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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit
Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 5
Vom Modernisierungskonzept zur Staatsideologie.
Militärs in der Defensive
„Tag der Republik“
Die Staatsführung in schwarzer
Festtagskleidung oder Galauniform schreitet gemessenen Schritts über den
Ehrenhof des Anit Kabir, des Mausoleum des Staatsgründers Kemal Atatürk. Der
Würde des Augenblicks an diesem Nationalfeiertag, dem „Tag der Republik“ am
29. Oktober, voll bewußt: die Armeeführung mit Staatspräsident Evren an der
Spitze, selbstbewußte Sachwalter des Erbes Atatürks, das doch längst in eine
tiefe Krise geraten ist. Daneben Ministerpräsident Özal, von den Militärs
als das kleinere übel geduldet aber bis heute nur widerwillig akzeptiert,
dem nach Figur und Haltung die steife Würde eines solchen Auftritts eher
fremd ist; er ist, als Vertreter eines konservativ‑liberalistischen
Wirtschaftskurses und als in der Öffentlichkeit praktizierender frommer
Muslim (sein Bruder ist bei den Nationalreligiösen politisch führend),
selbst ein Symbol des Zwiespalts, in dem sich die Türkei heute befindet. Das
türkische Fernsehen zeigt die Kranzniederlegung; Militärmusik und kurze,
feierliche Ansprachen! Überall im Lande ist zum Staatsfeiertag geflaggt:
Weißer Halbmond und Stern auf rotem Grund – ob das Flaggentuch an einem
öffentlichen Gebäude sieben Stockwerke überspannt, ob jeder, aber auch jeder
Geschäftsinhaber seine Schaufensterauslagen mit den Staatssymbolen
dekoriert oder ob an der Straßenecke rote Papierwimpel an Kinder verteilt
werden: Nationalismus wird demonstrativ gezeigt, oft vielleicht zu dick
aufgetragen, um noch wirklich ernst gemeint zu sein.
Im Istanbul‑Gymnasium beginnt der
Tag wie an jedem Montag auch heute am 28.10. wie üblich um acht Uhr morgens
mit einem Appell auf dem Schulhof. Nur mürrisch und mit Tadel läßt der
Schulpförtner zu spät kommende noch auf den Schulhof huschen. Dann wird das
Tor zum Schulgelände geschlossen. Nationalhymne, einige kurze Sätze und dann
im Klassenverband mit den jeweiligen Lehrern zu den Klassenräumen. Doch
schon beginnen die Vorbereitungen zu einer wichtigeren Feier, die mittags
stattfinden soll. Flaggen werden aufgezogen, Klassen proben Lieder und
Gedichte für die Feierstunde und im Kollegium macht sich eine gewisse
Nervosität breit; weiß doch noch niemand in der Schule, bis wann an diesem
Tage der normale Unterricht dauern soll, welche Weisungen im Einzelnen für
die Feier gegeben werden. Erst im Laufe des Vormittags werden vom
Ministerium in Ankara die Direktiven für Zeitpunkt und Ablauf telefonisch
durchgegeben; die Schulen an einem Ort bilden dann Telefonketten, um die
Anordnungen weiterzugeben.
Um ein Uhr ist es dann soweit. Der
Unterricht endet damit heute ausnahmsweise schon zur Mittagszeit und der
übliche Nachmittagsunterricht fällt aus. Dafür versammeln sich die Schüler
wieder einmal auf dem Schulhof, wie üblich in ihren vorgeschriebenen
Schuluniformen – blaue Hose und blauer Blazer mit weißem Hemd und Krawatte
bei den Jungen, blaue Kostüme o.ä. bei den Mädchen –, die heute zur Feier
des Tages vielleicht noch etwas sauberer und korrekter getragen werden, als
sonst schon üblich. (Das hier und da zum Ärger der Schulleitung auch einmal
„subversive“ Kleidungsstücke wie Cordhosen, Sporthemden oder Pullis
auftreten kann ihren Trägern durchaus Schwierigkeiten einbringen; oft sind
dies gerade Rückkehrerkinder aus Deutschland, die sich der formalen
Disziplin nicht beugen wollen.)
Vor dem Haupteingang, über dem
jetzt eine rund zehn Meter hohe Flagge die Fassade des Gebäudes überspannt,
ist eine Tribüne mit Rednerpult aufgebaut. Die Anordnung einer
Schweigeminute wird diszipliniert befolgt. Nationalhymne und
nationalistische Lieder umrahmen das Programm, bei dem Schulklassen Gedichte
aufsagen und der Geschichtslehrer die Geschichte der Gründung der Republik
nach dem ersten Weltkrieg und die Taten Mustafa Kemal Atatürks vorträgt. Für
die Schüler ist das ja wohl nichts Neues: Gibt es doch jetzt ein eigenes
Schulfach „Kemalismus“. Oberhaupt durchziehen nationalistischer Anspruch und
eine auffälliger Personenkult um die Person Atatürks die Lehrpläne aller
Schulformen. Nicht umsonst unterstehen die Schulen dem „Ministerium für
Nationale Erziehung“.
