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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 5

Krise des Kemalismus

Vom Modernisierungskonzept zur Staatsideologie. Militärs in der Defensive

„Tag der Republik“

Die Staatsführung in schwarzer Festtagskleidung oder Galauniform schreitet gemessenen Schritts über den Ehrenhof des Anit Kabir, des Mausoleum des Staatsgründers Kemal Atatürk. Der Würde des Augenblicks an diesem Nationalfeiertag, dem „Tag der Republik“ am 29. Oktober, voll bewußt: die Armeeführung mit Staatspräsident Evren an der Spitze, selbstbewußte Sachwalter des Erbes Atatürks, das doch längst in eine tiefe Krise geraten ist. Daneben Ministerpräsident Özal, von den Militärs als das kleinere übel geduldet aber bis heute nur widerwillig akzeptiert, dem nach Figur und Haltung die steife Würde eines solchen Auftritts eher fremd ist; er ist, als Vertreter eines konservativ‑liberalistischen Wirtschaftskurses und als in der Öffentlichkeit praktizierender frommer Muslim (sein Bruder ist bei den Nationalreligiösen politisch führend), selbst ein Symbol des Zwiespalts, in dem sich die Türkei heute befindet. Das türkische Fernsehen zeigt die Kranzniederlegung; Militärmusik und kurze, feier­liche Ansprachen! Überall im Lande ist zum Staatsfeiertag geflaggt: Weißer Halbmond und Stern auf rotem Grund – ob das Flaggentuch an einem öffentlichen Gebäude sieben Stockwerke überspannt, ob jeder, aber auch jeder Geschäftsinhaber seine Schaufenster­auslagen mit den Staatssymbolen dekoriert oder ob an der Straßenecke rote Papier­wimpel an Kinder verteilt werden: Nationalismus wird demonstrativ gezeigt, oft vielleicht zu dick aufgetragen, um noch wirklich ernst gemeint zu sein.

Gymnasiale Feierstunde

Im Istanbul‑Gymnasium beginnt der Tag wie an jedem Montag auch heute am 28.10. wie üblich um acht Uhr morgens mit einem Appell auf dem Schulhof. Nur mürrisch und mit Tadel läßt der Schulpförtner zu spät kommende noch auf den Schulhof huschen. Dann wird das Tor zum Schulgelände geschlossen. Nationalhymne, einige kurze Sätze und dann im Klassenverband mit den jeweiligen Lehrern zu den Klassenräumen. Doch schon beginnen die Vorbereitungen zu einer wichtigeren Feier, die mittags stattfinden soll. Flaggen werden aufgezogen, Klassen proben Lieder und Gedichte für die Feier­stunde und im Kollegium macht sich eine gewisse Nervosität breit; weiß doch noch niemand in der Schule, bis wann an diesem Tage der normale Unterricht dauern soll, welche Weisungen im Einzelnen für die Feier gegeben werden. Erst im Laufe des Vormittags werden vom Ministerium in Ankara die Direktiven für Zeitpunkt und Ab­lauf telefonisch durchgegeben; die Schulen an einem Ort bilden dann Telefonketten, um die Anordnungen weiterzugeben.

Um ein Uhr ist es dann soweit. Der Unterricht endet damit heute ausnahmsweise schon zur Mittagszeit und der übliche Nachmittagsunterricht fällt aus. Dafür versammeln sich die Schüler wieder einmal auf dem Schulhof, wie üblich in ihren vorgeschriebenen Schuluniformen – blaue Hose und blauer Blazer mit weißem Hemd und Krawatte bei den Jungen, blaue Kostüme o.ä. bei den Mädchen –, die heute zur Feier des Tages viel­leicht noch etwas sauberer und korrekter getragen werden, als sonst schon üblich. (Das hier und da zum Ärger der Schulleitung auch einmal „subversive“ Kleidungs­stücke wie Cordhosen, Sporthemden oder Pullis auftreten kann ihren Trägern durchaus Schwierigkeiten einbringen; oft sind dies gerade Rückkehrerkinder aus Deutschland, die sich der formalen Disziplin nicht beugen wollen.)

Vor dem Haupteingang, über dem jetzt eine rund zehn Meter hohe Flagge die Fassade des Gebäudes überspannt, ist eine Tribüne mit Rednerpult aufgebaut. Die Anordnung einer Schweigeminute wird diszipliniert befolgt. Nationalhymne und nationalistische Lieder umrahmen das Programm, bei dem Schulklassen Gedichte aufsagen und der Ge­schichtslehrer die Geschichte der Gründung der Republik nach dem ersten Weltkrieg und die Taten Mustafa Kemal Atatürks vorträgt. Für die Schüler ist das ja wohl nichts Neues: Gibt es doch jetzt ein eigenes Schulfach „Kemalismus“. Oberhaupt durchziehen nationalistischer Anspruch und eine auffälliger Personenkult um die Person Atatürks die Lehrpläne aller Schulformen. Nicht umsonst unterstehen die Schulen dem „Ministerium für Nationale Erziehung“.

