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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit
Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 2
Vorbereitungen
Der Rahmen, in dem die Türkeifahrt
stattfand, wird schon abgesteckt durch die Begründung, die den offiziellen
Genehmigungsantrag begleitete:
Die Beschäftigung mit der Türkei ist
in der derzeitigen Situation für deutsche Schüler in mehrfacher Hinsicht
wichtig und Interessant. Ganz abgesehen von den historischen
freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, die eine
gute Grundlage für gegenseitiges Verständnis abgeben sollten, sind heute
einige Probleme aufgetaucht, die einen gesellschaftlichen und politischen
»Handlungsbedarf« wecken, der sicher anders aussehen muß, als einige
politische Kreise in der BRD es sich heute vorstellen und sicher anders, als
es die primitive Behandlung des „Ausländerthemas“ in Teilen der
Öffentlichkeit annehmen. Die große Anzahl bei uns lebender Menschen
türkischer Staatsangehörigkeit ist eine Folge zweier korrespondierender
Probleme – unkontrolliertes Wirtschaftswachstum in der BRD mit seinem
Arbeitskräftebedarf auf der einen, die sozialen Probleme eines sogenannten
„Schwellenlandes“ auf dem Weg zu einer industrialisierten Wirtschaftsform
auf der anderen Seite die zusammen zu der für die Betroffenen Menschen
überaus belastenden Arbeitsmigration führte. Diese nach längerer Zeit in
keinem der beiden Länder mehr voll Integrierten, entwurzelten Menschen sind
die eigentlichen Opfer des ökonomischen Fortschrittes. Ihre unverschuldeten
Probleme sind eine humane, soziale und politische Aufgabe und Verpflichtung
für die Nutznießer jahrzehntelangen Wirtschaftswachstum, derer sich die
deutsche Gesellschaft nicht durch Hinweis auf International verschlechterte
wirtschaftliche Rahmenbedingungen (und die Unfähigkeit der deutschen
Politik, mit der Wirtschaftsproblematik fertig zu werden) entledigen kann;
auch die Türkei ist von diesen Wirtschaftsproblemen, oft härter noch als die
BRD, betroffen, was sich im letzten Jahrzehnt mehrfach zu krisenhaften
politischen Entwicklungen verdichtete, die die Situation des Landes bis
heute problematisch erscheinen lassen.
Wir gehen davon aus, daß diese tief
verwurzelte Problematik nur durch Informationen und enge Kontakte bewältigt
werden können und daß jede Ausgrenzungs‑ und Abgrenzungspolitik nur zu
bewußtseinsmäßigen Deformationen führt, die letztlich auf' uns selbst
zurückfallen. Ziel der Beschäftigung mit dem Thema „Türkei“ ist es daher,
tieferes Verständnis für die türkischen Menschen, ihre kulturelle und
historische Herkunft, ihre Traditionen und Wertvorstellungen, ihre soziale
und politische Einbindung in den türkischen Staat und die türkische
Gesellschaft bei den deutschen Jugendlichen zu wecken, was auch zu einem
Prozeß der Selbstreflexion und der Selbstfindung Im Kontakt mit der sozialen
Umwelt führen soll. Das wird durch die aktuellen Bemühungen der Türkischen
Republik um Aufnahme in die EG noch dringender, da damit der politische und
kulturelle Kontakt zu diesem Land enger und alltäglicher wird und
Mißverständnisse und Vorurteile zu politischem Sprengstoff werden können,
die die friedens‑, erhaltenden Integrationsbemühungen der europäischen
Bewegung zunichte machen könnten. Hier sich auf die völkerverbindenden
Grundsätze der Vereinten Nationen und der UNESCO zu beziehen, kann dem
zunächst ökonomisch motivierten europäischen Zusammenschluß die dringend
benötigte politische und kulturelle Dimension zurück gewinnen.
Die üblichen Studienfahrten greifen
in ihrer Konzeption zu kurz, um das anspruchsvolle Arbeitsprogramm des
Arbeitsschwerpunktes »Türkei« an der Bismarckschule zu erfüllen; eine
längerfristige Einbindung in vielfältige Aktionen, Projekte und
Unterrichtsveranstaltungen ist ebenso notwendig ,wie die Perspektive eines
dauerhafteren Kontaktes zu Personen und Schulen in der Türkei, der
längerfristig, wenn es die politischen Rahmenbedingungen erlauben, zu einem
offiziellen Schüleraustauschprogramm ausgeweitet werden könnte, an dem sich
auf deutscher Seite auch andere Schulen beteiligen sollten.
Die Gründung der „Türkei-AG“ ist nur
ein erster Schritt in diese Richtung., Um den hohen Anspruch an dieses
integrative Arbeitsprojekt zu dokumentieren, wurde eine erste
Studienfahrtplanung für eine Reise in die Türkei im Herbst 1985 auch aus den
sonst üblichen organisatorischen Einbindungen herausgelöst und der Türkei-AG
zugewiesen, die damit Koordinations‑ und Organisationsaufgaben zwischen den
inhaltlichen Beiträgen der verschiedenen Fächer übernimmt: eine deutliche
Verpflichtung zur ernsthaften und kontinuierlichen Arbeit der
Arbeitsgemeinschaft.