Die Bedeutung der Reformen Atatürks
zur Modernisierung der Türkei sollte dabei keineswegs unterschätzt werden.
Auch die historische Größe dieser kantigen Persönlichkeit steht außer
Frage, auch wenn die eine oder andere Maßnahme des Staatsgründers, so seine
Minderheitenpolitik und seine eher zu geringe Sensibilität für die sozialen
Probleme der angestrebten Industriegesellschaft in der historischen
Perspektive nicht mehr so ohne weiteres positiv bewertet werden können. Es
wäre jedoch verfehlt, ihn in eine Reihe mit Diktatoren und Militärherrschern
in anderen europäischen Ländern des 20. Jahrhunderts oder mit
entsprechenden Herrschern in der „Dritten Welt“ zu stellen. Daß die Türkei,
nach dem desolaten Zusammenbruch des Sultanats und den kolonialen Plänen der
Westmächte in Vorderasien nach dem ersten Weltkrieg, als unabhängiger Staat
und intakte Nation überleben konnte, ist das Verdienst Atatürks. Manche
heutigen Krisen des Nahen Osten, der sonst bis zum zweiten Weltkrieg unter
französisch‑englischer Vormundschaft leben mußte, blieben der Türkei damit
erspart. Das hatte aber historische und soziale Kosten, die erst heute in
ihren Konsequenzen ganz sichtbar werden, so die unbedingte Entscheidung für
eine gesellschaftliche Orientierung am Westen, der strikte Bruch mit der
islamischen Tradition im staatlichen Bereich (nach den Erfahrungen des
Mißbrauchs der Religion im Sultanat eine wohl notwendige Entscheidung) und
die etatistische Industrialisierungspolitik, die westlichen
Demokratievorstellungen teilweise recht deutlich zuwider läuft. Die damit
verbundenen Entwicklungsprobleme werden unter veränderten außenpolitischen
Rahmenbedingungen, Wiedererstarken der arabischen Welt und des Islam, Krise
der westlichen Industriegesellschaft und weltpolitische Paralyse durch den
West‑Ost‑Konflikt, auch in der Türkei erkannt und lassen erstmals wieder die
Frage nach Alternativen zum erstarrten Kemalismus laut werden.
Daß die historische Wertschätzung
des Staatsgründers nach seinem Tode eher einem bornierten Personenkult Platz
machen mußte, zeigt, daß die inhaltliche Weiterentwicklung der Atatürkschen
Anstöße in eine Krise geraten ist. Viel ist von den sechs Säulen des
Kemalismus – Nationalismus, Laizismus, Republikanismus, Populismus,
Etatismus und Reformismus – in der politischen Realität nicht mehr
geblieben; unser Eindruck war, daß Kemalismus heute oft mit naivem
türkischen Nationalismus gleichgesetzt und verwechselt wird; der
Personenkult soll die Schwächen der Sachpolitik überdecken.
Einen Tag nach dem Staatsfeiertag
besuchen wir die riesige Anlage des Mausoleums des Atatürk auf einem mit
Parkanlagen begrünten Hügel im Stadtteil Maltepe in der Hauptstadt Ankara.
Atatürk ist 1938 in Istanbul gestorben. Sein Leichnam wird nach Ankara, der
Stadt, die ihm ihren Aufschwung verdankt, überführt und sein Nachfolger
General İsmet Inönü beauftragt den türkischen Architekten Emin Onat, Schüler
des deutschen Architekten Paul Bonatz, der das Opernhaus in Ankara (und die
Stadthalle in Hannover) gebaut hat, mit der Errichtung einer gewaltigen
nationalen Gedenkstätte. 15 Jahre Später, 1953 ist das Mausoleum fertig und
der Sarkophag Atatürks wird hierher umgebettet. Das gesamte Gelände wird in
eine „Weihestätte“ umgewandelt, die uns Deutschen, historischer Parallelen
im eigenen Lande gedenkend, einige respektlose Überlegungen abnötigt. Man
nähert sich dem Mausoleum, nach einer militärischen Personenkontrolle, bei
der auch alle Taschen abzugeben sind, zu Fuß auf der einzigen Zufahrtsstraße
vom Eingang am Fuße des Hügels und trifft zunächst einmal auf eine breite
Freitreppe, rechts und links von Säulenpavillons flankiert (Schinkels Neue
Wache läßt grüßen), von militärischen Posten bewacht. Daran schließt sich
eine 260 m lange Prachtstraße, flankiert von „neohethitischen Löwen“ (so der
Reiseführer), an, die zum großen Ehrenhof führt, an dem zu linker Seite hoch
über der Stadt der Säulebau des Mausoleums steht. Ein Speer hätte an dieser
Anlage seine helle Freude gehabt: Freitreppen, funktionslose Plätze
gigantischen Ausmaßes, Pfeilerhalle und ein riesiger Marmorsarkophag, der
den einzigen gewaltigen Räum des Mausoleum ziert.
Gerade ist Wachablösung.