Historischer Fortschritt und Personenkult

Die Bedeutung der Reformen Atatürks zur Modernisierung der Türkei sollte dabei keineswegs unterschätzt werden. Auch die historische Größe dieser kantigen Persön­lichkeit steht außer Frage, auch wenn die eine oder andere Maßnahme des Staatsgrün­ders, so seine Minderheitenpolitik und seine eher zu geringe Sensibilität für die sozialen Probleme der angestrebten Industriegesellschaft in der historischen Per­spektive nicht mehr so ohne weiteres positiv bewertet werden können. Es wäre jedoch verfehlt, ihn in eine Reihe mit Diktatoren und Militärherrschern in anderen europä­ischen Ländern des 20. Jahrhunderts oder mit entsprechenden Herrschern in der „Dritten Welt“ zu stellen. Daß die Türkei, nach dem desolaten Zusammenbruch des Sultanats und den kolonialen Plänen der Westmächte in Vorderasien nach dem ersten Weltkrieg, als unabhängiger Staat und intakte Nation überleben konnte, ist das Verdienst Atatürks. Manche heutigen Krisen des Nahen Osten, der sonst bis zum zweiten Weltkrieg unter französisch‑englischer Vormundschaft leben mußte, blieben der Türkei damit erspart. Das hatte aber historische und soziale Kosten, die erst heute in ihren Konsequenzen ganz sichtbar werden, so die unbedingte Entscheidung für eine gesellschaftliche Orientierung am Westen, der strikte Bruch mit der islamischen Tradition im staatlichen Bereich (nach den Erfahrungen des Mißbrauchs der Religion im Sultanat eine wohl notwendige Entscheidung) und die etatistische Industrialisierungs­politik, die westlichen Demokratievorstellungen teilweise recht deutlich zuwider läuft. Die damit verbundenen Entwicklungsprobleme werden unter veränderten außen­politischen Rahmenbedingungen, Wiedererstarken der arabischen Welt und des Islam, Krise der westlichen Industriegesellschaft und weltpolitische Paralyse durch den West‑Ost‑Konflikt, auch in der Türkei erkannt und lassen erstmals wieder die Frage nach Alternativen zum erstarrten Kemalismus laut werden.

Daß die historische Wertschätzung des Staatsgründers nach seinem Tode eher einem bornierten Personenkult Platz machen mußte, zeigt, daß die inhaltliche Weiterent­wicklung der Atatürkschen Anstöße in eine Krise geraten ist. Viel ist von den sechs Säulen des Kemalismus – Nationalismus, Laizismus, Republikanismus, Populismus, Etatismus und Reformismus – in der politischen Realität nicht mehr geblieben; unser Eindruck war, daß Kemalismus heute oft mit naivem türkischen Nationalismus gleichge­setzt und verwechselt wird; der Personenkult soll die Schwächen der Sachpolitik überdecken.

Das Mausoleum des Staatsgründers

Einen Tag nach dem Staatsfeiertag besuchen wir die riesige Anlage des Mausoleums des Atatürk auf einem mit Parkanlagen begrünten Hügel im Stadtteil Maltepe in der Hauptstadt Ankara. Atatürk ist 1938 in Istanbul gestorben. Sein Leichnam wird nach Ankara, der Stadt, die ihm ihren Aufschwung verdankt, überführt und sein Nachfolger General İsmet Inönü beauftragt den türkischen Architekten Emin Onat, Schüler des deutschen Architekten Paul Bonatz, der das Opernhaus in Ankara (und die Stadthalle in Hannover) gebaut hat, mit der Errichtung einer gewaltigen nationalen Gedenkstätte. 15 Jahre Später, 1953 ist das Mausoleum fertig und der Sarkophag Atatürks wird hierher umgebettet. Das gesamte Gelände wird in eine „Weihestätte“ umgewandelt, die uns Deutschen, historischer Parallelen im eigenen Lande gedenkend, einige respektlose Überlegungen abnötigt. Man nähert sich dem Mausoleum, nach einer militärischen Per­sonenkontrolle, bei der auch alle Taschen abzugeben sind, zu Fuß auf der einzigen Zufahrtsstraße vom Eingang am Fuße des Hügels und trifft zunächst einmal auf eine breite Freitreppe, rechts und links von Säulenpavillons flankiert (Schinkels Neue Wache läßt grüßen), von militärischen Posten bewacht. Daran schließt sich eine 260 m lange Prachtstraße, flankiert von „neohethitischen Löwen“ (so der Reiseführer), an, die zum großen Ehrenhof führt, an dem zu linker Seite hoch über der Stadt der Säulebau des Mausoleums steht. Ein Speer hätte an dieser Anlage seine helle Freude gehabt: Freitreppen, funktionslose Plätze gigantischen Ausmaßes, Pfeilerhalle und ein riesiger Marmorsarkophag, der den einzigen gewaltigen Räum des Mausoleum ziert.

