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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit
Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 3
„... ja, unsere Mitschüler aus der
Türkei, die lernen nur immer auswendig und verstehen gar nicht, was sie
lernen. Nach jeden Ferien fangen sie wieder von vorne an und merken es gar
nicht, in unserer Schule wird immer nur stur auswendig gelernt –„
„Warum denn eigentlich?“
„Ja, die Mitschüler aus der Türkei
haben eben eine andere Mentalität“, leichte Unruhe in den Bänken weiter
vorne, „früher, in unserer alten Schule, da haben wir noch diskutieren und
lernen gelernt!“
„Wie war das denn, als ihr hierher
kamt?“
„Im ersten Jahr war das schlimm.
Alle anderen Schüler kamen nach und nach mal in unsere Klasse und gafften
uns an, als ob wir Tiere wären!“
„Wenn ihr früher, wie ihr sagt,
lernen gelernt habt, müßtet ihr es heute hier ganz einfach haben!“
„Nein, nein – dieses blöde
Auswendiglernen. Das geht“ – eine bezeichnende Geste – „zum einen Ohr rein
und zum anderen wieder raus. Da behalten wir gar nichts, und es macht auch
keinen Spaß. Warum sollen wir denn das alles auswendig lernen?“
„Dann haben eure Mitschüler also
bessere Noten?“ – „Na ja, sicher! Zunächst dachten wir ja, wir brauchten uns
nicht anzustrengen, weit wir gut Deutsch sprachen. Vielleicht waren wir
etwas faul...“
„Und wie sind eure türkischen
Sprachkenntnisse?“
„Ich spreche eigentlich ganz perfekt
Türkisch“ – leises Lachen bei den Mitschülern – „aber im türkischsprachigen
Unterricht haben wir doch immer noch Schwierigkeiten. Die türkischen Lehrer
können mit uns auch nicht richtig umgehen...“ – „Wieso?“
„Naja, schwatzen doch wohl zuviel,
und die Disziplin, die sie verlangen...“
„Habt ihr denn Kontakt zu euren
Mitschülern?“
„Ach, eigentlich nicht. Wir sind
nur in unserer Gruppe zusammen! Vor kurzem haben wir einen Mitschüler zum
Geburtstag eingeladen. Das war eine lustige Fête. Aber wir haben alle
natürlich nur Deutsch gesprochen. Wenn ich denke, wir waren bei einem
Mitschüler aus der Türkei eingeladen, kann ich mir gar nicht vorstellen, wir
würden dann immer nur still in der Ecke stehen und wüßten gar nicht worüber
wir mit den anderen reden sollten...!“
In diesem kleinen Dialog versammeln
sich die bildungspolitischen Probleme der Türkei wie in einem Brennglas.
Wir sind nicht in einer deutschen
Schule mit Konflikten zwischen deutschen und türkischen Schülern, nein:
Istanbul, 8. Klasse des Gymnasiums, Herbst 1985. Der Besuch ist
aufschlußreich. In den oberen Klassen dieser Schule, die einen Schwerpunkt
im Deutschunterricht setzt, sind auch Kinder von Rückkehrern, die durch ihre
deutsche Vorbildung und durch das Durchlaufen einer Vorstufe zum Besuch der
Oberschule als geeignet ausgewählt worden sind. Die Integrationsprobleme
sind enorm. Vorurteile, die ihnen von Deutschen entgegengebracht worden
waren, übertragen diese Schüler nun oft auf ihre Mitschüler, die in der
Türkei geboren sind. Die Muttersprache dieser Rückkehrerkinder ist eher das
Deutsche als das in den Familien nur noch sehr eingeschränkt gesprochene
Türkisch. Aber auch die Lernziele und Methoden weichen so grundsätzlich von
denen in der BRD ab, daß 12‑14 jährige Schüler oft von der Umstellung
überfordert sind und anecken oder gar Scheitern. Denn die Anforderungen in
Gymnasien sind hoch, das Lernpensum ist umfangreich.