Die erste geplante Studienfahrt, die
von den Mitgliedern der Türkei-AG durchgeführt werden soll, hat damit
Pilotfunktion für die Schule, wobei vor allem die möglichen Fortsetzungen
und Vertiefungen der Kontakte und der Informationsmöglichkeiten geprüft
werden sollen. Die erste Konzeption einer solchen Reise, wie sie von der
Gesamtkonferenz genehmigt worden ist, liegt für die Zeit etwa vom 24.10. bis
zum 7.11.85 schon vor (siehe beiliegendes Programm). Im Mittelpunkt steht
der beantragte Besuch türkischer Bildungseinrichtungen Im gymnasialen und
berufsbildenden Bereich, darüber mit Betriebsbesichtigungen und
Informationsgesprächen aber auch ein Einblick in die soziale und
ökonomische Realität des Landes.
Daß bei diesem, notwendigerweise auf
zentrale Themenbereiche konzentrierten Programm, auch der Kontakt mit der
reichen Kultur und Geschichte der Türkei nicht fehlen darf, versteht sich,
nach den einleitenden Ausführungen von selbst. Dies kann und darf aber nicht
zum touristischen Selbstzweck werden sondern soll die Basis zum Verständnis
der heutigen Situation des Landes sein. Um beide inhaltliche Aspekte
gleichermaßen intensiv bearbeiten zu können, konzentriert sich die
Reiseplanung auf die drei Großstädte İstanbul, Ankara und İzmir, von wo aus
kleinere Abstecher in die Umgebung zumindest in Ansätzen etwas von den
regionalen Disparitäten der Türkei erleben lassen können. In späteren Reisen
können dann eventuell auch die speziellen Probleme des ländlichen Gebietes
oder der Problemregion Ost-Türkei in den Mittelpunkt gestellt werden.
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Die Vorbereitung der Türkeifahrt hat
etwa ein Jahr in Anspruch genommen. Abgesehen vom Genehmigungsverfahren
durch Schulleitung, Konferenz und Bezirksregierung wurde eine während der
letzten Projektwoche gegründete „Türkei‑Arbeitsgemeinschaft“ zum Träger der
Vorbereitungen und zum Teilnehmerkreis der Reise gewählt. Die
organisatorischen Vorbereitungen wurden arbeitsteilig auch von den Schülern
wahrgenommen. Kontakte zu Türken in Hannover, zum türkischen Generalkonsulat
und zu Türkei‑erfahrenen Kollegen waren für die Strukturierung der Fahrt
äußerst wichtig, da außer dem Leiter der Fahrt, Voigt, keiner der weiteren
Fahrtteilnehmer bisher schon in der Türkei gewesen war.
Das Generalkonsulat hat uns durch
die Vermittlung von Besuchsgenehmigungen bei der Türkischen Regierung, den
Besuch in der Schule wie ein Informationsgespräch im Ministerium für
nationale Erziehung in Ankara, durch eine weiteres allgemeines, für uns
äußerst hilfreiches Empfehlungsschreiben, in dem die Förderungswürdigkeit
unseres Vorhabens bestätigt wurde, wie durch einen Vortrag über das
türkische Erziehungswesen durch Herrn Erziehungsrat Yücesoy in dankenswerter
Weise die Fahrt erleichtert und uns Gesprächskontakte ermöglicht.
Inhaltliche
Vorbereitungsschwerpunkte waren die geschichtlichen und länderkundlichen
Grundinformationen, die in kurzen (Lichtbild‑) Vorträgen behandelt wurden;
ergänzt wurde dies durch einen Textsatz mit aktuellen Materialien und
eingehende Literaturempfehlungen. Kontakte mit Türkei‑Kennern wurden teils
mit der ganzen Gruppe, teils arbeitsteilig aufgenommen und gepflegt.
Daneben wurde schon auf eine
gewisse schulische Breitenwirkung geachtet, indem z.B. parallel zur
Türkei-AG Unterrichtsangebote zum Thema in der Oberstufe laufen, die z.T.
auch von den Teilnehmern der Türkei‑Fahrt besucht werden konnten, so ein
Erdkundekurs „Türkei“ und ein Gemeinschaftskundekurs „Naher Osten“ in der
Klassenstufe 13 und ein „Werte und Normen“‑Kurs „Islam“ in der Klassenstufe
12. Der mitreisende Kollege Herr Gütte arbeitete sich derweil in die
Fachthematik „türkische Musik“ ein.
Die gewählte Organisationsform der Reise war
schließlich folgende:
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Flugreise
Berlin/Tegel–İstanbul; gebucht durch das hannoversche Reisebüro „Türk Tur“
als Vertragsreisebüro von „Öncü Tur“ Berlin, welche von Berlin aus
regelmäßige Bedarfsflugverkehre in die Türkei mit Dan‑Air, London,
durchführen.
-
Anfahrt nach Berlin mit
OB/DR; Jugendgruppentarif der Bahn.
-
Fahrten in der Türkei mit
Linienbussen; die Fahrscheine wurden jeweils am Vortage des gewünschten
Reisetermins bei den Busunternehmen erworben.
-
Exkursionen und Ausflüge im
Lande mit gecharterten Minibussen.
