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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 6

Konya

Unser Besuch in der südanatolischen Stadt Konya war sicherlich ein Höhepunkt unserer ganzen Reise; nachdem wir unser „Pflichtprogramm“, dem Schulbesuch und dem Informationsgespräch im Ministerium in Ankara, die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet hatten, konnten wir nun in Konya, der alten Kulturstadt Iconium und geis­tigem Zentrum des frühen Islam in Anatolien tiefer in unsere persönlichen Erfahrungen mit der Türkei, mit der türkischen Kultur eindringen; dazu half

uns nicht nur das reiche Besichtigungsprogramm sondern vor allem auch das persönliche Ge­spräch, zu dem wir hier mehr Gelegen­heit als anderswo erhalten haben.

Die Hinfahrt am Samstag, 2.11., und Unter­bringung im Otel „Tur“ waren problemlos; das neue und saubere Hotel mit einer überaus hilfsbe­reiten und freund­lichen Führung, bei der menschliche Teilnahme noch nicht zu Servilität ver­kommen war, ist trotz des minimalen Preises das erfreu­lichste Quartier in der Türkei gewesen.

Über Konya selbst wird in den folgen­den Texten einiges berichtet werden. Er­wähnt sein in Stich­worten unser weiteres Programm: Am Sonntag Besuch in der alten Karwanseray „Sultanhanı“ bei Aksaray, einem Ort, dem ich schon ein Jahrzehnt zu­vor Zuneigung entgegenge­bracht hatte, und Weiterfahrt zu den Tuffsteinlandschaften und Höhlenkirchen von Kappa­dokien in Göreme und Urgüp.

Der Montag war dann ganz den persönlichen Kontakten und Gesprächen, dem Besuch im Hamam und dem Einkaufsbummel in den traditionellen Basarvierteln gewidmet. Der Be­such in Konya regte auch andere Teilnehmer der Fahrt zu eigenen Erlebnisberichten an.

Nachfolgend sollen zunächst die Eindrücke von Magnus Betting mitgeteilt werden; anschließend berichten Marion Strzoda und Jens Reckelkamm von ihren Erlebnissen im Badehaus.

Die Begegnung mit Bedii

„Eine besonders interessante und wichtige Bekanntschaft machten wir in Konya, und zwar in Person des Schülers und Teppichhändlers Mevlüt Bedii (sein Nachname ist mir unbekannt geblieben), der sich uns als Fremdenführer und Dolmetscher – er sprach akzentfrei schwäbisch – zur Verfügung stellte. Von ihm erfuhren wir z. B. einiges über die Strukturen innerhalb einer türkischen Familie. Eine solche ist normalerweise streng patriarchalisch aufgebaut, die größte Autorität liegt beim familienältesten Mann. Ein Beispiel ist Bedii selbst, der, wie er uns sagte, beim Eintreten seines Vaters aufsteht und ihm seinen Platz anbietet, um so seine Ehrerbietung zu zeigen.

Während des Konya‑Aufenthaltes war unser Besuch des Maulawi (sprich: Mewlana-)­Museums für mich einer der Höhepunkte. Dieses Museum ist ein ehemaliges Kloster des „Ordens der tanzenden Derwische“, dessen religiöse Bedeutung bis heute erhalten blieb, weil es die Gräber wichtiger Würdenträger dieses Ordens birgt. Außerdem sind dort von Derwischen kunstvoll gearbeitete Koranhahnschriften, Gemälde und Instrumente der Derwisch‑Musik ausgestellt, so eine eindrucksvolle Sammlung von Ney-Flöten (vgl. dazu den Bericht von Hans Gütte über die türkische Musik). Der Maulawi‑Orden wurde, wie Bedii uns erklärte, gegründet von Anhängern des Dichters, Mystikers und Denkers Maulawi Celaluddin Rûmi (1207‑1273 n. Chr.), der lange Zeit in Konya lebte und lehrte. Die Mit­glieder des Ordens bemühten sich, in Gebet, Tanz und Meditation Allah näher zu kommen, für dessen Anwesenheit und Wirken sie in allen Dingen und Geschehnissen ein Zeichen sahen. Ihre Tänze, die zum großen Teil aus langsamen, würdevollen Drehbewegungen bestanden, begleiteten sie auf ihren typischen Instrumenten wie Ney (Schilfrohrflöte), Ud (Laute) und Tef (Tambourin).

Die Herkunft der Ney er­klärt folgende Sage: Ein Schüler Maulawis bat diesen einmal, ihm ein Geheim­nis anzuvertrauen. Maulawi war dazu zunächst nicht bereit, denn er meinte, das Geheimnis sei zu groß für den Schüler. Schließlich erfüllte er die Bitte aber doch – unter der Bedingung strengster Verschwiegenheit. Der Schüler war von der Schönheit und Erhabenheit der Worte Maulawis so entzückt, daß er, um sein Ver­sprechen nicht brechen zu müssen, ein Loch in den Boden grub und da das Geheim­nis hineinrief. An dieser Stelle wuchs später das besondere Schilf, welches man zur Herstellung einer Ney verwendet. Der traurige Klang dieses Instrumentes rührt daher, daß es sich immer nach der Pflanze zurücksehnt, aus der es gemacht ist. Das Wort Ney ist in Analogie zu dieser Sage die Bezeichnung für einen Men­schen, der über die Trennung von Allah, die das Erdenleben mit sich bringt, be­trübt ist, und sich zu seinem Schöpfer zurücksehnt.

Die Musik der Ney lernten wir später kennen, als Bedii einen Teil unserer Gruppe in ein Hamam (Badehaus) führte, wo er uns nach dem eigentlichen Baden auf seinem Instrument vorspielte. Dieser Hamam‑Besuch war auch ansonsten etwas Besonderes, zum einen, weil das Bade­haus schon etwa 500 Jahre alt war, zum anderen, weil wir die Genüsse und Qualen einer vollständigen Badeprozedur über uns ergehen ließen. Eine solche besteht aus Schwitzen, Waschen – beides sehr angenehm – und einer Massage, die nur etwas für Leute mit starken Nerven ist, weil der Massierte immer das Gefühl hat, der Masseur wolle ihm die Gliedmaßen verknoten.

Eindrucksvoll war auch die Exkursion nach Göreme und Ürgüp, vor allem der ein­zigartigen Landschaft wegen, die geprägt ist von hohen, durch jahrtausendelange Erosion entstandene „Kegel“ aus weichem Tuffgestein. Schon früh suchten Men­schen, darunter auch christliche Mönche, in dieser abgeschiedenen Gegend Schutz vor Verfolgung. Diese Menschen begannen, Höhlen in den Fels zu hauen, so daß gan­ze Klöster, ausgestattet mit aufwendigen Malereien, entstanden. In den Tälern dieser sehr zerklüfteten Landschaft und in der sie umgebenden Ebene werden Wein, Obst und Getreide angebaut, die Dörfer sind klein und wirken sehr pittoresk.

Insgesamt kann man sagen, daß der Konya‑Aufenthalt samt der Exkursion einer der schönsten Abschnitte unserer Reise war, was nicht zuletzt an der Hilfe von Bedii lag, dem ich hiermit, auch im Namen der Gruppe, herzlich danken möchte.“ (m-b)

Anmerkung: Die unterschiedliche Schreibweise vieler alter Eigennamen liegt daran, daß sie in arabischer Schrift (z.T. unvokalisiert) überliefert wurden und dann zudem noch oft, wie bei Rûmi, in persischer, arabischer und türkischer Anlautung transskribiert wurden. Es gibt zudem kein einheitliches deutsches Transskriptions­system für das Arabische! Der Laut „Dsch“ (weich gesprochen) wird z.B. folgendermaßen umschrieben: Ģ oder ĝ (wissensch. Transkription), C (heutiges Türkisch), Dj (pers.‑deutsch/englisch), J (engl./franz.), dz (internationale Lautschrift API hier nicht korrekt darstellbar).

