiligen Weisheit, des Wort Gottes,
die die fast mystische Verehrung für diesen heiligen Bau der frühen
Christenheit ausdrückt:
»Als man daran
war, die Bögen der rechten und linken oberen Stockwerke aufzufahren und sie
mit schalenförmigen Gewölben zu überdecken, wurde befohlen, das Kleingeld für
die Samstaglöhnung aus dem Palast zu holen; es war aber die dritte Stunde des
Tages. Und Strategios hieß die Arbeiter und Meister zum Frühstück kommen.
Beim Hinabgehen ließ der schon erwähnte Oberwerkmeister Ignatios seinen Sohn
oben im rechten Geschoß zurück, um die Werkzeuge der Arbeiter zu bewachen.
Der Knabe war etwa vierzehn Jahre alt. Als er nun dasaß, erschien ein weißgekleideter,
anscheinend aus dem Palast gesandter Eunuch, schön von Ansehen, und sprach
zum Knaben: «Warum vollführen die Arbeiter nicht behender das Werk Gottes
und haben es verlassen und sind zum Essen fortgelaufen?» Der Knabe spricht:
«Lieber Herr, gleich werden sie zurückkehren.» jener sagt dagegen: «Geh
schnell und rufe sie, denn ich will das Werk rasch fertig haben!» Da der
Knabe jedoch erwiderte, er könne nicht gehen, damit nicht etwa die Werkzeuge
in Verlust kämen, sagte der Eunuch: «Geh schnell und heiße sie sofort
kommen. Ich aber schwöre dir, Kind: Bei der heiligen Weisheit (d. 1. Gottes
Wort), welche hier jetzt gebaut wird, ich werde nicht von hier weggehen –
denn hierher wurde ich vom Wort Gottes geschickt zu arbeiten und zu wachen,
bis du wieder zurück bist.» Als der Knabe dies hörte, ging er eilends weg
und ließ den Engel des Herrn als Wächter am Bauplatz zurück. Da er
herabgekommen war und seinen Vater, den Oberwerkmeister, mit den übrigen
fand, erzählte er ihm alles. Der aber nahm seinen Sohn und führte ihn zum
Kaiser, der eben in er Kapelle Johannes des Täufers beim «Horologion» frühstückte.
Als der die Erzählung des Knaben vernommen, ließ er alle Eunuchen beikommen,
zeigte jeden einzelnen dem Knaben, indem er sagte: «Ist’s vielleicht der?»
Der aber rief, keiner von ihnen sähe so aus wie jener, den er in der Kirche
getroffen. Da ward dem Kaiser deutlich: Ein Engel des Herrn ist es, und klar
ist sein Wort und sein Eid! Da der Knabe noch beifügte, daß der zu ihm
Redende weiß gekleidet war und seine Wangen Feuer strahlten und sein Aussehen
ungewöhnlich war, pries der Kaiser Gott und sprach: -Nun wird mir klar, wie
ich die Kirche nennen soll.» Seitdem heißt sie nun «Hagia Sophia»,
verdolmetscht: «Wort Gottes.» Nach einigem Überlegen meinte der Kaiser, man
dürfe den Knaben nicht auf den Bau zurücklassen, damit der Engel nach seinem
Eid für immer die Kirche bewachen müsse. Denn wenn der Knabe zurückkehre
und im Bau befunden würde, dann würde auch der Engel des Herrn weichen.
Nachdem nun der Kaiser mit den Vornehmsten des Senats und den heiligen Hirten
Rats gepflogen hatte, sagten sie ihm, man möge den Knaben nicht mehr auf den
Bau zurückschicken gegen den Eid des Engels, damit er in Gottes Auftrag bis
ans Ende der Welt die Kirche behüte. Der Kaiser beschenkte also den Knaben
reich, ehrte ihn und verschickte ihn dann mit Zustimmung seines Vaters auf die
kykladischen Inseln. Es geschah aber die Rede des Engels zum Knaben, daß er
auf Gottes Befehl Wache halte, auf der rechten Seite des Pfeilers des oberen
Schwibbogens, der zur Kuppel hinaufgeht.«
Anonymus
Der ägyptische Obelisk
Diese Säule
stammt aus eigentlich aus Karnak, wo ihn Thutmosis der Dritte im 15.
Jahrhundert vor Christus bauen lies. Er war ursprünglich dreimal größer,
also 75 m hoch und wog 800 Tonnen. Es ist nicht bekannt, wann und wo der
untere Teil verloren gegangen ist. Der um 390 nach Christi unter Theodosius
dem Großen innerhalb von 32 Tagen im Hippodrom aufgestellte Obelisk steht auf
einem 6 m hohen, mit Reliefs ausgeschmücktem Marmorsockel. Auf der Säule
sind folgende Motive abgebildet: der Kaiser beim Wettkampf, der Kaiser mit dem
Kranz für den Sieger und der Kaiser bei der Huldigung durch die Barbaren.
Renate Fuchs
& Iris Bode
Mittwoch,
15. Mai
Treffen
in der Schule – Bosporusfahrt mit dem Bus – Rückkehr zur Schule
Ein Tag zum Atemholen
nach metropolitanem Trubel, Schule und Kultur... Die Auswahl ist schwer, weil
es rund um Istanbul so viele lohnende Ausflugsziele gibt. Die Istanbul Lisesi
als Gastgeberschule macht sich immer wieder Gedanken, neu Ziele und Ausflüge
anzubieten, diesmal leider beeinträchtigt durch Gewitter und mächtige Regengüsse.
Wir fuhren in Richtung Norden entlang des Bosporus nach Rumeli Kavagi, um auf
dem Rückweg noch die Festung Rumeli Hissarx zu besichtigen. Das geplante
Picknick fand dann in einem Restaurant am Wege statt.
Bei der letzten Reise
fuhren wir zu einem beliebten Wäldchen und Picknick-Platz auf der asiatischen
Seite der Stadt über dem Bosporus: Kanlica, wo wir unter den Bäumen das
mitgebrachte Essen einnehmen konnten
Früher waren wir auch
schon mit dem Schiff zu den Prinzeninseln gefahren oder hatten eine eintägige
Bootsfahrt auf dem Bosporus auch bis Rumeli Kavagi unternommen.
Donnerstag,
16. Mai
Treffen
in der Schule – Besuch des Großen Bazars und des Ägyptischen Bazars –
Mittagessen in der Schule – zur freien Verfügung
Heilmittel
und Wohlgerüche
Von der Decke
herab hängt das Wahrzeichen des Geschäftes. Bald ist es das Bild eines
Schiffes, bald das eines Hauses oder einer Schere. Das war von den ältesten
Zeiten her so, solange es im Orient Basare gibt, und als die Kultur nach dem
Norden wanderte, da bürgerte sich auch diese Sitte der Geschäftssymbole bei
uns ein. Alles, was der alte Orient an Heilmitteln und Wohlgerüchen kennt,
ist hier zu finden. Die heiligen drei Könige hätten sich hier mit Myrrhen
und Weihrauch versorgen können. Auch fehlt nicht das Holz der Aloe und das
Harz der Benzoe, von denen schon die Frauengemächer in den Königspalästen
des ältesten Orients dufteten. Und dann kommen die Wohlgerüche für den Körper
und die Kleider, die schon in den Harems der alten Türkei bekannt und beliebt
waren, um die Sinne zu berauschen. In Ninive und Babylon wurden kaum andere
verwendet. Der alte Orient, den unsere Archäologen und Gelehrten so mühsam
durch Ausgrabungen und Forschungen herstellen; hier dringt seine Seele, seine
Poesie durch die Nase an unsere Sinne. Wir träumen von Versen des Hohen
Liedes und von den Gaselen des Hafis aus Schiras. Wenn wir gröbere Genüsse
verlangen, finden wir hier die Gewürze (beharat), deren sich die
orientalische und im besonderen die türkische Küche bedient. Auch aus ihrer
Auswahl und Zusammenstellung spricht wohl die Erfahrung von Jahrtausenden. Mit
dem Zunehmen der europäischen Kultur nimmt allerdings ihr Gebrauch langsam
ab. Aber nicht nur der Erhöhung der Lebensfreude; auch der Heilung der
Gebrechen und Leiden dient der Missir Tscharschi. Alle alten Heilmittel, die
arabische Ärzte aufgezeichnet und die türkischen «Hekim» aufgenommen
haben, sind hier zu finden. Die schädlichen von ihnen – und es gab eine große
Menge, die das Leben des Patienten in Gefahr bringen konnten – sind
allerdings durch die Gesundheitsbehörde schon längst verbannt. Aber von den
harmlosen findet man noch einige. Da hängen neben den Mohnbündeln, von denen
man den Kindern gibt, die nicht schlafen können, auch verstaubte Wieselfelle
von der Wölbung herab. Diese verwendete man seit uralten Zeiten, um die
Wirkung eines plötzlichen Schrecks zu beseitigen. Auch sieht man dort noch
die Jerichorose, die im Orient die «Hand der Mutter Maria» genannt wird.
Wenn sie sich im Wasser entfaltet, dann wird einem jungen Erdenbürger der
Eintritt in diese Welt erleichtert.
Friedrich Schrader (1865 - 1922)
Besuch des
„Großen Bazars“ und des „Ägyptischen Bazars“
ie üblich trafen wir uns
alle auch an diesem Donnerstag Vormittag auf dem Schulhof der Istanbul Lisesi,
um uns dann gemeinsam auf den Weg zu machen, die historische Seite Istanbuls
zu entdecken.
Unser Ziel war zunächst
der „Große Bazar“, welcher nur wenige Minuten zu Fuß von der Schule
entfernt liegt.
Dieser Bazar wurde im
Jahr 1523 erbaut und ist seitdem mehrere Male abgebrannt, konnte allerdings
bis jetzt immer wieder restauriert werden. Er ist in verschiedene Straßen
gegliedert, so gibt es z. B. die Goldstraße, auf welcher man in großen
Mengen Gold zu niedrigen Preisen erstehen kann. Im Allgemeinen bietet der Große
Bazar für Touristen die beste Gelegenheit Souvenirs oder andere Kleinigkeiten
zu kaufen.
Unser nächstes und
letztes Ziel für diesen Tag war der Ägyptische Bazar, auch Gewürz Bazar
genannt.
Dieser ist erheblich
kleiner, aber in keinem Fall weniger attraktiv. Wie der Name unschwer erkennen
läßt, stehen dort hauptsächlich Gewürze zum Verkauf. Vermutlich haben die
anderen und ich an diesem Tag den größten Teil unseres Taschengeldes auf den
Kopf gestellt, so wurden z. B. das Haarfärbemittel Henna, türkische Glücksbringer und Schwerter gekauft.
Auf jeden Fall hatten
wir auch dort wieder einen unvergeßlichen Eindruck gewonnen.
Beate Pohlmann
Von den Kleinen ein Muster, wie man’s
macht
Vor den
ineinandergeschachtelten Läden einer stellen Gasse
mit Namen Riza-Pawa
standen zwei Jungen,
die stocherten mit
ihren nackten Füßen in den rußigen
Platanenblättern und
hatten
Kämme Knöpfe
Gummiband Nadeln Nähgarn Reißverschlüsse
und anderen Kram zu
verkaufen,
beide nebeneinander,
beide noch Kinder.
Ein Mann kam näher,
zum Kauf entschlossen
– das hat man schon
so im Vorgefühl.
Die Jungen riefen beide
auf einmal:
kauf bei mir Onkel
kauf bei mir Onkel
stießen einander fort
und hängten sich an den Mann.
Der Mann kaufte
anderthalb Meter Gummiband
für seine Unterhose
und ließ das Geld in der Schale
des einen. Der andere
pfiffig sprang herüber, haute
seinem Freund eine
Ohrfeige und schnappte das Geld
aus der Schale. Dann
rief er ohne sich zu schämen:
weine nicht Kumpel
nimm anderthalb Meter
Gummiband
klar daß du
verloren hast
nicht du sondern ich
hab das Geschäft gemacht
Der andere zog seinen
Schleim durch die Nase,
heulte noch eine Weile,
dann teilten sie sich
eine halbe Zigarette,
ließen freundschaftlich
das Geschehene
geschehen sein und stocherten weiter
mit ihren nackten Füßen
in den rußigen Platanenblättern.
Aras
Ören (geb. 1939)
3. Rundreise durch Westanatolien
Freitag,
17. Mai
Beginn
der Fahrt nach Anatolien. – Abfahrt mit Bus nach Ankara; Übernachtung im
Hotel Hitit.
Für unsere Rundreise
durch Westanatolien hatten wir wieder das Glück, recht günstige einen Midibus
mit etwa 27 Plätzen, der sonst als Schulbus für die Istanbul Lisesi fährt,
anmieten zu können. Der Fahrer war wieder derselbe wie schon bei unserer
Reise 1994: was auf beidseitigen Wunsch geschah. Wenn er auch über keine
Fremdsprachenkernntnisse verfügte, dafür stand uns ja die türkische
Sprachkompetenz von Rainer Gusky zur Verfügung, so war er ein Musterbeispiel
an Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und überlegener fahrerischer Kompetenz:
nie hektisch, nie waghalsig, immer auf Sicherheit und Korrektheit bedacht.
Die erste Fahrstrecke
sollte uns dann von Istanbul nach Ankara bringen. Der Abschied auf dem
Schulhof der Istanbul Lisesi zog sich natürlich und erwarteterweise wieder
viel länger als geplant hin und bescherte rührungsvoll Szenen. Dabei planten
wir ja ein Wiedersehen noch an unserem letzten Tag in der Türkei vor dem
Abflug.
Die Fahrt nach Ankara
führt zunächst über den Bosporus und bis Izmit entlang der Bucht von Izmit
durch den Agglomerations- und Wirtschaftsraum von Istanbul. Bei dieser
stundenlangen Fahrt wird die megapolitane Größe dieser Konurbation deutlich,
der Stadtgeographen heute schon eine Gesamteinwohnerschaft von ca. 20
Millionen zumessen. Doch sind die Zahlen je nach Begrenzung des Raumes und Art
der Erhebung – der Census war doch sehr unzuverlässig – sehr
unterschiedlich, und, wie zu vermuten ist, in gewisser Weise auch
interessenabhängig.
In Städten wie
Istanbul zeigt sich, daß die Verstädterungstendenz eine globale Erscheinung
und in den sozioökonomischen und politischen ein universelles Problem ist.
Der starke Zuzug vom Lande, vor allem auch aus den Krisenregionen in Südostanatolien,
wandelt die Bevölkerungsstruktur der Konurbation ebenso wie die Stadtkultur,
die, man könnte es fast sagen: verländlicht,
was am Erscheinungsbild gerade der ärmeren Bevölkerungsschichten deutlich
wird, die konservativer, traditionsgebundener und weniger weltstädtisch
erscheinen als es die ›einheimischen Istanbuler‹ sind. Der Wahlsieg der
islamistischen REFA-Partei bei den letzten Kommunalwahlen auch in Istanbul ist
auch in diesem Zusammenhang zu sehen.
Die Paßfahrt über
das Gebirge zwischen Bolu und Kxzxlçahamam
war für unseren kleinen Stadtbus keine ganz leichte Aufgabe. Auf den
›endlosen‹ Serpentine bergauf konnten wir überwältigende Ausblicke auf
die nördlichen Randgebirge Anatoliens, tief eingeschnittene Täler und dichte
dunkelgrüne Hangwälder bei Schrittempo ausgiebig bewundern, während die übermotorisierten
großen Linienbusse auf der Überholspur an uns vorbei zogen.
Ankara
liegt in einer Senke zwischen sieben Hügeln, was heute große Probleme für
die Luftverschmutzung vor allem durch den überbordenden Autoverkehr in dieser
Acht- bis Zwölfmillionenstadt – auch hier sind die Zahlen sehr unzuverlässig
– mit sich bringt, im Sommer in unerträglicher, windstiller Hitze
versinkend, im Winter verschärft noch durch die Höhenlage mit einer langen
Frost- und Schneeperiode, in der gerade in den Armenvierteln mit billigsten
Brennstoffen in offenen Öfen geheizt wird, wovon sich oft schon ab
September/Oktober eine undurchdringliche, undurchsichtige Smogschicht über
die Stadt zieht und viele Atemwegserkankungen verursacht. Die modernen Büro-
und Verwaltungsgebäude sind daher auch vollständig klimatisiert.
Auf unserem Programm
in Ankara steht einmal mit dem Museum für
anatolische Kulturen ein wichtiger Einstieg vor allem in die Thematik der
hethitischen Antike, mit dem Besuch des Grabmals von Atatürk, Anxt
Kabir, aber vor allem die Thematik: Türkische Republik und die revolutionären
Modernisierungen des Landes in diesem Jahrhundert.
Samstag,
18. Mai
Ankara:
Julian-Säule, Haci Bayram, Hethiter-Museum, Burg (Kale), Anıt Kabir (Atatürk-Mausoleum)
»Angora liegt auf
mehreren Höhen, im Norden und Osten von einer Bergkette umgeben; das Schloß
steht auf der Spitze eines hohen Felsens, der an drei Seiten ganz steil ist,
auf der Südseite erhebt er sich allmälig; es wird durch eine nahe Anhöhe
beherrscht; dieß, so wie die verfallenen Festungswerke, machen jeden
Wiederstand unmöglich. Die Häuser bestehen aus Holz und Backsteinen, sie
haben meistentheils zwei Stockwercke mit Balkonen, vorspringende Hallen und Dächer,
mit Geländern versehen; die Volksmenge beträgt ungefähr 20000 Seelen, von
denen ein Drittel Armenische Katholiken sind. Den Handel, der seit einigen
Jahren im Verfall ist, treiben diese letzteren: sie führen aus Smyrna
Leinewand und Colonialwaaren ein, und versenden dagegen schönen Camelot von
verschiedenen Farben, den die Stadtbewohner aus den Haaren einer dieser
Provinz eigenthümlichen Ziegenart bereiten, die an Feinheit der Seide gleich
kommt. Angora ist auch durch seine Früchte berühmt, vorzüglich durch
vortreffliche Birnen, die man in den Gärten zieht, die in der offenen Ebene,
nordwestlich von der Stadt liegen. Ein kleiner Fluß, der aus einem im
Nordosten der Stadt befindlichen See strömt, bewässert diese Ebenen, und
nachdem er den Fuß des Felsens, auf welchem das Schloß liegt, umspült hat,
setzt er seinen Lauf fort gegen Südost. Eine hohe Bergkette, die man in der
Ferne gegen Nordwesten sieht, hieß ehemals Olympus, und diente zur Gränze
zwischen Galatien und Bithynien. Ich bat den Konsul, dem Pascha meinen Firman
zu zeigen, und ihn um die Erlaubniß zu bitten, die Stadt, ohne belästigt zu
werden, durchwandern zu dürfen; dieser fanatische, heftige Türke gerieth darüber
in Wuth, behauptete, ein Engländer, der nach Angora käme, thäte dieß nur
in der Absicht, um Erkundigungen einzuziehen, wie man sich des Landes bemächtigen
könnte. Er fügte hinzu, daß er mir keine Erlaubniß gebe, die Stadt zu
besehen, und daß ich am besten thäte, mich so schnell als möglich zu
entfernen. Der Konsul kam zurück, ganz niedergeschlagen über diese Antwort,
und wollte mich bereden, mich nicht in den Gassen zu zeigen, als er aber sah,
daß ich entschlossen sey, dem Pascha Trotz zu bieten, ward er muthiger, und
erklärte, er wollte mich am folgenden Morgen begleiten. Ich zog meine neue Türkische
Kleidung an; wir stiegen mit Aufgang der Sonne zu Pferde, und ritten zur Stadt
hinaus, durch das Thor von Smyrna, das offenbar ein Werk der Türken ist,
allem Anscheine nach aus den Bruchstücken einer Halle oder eines Tempels
erbauet. Man sieht in der Mauer Stücke von Bildhauerarbeit, Trümmern von Säulen;
die Bogen werden von zwei Marmorblöcken getragen, die ohngefähr acht Fuß
hoch sind, und, wie ich glaube, zum Architrav eines Tempels gehörten.