-
Hotelunterkunft: In İstanbul
lagen Hotelempfehlungen und –anfragen vor, von denen bei Ankunft nach
telefonischer Rücksprache die nach Lage der Dinge günstigste
Unterbringung gewählt wurde. Für Ankara wurde eine Hotelbuchung ad hoc
durch Vermittlung des Hotels in İstanbul akzeptiert. Für Konya, İzmir und
Çanakkale lagen Hotelreservierungen durch die örtlichen Touristenbüros
vor, wobei die genauen Aufenthaltsdaten jeweils telefonisch von der
vorausgehenden Station aus abgeklärt wurden. Nur in Çanakkale mußte eine
Veränderung der Buchung vorgenommen werden, da die vermittelte Pension
besetzt war. Die Unterkünfte gehörten der unteren Preiskategorie an (um
10.‑ DM pro Person und Nacht); Standard und Service waren unterschiedlich
und nicht unbedingt am Preis abzusehen; allgemein war die Unterbringung
aber akzeptabel.
-
Verpflegung: Der gemeinsame
Verpflegungsaufwand wurde bewußt gering gehalten. Grundsätzlich sollte
eine Mahlzeit pro Tag gemeinsam eingenommen werden. Mehrmals wurde
Frühstück und warmes Abendessen geboten, dafür wurde zweimal bei sehr
später Ankunft am Zielort auf das Abendessen verzichtet. da für eine
Gruppe in angemessener Zeit kein Restaurantessen mehr zu organisieren war.
Die restriktiv‑sparsame Haltung in der Verpflegungsfrage wurde möglich und
vertretbar, da erstens individuelle Verpflegung sowohl den geschmacklichen
Sonderwünschen wie den unterschiedlichen Gesundheitszuständen der
Gruppenteilnehmer besser angepaßt war und zweitens die Essenkosten in der
Türkei so niedrig sind, daß keine unzumutbare Belastung der
Taschengeldvorräte zu befürchten war.
-
Die Besichtigungs‑ und
Besuchsprogramme wurden grundsätzlich gemeinsam unternommen; regelmäßig
wurde aber auch umfängliche Freizeit geboten, die zum Einkaufsbummel, zu
persönlichen Kontakten oder auch zum Besuch des türkischen Bades (hamam)
genutzt werden konnte.
-
• Versicherungen wurden
im Kernbestand gemeinsam abgeschlossen, was günstige Gruppentarife
ermöglichte, dem Einzelnen wurden dabei Möglichkeiten zur Bestimmung des
Umfanges des individuellen Schutzes offen gelassen. In der Reiseabrechnung
wurde daher die Versicherungsprämie aus der gemeinsamen Reisekasse
herausgerechnet.
Insgesamt hat sich die gewählte
Organisationsform bewährt, wenn auch die letzten Tage der Reise eventuell
etwas zu hektisch und zeitlich gedrängt verlaufen sind.
Die Reise dauerte durch einen
Flugzeugausfall in der Nacht vom 8. auf 9.11. in İstanbul bei der Dan‑Air
einen Tag länger als geplant. Dieser Tag wurde auf Kosten der
Fluggesellschaft in einem flughafennahen Hotel am Strand des Marmarameeres
verbracht, so daß der tatsächliche Abflug erst am Sonntag, 10.11., 5.30 Uhr,
erfolgen konnte. Gravierende Probleme sind dadurch jedoch nicht entstanden.
Im Zentrum steht das Angebot der
Istanbul Lisesi (Istanbul Gymnasium), eine Schulpartnerschaft mit der
Bismarckschule einzugehen. Nach Gesprächen mit Schülern, deutschen und
türkischen Lehrern an dieser Schule und dem Direktor dieses Gymnasiums
halten wir diesen Vorschlag, der unserem Reiseauftrag durch die Konferenz
der Bismarckschule geradezu entspricht, für annehmenswert, vor allem, da
sich die Perspektive eines Schüleraustausches konkret ergibt. Einzelheiten
über die Schule werden in einer kommenden Konferenz mitgeteilt werden.
Die Information über das türkische
Schulwesen wurde durch ein Gespräch im Ministerium für nationale Erziehung
in Ankara vertieft und durch Gespräche mit türkischen Schülern in mehreren
Städten erweitert, so daß jetzt ein differenzierteres Bild über die
Situation der Jugendlichen in der Türkei, einschließlich der
Rückkehrerproblematik, vermittelt werden kann.
Der zweite Schwerpunkt der Reise war
das Kennenlernen der türkischen Kultur und Geschichte, die dem deutschen
Schüler doch weitgehend fremd sind. Daß hier überraschende
Perspektivverschiebungen eingetreten sind, ist selbstverständlich, wenn auch
dieser Schwerpunkt eher dem traditionellen Konzept der Bildungsreise
entsprach und entsprechen mußte. Die Antike wurde in Troja, Pergamon und den
römischen Ausgrabungen in Ankara wie durch den Besuch des sehenswerten
Museums für anatolische Kulturen (Ankara Museum der Archäologie)
angesprochen; die Seldschukenzeit und ihr islamisch‑religiöser Hintergrund
(Mêvlâna, Sufismus) war Schwerpunkt des Besuches in Konya; aber auch Byzanz
und das Christentum in seiner Auseinandersetzung mit dem Osten wurde
erfahrbar sowohl in Istanbul (Hagia Sophia, Hagia Eirene) als auch in den
Höhlenklöstern Kappadokiens (Göreme, Ürgüp). – Die osmanische Vergangenheit
setzte in Istanbul den ersten Akzent mit den großartigen Moscheen des 17.
und 18. Jahrhunderts und mit dem Topkapi Saray.