Gardesoldaten aus den verschiedenen Waffengattungen ziehen routiniert und
nur vor wenigen Touristen ihr Zeremoniell ab, wobei an diesen Tage nach der
großen Feier doch wohl etwas der nötige Ernst fehlt. Der junge Vorgesetzte
stippt seinem Kameraden aus Spaß den Helm ins Gesicht und auf die Nase und
bei seinen dummen Bemerkungen zwischen den Befehlen und Meldungen können die
im Stechschritt paradierenden Soldaten kaum das Grinsen verkneifen. Von den
Säulenpavillons am Eingang zieht die Ablösungsmannschaft, mitsamt den zwei
schon abgelösten Kameraden die Ehrenstraße zum Mausoleum lang, wo dann an
drei Stellen das Ablösungszeremoniell zu wiederholen ist, bis für die
Abgelösten der Marsch zurück zur Kaserne beginnt.
Der Kontrast zwischen
Feiertagsreden und militärischem Alltag scheint mir die reale Funktion des
Kemalismus heute zu symbolisieren. Der Blick vom Hügel in Maltepe über das
wuchernde Stadtgebiet lenkt den Blick auf brennendere Probleme,
materiellere Sorgen dieser Millionenstadt, als sie die Feiertagsstimmung
bewußt werden läßt. Wieviele Millionen Einwohner hat Ankara heute? Im
Gegensatz zu anderen Städten konnten wir die Ergebnisse des Census vor
einigen Monaten für die Hauptstadt nicht erfahren. Sind es vier, fünf oder
mehr Millionen Menschen. die größtenteils in den riesigen Slumgebieten an
der Peripherie hausen und nur mit Mühe in einem kärglichen Alltag überleben
können. Die Folgen dieser Übersiedlung sind auch beim Blick vom Anit Kabir
unübersehbar, ein offener Kontrast zur geleckten Staatsarchitektur am
Ehrenhof.
Undurchdringlicher Dunst liegt über
der Stadt. Schon die kaum mehr als zwei Kilometer entfernte City in der
Neustadt Yenişehir mit ihren breiten Boulevards, Hochhäusern, Ministerien
und Kaufhäusern, ist kaum noch auszumachen. Von der die Stadt überragenden
Citadelle, dem ältesten Siedlungsteil Ankaras, ist nur die Spitze Ober den
Smog hinausragen zu sehen. Daß Ankara allseits von sanften Hügeln umgeben
ist die längst von der Siedlungswelle erreicht wurden, ist nicht mehr zu
erkennen. Die Siedlung verliert sich im Dunst.
Dies ist nun kein besonderes
Ereignis gerade an diesem Tage, sondern der Normalzustand den ganzen Winter
über. Die kalten Luftmassen der umgebenden Hochflächen lassen kaum einen Zug
Wind in die erwärmte Luft über dem Stadtkessel. Ständige
Inversionswetterlagen, die bei uns im Ruhrgebiet z.B. sofort zu Fahrverboten
und Produktionseinschränkungen führen würden. Doch davon kann hier keine
Rede sein. In der winterlichen Kälte müssen die Menschen heizen; und das tun
sie kleinen Öfen oder in offenen Feuerstellen; alles was brennbar ist, wird
zum Heizen verwendet: Holz, Papier, Abfall, schwefelhaltige Billigkohle...
Abgasvorschriften für die Automassen gibt es in einer solchen Situation
genausowenig wie Versuche, in den die Stadt umgebenden Gewerbegebiete
Emissionen zu vermeiden. Die Stadt will Leben, Arbeit haben, Wärme – und
erstickt in einem giftigen, schon nach wenigen Stunden die Bronchien für
lange Zeit reizenden, stinkenden, die Augen tränen machenden Gas, das mit
Luft nur noch wenig zu tun hat. Ist es dafür aber im Sommer besser: kaum;
starke, trockene Hitze bringt den Staub in die Stadt; die Organismen werden
wiederum belastet und angegriffen. Erschrecken wäre wohl eine korrekte
Krankheits‑ und Mortalitätsstatistik für diese Stadt.
Doch in diesen Hexenkessel Ankara
ziehen Tag für Tag tausende neuer Bewohner, von keiner Autorität mehr zu
zählen oder gar aufzuhalten. Gesetze gegen die wilden Ansiedlungen,
drastische Maßnahmen gegen Slums, aber auch Sanierungskonzepte greifen nicht
mehr, solange existenzielle Not die Menschen in die Ballungsräume treibt.
Bei allen Problemen in den Großstädten: Tag für Tag ergeben sich doch für
den Ärmsten minimale Chancen zum Überleben, Gelegenheitsjobs, Almosen,
vielleicht auch mal Einkommen außerhalb der Legalität... auf dem Lande
dagegen, gerade in Ostanatolien fehlen auch die einfachsten
Entwicklungsimpulse. Eine wachsende Bevölkerung kann das Land dort nicht
ernähren. Hunger, Arbeitslosigkeit sind an der Tagesordnung. Dazu das fast
völlige Fehlen einer ärztlichen Versorgung und die minimalen schulischen
Chancen für die Kinder (auf dem Lande gilt teilweise heute noch eine
Begrenzung der Schulpflicht auf die fünf Grundschuljahre), lassen die Stadt
als das kleinere Übel erscheinen. Wenn nicht hier schnell und tiefgreifend
reformiert wird, steuert gerade der Stadt‑Land‑Gegensatz auf die soziale
Katastrophe zu. Nationalistische Integration und Etatismus in der
Wirtschaftsplanung reichen hier zur Krisenbewältigung nicht mehr aus.