Gerade ist Wachablösung. Gardesoldaten aus den verschiedenen Waffengattungen ziehen routiniert und nur vor wenigen Touristen ihr Zeremoniell ab, wobei an diesen Tage nach der großen Feier doch wohl etwas der nötige Ernst fehlt. Der junge Vorge­setzte stippt seinem Kameraden aus Spaß den Helm ins Gesicht und auf die Nase und bei seinen dummen Bemerkungen zwischen den Befehlen und Meldungen können die im Stechschritt paradierenden Soldaten kaum das Grinsen verkneifen. Von den Säulenpavillons am Eingang zieht die Ablösungsmannschaft, mitsamt den zwei schon abgelös­ten Kameraden die Ehrenstraße zum Mausoleum lang, wo dann an drei Stellen das Ablösungszeremoniell zu wiederholen ist, bis für die Abgelösten der Marsch zurück zur Kaserne beginnt.

Der Kontrast zwischen Feiertagsreden und militärischem Alltag scheint mir die reale Funktion des Kemalismus heute zu symbolisieren. Der Blick vom Hügel in Maltepe über das wuchernde Stadtgebiet lenkt den Blick auf brennendere Probleme, materiel­lere Sorgen dieser Millionenstadt, als sie die Feiertagsstimmung bewußt werden läßt. Wieviele Millionen Einwohner hat Ankara heute? Im Gegensatz zu anderen Städten konnten wir die Ergebnisse des Census vor einigen Monaten für die Hauptstadt nicht erfahren. Sind es vier, fünf oder mehr Millionen Menschen. die größtenteils in den riesigen Slumgebieten an der Peripherie hausen und nur mit Mühe in einem kärglichen Alltag überleben können. Die Folgen dieser Übersiedlung sind auch beim Blick vom Anit Kabir unübersehbar, ein offener Kontrast zur geleckten Staatsarchitektur am Ehrenhof.

Smog über Ankara!

Undurchdringlicher Dunst liegt über der Stadt. Schon die kaum mehr als zwei Kilo­meter entfernte City in der Neustadt Yenişehir mit ihren breiten Boulevards, Hoch­häusern, Ministerien und Kaufhäusern, ist kaum noch auszumachen. Von der die Stadt überragenden Citadelle, dem ältesten Siedlungsteil Ankaras, ist nur die Spitze Ober den Smog hinausragen zu sehen. Daß Ankara allseits von sanften Hügeln umgeben ist die längst von der Siedlungswelle erreicht wurden, ist nicht mehr zu erkennen. Die Siedlung verliert sich im Dunst.

Dies ist nun kein besonderes Ereignis gerade an diesem Tage, sondern der Normalzu­stand den ganzen Winter über. Die kalten Luftmassen der umgebenden Hochflächen lassen kaum einen Zug Wind in die erwärmte Luft über dem Stadtkessel. Ständige Inversionswetterlagen, die bei uns im Ruhrgebiet z.B. sofort zu Fahrverboten und Produktionseinschränkungen führen würden. Doch davon kann hier keine Rede sein. In der winterlichen Kälte müssen die Menschen heizen; und das tun sie kleinen Öfen oder in offenen Feuerstellen; alles was brennbar ist, wird zum Heizen verwendet: Holz, Papier, Abfall, schwefelhaltige Billigkohle... Abgasvorschriften für die Automassen gibt es in einer solchen Situation genausowenig wie Versuche, in den die Stadt umgebenden Gewerbegebiete Emissionen zu vermeiden. Die Stadt will Leben, Arbeit haben, Wärme – und erstickt in einem giftigen, schon nach wenigen Stunden die Bronchien für lange Zeit reizenden, stinkenden, die Augen tränen machenden Gas, das mit Luft nur noch wenig zu tun hat. Ist es dafür aber im Sommer besser: kaum; starke, trockene Hitze bringt den Staub in die Stadt; die Organismen werden wiederum belastet und angegriffen. Erschrecken wäre wohl eine korrekte Krankheits­‑ und Mortalitätsstatistik für diese Stadt.

Die Agonie des Landes

Doch in diesen Hexenkessel Ankara ziehen Tag für Tag tausende neuer Bewohner, von keiner Autorität mehr zu zählen oder gar aufzuhalten. Gesetze gegen die wilden Ansiedlungen, drastische Maßnahmen gegen Slums, aber auch Sanierungskonzepte greifen nicht mehr, solange existenzielle Not die Menschen in die Ballungsräume treibt. Bei allen Problemen in den Großstädten: Tag für Tag ergeben sich doch für den Ärmsten minimale Chancen zum Überleben, Gelegenheitsjobs, Almosen, vielleicht auch mal Einkommen außerhalb der Legalität... auf dem Lande dagegen, gerade in Ostanatolien fehlen auch die einfachsten Entwicklungsimpulse. Eine wachsende Bevölkerung kann das Land dort nicht ernähren. Hunger, Arbeitslosigkeit sind an der Tagesordnung. Dazu das fast völlige Fehlen einer ärztlichen Versorgung und die minimalen schulischen Chancen für die Kinder (auf dem Lande gilt teilweise heute noch eine Begrenzung der Schulpflicht auf die fünf Grundschuljahre), lassen die Stadt als das kleinere Übel erscheinen. Wenn nicht hier schnell und tiefgreifend reformiert wird, steuert gerade der Stadt‑Land‑Gegensatz auf die soziale Katastrophe zu. Nationalistische Integration und Etatismus in der Wirtschaftsplanung reichen hier zur Krisenbewälti­gung nicht mehr aus.