Sitten und Gebräuche im Badehaus

„Der Besuch der im Lande weit verbreiteten türkischen Badehäuser, in der Landessprache „hamam“ genannt, ist durch den günstigen Preis (umgerechnet zwischen 3.‑ und 6.‑ DM) für jedermann möglich.

Diese Hamams sind nach Geschlechtern getrennt. Im Großen und Ganzen ist die Behand­lung jedoch für Frauen und Männer gleich.

Am Eingang wird man von einem Angestellten (einer Angestellten) erwartet und in die Umkleidekabinen geführt, wo er (sie) beim Auskleiden behilflich ist. Den Männern wird ein Handtuch als Lendenschurz angelegt, während die Frauen unbekleidet bleiben und so in den Hauptraum geführt werden. In der Mitte direkt unter einer Kuppel, durch die Licht einfällt, befindet sich ein etwa drei mal drei Meter großer, knie­hoher Marmortisch. Dort sitzt man zunächst entspannt und fängt durch die hohe Temperatur bei hoher Luftfeuchtigkeit an zu schwitzen. Der Fußboden sowie der Marmortisch sind durch ein heizungsähnliches Wasserrohrsystem so angenehm erwärmt.

Nach einiger Zeit kommt im Männerteil der Masseur, im Frauenteil die Masseuse und schüttet Schalen Wasser über den Körper. Anschließend legt man sich auf den Marmor­tisch, wo mit einem „Ribbelhandschuh“ die alte Haut entfernt wird, was zusätzlich die Blutzirkulation anregt.

Die Hautreste werden abgespült, man wird eingeseift und die erholsame Massage kann beginnen. Auf die Massage folgt das Waschen der Haare und das Abtrocknen mit schon vorhandenen Handtüchern. Eingehüllt in warme Handtücher wird im kühlen Ruheraum zum Abschluß Tee gereicht.

Der Besuch eines „hamam“ ist zwar für den Europäer etwas ungewöhnlich, aber ein durchaus positives Erlebnis.“ (st/re)

Im Zentrum der Türkei: Kappadokien

„Der Sonntag brachte uns eine ungewöhnlich lange Fahrtstrecke mit zwei günstig ge­mieteten Minibussen, wollten wir doch von Konya aus eine Fahrt in die Vergangenheit unternehmen. Das „Sultanhani“ vor Aksaray ist das am besten erhaltene und restau­rierte Karwanserei eines ehedem dichten Netzes von Übernachtungsstätten für Reisende, Karawanen und Militärreiter, das unter der Herrschaft der Seldschukensultane von Konya im 12.‑13. Jh. gebaut, Anatolien im Tagesmarschabstand von etwa 35 km überspannt hat. Der imposante Bau mit Vorhof, Lager‑ und Übernachtungsräumen und einem großen mit Kuppel‑ und Kreuzgewölbe überdachtem Winterlager für die Tiere ist ein ein­drucksvolles Beispiel seldschukischer Großarchitektur.

Über die Höhlenkirchen von Göreme, von byzantinischen Mönchen vom 7. bis 10. Jh. in den Tuff gegraben, ist so viel kompetentes geschrieben worden, daß unsere kurzen Ein­drücke am Sonntag nachmittag dem kaum etwas mitteilenswertes hinzufügen könnte. Es bleibt nur der Ausdruck von Verwunderung, Erstaunen und Ehrfurcht über die Kultur­leistung dieser glaubensstrengen Mönche und Nonnen, die sich von der Welt in die Einsamkeit dieser „Mondlandschaft“ der hunderttausend Tuffkegel, schon die ein ein­maliges Naturdenkmal, zurückzogen um ihrem Glauben zu leben.

Die Arabeske

Ein Stilelement in der islamischen Kunst, das uns immer wieder besonders auffällt, ist die Arabeske, die ihren Namen bei uns schon durch die Region Ihrer Herkunft erhält. Unendliche Wucherungen, verzwickte Liniengeflechte und eher oberflächliche Dekoration vor allem von Bauwerken – das sind die spontanen Eindrücke, die die Arabeske dem europäischen Betrachter vermittelt. Bedeutungsloses Beiwerk – das ist dann auch im übertragenen Sinne der Wortgebrauch des Begriffs Arabeske. Wie wenig trifft all dies aber den tatsächlichen Gehalt!

Wo treffen wir auf Arabesken? Arabesken, eher geometrische Lineaturen, und Floresken, dem pflanzlichen Wachstum ornamenthaft folgende Muster, wollen wir dabei zunächst noch nicht trennen, ehe wir sie auch in ihrer inhaltlichen Bedeutung unterscheiden können. Auffällig ist die Konzentration der Arabeske auf den Bereich der Moschee, was mit dem Wunsch, einen „sakralen“ Raum (ein Begriff, der dem Islam ohnehin fremd ist) zu schmücken und prunkvoll auszugestalten, nicht hinreichend zu erklären ist, wenn auch in der späteren osmanischen Zeit die Floreske manchmal nur noch diese Funktion hat. Die frühen Moscheen der Araber waren einfache, schmucklose, flache Hallen, die nach dem Muster des ersten Versammlungs‑ und Gebetsraumes, dem Haus Muhammads in Medina, gebaut worden waren. Die ersten „schmückenden“ Elemente waren dann auch Schriftzüge, die die wichtigsten Gebete, die Anrufungen Gottes und Segenswünsche aus dem Qorân festhielten und den Gläubigen immer wieder in Erinnerung brachten. Der Islam als bewußte Schriftreligion (Qorân – „das aus der Schrift zu rezitierende“) drückt seinen Charakter darin ganz deutlich aus. Auch die ersten Arabesken in der Omayyadenzeit von Damaskus ordnen sich den Schriftzügen unter, dienen ihnen, sind eher schmucklose Unterstützung der einfachen, ordnenden Funktion der Schrift. Stilistisch ist die Arabeske sicher parallel zur Kalligraphie der dazu besonders geeigneten arabischen Schrift entwickelt worden; gerade bei der abstrakt wirkenden kufischen Schriftvariante ist der Übergang zur freien Arabeske oft kaum zu erkennen; auch heutige Araber können kufischen Moscheeschmuck nicht immer als Schrift realisieren. Dennoch ist die Arabeske keine Imitation und Fortführung der Schrift, sondern sie gewinnt einen ganz eigenständigen Charakter und eine eigene Funktion in der Bauornamentik. Ist es das islamische Bilderverbot, d.h. eigentlich das Götzenverbot, das im Zusammenhang mit der Säuberung der Kaaba vom Götzendienst erlassen wurde? Auch dies trifft nicht den Kern der Verbreitung der Arabeske. Bildverbot heißt nicht Bedeutungs­verbot. Da der Islam gerade dem Alltag, der alltäglichen Form immer aufs neue religi­öse Bedeutung und religiösen Gehalt zumißt, liegt es nahe, auch, gerade im Bereich der Moschee, bei scheinbar funktionslosem „Beiwerk“, das mit solcher Konsequenz und Intensität eingesetzt wird, nach einer tiefer liegenden Bedeutung zu fragen.

Doch zunächst sei noch auf die Beobachtung hingewiesen, daß die Blüte der Arabesken­kunst erst relativ spät auftritt, als der Islam schon tiefgreifende theologische Wandlungen durchgemacht hatte, und dann noch nicht einmal mit ihrem Zentrum in den eigentlichen arabischen Ländern, sondern in der Türkei der Seldschukenzeit (10.‑13. Jh. n. Chr.) und im Iran der Safawiden von Esfahan (17. Jh.), die in einer ungebrochenen stilistischen Tradition seit der Seldschukenzeit standen. Es sind also „mawali“, bekehrte Nichtaraber, die die Arabeske zum dominanten Element ihrer Moscheearchitektur gemacht haben. Es wird zu fragen sein, ob hier auch die islamische Glaubenslehre fortentwickelt worden ist gegenüber ihren arabischen Quellen.