Nicht weit vom Thore
ist eine kleine Anhöhe, auf welcher ehemals ein Tempel stand, wie der Konsul
mir sagte, und die umherliegenden Ruinen beweisen es. Wir ritten ungefähr
eine halbe Meile an der Mauer hin, die theils aus rohen Steinen, theils aus
behauenen und mit kleinen Basreliefs gezierten Marmorstücken bestand; dann
kommt man zu den unförmlichen Ruinen eines großen Gebäudes, das
wahrscheinlich ein Amphitheater war, die hie und da auf einen Hügel, nahe der
Ebene hin, zerstreuet lagen. Ein Theil des Grundes und der Mauern steht noch,
aber alle Spuren der ehemaligen Größe sind verschwunden. Die Marmorsäulen,
die es schmeckten, sind entweder, so lang sie waren, zu den Mauern der Stadt
gebraucht, oder in Kalk verwandelt, und die Bewohner von Angora holen hier täglich
Steine zu ihren Häusern. Die Gestalt scheint elliptisch gewesen zu seyn; die
noch stehenden Mauern sind dreißig Fuß hoch, und bestehen aus Bruchsteinen
und Ziegeln, die schichtenweise gelegt sind. Ein gewölbter Durchgang, der
ungefähr dreißig bis vierzig Fuß lang ist, scheint mir einer der Haupteingänge
des Theaters gewesen zu seyn. Den innern Raum haben die Türken zu einem Begräbnißplatze
gemacht, der jetzt voll von Bruchstücken aller Art liegt.«
John
Macdonald
Kinneir
1813/14
Wir brauchen keinen ›Firman‹,
also einen ›Schutzbrief‹ eines Sultans, Gouverneurs oder Landesherrn, wie
John Macdonald Kinneir 1813/14, um
Ankara zu besichtigen. Aus dem abweisenden, zerfallenden Angora (in der Antike Ankyra)
ist die Millionenstadt, die Hauptstadt
der Türkischen Republik, Ankara, geworden. Doch noch heute fehlt ihr
einiges an Anheimeligkeit und – wie es Urbanistiker und Stadtgeographen
heute formulieren würden: – Ablesbarkeit
und deutlicher Charakter dieser Stadt, die heute auf der einen Seite Hauptstädtische
Weltläufigkeit mit urbaner Unverbindlichkeit verbindet und auf der
anderen Seite ein Konglomerat älterer,
ärmerer und moderner Wohn- und Geschäftsviertel darstellt.
Die alte Burg, die Kale,
ist noch heute ein eigener Wohnbezirk, mit mächtigen Mauern aus der
Osmanischen Zeit eingefaßt, auf byzantinischen, römischen und vielleicht
auch noch gallischen Festungs- und Siedlungsresten stehend, die noch kein Archäologe
ergründen konnte. Doch wäre dies spannen, denn Ankara dürfte die südöstlichste
Stadtgründung – Podium – der Galater,
der sich um 400 v.u.Z. europaweit ausbreitenden Kelten (›Gallier‹) gewesen
sein, von deren Eroberung von Rom ja im Geschichtsunterricht berichtet wird.
Dieses rätselhafte Volk, mächtiger und reicher Konkurrent im Norden des
aufstrebenden Römischen Reiches und später in einem auch für die damaligen
Zeit beispiellos skrupellosen und mörderischen Vernichtungskrieg von Julius Caesar
im ›bellum gallicum‹ vernichtet und für lange Zeit dem historischen
Vergessen überantwortet. Erst heute können Archäologen und Historiker daran
gehen, an Hand neuer Funde und Ausgrabungsstätten das Leben und die Kultur
der Kelten neu zu sichten und zu bewerten, wie die Zeitschrift der
spiegel gerade in seiner
letzten Ausgabe vom 28. Juli 1997 ausführlich darstellt.
Auf der Kale
findet sich einmal die restaurierte Ruine der eigentlichen Festung. Ich
erinnere mich daran, wie ich 1970 zum ersten mal hier heraufstieg zusammen mit
meinem Kommilitonen. Ungebeten wurden wir in dem damaligen Trümmerhaufen von
einer Gruppe kleiner Jungen begleitet, die radebrechend mit einigen Brocken
Englisch und Französisch Stadtführer spielten. Und dann war der Weg zuende,
vor einem mächtigen Eisengitter, der den weiteren Aufstieg zum Turm
versperrte. Aber der Ausblick über Ankara war herrlich, die Luft damals noch
einigermaßen durchsichtig, der Himmel blau und die sommerliche Temperatur
wurde durch die Reflexion des Sonnenlichtes aus Sand, Geröll und Steinen noch
erhöht. Unser kleiner Reiseführer hatte auch für diesen Ort einen passenden
Namen, hier sie nämlich das „Plateau de Bakschisch“ – na ja, und ein solches erhielte die
Kleinen dann auch.
Heute ist der
Aufstieg zu Burg ein vielbesuchter Spaziergang für die, in Ankara nicht allzu
häufigen, Touristen und Besucher. Die große Treppenanlage am Hang aus dem
vergangenen Jahrhundert führte dann auch gerade zu unserem Hotel Hitit im Altstadtviertel Uluw.
Neben der
eigentlichen Festung finden sich auf der Kale
aber auch noch innerhalb des Mauerbezirks, der eigentlich eher eine
Altstadt umfriedet, alte Wohnhäuser. Dies ist der einzige wirklich alte
Bereich der Stadt, der heute dementsprechend sorgfältig restauriert wird und
einen Einblick in den Städtebau vergangener Jahrhunderte lieferte. Doch zur
Zeit von John Macdonald Kinneir war
wohl auch dieser Stadtteil am Zerfallen; die Blütezeit des Osmanischen
Reiches war längst vorbei und es regierte, wie die daran nicht unschuldigen
Hegemonialmächte des Westens es nannten: der
›kranke Mann am Bosporus‹.
Doch zwei
Besichtigungen in Ankara gehören zu den Essentials
jeder Türkeireise: der Besuch des Museums
für anatolische Kulturen, auch Hethiter-Museum
genannt, und die Besichtigung des Atatürk-Mausoleums Anxt Kabir.
Damit ist die
Spannweite der türkischen Kultur und
der türkischen Traditionen gekennzeichnet. Viele tausend Jahre zurück
reichen die Ausgrabungsfunde der Archäologen auf türkischem Territorium. Die
wohl ältesten stadtähnlichen Siedlungen der Menschheit finden sich
schriftlos und rätselvoll, was Herkunft, Kultur und Lebensweise ihrer
Bewohner angeht, im Taurusgebirge, der die anatolischen Hochflächen gegenüber
dem Mittelmeer und den Nahen Osten abschließenden Hochgebirgszug, der nur von
einigen Paßstraßen überquert wird und doch seit Jahrtausenden Einfallstor für
Völkerwanderungen in beiden Richtungen gesessen ist, Siedlungsraum und eine
der Ursprungsräume der altweltlichen und altorientalischen Hochkulturen. Im
Zusammenhang mit den bis zu zehntausend Jahren alten Funden, die im Archäologischen
Museum in Ankara ausgestellt sind, stellen sich einige Fragen nach den
Ursprüngen der menschlichen Kultur und den Besonderheiten des
vorderasiatischen und südanatolischen Lebensraumes des »Fruchtbaren
Halbmodes«, der diese Kulturentwicklung möglich gemacht hat. Dazu sollen
einige Reflexionen beitragen.
Kultursprünge in den Wüsten des »Fruchtbaren
Halbmondes«
Die Wüstenlandschaft
provoziert eine Frage: Warum entstand unsere Kultur gerade hier und nicht in
den fruchtbareren, klimatisch weniger extremen Breiten? Dazu müssen wir doch
etwas tiefer in die Geschichte und Geographie einsteigen. Die Frage „warum
hier?“ ist dabei zu trennen von der anderen Frage, warum nicht dort, nämlich
in Mitteleuropa? – Letztere Frage ist einfacher zu beantworten: In
Mitteleuropa endete vor zehntausend Jahren, als die Kulturentwicklung
in Vorderasien schon vehement einsetzte, erst die letzte Eiszeit
mit der stufenweise Wiederbesiedlung der Region mit erst spärlichen Buschgehölzen
und später dichter werdenden Wäldern. Die Region war feucht, sumpfig, mit
undurchdringlichen Auewäldern, Strauchwerken und Unterhölzern überzogen;
winters machten Frost und Schnee Vorankommen und Jagd fast unmöglich. Die natürlichen
Potentiale reichten gerade für eine spärliche Nutzung durch einige wenige Jäger
und Sammler aus, deren Lebenserwartung nur gering war; Unfälle, Frost, Hunger
und Krankheiten rafften immer wieder ganze Familien und Gruppen dahin. An ein
Seßhaftwerden war bei diesem Nahrungsmangel nicht zu denken. Und woher sollte
hier die Idee, die Anregung zum Ackerbau kommen?
Wir sehen,
landwirtschaftliche Gunst nach heutigen Maßstäben gibt keinen Aufschluß über
die Nutzungspotentiale für ganz andere Gesellschaftsformen in früheren
Zeiten. Gunst ist daher geographisch kein festes Attribut einer Landschaft
sondern ein Ergebnis der Fähigkeit zur Inwertsetzung des Raumes durch eine
konkrete Gesellschaft. So ist auch die heutige scheinbare Ungunst der nahöstlichen
Siedlungsräume kein Maßstab für ein Urteil über die Nutzungspotentiale in
vor- und frühgeschichtlicher Zeit.
Mehrere raumtypische
Faktoren bestimmen die relative Gunst des Nahöstlichen Raumes für die »erste
landwirtschaftliche Revolution«, die Erfindung des Ackerbaus, die
Kulturpflanzenentwicklung und das Seßhaftwerden. Auch die »zweite
landwirtschaftliche Revolution«, die Herausbildung von größeren
Gesellschaften, die Entwicklung städtischer Siedlungen, das Entstehen von
Grundherrschaft und das Aufkommen erster differenzierter religiöser Systeme
und Kulte, findet im Nahen Osten seinen geeigneten Nährboden. Beginnen wir
mit den natürlichen Voraussetzungen:
1. Geeignete Pflanzen
stehen für die Kulturpflanzenentwicklung zur Verfügung. Gräser sind die Grundlage der Getreideentwicklung
(Emmer, Einkorn etc.), Rosazeen bilden, nicht nur im Nahen Osten, die
Ausgangspflanzen für Obst und Früchte.
2. Ein optimaler
Artenreichtum für die Auswahl von geeigneten Pflanzenstämmen ist daher
vorhanden, daß es sich hier um ein sogenanntes „Mannigfaltigkeitszentrum“ (Vavilov
1926) handelt, in dem ein besonders differenzierter Genbestand anzutreffen
ist; das hat drei Gründe: zum einen überschneiden sich in Vorderasien die
mediterranen, irano-turanischen und saharo-sindischen Florenreiche (Fisher
19716),
zweitens hat der eiszeitliche, im Nahen Osten pluviale (feuchtzeitliche)
Klimawandel die vorderasiatischen, klimatisch begünstigten Randgebirge
(Taurus, nordsyrisches Hügelland, Zagros) zu Rückzugsgebieten weiter im
Norden verdrängter Arten gemacht, und drittens ist das klimatisch reich
differenzierte Gebiet an der Trockengrenze
mit seiner Vielzahl klimatischer und edaphischer Besonderheiten geeignet, eine
größere Anzahl regional eng begrenzter „ökologische Nischen“ für
evolutionäre Sonderwege bereit zu halten, die auch nicht von einer
aggressiv-dominanten dichten Leitvegetation beeinträchtigt werden.
Zusammengefaßt also: wir finden hier bei relativ geringer pflanzlicher
Individuenzahl ein Maximum an Artenvielfalt und damit beste Voraussetzungen für
(in der Frühzeit) eher zufällige oder (in der späteren Zeit) planmäßige
Herausbildung geeigneter, ertragreicher Nutzpflanzen.
3. Kurzfristige
Klimaschwankungen, klimatische Grenzsituationen und lokal extreme biologische
Lebensbedingungen verstärken den evolutionären Selektionsdruck auf die
Pflanzenwelt und erhöhen damit die Geschwindigkeit der Artenentwicklung; ein
Vorgang der die schon erläuterte Artenvielfalt noch erhöht und die
Zuchtvoraussetzungen verbessert. Außerdem liefern diese natürlichen
Bedingungen anschauliche Muster für die Auswirkungen von Lebensbedingungen
auf das Pflanzenwachstum, die vom frühen Menschen, z.B. bei der »Erfindung«
der Bewässerung, leicht imitiert und genutzt werden konnten.
Aber auch von der
Seite der menschlichen Lebensbedingungen sind einige wichtige Gunstfaktoren zu
nennen, die historisch wirksam geworden sind.
1. Die offenen
Landschaften am Rande des späteren »fruchtbaren Halbmondes« (schon dieser
Begriff zeigt, daß diese Region sehr lange noch als Gunstgebiet angesehen
worden ist!) erhöhten die Mobilität der zunächst noch nicht seßhaften
Gruppen, erhöhten die Bereitschaft, sich zu größeren Gruppen
zusammenzuschließen. Nach der »ersten landwirtschaftlichen Revolution«
konnte schon sehr früh ein erster Warenaustausch entstehen, der dann die »zweite
Kulturrevolution« begleitete und prägte.
2. Die
Lebenserwartung in diesen Räumen war höher als in den winterkalten
mitteleuropäischen Sumpf- und Waldgebieten (Rodungstechniken waren damals ja
noch ebensowenig bekannt wie Trockenlegungen von Sumpfländereien).
3. Bevölkerungswachstum
führte dann zu dem Zwang, neue, ertragreichere Subsistenzformen zu finden und
drängte zur Nutzung der oben genannten landwirtschaftlichen
Gunstvoraussetzungen. So finden wir die ersten Spuren seßhafter Bevölkerung
mit planmäßigem Pflanzenanbau an den Hängen der vorderasiatischen
Randgebirge. Doch schon bald, wohl den Flüssen folgend, nutzen Menschen, vor
über zehntausend Jahren, die Steppen und Halbwüsten am Fuße der Berge,
indem sie die Bewässerungswirtschaft erfinden und Quellen und Flußwasser,
nur wenig später auch selbst gegrabene Brunnen nutzen. Seitdem dreht sich die
Lebensvorsorge der frühen Kulturen in erster Linie um das Wasser, seinen
Gewinn, seine Speicherung und Nutzung, seine gerechte Verteilung (Grünert
1981)
4. Das ist die
Voraussetzung dafür, daß sich, unter dem Zwang wachsender Bevölkerungszahlen
und der steigenden Ansprüche an eine planmäßige Daseinsvorsorge, immer größere
Menschengruppen zusammenschließen, um die Bewässerungssysteme zu verbessern,
Kanäle und Stauanlagen zu bauen, Brunnen anzulegen und Instanzen zu schaffen,
die die rechtmäßige Verteilung des knappen und kostbaren Wassers
kontrollieren (Meder 1992). Dies
ist sicher eine der wesentlichen Wurzeln, daß sich, nach historischen Maßstäben,
schon so bald nach der Seßhaftwerdung des Menschen übergeordnete
gesellschaftliche Organisationsformen, staatliche Institutionen, Königreiche
und Priesterkönigtümer, Militär und hierarchische Verwaltungsformen
entwickelten: die altorientalischen Reiche waren geboren, auf deren
Kulturerrungenschaften auch unsere Kultur noch letztlich aufbaut. Wittfogel
nennt dies, wir haben es in der Einleitung schon erwähnt, die „hydraulische
Kultur“.
¨
Im Archäologischen Museum in Ankara, historisch interessant in einem
sorgfältig restaurierten Bedesten,
d.h. einem geschlossenen Goldbazar
aus dem 17. Jahrhundert am Hang des Burgberges untergebracht – die typische
Kuppeldachlandschaft, die türkische Bazare kennzeichnet und die auch im
altosmanischen Moscheebau z.B. in Bursa angewandt worden ist – ist ein
interessanter Blickfang auch von der Kale
aus. Vor dem Museum liegt ein großer Park, in dem größere Fundstücke und
Monumente gezeigt werden. Der Rundgang um den zentralen überkuppelten Hof des
Museums birgt die chronologische geordnete Ausstellung der wichtigsten
Fundorte in Anatolien von der Steinzeit und dem Chalkolithikum bis zur
grischisch-römischen Antike, die hier jedoch nur am Rande gezeigt wird,
soweit sie altorientalische Traditionen und Kulte aufgreift und weiterführt.
Schwerpunkte der
Ausstellung die von einigen Autoren z.B. als „eine der großartigsten
Sammlungen zur Frühgeschichte der Menschheit, die überhaupt existieren“
bezeichnet wird,
sind zunächst die Funde aus Çatal Hüyük bei Konya, das lange Zeit als ›älteste Stadt der
Welt‹ galt, bis vor wenigen Jahren bei Baumaßnahmen im Gebiet des Euphrat
am Atatürk-Staudamm in Südostanatolien noch gut tausend Jahre ältere,
bislang nicht näher einzuordnende quasi
städtische Siedlungsreste gefunden wurden.
Große
Ausstellungsbereiche widmen sich den Kulturen der Hatti und Hitti (Hethiter),
die die ersten staatlichen Organisationsformen in Anatolien entwickelten und
im Wechselspiel der Macht im alten Orient zwischen Babylon, Assur und Ägypten eine wichtige Rolle spielten, obwohl sie
dann seit der Antike aus dem Blickfeld der Geschichtsschreibung gerieten und
fast der Vergessenheit anheim fielen.
Großartig sind die
Bronzeskulpturen der Hethiter mit Sonnenrädern und Darstellungen des Heiligen
Hirsches. Die berühmteste, etwa 30 cm hohe, filigrane Darstellung ist zum
Symbol der türkischen Fremdenverkehrswerbung geworden und steht als Großplastik
von ca. 10 m Höhe auf einem zentralen Platz in Ankara, umgeben vom
vielspurigen Autoverkehr. Auch das ist Türkei ...