Im „Ministerium für nationale
Erziehung“ in Ankara wird das bestätigt. Das Prinzip der Auslese und des
Leistungswettbewerbs, dessen Bestehen allein einen Studienplatz und sichere
Berufsperspektiven verspricht, durchdringt das ganze System. Es gibt eine
Rangfolge aller Gymnasien, nach ihren Erfolgsquoten bei dem Bestehen der
Universitäts‑Eignungsprüfung geordnet, die gleichzeitig Wertschätzung und
Schülerandrang bestimmt. Die zehn besten Gymnasien, natürlich nur in den
Großstädten Istanbul, Ankara und Izmir, haben lange Wartelisten. Die Eltern
lassen sich den Besuch der Schule viel kosten; auch wenn sie am Ort wohnen
lassen sie ihre Kinder oft im schuleigenen Internat wohnen, wo eine
disziplinarische Betreuung und kontinuierliche Kontrolle des Lernerfolgs
besser gesichert ist. Schon vor der Aufnahme werden private, teure
Förderkurse besucht. In den Sommerferien biete die Schule selbst
Nachholkurse für die Fächer an, In denen Schüler das Klassenziel nicht
erreicht haben. Die bestandene Prüfung sichert dann den Lernerfolg des
nächsten Schuljahres. Reicht das Ende der elfjährigen Regelschulzeit näher,
bemühen sich die Schüler um zusätzliche Trainingskurse an den Wochenenden
und in den Ferien zur Vorbereitung auf die Hochschuleingangsprüfung, die
landeseinheitlich vorgenommen wird. Die dort erreichte Punktzahl ist
Rechnungsgrundlage für den bestehenden numerus clausus aller Studienfächer,
wobei wiederum die Hochschulen nach Rang und Leistung geordnet sind und
daher unterschiedliche Eingangsvorraussetzungen verlangen dürfen.
Dieser Wettlauf um Leistungserfolge
verlangt eiserne Disziplin und Lernbereitschaft; zur Selbstverwirklichung
oder gar zur Entwicklung sozialer und demokratischer Umgangsformen bleibt
daher keine Zeit. Wie können Schüler, die die ersten Jahre ihrer Schulzeit
in der BRD verbracht haben, in diesem System überhaupt bestehen? Das
Istanbul Lisesi, von dem anfangs die Rede war, und das auf der Rangfolge der
Gymnasien den dritten oder vierten Platz einnimmt, mußte die Konsequenzen
ziehen: Seit zwei Jahren werden keine Rückkehrerkinder mehr aufgenommen. Für
diese Schüler werden nun besondere Schulen gegründet. Aber führt das nicht
letztlich zu einer unerwünschten Ghettoisierung? Entwickelt sich in der
Türkei jetzt eine neue entwurzelte Minderheit, die Sprengstoff in das
türkische Sozialgefüge bringen wird???
So sehr die kognitive
Leistungsauslese gefördert wird – ein spezifisch türkisches Bild einer
technischen Elite steht dahinter – so wenig trägt das heutige Schulsystem
zur gesellschaftlichen Integration bei. Ob die so ausgerichtete Schule in
Zukunft in der Lage sein wird, die brennenden politischen und sozialen
Probleme des Landes zu lösen, bleibt so lange fraglich, als in der Schule
noch nicht einmal die Integration der Rückkehrerkinder gelingt.