Die seldschukische Baukunst erlebte ihre Blüte in Konya in der zentralen Türkei, wo sich der erste türkische Staat auf ehemals byzantinischem Boden, auf dem Gebiet Ost­roms also, ausbreiten konnte. Dieser Zweig der Seldschukendynastie nannte sich daher auch, erst in den Jahrhunderten zuvor aus Zentralasien eingewandert, die „Seldschuken von Rûm“ (= „Rom“). In kürzester Zeit entwickelte sich hier eine Baukunst, die Archi­tekturhistoriker in Bezug auf ihre Raumorganisation, ihre reichhaltige Bauornamentik und den einheitlichen stilistischen Willen mit den Höhepunkten abendländischer Bau­kunst, etwa der französischen Gotik, vergleichen. Um den besonderen Charakter der hier in den Vordergrund tretenden Arabeske zu verstehen, muß noch darauf hingewiesen werden, daß, nach Stierlin, vor allem armenische und nordsyrische Handwerkskunst und Stilistik in die seldschukische Bauweise aufgingen, durch Handwerker aus diesen Regio­nen nach Zentralanatolien getragen, da die türkischen Einwanderer selbst zwar einen unbezähmbaren Bauwillen, sicher aber nicht die technischen Fertigkeiten zum Bau dieser großartigen Moscheen aus Asien mitbrachten.

Doch die Dominanz der Arabeske erscheint erst in der seldschukischen Synthese und ist daher für eine Interpretation bedeutungsvoll. Schon die übergroßen Portalanlagen, deren besonderer Charakter für das Gesamtgebäude in Hinblick auf den Eintretenden jedem offensichtlich sein könnte, nehmen zwar das iranische Motiv des Liwan, des bogenförmigen, in das Bauwerk hineinziehenden Scheinportals, in dem die eigentliche Tür optisch kaum noch eine Rolle spielt, als Großform auf, gestalten es aber um durch ein Geflecht geometrischer Arabesken, die zuletzt, in der Ince Menare Camii in Konya oder den Seldschukenmoscheen in Kayseri und Sivas zu verknoteten Flechtbändern werden die selbst wieder, in mehrstufiger Verschachtelung, von verflochtenen Lineaturen bedeckt sind. Diese Ornamentik wird scharf begrenzt und geformt, oder überhaupt in eine gestalterische Ordnung gebracht durch die kalligraphierten Schriftbänder, d.h. durch das Bild des Wortes. Besonders beeindruckend beim Portal der Ince Menare Camii ist, daß sich die Bänder an zentraler Stelle zu unentwirrbaren Knoten verflechten, ohne daß in der Gesamtkomposition die geometrische Ordnung dabei verloren geht (vgl. Abb.). Im Innern des Bauwerks wird das Arabeskenmotiv aufgegriffen, verliert aber seine raumfüllende Bedeutung und konzentriert sich auf die Schnitzereien von Holz­säulen oder auf die architektonischen Hauptlinien nachzeichnende Lineaturen, die Kuppelsegmente und Zwickel formal transzendieren und letztlich das materiell‑statische Konstrukt verhüllen.

Aber die „Dynamik“ ist nur eine Scheindynamik, die sich in die große Ruhe der ewigen Wiederkehr des Einzelelements aufhebt. Ein Eindruck, den übrigens auch die traditio­nelle islamische Stadt vermittelt: Ohne eigentliche Stadtplanung, ja ohne echte Stadtverwaltung und Zentralautorität, in ihrer undurchschaubaren Vielfalt im Einzelne ohne symmetrische Elemente, jedoch als Ganzes eine organisch gewachsene Einheit mit Charakter und Identifikationspotential (man denke an Fez in Marokko oder Shiraz in Persien), wird sie strukturiert durch die strengen Gesetze des Zusammenlebens, der Respektierung öffentlicher Räume und Funktionen und des Schutzes häuslicher Intimität die es z.B. verhindert, Bauten in Höhe oder Lage so zu bauen, daß sie Einblicke in das häusliche Leben des Nachbarn ermöglichen. Daneben wirken dann die überlieferten und bewährten Regeln des Handwerks, die den Umgang mit dem Material ermöglichen.

Dieses Lebensgefühl, das sich auch in der Arabeske ausdrückt, ist theologisch zu be­gründen: Das Arabeskenwerk ist Symbol und Ausdruck für die Vielfalt der Welt, ihrer Bewegungen und Entwicklungen, die sich aufheben in der zeitlosen Einheit ihres Schöpfers. Die Spannungen, die sich aus Gesetzmäßigkeit, Wachstum und organischer Variation ergeben, stecken den Rahmen des menschlichen Erfahrungsbereiches in dieser Welt ab; Sinn und Wesensgehalt gewinnt dieses scheinbare Chaos aber erst durch die Gesamtheit, die alles zusammenfügt. Die Arabeske ist damit symbolische Welt‑ und Gottesdarstellung. Die Assymetrie hat damit durchaus Bezug zur Welterfahrung des Menschen; sie ist aber gleichermaßen, wie uns alte Überlieferungen bestätigen, Aus­druck bewußter Bescheidenheit des Künstlers, der es sich nicht anmaßen darf, durch die Bemühung um absolute Vollkommenheit in Konkurrenz zur Schöpfung Gottes zu treten; scheinbar perfekte Symmetrien, vollkommene Ausgewogenheit der Gesamtkomposition ohne die Spannungen und Verschiebungen organischer Disharmonien wären als Anmaßung und Hochmut verstanden worden; daß sie überdies in klassischer Kälte weniger ästhetische Emotion und Anrührung bewirken würden, ist die andere, rationalistischere Deutung dieser Phänomene. Das Prinzip von Variation und Regelmäßigkeit soll an einer kleinen Skizze, die von einem größeren Arabeskenmuster abstrahiert und vereinfacht worden ist, verdeutlicht werden: Ein verschränktes Muster von Sechssternen und Sechsecken, die nur scheinbar gleichartig sind; das gesamte Muster ist aus einem einzigen umlaufenden Band gebildet, das mehrfach, durch scharfe Wendungen von der regelmäßigen Bahn scheinbar abgelenkt, das Gesamtmuster durcheilt, um am Ende fest­zustellen, daß alle Ablenkung scheinbar war und im übergeordneten Muster seine Funktion hatte. Gegenüber der geometrischen Ideallinie verläuft das Band assymetrisch auf der einen Seite; dadurch wechselt es bei den Sternen von Außen nach Innen und umgekehrt; dadurch ergeben sich kleinere, große und leicht assymetrische Sterne. Im Sinne des Geflechts entsteht jeweils aufeinander folgend eine Über‑ und eine Unterführung. In der Mitte entsteht (mindestens) ein Knoten; seine geometrische und theologische Interpretation soll dem Leser überlassen bleiben...