Aus Boäazköy, der
hethitischen Hauptstadt Hattuwa,
finden sich hier die Funde ebenso wie aus der historisch interessanten
Ausgrabung von Kültepe, der antiken
Doppelstadt Kanew / Carum
bei Kayseri, in der sich eine assyrische Handelskolonie vor den Mauern einer
hethitischen Festungsstadt angesiedelt hatte, deren Ausgrabung einige neue
Erkenntnisse über den altorientalischen Wirtschafts- und Kulturkontakt im
Nahen Osten einbrachte.
¨
Schließlich das Symbol
der modernen Türkei: das Atatürk-Mausoleum Anxt
Kabir. Kemal Atatürk, 1923 Staatsgründer der Türkischen Republik und
bis zum Tode am 10.11.1938 im Dolmabahçepalast in Istanbul – sein
Sterbezimmer kann dort noch besichtigt werden – Staatspräsident der Türkei,
wurde 1953 in das ihm zu Ehren von seinem Nachfolger und Kampfgefährten Ismet
Inönü errichtete Mausoleum und Staatsdenkmal in der Stadt, die er
1923 zur Hauptstadt der Republik ausgerufen hatte, umgebettet.
Der monumentale
Hallenbau mit Ehrentreppe und einem Ehrenhof, der auch für Staatsakte und
militärische Ehrenbezeugungen genutzt wird – jeder Staatsbesucher der Türkei
legt am Sarkophag Atatürks einen Kranz nieder – wird über eine mit
steinernen ›neohethitischen‹ Löwenfiguren
gesäumte Prozessionsstraße erreicht, deren grobe Pflasterung schon zu ›würdigem
Schreiten‹ zwingt: Die Anlage entspricht dem autoritären
Monumentalgeschmack der dreißiger Jahre und mutet heute eher antiquiert an.
Gebaut wurde die Anlage nach Plänen des Architekten Emin Onat, der Schüler
eines deutschen Architekturprofessors war. Bei allem Respekt vor den
Leistungen des Staatsgründers, steht doch der Stil seiner Gedenkstätte
demokratischem Empfinden recht fremd entgegen... Doch steht dem gegenüber die
beinahe heitere Ausstellung der persönlichen Hinterlassenschaften Atatürk,
Orden, Kämme, Toilettenartikel, Uniformen, Bilder und seine Autos... Und in
der Wand als Inschrift sein wichtigster Ausspruch als General und Kriegsheld:
„Wenn das Volk nicht in Lebensgefahr ist, ist Krieg ein Verbrechen.“
¨
Ankara war auch eine römische
Stadt. Die Ausgrabungen der römischen Thermen – mehr durch Zufall vor
einigen Jahrzehnten bei Ausschachtungsarbeiten für den Bau eines Bürohauses
entdeckt, konnten wir aus Zeitgründen diesmal nicht besuchen.
Doch an zwei Stellen
kamen wir noch kurz mit der römischen Antike in Berührung. Ganz in der Nähe
des Hotels im Stadtviertel Uluw
steht auf einem abgeschiedenen Platz zwischen imposanten Osmanischen Holzpalästen,
Verwaltungsgebäuden der Jahrhundertwende, die im Stil dem Gebäude der
Istanbul Lisesi in Istanbul ähneln, eine einsame steinerne Säule mit einem
Storchennest. Die spiralförmigen Kannelierungen und der ornamentale Stil läßt
die Archäologen vermuten, auch wenn keine Inschrift gefunden wurde, daß es
sich um eine Julianssäule handelt.
Kaiser Julian
Apostata, d.h.: der Abtrünnige, versuchte noch einmal nach Konstantin das
Christentum als Staatsreligion abzuschaffen und die altrömischen Götterkulte
wieder einzuführen. Fünf anatolische Städte folgten ihm darin recht
bereitwillig, darunter Ankara und Pergamon. Zur Strafe wurden sie dann als die
Verdammten Städte in der Apokalypse des Johannes in den kanonischen
christlichen Bibeltext aufgenommen: die sogenannten Apokalyptischen Städte.
Noch zur Zeit des
Imperators Augustus wurde in Ankara
gegenüber der Kale auf dem Hügel,
der jetzt das Stadtviertel Altindaä
trägt, ein römischer Staatstempel errichtet, der dem vergöttlichten Augustus und der Staatsgöttin Roma geweiht wurde. Augustus ließ, wie in Tempeln im ganzen
Imperium, auf einer Steintafel als Abschrift des römischen Originals einen
Ehrenbericht über seine Taten als Staatsmann und Feldherr anbringen, die ›gestae‹.
Die Tafel in Ankara ist besser als anderswo erhalten und wurde zu einer
wichtigen historischen Quelle. Kirchengeschichtler interessiert hier
besonders, daß es die einzige dokumentierte Quelle für die biblische Erzählung
von der Volkszählung, dem census,
ist, derer sich Augustus hier rühmt und die für die Weihnachtserzählung der
Christenheit eine so große Rolle spielt.
Sonntag,
19. Mai
Über
Boğazköy (Hattuşa, Ausgrabungen) nach Kappadokien Übernachtung im Hotel Gülşehir
Hattşua
„Ihr Götter, die ihr
meine Herren seid, die ihr das Blut des Tudhaliyas rächen wollt:
die den Tudhaliyas töteten,
die haben die Blutschuld gebüßt,
und auch das Land Hatti
hat diese Blutschuld zugrunde gerichtet,
so hat auch das Land
Hatti bereits gebüßt.
Weil sie jetzt auch über
mich kam,
so will auch ich sie
samt meiner Familie durch Ersatz und Sühne ableisten,
und den Göttern, die
meine Herren sind, soll sich der Sinn wieder beruhigen.
Seid mir, ihr Götter,
die ihr meine Herren seid, wieder wohlgesinnt!
Und vor euch will ich
erscheinen.
Und weil ich zu euch
bete, so erhöret mich. Weil ich nichts Böses getan habe
und von den damaligen,
die fehlten und Böses taten, keiner mehr übrig ist,
weil sie längst tot
sind,
weil über mich aber
meines Vaters Schuld kam,
siehe, so will ich für
das Land wegen der Pest euch, den Göttern,
die ihr meine Herren
seid, Sühnegabe geben.
Aus dem Herzen die Pein
verjagte mir, aus der Seele aber die Angst nehmet mir.“
Aus den »Pestgebeten«
von König Mursilis II, ca. 1300
v.u.Z.
Durch dunkle Gänge
schreitet, von der Fackel nur flackernd erhellt, einsam Priester und König
zum Heiligtum. Rechts und links begleiten sie überlebensgroße steinerne
Reliefs, gewaltig, drohend oder schützend. Die Mächtigen Quader der Mauern
schirmen alle Außenwelt ab. Rituelle Waschungen begleiten den Weg der
Betenden und Bittenden. Angst ist in ihren Seelen, Hoffnung auf die Gnade der
Götter, des obersten Wettergottes, die Griechen nannten ihn Zeus. Das
Allerheiligste liegt tief im Tempelkomplex verborgen, ohne Licht von außen, Götterfiguren,
Tempel...
Die Riten der
Hethiter sind uns heut nicht mehr im Einzelnen bekannt, doch zeigen die »Pestgebete«
des Königs Mursilis II. noch etwas
von der religiösen Ergriffenheit, der tief religiösen Verwurzelung des
Lebens, das in dem mächtigen Tempelbezirk von Hattuwa
seine materielle Ausprägung erfuhr.
Der steinerne Gang
zum Allerheiligsten ist als Grundmauerwerk noch erhalten; wir betreten die
steinernen Platten, auf denen vor bald 1500 Jahren schon Priester und Könige
schritten. Doch den steinernen Bau, die Dunkelheit und Stille muß unsere
innere Vorstellungskraft hinzutun, wenn wir
die letzten Schritte auf die noch heute im Grundriß erkennbare Doppelkammer
des Allerheiligsten zu tun. Viele der steinernen Reliefs Sinn ausgegraben und
vom Mauerwerk abgelöst worden. Sie sind im Archäologischen Museum in Ankara
zu sehen.
Die Geschichte der
Hethiter, die sich uns mit dem Besuch der Ausgrabungen ihrer Hauptstadt Hattuwa
beim heutigen Dorf Boäazköy östlich von Ankara in einem Seitental des
Kxzxl Irmak, des antiken Halys, in
Ansätzen erschließt, ist gewiß rätselhaft. Das Volk der Hethiter gehört
zur frühesten indogermanischen Einwanderungswelle, der auch die protodorische
Einwanderung in Griechenland zugeordnet wird, der man die mykenische
Herrenburgkultur zuschreibt, und die einige bezeichnende gesellschaftliche
und kulturelle Übereinstimmungen zeigen, wie der Glaube an einen obersten »Wettergott«,
die Verehrung einer Vielzahl regional differenzierter Naturgottheiten, die
kriegerische Lebensform, die die Familie als oberstes Sozialordnungsprinzip
ansieht und daher jeglichem übergeordneten Königtum, das sich in der Seßhaftigkeit
entwickelt, clanähnliche Versammlungs- und Beschlußgremien gegenüberstellt,
die die personale Macht einschränken und den Familienprimat sichern. Daher
kommt auch eine »Vergöttlichung« des Königtums und des Königs im
Gegensatz zu den altorientalischen Kulturen Mesopotamiens und Ägyptens für
die Hethiter nicht in Frage.
Während sich das hethitische
Reich von 1700 bis 1200 v.u.Z. entwickelt, ausdehnt und als gleichberechtigter
Machtfaktor neben Babylon, Assur und Ägypten steht, und sich hethitische
Stadtstaaten noch rund fünfhundert Jahre länger halten können, bleibt seine
kulturelle Integration und Prägekraft vergleichsweise gering. Zwar sprachen
die Hethiter eine eigene indogermanische Sprache, die sie sowohl in
assyrischer Keilschrift wie auch in einer selbst entwickelten
Hieroglyphenschrift schrieben – die Entzifferung erst in unserem Jahrhundert
gehört zu den aufregendsten wissenschaftsgeschichtlichen Kapiteln
–, doch blieb diese wohl auf die Oberschicht beschränkt. Im Bereich der
hethitischen Herrschaft sind eine Vielzahl lokaler Sprachen in Inschriften
nachgewiesen, selbst in der Hauptstadt Hattuwa
sind Inschriften in weiteren sieben Sprachen gefunden worden.
Die Zahl der
Einwander scheint also nicht allzu groß gewesen zu sein. Die einheimische Bevölkerung,
die den altorientalischen Kulturkreisen zuzurechnen ist, hat teilweise Sprache
und kulturelle Eigenheiten beibehalten. Sogar der Name des Reiches leitet sich
von dem besiegten Vorgängerstaat, den Hatti
ab; die Namen der hethitischen Könige und Götter sind kurioserweise selbst nicht
hethitisch! Wie die einwandernden Hethiter
sich selbst bezeichneten, ist nicht überliefert. In vielen Schriften wird die
eigentlich unsinnige Bezeichnung für
die Vorgänger der Hethiter als Hatti oder Chatten, für
die Einwanderer als Hitti oder Hethiter
beibehalten, mangels besserer Konventionen.
Einige historische
Fragestellungen muten uns daher recht aktuell an. Wie findet die Integration
von Einwanderungswellen statt, welche gesellschaftlichen Veränderungen
und kulturelle Umschichtungen folgen auf Bevölkerungs- und
Machtverschiebungen und welche Rolle spielt die Sprache
– die gemeinsame Sprache? – für die kulturelle und politische Integration
eines Volkes? Die Antike zeigt, gerade am Beispiel der Hethiter, eine Vielzahl
von Völkerwanderungen, migrationsbedingter Überschichtungen
und das Entstehen breiter kultureller und machtpolitischer Übergangszonen,
die weder mit dem heutigen Begriff der Ethnie
noch des Staates hinreichend
eingeordnet und erklärt werden können.
Sehr deutlich macht
gerade die Geschichte Anatoliens, daß es zwar seit altorientalischer Zeit
sich entwickelnde, ausbreitende, erobernde und beherrschende Machtzentren
gibt, daß Reiche und Imperien
entstehen, die aber mangels hinreichener Definition ihrer Grenzen und Mangels
innerer politischer, kultureller oder ethnischer Homogenität keinesfalls mit
den heutigen Staaten oder gar Nationalstaaten gleichgesetzt werden dürfen.
Erst im römischen Imperium finden sich Ansätze der machtpolitischen
Verfestigung und Institutionalisierung, die an modernere Staatenbildungen
gemahnen, doch zeigt gerade auch die Geschichte des römischen Reiches die
Instabilität dieses Staatskonzeptes in einer Zeit, die noch nicht über die
hinreichenden sozialen, ökonomischen und technischen Ressourcen eines
modernen Staatswesens verfügte.
Das Konzept des
homogenisierten Nationalstaates für ein abgeschlossenes Staatsvolk ethnischer
und kultureller Einheit ist eine Herrschaftsideologie, die sich erst in der
europäischen Neuzeit entwickelte und gegen die soziale und historische Realität
der beherrschten Völker durchgesetzt und aufgezwungen wurde, auch mit Hilfe
der Abstammungsmythologie, die später
direkt in den Rassismus, den
Nationalsozialismus und die Verbrechen der »ethnischen Säuberungen« von
Auschwitz über Potsdam nach Jugoslawien führte!
Gerade
auch die heutige Türkei, die historisch-sozial viel eher mit dem überschichteten
und differenzierten Hethiterreich der alten Vergangenheit als mit einem europäischen
Nationalstaat zu vergleichen ist, ringt mit den Widersprüchen zwischen der Nationalstaatsideologie
der Einheit und Homogenität und der fraktionierten
sozialen und kulturellen Realität – und sucht erstere mit staatlicher
Homogenisierungs- und Integrationspolitik durchzusetzen. Damit steht die Türkei
in der Tradition der Nationalstaatenbildung Spaniens, Frankreichs bis hin zur
USA.
Es erscheint durchaus
sinnvoll, diese weitgespannten historischen Bögen zu ziehen, um den Blick zu
schärfen für die sozialen Prozesse und Machtbalancen, die Geschichte
bestimmen und ein wichtiger Teil der conditio
humanae sind.
Doch schnell noch zurück
nach Hattuwa! Nach der nachdenklich stimmenden Besichtigung der mächtigen
Palast- und Tempelfundamente fuhren wir mit unserem Bus auf einer neu
angelegten, mehrere Kilometer langen Asphaltstraße entlang der in Bruchstücken
freigelegten und zu verfolgenden Stadtmauer, wobei uns die ungeahnten Ausmaße
dieser über Jahrhunderte vergessenen und bis heute nur in kleinen Ansätzen
erschlossenenen antiken Metropole erst recht deutlich wurden. Hattuwa war in
Fläche und Einwohnerzahl in der Hauptstadtzeit deutlich größer als das
antike Athen in seiner klassischen Blütezeit!
Besonders interessant
ist dann die Besichtigung der recht gut erhaltenen mächtigen steinernen
Stadttore, vor allem des Löwentores, wo mächtige steinerne, überlebensgroße
Löwenfiguren das Tor bewachen. Der Plastikstil wie die Faktur des Mauerwerk
lassen in ihrer Massivität an
das Tor von Mykene erinnern. Daß dies keine zufällige Koinzidenz ist, haben
wir in unseren historischen Anmerkungen zur Geschichte der Hethiter schon
angedeutet.
So können wir –
beeindruckt und von der weiten Ruhe, die über den Ausgrabungen liegt, die
noch nicht im Brennpunkt des touristischen Interesses stehen, selbst in eine
Stimmung konzentrierter und doch entspannter Kontemplation versetzt – nur
noch einmal die Besichtigung von Hattuwa anempfehlen. Für unsere Reise, bei
der wir diesen Ort erstmalig besucht hatten, gehörte Hattuwa zu den Höhepunkten.
Montag,
20. Mai
Rundfahrt
durch Kappadokien: Unterirdische Stadt Ízkonak, Avanos, Zelve, G÷reme, Uþhisar,
Gülwehir
Noch am Abend nach der
Besichtigung von Hatuwa sind wir nach Kappadokien weiter gefahren, um in Gülwehir,
der »Rosenstadt« am Rande des touristisch erschlossenen Tuffgebietes
Kappadokiens, in einem sehr angenehmen Hotel »Gülwehir« unterzukommen –
zu sehr günstigen Preisen. Kappadokia, wie die Provinz um das Vulkanmassiv
des Erciyes Daäx, den „kappadokischen Olymp“, schon in
klassisch-hellenistischer Zeit hieß, ist zunächst einmal durch seine überwältigende
Naturlandschaft, in der sich tausende und abertausende von Tuffkegeln, »Zuckerhüten«,
aus den vulkanischen Ablagerungen im Laufe von millionen Jahren herauspräpariert
haben, aufregend sehenswert. Aber auch historisch-kulturgeschichtlich hat
diese zentralanatolische Provinz viel zu bieten, da sie sich seit der
Bronzezeit immer wieder als Siedlungs-, Rückzugs- und Fluchtraum z.B. für
religiös oder politisch verfolgte Gruppen anbot, die dann ihre Behausungen,
Klöster, Kirchen oder Moscheen in den weichen Tuff hereingruben, entweder in
die Tuffkegel selbst, die teilweise durchlöchert sind wie ein schweizer Käse,
teilweise aber auch in oft mehreren Etagen in den Tuffuntergrund unter
bestehenden Siedlungen: die »unterirdischen Städte«.
Die Besichtigung
dieser Sehenswürdigkeiten gehört bei allen unseren Türkeireisen zum
Mindestprogramm; die kulturgeschichtlichen Einzelheiten dieses Rückzugsgebietes
orthodoxer Mönche und Eremiten in byzantinischer Zeit, oft Anhänger
heterodoxer, verfolgter Richtungen, sind in jedem Reiseführer nachzulesen.
Aber schon die Naturlandschaft ist ein befremdlicher, unvergeßlicher
Eindruck. Überragt von den Vulkankegeln des Hassan Daä im Westen und des
Erciyes Daäx im Osten finden wir hier ein in zehntausende einzelner Tuffkegel
aufgelöstes vulkanisches Ablagerungsfeld, auf dem sich, in prärezenter Zeit,
zunächst meterhohe Staubschichten, in den Tallagen bis zu vierzig Meter
hoch!, ähnlich der Verschüttungen von Pompei, abgelagert haben. diese
verfestigten sich dann zu weichen Tuffgesteinen, die als letztes von einer
nicht allzu mächtigen Lavaschicht als dünnflüssigem Deckenerguß überströmt
wurden. Bei der Abkühlung zerbarst die Lavadecke in eine Unzahl einzelner,
polygoner Blöcke und Schollen, zwischen denen Wasser eindringen konnte und so
die Erosion des weichen Tuffs begann. Schnell tieften sich Erosionsrinnen und
Schluchten bis zum Grunde der Tuffschicht ein, die ihren Abfluß z.B. nach
Westen in den tiefer gelegenen Tuz Gölü fanden. Nur dort, wo der Tuff durch
einen „Hut“ aus fester Lava geschützt war, blieb ein zuckerhutförmiger,
bis zu vierzig Meter hoher Kegel stehen.