Die Regierung Özal setzt getreu
Ihrem kapitalistischen Grundsatz den rein ökonomischen Hebel an. Sie wendet
sich dabei bewußt ab vom kemalistischen Etatismus. der ja ohnehin seit dem
zweiten Weltkrieg in mehreren Phasen. auch unter dem Druck der USA,
zurückgedrängt worden ist. Özals Wirtschaftspolitik knüpft am Liberalismus
im ökonomischen Bereich der Regierung Demirel an, in der er, vor dem
Eingreifen der Militärs 1980 Wirtschaftsstaatssekretär gewesen ist. Er hat
damit, wie auch Kritiker eingestehen müssen, einige überraschende Erfolge zu
verzeichnen gehabt: Die Inflationsrate hat sich vermindert, das
industrielle Wachstum steigt und das Außenhandelsgleichgewicht konnte
erstmals 1984 auch dank steigenden Tourismuseinnahmen erreicht werden.
Das Problem sind jetzt aber die
Strukturdeformationen, die sich nicht so ohne weiteres, auch bei günstigerer
Wirtschaftsprognose, von selbst beheben: der schon genannte
Stadt‑Land‑Gegensatz, das generelle West‑Ost‑Gefälle, das auch durch einige
wenige neue Industrieansiedlungen im Osten nicht gemildert wurde, und das
weitere Auseinanderfallen der materiellen Lebensbedingungen zwischen Am und
Reich. Wenn Atatürk auch kein Sozialrevolutionär gewesen ist, so setzte er
doch mit seinen Prämissen des Kemalismus einige bemerkenswerte
Grenzpfeiler gegen einen ungehemmten Kapitalismus: So sollte seine Forderung
nach Etatismus heute besser als Aufforderung an den Staat,
sozioökonomische Verantwortung zu übernehmen, verstanden werden (übrigens
wären damit islamische Werthaltungen des Ministerpräsidenten weitaus
glaubhafter), eine generelle Privatisierung von bisher staatlichen Banken
und Schlüsselindustrien ist zumindest nicht unumstritten; auch die Kontrolle
der ausländischen Wirtschaftsaktivitäten sollte sich nach Atatürk der Staat
nicht aus der Hand nehmen lassen; der Populismus, eine durch ihre
Beziehungen zum Faschismus suspekt gewordene Forderung, könnte heute im
ursprünglichen Sinne als Forderung nach gleichen Lebensbedingungen aller
Bürger neu verstanden werden; schließlich: der Reformismus, bei
Atatürk wohl Ausgangspunkt seiner gesamten Staatskonzeption, ist nach seinem
Tode fast völlig in Vergessenheit geraten; hier hätte eine problembewußte
Sozialpolitik eine Chance, gesellschaftlichen Fortschritt nicht nur als
Wirtschaftswachstum sonder auch als sozialen Fortschritt zu verstehen.
Unter der Präsidentschaft des Sozialdemokraten Ecevit, der ja Vorsitzender
der von Atatürk gegründeten Partei gewesen ist, sind Überlegungen in diese
Richtung angestellt worden; sie sind an den Machtverhältnissen gescheitert.
Welche Chancen hat nun Özal?
Der Ministerpräsident ist kein
typischer Vertreter des Kemalismus; das Mißtrauen der Militärs seiner Person
gegenüber wird dadurch erklärt. Nur haben die Militärs, wie die Zeit ihrer
unmittelbaren Herrschaft nach 1980 zeigte, selbst kein politisches Konzept,
Atatürks Erbe in konstruktive Politik umzusetzen. Ihr Kemalismus ist längst
zur rituellen Formel erstarrt.
Gibt es zu Özal derzeit
Alternativen? Das revolutionäre Konzept aus der Zeit vor dem Militärputsch
ist an den realen Gegebenheiten gescheitert und hat sich durch ein Einlassen
auf die Eskalation von Terror und Gegenterror in breiten Teilen der
Bevölkerung diskreditiert. Diese Zeit, in der die Angst vor
Terroranschlägen und Bürgerkrieg tatsächlich weit verbreitet war, wird heute
auch von systemkritischen Türken kaum als positiv gewertet. Andererseits
begegnet man auch viel verdeckter Kritik und Distanz zum machtbewußten
Auftreten des Militärs: die Notwendigkeit einer gesicherten Rückkehr zur
zivilen Demokratie wird allgemein anerkannt. Auch die Militärs selbst können
sich dieser Grundstimmung kaum noch entziehen. Unter diesen Perspektiven
werden an der derzeitigen Situation unter Özal durchaus positive Züge
erkannt: Özal ist ganz bewußt Vertreter ziviler Politik und bemüht sich, den
Militärs den Rückzug in die Kasernen leicht zu machen (auch auf Kosten
inhaltlicher Zugeständnisse in der praktischen Politik und unter dem
Vorzeichen überspitzten Nationalismus); erste Wirtschaftserfolge lassen
zumindest hier und da Hoffnungen auf eine allgemeine Verbesserung der
Situation aufkommen; letztlich wird Özal auch zugetraut, den ramponierten
Ruf der Türkei in Europa, Folge des Militärputschs und der Außerkraftsetzung
grundlegender bürgerlicher Rechte, wieder zu verbessern, was zu einer
fruchtbareren ökonomischen Beziehung im Rahmen der Annäherung an die EG
führen sollte, von der sich vor allem städtische Einwohner einiges Positive
versprechen. Aber auch hier wieder einmal: die Ambivalenz eines „kleineren
Übels“.