Der dritte Schwerpunkt, der für uns
sehr fruchtbar geworden ist, war jedoch der unmittelbare Kontakt zu den
Menschen in der heutigen Türkei. Das ambivalente Verhältnis zu Deutschland,
getragen von Millionen von Rückkehrern aus der BRD, die sich jetzt in der
Türkei oft in großer Not eine neue Existenzgrundlage schaffen müssen; die
sozialen Probleme des Landes; die Bedeutung des Kemalismus im Alltag und
die auffällige Präsenz des Militärs in der Gesellschaft geben Denkanstöße,
die an anderer Stelle ausführlich zu diskutieren sein werden.
Wichtige Erfahrungen für uns waren
es, daß die Mehrzahl unserer häufigen und oft intensiven Kontakte in der
Türkei von Freundschaft und Hilfsbereitschaft geprägt waren und daß die
Motive unserer Reise begrüßt wurden. Oft wurde auf eine Verstärkung des
Kontaktes zwischen den Ländern auch auf der Ebene häufigerer Besuchsreisen
gedrängt; ein verständnisvoller Besuch aus Deutschland gibt auch den
Menschen in wirtschaftlichen Problemsituationen Mut und Perspektive, daß
sie mit ihren Sorgen nicht alleine gelassen werden. Das Interesse an
gegenseitigen Beziehungen ist ausgesprochen groß, so daß wir unsere Reise
jetzt doch als einen wichtigen ersten Schritt zu weiteren Initiativen und
Besuchen sehen.
Dabei mag auch eine Rolle gespielt
haben, daß unsere Schülergruppe auffallend loyal und interessiert,
kontaktfreudig und aktiv aufgetreten ist. Wir sind mit der Zusammensetzung
unserer Reisegruppe ausgesprochen zufrieden.

Tagebuchblatt vom
Aufbruch. Die langen Vorbereitungen
haben ein Ende gefunden. Sorgen, Zweifel, Hoffnungen – jetzt sind die
Entscheidungen endgültig gefallen. Ein kleines Geständnis soll an dieser
Stelle auftreten: lange, sehr lange glaubte ich nicht daran, daß diese
Reise, mit all ihrem offiziellen und offiziösen Rahmenwerk, überhaupt
stattfinden würde. Zunächst also in der Planung ein gewisser Unernst, ein
Spiel mit Spekulationen und Utopien.
Und als dann tatsächlich Ernst
wurde: ein sorgenvolles Überlegen – wie komme ich aus diesem Unternehmen
heile wieder heraus? Überall wird mir Vertrauen entgegengebracht als
„Orient‑ und Türkeispezialist“; wenn ich nur einmal selbst so viel
Vertrauen zu mir gehabt hätte. Es war eher ein trotziges: ich kann doch
nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren; denke doch daran, daß du
andere riskante Reisen in den Iran oder nach Nordafrika auch mit Schülern
einigermaßen erfolgreich über die Bühne gebracht hast. Aber ein flaues
Gefühl im Magen blieb doch (ich glaube aber, man hat es mir nicht
angesehen).
Jetzt, nachdem die Reise so überaus
problemlos gelaufen Ist, denkt man an Zweifel und Skepsis nur lächelnd
zurück und denkt eher an neue, vielleicht noch aufwendigere Reisepläne?
Die Reisegruppe steigt In Hannover
am Nachmittag in den Zug und dreieinhalb Stunden später bringt uns der
Flughafenbus vom Bahnhof Zoo nach Tegel. Erste Panne – ein böses Omen? –:
kurz vor der Flughafeneinfahrt stößt der Bus mit einem entgegenkommenden PKW
zusammen und muß an der Unfallstelle stehen bleiben; wir machen uns auf zu
einem zehnminütigen Eilfußmarsch mit all unserem Gepäck zum Schalter der
DAN‑AIR.
Im nachhinein: damit war unser
Unfallpensum Gott sei dank abgegolten, wenn wir von der Rückflugverzögerung
einmal absehen. Und das Gepäckschleppen: darin werden wir in der Türkei
noch einige Erfahrungen sammeln können.
Der Flug nach Istanbul war pünktlich
und ohne besondere Vorkommnisse, wenn wir von der Konfusion bei der
Platzreservierung absehen, da unvorhergesehener Weise viele Familien mit
Kleinkindern zusammenhängende Sitzplatzgruppen beanspruchten und die
Reservierungen damit durcheinander brachten. Doch alle kamen mit und fanden
einen Platz.
Morgens früh auf dem Flughafen von
İstanbul‑Yeşiköy: Warten in der Ankunftshalle bis zum Morgen. Interessante
Fotos für die Gruppe sind dabei entstanden: schlafende Gestalten auf dem
Fußboden und in den Sitzgruppen. Von der Flughafenpolizei gut bewacht aber
manchmal auch etwas mißtrauisch beäugt. Erst mit Tagesanbruch konnten dann
die notwendigen Telefongespräche geführt werden, mit denen wir die noch
offene Hotelfrage klären wollten. Zwei Empfehlungen: wer erwartet uns, wie
kommen wir dorthin? Schließlich, obwohl die Verständigung recht schwierig
war, wählen wir das Hotel, das am Endpunkt des Flughafenbusses leicht zu
erreichen ist: in Şişhane auf dem Galata-Hügel. Gegen ½ 9 Uhr fährt dann der
erste öffentliche Bus in Richtung Stadt.
Tagebuchblatt vom
Zur Ankunft in unserer Unterkunft
ist noch etwas nachzutragen: unser erstes türkisches Rätsel. Uns war in
Hannover das Hotel „Dünya“ in der Meşrutiyet Straße empfohlen worden.