Die in den Tuff gefrästen
Taleinschnitte sind zwar schwer zugänglich, bilden aber fruchtbare
vulkanische Böden, die schon in vorgeschichtlicher Zeit und dann bis heute
ununterbrochen vom Menschen zur Anlage von kleinräumigen bewässerten Feldern
und Obst- und Gemüsegärten genutzt wurden. So ist es zu erklären, daß sich
in dieser unzugänglichen „Mondlandschaft“ heute eine ganze Anzahl
prosperierender Dörfer und Siedlungen finden, deren Hauptorte Göreme, Ürgüp,
Gülwehir und Nevwehir sind. Im Tal von Göreme besichtigen wir die zentrale
Gruppe der christlichen Klosterkirchen, die durch ihre erstaunlich gut
erhaltenen Wandmalereien im byzantinischen Stil Weltruf erlangt haben.
Kurios ist es zu
beobachten, wie die Mönche, die in langjähriger Handarbeit die Höhlen in
den Tuff getrieben haben, dabei byzantinische Architekturelemente in ihren
Kirchenräumen imitierten, wie Säulen und Kapitelle, Architrave und
Deckenbalken, ohne statisch-funktionale Zusammenhänge, die hier im Tuff
ohnehin überflüssig waren, zu berücksichtigen, so daß z.B. Deckenbalken
neben den „Scheinsäulen“ in der Felswand verschwinden und den Eindruck
der Instabilität erzeugen.
In Zelve besichtigen
wir das in drei Täler aufgeteilte Höhlengebiet, das wohl die älteste
Besiedlungsspur Kappadokiens anzeigt und deren Höhlenwohnungen auf die
Bronzezeit bzw. das Chalkolithikum datiert werden, eventuell aber auch schon
in der Jungsteinzeit (Neolithikum) besiedelt war. Die Hitze des Mittags
hinderte nicht die »Entdeckungsfahrten« durch das Höhlenlabyrinth, machte
anschließend kalte Getränke, Eis und einen kleinen Imbiß unter
schattenspendenden Bäumen aber umso angenehmer.
Noch ein letzter Höhepunkt
erwartete uns am Rande von Gülwehir an diesem Tage, als wir auf Empfehlung
des Hoteliers des »Hotel Gülwehir« eine neu entdeckte Höhlenkirche aus
byzantinischer Zeit aufsuchten, die in den gängigen Reiseführern noch gar
nicht vermerkt ist und die heute noch nicht vollständig freigelegt und
restauriert worden ist. Umso hilfreicher und kontaktfreudiger war der Museumswärter,
der uns noch Abends den Zugang ermöglichte und Einzelheiten über die
Ausgrabungen zu berichten wußte.
Abends saßen wir dann
im Foyer des Hotels, tranken die üblichen Getränke vom Tee bis zum Rakx und
unterhielten uns mit dem Hotelbesitzer und einigen seiner jüngeren
Angestellten, was wieder unser Bild von der aktuellen Situation in der Türkei
abrunden konnte.
Dienstag,
21. Mai
Weiterfahrt
nach Konya ³ber Aksaray und Sultanhanx (Kervanseray); Übernachtung im
Hotel Tur
Am nächsten Tag –
eigentlich viel zu früh, nachdem wir der Faszination Kappadokiens erlegen
waren – fuhren wir dann weiter in Richtung Konya. In Aksaray – dem »weißen
Schloß«, wie die Übersetzung des Ortsnamens lautet, am Rande der Ebene des
großen Salzsees, des Tuz Gölü – machten wir eine kleine Verpflegungs- und
Einkaufsrast und konnten dabei eine typische zentralanatolische ländliche
Kleinstadt, fernab vom Getriebe des Tourismus erleben. Erstaunlich für unser
oft nicht allzu reflektiertes Türkeibild ist die hier zu beobachtende
Tatsache eines überaus schnellen und städtebaulich durchgreifenden
Modernisierungs- und Wachstumsprozesses. Dominant ist im Zentrum vor allem die
Ausbreitung von modernen Büros, privatwirtschaftlichen Dienstleistungsfirmen,
Filialen der Banken und Versicherungen und des Handels. Gegenüber stehen sich
dabei scheinbar unterkapitalisierte kleine mittelständische Unternehmen –
deren Stil ja auch von den privaten Existenzgründungen von in Deutschland
lebenden Türken bekannt ist – und die Filialen der Großkonzerne und
internationaler Firmen. Diese mit Händen zu greifende sozioökonomische
Modernisierung und die Herausbildung eines privatwirtschaftlich orientierten
neuen Mittelstandes verändert die türkische Gesellschaft im letzten
Jahrzehnt tiefgreifender als je zuvor und setzt neue Maßstäbe und
Bedingungen für die staatliche Politik, die zumindest eine radikale
Modernisierung des Staatskonzeptes und des Kemalismus einfordern!
In ganz anderem
thematischen Kontext steht uns anschließend noch ein interessanter
Besichtigungsort bevor. Östlich vom Tuz Gölü führt die alte Handelsstraße
von der ägäischen Mittelmeerküste, von Izmir, dem alten Smyrna, entlang des
Flußsystems des Menderes, des antiken Mäanders, über Konya, wo das
anatolische Hochland erreicht ist, weiter nach Osten, nach Kappadokien,
Syrien, Mesopotamien oder Iran. Diese schon in Hethiter- und Perserzeit
genutzte und herrschaftlich geschütze Heeres- und Handelsstraße gewann mit
der türkischen Herrschaft über Kleinasien neue Bedeutung. In der Zeit der
Seldjuken, im 12. bis 14. Jahrhundert, wurde zeitweilig Konya zur Hauptstadt
eines mächtigen türkischen Reiches und zu einem kulturellen und
wirtschaftlichen Zentrum. Auch benachbarte Städte wie Karaman und Kayseri
wurden seldjukische Herrschaftsorte, so daß die gesamte südanatolische
Provinz eine Blütezeit erlebte. Es galt, die alten Verkehrswege zu sichern.
In der zweiten Hälfte
des 13. Jahrhunderts begannen seldjukische Sultane, in regelmäßigen Abständen
von etwa 30 km, der Tagesreise einer Handelskarawane, Kervansarayen zu
errichten, viele nach einem standardisierten, regelmäßigen und äußerst
zweckmäßigen Muster. Gleichzeitig waren diese „Häuser des Sultans“,
Sultanhanx, genannten Gebäude auch Etappen für das Militär, das die
Besatzung und Bewachung stellte. Als herrschaftliche „fromme Stiftungen“,
wie sie im islamischen Bereich häufig sind und als fromme Handlungen auf den
edlen Stifter zurückweisen, waren sie für alle Reisenden nutzbar und boten
Brunnen und Gebetsraum, gedeckte Lager- und Aufenthaltsräume und einen großen
Hof ebenso wie eine große überdeckte „Winterhalle“ für die ruhenden
Tiere. Die Bauten waren äußerst repräsentativ; die Portalanlagen sind
Meisterwerke seldjukischer Steinschneidearbeiten, wie wir sie an den
seldjukischen Medresen in Konya wiederfinden werden. Der an den Längsseiten
von den Bogenportalen zu den Lager- und Aufenthaltsräumen gesäumte Hof, an
dessen hinterer Begrenzung die prächtige, fünfschiffige „Winterhalle“
anschließt und in dessen Mitte zweigeschossig Brunnen und darüber Gebetsraum
zu finden sind, besticht durch seine ausgewogene Proportionierung und feine
bautechnische Faktur.
Zwischen Nevwehir und
Aksaray konnten wir zwei kleinere dieser Sultanhanx in verschiedenem
Erhaltungszustand besichtigen. Das Kervansaray Aäzxkarahan bei Aksaray ist in
den letzten Jahren restauriert worden und bieten einen guten Eindruck von der
Konzeption eines Sultanhanx. Doch es wartet noch ein prächtigeres und größeres
auf uns, das dem Dorf, das es umgibt, seinen Namen gegeben hat: Sultanhanx.
Die Winterhalle in
den Kervansarayen selbst erinnert eher an sakrale Gebäude, ja an eine fünfschiffige
Kirche mit regelmäßigen Säulenreihen, einem apsisartigen hinteren Abschluß
und, in der Mitte über dem Mittelschiff, einem als Laterne dienenden
Kuppelbau, der außen mit dem typischen, steinernen spitzen Zeltdach überworfen
ist, wie es in der türkischen und armenischen Kunst häufig anzutreffen ist.
Auch in Konya ist das Grabmal des Celaleddin Rûmî, seine Türbe, mit einem
dunkelgrünen Turm mit Zeltdach bekrönt, das im Innenraum eine
Kuppelkonstruktion enthält.
Die erstaunliche
Baukonzeption dieser „Winterhalle“ in Sultanhanx, die wir an dem am besten
erhaltenen und restaurierten Bau dieser Art auf unserem Weg nach Konya
bewundern können, führte französische Architekturhistoriker, die fast
gleich proportionierte Kirchenräume bei Zisterzienserklöstern in Südfrankreich
kannten, zu der Entdeckung, daß beide Baugruppen, zeitlich fast parallel, von
reisenden armenischen Bauhütten errichtet worden sind, die trotz
verschiedener Auftraggeber und Funktionen auf traditionelle armenische
Bauformen zurückgriffen.
Sultanhanx bei
Aksaray, wie der von uns besuchte Bau bezeichnet wird, ist umgeben nur von ein
paar Häusern des heutigen Dorfes Sultanhanx, das erst in den letzten
Jahrzehnten sein Gesicht modernisiert, vielleicht unter dem Einfluß der
wachsenden Zahl interessierter und begeisterter Besucher, aber auch, indem die
Chance genutzt wird, über die traditionelle Landwirtschaft hinaus Gewerbe wie
z.B. Textilherstellung – aus selbst erzeugter Wolle – zu entwickeln, ein
Zwang zur ökonomischen Entwicklung, der sich auch die ländlichen Gebiete der
Türkei heute scher entziehen können. Sultanhanx macht eine erstaunliche
bauliche und ökonomische Entwicklung durch und orientiert sich immer stärker
am Tourismus, seit ein Besuch für Busreisende sowohl von Konya aus wie aus
Kappadokien zu Regelfall geworden ist. Die Straßen sind nun asphaltiert, die
Besichtigung des Kervansaray kostet – durchaus berechtigtermaßen –
Eintritt, ein befriedeter großer Platz vor dem Portal sichert einen freien
Blick auf die mächtigen Mauern und das mit prunkvollen seldjukischen
Steinschnittornamenten geschmückte Liwan-Portal. Zwei neu gebaute Läden und
Restaurants wetteifern um die Gunst der Besucher, anstelle des einen, in einer
Hütte weitab vom Saray untergebrachten »Tourist Office« früherer Jahre.
Doch das eine dieser Restaurants gehört weiterhin der Familie Öztürk und
weckt damit alte Erinnerungen.
Lange Zeit, vor der
offiziellen Restaurierung des Kervansaray, war Sultanhanx ein gehüteter
Geheimtip besonders interessierter Türkeireisender. Schon 1974 konnte ich
diesen Ort zum ersten Male besuchen und die Bekanntschaft des Ortsvorstehers,
Herrn Öztürk, machen. Er war – und ist zusammen mit seinen im Laufe der
Jahre herangewachsenen Söhnen – der gute Geist von Sultanhanx, Freund und
aufmerksamer Betreuer der Besucher und Motor der Restaurierung und
Instandsetzung des Kervansaray ehe die staatlichen Museumsbehörden die
Verwaltung und Instandhaltung übernommen haben. Beim ersten Male war der Bau
noch nicht besonders geschützt, noch kein nationales türkisches Monument;
doch seine Anmut und seinen Reiz entfaltete er trotz altersbedingter Schäden.
Heute sind die meisten Schadstellen repariert, am Eingang werden die amtlichen
Eintrittskarten erkauft.
Früher wurden die
Besucher von einem Angehörigen der Familie Öztürk begrüßt. Das letzte Mal
hatte ich 1987 während unserer »Orientfahrt«
Kontakt zur Familie Öztürk und erinnere kurz unsere damalige Begegnung: Eine
– unentgeltliche – Tasse Tee im „tourist office“, einer ganz
inoffiziellen Einrichtung von Herrn Öztürk, die vorübergehend, beim Ausbau
des Tourismus, quasi offiziösen Charakter angenommen hatte, eine Eintragung
im Besucherbuch – auf Nachfrage finde ich, begeistert bei der Suche von
Herrn Öztürk jr. unterstützt, meine Eintragungen von 1974 und 1985 –
damals hatte ich fest versprochen, nicht wieder mit meinem nächsten Besuch
elf Jahre zu arten. Ich habe mein Versprechen gehalten und ergänze die
Eintragung wiederum durch einige freundliche und dankbare Zeilen. Schließlich
Gespräche über Sultanhanx und die Türkei, über die Besucher – deren
prominentester vielleicht Richard von Weizsäcker während seiner Zeit als
Regierender Bürgermeister von Berlin war – und über uns selbst, unsere
Ziele und Eindrücke. Uns wird angeboten, hier in Sultanhanx zu übernachten,
denn der Abend naht; doch Eile und unser morgiges Besichtigungsprogramm in
Konya lassen die Mehrzahl unserer Reiseteilnehmer diesen Vorschlag nicht als
sinnvoll erscheinen. Mit einigem Bedauern und in der Hoffnung auf einen
baldigen erneuten Besuch verabschieden wir uns 1987 von der Familie Öztürk.
Ich dachte nicht, daß es wiederum neun Jahre bis zu einem erneuten Treffen
dauern würde, denn bei den kurzen Stippvisiten mit unseren Reisegruppen in
der Zwischenzeit blieb wenig Zeit und Sultanhanx war eine einzige Baustelle,
die kaum zum Verweilen reizte. Das alte »Tourist Office« war hinter Bauzäunen
verschwunden.
Doch diesmal kam es
anders, als ich auf dem Platz von einem jungen Mann auf dem Fahrrad
angesprochen wurde, der mich wieder erkannte. Auf Rücksprache ergab es sich,
daß es einer der Öztürk-Söhne war, die ich vor Jahren kennen gelernt
hatte.
Ich fragte nach dem
Vater und erhielt die Mitteilung, daß er sehr alt und krank geworden wäre.
Doch nachdem er erfahren hatte, daß ich wieder in Sultanhanx war, ließ er es
sich nicht nehmen, uns auf der Dachterrasse seines Restaurants, das nun das
alte »Tourist Office« abgelöst hatte und von seinen Söhnen bewirtschaftet
wurde, zu einem Glas Tee zu begrüßen und über altze Zeiten zu plaudern. So
verzögerte sich unsere Abfahrt nach Konya doch noch um ein Stündchen, das
aber von unseren Schülerinnen und Schülern zum Essen, Trinken und zum »shopping«
im Laden der Öztürks genutzt werden konnte.
Mittwoch,
22. Mai
Konya,
Stadtrundgang: Mêvlana (Tekke der »Tanzenden Derwische« und Grab von
Cellaleddin Rûmî); Altstadt, Bazar; Burgberg mit Alaeddin Kaykobad Camii;
Ince Minaresi Medrese; Karatay Medrese
Von dort machte ich 24
Meilen gegen Norden zum Westen, und kam um Mittag nach Koni (Iconium). Die
Berge von Bedlerin waren nun links gegen 30 Meilen entfernt, aber eine
niedrige Bergkette läuft immer parallel mit dem Wege, er wird immer größer,
je näher man der Stadt kommt. Die Ebene war in der Ferne mit Yourooks
bedeckt, die Pferdezucht treiben, deren Zelte auf kegelförmigen Hügeln
stehen, die mit wenigem Grün bedeckt sind, da die übrige Ebene äußerst dürre
aussieht. Auf der zwölften Meile fingen die Minarets und die Gärten von Koni
an sich allmählig zu zeigen und schienen sich stufenweise zu erheben. Als wir
in die Stadt kamen, zogen wir durch eine gar elende Vorstadt, die eine Meile
lang seyn mag. Wir gingen zum Pallast des Mutesellim, einem großen Gebäude,
das aber unregelmäßig und fast ganz verfallen ist; es liegt am östlichen
Ende der Stadt. Er schickte uns zum Griechischen Despoten; der, nach einigen
Einwendungen, uns ein ziemlich reines Zimmer gab, in einem unbewohnten Hause,
das bei den Ruinen von dem Pallaste des Sultans von Iconium lag, auf einer Anhöhe,
wo man eine sehr schöne Aussicht auf die Stadt hat.
Die Zahl der Moscheen
in der Stadt, ihre malerische Lage und die übrigen öffentlichen Gebäude
geben ihr ein imposantes Ansehen. Diese Gebäude verfallen aber, und die Häuser
der Einwohner sind theils klein, aus an der Sonne getrockneten Backsteinen
erbauet, theils elend, mit Stroh gedeckte Hütten. Nach Osten und Süden
erstreckt sich die Stadt weit in eine Ebene, über die Mauern hinaus, die
ungefähr zwei Meilen im Umfang haben; im Norden ist die Bergkette von
Fondhal-Baba (Lycadnum coller), gleich an der Stadt, nicht sehr hoch; im
Westen liegen Hügel zwischen denen Gärten und schöne Wiesen sind. Ein beträchtlicher
Theil von dem Wasser eines kleinen Flusses, der auf der nordwestlichen Seite
der Stadt gegen Nordost fließt, wird zum Bewässern der Gärten und Felder
gebraucht; das Uebrige bildet einen kleinen See und Sumpf, fünf oder sechs
Meilen nördlich von der Stadt. Auf jeder Seite erheben sich schneebedeckte
Berge, nur nicht gegen Osten, wo eine unabsehliche Ebene sich ausdehnt. Die
Moscheen sind die Hauptzierde der Stadt, sie umfaßt zwölf große und gegen
hundert kleine. Die des Sultan Selim und des Cheick-lbrahim, von denen die
erste nach dem Muster der heil. Sophie in Konstantinopel gebauet ist, sind große,
prächtige Gebäude, die man wegen ihrer Schönheit im Innern bewundert, es
ward mir aber nicht erlaubt, sie zu besehen. Madressar oder Klöster giebt es
auch viele, ein Theil ist aber verlassen und verfällt. Das einzige bewohnte
ist ein großes, neues Gebäude Capan-Madressee genannt. Die Thore von einigen
sind ausgezeichnet schön; ganz von Marmor, mit Bildhauerarbeiten bedeckt; das
Gesimse, im Maurischen Styl, übertrifft an Feinheit Alles, was ich bisher
gesehen.
Die Stadtmauern sollen
von den Seldschukischen Sultanen aufgeführt seyn; mir schien es, als ob man
Ruinen alter Gebäude dazu benutzt habe; zerbrochene Säulen, Kapitäler,
Sokkel, Basreliefs u. dgl. sind darin verbraucht. Die Mauer hat acht
viereckige Thore, und sie ist, so wie die meisten Thürme, mit Arabischen
Inschriften geziert. Die große Zahl ist trefflich ausgeführt, und die Mauer
selbst ist besser gebauet, als sonst bei den Türkischen Städten gewöhnlich
ist; sie hat an einigen Stellen Schießscharten, die aus Piedestalen von Säulen
bestehen, die aufrecht zwei bis drei Zoll von einander hingestellt sind. Auf
einigen fand ich Griechische Buchstaben, aber die Höhe verhinderte sie zu
lesen. Ein großer Theil des Giebels an dem Thore von Ladik, in der Nordseite
der Mauer, enthält eine Türkische Inschrift; unmittelbar darunter ist in der
Mauer ein herrliches Basrelief, und eine kolossale Statue des Herkules.