Politische Konzepte

Die Regierung Özal setzt getreu Ihrem kapitalistischen Grundsatz den rein ökonomi­schen Hebel an. Sie wendet sich dabei bewußt ab vom kemalistischen Etatismus. der ja ohnehin seit dem zweiten Weltkrieg in mehreren Phasen. auch unter dem Druck der USA, zurückgedrängt worden ist. Özals Wirtschaftspolitik knüpft am Liberalismus im ökonomischen Bereich der Regierung Demirel an, in der er, vor dem Eingreifen der Militärs 1980 Wirtschaftsstaatssekretär gewesen ist. Er hat damit, wie auch Kritiker eingestehen müssen, einige überraschende Erfolge zu verzeichnen gehabt: Die Inflati­onsrate hat sich vermindert, das industrielle Wachstum steigt und das Außenhandels­gleichgewicht konnte erstmals 1984 auch dank steigenden Tourismuseinnahmen erreicht werden.

Das Problem sind jetzt aber die Strukturdeformationen, die sich nicht so ohne weiteres, auch bei günstigerer Wirtschaftsprognose, von selbst beheben: der schon genannte Stadt‑Land‑Gegensatz, das generelle West‑Ost‑Gefälle, das auch durch einige wenige neue Industrieansiedlungen im Osten nicht gemildert wurde, und das weitere Auseinanderfallen der materiellen Lebensbedingungen zwischen Am und Reich. Wenn Atatürk auch kein Sozialrevolutionär gewesen ist, so setzte er doch mit seinen Prämissen des Kemalismus einige bemerkenswerte Grenzpfeiler gegen einen ungehemmten Kapitalismus: So sollte seine Forderung nach Etatismus heute besser als Aufforderung an den Staat, sozioökonomische Verantwortung zu übernehmen, verstanden werden (übrigens wären damit islamische Werthaltungen des Ministerpräsidenten weitaus glaubhafter), eine generelle Privatisierung von bisher staatlichen Banken und Schlüsselindustrien ist zumindest nicht unumstritten; auch die Kontrolle der aus­ländischen Wirtschaftsaktivitäten sollte sich nach Atatürk der Staat nicht aus der Hand nehmen lassen; der Populismus, eine durch ihre Beziehungen zum Faschismus suspekt gewordene Forderung, könnte heute im ursprünglichen Sinne als Forderung nach gleichen Lebensbedingungen aller Bürger neu verstanden werden; schließlich: der Reformismus, bei Atatürk wohl Ausgangspunkt seiner gesamten Staatskonzeption, ist nach seinem Tode fast völlig in Vergessenheit geraten; hier hätte eine problembe­wußte Sozialpolitik eine Chance, gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur als Wirt­schaftswachstum sonder auch als sozialen Fortschritt zu verstehen. Unter der Präsi­dentschaft des Sozialdemokraten Ecevit, der ja Vorsitzender der von Atatürk gegrün­deten Partei gewesen ist, sind Überlegungen in diese Richtung angestellt worden; sie sind an den Machtverhältnissen gescheitert. Welche Chancen hat nun Özal?

Der Ministerpräsident ist kein typischer Vertreter des Kemalismus; das Mißtrauen der Militärs seiner Person gegenüber wird dadurch erklärt. Nur haben die Militärs, wie die Zeit ihrer unmittelbaren Herrschaft nach 1980 zeigte, selbst kein politisches Konzept, Atatürks Erbe in konstruktive Politik umzusetzen. Ihr Kemalismus ist längst zur rituellen Formel erstarrt.

Gibt es zu Özal derzeit Alternativen? Das revolutionäre Konzept aus der Zeit vor dem Militärputsch ist an den realen Gegebenheiten gescheitert und hat sich durch ein Einlassen auf die Eskalation von Terror und Gegenterror in breiten Teilen der Be­völkerung diskreditiert. Diese Zeit, in der die Angst vor Terroranschlägen und Bürgerkrieg tatsächlich weit verbreitet war, wird heute auch von systemkritischen Türken kaum als positiv gewertet. Andererseits begegnet man auch viel verdeckter Kritik und Distanz zum machtbewußten Auftreten des Militärs: die Notwendigkeit einer gesicherten Rückkehr zur zivilen Demokratie wird allgemein anerkannt. Auch die Militärs selbst können sich dieser Grundstimmung kaum noch entziehen. Unter diesen Perspektiven werden an der derzeitigen Situation unter Özal durchaus positive Züge erkannt: Özal ist ganz bewußt Vertreter ziviler Politik und bemüht sich, den Militärs den Rückzug in die Kasernen leicht zu machen (auch auf Kosten inhaltlicher Zugeständnisse in der praktischen Politik und unter dem Vorzeichen überspitzten Nationalismus); erste Wirtschaftserfolge lassen zumindest hier und da Hoffnungen auf eine allgemeine Verbesserung der Situation aufkommen; letztlich wird Özal auch zu­getraut, den ramponierten Ruf der Türkei in Europa, Folge des Militärputschs und der Außerkraftsetzung grundlegender bürgerlicher Rechte, wieder zu verbessern, was zu einer fruchtbareren ökonomischen Beziehung im Rahmen der Annäherung an die EG führen sollte, von der sich vor allem städtische Einwohner einiges Positive versprechen. Aber auch hier wieder einmal: die Ambivalenz eines „kleineren Übels“.