Dorthin war auch eine Voranfrage gegangen. Heute sind wir aber in einem
anderen Hotel in der gleichen Straße gelandet. Wie kamen wir dorthin?
Orientierung im Straßengewirr von Galata zu finden, als wir den Flughafenbus
an seiner Endstation verlassen hatten, war gar nicht so einfach:
Straßenschilder und Hausnummern fehlen meist, der Stadtplan ist eher
phantasievoll als exakt und die Erklärungen von Passanten, immer freundlich
und hilfsbereit, sind weit ausholend und für uns, wohl durch mangelnde
Sprachkenntnisse, nicht allzu eindeutig... Schließlich hatten wir aber die
Telephonnummer des Hotelbesitzers; in einem kleinen Antiquitätenladen
ließen wir anrufen und ein Hotelbote wurde uns entgegengeschickt. Aber er
führte uns nicht zum „Dünya“ sondern gleich schräg gegenüber von unserem
gegenwärtigen Warteposten zum Hotel „Yeni Istanbul“, Meşrutiyet Cad. 273,
Şişhane. Ein altes, achtstöckiges, schmales Gebäude, ehedem wohl ein
Wohnhaus aus den zwanziger Jahren mit grauer, wie bei allen Nachbarhäusern
bröckelnder Fassade: nicht gerade was der Name „Neues Istanbul“ erwarten
läßt... Konditionen und Preis sind die gleichen, wie vom „Dünya“ erfahren,
wir scheinen sogar erwartet zu sein, aber wieso?
Nun die Vermutungen und
Verdächtigungen (in der Erinnerung ein Spaß für sich): Hat uns der
Antiquitätenhändler dreist an einen eigenen Freund weitervermittelt? Ist
uns in Hannover eine falsche Adresse gegeben worden?
Auch wenn es sich hier sicher nicht
um weltbewegende Probleme handelt, geben sie Gesprächsstoff in einer Gruppe
und sind gerade die unvorhergesehenen Erlebnisse, um die herum sich so
etwas wie ein gemeinsames Gruppenbewußtsein entwickelt. Es kam sogar noch
etwas „geheimnisvoller“: Am Abend begrüßte uns im „Foyer“ des Hotels, d.h.
in dem kleinen Tee‑ und Fernsehraum im Erdgeschoß, der den Hotelgästen als
ständiger Aufenthalts‑ und Warte‑, für unsere Gruppe als Treff‑ und
Kommunikationsort diente, ein eleganter Junger Mann (der sich der Hilfe
englisch und deutsch sprechender Hotelangestellter oder anderer solcher
Personen bediente, deren Beziehungen und Identitäten uns erst langsam klar
wurden – ein Thema für sich) und fragte nach unserem Wohlergehen und nach
der Unterbringung. Er stellte sich als Besitzer des Hotels „Dünya“ und als
Freund unseres hannoverschen Bekannten vor!?! Das Rätsel löste sich, recht
banal, erst später, als er uns zum nächsten Abend in sein Büro im achten
Stock des „Yeni İstanbul“ (mit herrlichem Blick über Haliç und die Altstadt)
zu Raki und Salat einlud. Er war der Besitzer beider Hotels; ein junger
Bauingenieur, der dazu einige ältere Hotels aufgekauft hatte und uns
kurzerhand, vielleicht auch aus Platzgründen, in das uns nächstgelegene
Hotel dirigiert hatte... Einige interessante Gespräche mit ihm und Bekannten
und Freunden aus dem Umkreis dieses Hotels waren recht aufschlußreich für
gesellschaftliche Prozesse in der heutigen Türkei. Darauf soll in anderem
Zusammenhang zurückgegriffen werden.
Das Wichtigste dieses Tages, das was
auf unserem Reiseprogramm an erster Stelle steht, kommt, wie ich sehe, in
meinen Notizen zu kurz, da es sich um ein typisches touristisches Programm
handelt, das eher dem subjektiven Erleben als dem Mitteilungsbedürfnis
zugute kommt: Der Weg über das Goldene Horn (Haliç) auf der Galatabrücke (in
einem unvorstellbaren Fußgängergewühl) zum Stadtteil Eminönü, der Altstadt,
mit dem gedeckten Basar (Kapalı Çarşı) und der Süleymaniye Camii, dem
unbestreitbaren Meisterwerk Sinans aus dem 17. Jahrhundert. Wortwörtlich
der Höhepunkt des Tages war zum Abschluß die Besteigung eines Minaretts mit
Blick über die dunstverhangene Stadt...
Tagebuchblatt vom
Auf engem Raum konzentrieren sich in
Istanbul die drei Hauptsehenswürdigkeiten, die jeder Besucher dieser alten,
geschichtsbeladenen Stadt aufsuchen wird: die Hagia Sophia, als alte
Hauptkirche Konstantinopels geistiges Zentrum des byzantinischen Reiches und
als großartiger Kuppelbau des 6. Jahrhunderts n.Chr. Ansporn und Maßstab
der türkischen Architekten für ihre neue Architekturaufgabe, die ihnen dann
Weltruhm einbrachte: die osmanische Kuppelmoschee; die
Sultan-Achmet-Moschee als Komplementärbau von einem Schüler des großen Sinan
Im 17./18. Jh. der Hagia Sophia gegenüber errichtet – dazwischen dann, schon
auf dem alten Gelände des antiken Hippodrom, das Doppelbad (Hamam) des Sinan
und etwas abseits die Stiege zu den antiken Wasserreservoirs im Untergrund
und schließlich hinter der Hagia Sophie der Sultanspalast der 09 man en,
Topkapi Saray, der Palast der Hohen Pforte, schon mit Blick über Bosporus
und Haliç, dem Goldenen Horn, und die Altstadt mit ihren Minaretten und
Kuppeln, von denen die Süleymaniye Camii, im Zentrum des Bildes, das
städtische Gegenstück zum Sultansareal am Bosporus bildet.