Über dem Thore von
Aiash sah ich ein Basrelief von Marmor, einen liegenden Löwen vorstellend,
und in einer nahen Gasse einen marmornen Löwen, dieser steht am Eingang zu
einer langen Reihe unterirdischer, gewölbter Zimmer, die wahrscheinlich zu
einem alten Gebäude gehörten.
Mitten in der Stadt ist
eine kleine Anhöhe, die ungefähr Dreiviertel einer Meile im Umfang hat,
vermuthlich war sie ehemals befestigt, und diente zur Burg von lkonium. Oben
findet man den gewölbten Grund eines Gebäudes und die Einwohner erzählen,
dieß sey das Schloß der Seldschukischen Sultane gewesen.
Die Anzahl der
Einwohner soll gegen 30000 Seelen betragen, die meisten sind Türken, Christen
giebt es wenige. Die Stadt enthält vier öffentliche Bäder, zwei Kirchen,
sieben Khane zur Bequemlichkeit der Kaufleute, aber der Handel ist unbedeutend
und das meiste Land umher liegt brach. lkonium war ehemals die Hauptstadt
einer großen Statthalterschaft und der Sitz eines mächtigen Pascha, der eine
bedeutende Kriegsmacht hatte, um Ruhe und öffentliche Sicherheit zu erhalten
und sein Gebiet zu vertheidigen. Jetzt ist das Alles verändert, und das Auge
sieht rings umher nichts als Zerstörung und Trümmern.
John
Macdonald
Kinneir
1813/14
Seit dem ersten Besuch
1985 haben wir hier in Konya immer wieder im Hotel Tur,
einem schlichten, aber sauberen und neuen und äußerst preisgünstigen Hotel
gleich neben der „Tekke“ übernachtet. Doch von dieser später mehr! Immer
wieder hatten wir mehrere Tage Zeit, diese interessante Stadt und Zentrum
einer mystischen islamischen Kultur zu erkunden und die Gelegenheit,
interessante Bekanntschaften zu machen. Besonders anregend war gleich beim
ersten Besuch der Kontakt zu einem Oberschüler, Mevlüt Bedii, Sohn – und
Partner – eines Teppichhändlers und Verwandter des Hotelbesitzers, der
diesen Kontakt ermittelte. Mevlüt hatte Kontakt zu den Anhängern einer
mystischen Richtung des Islam, den sogenannten „Tanzenden Derwischen“, die
zwar offiziell als praktizierender Orden in der laizistischen Türkei seit
Atatürk verboten sind, in ihrem Ursprungsort Konya jedoch nie ihre Anhänger
verloren hatten und heute durchaus wieder öffentlich auftreten – vom
Tourismusbüro als „Folklore“ umdefiniert und damit legalisiert. Mevlüt
begleitete uns im Herbst 1985 durch die „Tekke“, den „Konvent“ des
Derwischordens, wo die Grabmäler der Ordensoberen und unter einer reichgeschmückten
Kuppel, von außen gekennzeichnet durch eine grüne, mit spitzem Zeltdach
ersehene Türbe, die die Kuppeln der Tekke überragt. Hier ist der Kenotaph
des Ordensgründers Djellal-ed-Din Rûmî zu finden.
Die Tekke ist der
Beginn unseres Rundganges durch die ehemalige Seldjukenhauptstadt, die heute
ein konservatives religiöses Zentrum der Türkei und Sitz einer berühmten
theologischen Hochschule ist. Die Seldjuken, mit regionalen Reichen und Fürstentümern
in Iran und Anatolien, gründeten ein politisch mächtiges, wenn auch
wechselnden Großmächten – Byzanz, Kalifat von Baghdad, mongolische
Il-Khane – tributpflichtiges Staatswesen in Konya, Karaman und Kayseri. In
der Zeit des mächtigsten der Seldjukensultane, Ala-ed-Din Khaikobad
(1220-1237), gelangte das Seldjukenreich von „Rum“ (= „Rom“, Byzanz;
in Abgrenzung zu den innerasiatischen türkischen Reichen wurden die
anatolischen Gebiete so benannt) zu einer kulturellen und religiösen Blüte.
Die z.Zt. unter der Obhut der UNESCO als „Erbe der Menschheit“
restaurierte zentrale Ala-ed-Din Moschee, wurde unter Sultan Khaikobad
errichtet. Sie liegt wie eine Zitadelle auf einem allseits von einer Ringstraße
umgebenen teils natürlichen, teils seit vorgeschichtlicher Zeit durch
menschliche Bauten überhöhten Hügel („tepe“). Zu unserer Freude war
nun, 1996, die Restauration abgeschlossen und wir konnten erstmalig diese große
Hallenmoschee und die in einer Türbe im Hof liegenden Sultansgräber
besichtigen.
Zur gleichen Zeit als
diese Moschee erbaut wurde, kam auch aus Merw (im heutigen Afghanistan)
zusammen mit seinem Vater der persische Philosoph und Dichter Djellal-ed-Din Rûmî
(der „Römer“, wie er nach seiner neuen Heimat genannt wurde, 1207-1273)
an den Hof von Konya. Hier gründete er den mystischen Orden der Mêvlêvî,
die in mystischer Versenkung, ritualisierter Rezitation und von ekstatischen Tänzen
begleiteter Musik einen unmittelbaren Zugang zum Göttlichen, zu geistigen
Erfahrungen und Erkenntnissen suchten. Rûmî war ein Dichter, dessen
Hauptwerk, das Masnavî, über die religiösen und sprachlichen Grenzen hinweg
zur Weltliteratur gehört. Es ist gleichermaßen Quelle der Inspiration,
moralischer Wegweiser und Anweisung für die mystischen Übungen der Tanzenden
Derwische. 1985 erläuterte uns Mevlüt die Legenden des „Großen Buches“,
des Masnavî, über den Zusammenhang von Musikhören und Versenkung. Wunderschöne
Handschriften des Masnavî finden sich in den Ausstellungsräumen der Tekke,
die, in der heutigen Form im 16. Jahrhundert errichtet, lange Zentrum des
Ordens, nach dem erbot durch die türkische Regierung aber weltliches Museum
war.
Heute ist dieser
ruhige und durch seine wertvollen Ausstellungsstücke, unter anderem auch
wertvoller alter Musikinstrumente wie der Rohrflöte Ney, hochinteressante Gebäudekomplex
zwar immer noch staatliches Museum, aber gleichzeitig auch und verstärkt
wieder Sammlungsort für das Gebet, für das Gedenken an den im Volksglauben
als heilig bezeichneten Mêvlânâ Rûmî und für die Treffen gleichgesinnter
Anhänger des Mevlevî-Ordens.
Im folgenden Kapitel
über die Musik der Mystiker wird der ehemalige Kollege H. A. Gütte, selbst
bekannter Pianist und Musiker, noch einige hochinteressante Einzelheiten über
die religiöse Grundlegung der Musik, wie wir sie hier in der Tekke des Mêvlânâ
hören konnten, mitteilen.
Unseren Rundgang
setzten wir im Stadtzentrum bei zwei Gebäuden fort, die anders als die Tekke
selbst, Meisterwerke seldjukischer Kunst sind. Die Medrese (Koranschule) Ince
Menare („mit dem hohen Minarett“, welches durch Blitzschlag Ende des
letzten Jahrhunderts bis auf den Sockelschaft verkürzt wurde) zeichnet sich
durch ein riesiges in Stein geschnittenes, in fast barockem ornamentalen Überschwang
mit Flechtbändern, Bandverschlingungen und arabischen Schriftbändern
verziertes Liwan-Portal aus. Auch diesrer Bau gehört zu dem von der UNESCO
betreuten und renovierten »Welterbe der Menschheitskultur«. Der Innenraum
unter einer großen mit seldjukischem Ziegelornament ausgekleideten Kuppel
beherbergt heute ein Museum seldjukischer Steinschneidearbeiten und ornamental
verzierter Plastiken.
In die
Karatay-Medrese finden wir unter zwei hohen, schlichten Kuppeln, über einem
Holzgerüst mit Metallplatten verkleidet, innen eine prächtige, formal überraschende
Kuppelauskleidung. Die Hauptkuppel bietet das Musterbeispiel für die
sogenannten „Türkischen Dreiecke“, eine ganz spezielle, vor allem in der
Seldjukenzeit verwendete Form des Übergangs vom rechtwinkligen, in seiner
Gesamtgestalt kubischen Innenraum zur aufgesetzten Kuppel mit dem exakten
Durchmesser der Seitenlänge des Innenraumes. Anstelle von Bogen- oder
Schalottenkonstruktionen, die die Raumecken überspannen und die Kuppel
tragen, tritt ein unter der Kuppel eingesetztes, fast schon den Bogen der
unteren Kuppelbegrenzung faktisch nachzeichnendes Polygon, von dessen Seiten
jeweils, völlig plan, langgestreckte Dreiecke mit der unteren Spitze zu einem
gemeinsamen Punkt in jeweils einer der Ecken des Raumes in etwa dreiviertel
der Raumhöhe geführt werden. Die Dreiecke bilden also vier gleichförmige Fächer,
die von den Ecken nach oben zur Kuppel streben und den polygonen Grundriß der
Kuppelkonstruktion tragen. Dazwischen bleiben oben mit einem flachen Dreieck
endende Wandflächen offen, in deren einer sich ein Bogen zu einem weiteren
Nebenraum öffnet. Die „Türkischen Dreiecke“ sind ornamental
durchgestaltet, in hellblauer Farbe mit dunkelblauen und türkisen Mustern
angelegt, so daß der ganze Raum den Charakter eines kühlen, eher abeisenden
„Kuppel-Zeltes“ (wenn so etwas vorstellbar erscheint) annimmt.
Der Gründer dieser
Medrese, Karatay, ein orthodoxer Theologe, der sich nicht der Mystik des
Mevlevî-Ordens angeschlossen hatte, liegt hier in einem Nebenraum begraben.
In der frühen Neuzeit hatte die Karatay-Medrese einen guten Ruf auch als Stätte
naturwissenschaftlicher und astronomischer Gelehrsamkeit, womit ein anderer
wichtiger Zug der islamischen Kultur, dem wir bislang noch nicht in diesem Maße
auf unserer Reise begegnet sind, ins Bewußtsein gerückt wird. Liegen doch
viele Wurzeln unserer eigenen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation
in der arabisch-islamischen Kultur und Geschichte begründet.
Diese Bauwerke sind alleine schon eine Reise Wert!
„Beim Hören die Finger in die Ohren
gesteckt“
»Die tanzenden
Derwische in Konya. Derwische dürfen nicht mehr tanzen: offiziell darf es sie
gar nicht mehr geben, denn die Orden wurden 1925 verboten, ihre Konvente
geschlossen. Ihr geheimbundgleicher politischer Einfluß sollte der Republik
nicht zum Verhängniswerden. Einmal im Jahr dürfen sie aber noch tanzen. Denn
die geistige Bedeutung, die der Ordensgründer Celal ed-Din Rumis erlangte,
ist auf der ganzen Welt unumstritten. Im Jahre 1207 im zentralasiatischen Balh
geboren, lebte er seit 1228 in Konya. Hier sammelte er Schüler um sich, hier
schrieb er auf Persisch seine Werke, propagierte die Einheit allen Seins in
Gott. Gott zu erreichen, so lehrte er, sei dem Menschen auf dem Wege der Liebe
möglich. Mit diesen Thesen hatte Mevlâna, wie er genannt wurde, nicht nur
unter den Muslimen Zulauf; selbst viele Christen wurden seine Anhänger, über
die Mystik auch Anhänger des Islam. Rumis’ Sohn, Sultan Veled, organisierte
dann nach dem Tod seines Vaters den Orden der Mevlevis, der während der
ganzen Dauer des Osmanischen Reiches Einfluß auf die Gebildeten, aber auch
auf das Heer und damit trotz vergleichsweise kleiner Mitgliederzahl große
Bedeutung haben sollte. Neben der Zentrale, die sich in Konya um das Grab Mevlânas
und seiner engsten Schüler bildete, gründeten Mitglieder bald überall im
Osmanenreich Mevlevihanes, Derwischkonvente. Erleichtert wurde die Ausbreitung
dieser Orden schon dadurch, daß man ihnen – anders als den Mönchsorden in
Europa – angehören konnte, ohne das bürgerliche Leben aufgeben zu müssen.
Aber auch im Abendland gab es bald Anhänger und Konvente in London und
Berlin. Die »tanzenden Derwische« wurden zum Urbild des Derwischs; obwohl
nur dieser Orden Rumis’ zu meditativer Musik seine eigenartig monoton
drehenden Tänze (sema) vollzog. In weißen Gewändern, mit langem, weitem
Rock und der hohen Mütze, wie sie auch Mevlâna trug: So tanzen seine Jünger
in immer tieferer Versenkung zu der feierlichen Musik von Ney (einer langen Flöte)
und Kudûm (einer kleinen Doppeltrommel mit dumpfem Klang). Zwei Mevlevihanes
sind besonders berühmt: das eine in Galata, Istanbul), das andere ist eben
die Grabstätte und Ordenszentrale, die Wirkungsstätte des Gründers, das
Mevlevihane in Konya. Der Besuch lohnt auf jeden Fall, besonders Mitte
Dezember, wenn des Todes Mevlanas am 17.12.1273 gedacht wird. Neben
wissenschaftlichen Symposien gibt es dann auch Vorführungen des Sema, des
rituellen Tanzes. Und was man sonst nicht sehen darf, weil es verbotene
Geheimbundsache ist, wird dann vorgeführt: islamische Ordensmystik.«
|
Ein
Reisender traf Madjnun:
Allein
saß er in der Mitte der Wüste.
Er
nutzte die ebene Fläche des Sandes
als
ein Blatt Papier
und
seine Finger als Feder:
Er
schrieb den Namen seiner Geliebten Leyli
wieder
und wieder in den Sand.
Da
sprach der Reisende:
O
verrückter Madjnun!
Was
tust du da?
Wenn
du einen Brief schreibst,
|
wer
wird ihn je erhalten?
Und
Madjnun antwortete:
Ich
lebe den Namen von Leyli –
wenn
ich sie selbst nicht erreiche
zur
liebenden Vereinigung,
so gebe ich meine Liebe ihrem Namen!
Rûmî:
Aus dem Masnavi. In Persisch gesungen von Shusha.
Auf:
Persian Love Songs and Mystic Chants.
Tangent TNGS 108
|
„Sama“ als Nahrung für die Seele. Einige Anmerkungen zur Musik im
Islam
Es ist eines der am
weitesten verbreiteten Vorurteile nicht nur im Westen, sondern auch in
islamischen Ländern, daß im Islam Malen und Musizieren erboten seien. Indes
vermag man in den relevanten Basistexten des Islam – den Offenbarungen
Allahs, genannt der Qur'an, und der Praxis des Propheten Mohammed, die z.B. in
den überlieferten Verhaltensweisen und örtlichen Äußerungen des Propheten,
den sogenannten Hadith, fixiert ist – bei inhaltlicher und nicht örtlicher
Interpretation für das eine wie das andere keinen das erbot belegenden Beweis
finden. Al Ghazali, der große Reformer und Theologe des Islam (gest. 1111)
berichtet so in seinem berühmten Standardwerk „Die Wiederbelebung der
Religionswissenschaften“, daß der Prophet Mohammed Musik nicht als schlecht
empfand und zu gewissen Gelegenheiten selbst Musik zu hören pflegte.
Andererseits wird uns in den Hadith auch eine Begebenheit mitgeteilt, daß der
Prophet sich beim Hören eines Flötenliedes die Finger in die Ohren steckte,
um keinen Ton des Satans vernehmen zu müssen. Musik hat im Islam mithin zwei
Seiten: sie kann haram (erboten)
sein, wenn sie üble Leidenschaften weckt oder Schlechtes intendiert; sie kann
empfehlenswert und erlaubt (halal)
sein, wenn sie dazu beiträgt, die Empfindungen der Seele zu verfeinern und,
wie die Sufis sagen, das Gemüt zur Ekstase, zum Ablegen des Äußerlichen und
Entdecken des Göttlichen leitet. Sufis, d. h. islamische Mystiker, auch
Derwische oder Fakire genannt, tauchen etwa zu Beginn des zehnten Jahrhunderts
als Antwort auf einen Islam auf, der verweltlicht oder auf trockene Rituale
beschränkt war. Der Name soll von dem Wort suf
(Wolle) stammen, da die Mystiker schlichte, wollene Gewänder im Gegensatz zu
der üppigen Seidentracht der reichen Muslime trugen. In der Folge entwickelte
sich eine blühende Vielfalt von Orden, die nach dem Namen ihrer Begründer
benannt und kulturell wie politisch zu Zentren des Widerstandes gegen einen
als unreligiös empfundenen Macht-Islam wurden. In ihren Kreisen wurde auch
die Musik gepflegt, und für den, der sich in den mittelalterlichen
Beziehungen zischen Orient und Okzident auskennt, ist es nicht verwunderlich,
daß die meisten heute im Abendland gebräuchlichen Instrumente ihren Ursprung
in den islamischen Vorbildern für Gitarre, Trompete, Violine, Oboe etc.
haben. Musik war den Sufis jedoch nicht alltägliches Konsummittel, sie war
auch nicht Gegenstand von Gottesdiensten, wenn auch der Ruf des Muezzin (des
zum Gebet Rufenden) oder die Rezitation des Qur'ân durch den Imam (Vorbeter)
gesanglichen Charakter tragen. Das, was die Sufis zur Reinigung des Herzens
und zur Erhöhung der Seele in ihren Tiefen unter dem Vorsitz ihres Meisters
praktizierten, wurde als Sama (hören)
bezeichnet. Diese spirituelle Musik des Sama
war gebunden an vielfältige Bedingungen: die richtige Zeit, der richtige Ort,
die richtigen Gefährten, Wahrheitssuche, die Sehnsucht nach Gott, dem
Geliebten, und der Vereinigung (Fana)
mit Ihm. Die dem Sufismus nahestehenden Gelehrten haben sich in langen
Abhandlungen über die Vorzüge und Qualitäten des Sama ausgelassen und es
auch nicht versäumt, die Bedeutung und Wirkung der einzelnen Instrumente zu würdigen
oder ihre Wichtigkeit abzuwägen. So wurde Leder- und Holzinstrumenten
besonderer Vorzug gegeben.
Der durch seinen Orden
der Tanzenden Derwische bekannt gewordene bedeutende mystische Dichter
Jalal-ud-Din Rûmî (türk. Celaleddin Rûmî, 1197-1273) hat so zum Beispiel
in dem einleitenden Gedicht zu seinem Hauptwerk, dem Masnavî, die Rohrflöte
(Ney) als Symbol für die an der Trennung von dem/der Geliebten leidenden
Seele gepriesen. Das auch heute noch in Konya aufgeführte Zeremoniell dieser
Derwische hat als Voraussetzung für die Teilnehmer, daß sie die Anhaftung
der Sinne an das Äußere der Klänge überwunden haben und, sozusagen, von
Innen her lauschen.