Perspektiven für Morgen

Nicht Sozialismus oder Kapitalismus werden als vordringliche Alternative für die Weiterentwicklung der Türkei gesehen; ein anderer Gegensatz hat sich in den Vorder­grund geschoben: Hinwendung zu Europa, d.h. ein Weitergehen auf dem kemalistischen Weg der Modernisierung in einem Laizistischen Staat, oder Wendung nach Osten, zu den politisch und ökonomisch stärker werdenden Nachbarn, bei denen der Islam eine immer stärkere Rolle spielt. Dies wird dann auch weniger als Rückwendung denn als Erneuerung und Renaissance mit positiven Perspektiven in die Zukunft hinein ver­standen. Viele sehen in der Rückkehr zu einem öffentlichen Islam das Wiederfinden eines verloren gegangenen kulturellen und machtpolitischen Zentrums, an dem sich türkische Identität besser entwickeln läßt, als an einem verweltlichten Nationalis­mus. Dieser Gegensatz prägte auch schon die Auseinandersetzungen im Iran wo dem Nationalismus des Schah die kulturelle „Integrationskraft des Islam“ siegreich ent­gegengesetzt wurde. Daher sind solche Bestrebungen in der Türkei, wo die ganz große Mehrheit der Bevölkerung praktizierende Muslime sind, durchaus ernst zu nehmen.

Die praktische Politik, ob kemalistisch orientiert, wie bei den Militärs, oder kapitalistisch motiviert wie bei der Regierung Özal, muß vielfältige Kompromisse eingehen, nicht nur um die recht guten Beziehungen zu den islamischen Nachbarn zu pflegen, die ökonomisch immer wichtiger werden, sondern auch, um innenpolitisch eine starke politische Kraft nicht zum Umsturz mit dem Ziel des islamischen Gottesstaates zu provozieren. Die kemalistischen Bekleidungsvorschriften und das Verbot der arabischen Schrift im öffentlichen Leben werden angesichts tausender arabischer und iranischer Touristen und Geschäftsbesucher nur „noch locker gehandhabt“; ebenso sieht sich der Staat gezwungen, in Konkurrenz zu immer einflußreicher werdenden privaten Koranschulen wieder Religionsunterricht in den Schulen einzurichten, wenn auch, wie das Ministerium für Nationale Erziehung betont, dieser Unterricht keinen Bekennt­nischarakter haben soll, sondern über die Religionen sachlich orientiert. In der Praxis scheint das aber oft anders auszusehen.

Ministerpräsident Özal personifiziert diesen Widerspruch, in den die Türkei heute geraten ist, sehr anschaulich: seine Wirtschaftspolitik ist an amerikanischen Vor­bildern orientiert. wobei monetaristische Züge (d.h. Geldmengenpolitik statt staat­licher Interventionen in die Wirtschaft) Parallelen auch zur derzeitigen britischen Wirtschaftspolitik erkennen lassen: Privatisierungen, ungestörte Konkurrenz, Außen­handelsliberalisierung, Einschränkung der Devisenbewirtschaftung, Steuererleichte­rungen für Unternehmer etc. Daneben eine restriktive Sozialpolitik und ein Rückzug des Staates aus der ökonomischen Verantwortung; rechtspolitisch werden, und das trifft sich mit den politischen Vorstellungen auch der Militärs, Freiheiten des Wirtschaftslebens erkauft durch Einschränkungen in der Koalitionsfreiheit und in der Möglichkeit gewerkschaftlicher Tätigkeit, die immer noch im Verdacht der Staatsfeind­lichkeit steht.

Optimismus und Skepsis, positive Tendenzen und negative Situationen stehen in der Beurteilung der heutigen Türkei oftmals krass gegeneinander. Sicherlich ist dabei nur eine zivile Regierung, die sich auf eine möglichst breite Zustimmung in der Bevölkerung stützen kann, in dar Lage, Krisenlösungskonzepte effektiv durchzusetzen und machtpolitische Gegenströmungen seitens der Militärs, der traditionellen, vor allem ländlichen Oberschichten oder auch einzelner Gruppen des emporstrebenden neuen Bürgertums mit einiger Aussicht auf Erfolg zu neutralisieren.

Es ist überraschend, wie oft uns in der Türkei bedeutet wurde, daß bei diesem Prozeß der Konsolidierung und der sozialen Weiterentwicklung die Annäherung an Europa eine Hilfe sein könnte; weniger aus unmittelbarem ökonomischem Kalkül – ob für den „einfachen Türken“ dabei viel abfällt, wird meist, wohl zu Recht, sehr skeptisch beurteilt –, als wegen der Notwendigkeit für die Regierung, bestimmte Mindeststandards an Menschenrechtsschutz und Demokratie einzuhalten, um nicht von den Bündnispartnern isoliert zu werden. Daß dabei gerade die Rückkehrer aus der Bundesrepublik Deutschland eine besonders positive Rolle spiele, verwundert etwas, wenn man die negativen Erfahrungen in Deutschland dagegen hält.