Für das Bauwerk übernimmt die Arabeske noch eine andere Aufgabe: sie disfunktionali­siert die Konstruktion (ein absolutes Gegenbild zum Bauideal des modernen Funktiona­lismus, der die Statik des Gebäudes offen legen will!). Der Baugesinnung des Islam entspricht es, die Moschee als abstrakten, sozialen Ort anzusehen. Jeder Platz, an dem Muslime zum Gebet zusammen finden, kann Moschee sein; eine besondere Heiligung oder Weihe ist dazu nicht notwendig. Daher darf aber die Moschee, wird dies ernst genommen, nicht als Bauwerk in das Bewußtsein vordringen; materialistische Bauele­mente sollen den Beter nicht berühren, sie müssen zurücktreten vor der abstrakten Raumidee „Moschee“. Alles was zur Ruhe, Besinnung und Konzentration beitragen kann, ist für den Moscheebau wichtig. Wurde dies anfangs durch äußerste Schlichtheit, durch die einfache, niedrige Holzsäulenhalle, auf der arabischen Halbinsel anfangs oft noch ohne feste Seitenwände, erzielt, wurden mit der theologischen Verfestigung des Glaubens auch die Bauwerke fester, vielfältiger und im gewissen Sinne auch aufwendi­ger, repräsentativer. Die Baukunst begab sich auf einen Balanceakt, die theologische Abstraktheitsforderung zu erfüllen und gleichzeitig dem Überschwang architektonischer Meisterschaft keine Begrenzungen aufzuerlegen. Abstraktheit und Schlichtheit wurden schließlich selbst als visuelle Botschaft ausgeführt und umgesetzt: als Baudekor und Arabeske, die das aussagt, was sie bei strenger theologischer Betrachtung materiell verneint.

Dieser Widerspruch ist nicht zufällig und läßt sich bis auf Entwicklungen in der Theologie zurück verfolgen. War der dienende Charakter von Schriftband und Arabeske im klassischen arabischen Bereich noch offensichtlich – auch heute sind Moscheen z.B. im Maghreb schlicht und durch ihre einfache, harmonische und dem Gebetszweck ent­sprechende Anlage beeindruckend –, so wird die als Detailelement schon entwickelte Inkrustation der Gebäude mit Bauornamentik und Arabesken wie eingangs schon er­wähnt in der Türkei und in Iran beherrschend. Nicht durch Zufall ergibt sich dabei die Parallele zur Ausbreitung eines mystischeren Glaubensverständnisses, das die arabische Klarheit und Abstraktion des klassischen arabischen Dogmas kritisiert und durch eine stärkere Betonung der unmittelbaren Glaubenserfahrung durch Gefühl. Sinn­lichkeit und Symbolik ersetzen und erweitern will. Die Synthese, die die Arabeske für Abstraktheit, Symbolik und sinnliche, ästhetische Erfahrungen anbietet, kommt dieser Tendenz entgegen. Konya ist zur Zeit der Seldschuken Zentrum des Sufismus; der Mystiker und Dichter Celâleddin Rûmî gründet hier im 13. Jahrhundert den „Orden der tanzenden Derwische“. Hier finden wir, in Stein geschnitten oder – in einer aus im iranischen Teil der Seldschukendynastie übernommen Ornamentform – in farbigen Ziegeln ausgeführt, die strenge, geometrisch betonte Arabeske. Wenn wir bei der Betrachtung des Portals der Ince Menare Medrese feststellten, daß das Schriftband die Arabeske in die wohlgestaltete Form bringt, ist dies für uns jetzt auch theologisch verständlich; Dringt doch das Wort Gottes für den Menschen die Ordnung der Schöpfung zum Vorschein.

Die Arabeske entwickelt sich weiter; stärker organisch‑vegetative Formen treten in den folgenden Jahrhunderten in den Vordergrund. Auch in der Kalligraphie werden ver­schnörkelte, geschwungene Schriftformen vorherrschend; die abstrahierend‑geometrische kufische Schrift verfällt nahezu ganz dem Vergessen. In der Türkei des osmanischen Reiches, das die Ornamentik durchaus noch pflegt, tritt der dominante Charakter der Arabeske zurück, wie gleichzeitig der Glaube sich wieder einer strengeren Orthodoxie zuwendet. Das Bauwerk selbst, der an byzantinischen Vorgängern ebenso geschulte wie an arabisch‑syrischen Bauvolumina, hinter denen oft das Bild der Kaaba in Mekka steht, angelehnte osmanische Kuppelbau, auf quadratischer, besser kubischer Raumgrundlage aufbauend, findet dann im siebzehnten Jahrhundert mit Sinan seinen Höhepunkt und gleichzeitig formale Übereinstimmungen mit europäisch‑christlichen Sakralbauten (z.B. Kuppelbauten der Renaissance und des Barock). Dagegen entfernt sich der Iran von dieser Entwicklung und baut das seldschukische Erbe weiter aus, in ganz eigener, dem Europäer viel fremderer Baugesinnung. Die Abspaltung des Iran von der islamischen Orthodoxie, seine Sonderentwicklung zur Šîâ als Staatsreligion, deutet sich hier an. Vollzogen wurde diese Entwicklung endgültig im 16. Jahrhundert mit der Dynastie der Safawiden‑Schahs von Esfahan. Die Familie führt sich zurück auf einen mittel­alterlichen Prediger und Schriftgelehrten in Ardebil im Nordosten des Iran, Šeikh Šafi, der der mystisch‑sufischen Richtung des Islam zuzuordnen ist und einen Orden gründete, der schließlich Träger der konsequenten „Zwölfer‑ Šîâ“ wurde.

Durchdrungen von symbolischem Ausdruck bis hin zur Kleidung und Haartracht (die Herrscher trugen zwölf Zöpfe zum Gedenken an die zwölf Imame), wurde auch die Bau­gesinnung von symbolischen Ansprüchen durchzogen. Vor allem die Hauptstadt Esfahan selbst sollte zu einem symbolischen Ort transzendiert werden, an dem himmlische Herrschaft und weltliche Autorität zusammengeführt werden. Das geht deutlich über den Anspruch der Seldschuken in Konya hinaus und hat damit auch Auswirkungen auf die Baukunst. Henri Stierlin führt aus, wie die mystisch‑theologische Idee von der transzendierenden Bedeutung des Spiegels zum Schlüssel zum Verständnis der wichtigsten Bauwerke der Safawiden, so der Schah‑Moschee von Esfahan wird. Das Bauwerk selbst, eine von vier Liwanen umgrenzte Hofmoschee mit einer glatten Wasserfläche in der Mitte ist, hervorgehoben durch eine vollständige blaue und türkisfarbige Kachelin­krustation aller zum Hof gewendeten Bauteile völlig zum abstrakten Ort geworden: das Blau der Liwane trägt die blaue Kuppel des Himmels über dem Hof, im zentralen Wasserspiegel ergänzt sich diese Welt durch die gespiegelte transzendente Weit, die erst die richtigen Bauproportionen herstellt. Die Arabeske wird hier zum Bedeutungsträger und zum Himmelsträger, der die architektonische Funktion ganz beiseite drängt.

Diese über den Bau hinausweisende Arabeske ist noch stärker Natur, als die seldschukische Arabeske; deshalb vollzieht sich hier auch der konsequente Übergang zur Floreske. Damit wird auch die Schilderung des Paradieses im Qorân symbolisiert, so daß ein mehrstufiges Symbolwerk den Betenden von der irdischen Realität in die Transzendenz leiten will. Die Moschee als Symbol der Welt und die Floreske als ihr symbolisches Ausdrucksmittel. „Esfahan, die halbe Welt“, dieser alte Ausspruch ist nicht das Zeichen städtischer Überheblichkeit, sondern Ausdruck der symbolischen Konzeption des safawidischen Esfahan, dem die andere Hälfte der Welt, das transzendente Esfahan im Spiegel entgegengesetzt ist...