Kritik und Mitwirkung einer
Schülervertretung? Noch einmal das Erziehungsministerium: „Wir halten
Schüler, die ja bei uns nur bis zur elften Klasse die Schule besuchen, noch
nicht für reif für politische Mitwirkung. Sie sollen erst einmal eine solide
Grundausbildung über unseren Staat erhalten, die in den Fächern Nationale
Geographie, Nationale Geschichte und Kemalismus vermittelt wird.“
Kemalismus, nach Kemal Atatürk, der nach dem ersten Weltkrieg die moderne
türkische Republik gründete und in Folge grundlegende Reformen – Kleidung,
Recht, Schrift, Trennung von Religion und Staat usw. – die Grundlagen zu
einem westlich europäischen Gesellschaftssystem legen wollte, Kemalismus ist
die Leitidee, der sich heute der Staat und darin vor allem das
machtwollende Militär verschrieben haben. Die Einführung in die
Staatsideologie und die Verehrung der Person des Staatsgründers sind
zentrale aller türkischen Schulen. Im Kemalismus steht ein betont türkischer
Nationalismus. Seine demonstrative Renaissance nach dem Militärputsch 1980
läßt den Versuch der Legitimation des Eingriffs des Militärs erkennen, aber
auch die allgemeine Unsicherheit darüber, auf welche Wertgrundlagen man die
modernen türkischen Probleme in Zukunft wird lösen können.
Eine Scheu. sich diese Probleme
offen einzugestehen, Ist auch unter der jetzigen Zivilregierung Turgut
Özals festzustellen, der vorsichtig auf Distanz zum demonstrativen
Kemalismus der Militärs geht und sich ebensosehr an hergebrachten und lange
Zeit in der Öffentlichkeit verpönten Werten des Islam wie an den
ökonomischen Theoremen der westlichen konservativen Industriestaaten
orientiert. Wie sich dieser Widerspruch auflösen läßt, ist noch nicht
deutlich erkennbar.
Dieser Zwiespalt ist auch bis in die
Schulpolitik hinein zu spüren: auf der einen Seite findet sich die kognitive
Leistungsauslese, die technisch‑wissenschaftliche Elitebildung, auf der
anderen Seite werden nationalistische „Grundlagenfächer“ gefördert und
gefordert, die eine soziale Integration der auseinanderstrebenden Gruppen,
Schichten und Interessen in der gespannten türkischen Gesellschaft bewirken
sollen; oft werden dabei aber nur vorhandene Gegensätze ideologisch
übertüncht. Daneben steht eine, im Ministerium herabgespielte, in der Praxis
aber deutlich zu beobachtende Re-Islamisierung auch der Schulen. Obwohl
das, auf öffentlichen Druck nationalreligiöser Kreise eingerichtete, Fach
„Religionskunde“ eigentlich bekenntnisfrei sein sollte und über die
verschiedenen Religionen wie über die religiösen Grundlagen der türkischen
Kultur sachlich unterrichten soll – so das Ministerium –, ist in der Praxis
wohl eher mit einer affirmativen Einübung in islamisch‑religiöse
Wertvorstellungen zu rechnen, vor allem, da eine kritisch‑distanzierte
Haltung zum Unterrichtsstoff oder gar die Fähigkeit zur Kritik nirgends
sonst in den türkischen Lehrplänen vorkommt. Wie sollte dann solches gerade
in einem sensiblen Fach wie „Religionskunde“ gelernt werden? Mit diesen
Widersprüchen Im Erziehungsprogramm muß der Schüler selbst fertig werden;
die Schulen, oft von den eigenen Problemen – soziale Spannungen, mangelhaft
ausgebildete Lehrer, zu große Klassen, Rückkehrerkinder mit Sonderproblemen
etc. – überfordert, lassen Ihn damit allein.
Ein zusätzliches Problem ist es, daß
die leistungsorientierte Bildungsoffensive des türkischen Staates, so
notwendig sie als Voraussetzung für ein staatliches Modernisierungsprogramm
ist, vorhandene Disparitäten in regionaler und sozialer Hinsicht eher
verschärft und Chancenungleichheit im Interesse der Elitenbildung hinnimmt.