Hör’
auf der Flöte Rohr, was es verkündet,
hör,
wie es klagt, von Sehnsuchtsschmerz entzündet:
Als
man mich abschnitt am beschilften See,
da
einte alle Welt bei meinem Weh.
Ich
such’ ein sehnend Herz, in dessen Wunde
ich
gieße meines Trennungs-Leides Kunde;
sehnt
doch nach des Zusammenweilens Glück
der
Heimatferne allzeit sich zurück.
Klagend
durchzog ich drum die weite Welt,
und
Schlechten bald, bald Guten beigesellt,
galt
jedem ich als Freund und als Gefährte, –
und
keiner fragte, was mein Herz bescherte.
Und
doch – so fern ists meiner Klage nicht,
den
Sinnen nur fehlt der Erkenntnis Licht.
So
sind auch Seel’ und Leib einander klar,
doch
welchem Aug’ stellt’ je ein Geist sich dar? –
Kein
Hauch, nein, Feuer sich dem Rohr entwindet.
Verderben
dem, den diese Glut nicht zündet!
Der
Liebe Glut ist’s, die im Rohre saust,
der
Liebe Seufzen, das im ein aufbraust.
Getrennter
Liebenden Gefährtin sie,
zerreißt
das Innerste die Melodie.
Als
Gift, als Gegengift stets unvergleichlich,
an
Mitgefühl und Sehnsucht unerreichlich,
gibt
sie vom Pfad im Blute uns Bericht,
von
Madschnuns Liebe singt sie manch Gedicht.
Vertraut
mit diesem Sinn ist nur der Tor,
gleich
wie der Zunge Kundsmann nur das Ohr.
In
Leid sind unsre Tage hingeflogen
und
mit den Tagen Plagen mitgezogen!
Und
ziehn die Tage, laß sie ziehn in Ruh,
wo du
der Reinen Reinster, daure du!
Den
Fisch nur sättigt nie die Flut, doch lang
sind
des Darbenden Tage, lang und bang.
Aber
mein Wort sei kurz; ersteht doch nicht
der
Rohe, was der Vielgeprüfte spricht!
Rûmî:
Einleitung ins Masnavi.
Deutsch
aus: G. Rosen, Mesnevi oder Doppelverse des Scheich Mêvlânâ Dschelal-ed-din
Rûmî. Leipzig 1849. Zit. nach: R. Jockel, Hg., Islamische Geisteswelt.
Wiesbaden 1981
Andere Formen der
Sufi-Mystik sind die einst in Indien kreïerten Qaali, Lobgesänge in Raga-ähnlicher Form, die, wie überliefert,
von dem Heiligen Môin-ud-Dîn Chisti verwandt wurden, um (im 11. Jahrhundert)
der Hindu-Bevölkerung mit einer Predigtweise gegenüberzutreten, die ihren
religiösen Vorstellungen nahekam. Die Qaali-Sänger haben ihre Erfahrungen
meist in ihren Familien weitergegeben, und so sind traditionelle Spielarten
entstanden, die bis in unsere Zeit gepflegt werden.
Ohne instrumentale
Begleitung wird eine andere Weise von Musik vorgetragen, das Ghazal,
ein gesungenes religiöses Gedicht, als dessen Ursprung Persien angesehen
wird. Es ist bemerkenswert, daß sich so, zumal im indischen Subkontinent,
innerhalb der Literatur weitgehend das gesungene Gedicht (in Pakistan Nazam
genannt) behauptet, das heißt, daß der Poet seine Lyrik nicht spricht,
sondern in einem ihm eigenen Tonfall singt oder singen läßt. Im Zuge der
Zeit haben sich in diesem Jahrhundert zudem Sufi-Orden entwickelt, die mit dem
einstigen Bemühen, nur einen „reinen, friedlichen Islam“ zu leben und zu
propagieren, nicht mehr viel gemein haben und synkretistische
Religionsvorstellungen pflegen. Vor allem unter dem Mystiker Inayat
Khan und dessen Sohn, Pir
Wilayat Khan, haben sich so im Westen Zirkel gebildet, in denen Musik eine
wesentliche Rolle spielt. Das führte dann unter anderem zu mehr westlich –
folkloristische Elemente aufnehmenden Gesängen, die – vor allem in den USA
– von Sufi-Chören aufgeführt und, natürlich, in Vinyl gepreßt wurden.
Die ganze Spannbreite
der „Musik in der Welt des Islam“ ist auf einer sechs Schallplatten
umfassenden Serie der englischen Firma „Tangent“ enthalten, die nicht nur
Sufi-Zeremonien (das Dhikr, d.h.
„Erinnern und Gedenken Gottes“ durch lautes, rhythmisches wiederholen des
Namen Allahs) aufgezeichnet hat, sondern auch Lieder der Bauern, Fischer,
Kameltreiber und Hirten, dazu traditionelle Musik, wie sie zu Festlichkeiten
wie Hochzeiten oder Begräbnissen üblich waren oder sind. Die Plattenserie
unterscheidet: menschliche Stimme, Lauten, Saiteninstrumente, Flöten und
Trompeten, Rohrpfeifen und Sackpfeifen, Trommeln und Rhythmusinstrumente.
Musik im Islam, vor allem wenn sie das Attribut Sufi-Musik trägt, ist immer
an besondere Voraussetzungen gebunden, wenn wir davon absehen, daß sie in
unseren Tagen verständlicherweise profanen Ausdruck gewonnen hat, was etwa
durch die ungezählten Versionen der schlagerähnlichen Liebeslieder
manifestiert wird, die zum Beispiel eine Sängerin wie die Ägypterin Umm
Kulthum fast zum Objekt eines Kultes
werden ließ. Die zahlreichen auch in Deutschland aktiven Sufi-Gruppen halten
indes nicht nur fest an dem Ausspruch Al
Ghazalis, daß „Musik Nahrung für die Seele“ sei, sondern auch an seiner
Warnung, daß sich das Herz des mit unkontrollierten Sinnen – und sich dem
Ziel seiner Sehnsucht nicht bewußten – Zuhörenden in einen Aufruhr ersetzt
sehen kann, der schwer reparablen Schaden verursacht. In diesem Sinne ist Sama
nicht nur spirituelle Musik mit hohem Anspruch – den Hörer zur Ekstase zu
treiben –, sondern auch, der eigenen Vorstellung gemäß, einer Schar
vorbehalten, die auf ihrem Weg zu Allah fortgeschritten ist. Kein Wunder also,
daß trockene Ritualisten und verweltlichte Zuhörer beim Sama ausgeschlossen
sind.
H. A. Gütte
Donnerstag,
23. Mai
Weiterfahrt
über Pamukkale, Hierapolis nach Denizli; Übernachtung im Hotel Wirin Çinar,
Denizli
Morgens haben wir unser
Hotel in Konya verlassen und sind in Richtung Selçuk gefahren. Am Spätnachmittag
erreichen wir unser Etappenziel Denizli und besichtigen die in der Höhe über
der Stadt blendend weiß leuchtenden Kalksinterterrassen und die damit
verbundene hellenistische Ruinenstadt Hierapolis.
Von weitem war auch
schon ein breites, weißes, etwa 100 m hohes Band am oberen Bergan über der
Stadt zu erkennen: die Terrassen, über die das heiße, mineralreiche
Heilquewllenwasser zu Tale fließt. Wir sind den Berg hinaufgefahren, durch
das Gräberfeld der antiken Stadt Hierapolis bis hin zum Theater der Römerstadt.
Der Weg zum Theater wird rechts und links von Marmorquadern, Gebälk- und
Giebelteilen begrenzt – die wohl auf den Wiederaufbau des Theaters warten?
Man betritt das Theater über einen Durchgang unter der Bühne. Die Bühnenwand
vermittelt durch viele Architekturteile aus Marmor eine prachtvolle Wirkung.
Wir sind auf die oberen Sitzreihen geklettert, von denen man einen wunderschönen
Blick über das Mäandertal hatte.
Der Anlaß für die
Besiedlung der Römer hier, waren wohl die Thermalquellen, die später
Hierapolis zu einem berühmten Kurort machten, der heute noch gerne besucht
wird und wo sich heute moderne Kurhotels und Badeanlagen befinden, die leider
so viel Wasser verbrauchen, daß das Themalwasser nur noch spärlich, zu spärlich,
über die Sinterterrassen abfließen kann, was das Wachstum und die Erneuerung
der Sinterablagerungen ebenso gewhrtet wie die Unmengen von Touristen, die
tagtäglich durch das warme Wasser über die Terrassenbecken und -stufen
gehen. Die Sinterterrassen sind innerhalb von vielen Jahrtausenden entstanden.
Das an den Quellen etwa 70
C heiße, kalkhaltige Wasser kühlt beim
Herunterrieseln ab und bildet muschel- und halbkreisförmige Terrassen, die
stufenweise übereinander liegen. Wo das Wasser über die Ränder der Becken läuft,
lagert sich durch die dort verstärkte Verdunstung an den Außenwänden Kalk
ab, wie Wachs an einer Kerze, und es bilden sich Tropfen und Stalaktiten.
Leider konnten wir uns hier nur kurze Zeit aufhalten, da es Abend wurde und
wir ein Hotel in Denizli suchen mußten. Trotzdem haben wir es uns nicht
entgehen lassen in dem Becken, mit dem etwa 40
C warmen Wasser und dem leicht glitschigen
Boden, spazierenzugehen und ein Fußbad zu nehmen.
Wir kamen, im Westen
von Laodicea, bey einer gemeinen Brücke, über den Lykus, und in ungefähr
drey Viertelstunden an den Mäander, über welchen zwey Balken mit Planken
lagen, das Waßer tief im Bette fließend, voll Schlamm, wie gewöhnlich, und
reißend. Einige Leute, die einen Graben in der Ebene machten, hielten inne,
und warteten, bis wir näher kämen. An ihrer Spize war der Khiausch, oder
Botschafter eines Aga, der in einem kleinen Dorf im Westen von Pambuuk
kommandirte. Er hielt uns an in einem engen Paß und faßte die vordersten
Pferde bey dem Zügel. Unser Janitschar sprengte hin, legte sich dazwischen
und erfuhr, der Aga bestünde auf ein Bak-Schisch.
Wir ritten weiter auf
Pambuuk zu, und, unterdeß unser Zelt aufgeschlagen ward, ging der Janitschar
mit dem Firman und einem Geschenke von Kaffee und Zucker zu dem Aga. Dieser
nahm ihn höflich auf, bedauerte die üble Begegnung, die wir erfahren müßen,
und von der er gehört hatte, klagte, daß eben dieser Aga ihm ein
ausschweifendes Lösegeld für ein verirrtes Stück Vieh abgenöthigt, und
sezte hinzu, es sey ein Mann von schlechter Gemüthsart, vieler Herrschsucht
und, wegen seiner Uebermacht, der Tyrann der Gegend. Er forderte fünf Ok
Kaffee für sich, und mit den Forderungen, die seine Bediente noch machten,
kam es auf zehn Ok, wofür sie Geld nahmen. Er gab uns die Versicherung, daß
wir bey Tage zu Pambuuk keine Gefahr zu besorgen hätten, rieth uns aber, uns
Abends nicht zu lang in den Trümmern zu verweilen. Wir genoßen der uns
versprochenen Sicherheit schon zum voraus.
Unser Zelt stand auf
einer grünen trocknen Stelle nahe der Klippe. Der Anblick vor uns war so
wunderbar, daß die Beschreibung, um nur eine schwache Aehnlichkeit zu
behalten, romantisch scheinen müste. Mit Erstaunen sahen wir nun den
ungeheuren Abhang, den wir in der Ferne für Kreide gehalten hatten. Er glich
einem unermeßlichen gefrorenen Waßerfall; die Oberfläche war noch wellig,
wie vom Waßer, das auf einmal fixirt, oder in seinem jähen Abschuße plözlich
versteinert worden. Rund um uns waren viele hohe, kahle, steinige Bergrücken,
und bey unserm Zelt einer mit einer weiten Basis, auf welchem oben ein
geringes Bächlein von klarem, sanftem und warmen Wager in einem kleinen Kanal
lief. Ein Weib mit einem Kinde auf dem Rücken wusch ihre Leinwand darin, und
weiterhin standen Hütten von Turkomannen, einzeln und viel netter, als wir
noch welche gesehen. Federvieh lief um jede herum, und vorn waren sie mit
einem Zaun von Rohr eingefaßt.
Die heißen Waßer von
Hierapolis haben dieses außerordentliche Phänomen, die Klippe,
hervorgebracht, die nichts ist als Eine zusammenhängende Inkrustation. Schon
vor Alters waren sie wegen dieser Art von Verwandlung berühmt, und man findet
angemerkt, es sey so leicht damit zugegangen, daß, als man das Waßer um die
Weinberge und Gärten geleitet, die Kanäle zu langen Wällen, jeder aus einem
einzigen Stein bestehend, geworden wären. Auch die Rücken bey unserm Zelte
haben ihnen ihr Daseyn zu verdanken. Der Weg zu den Ruinen hinauf, der wie
eine breite gepflasterte Heerstraße aussieht, ist eine Versteinerung, und übersieht
manche grüne Stellen, sonst Weinberge und Gärten, die durch Abtheilungen von
eben der Materie von einander getrennt sind. Die Oberfläche der Platte über
der Klippe ist uneben von Steinen und in verschiedenen Richtungen auslaufenden
Kanälen. Ein großer überfließender Teich nährt nehmlich die zahlreichen Bächlein,
von denen einige im Herunterlaufen über den Abhang sich ausbreiten, und dem
weißen, steinigen Bett ein feuchtes Ansehn, wie Salz oder Schnee im
Schmelzen, geben. Obgleich diese Waßer heiß sind, wurden sie doch beym
Feldbaue gebraucht. Der Türkische Namen Pambuuk bedeutet Baumwolle, eine
Anspielung, wie man uns sagte, auf die Weiße der Inkrustation.
Am Morgen stiegen wir
hinauf zu den Ruinen, die auf einer Fläche liegen, kamen Grabmäler mit
Inschriften vorbey und von der östlichen Seite in die Stadt hinein. Bald
hatten wir das Theater zur Rechten, und den Teich zwischen uns und der Klippe.
Ihm gegenüber, fast am Rande der Klippe, ist der Rest eines erstaunlichen Gebäudes,
das einst vielleicht zu Bädern gedient hat, oder, nach unsrer Vermuthung, das
Gymnasium war. Die ungeheuren Gewölbe des Daches erfüllten uns mit Schauer,
wie wir unten durch ritten. Dahinter steht die armselige Trümmer einer neuern
Festung, und weiterhin sieht man maßive Mauern von Gebäuden, von denen
einige aus der senkrechten Linie gewichen, und deren Steine so aus der Lage
gerückt sind, daß sie jeden Augenblick einzustürzen fertig scheinen; alles
Wirkungen und Beweise gewaltiger und wiederholter Erderschütterungen. In
einem Winkel des Berges zur Rechten ist der innre Plaz eines Stadium. Darauf
folgen wieder Grabmäler, einige fast von der Bergseite begraben, und Eines
ein viereckiges Gebäude mit einer Inschrift in großen Buchstaben. Den ganzen
Raum, den die Stadt eingenommen, hat man gegen zweihundert Schritte breit und
Eine Meile lang gerechnet.
Nach einer Uebersicht
des Ganzen kehrten wir zu dem Theater zurück. Wir fanden dieses ein sehr großes,
kostbares Gebäude und von allen, die wir gesehen, am wenigsten verdorben. Ein
Theil des Proscenium steht noch. In dem Ruinenhaufen, wo alles verwirrt
durcheinander liegt, sind viele gut gearbeitete halb erhobne Werke, nebst Stücken
von Architraven mit Inschrift, aber aus den Fugen, oder so mit maßiven
Marmorstücken bedeckt, daß wir uns nicht daraus belehren konnten. Die
Marmorsize sind noch erhalten. Eine niedrige halb zirkelförmige Mauer theilet
fast in der Mitte die zahlreiche Reihen von Sizen.
Die Waßer von
Hierapolis hatten eine besondre Eigenschaft zum Färben der Wolle, und gaben
ihr aus Wurzeln eine Farbe, die dem köstlichsten Purpur nicht wich. Dieß war
eine Hauptquelle des Reichthums der Stadt.
Der Teich vor dem
Theater ist ein Bad gewesen, und im Grunde des Waßers, das vollkommen
durchsichtig und von einem salzigen Geschmack ist, sind noch Marmorfragmente
sichtbar. Die Weiber des Aga, nachdem sie sich darin gebadet, kamen, um uns zu
sehen, mit verhallten Gesichtern zu dem Theater, wo wir beschäftigt waren.
Der Aga mit verschiedenen Bedienten folgte ihnen. Es war ein junger Mann von
gutem Anstande und ungewöhnlicher Gesprächigkeit. Er unterhielt sich, die
Beine überkreuz geschlagen auf den Ruinen sizend, mit unserm Janitscharen,
und rauchte und trank Kaffee dabey. Er bezeugte sein Misvergnügen, daß kein
trinkbares Waßer hier zu finden wäre, wünschte, wenn wir aus unsern Büchern
Kenntniß davon hätten, daß wir ihm solche mittheilen mögten, und sezte
hinzu, es würde eine Wohlthat seyn, für welche alle künftige Reisende Recht
auf seine Dankbarkeit haben sollten.
Richard
Chandler
1776
Am Donnerstag hatten wir
eine eindrucksvolle Fahrt bis zum nächsten Ziel. Von der Ebene mußten wir über
Paßstraßen in die nördlichen Ausläufer des Taurusgebirges hinauf. Vorbei
an ausgedehnten Seen, die in über 1000 Meter Höhe liegen, durch Schluchten,
Mittagspause im Fremdenverkehrsort Ecidir auf einer Terrasse mit Seeblick,
dann Weiterfahrt nach Pamukkale und Hierapolis.
Über eine neue Straße
wurden wir in einem weiten Bogen auf einem großen Parkplatz geführt, der von
einem hypermodernen Gebäude abgeschlossen wird. Die erste Überraschung waren
die enorm hohen Parkgebühren, sie schließen jedoch die Besichtigung des
gesamten Gebiets mit ein. Hierapolis eroberten wir im Schnelldurchgang, die
obligatorische Gruppenaufnahme im Theater mußte aber doch sein, dann lockten
die Kalksinterterrassen. Erstaunlich schnell standen die Schüler im Badezeug,
und dann stelzten sie vorsichtig in die am Untergrund leicht schlammigen
Becken.
Das Wasser ist
angenehm warm und fühlt sich ganz anders an als wir es gewohnt sind. Natürlich
mußten möglichst viele der Becken ausprobiert werden, dann wieder eine
kleine Ruhepause, bei der man das Kinn über die Kante legte und ins Tal
hinabschauen konnte. Die Terrassen wachsen in den letzten Jahren nicht mehr,
da zu viel Wasser in dem oberhalb gelegenen Hotel abgezogen wird. Inzwischen
beginnt man sogar, neue Terrassen künstlich aus Beton anzulegen, in die dann
das kalkhaltige Wasser geleitet wird, um so neue Becken zu schaffen. Betrug am
Kunden?