Tagebuchblatt vom

Donnerstag, 31.10.85

Ankara ist als Stadt nicht gerade ein­ladend; zu allem macht uns der Smog zu schaffen. Gewisse Unpäßlichkeiten werden in dieser Atmosphäre leicht zu unangenehmen Krankheiten. Nicht bei allen Programmpunkten war daher unsere Gruppe vollzählig.

Der Morgen begann mit einer kleinen türkischen Irrfahrt. Auf unserem Pro­gramm war nach Rücksprache mit dem türkischen Generalkonsulat in Hanno­ver für Ankara ein Gespräch im Erziehungsministerium vorgesehen. Eine diesbezügliche telefonische Kon­taktaufnahme am Mittwochmittag ver­lief enttäuschend. Von unserem Be­suchswunsch war nichts bekannt, Referenten waren nicht greifbar und schließlich wurden wir an das Infor­mationsbüro des Ministeriums für Tourismus, Kultur und Sport weiter verwiesen.

Auf das Telefon wollten wir uns nun nicht weiter verlassen (ein allgemei­ner Rat für Türkeireisende!); so fuhren wir am Donnerstagmorgen, d.h. Hans Gütte und ich, zu dem besagten Touristenbüro. Mit Hilfe unserer Le­gitimation vom Generalkonsulat in Hannover und ebenso dramatischen wie in unserem Englisch schwer verständ­lichen Erläuterungen über unser An­liegen veranlaßten wir die Dame des Büros zu langen, wortreichen Telefo­naten mit dem Erziehungsministerium.

Schließlich war jemand Zuständiges erreicht. Mit seinem Namen auf einem Zettel begaben wir uns zum nächsten Ministerium und fragten uns dort nach Devlet bey durch. Einige Warte­zeit, dann höfliche Begrüßung und wieder Warten, bis jemand gefunden wurde, der Deutsch sprach. In höflicher Form trug ich, mit vielen Ein­zelheiten, mein Anliegen vor und schilderte bewegt unsere Irrfahrten. Unser Gesprächspartner verließ uns noch einmal für einige Minuten und kehrte dann mit einer Handakte zu­rück: und siehe da – unsere gesamte Korrespondenz mit dem Generalkonsulat einschließlich unserer Reiseplanung war hier sorgfältig abgeheftet. Man entschuldigte sich mit dem Hinweis, daß wohl das Antwortschreiben aus Ankara das Generalkonsulat nicht mehr rechtzeitig hatte erreichen können.

Von nun an ging es reibungslos. Unser Besuch in der İstanbuler Schule war genehmigt gewesen (wir hatten ja keine Unterlagen in der Hand gehabt). Für den nächsten Tag, dem Freitag, wurde für 9.00 Uhr ein Gespräch im Ministerium vereinbart.

Den weiteren Tag verbrachten wir mit einem Rundgang durch das alte Ankara, das Stadtviertel Ulus, mit der Juli­anssäule, der Ausgrabungsstätte von römischen Thermen und – auf dem Weg zur Zitadelle – dem „Augustus und Roma“‑Tempel. Dieser hat eine beson­dere historische Bedeutung, da in ihm auf einer Marmortafel das einzige na­hezu vollständige Exemplar der „Taten des vergöttlichten Augustus“ gefunden wurde, der einzigen antiken Quelle, die den biblischen Census der Weih­nachtsgeschichte bestätigt.

An die marmorne Tempelruine angelehnt ist eine kleine Moschee mit der Türbe, dem Grabmal, des Haci Bayram, einem islamischen Volksheiligen, der auch heute noch bei der Bevölkerung Alt‑Ankaras große Verehrung genießt. Während unseres kurzen Aufenthalts besuchte zunächst ein Junges Braut­paar segenheischend die Türbe; unmit­telbar danach wurde auf einem kleinen Lieferwagen ein Sarg herangefahren; man wollte den Verstorbenen zu einem letzten Gruß zu Haci Bayram bringen.

Der letzte Teil unseres Rundganges führte uns auf die Burg, die heute ein dicht bewohnter Stadtteil Ankaras geworden ist. Von den Befestigungsanlagen auf der Höhe eröffnen sich dann erschreckende Blicke auf dm Wuchern der Stadt, auf ältere und neuere Slum­viertel, deren weitere Erstreckung sich im Dunst verliert. Ankam, die Stadt ohne Horizont: dichte Nebel‑ und Dunstschwaden, eine geschlossene Smogdecke zieht sich nicht nur über die Innenstadt sondern, genährt von den tausenden und aber tausenden Öfen in den Hütten und Häusern, über die gan­ze unübersehbare Siedlungsfläche. – Wenigstens konnten wir hier oben, über dem Smog, einige Atemzüge frische Luft schnappen, ehe –unser Abstieg in den Mief begann.