Parallelen zu konservativen Bildungsideologien im Westen sind auffällig. Das
äußert sich bis hinein in die Rechtslage: Wo Mittelschulen (Orta) und
Gymnasien (Lise), bzw. die parallelen weiterführenden Schulen der
beruflichen Bildung eingeführt sind, und das ist vor allem in den
Großstädten der Fall, gilt die insgesamt elfjährige Schulpflicht, nach der
in einer Eingangsprüfung der Hochschulzugang erworben werden kann. Auf dem
Lande. vor allem in Ostanatolien, wird es jedoch noch lange dauern, auch das
gibt das Ministerium zu, bis das vollentwickelte Schulsystem flächendeckend
eingeführt werden kann. Hier beschränkt sich auch die gesetzliche
Schulpflicht allein auf die fünf Jahre der Grundschule. Nur besonders
begabte, eher aber finanziell bevorzugte ländliche Schüler können die
weiterführenden Schulen in den Städten besuchen, da sie dort in (relativ
teuren) Internaten untergebracht werden müssen. Zur Vertiefung des
Stadt-Land‑Gegensatzes kommt damit auch noch eine verstärkte soziale
Auslese, die den Selbstreproduktionsgrad der Oberschicht und der Eliten
zementiert. Auch in den Städten ist diese soziale Auslese wirksam, da die
oftmals zum Bestehen der Klassenziele oder erst recht der
Universitätseingangsprüfung notwendige Qualifikation nur durch Zusatzkurse
in den Ferien oder an Wochenenden erworben werden kann; diese Kurse
verursachen hohe Kosten und werden, Im Gegensatz zum normalen Schulbesuch,
auch nicht durch die ohnehin beschränkten Möglichkeiten staatlicher
Stipendien für bedürftige Hochbegabte erfaßt. Im Prinzip sollen diese
Stipendienprogramme die Spannungen ansatzweise mindern. Nach vorsichtigen
Schätzungen sollen ca. 15 % der gymnasialen Internatschüler Stipendien
erhalten. Doch die wirtschaftliche Situation der Türkei läßt in den Augen
der Regierung eine notwendige Ausweitung dieser Zuschüsse nicht zu. Ob auch
politische Widerstände z.B. der auf Exklusivität drängenden Oberschicht eine
Rolle dabei spielen, läßt sich nur vermuten. Immerhin läßt die häufig
geäußerte Kritik am derzeitigen Schulsystem sowohl von seiten der ja
eigentlich profitierenden Akademiker wie von Seiten der benachteiligten
Arbeiterschaft auf die politische Brisanz dieses Themas schließen.
Der jüngste Reformversuch für die
höhere Bildung steht ganz im Zeichen der Elitenbildung: das »anatolische
Gymnasium“. Die eingangs besuchte „İstanbul Lisesi“ gehört diesem Typ an. Um
mit einem „Gewaltstreich“ den Anschluß an die Internationale technische und
natur‑wissenschaftliche Entwicklung zu gewinnen, muß in verstärktem Maße,
das sieht die Regierung wohl richtig, fremdsprachige wissenschaftliche
Literatur rezipiert und in der türkischen Praxis umgesetzt werden. Der Weg
über die Fachübersetzungen ist langwierig und von Marktzufälligkeiten
abhängig. Daher wird der umgekehrte Weg eingeschlagen: der künftige
Wissenschaftler muß eine so gute fremdsprachliche Ausbildung bekommen, daß
er in dieser Sprache denken und arbeiten kann. Das anatolische Gymnasium ist
der Schlüssel dazu: der gesamte mathematische und naturwissenschaftliche
Unterricht wird sechs Jahre lang – drei Jahre „orta“ und drei Jahre „lise“ –
in einer Fremdsprache unterrichtet, je nach Schule Deutsch, Englisch oder
Französisch; in den eigentlichen Eliteschulen wie dem „İstanbul Lisesi“ auch
von ausländischen Lehrkräften. Um in die Schule aufgenommen zu werden,
müssen die Schüler, nach entsprechenden Leistungen in der fünfjährigen
Grundschule, ein Einführungsjahr absolvieren, in dem der Unterricht sich –
neben Sport, Religion, Kemalismus und türkischer Sprachlehre – fast
ausschließlich mit 23 Wochenstunden auf das Erlernen der jeweiligen
Fremdsprache richtet. Ein Besuch in einer solchen Schule bestätigt den hohen
Standard der Sprachbeherrschung durch die Schüler, die schon mit vierzehn
Jahren ohne weiteres zu Gesprächen in der Fremdsprache in der Lage sind. Die
Vorbereitungsstufe bietet, dem Alter der Kinder entsprechend, ein
beeindruckendes Bild des Lerneifers und der Neugier auf das, was diese
Schule bringen wird.