Die theologische Perspektive zeigt uns ganz deutlich, daß Konya wie Esfahan Repräsentanten einer mystischen Konzeption des islamischen Glaubens sind. Der Sufismus als Gegenbewegung gegen arabische Nüchternheit und Dogmatik drückt auch die sozialen Spannungen und Erlösungshoffnungen der „mawali“, der bekehrten Nichtaraber aus, die sich von der Orthodoxie immer zurückgesetzt fühlten. Dem entspricht auch der starke soziale, ja sozialrevolutionäre Impuls, der gerade in der Šîâ lebendig ist und bis heute Unruheherd in der islamischen Welt ist. Mit der Entwicklung zur Großmacht in der osmanischen Zeit, die das Erbe des arabischen Reiches antritt, wird auch dieser unorthodoxe Impuls zu Gunsten einer Verankerung in der strengen Sunna zurückgedrängt. Wenn er auch im Volk nie vergessen wird, wie das Weiterleben der Derwischorden in ­der Türkei deutlich zeigt. Die Architektur der Seldschukenzeit und des Osmanischen Reiches zeigen uns, unabhängig von den Personen der jeweiligen Herrscher, zwei unterschiedliche Ausprägungen des Türkentums zwischen revolutionärer Energie, verankert in emotional begründetem mystischen Glauben, und rechtgläubiger Tradition und staat­licher Repräsentanz. Ob dieser historische Gegensatz auch noch in der heutigen, säkularisierten Türkei wirksam ist?

Verwendete Literatur:

Stefano Bianca: Architektur und Lebensform im islamischen Stadtwesen. Zürich 1975 (Verlag für Architektur Artemis, Studiopaperback)

Ernst Egli: Sinan. Der Baumeister osmanischer Glanzzeit. Zürich 1976 (Eugen Rentsch Verlag)

Henri Stierlin: Architektur des Islam vom Atlantik zum Ganges. Zürich 1979 (Atlantis Verlag)

Henri Stierlin: Isfahan. Spiegel des Paradieses. Zürich 1976 (Atlantis Verlag)

Ulya Vogt‑Göknil: Die Moschee. Grundformen sakraler Baukunst. Zürich 1978 (Verlag für Architektur Artemis, Studiopaperback)

Hoffnung auf den Glauben?

Über das Wiedererstarken des Islam in der Türkei: Enttäuschung über den Westen

Der alte Mann, in ländlicher Kleidung eher eingehüllt als bekleidet, entfernt sich langsam rückwärts von dem Sarkophag des Heiligen, den Kopf gesenkt; seine Lippen murmeln Gebete. Einen Schritt zurück in gleicher Versenkung eine alte Frau und ein junges Mädchen, tief verschleiert, unnahbar. Der verehrte heilige, Mêvlâna, lebte vor siebenhundert Jahren hier in Konya, damals noch Hauptstadt des Seldschuken­reiches, und gründete hier, wo er heute begraben liegt, den mystischen Sufi‑Orden der „tanzenden Derwische“. Sein Grab, die „Tekke“ im Kloster des Derwisch‑Ordens ist Wallfahrtsort der vielen frommen Anhänger des Mystikers und Dichters Dschellal ud‑Din Rûmis, unter welchem Namen er in die Weltliteratur eingegangen ist. 1227 holte der Seldschukenfürst Ali ud‑Din Kaikobad seinen Vater als Lehrer und Wissen­schaftler nach Konya. Sein Sohn zog mit und kommt dadurch in Kontakt mit der from­men Lehre der Sufi, denen er sich anschließt und deren wichtigster Lehrer er dann selbst wird, bis er 1273 in Konya stirbt.

Doch das Gebet am Grabe des verehrten Mevlana ist ein Gebet in einem öffentlichen staatlichen Museum: Seit Atatürk, der Gründer der modernen türkischen Republik, in den zwanziger Jahren den Orden, von dem er Gefahren für seine weltliche, modernis­tische Staatskonzeption ausgehen sah, kurzerhand verbot, steht am Eingang des alten Klosters die Museumskasse. Doch eine respektvolle Haltung, das Ausziehen der Straßenschuhe wie beim Besuch einer Moschee, die selbstverständlich erwartete „züchtige Kopfbedeckung“ der Frauen sind eine Selbstverständlichkeit nicht nur für denjenigen, der zum – immer weniger heimlichen – Gebet in die Tekke kommt und seine geistige Verbundenheit mit dem verehrten Heiligen auch heute noch zeigt, auch von dem von touristischer Neugier geleiteten Besucher, der sehr bald von der ernsten und weihevollen Stimmung in diesem Gebäude umfangen wird: Der Geist des Mêvlâna, die Wirkung des Ordens der tanzenden Derwische ist nicht tot und ver­gangen, sondern Immer noch ein Element islamischer Frömmigkeit.

Gespräche mit einem Schüler

Mevlüt ist alles andere als ein durchschnittlicher Schüler, wie wir ihn von der Oberschule erwarten. Nachdem er in Deutschland eine Zeitlang die Schule besucht hat, nach einer anschließenden Unterbrechung des Schulbesuchs bei der Rückkehr in die Türkei, geht er jetzt, mit neunzehn Jahren, in die Abschlußklasse der Ober­schule in Konya; Seit wir ihn in unserem Hotel, mit dessen Besitzer er befreundet ist, kennen gelernt haben, ist er unser uneigennütziger Begleiter und Freund auf unseren Wegen durch Konya. Voller Überraschung erkennen wir, wie hier ein junger Mensch die ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner kulturellen Herkunft, mit der türkischen Kultur sucht. Wo andere Jugendlicher die eine Zeit ihres Lebens im Aus­land verbracht haben, an der kulturellen und sozialen Identitätskrise zerbrechen – ein leider häufiges Schicksal in der heutigen Türkei –, eignet sich Mevlüt einen unübersehbaren Schatz von Erfahrungen, Wissen und Sinngebungsversuchen an.

Gerade die Person des Mêvlânas stellt ihm die eindringlichste Frage nach der eigenen geistigen Identität.

„Gibt es denn heute noch Derwische, wenn der Orden vom Staat verboten ist?“ – „Ja, selbstverständlich! Sie treffen sich in privaten Wohnungen, um Ihre Musik und den mystischen Tanz zu pflegen, sie treffen sich zum Gebet in der Tekke.“ – „Duldet das der Staat?“ – „Ja. Solange keine politischen Demonstrationen daraus entstehen.“ – „Woran erkennt man nun einen solchen Derwisch?“ – Ein hintergrün­diges Lächeln. „Überhaupt nicht! Schauen Sie um sich –„, Mevlüt deutet mit einer ausholenden Bewegung auf die vielen Leute, die hier vor der Tekke zusammen ge­kommen sind: „Jeder von ihnen kann ein Derwisch sein...“

Die Lehren des Mêvlâna

Mêvlâna Celâleddin Rûmî, so die türkische Schreibweise, war ein religiöser Revo­lutionär gegen die Orthodoxie des klassischen Islam. Indem er die Gefühle der Gläubigen ansprach, indem er die sinnliche Erfahrung von Musik und Tanz in die Gottesverehrung einbezog, diente er einem ganzheitlichen Glaubensweg. Seine in großer Gefühlstiefe verankerte Gottesliebe und Gottessehnsucht durchzieht seine Lehren und spricht den Gläubigen unmittelbar an, ohne ihn intellektualisierter Dogmatik zu überlassen.

Gerade auch einfache Menschen konnten so unmittelbare Wege zur Frömmigkeit finden.

Aber auch Angehörige der gebildeten Oberschicht waren und sind fasziniert von den façettenreichen Erkenntnisdichtungen seines „großen Buches“, des „Masnavi“.

Islamischer Glauben, persischer Mystizismus und türkische Sinnlichkeit gehen in den Lehren des Mêvlâna eine fruchtbare Synthese ein, in der Mitmenschlichkeit bis zur Selbstaufgabe, Toleranz, die in jeder menschlichen Tat das Gute erblicken will, und ein unerschütterlicher Glaube an die Güte Gottes über alle Schicksalsschläge hinweg die festen Grundüberzeugungen sind. Der Gottesdienst ist ein überschwenglicher Dank für die Gnade des Schöpfers, die in Versenkung oder Ekstase unmittelbar zu er­leben und zu empfinden Ziel der musikalischen und tänzerischen Exerzitien des Ordens ist.