Am Abend sind dann einige aus der Gruppe ins Opernhaus zu einer Ballett­aufführung gegangen. Martin Dempewolf schildert seine Eindrücke von dieser Aufführung:

„Am Donnerstag, dem 31.10., besuchte ein Großteil der Schüler das Opern­haus in Ankara. Der Veranstaltungs­besuch wurde spontan organisiert, als sich herausstellte, daß Karten leicht und günstig zu bekommen waren. Das Opernhaus konnte nicht als ein Teil unseres Kulturprogramms, das den Be­such von Institutionen und Gebäuden, die mit der türkischen Geschichte ver­bunden waren, verstanden werden, weil es ein importiertes Kulturgut ist. Das Gebäude ist von einem deutschen Archi­tekten, Paul Bonatz, entworfen; die aufgeführten Werke kommen größten­teils aus Europa.

Als wir den Zuschauerraum betraten, bemerkten wir nichts wesentliches, das vom gewohnten Bild abwich; das Pro­gramm aber, es bestand aus zwei zeit­genössischen türkischen Balletten, bewies, daß eine Übernommne Insti­tution für die türkische Gesellschaft relevante Aspekte behandeln kann, die so allerdings nur einem kleinen Teil der Gesellschaft zugänglich gemacht werden können.

Im Saal begegnen uns noch abgeteilte Logen, die aus europäischen Opern­häusern fast vollständig verschwun­den sind. Deren Preise liegen um ein Vielfaches höher als die nächstnie­drigeren Preisstufen. Die Sitzreihen haben einen so großen Abstand von­einander, daß man, wenn auch mit ei­niger Mühe, die Reihen durchschreiten kann, ohne schon Sitzende zum Aufste­hen zu zwingen, nicht aber, ohne sie zu stören. Man steht also auch nicht auf, wenn jemand auf seinen Platz möchte. Da ich einen Seitenplatz hatte, habe ich mich sofort diesem Verhalten angeschlossen.

Der Zuschauerraum war, als das Licht verloschen war, außergewöhnlich dun­kel. Die üblichen erleuchteten Schil­der, die auf die zahlreichen Ausgänge hinweisen, fehlten. Die breiten Aus­gänge des kleinen Zuschauerraumes wa­ren nicht mit Türen, sondern mit dicken Vorhängen verschlossen.

Die Musik des ersten Ballettes folgte der türkischen Volksmusik. Die Kos­tüme in „Yoz Döngüll sollten wohl Trachteneindruck erwecken. Die männ­liche Kostümierung ist so, wie man sich die Kleidung türkischer Nomaden­völker vorstellen könnte, zumindest mit den Augen eines Mitteleuropäers. Auf der Bühne befanden sich eine Reihe von Paaren und, was wohl das Wichtigste war, zwei Tänzerinnen ohne Partner. Diese kamen während des gan­zen Stückes nicht richtig zur Ruhe. Daß damit das entwurzelte Stadtleben derer, die vom Lande gekommen sind, thematisiert wurde, erfuhr ich erst durch einen in der Bundesrepublik le­benden Türken, dem ich das Programm­heft vorlegte. Zweifellos gibt es in der Türkei das manifeste Problem der Landflucht. In dein Ballett wird die Orientierungslosigkeit zweier Tänzer­innen der Idylle der Paare gegenüber gestellt.

Dem zweiten Stück merkte man die poli­tische Aktualität sofort an. Es spielt nämlich in einem Bereich, der durch einen hohen Zaun eingefaßt war. Außerdem kamen Tänzer vor, an deren Kostümierung und Auftreten eindeutig erkannt werden konnte, daß Soldaten dargestellt werden sollten. Die stän­dige Präsenz des Militärs wird auch an anderer Stelle des Berichts er­wähnt. Unter den „Zivilisten“ fiel eine Person besonders heraus, die mit weißem Kostüm und ebensolchen Haaren einen betont sympathischen Eindruck erwecken mußte. Weiß war die einzige Farbe, die nur einmal vorkam. Die üb­rigen Figuren wirkten nur als unper­sönliche Gruppe, deren Führer jene weiße Gestalt war oder wurde. Bei dem Eingreifen des Militärs, das eine zahlenmäßig kleinere Gruppe unter der Leitung eines Vorgesetzten darstellte, kam es wohl zu einer Art Auseinander­setzung, die aber friedlich endete.

Der Titel des Balletts, Insancik, be­deutet soviel wie „Der gute Mensch“. Der gute Mensch, im Stück jene schon beschriebene weiße Gestalt, wird, so­weit ich es verstanden habe, im Pro­gramm als eine Person beschrieben, die ihr ganzes Leben in den Dienst der guten Sache stellt. Der Konflikt mit Militärs wird nicht erwähnt. Ich werde mich davor hüten, mehr über den Inhalt zu spekulieren, weil die Ge­fahr der Fehlinterpretation zu groß wäre.