Zwei Gebäudeschnitte und Grundrisse
aus dem Buch von Henri Stierlin, „Islamische Architektur“ sollen die
Entwicklung des Kuppelbaus von der Hagia Sophia bis zur Süleymaniye des
Sinan verdeutlichen und damit auch die geistige Spannweite, mit der diese
Stadt zu leben hat, andeuten. Höhepunkt christlichen wie islamischen
Geistes zu sein, ihn nebeneinander in Bauformen gegossen zu haben, prägt den
einmaligen Reiz der Stadt. Es fällt schwer, über die Reproduktion von
Aussagen aus den Reiseführern oder aus stadt‑ und architekturgeschichtlichen
Werken, in denen das Wesentliche schon seinen gültigen Ausdruck gefunden
hat, noch subjektive Eindrücke zu vermitteln. Allein auf die unmittelbare
Anrührung durch die Moscheen soll hier hingewiesen werden, die Ruhe,
Geborgenheit und Frieden vermitteln, notwendige Voraussetzung für das Gebet;
so ganz anders als der eher psychisch überwältigende Eindruck, den
gleichgroße Kirchen, auch die dunkle Basilika Hagia Sophia, vermitteln. Das
Raumkonzept spiegelt ein Glaubenskonzept und ein Lebensgefühl.
Der Palast, Topkapi Saray, gibt
weitere Anhaltspunkte für ein Lebensgefühl, das andere Gewichte setzte als
die heutige Zeit. Droht noch nach außen die Serail‑Mauer als Festungsbauwerk
jedem Eindringling die harte Hand der Macht des Sultans, so gelangen wir von
Hof zu Hof in immer verfeinerte, leichte und lockere Gärten, Kioske und
Pavillons. Licht, Wasser und Blumen waren wichtiger als die unermeßlichen
Schätze des Sultanats, die heute einen besonderen Reiz der
Museumsausstellung machen: der Thron des Nadir Schah, von tausenden von
Perlen und Edelsteinen umsäumt, der Topkapi‑Diamant mit seinem
überirdischen Strahlen und Funkeln, Prunkgewänder und verspielte
Goldgeräte, edle Waffen und eine der Öffentlichkeit nicht zugängliche
Sammlung wertvollster mittelalterlicher Handschriften –
Koranprunkexemplare, theologische Schriften und frühe wissenschaftliche
Werke. Um den Palast herum befindet sich eine Parkanlage, in die man durch
das Bab-i Hümayun, das Kaisertor eintritt und in der sich die älteste Kirche
der Stadt, die Hagia Eirene, befindet. In den zweiten Hof gelangt man durch
das Mitteltor (Ortakapi oder Bab‑üs Salam, das „Friedenstor“ oder
„Begrüßungstor“). Grazil wirkt das dritte, hölzerne Tor, das in den dem
Sultan und seiner Familie vorbehaltenen dritten Hof rührt, das Bab‑üs‑Saadet
(„Tor der Glückseligkeit“).
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Die Süleymaniye oder
Moschee des Süleyman in Istanbul, von Sinan 1550 erbaut. Querschnitt,
Längsschnitt und Grundriss. |
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Die
Hagia Sophia, eine byzantinische Kirche, zwischen 532 und 537 von den
Architekten Anthemios von Tralles und Isidor von Milet für Kaiser
Justinian erbaut. Längsschnitt, Querschnitt und Grundriss. |
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Gesamtplan des Topkapı
Saray in Istanbul, zwischen 1475 und dem 18. Jahrhundert erbaut.
1. Erstes Tor (Ortokapi)
2. Küchen (von Sinan)
3. Ratssaal
(Regierungsgebäude)
4. Haremsflügel
5. Zweites Tor (Bab-üs-Saadet)
6. Audienzsaal
7. Bibliothek
8.-10. Vergnügungskioske
11. Bagdad-Kiosk |
Tagebuchblatt vom
Ein wesentlicher Punkt unserer
Erkundungen in der Türkei betraf den Kontakt zur türkischen Schule. Schon
im vorangegangenen Briefwechsel hatten wir den jetzt bevorstehenden
Besuchstermin am 28.10., 8.30 Uhr, im İstanbul Lisesi vereinbart.
Bemerkenswert an diesem Termin war die bevorstehende Feier zum „Tag der
Republik“ am darauf folgenden Dienstag, durch die wir über den
Unterrichtsalltag hinaus auch Eindrücke von der Einbindung des Schulwesens
in das staatliche Selbstverständnis der Türkei gewinnen sollten. Ansonsten
waren Gespräche mit den Schülern, den Kollegen und dem Direktor der Schule
ebenso vorgesehen wie Unterrichtsbesuche. Zur bildungspolitischen
Einbindung dieser Schule wird in einem allgemeineren Aufsatz noch einiges zu
sagen sein.
Durch den Direktor wurde uns der
offizielle Wunsch der Schule nach einer Schulpartnerschaft mit der
Bismarckschule vorgetragen. Soweit es in unseren Kräften steht, werden wir
in Hannover alles Notwendige tun, daß dieser Wunsch realisiert wird. Damit
wurde eine Überlegung, die schon in unserer Vorbereitung eine große Rolle
spielte, von der Istanbul Lisesi vorweggenommen.