Die Geschichte der Rohrflöte

Zentrales Instrument der Derwischriten ist die Rohrflöte, Nay, die sowohl in der Volksmusik des Nahen Ostens wie in der Kunstmusik der Sufi zu hören ist. Ihr klagen­der Ton voller Modulationsfähigkeit läßt dieses Instrument sprechen und Botschaften verkünden. Der Mêvlâna berichtet über die Entstehung der Flöte. Einst kam ein Frommer zum Gesandten Gottes und flehte ihn an, ihm eine einzige göttliche Wahrheit, die er bei seinem Flug durch die Himmel erblickt hatte, zu sagen. Doch der Prophet lehnt ab, es muß ein Geheimnis bleiben, du bist nicht stark genug, das Geheimnis zu wahren. Doch der Fromme fleht weiter und schließlich läßt sich der Prophet erweichen; er nimmt ihm die strengsten Eide bei seinem Leben ab und murmelt ihm einige Worte ins Ohr. Eine überirdische Wonne durchströmt den Frommen, sein Leben erhält neuen Glanz, aber... er darf es niemandem mitteilen. Welche Qual! Lange kann er seine Zunge zähmen, doch eines Tages kann er das Schweigen nicht mehr tragen. Er geht weit in die Wüste hinaus, an einer einsamen Quelle, wo ihn keines Menschen Seele erblickt, gräbt er tiefer in die Erde und ruft sein Geheimnis herunter; eben aus diesem Boden wächst ein festes und biegsames Rohr aus der Erde. Der Fromme schneidet es und macht daraus eine Flöte. Doch diese Flöte kennt das Geheimnis der Schöpfung, das der Gesandte Gottes dem Frommen mitgeteilt hat. In überirdischen Tönen verkündet nun die Flöte der Welt, was sie gehört hat; wir müssen es nur verstehen, um das Geheimnis Gottes zu erfahren. Und dann klagt die Flöte, sie klagt, daß sie von ihren Wurzeln geschnitten ist und daß sie zurück zu ihrem Ursprung will. Ist das nicht auch die Klage des Men­schen, der zu seinen Wurzeln in der Schöpfung zurück will? So ist die Flöte ein Bild der menschlichen Existenz, der Suche nach Wahrheit, der Freude, die Wahrheit zu verkünden und der Trauer, den eigenen Ursprung verloren zu haben, der Sehnsucht, ihn wieder finden zu können.

Die UNESCO rettet eine Moschee

Konya ist auch heute ein Zentrum des islamischen Traditionalismus, der der laizisti­schen Politik der Nachfolger Atatürks noch immer zu schaffen macht. Seit der fromme Muslim Özal Ministerpräsident geworden ist, hat auch in der Öffentlichkeit der prak­tizierende Islam, unter den skeptischen Augen des Militärs, wieder ein stärkeres politisches Gewicht. Vielleicht wird dies bei den Machthabern auch als das kleinere übel gegenüber dem sozialen Aufbegehren angesehen, das nun tatsächlich Machtpositionen in Frage stellen könnte. Das Selbstverständnis Konyas erhält durch diese politische Entwicklung neuen Auftrieb; schaut es doch schon lange mit einer gewissen Verachtung auf die „junge“ Hauptstadt Ankara herab, die so offensichtlich mit ihren eigenen Problemen – Smog, Slums, Verkehrschaos und soziale Spannungen – nicht fertig wird und die für eine verwestlichte Politik steht, die in den Augen des traditionsreichen Konyas Symptom eines gescheiterten, kulturlosen Materialismus ist. – „Wir sind bei den anderen Türken nicht besonders beliebt. Konyaer gelten als zu stur, zu ehrlich und zu fromm“, sagt uns ein Student der hiesigen Hochschule. In der stimmungsvollen Selimiye Moschee neben der Tekke des Mêvlâna erhalten wir dann noch sehr kenntnis­reiche und ausführliche Erläuterungen über den islamischen Ritus, seine theologischen Hintergründe, diesmal aus eher orthodoxer Sicht, von einem Universitätsassistenten der – Geologie.

Die Selimiye wurde oft dem großen Architekten Sinan zugeschrieben, dürfte aber einige Jahrzehnte älter sein, wie der Stifterzuordnung an Sultan Selim I. zu entnehmen ist.

Dennoch ist sie ein proportionierter, klassisch‑harmonischer Bau aus der Blütezeit der osmanischen Architektur. Sie setzt dabei eine architektonische Tradition in Konya fort, die einige Jahrhunderte früher, im 12. und 13. Jahrhundert, als die Stadt Hauptstadt des Seldschukenreiches gewesen ist, der Zeit also, als der Mêvlâna in Konya wirkte, ihren ersten, unübertroffenen Höhepunkt erreichte. Moscheen und Medresen, Koranschulen, haben hier innerhalb kurzer Zeit Konya zu einem Mittelpunkt der Weltarchitektur werden lassen. Es kostet Mühe, die vielen großartigen Bauwerke heute zu erhalten und vor dem Verfall zu bewahren. Die Ince Menare Medrese (eine Moschee mit dem „schlanken Minarett“) ist wegen Renovierungsarbeiten derzeit ge­schlossen; nur das großartig ausgestaltete Portal zeigt dem Passanten den Rang dieses Bauwerkes an, seitdem das berühmte Ziegelminarett anfang des Jahrhunderts durch einen Blitzschlag auf die Hälfte seiner ursprünglichen Höhe erniedrigt worden ist. Die Restaurationsarbeiten überfordern den türkischen Staat; das gilt vor allem für das größte und schönste Bauwerk der Seldschukenzeit, die Âlâeddin Moschee; gebaut 1107‑1156 unter Masut I. und ausgebaut und vollendet 1220‑21 unter Alaettin Kaikobäd I.

Die große Hallenmoschee, mit ihren vielen Nebengebäuden festungsartig umfriedet, steht auf einem künstlichen Hügel im Zentrum der Stadt, der schon in hethitischer und, erst dort erhöht und ausgebaut, römischer Zeit Befestigungsanlagen trug. Heute umgibt die Moschee ein Park an den Hängen des Hügels, des Alâeddin Tepesi, der die umgebenden Straßenzüge etwa um 20 bis 30 Meter überragt und einen Durchmesser von ca. 500 bis 1000 m hat. Das zeltförmige Dach über dem Zentrum der Gebetshalle kennen wir schon von der Tekke des Mêvlâna; auch andere türkische Architektur dieser Zeit, wie die zentralanatolischen Karawansereien, sind von steinernen Zelten, die innen eine Innen­kuppel bergen, gekrönt. Zwei Wurzeln werden für diese auffällige Bauform genannt: einmal der armenische Kirchenbau um das Jahr 1000, der sein Zentrum in der Region des Van‑Sees hatte und dessen Baumeister in den Jahrhunderten danach in der ganzen Mittel­meerwelt anzutreffen sind, und zum andern in einer autochthonen turkmenischen Bau­form, die das mittelasiatische Zeltmotiv aufgreift. Auch in Turkmenistan, in Samar­kand und im berühmten Grabturm Gonbad‑e‑Kabus in Nordostiran treffen wir wieder auf die auffällige Steinzeltarchitektur.