Die Musik war tief mit der westlichen Musikkultur verbunden; sie war eine Collage aus allen möglichen klassi­schen Musikstücken von Vivaldis „Jahreszeiten“ bis zu Strawinskys „Le sacre du printemps“, ab und zu angereichert durch Elektronik, die wohl vom Komponisten selbst war. Sie fügte sich hauptsächlich emotional in die Handlung ein. Die ursprüngliche Bedeutung der Musikstücke paßte nur, wenn sie mit der darzustellenden Stim­mung übereinstimmte. Es gab zwar, wie für den Leser zu vermuten ist, den Ge­fangenenchor aus „Nabucco“, aber der „İnsancık“ wird ausgerechnet mit einer Arie des Don Giovanni vorge­stellt, der mit diesem nicht unbe­dingt zu vergleichen ist. Wenn man be­merkt, daß das Ballett „Cinderella“ von Prokofjew das zufällig in Ankara auch auf dem Spielplan steht, gleich zweimal zitiert wird, komm ich zu dem Ergebnis, daß diese Collage nicht die beste musikalische Lösung für dieses Ballett Ist. Der Abend hat sich na­türlich trotzdem gelohnt.“

Tagebuchblatt vom

Freitag, 1.11.85

Am Vormittag fand der vereinbarte Be­such im Ministerium für Nationale Er­ziehung statt. Bei einem ausführli­chen und erstaunlich offenen Gespräch, bei dem man sichtlich bemüht war, un­sere Informationswünsche umfassend zu berücksichtigen, wurden uns einige Grundzüge der derzeitigen türkischen Bildungspolitik dargelegt, von der Einrichtung der „Anatolischen Ober­schulen“, die Lehrerausbildung und –besoldung bis zu Besonderheiten des Lehrplanes und der Leistungsauslese. Einige der Gesprächsergebnisse wurden schon weiter vorne in der zusammen­fassenden Darstellung der türkischen Schulsituation im Zusammenhang mit unserem besuch im İstanbul Lisesi dargeboten. Die Form des Gesprächs war etwas mühsam, da die Sprachkennt­nisse nicht ausreichten, einen spon­tanen Dialog durchzuführen. So ver­suchte ich, unsere Fragen einschließ­lich der Zusatzfragen von Seiten der Schüler in eine klare und einfache sprachliche Form zu „übersetzen“, auf die unsere Gesprächspartner dann aus­führlich und bereitwillig antworteten. Das lange Gespräch endete mit dem An­gebot jeglicher Hilfe für unsere wei­teren Erkundungen Im Lande.

Nachmittags besichtigten wir dann das weltberühmte archäologische Museum für anatolische Kulturen, auch Hethiter‑Museum genannt. Stimmungsvoll ist die Unterbringung in einem sorgfältig restaurierten alten gedeckten Basar, dem Bedesten, unter dessen zentralem Kuppeldach ebenso wie unter den seitlichen Laubengängen, in denen sich ehedem die Verkaufsstände befanden, sich heute in chronologischer und sachlicher Gruppierung die wert­vollen Ausgrabungsstücke befinden. Vor allem die jüngeren Ausgrabungen in Kültepe oder Çatal Hüyük haben unser Bild der hethitischen Kultur und der Einflüsse der Assyrer oder Urartäer wesentlich verändert und verfeinert, so daß Anatolien heute als altes Hochkulturgebiet neben das Zweistromland und Syrien tritt.

Daß die jüngere archäologische Peri­ode der antiken Kulturen kam noch in türkischen Museen vertreten ist, liegt an der Phase der europäischen Ausgräber im letzten Jahrhundert, die in Ihrer Fixierung auf die klassische Antike die ersten großen Grabungsexpeditionen nach Westana­tolien unternahmen und – mit oder ohne Genehmigung des Sultans – die wichtigsten Ausgrabungsfunde nach Europa brachten, wie Schliemanns Trojafunde oder der Pergamonaltar, die nach Berlin gebracht wurden. Der Verlust an eigener Geschichte ist für ein Land wie die Türkei schmerz­lieb; es war das Schicksal vieler Länder der heutigen „Dritten Welt“, denen in kolonialistischer Anmaßung die eigene Kultur entfremdet wurde. Der Hinweis darauf, daß es sich um Kulturgüter „der Menschheit“ handele, greift zu kurz, denn dann wäre es ja erst recht unsinnig, diese Gegen­stände aus ihrer eigenen Umgebung zu entfernen und damit zum handelbaren Museumsobjekt zu degradieren. Für die vielen Museumsgegenstände der westlichen Metropolen muß sicher in Zukunft eine einvernehmliche Lösung gefunden werden, die den Ländern des Ursprungs der Exponate ihre moralischen Eigentumsansprüche zu­billigt und dennoch dem internatio­nalen Anspruch auf kulturellen Kon­takt, historische Information und wissenschaftliche Präsenz und Er­haltung gerecht wird. Daß auch die Türkei den werbenden Charakter der Ausstellung historischer Exponate erkannt hat, zeigt die erste Aus­stellung von ausgewählten Gegenstän­den aus den Schatzkammer des Topkapi Saray in diesem Herbst in der Villa Hügel in Essen.

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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
http://www,UNESCO-Club-Hannover.de
An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover
Verantwortlich: Gerhard Voigt, OStR i.R. (seit 2009), bismarckschule.voigt@gmx.de
Ab 2007 als Vorsitzender: Stefan Schulze-Brüggemann
Kontakte über die Schule an Herrn Schulze-Brüggemann - stefansb@web.de

Bearbeitungsstand: 05.12.2011