Interessant ist auch das Gebäude,
in dem die Schule untergebracht ist: ein osmanisches Verwaltungspalais, hoch
und elegant, weitgehend in Holzbauweise (sehr unpraktisch im Winter!), in
dem vor dem ersten Weltkrieg die osmanische Schuldenverwaltung
untergebracht war! Hoffentlich kann heute eine Schule mehr sein, als
Schuldenverwaltung! Dazu sollen unsere Kontakte auch beitragen.
Celia Fischer hat ihre
Eindrücke vom Besuch des İstanbul Lisesi in einem kleinen Aufsatz
zusammengefaßt, der die kurzen Bemerkungen des Tagebuchblattes ergänzen
soll:
Wir wollten den türkischen
Schulalltag und türkische Schüler erleben und kennenlernen. Besonders
wichtig war uns die Einleitung einer Schulpartnerschaft.
Unser Besuch begann mit der
Begrüßung durch eine türkische Deutschlehrerin, während alle Schüler mit
Schulkleidung in Reih und Glied vor der Schule die Nationalhymne sangen.
Danach wurden wir von dem Leiter der
Deutschabteilung, Herrn Seisser, in Empfang genommen und in das
Lehrerzimmer geführt. Natürlich bekamen wir auch hier nach guter
landesüblicher Sitte Cay (Tee) von einem „Schulkellner“ gereicht, der wohl
auch noch andere Aufgaben hatte.
Während unseres Gesprächs im
Lehrerzimmer kam unter anderem heraus, daß es Probleme in Bezug auf
pädagogische Grundsätze zwischen türkischen und deutschen Lehrern gibt.
Türkische Lehrer verlangen mehr Disziplin von den Schülern. Die
vorgeschriebene Unterrichtsart fordert meistens ein ständiges und
umfangreiches Auswendiglernen und Vortragen des gelernten Stoffes. Dieser
Eindruck wurde besonders beim Unterrichtsbesuch in der 6. Klasse deutlich,
die Schüler trugen enthusiastisch ihre Deutschkenntnisse vor.
Ein Junge machte den Eindruck, als
ob er während des Meldens jeden Moment aus der Bank fallen würde, so sehr
bemühte er sich, den Lehrer auf sich aufmerksam zu machen.
In der 6. Klasse haben die Schüler
ca. 25 Stunden Deutsch in der Woche, damit sie die Mathematik und die
Naturwissenschaften, die ab der 7. Klasse in Deutsch unterrichtet werden,
ausreichend verstehen können.
Nach dem Unterrichtsbesuch machten
wir einen Gang durch die Schule. In der Sporthalle waren nur Jungen.
Mädchen und Jungen haben getrennt Sport. Die Mädchen machen hauptsächlich
Gymnastik, die Jungen machen Ballspiele.
Während unseres Rundganges begann
die große Pause. Schüler lächelten uns freundlich an und fragten, ob wir
aus Deutschland kämen. Viele sahen uns interessiert an.
Ein Gespräch mit dem Direktor – bei
einem Glas Cay – folgte. Dem Direktor gefielen unsere Vorstellungen und
Absichten, er war einverstanden mit einer Schulpartnerschaft, sowie einem
Austauschprogramm.
Unser Ziel und die Aufgaben als
UNESCO‑Modellschule waren erfüllt.
Nun folgte ein weiterer
Unterrichtsbesuch in einer 8. Klasse mit vier Jungen, die aus Deutschland in
die Türkei zurückgekehrt waren.
Herr Seisser machte keinen
Unterricht, sondern begann ein Gespräch über die Situation der Rückkehrer
in der Klasse.
Es gibt Konflikte zwischen Ihnen und
den übrigen Schülern. Einer der Rückkehrer sagte: „Als wir in die Klasse
kamen, waren wir wie Außerirdische, wir wurden komisch angeschaut.“
Die Rückkehrer sprachen selbstbewußt
über sich und distanziert über Ihre Mitschüler. Zum Beispiel
folgendermaßen: „Die lernen immer nur alles auswendig, auch wenn sie es
nicht verstanden haben. In Deutschland wurde Interesse geweckt und man
sollte erst alles verstehen, bevor man es lernen mußte.“ Ihre Mitschüler
verteidigten sich natürlich auch. Ihr Deutsch war dabei beachtenswert und
das mit durchschnittlich dreizehn Jahren. Sie waren bei dem Gespräch etwas
benachteiligt, weil sie in Deutsch Ihre Gedanken und Gefühle nicht so gut
ausdrücken konnten, wie die Rückkehrer. denen man anmerkte, wie gut es ihnen
tat, sich über Ihre Probleme auszulassen. Auf die Frage. ob sie trotzdem
genug Verständnis füreinander hätten, antwortete einer der Rückkehrer: „Nur
in kleinen Dingen, sonst noch nicht.“
Nach dem Ende des gesamten
Unterrichts schauten wir beim erneuten Singen der Nationalhymne zu und
verabschiedeten uns.