Leider mußten wir
diesen angenehmen Teil unserer Exkursion bald abbrechen, denn wir hatten noch
kein Quartier für diese Nacht. In Denizli irrten wir erst ein wenig umher,
standen aber plötzlich mitten im modernen Stadtzentrum vor dem Cinar Otel,
also schnell hinein und recherchiert. Wir hatten Glück. Zu günstigen Preisen
fanden wir eine sehr angenehme und ordentliche Unterkunft. Gleich in der
Nachbarschaft konnten wir im Freien unser Abendessen einnehmen, anschließend
wollten wir Begleiter noch in der Hotelbar ein Bier trinken. Das erwies sich
als Fehler, die Bar entpuppte sich als Disco, in der es, als wir eintraten,
noch recht ruhig zuging, als aber das Bier kam, setzte die Musik ein, und mit
der Unterhaltung war es sofort vorbei. Wir sorgten dafür, da die Gläser
schnell geleert wurden und besorgten uns in einem kleinen Geschäft gleich
gegenüber Dosenbier, das wir dann in wesentlich ruhigerer Umgebung im Zimmer
schlürften.
Günter Fuchs
Eindrücke in
Pamukkale und Hierapolis
Nach einer langen
Tagestour mit einigen wunderschönen Ausblicken im südanatolischen Hochland näherten
wir uns am späten Nachmittag Pamukkale. Schon von weitem konnten wir die weißen
Front en am Berghang sehen, der Name „Baumwollschlößchen“ ließ sich aus
der Ferne sogar nachvollziehen. In einem großen Bogen wird heute die Straße
um die Sinterterrassen herumgeführt, auf einem Parkplatz mit hypermodernem
Informationspavillon und einigen Andenkenladen (und einer gebührenpflichtigen
Toilette) stellten wir den Bus ab und mußten dann ein ganzes Stück laufen,
um in den antiken Teil dieses Bereichs vorzudringen. Hierapolis ist schon in
griechischer Zeit ein wichtiger Ort gewesen, hier wurden Wolle und Baumwolle
gewaschen und gefärbt. Wegen seiner warmen und heilenden Quellen wurde dieser
Ort viele Jahrhunderte geschätzt und ständig besucht. Vor allem die Römer
bauten diesen Bereich aus. Die heute vorzufindenden Ruinen stammen meist aus
der Zeit der Römer, die älteren Gebäude sind durch Erdbeben zerstört
worden. Von den vielen Tempeln sind nur noch Ruinen zu finden, am besten
erhalten ist das Theater. Wir kamen uns in den gut 10.000 Besucher fassenden
Tribünen recht verlassen vor.
Nur wenige Schritte
zurück ins Tal erreichten wir die Kalksinterterrassen. Das kalkhaltige Wasser
hat hier eine einmalige Landschaft geschaffen, durch die Abkühlung des
Quellwassers schlagt sich der Kalk nieder und bildet im Laufe der Zeit
Terrassen, auch das über die Kanten laufende Wasser trägt zur Kalkbildung
bei, und so ist im Laufe der Jahrhunderte diese in blendendem Weiß strahlende
Felsformation entstanden. Wir konnten allerdings bemerken, daß der Mensch bei
der Bildung neuer Terrassen kräftig mithilft, mit kleinen Betonbecken
versucht man neue Becken zu schaffen, über die sich schnell ein weißer
Kalkmantel legt. Wir nutzten die Gelegenheit, uns im heilkräftigen Wasser zu
erholen. Ein Teil unserer Aufmerksamkeit wurde aber durch ein Filmteam in
Anspruch genommen, die diese malerische Kulisse für einen Werbefilm für eine
bekannte Joghurtsorte nutzte.
Iris Bode
& Renate Fuchs
Freitag,
24. Mai
Weiterfahrt
nach Selçuk über Aphrodisias; Übernachtung im Hotel Victoria in Selçuk;
Abends frei (Bad in der Ägäis)
Die Abfahrt aus dem Hotel
Wirin Çinar gestaltete sich schwieriger als gedacht, da zwei unserer »Pünktlichkeitsspezialisten«
schlicht und einfach verschlafen hatten und trotz mehrfachen Weckens, als
unser Bus schon im Halteverbot vor dem Hotel auf’s Einsteigen wartete, noch
immer in ihren Betten schnarchten. Ob es am letzten Abend so spät geworden
war?
Ein kleines
Donnerwetter konnte ebensowenig schaden wie die Aufgabe eines
Zusatzprotokolles. Wie dieses Zeilen der »Reiseleitung« aber zeigen, wurde
auch dies verschwitzt und vergessen. Ob diese hervorragende Zuverlässigkeit
die beste Voraussetzung für das spätere Berufsleben ist?
Aphrodisias war neu
in unser diesjähriges Türkei-Programm aufgenommen worden; eine Entscheidung,
die sich als gut und ertragreich herausgestellt hat. Schon in Istanbul hatten
wir als Begleitpersonen durch Herrn Türkoälu einen ersten Kontakt zur
Thematik der hellenistischen Bildhauerschule von Aphrodisias, deren
wichtigsten Werke wir uns in der Antikensammlung des Archäologischen Museums
ansehen konnten.
Aphrodisias
entwickelte in römischer Zeit das Prinzip der Massenproduktion von
Kunstwerken zur Vollendung, indem große Stückzahlen gleichartiger
Marmorfiguren und Torsi in den beliebtesten Stellungen und Gewandungen in
perfekter Bildhauerarbeit hergestellt und im ganzen Imperium vertrieben
wurden, insbesondere aber auch nach Rom verschifft worden sind, wo der größte
Denkmalsbedarf bestand. Erst am Zielort wurden dann die Empfänger
bildhauerisch porträtiert und die Köpfe dann nachträglich auf den Plastiken
befestigt (was gegebenenfalls auch eine Kopftransplantation bei einem Amts-
oder Herrscherwechsel möglich machte). Vor allem die farbliche Exquisität
des Marmors aus Aphrodisias, der zwischen lachsrot, rosa, rötlich-braun bis
schneeweiß changiert, läßt die Werke aus Aphrodisias leicht erkennen.
Daneben wurden
ebenfalls in genormten Ausführungen und großen Stückzahlen Prunksakophage
ebenso wie schlichtere Steinsärge hergestellt und in der ganzen Region
verkauft. Einige sehr schöne Werke gehören zu den wichtigsten
Ausgrabungsfunden und Museumsstücken im heutigen Aphrodisias.
Vieles an dieser ökonomischen
Arbeitsorganisation mutet sehr modern an. Globalisierung und Rationalisierung
sind letztlich doch keine Erfindungen unseres Jahrhunderts. Und über
Massenkunst und Massengeschmack ließ sich bekanntlich schon in der Antike
(nicht) streiten.
Die bildhauerliche
Professionalität Aphrodisias zeigt sich dann aber auch in den erhaltenen
Bauwerken, die vor allem der griechisch-hellenistischen Tradition folgend
Tempel, Bäder und Theater bzw. Stadien umfassen. Zentrales Heiligtum war, wie
der Name des Ortes schon zeigt, der Tempel der Liebesgöttin Aphrodite, einem
sehr alten Heiligtum und Wallfahrtsort, der schon bestand und die umliegenden
Marmorsteinbrüche zum Tempelbau nutzte, ehe das römische Imperium die
Massenbildhauerei zur ökonomischen Lebensgrundlage werden ließ.
Anschließend fahren
wir durch das breite grüne Tal des Großen Mäander (Büyük Menderes) nach
Selçuk, wo wir wie schon zwei Mal zuvor im Hotel Victoria unterkommen, einem
Haus, dessen Name die Anglophilie des Besitzers – die sich u.a. im
Bilderschmuck des winzigen Foyers zeigt – ausdrückt.
Besonders reizvoll
ist der Blick aus den Fenstern an der Rückseite des Hotels, wo eine kleine
Gasse von den Resten eines römischen Aquädukts begleitet wird, wischen
dessen Pfeilern die Häuser eingebaut sind. Da die Bögen längst zerfallen
sind, ragen zwischen den Dächern die Pfeilerköpfe empor, jeweils gekrönt
von Storchennestern, wo wir um diese Jahreszeit die noch nicht flüggen
Storchenküken in unterschiedlichem Alter und die ständige Fütterzeremonie
beobachten und aus unerwarteter Nähe photographieren können.
Diejenigen, die es
wollen, können noch mit Herrn Gusky und Herrn Fuchs ein abendliches Bad in
der Ägäis nehmen. Das Abendessen nehmen wir dann vor dem Hotel an
zusammengestellten Tischen in der Fußgängerzone ein, nur ab und zu gestört
von jugendlichen Motorradfahrern und den vielen streunenden Katzen, die Selçuk
bevölkern und nach Essensresten gieren.
Günter Fuch berichtet
über unsere Ankunft in Selçuk: „In Selçuk fanden wir auf Anhieb unser
Hotel Viktoria, in dem Kollege Voigt schon bei seiner letzten Reise
untergekommen war. Direkt vor unserem Fenster stand der Rest eines alten Aquädukts,
auf ihm befand sich ein Storchennest. Zwei Jungstörche ließen sich hier von
ihren Eltern bedienen. Als ich mich zum Fenster hinauslehnte, entdeckte ich
eine ganze Storchengalerie; auf den anderen alten Pfeilern und auch auf Dächern
und in Bäumen in der Nähe waren die Nester angelegt. In allen waren junge Störche
in unterschiedlichem Alter, einige versuchten sich bei ersten Flugübungen,
trauten sich aber noch nicht ganz abzuheben, andere trugen noch ihr
Flaumkleid. Zu langen Beobachtungen war aber keine Zeit, denn der Busfahrer
hatte sich bereiterklärt, die Schüler noch ans Meer zu fahren, und das Bad
in der Ägäis lockte doch sehr. Der Strand lag einsam und verlassen, wir
konnten mit dem Bus fast bis ans Wasser fahren. Das Wasser war zwar recht kühl,
aber durch die leichten Wellen war es sehr angenehm. Die Schüler tobten ganz
ausgelassen, in dem Alter ist das letztlich auch nicht anders zu erwarten.“
Samstag,
25. Mai
Ephesus;
nachmittags frei (Bad in der Ägäis)
Nach dem Frühstück
fuhren wir mit dem Bus nach Ephesus. Aus Schülerberichten stellt sich unser
Besuch folgendermaßen dar: Ephesus, türkisch heute »Efes« wie das
gleichnamige Bier, war eine ursprünglich am Meer gelegene antiken Hafenstadt.
Doch von Wasser war für uns weit und breit nichts zu sehen. Vielmehr
erwarteten uns überschwenglich ihre Ware anpreisende Händler mit
touristischen Produkten vor dem Eingang. Der erste Eindruck von Ephesus mag
wohl der von vielen grauen und weißen Ruinen sein, doch bei genauerer
Betrachtung und einigen erklärenden Informationen konnten wir uns ein Bild
vom Leben in dieser ehemaligen Stadt machen. Die Hafenfunktion wurde durch die
die religiöse Tradition der Verehrung der Muttergottheit ergänzt. Artemis
stand in der Zeit der Griechen in der Tradition der weiblichen Gottheit, die
in Ephesus schon auf eine altorientalische vorgriechische lokale Tradition zurückblicken
konnte. Das frühe Christentum hat Teile davon aufgegriffen und den mündlich
überlieferten Kult durch die Marienverehrung
erweitert. Das »Sterbehaus der Maria« in Ephesus zeigt diese Tradition, die
der Volksreligion der Heiligenverehrung entstammt.
In der Antike hatte
Ephesus eine wichtige Bedeutung als zentraler Tempel- und Wallfahrtsort der
Artemis, die im größten Tempel des Hellenismus, dem Artemision, verehrt
wurde, der außerhalb der Stadt auf einer Anhöhe stand und zu den sieben
Weltwundern zählte. Berüchtigt wurde der Brandstifter Herostrat, der in der
Geburtsnacht von Alexander dem Großen (356 v.u.Z.) den Tempel anzündete, um
seinen Namen für die Ewigkeit durch diese ruchlose Art in Erinnerung zu
halten. Doch nur sein Verbrechername wurde überliefert. Alexander nahm dieses
Ereignis als Zeichen für seine eigene Existenz und ließ später den Tempel
wieder aufbauen. Später, durch Erdbeben und den Lauf der Geschichte vollständig
zerfallen und vernichtet, wird der Ort des Artemisions heute nur noch durch
eine wieder aufgerichtete hellenistische Säule auf einem ansonsten leeren
Platz markiert.
Ephesus hatte an
Bedeutung seines Hafens verloren, weil die Bucht versandete und es aufgrund
der Abholzung an den Berghängen um die Stadt zu Erosionsschäden kam; somit
verlor die Stadt ihre ökologische und ökonomische Basis. Zwei Erdbeben
trugen ebenfalls zu Verfall und Bedeutungsverlust bei. Die 50.000 Einwohner
waren erst unter griechischer und später unter römischer Herrschaft. Die öffentlichen
Bekanntmachungen, die auf Marmortafeln überliefert wurden, sind zweisprachig
griechisch und lateinisch abgefaßt.
Die Stadt besaß
sogar eine unterirdische Trinkwasserversorgung, die von den Bergen her verlegt
war. Ein überdachter Weg mit Mosaikpflaster vor Geschäften war besonders
wichtig, doch für uns war leider nur noch wenig zu sehen. Für die
Religionsausübung gab es viele Tempel, wie z.B. den Hadrianstempel, der im 2.
Jh. n.Chr. gebaut wurde.
Ephesus gliedert sich
in drei Teile: den Hafenbezirk, der wegen seiner Sumpflage heute nicht zugänglich
ist, das Stadtzentrum zwischen Forum und Theater, und die Oberstadt, die sich
am Hang emporzieht und durch die Stiegen der Kuretenstraße erschlossen und
mit dem Zentrum verbunden wird. Hier finden sich auch die größeren
Tempelanlagen, Prunkvillen, Bäder, Brunnen und am Hang die nur teilweise
ausgegrabenen Wohnsiedlungen, die meist aus hellenistischen Atriumshäusern
bestanden.
Eine der größten
Bibliotheken der Antike samt Marktplatz wurde von Celsus gespendet; er selbst
liegt dahinter begraben. Das Gebäude gliederte sich mit seinen 15 m Höhe in
drei Galerien, auf denen die Bücher (Pergamentrollen) durch Leitern erreicht
wurden. Am Hang oberhalb des Zentrums befindet sich das Theater mit Sitzplätzen
für 25.000 Zuschauer. Natürlich fehlte damals auch kein Bordell mit
verwinkelten Eingängen – mit ein bißchen Phantasie konnten wir uns das
Leben dort in gut gepolsterten Nischen ausmalen!
Das Odeon war ein
kleines Theater im oberen Teil der aus hellenistischer Zeit stammenden Stadt.
Hier wurde mittels Flöte und Gitarre musiziert oder staatliche Dinge wie
Feiern abgehalten. Die „Kuretenstraße“ führte uns vom unteren in den
oberen Teil der Stadt, vorbei an Fundamenten eines Haupttempels, der aber –
wegen finanzieller Engpässe? – erst zu einem Viertel freigelegt worden war.
Der Rückmarsch zum Haupteingang wurde wieder einmal verzögert, weil wir
einige Teilnehmer, die sich selbständig gemacht und die Vereinbarungen nicht
mitbekommen hatten, im Ruinenfeld beinahe schon als Verlust abschreiben
wollten.
Nach dem Gang durch
die Ruinen versammelten wir uns beim Bus, nicht ohne am Ausgang auch wieder
von scharenweise gedrängten Ständen speziell für Touristen zu
dementsprechend hohen Preisen zum Kauf gelockt zu werden. Nach einem kurzen
Blick auf den heute – bis auf eine wieder errichtete Säule
enttäuschend leeren Platz des Artemision,
des antiken Artemis-Tempels, eines der sieben Weltwunder, wieder zurück in
Selçuk, hatten wir noch genügend freie Zeit, uns dieses Touristenzentrum und
das eher gegensätzlich dazu wirkende Wohngebiet anzuschauen.
Das Abendessen fand
nach einigen Stunden nachmittäglicher Freizeit wieder auf der Straße in der
Fußgängerzone statt – aber daran stieß sich niemand.“
¨
Günter Fuchs resümiert
unseren Besuch in Ephesus: „Am Samstag hielten wir auf dem Weg nach Ephesus
noch kurz am Artemis-Tempel an, einem der sieben Weltwunder. Nur eine einsame
Säule steht in dem großen Areal, das einst von dem riesigen Tempel bedeckt
gewesen ist; es fällt schwer, sich ein Bild dieses monumentalen Baus zu
machen. Der Tempel soll 115 Meter lang gewesen sein, bei einer Breite von 55
Metern, er hatte eine wechselvolle Geschichte, wurde 356 v. Chr. von
Herostratos niedergebrannt, wieder aufgebaut und ist im Laufe der Jahrhunderte
dann fast in Vergessenheit geraten.
Ephesus ist
eigentlich der Höhepunkt der antiken Stätten an der Westküste. Der
Besucherandrang ist inzwischen derart gewaltig geworden, da man nicht mehr in
Ruhe und mit Muße die einzelnen Gebäude bzw. Ruinen betrachten, geschweige
denn fotografieren kann. Erklärungen kann man bei diesem Sprachengewirr
ebenfalls kaum loswerden, wir suchten uns daher eine halbwegs ruhige Ecke und
gaben einen kurzen Abriß über die Entwicklung dieser Stadt. Dann durften die
Schüler auf eigene Faust die Besichtigung fortsetzen, sie haben das trotz der
Hitze erfreulich ausführlich getan.
Am Nachmittag sind
wir über den Wochenmarkt von Selçuk geschlendert, auch hier ließen sich
typische Merkmale des türkischen Alltagslebens aufzeigen; wenn Selçuk auch
ein Fremdenverkehrsort ist, so richtet sich dieser Wochenmarkt fast ausschließlich
an die einheimische Bevölkerung. Das ist aus dem Warensortiment zu ersehen,
das auf den Alltag ausgerichtet ist und kaum Angebote für die Touristen
bereithält. Am Abend nahmen wir noch einmal ein kurzes Bad im Meer und dann
speisten wir wieder auf der Straße vor dem Hotel; der Wirt hatte für uns
eine lange Tafel aufbauen lassen, und so konnten wir mitten im Fußgängerbereich
essen und schauen.“
Sonntag,
26. Mai
Weiterfahrt
über Izmir nach Pergamon (Bergama): Kxzxl Avla, Akropolis, Asklepeion; Übernachtung
in Çanakkale, Ozan Motel (Strandhotel); Abends frei (Bad in den Dardanellen)
Pergamos bewahrt in
seinen Ruinen noch die Zeugenschaft seiner einstigen Pracht und Herrlichkeit;
nicht durch die Schönheit und die Fülle dieser Ruinen, sondern durch ihre
Ausdehnung und Anlage. Man bedarf fast einer Stunde, um von der heutigen Stadt
die am Fuße des Schloßberges liegt, zum Schlosse aufzusteigen. Dieses gewährt
dem Reisenden trefflichen Ausblick. Weithin von Ost nach West streckt sich die
reiche Ebene des Kaikus, über eine Stunde in gerader Linie breit und viele
Stunden lang.