Nicht Sozialismus oder Kapitalismus
werden als vordringliche Alternative für die Weiterentwicklung der Türkei
gesehen; ein anderer Gegensatz hat sich in den Vordergrund geschoben:
Hinwendung zu Europa, d.h. ein Weitergehen auf dem kemalistischen Weg der
Modernisierung in einem Laizistischen Staat, oder Wendung nach Osten, zu den
politisch und ökonomisch stärker werdenden Nachbarn, bei denen der Islam
eine immer stärkere Rolle spielt. Dies wird dann auch weniger als
Rückwendung denn als Erneuerung und Renaissance mit positiven Perspektiven
in die Zukunft hinein verstanden. Viele sehen in der Rückkehr zu einem
öffentlichen Islam das Wiederfinden eines verloren gegangenen kulturellen
und machtpolitischen Zentrums, an dem sich türkische Identität besser
entwickeln läßt, als an einem verweltlichten Nationalismus. Dieser
Gegensatz prägte auch schon die Auseinandersetzungen im Iran wo dem
Nationalismus des Schah die kulturelle „Integrationskraft des Islam“
siegreich entgegengesetzt wurde. Daher sind solche Bestrebungen in der
Türkei, wo die ganz große Mehrheit der Bevölkerung praktizierende Muslime
sind, durchaus ernst zu nehmen.
Die praktische Politik, ob
kemalistisch orientiert, wie bei den Militärs, oder kapitalistisch motiviert
wie bei der Regierung Özal, muß vielfältige Kompromisse eingehen, nicht nur
um die recht guten Beziehungen zu den islamischen Nachbarn zu pflegen, die
ökonomisch immer wichtiger werden, sondern auch, um innenpolitisch eine
starke politische Kraft nicht zum Umsturz mit dem Ziel des islamischen
Gottesstaates zu provozieren. Die kemalistischen Bekleidungsvorschriften und
das Verbot der arabischen Schrift im öffentlichen Leben werden angesichts
tausender arabischer und iranischer Touristen und Geschäftsbesucher nur
„noch locker gehandhabt“; ebenso sieht sich der Staat gezwungen, in
Konkurrenz zu immer einflußreicher werdenden privaten Koranschulen wieder
Religionsunterricht in den Schulen einzurichten, wenn auch, wie das
Ministerium für Nationale Erziehung betont, dieser Unterricht keinen
Bekenntnischarakter haben soll, sondern über die Religionen sachlich
orientiert. In der Praxis scheint das aber oft anders auszusehen.
Ministerpräsident Özal
personifiziert diesen Widerspruch, in den die Türkei heute geraten ist, sehr
anschaulich: seine Wirtschaftspolitik ist an amerikanischen Vorbildern
orientiert. wobei monetaristische Züge (d.h. Geldmengenpolitik statt
staatlicher Interventionen in die Wirtschaft) Parallelen auch zur
derzeitigen britischen Wirtschaftspolitik erkennen lassen: Privatisierungen,
ungestörte Konkurrenz, Außenhandelsliberalisierung, Einschränkung der
Devisenbewirtschaftung, Steuererleichterungen für Unternehmer etc. Daneben
eine restriktive Sozialpolitik und ein Rückzug des Staates aus der
ökonomischen Verantwortung; rechtspolitisch werden, und das trifft sich mit
den politischen Vorstellungen auch der Militärs, Freiheiten des
Wirtschaftslebens erkauft durch Einschränkungen in der Koalitionsfreiheit
und in der Möglichkeit gewerkschaftlicher Tätigkeit, die immer noch im
Verdacht der Staatsfeindlichkeit steht.
Optimismus und Skepsis, positive
Tendenzen und negative Situationen stehen in der Beurteilung der heutigen
Türkei oftmals krass gegeneinander. Sicherlich ist dabei nur eine zivile
Regierung, die sich auf eine möglichst breite Zustimmung in der Bevölkerung
stützen kann, in dar Lage, Krisenlösungskonzepte effektiv durchzusetzen und
machtpolitische Gegenströmungen seitens der Militärs, der traditionellen,
vor allem ländlichen Oberschichten oder auch einzelner Gruppen des
emporstrebenden neuen Bürgertums mit einiger Aussicht auf Erfolg zu
neutralisieren.