Bei der Âlâeddin Camii ragt das Zeltdach über den massigen Außenmauern des Gesamt­komplexes nur aus bestimmten Perspektiven gesehen hervor, ein Versprechen, noch keine Erfüllung. Je weiter wir uns von der Moschee entfernen, desto klarer wird die Gesamt­anlage, doch dann verschwindet sie wieder hinter den Bäumen und Büschen des Parks. Die Moschee ist akut vom Einsturz gefährdet; ihre Steinornamente und Stukkaturen bröckeln, die geschnitzten Holzsäulen der Gebetshalle sind morsch. Besucher werden derzeit nicht in das Gebäude gelassen, auch um den Schaden nicht zu vergrößern. Aber das Gebäude muß und soll gerettet werden. Hoffnung ergibt sich heute, da die UNESCO die Âlâeddin Moschee in ihre Liste der Kulturdenkmäler der gesamten Menschheit auf­genommen hat, wie vorher die Altstadt von Fez in Marokko, indonesische Tempel und westindische Festungsanlagen. Das bedeutet einen Neubeginn der Restauration mit inter­nationaler Finanzhilfe und der Beratung durch die besten Restaurateure und Architektur­geschichtler der Welt. Konya kann wieder hoffen.

Moscheeneubauten

Diese große religiöse und kulturelle Tradition in der Türkei ist nicht vergangen und vergessen. Schon seit Jahren können überall im Lande Moscheeneubauten beobachtet werden. Nicht immer zwar geht die Initiative von den Gläubigen am Ort selbst aus sondern gerade große und repräsentative Bauwerke werden oft mit Unterstützung der arabischen Länder, so bei der im Bau befindlichen größten Moschee Ankaras, oder aber des Iran errichtet, der damit um Zustimmung für seine islamische Revolution wirbt. Dennoch weist die Stimmung in der Bevölkerung sehr deutlich auf eine Wende hin zur Religion. Gerade unsere Eindrücke in Konya bestätigen diese Reislamisierungstendenz. Konya, die alte Seldschukenhauptstadt, liegt in diesem Jahrhundert ökonomisch und demographisch im Schatten der aufsteigenden Hauptstadt Ankara, nur wenige Fahrstunden von ihr entfernt. Doch das kulturelle Überlegenheitsbewußtsein ist Konya geblieben und läßt die Stadt heute zu einem Ausgangspunkt von religiösen Erneuerungsbestrebungen werden. An der theologischen Fakultät der Universität Konya ist die Diskussion über die islamische Revolution und den Gottesstaat wieder ein wichtiges Thema geworden, wenn auch noch Rücksicht auf den verfassungsmäßigen Laizismus der Türkei genommen werden muß, der immer dann machtpolitisch eingesetzt wird, wenn allzu konkrete politische Träume aus der innertheologischen Auseinandersetzung abgeleitet werden.

Die Rückbesinnung auf alte Werte wird von vielen Türken als Suche nach der eigenen kulturellen Identität verstanden. Die Wertorientierung soll helfen, die aufbrechen­den sozialen Konflikte und das gefährliche Stadt‑Land‑Gefälle der Lebensbedingungen wieder zu einer gemeinsamen Kulturnation zusammenzuführen auf der Grundlage des Einzigen, was noch als gemeinsames Erbe verstanden werden kann, auf der Grundlage der islamischen Religion. Das führt aber die Reislamisierungsbestrebungen in unmittelbaren Widerspruch zur Ideologie des Kemalismus, der diese gesellschaftliche Integration bislang gerade als seine ureigenste Aufgabe und Zielsetzung verstanden hat, wenn auch auf einer ideologischen Grundlage von Nationalismus und Modernismus. Daß diese Ziele in ihrer weltlich‑westlichen Form kein gemeinsames Wertkonzept aller Türken mehr darstellen, bringt den Kemalismus in eine verzweifelte Legitimationskrise. Das immer stärker werdende politische Eingreifen des kemalistischen Militärs seit den siebziger Jahren ist gerade auch unter dieser Prämisse besser zu verstehen. Daß die Faszination des Modernismus verblaßt, ist nun nicht nur ein türkisches Phänomen sondern in den westlichen Industrieländern, die für Atatürk Ansporn und Vorbild waren, selbst als wachsende Skepsis gegenüber dem eigenen Weg, der zu Umweltkatastrophen, Arbeitslosig­keit und Sinnkrise geführt hat, angelegt. Daß der an sich selbst zweifelnde Westen kein unbestrittenes Entwicklungsmodell für Länder anderer kultureller Tradition mehr abgibt, empfinden Europäer im Kontakt mit der Dritten Welt deutlich. So ist es kein Wunder, wenn sich auch die Türkei, in der die Erinnerung an Atatürk zum Formalismus erstarrt ist, sich auf ältere eigene Traditionen zurückbesinnt, vor allem wenn in den arabischen Nachbarländern eine dynamische Erneuerung des Selbstbewußtseins des Islam Vorbild sein kann.

Die Identitätskrise des Landes ist so einfach jedoch nicht zu beheben. Weite Teile der Bevölkerung, auch wenn sie sich als Muslime verstehen, haben sich in ihrem All­tagsverhalten, in Konsum, Mediengebrauch, Mobilität und teilweise auch in ihren Vorstellungen von den individuellen Rechten der Selbstbestimmung und Autonomie, von den Werten der geschlossenen, auf Familiensolidarität beruhenden islamischen Gesellschaft entfernt. Sie auf einen Stand der gesellschaftlichen Vergangenheit zurückzu­holen wird ebenso unmöglich sein, wie der großen Mehrheit der Muslime ein laizis­tisches, westliches Weltbild zu vermitteln. Die Türkei muß mit diesem kulturellen Bruch, den der Kemalismus ganz bewußt provoziert hat, leben müssen. Ob aber staatlich verordneter Nationalismus und die sozialen Probleme ausklammernde marktwirt­schaftliche Politik den richtigen Weg darstellen, die Gesellschaft vor dem Zerbrechen zu bewahren, ist zumindest in Frage zu stellen. Der Rückgriff auf die in der Türkei durchaus vorhandenen gewerkschaftlichen und sozialistisch‑reformistischen Kreise wird in Kürze unumgänglich werden; ihre Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben verhindert realistische Problemlösungen, auf die die Türkei gerade heute, an der Schwelle zu Europa, angewiesen ist.

Tagebuchblatt vom

Dienstag, 5.11.85

Der letzte Abschnitt der Reise beginnt. Im Vordergrund steht jetzt die Besich­tigung dreier hervorragender touris­tischer Ziele, die seit der Antike für die Kulturentwicklung des westlichen Kleinasiens von Bedeutung gewesen sind. Dabei sind sie ihrem Ursprung nach nicht dem türkischen, sondern dem griechischen Kulturbereich zuzuordnen, was auf einen wesentlichen Aspekt der Geschichte dieses Raumes hinweist: Integrations‑ und Übergangsraum der Völker und Kulturen gewesen zu sein. Gleichzeitig ist der Raum zwischen der Ägäisküste und den anatolischen Hochflächen auch ein naturlandschaft­lich bevorzugter und reizvoller me­diterraner Lebensraum mit flachen Küstenebenen und Flüssen, für den Ackerbau bestens geeignet, mit tief zerfurchten Gebirgsabfällen, die es schwer machten, diesen Raum mit Straßen zu durchqueren (und doch ging hier schon die persische Königsstraße und die römische Militärstraße, die seldschukische Verlängerung der trans­asiatischen Seidenstraße wie das Straßennetz des osmanischen Reiches zu den wichtigen Häfen an der Ägäisküste, die Handelsverbindungen nach Europa versprachen), mit Bergrücken, die sich für gut befestigte Siedlungen eigneten, Tempel und Festungen sind hier in „Akropolislage“ immer wieder zu finden, schließlich mit einer vielfältigen, geschichtsreichen und kulturbewußten Bevölkerung: Es ist kein Wunder, daß die Türkei wirtschaftlich vom West‑Ost‑Gefälle geprägt wird.