Ein Artikel aus einer
Hannoverschen Tageszeitung:
Schüler im „Istanbul Lisesi“: Kritik ist hier nicht
erwünscht
14 Mädchen und Jungen der Bismarckschule lernten die
Türkei kennen
In Istanbul wartet Gerhard Seisser
auf einen Brief aus Hannover. Der deutsche Lehrer unterrichtet am „Istanbul
Lisesi“, das nach den Gymnasien in Livonia/USA und Posen die dritte
Partnerschule der Südstädter Bismarckschule werden möchte. Zwar muß die
Gesamtkonferenz des Gymnasiums am Maschsee noch zustimmen, doch erste
Kontakte hat jetzt eine Gruppe von vierzehn Bismarckschülern während einer
Studienfahrt in das Land am Bosporus bereits geknüpft.
Zwei Wochen lang dauerte die Tour
durch die Türkei, Aber nur eine Panne registriert der Rechenschaftsbericht
in dieser Zeit: Die Pennäler der Bismarckschule trafen einen Tag später als
ursprünglich geplant wieder in der heimatlichen Leinemetropole ein, weil der
gebuchte Rückflug wegen eines technischen Defektes ausfiel. So genossen die
Schüler einen zusätzlichen Tag am Strand des Marmarameeres.
Die Studienfahrt bat Ihren Zweck
erfüllt, meint Studienrat Gerhard Voigt zufrieden. „Ziel der Reise war es,
einen eigenen Eindruck von einem Land zu gewinnen, das auch für
Deutschland eine immer größere politische und menschliche Bedeutung gewinnt,
eigene Vorurteile abzubauen und Kontakte zu schließen, die die eigentliche
Reise überdauern“, erläutert Gerhard Voigt den Sinn des Projektes. Zusammen
mit seinen Kollegen Hans Gütte und Ulrike Schulz betreute er vier Mädchen
und zehn Jungen während der Tour durch die türkische Republik.
Die einzelnen Programmpunkte der
Studienfahrt – Sehenswürdigkeiten wie die Burg Rumeli Hisari am östlichen
Bosporus oder das „Anit Kabir“, das Mausoleum des Staatsgründers Kemal
Atatürk –wurden mit normalen Linienbussen angesteuert. Die schmale
Reisekasse erlaubte auch keine luxuriöse Unterkunft. Schüler und Lehrer
schliefen in Hotels der billigsten Preisklasse. Trotzdem sind die Jungen und
Mädchen von ihrer Reise rundum begeistert. „Mich hat beeindruckt, daß man
in eine ganz andere Kultur hineingerät“, resümiert der 17jährige Magnus
Betting. Störend wirkte aber, so Hans Gütte, daß überall Polizei und
Militär zu sehen war. „Das war mir etwas unheimlich.“ Kritik mußte auch der
Speisezettel einstecken. Kleine Mettbällchen, Köfte genannt, und
Fleischspieße mit Salat und Weißbrot sollte die Reisegruppe stärken. „Das
war das 1andesübliche Essen“, verteidigte Gerhard Voigt die angebotenen
Mahlzeiten, und den Einwand „Nach deutschen Verhältnissen war es aber
verdammt wenig Fleisch“ konterte er mit dem Hinweis: „Auch das ist
landesüblich.“
Ein ganzes Jahr lang haben sich die
Bismarckschüler Im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft auf diese Studienfahrt
vorbereitet. Daten und Fakten über die Geschichte und die heutige Türkei
gesammelt, mit türkischen Mitbürgerin Gespräche geführt und auch das
türkische Generalkonsulat an der Goseriede um Unterstützung gebeten. Den
Anstoß zu dem Unternehmen gab eine Unterrichtseinheit zum Thema „Islam“, die
die Bismarckschule im Rahmen ihrer Arbeit als Unesco-Modellschule
durchführte. Seit 1963 ist das Südstädter Gymnasium eine von rund zwanzig
dieser Modellschulen in der Bundesrepublik und bemüht ich durch besondere
Unterrichtsprojekte, Verständnis für fremde Völker und Länder zu wecken.
Zu den Aufgaben einer
Unesco-Modellschule gehört auch die Information über Schulformen in anderen
Staaten. Deshalb wollte die hannoversche Gruppe neben den touristischen
Attraktionen vor allem du türkische Schulsystem kennenlernen. Durch
Unterrichtsbesuche und Gespräche mit Lehrern und Schülern des „Istanbul
Lisesi“, einem Gymnasium, in dem Mathematik und naturwissenschaftliche
Fächer in deutscher Sprache unterrichtet werden, bekamen die Bismarckschüler
einen Einblick in den Schulalltag türkischer Jugendlicher. Für persönliche
Freundschaften zwischen den türkischen und deutschen Schülern reichte aber
die Zeit nicht aus. „Als wir auf dem Schulhof standen, wurden wir zwar nach
unseren Adressen gefragt“, erzählt Marion Strzod, geschrieben habe aber noch
niemand. Doch da hofft Gerhard Voigt auf die zukünftige Partnerschaft mit
der türkischen Schule und auf den damit verbundenen Schüleraustausch.
Kritik von Schülern ist an
türkischen Lehranstalten nicht erwünscht, mußten die Bismarckschüler
feststellen. „Es gibt noch nicht einmal eine Schülervertretung, beklagt
Holger Dietrich die dortigen Verhältnisse. Mit den ungewohnt autoritären
Verhältnissen haben besonders die Kinder von zurückgekehrten Gastarbeitern
zu kämpfen. „Türken haben eben eine ganz andere Mentalität“, erklärte ein
etwa 13jähriger, in der Bundesrepublik aufgewachsener Knabe den deutschen
Besuchern etwas resigniert. [is/Hannoversche Allgemeine Zeitung]
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