Es ist überraschend, wie oft uns in
der Türkei bedeutet wurde, daß bei diesem Prozeß der Konsolidierung und der
sozialen Weiterentwicklung die Annäherung an Europa eine Hilfe sein könnte;
weniger aus unmittelbarem ökonomischem Kalkül – ob für den „einfachen
Türken“ dabei viel abfällt, wird meist, wohl zu Recht, sehr skeptisch
beurteilt –, als wegen der Notwendigkeit für die Regierung, bestimmte
Mindeststandards an Menschenrechtsschutz und Demokratie einzuhalten, um
nicht von den Bündnispartnern isoliert zu werden. Daß dabei gerade die
Rückkehrer aus der Bundesrepublik Deutschland eine besonders positive Rolle
spiele, verwundert etwas, wenn man die negativen Erfahrungen in Deutschland
dagegen hält.
Tagebuchblatt vom
Ankara ist als Stadt nicht gerade
einladend; zu allem macht uns der Smog zu schaffen. Gewisse Unpäßlichkeiten
werden in dieser Atmosphäre leicht zu unangenehmen Krankheiten. Nicht bei
allen Programmpunkten war daher unsere Gruppe vollzählig.
Der Morgen begann mit einer kleinen
türkischen Irrfahrt. Auf unserem Programm war nach Rücksprache mit dem
türkischen Generalkonsulat in Hannover für Ankara ein Gespräch im
Erziehungsministerium vorgesehen. Eine diesbezügliche telefonische
Kontaktaufnahme am Mittwochmittag verlief enttäuschend. Von unserem
Besuchswunsch war nichts bekannt, Referenten waren nicht greifbar und
schließlich wurden wir an das Informationsbüro des Ministeriums für
Tourismus, Kultur und Sport weiter verwiesen.
Auf das Telefon wollten wir uns nun
nicht weiter verlassen (ein allgemeiner Rat für Türkeireisende!); so fuhren
wir am Donnerstagmorgen, d.h. Hans Gütte und ich, zu dem besagten
Touristenbüro. Mit Hilfe unserer Legitimation vom Generalkonsulat in
Hannover und ebenso dramatischen wie in unserem Englisch schwer
verständlichen Erläuterungen über unser Anliegen veranlaßten wir die Dame
des Büros zu langen, wortreichen Telefonaten mit dem Erziehungsministerium.
Schließlich war jemand Zuständiges
erreicht. Mit seinem Namen auf einem Zettel begaben wir uns zum nächsten
Ministerium und fragten uns dort nach Devlet bey durch. Einige Wartezeit,
dann höfliche Begrüßung und wieder Warten, bis jemand gefunden wurde, der
Deutsch sprach. In höflicher Form trug ich, mit vielen Einzelheiten, mein
Anliegen vor und schilderte bewegt unsere Irrfahrten. Unser Gesprächspartner
verließ uns noch einmal für einige Minuten und kehrte dann mit einer
Handakte zurück: und siehe da – unsere gesamte Korrespondenz mit dem
Generalkonsulat einschließlich unserer Reiseplanung war hier sorgfältig
abgeheftet. Man entschuldigte sich mit dem Hinweis, daß wohl das
Antwortschreiben aus Ankara das Generalkonsulat nicht mehr rechtzeitig hatte
erreichen können.
Von nun an ging es reibungslos.
Unser Besuch in der İstanbuler Schule war genehmigt gewesen (wir hatten ja
keine Unterlagen in der Hand gehabt). Für den nächsten Tag, dem Freitag,
wurde für 9.00 Uhr ein Gespräch im Ministerium vereinbart.
Den weiteren Tag verbrachten wir mit
einem Rundgang durch das alte Ankara, das Stadtviertel Ulus, mit der
Julianssäule, der Ausgrabungsstätte von römischen Thermen und – auf dem Weg
zur Zitadelle – dem „Augustus und Roma“‑Tempel. Dieser hat eine besondere
historische Bedeutung, da in ihm auf einer Marmortafel das einzige nahezu
vollständige Exemplar der „Taten des vergöttlichten Augustus“ gefunden
wurde, der einzigen antiken Quelle, die den biblischen Census der
Weihnachtsgeschichte bestätigt.
An die marmorne Tempelruine
angelehnt ist eine kleine Moschee mit der Türbe, dem Grabmal, des Haci
Bayram, einem islamischen Volksheiligen, der auch heute noch bei der
Bevölkerung Alt‑Ankaras große Verehrung genießt. Während unseres kurzen
Aufenthalts besuchte zunächst ein Junges Brautpaar segenheischend die Türbe;
unmittelbar danach wurde auf einem kleinen Lieferwagen ein Sarg
herangefahren; man wollte den Verstorbenen zu einem letzten Gruß zu Haci
Bayram bringen.
Der letzte Teil unseres
Rundganges führte uns auf die Burg, die heute ein dicht bewohnter Stadtteil
Ankaras geworden ist. Von den Befestigungsanlagen auf der Höhe eröffnen sich
dann erschreckende Blicke auf dm Wuchern der Stadt, auf ältere und neuere
Slumviertel, deren weitere Erstreckung sich im Dunst verliert. Ankam, die
Stadt ohne Horizont: dichte Nebel‑ und Dunstschwaden, eine geschlossene
Smogdecke zieht sich nicht nur über die Innenstadt sondern, genährt von den
tausenden und aber tausenden Öfen in den Hütten und Häusern, über die ganze
unübersehbare Siedlungsfläche. – Wenigstens konnten wir hier oben, über dem
Smog, einige Atemzüge frische Luft schnappen, ehe –unser Abstieg in den Mief
begann.