Heute steht Pamukkale auf dem Pro­gramm. Mit dem Bus nach Denizli (mit der Firma Kontas) und dort in einen gemieteten Minibus, der uns zu den Naturdenkmälern, den riesigen Kalksinterterrassen, und den Ruinen der antiken Badestadt Hierapolis führt. Vor allem die Stimmung mit schnell ziehenden dunklen Wolken und golden aufblinkenden Sonnenstrahlen dazwi­schen, mit Licht und Schatten über der weiten Ebene von Denizli, macht diesen Besuch zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Die Weiterfahrt mit dem Bus nach Izmir (Firma Pamukkale) geschieht dann in der Nacht. Mit Taxen erreichen wir das Hotel Saray in der Anafatalar Cad. No. 635 im Stadtteil Basmane im Zen­trum; die Unterbringung ist etwas zweifelhaft und in einem hafenstadtüb­lichen Hotelviertel, das Einzelspazier­gänge am Abend nicht eben empfehlens­wert erscheinen läßt. Der Preis ist jedoch niedrig und die Sauberkeit aus­reichend. Ein Telefonanruf in Hannover bestätigt uns, daß dort alles in Ord­nung ist und keine neuen Direktiven für unser Programm eingetroffen sind.

Tagebuchblatt vom

Mittwoch, 6.11.85

Die Gruppe wird, betreut von einigen Türken, die wir im Hotel kennen ge­lernt haben, ihren Besichtigungs‑ und Programmwünschen überlassen, während wir Lehrer uns um Programmorganisa­tion der nächsten Tage kümmern, etwas verzögert durch dezidierte Einkaufs­wünsche von Ulrike Schulz (die sich dann leider doch nicht realisieren ließen). Dabei haben wir zumindest dies Stadt, Uferpromenade, Platz der Republik, Uhrturm, Fischmarkt, Konak und Basar gut kennen gelernt.

Einkäufe für die Rückfahrt und als Mitbringsel für die in Hannover Zu­rückgebliebenen folgen dann noch bis zum Eintritt der Dämmerung. Ein gutes Essen, diesmal in einem exquisiten Restaurant, bringt die Gruppe noch einmal in etwas stimmungsvollere Laune.

Tagebuchblatt vom

Donnerstag, 7.11.85

Der Minibustransfer zum Otogar ist heute ein Problem; die beiden Busse kommen zu spät; für Preisabsprachen ist keine Zeit mehr, so daß die Fahrt teurer wird als eine Gruppenfahrt mit Taxen.

Mit einem Bergamalılar‑Bus fahren wir nach Pergamon, wo wir uns wieder ein Dolmuş, d.h. einen Minibus mieten und das Gepäck bei einem Reisebüro ab­stellen. Die Besichtigung umfaßt die recht weit auseinander liegenden Komplexe der Akropolis, wo aus dem dort ausgegrabenen Zeustempel der heute in Ostberlin aufbewahrte Perga­monaltar stammt; das Asklepieion, ein antikes Sanatorium an einer heili­gen Quelle mit Tempel und Theater; das Ausgrabungsmuseum im Stadtzentrum und die Basilika, einer großen früh­christlichen Ziegelbasilika auf der Grundlage eines römischen Tempels.

Zur Weiterfahrt nach Çanakkale holt uns ausnahmsweise ein Bus der Firma Sezai Adalı ab, der von İzmir kommend zum Otogar nach Bergama hereinfährt.

Unsere Erlebnisse auf dem Otogar von Çanakkale schildere ich an anderer Stelle.

Wir mußten hier noch erleben, daß die von uns gebuchte Pension Gönül belegt war und uns zum (teureren und komfortableren) Hotel „Truva“ (Troja) weiterschickte. Alles, Gott sei Dank, in Fußwegentfernung! So war die Übernachtung sehr bequem, vor allem das heiße Bad, das die Schmerzen aus Muskeln und Gelenken und die Depres­sionen aus dem Kopfe vertrieb.

Tagebuchblatt vom

letzten Programmtag, Freitag, 8.11.85

Vormittags Besuch in Troja. Davon ist an anderer Stelle zu berichten.

Die Rückfahrt mittags nach İstanbul begann mit einer Bootsfahrt über die Dardanellen, wo die letzten Fotos von Asien gemacht wurden.

Der Bus war alt und überfüllt, d.h. seinem Preis entsprechend (wer fährt denn sonst noch für umgerechnet 2.50 DM von Çanakkale nach İstanbul? Doch wurden wir durch schöne Ausblicke auf die Dardanellen und das Marmara­meer entschädigt, bis es bei Tekirdağ langsam dunkel wurde. Wieviele Steh­plätze zwischenzeitlich noch verkauft wurden (zwei Marinesoldaten schliefen eine Weile hinter der letzten Sitz­bank im Heckfenster), haben wir nicht gezählt.

Gegen Zuzahlung von insgesamt 50.‑ DM wurden wir dann am internationalen Flughafen Yeşilköy abgesetzt. Doch mit dem Rückflug wurde es bekanntlich noch nichts. Die Maschine der DAN‑AIR aus Berlin kam wegen eines technischen Defektes nicht. Ärgerlich war nur, daß wir das erst sehr spät, nachdem ein Teil der Abfertigung schon stattge­funden hatte, erfuhren.

Wir wurden dann mit Bussen in ein nahe gelegenes Hotel gebracht und es dauerte doch bis etwa drei Uhr, bis wir zum Schlafen kamen. Aber eine warme Dusche war hier auch eine ange­nehme Entspannung.

Tagebuchblätter vom

Samstag, 9.11., bis Sonntag, 10.11.85

Rückflug

Ein ruhiger Erholungstag auf Kosten der DAN‑AIR, wenn auch unfreiwillig. Einige fuhren noch einmal in die Stadt rein; ich blieb im Hotel und habe den halben Tag verschlafen. Abends gegen elf Uhr wurden wir wieder zum Flughafen ge­bracht, doch die versprochene soforti­ge Abfertigung war ein Traum. Erst spät in der Nacht kam die Maschine und gegen 5.20 konnten wir abfliegen.

Über die Desorganisation des Personals des Reisebüros auf dem Flughafen decken wir den mildtätigen Schleier des Vergebens. Jedenfalls haben wir den Flughafen bei Ankunft und Abflug aus­giebig bewundern und kennen lernen dürfen.

Ankunft in Berlin; nach zögerlicher Zollabfertigung hatten wir, noch recht viel Zeit, bis wir am späten Vormittag mit dem Zug nach Hannover abreisen konnten.

Daß wir keine Reservierung für diesen Tag hatte, spielte dabei keine Rolle; gegen 14.30 Ankunft in Hannover. Die Freude des Wiedersehens war so groß, daß kaum noch eine Verabschiedung der Gruppenmitglieder untereinander möglich war.

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Was blieb uns zunächst? Die Müdigkeit, Erkältungen und der Ärger, am nächsten Tag schon wieder in der Schule er­scheinen zu müssen. Die Akklimati­sierung dauerte länger als bei üb­lichen Reisen. Ein Zeichen dafür, daß wir uns an Anstrengungen, Programmfülle und Reisestreß nichts geschenkt hatten. Doch die Ergebnisse haben es gelohnt. Neben vielen frischen Reiseerlebnissen, guter Stimmung in der Reisegruppe, neuen Kontakten in der Türkei bleiben vor allem viele Fragen, die eine Weiterarbeit am Thema Türkei sinnvoll erscheinen lassen.

Hoffentlich läßt sich die geplante Schulpartnerschaft realisieren. Neue Türkeireisen rücken dann ins Feld der Möglichkeiten.

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