Daß dieses Schulkonzept, so
einleuchtend seine Begründung zunächst auch sein mag, mehrere grundlegende
Probleme mit sich bringt, wird in Gesprächen vor allem auch mit den Lehrern
deutlich. Fachlich am überzeugendsten ist natürlich der Unterricht bei einem
ausländischen Lehrer, der in seiner Muttersprache unterrichtet. Doch
duplizieren sich damit die Integrations‑ und Anpassungsprobleme, bleiben
doch diese Lehrkräfte, bei allem pädagogischen Idealismus, im türkischen
Kollegium isoliert, auch auf Grund ihrer eigenen fehlenden türkischen
Sprachkenntnisse. Diese Isolation überträgt sich als Spannung auf den
Schüler, der damit Orientierungsprobleme aufgeladen bekommt. Das wird
besonders scharf empfunden an einer Modellschule wie der „İstanbul Lisesi“,
in der die Hälfte der Lehrer aus dem Ausland kommen, vermittelt durch das
Bundesamt für das Auslandsschulwesen der Bundesregierung. Diese Schule war
einst die führende Oberschule für Jungen in Istanbul mit fast hundert
jähriger Tradition. Ihren Ruf als Ausbildungsstätte mit besonders hohem
Niveau, gemessen an den Quoten des Bestehens der
Universitätseingangsprüfung, verteidigt sie, jetzt auch koedukativ geführt,
durch die besondere Ausgestaltung des anatolischen Schulmodells, für die der
Einsatz der deutschen Lehrkräfte steht. Soziale Spannungen entstehen aber
unterschwellig. Allein der unterschiedliche finanzielle Hintergrund –
türkische Lehrer werden ausgesprochen schlecht bezahlt, während die BRD
ihren Auslandslehrkräften die Anpassungszahlung an die heimische
Beamtenbesoldung einschließlich diverser Zuschläge gewährt – machen die
deutschen Kollegen zu relativ „reichen“ Exoten in der türkischen
Gesellschaft.
Es gibt heute in der Türkei etwa 20
anatolische Gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache, entsprechend viele
mit Englisch und einige auch mit Französisch. Das Programm soll aber noch
wesentlich ausgeweitet werden. Die sehr hohen Anforderungen verschärfen
natürlich den Leistungsdruck und die Auslese, was sich auf die Dauer in
Folgen für das soziale und politische Klima im Lande wird ablesen lassen.
Gewisse Widersprüche zu den solidarischen Wertnormen der traditionellen
Gesellschaft bleiben nicht aus und sind wohl auch politisch gewollt. Ob sich
die traditionelle Familiensolidarität und konservative Wertorientierung
wird halten können, oder ob schließlich klassenabhängige Verhaltensmodelle –
hier bürgerliche „Ellebogengesellschaft“, dort Beibehalten staatsferner
Solidarmodelle in der Unterschicht, deren Umschlag in Klassenbewußtsein noch
nicht abzusehen ist – gegeneinander stehen, bleibt abzuwarten.