Am Abend sind dann einige aus
der Gruppe ins Opernhaus zu einer Ballettaufführung gegangen. Martin
Dempewolf schildert seine Eindrücke von dieser Aufführung:
„Am Donnerstag, dem 31.10., besuchte
ein Großteil der Schüler das Opernhaus in Ankara. Der Veranstaltungsbesuch
wurde spontan organisiert, als sich herausstellte, daß Karten leicht und
günstig zu bekommen waren. Das Opernhaus konnte nicht als ein Teil unseres
Kulturprogramms, das den Besuch von Institutionen und Gebäuden, die mit der
türkischen Geschichte verbunden waren, verstanden werden, weil es ein
importiertes Kulturgut ist. Das Gebäude ist von einem deutschen
Architekten, Paul Bonatz, entworfen; die aufgeführten Werke kommen
größtenteils aus Europa.
Als wir den Zuschauerraum betraten,
bemerkten wir nichts wesentliches, das vom gewohnten Bild abwich; das
Programm aber, es bestand aus zwei zeitgenössischen türkischen Balletten,
bewies, daß eine Übernommne Institution für die türkische Gesellschaft
relevante Aspekte behandeln kann, die so allerdings nur einem kleinen Teil
der Gesellschaft zugänglich gemacht werden können.
Im Saal begegnen uns noch abgeteilte
Logen, die aus europäischen Opernhäusern fast vollständig verschwunden
sind. Deren Preise liegen um ein Vielfaches höher als die nächstniedrigeren
Preisstufen. Die Sitzreihen haben einen so großen Abstand voneinander, daß
man, wenn auch mit einiger Mühe, die Reihen durchschreiten kann, ohne schon
Sitzende zum Aufstehen zu zwingen, nicht aber, ohne sie zu stören. Man
steht also auch nicht auf, wenn jemand auf seinen Platz möchte. Da ich einen
Seitenplatz hatte, habe ich mich sofort diesem Verhalten angeschlossen.
Der Zuschauerraum war, als das Licht
verloschen war, außergewöhnlich dunkel. Die üblichen erleuchteten
Schilder, die auf die zahlreichen Ausgänge hinweisen, fehlten. Die breiten
Ausgänge des kleinen Zuschauerraumes waren nicht mit Türen, sondern mit
dicken Vorhängen verschlossen.
Die Musik des ersten Ballettes
folgte der türkischen Volksmusik. Die Kostüme in „Yoz Döngüll sollten wohl
Trachteneindruck erwecken. Die männliche Kostümierung ist so, wie man sich
die Kleidung türkischer Nomadenvölker vorstellen könnte, zumindest mit den
Augen eines Mitteleuropäers. Auf der Bühne befanden sich eine Reihe von
Paaren und, was wohl das Wichtigste war, zwei Tänzerinnen ohne Partner.
Diese kamen während des ganzen Stückes nicht richtig zur Ruhe. Daß damit
das entwurzelte Stadtleben derer, die vom Lande gekommen sind, thematisiert
wurde, erfuhr ich erst durch einen in der Bundesrepublik lebenden Türken,
dem ich das Programmheft vorlegte. Zweifellos gibt es in der Türkei das
manifeste Problem der Landflucht. In dein Ballett wird die
Orientierungslosigkeit zweier Tänzerinnen der Idylle der Paare gegenüber
gestellt.
Dem zweiten Stück merkte man die
politische Aktualität sofort an. Es spielt nämlich in einem Bereich, der
durch einen hohen Zaun eingefaßt war. Außerdem kamen Tänzer vor, an deren
Kostümierung und Auftreten eindeutig erkannt werden konnte, daß Soldaten
dargestellt werden sollten. Die ständige Präsenz des Militärs wird auch an
anderer Stelle des Berichts erwähnt. Unter den „Zivilisten“ fiel eine
Person besonders heraus, die mit weißem Kostüm und ebensolchen Haaren einen
betont sympathischen Eindruck erwecken mußte. Weiß war die einzige Farbe,
die nur einmal vorkam. Die übrigen Figuren wirkten nur als unpersönliche
Gruppe, deren Führer jene weiße Gestalt war oder wurde. Bei dem Eingreifen
des Militärs, das eine zahlenmäßig kleinere Gruppe unter der Leitung eines
Vorgesetzten darstellte, kam es wohl zu einer Art Auseinandersetzung, die
aber friedlich endete.
Der Titel des Balletts, Insancik,
bedeutet soviel wie „Der gute Mensch“. Der gute Mensch, im Stück jene schon
beschriebene weiße Gestalt, wird, soweit ich es verstanden habe, im
Programm als eine Person beschrieben, die ihr ganzes Leben in den Dienst
der guten Sache stellt. Der Konflikt mit Militärs wird nicht erwähnt. Ich
werde mich davor hüten, mehr über den Inhalt zu spekulieren, weil die
Gefahr der Fehlinterpretation zu groß wäre.