Überblickt man von den
Zinnen über dem Thore, das nach SSO sieht, die Gegend, so hat man die
ansehnliche Stadt unter sich ausgebreitet, aus der 13 große Minarets,
Moscheen, Kirchen, Cypressen und hohe Ruinen sich heben und in welcher 9 Chans
ihre klösterlichen Zellenreihen zeigen. Alt und Neu unter und über einander
geworfen und weithin im Felde Trümmer wie zerstreutes Gebein! Das Schloß hat
eine bedeutende Ausdehnung und ist sehr verschiedenartigen Baues. Es krönt
nicht nur den Gipfel des Berges, sondern es senkt sich nach der Stadt zu, über
2/3 des Abhanges herab.
Wer in der heißen
Jahreszeit in den Trümmern vor Pergamos, und hauptsächlich in dem obersten
Theile des Schlosses wandelt, setze den Fuß nie sorglos nieder; denn es
wimmelt dort von Vipern und anderen Schlangen. Diese Thiere greifen den
Menschen nicht an, aber sie fliehen ihn auch nicht. Sie sonnen sich gerne auf
dem heißen Stein, oder auf dem verbrannten Grasboden zwischen den Trümmern,
und sind bei flüchtigem Blicke kaum davon zu unterscheiden. Sie bekümmerten
sich wenig um uns, wenn wir darüber wegstiegen, hoben höchstens das Haupt
und sahen mit ihrem Mädchenblicke uns an; erst wenn wir stehen blieben,
wanden sie sich in ein nahes Gebüsche.
Die Ruinen auf dem
Schloßberge sind so ausgedehnt, daß man, wenn nicht so viele Beweise dagegen
sprächen, an der Ausdehnung der Stadt bis in die Ebene überhaupt zweifeln würde.
Aber mächtige Ruinen blicken weit verbreitet aus der Ebene empor.
Anton von
Prokesch
1831
Pergamon
Die Stadt Pergamon wurde
von Alexander dem Großen bei einem seiner zahlreichen Feldzüge erobert. Sie
hatte keine besonders weitreichende Bedeutung und erlangte auch in der
Folgezeit keine Berühmtheit. Als nach dem Tode Alexanders sein Reich
aufgeteilt wurde, fiel die Stadt Pergamon an Lysimachos, den Freund und
Kriegskamaraden Alexanders, der u.a. die Kriegskasse verwaltete. Nach vielen
Intrigen übernahmen nach dem Tode von Lysimachos Eumenes I. (263-241 v.Chr.)
und Attalos I. (241-197 v.Chr.) die Herrschaft in Pergamon und behielten die
Kriegskasse, mit der sich die Dynastie der Attaliden, gewissermaßen das
Geschlecht des Attalos, für lange Zeit ein mächtiges Reich
„zusammenkauften“.
Die Römer unternahmen
nie einen Versuch, das Reich der Attaliden zu erobern. Sie waren den Attaliden
vielmehr wohlgesonnen, zumal sie wußten, daß ihnen das Reich früher oder später
sowieso zufallen würde. Dieses geschah auch: Als der letzte Herrscher des
attalidischen Reiches ohne Erben verstarb, vermachte er das Reich der Stadt
Rom.
Asklepieion
Als letztes besuchten wir
das Asklepieion, ein bedeutendes Sanatorium. Nach der Sage wurde die Heilkunst
von Archias, dem Sohn eines pergamesischen Bürgers, nach Pergamon gebracht.
Archias war bei der Jagd auf Kos vom Pferd gestürzt und wurde im Asklepieion
auf Kos behandelt. Bei seiner Rückkehr nach Pergamon brachte Archias einige
Heilkundige mit, die in der Nähe der heiligen Quelle dem Asklepios einen Tempel errichteten und Kranke
behandelten. Hiernach wurde das Asklepieion mehrmals durch Kriege zerstört.
Im Jahre 133 v. Chr.
kam das pergamesische Reich unter römische Herrschaft. Aus allen Teilen des römischen
Imperiums kamen nun Kranke nach Pergamon, um sich heilen zu lassen. In Pergamon wurde auch der berühmte
Arzt Galen geboren ,der hier später auch arbeitete.
Vom Parkplatz aus
geht man zunächst etwa 100 Meter auf einer alten Straße entlang und kommt
dann zu den restlichen Teilen der Ausgrabung. Entlang dieser heiligen Straße
befanden sich einst Läden für die Pilger und Patienten. Der ganze Komplex
war früher durch Galerien jeweils nach Westen, Norden und Süden
abgeschlossen. Es läßt sich auch heute noch das gut erhaltene Theater im
Nordwesten besichtigen. Dieses bietet gut 4000 Zuschauern Platz.
Natürlich fragt man
sich, wodurch hier früher so viele geheilt wurden. Es gab eine „Heilige
Quelle“. Aus dieser Quelle kann man heute immer noch trinken. Die Menschen
wurden mit Schlamm und Wasserkuren behandelt. Kuren solcher Art werden heute
auch noch angewandt. Sie haben früher wie heute heilende Wirkung.
Wir schauten uns natürlich
auch noch die restlichen Ruinen an, unter anderem die Bibliothek und den
Tempel des Asklepios. Hiernach war unsere Besichtigung beendet, und man konnte
sich nun vorstellen, daß Pergamon in der Antike ein wichtiger kultureller
Mittelpunkt war.
¨
Am Abend suchten wir kurz
vor Çannakale am Ufer der Dardanellen in Kepez ein Hotel. In dem kleinen
Ferienort wurden wir direkt am Wasser fündig. Bei der wunderschönen
Abendstimmung konnten wir am gegenüberliegenden Ufer das große Mahnmal aus
dem 1. Weltkrieg sehen, die Schiffe zogen langsam an uns vorbei, die Sonne
versank geruhsam hinter dem Horizont. Es war ein Abend zum Genießen. Die Schüler
mußten natürlich noch einmal ins Wasser springen. Leider trat eine Schülerin
dabei in einen Seeigel, erst in Hannover wurde sie endgültig von den
schmerzenden Stacheln befreit. Das war übrigens der einzige Unfall unterwegs.
Günter Fuchs
Montag,
27. Mai
Morgens
Besuch von Troja; Rckfahrt ³ber Ãanakkale nach Istanbul; Übernachtung bei
den Familien unserer Gastgeber
Troja, ein Mythos ...
Ein Tag vor unserem Heimflug. Nachdem
wir am Sonntag von Pergamon kommend Çanakkale erreicht hatten, war es für
eine Besichtigung der Ausgrabungsstätte von Troja schon zu spät. Ein
idyllischer Badestrand an den Dardanellen hinter dem Hotel war für viele ein
krönender Tagesabschluß. Aber ganz auf Troja, von dem ja auch in der Schule
so viel gehört worden war, zu verzichten ... ? Da versuchten wir es, trotz
Zeitdruck am »Heimfahrttag« nach Istanbul noch früh morgens, mit unserem
Bus einen »Umweg« über Truva zu fahren. Lang war der Aufenthalt nicht; wir
hatten ja schon vorher »gewarnt«, daß die Ausgrabungsstätte selbst nicht
allzu beeindruckend ist, daß der kleine Hügel und die wenigen Mauern und
Steine nur dann interessant werden, wenn sie unsere Phantasie mit Tausenden
von Jahren der Geschichte bevölkert. Warum der gemeinsame Rundgang doch noch
interessant werden konnte, versucht Anne in ihrem Tagesprotokoll zu erklären.
(red.)
it dem Wort Troja
verbindet sich sofort der Gedanke an Homer und die »Ilias«, der Gedanke an
die Götter, die um die Stadt kämpften, das sagenhafte hölzerne Pferd, das
am Ende eines zehnjährigen Krieges den Untergang von Troja besiegelte. Weil
diese Stadt Troja so sagenumwoben war, kamen schließlich die Forscher und
suchten nach der ehemaligen Festungsstadt an den Dardanellen.
Über 6000 Jahre
thronte dieser Ort an der türkischen Küste auf dem Hügel Hisarlik über dem
Meer. Er wurde belagert, verwüstet und immer wieder besiedelt.
Alle Handelsrouten
zwischen Ost, West, Süd und Nord liefen hier zusammen. Der Ort war
Umschlagplatz für Waren aus aller Welt und zugleich Dienstleistungszentrum.
Heute ist der Hügel
Hisarlik ein Trümmerfeld, überzogen mit Trampelpfaden und labyrinthisch
verschachtelten Mauerresten. Die Landschaft ist öde und ausgedörrt. Auf
braunen Feldern stehen nur vereinzelt Olivenbäume. Daß sich hier einmal die
Weltgeschichte abgespielt hat, ist für Besucher heute nicht zu erkennen, ja
noch nicht einmal zu erahnen.
Die Anfänge von
Troja reichen in die frühe Bronzezeit zurück. Damals war Troja nur ein
kleines ummauertes Dorf. 200 Jahre später war Troja bereits ein Königssitz.
Auf einer großen Fläche erhoben sich palastartige Bauten. In den folgenden
Jahren wuchs die Stadt immer mehr und dehnte sich weiter aus. Um 1700-2500 vor
Christus war die bedeutendste Siedlung, von der man annimmt, das sie der
Schauplatz von Homers »Ilias« war.
Diese Siedlung wurde
nach dem Untergang noch mehrfach wiederaufgebaut, doch sie erreichte niemals
mehr die Größe der Vergangenheit. Insgesamt befinden sich auf dem Hügel von
Troja 12 Schichten und 9 verschiedene, übereinandergebaute Städte.
Durch die
Beschreibungen in der »Ilias« von Homer stellten sich die Menschen immer
wieder die Frage nach der Wahrheit seiner Ausführungen. Heinrich Schliemann,
ein deutscher Kaufmann und Homer Verehrer war davon besessen, die Schauplätze
der »Ilias« zu entdecken. Seine ersten Grabungen führte er 1871-1873 auf
dem Hügel Hisarlik durch. Eine große Anzahl von Hilfskräften half ihm
dabei. Weil er unbedingt zum Troja Homers vordringen wollte, zerstörte
Schliemann wichtige Erdschichten. Den sagenhaften Schatz von Troja fand er
dann auch.
Auch heute noch
graben Wissenschaftler mit modernsten Verfahren an der Stätte weiter und
kommen zu immer neuen Ergebnissen. Die Sage um Troja ist noch nicht endgültig
entschlüsselt. Vielleicht ist Troja deswegen ein stark besuchtes
Touristenziel an der türkischen Mittelmeerküste. [Vgl. die Artikel über
Troja in »Bild der Wissenschaft«, Heft 12/1997.]
Anne
Tonscheidt
Der Tagesablauf
Das Hotel war ruhig und
erholsam, das Meer war eine echte Genugtuung für alle Wasserratten. Nach
abendlichem und frühmorgendlichem Baden fuhren wir dann morgens nach dem Frühstück
weiter nach Troja. Günter Fuchs berichtet darüber: „In Troja mußten wir
vor einer Schranke halten und unseren Obulus entrichten, umgerechnet drei Mark
sollte der Eintritt kosten, aber wie schon bei einigen anderen Gelegenheiten räumte
man uns auch hier einen Sondertarif ein. Vom Parkplatz grüßte unübersehbar
das hölzerne Pferd, über die tatsächliche Größe gibt es kaum echte Überlieferungen,
es sollen sicher zwanzig Krieger in seinem Bauch Platz gehabt haben. Die
Ausgrabungsstätte selbst war für mich diesmal erheblich interessanter. Ich
wußte, welche Größenordnung mich erwartete und konnte mich daher besser auf
diese bedeutende Ausgrabungsstätte einstellen. Sehr hilfreich waren die
vielen Hinweisschilder, die nicht nur Skizzen enthielten, sondern unter anderm
auch in deutscher Sprache Informationen weitergaben. Schwer ist es nach wie
vor, sich ein konkretes Bild von den einzelnen Schichten zu machen. In dem
kleinen angeschlossenen Museum sind auf einer großen Zeichnung Blockbilder zu
jeder Schicht abgebildet, leider gab es dieses Bild nicht zu kaufen. Den Schülern
war deutlich anzumerken, da ihr Interesse nicht allzugroß war. Einmal liegt
das sicher an der insgesamt recht anstrengenden Fahrt, zum anderen darf man
sich nicht wundern, wenn für derart klassische Reiseziele das Verständnis
fehlt, weil die Schüler teilweise von Homer und der Ilias noch nichts gehört
hatten. Es gelingt ihnen ebenfalls kaum, sinnvolle historische und kulturelle
Querverbindungen zu den besichtigten Stätten herzustellen. Vielleicht haben
wir ein wenig dazu beigetragen, dieses Defizit etwas abzubauen.“
Aus Schülerberichten
stammen folgende Erläuterungen zum Thema Troje: „Troja hat neun
verschiedene Siedlungsschichten, wovon die älteste wahrscheinlich bis in die
Bronzezeit zurückreicht. Die sechste Schicht ist wahrscheinlich der heutige
Ausgrabungshügel. Seine Blütezeit erreichte Troja zur Zeit der griechischen
Einwanderungen. Durch die Einwanderungszeit wurde die ehemalige Burgkultur
umgewandelt. Es folgte der zehnjährige Trojanische Krieg der Griechen gegen
die Trojaner um die vom trojanischen Prinzen Paris entführte Helena, wie er
von Homer in der »Ilias« und der »Odyssee« geschildert wird. Die Griechen
siegten mit einer List: Ich denke, die Legende vom Trojanischen Pferd kennt
jeder.
Kern ist offenbar der
Kampf um die Dardanellen bzw. den Handelsweg zum Schwarzen Meer gewesen. Das
Trojanische Pferd wird auch als Erdbeben gedeutet. Nachdem alle die
Besichtigung beendet hatten, fuhren wir dann weiter nach Çanakkale, um dort
mit der Autofähre auf die europäische Seite der Türkei überzusetzen. Auf
der Fahrt gingen viele wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Schlafen!“
Dienstag,
28. Mai
Flugdaten
für den Rückflug: – 16.00 Uhr Treffen auf dem Atatürk-Flughafen Istanbul,
Abflughalle – 18.00 Uhr Flug: Istanbul Air IL 301, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR
Ankunft in Hannover gegen 20 Uhr Ortszeit
Die Rückfahrt nach
Istanbul verlief ohne Probleme, ich studierte das frisch erworbene Büchlein
über Troja und versetzte mich dabei fast mitten unter das Schlachtgetümmel
vor den Toren der Stadt. Gut 100 Kilometer vor Istanbul begann der direkte
Einflußbereich dieser Metropole. Vor allem am Strand reihte sich ein
Ferienhaus ans andere, zwischendurch ganz umfriedete Ferienparksiedlungen, ab
und zu Dörfer, die landwirtschaftlich genutzten Flächen im Meeresnähe
wurden immer spärlicher. Dann gingen die Siedlungen wieder in geschlossene
Hochhausbebauungen über, zwischendurch die typischen langen Reihen von
eingeschossigen Fertighallen, in denen Kleingewerbe untergebracht werden soll,
was aber längst nicht überall geklappt hat. Dann aber hatte uns der Großstadtverkehr
der Stadt endgültig wieder eingefangen. Es ist immer wieder erstaunlich, da
man trotz des irrsinnigen Verkehrs eigentlich nie so richtig im Stau steht, es
geht meist irgendwie weiter, auch wenn dabei schon einmal auf Verkehrszeichen
nicht so genau geachtet wird.
Da meine Vorräte an
Getränken und Knabbereien auf wundersame Weise während der Busfahrt stark
geschrumpft waren, Renate schmeckten Schweppes und Rosinen mit Nüssen wohl
ebenso gut wie mir, waren wir beiden Lehrer auf ein ordentliches Essen
angewiesen, Rainer Gusky war für die letzte Nacht noch einmal bei Ümran
Hanim untergebracht. Wir gönnten uns daher ein üppiges Abendmenue und zogen
erste Bilanz dieser Fahrt. Wir konnten uns getrost versichern, da diese
Unternehmung ein großer Erfolg war, sicher auch, weil die Schülergruppe sich
als sehr angenehm und pflegeleicht erwiesen hatte. Unter diesen Bedingungen
ist man letztlich doch gern bereit, eine derartige Fahrt zu begleiten, auch
wenn man von seinem Dienstherren keinerlei Zuschüsse bekommt! Unterwegs
wurden wir noch von einem Teppichhändler eingefangen, den wir bisher immer
mit Terminnot hatten vertrösten können. Diesmal mußten wir aber doch in den
Laden und mit ihm einen Tee trinken. Dieser junge Mann ist in Heidelberg
aufgewachsen, spricht daher gut Deutsch und ist nun im Familienbetrieb als
Teppichhändler beteiligt. Er wollte nur mit uns sprechen und wir mußten
feststellen, da er eine Menge Lebensweisheit verinnerlicht hatte. Einige
seiner Sprüche möchte ich hier anfügen:
Am nächsten Morgen
liefen Kollege Voigt und ich von der Schule aus noch einmal zum Großen Basar,
da wir Geld übrig hatten und dieses nicht mit nach Hannover nehmen wollten.
Aber wir ließen uns nicht zu den berühmten Sturzkäufen überreden, sondern
konnten das Geld sogar noch zu annehmbarem Kurs zurücktauschen. Dann wurde es
aber Zeit, zum Flughafen zu fahren. Für uns Begleiter wurde von der Schule
eine Taxe geordert und bezahlt. Wir erwischten einen Fahrer, der uns deutlich
vor Augen führte, warum der Verkehr in Istanbul so chaotisch verläuft; er
kannte nur Gaspedal und Bremse, beides benutzte er jeweils bis zum Anschlag.
Die Spitzengeschwindigkeit im Stadtgebiet betrug immerhin 120 km/h! Unter
diesen Bedingungen kamen wir natürlich mehr als pünktlich am Flughafen an.
Die Warterei war zwar etwas langweilig, wir konnten uns aber zumindest im
Duty-Free-Shop umtun oder sogar noch etwas kaufen, bis wir endlich in die
Maschine durften. Der Rückflug verlief ebenfalls ohne Komplikationen und
gegen 20.00 Uhr schwebten wir auf dem Flughafen Hannover ein. Aus welchem
Grund auch immer, Renate und ich waren die einzigen, die nicht abgeholt
wurden, wir durften daher noch eine Busfahrt zum Bahnhof unternehmen, von dort
per Bahn nach Mittelfeld, die letzten Meter nach Hause waren dann trotz Gepäck
schnell geschafft.
Günter Fuchs
[Quelle: Voigt, Gerhard (Hrsg.): Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft.
Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul
Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule Mit dem
Reisebericht der Türkei-Studienfahrt der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der
Bismarckschule im Frühjahr 1996. Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover], 1997 (Schriftenreihe
des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover,
e.V., Heft 9) ISBN 3-930307-08-1]
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