Die Musik war tief mit der
westlichen Musikkultur verbunden; sie war eine Collage aus allen möglichen
klassischen Musikstücken von Vivaldis „Jahreszeiten“ bis zu Strawinskys „Le
sacre du printemps“, ab und zu angereichert durch Elektronik, die wohl vom
Komponisten selbst war. Sie fügte sich hauptsächlich emotional in die
Handlung ein. Die ursprüngliche Bedeutung der Musikstücke paßte nur, wenn
sie mit der darzustellenden Stimmung übereinstimmte. Es gab zwar, wie für
den Leser zu vermuten ist, den Gefangenenchor aus „Nabucco“, aber der „İnsancık“
wird ausgerechnet mit einer Arie des Don Giovanni vorgestellt, der mit
diesem nicht unbedingt zu vergleichen ist. Wenn man bemerkt, daß das
Ballett „Cinderella“ von Prokofjew das zufällig in Ankara auch auf dem
Spielplan steht, gleich zweimal zitiert wird, komm ich zu dem Ergebnis, daß
diese Collage nicht die beste musikalische Lösung für dieses Ballett Ist.
Der Abend hat sich natürlich trotzdem gelohnt.“
Tagebuchblatt vom
Am Vormittag fand der vereinbarte
Besuch im Ministerium für Nationale Erziehung statt. Bei einem
ausführlichen und erstaunlich offenen Gespräch, bei dem man sichtlich
bemüht war, unsere Informationswünsche umfassend zu berücksichtigen, wurden
uns einige Grundzüge der derzeitigen türkischen Bildungspolitik dargelegt,
von der Einrichtung der „Anatolischen Oberschulen“, die Lehrerausbildung
und –besoldung bis zu Besonderheiten des Lehrplanes und der
Leistungsauslese. Einige der Gesprächsergebnisse wurden schon weiter vorne
in der zusammenfassenden Darstellung der türkischen Schulsituation im
Zusammenhang mit unserem besuch im İstanbul Lisesi dargeboten. Die Form des
Gesprächs war etwas mühsam, da die Sprachkenntnisse nicht ausreichten,
einen spontanen Dialog durchzuführen. So versuchte ich, unsere Fragen
einschließlich der Zusatzfragen von Seiten der Schüler in eine klare und
einfache sprachliche Form zu „übersetzen“, auf die unsere Gesprächspartner
dann ausführlich und bereitwillig antworteten. Das lange Gespräch endete
mit dem Angebot jeglicher Hilfe für unsere weiteren Erkundungen Im Lande.
Nachmittags besichtigten wir dann
das weltberühmte archäologische Museum für anatolische Kulturen, auch
Hethiter‑Museum genannt. Stimmungsvoll ist die Unterbringung in einem
sorgfältig restaurierten alten gedeckten Basar, dem Bedesten, unter dessen
zentralem Kuppeldach ebenso wie unter den seitlichen Laubengängen, in denen
sich ehedem die Verkaufsstände befanden, sich heute in chronologischer und
sachlicher Gruppierung die wertvollen Ausgrabungsstücke befinden. Vor allem
die jüngeren Ausgrabungen in Kültepe oder Çatal Hüyük haben unser Bild der
hethitischen Kultur und der Einflüsse der Assyrer oder Urartäer wesentlich
verändert und verfeinert, so daß Anatolien heute als altes Hochkulturgebiet
neben das Zweistromland und Syrien tritt.
Daß die jüngere archäologische
Periode der antiken Kulturen kam noch in türkischen Museen vertreten ist,
liegt an der Phase der europäischen Ausgräber im letzten Jahrhundert, die in
Ihrer Fixierung auf die klassische Antike die ersten großen
Grabungsexpeditionen nach Westanatolien unternahmen und – mit oder ohne
Genehmigung des Sultans – die wichtigsten Ausgrabungsfunde nach Europa
brachten, wie Schliemanns Trojafunde oder der Pergamonaltar, die nach Berlin
gebracht wurden. Der Verlust an eigener Geschichte ist für ein Land wie die
Türkei schmerzlieb; es war das Schicksal vieler Länder der heutigen
„Dritten Welt“, denen in kolonialistischer Anmaßung die eigene Kultur
entfremdet wurde. Der Hinweis darauf, daß es sich um Kulturgüter „der
Menschheit“ handele, greift zu kurz, denn dann wäre es ja erst recht
unsinnig, diese Gegenstände aus ihrer eigenen Umgebung zu entfernen und
damit zum handelbaren Museumsobjekt zu degradieren. Für die vielen
Museumsgegenstände der westlichen Metropolen muß sicher in Zukunft eine
einvernehmliche Lösung gefunden werden, die den Ländern des Ursprungs der
Exponate ihre moralischen Eigentumsansprüche zubilligt und dennoch dem
internationalen Anspruch auf kulturellen Kontakt, historische Information
und wissenschaftliche Präsenz und Erhaltung gerecht wird. Daß auch die
Türkei den werbenden Charakter der Ausstellung historischer Exponate erkannt
hat, zeigt die erste Ausstellung von ausgewählten Gegenständen aus den
Schatzkammer des Topkapi Saray in diesem Herbst in der Villa Hügel in Essen.
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