Auch ist es ein Problem, daß die
Ausweitung der Bildungsinitiative auf der Grundlage des „anatolischen
Modells“ an dem Mangel an geeigneten Fachlehrkräften scheitert, die nicht
nur in ihrem Unterrichtsfach sondern auch in der Fremdsprache kompetent
sind; allein auf der Basis ausländischer Lehrer kann und soll dieses Modell
nicht durchgezogen werden, auch um die Türkei nicht in bildungspolitische
Abhängigkeiten zu bringen. Sind doch jetzt schon die Bildungsziele zwischen
türkischen, auf Nationalismus und Disziplin eingeschworenen, und deutschen,
an Selbsttätigkeit und diskutivem Lernstil orientierten Kollegen kontrovers
und konfliktträchtig. Unter Umständen wird so das Niveau der schulischen
Bildung regional und sozial noch stärker ausdifferenziert. War es doch auf
dem Lande bis vor kurzem durchaus üblich, als Qualifikation für die
Einstellung als Grundschullehrer allein den erfolgreichen Abschluß der
Oberschule zu werten. Und dennoch herrschte und herrscht auf dem Lande
akuter Lehrermangel. Die geringe materielle und soziale Absicherung des
Lehrerberufes in der Türkei tut das ihrige dazu, die schulischen Probleme zu
verstärken...
Tagebuchblatt vom
„Tag der Republik“
Wir wollen dem Feiertagsrummel in
der Großstadt entgehen und vor unserer Nachtfahrt nach Ankara noch einmal,
im wortwörtlichen Sinne, tief Luft holen: Auf den Festungsanlagen der alten
Burg Rumeli Hisari am europäischen Ufer des Bosporus wollen wir diese
Verschnaufpause nach Hektik und Stress Istanbuls verbringen.
Doch zuvor, am Vormittag, fahren wir
Lehrer in Begleitung eines Hotelangestellten mit dem Stadtbus zum Otogar
am Topkapi‑Platz, dem Haupteinfallstor durch die „Landmauer“ aus Richtung
Edirne, um die Busfahrkarten für die Fahrt nach Ankara zu besorgen.
Gleichzeitig wird der „Service“, d.h. ein Minibus, der uns vom Hotel
abholen soll, bestellt.
Kleine Beobachtung am Rande: Der
Platz vor der Mauer, früher – wie ich mich noch mit wohligem Grausen
erinnere – ein gefährlicher Verkehrsknotenpunkt, eine Kreuzung, an der das
Recht des Stärkeren die Vorfahrt regelte und an der die Anzahl der
Fahrspuren pro Richtung kaum zu erahnen war, wird z.Zt. durch ein
großzügiges Unterführungsbauwerk umgebaut. Ob Istanbul eines Tages seine
Verkehrsprobleme doch einmal in den Griff bekommen wird?
Komfortabel sind jedenfalls schon
heute die Fernbusverbindungen, die das nur rudimentär ausgebaute
Eisenbahnnetz ersetzen. Die Angebote am Otogar (dem „Autohof“) sind
sehenswert: Täglich zu fast allen Städten der Türkei Busverbindungen; auf
den Hauptstrecken z.B. nach Ankara oder Izmir halbstündliche Abfahrten von
mehreren Konkurrenzangeboten zu unterschiedlichen Preisen,
unterschiedlichem Bedienungsstandard und unterschiedlichen Fahrzeiten. Wir
nehmen ein komfortables Nachtbusangebot der bekannten Firma „As“, mit dem
wir über Nacht Ankara erreichen wollen.
In Rumeli Hisari, mit dem
städtischen Linienbus in halbstündiger Fahrt vom Taksim‑Platz nahe dem Hotel
bequem zu erreichen, bewundern wir den Blick über den Bosporus bei
strahlendem Sonnenschein. Auf der anderen Seite dieser vielbefahrenen
Wasserstraße erblicken wir das kleinere Pendant zum Festungsbauwerk auf der
europäischen Seite: Anadolu Hisari, die anatolische Burg. Zusammen
bewachen sie diese engste Stelle des Bosporus. Rumeli Hisari (die „römische,
d.h. europäische Burg“) ist ein gewaltiges Festungsbauwerk mit drei großen
Rundtürmen und einem mehrfach gestaffeltem Mauerwerk, das sich vom Ufer bis
zur Berghöhe hinauf zieht. Vor einiger Zeit sorgfältig restauriert, gibt
die Burg einen authentischen Eindruck von osmanischer Festungsbaukunst.
Daneben ist ein solches Bauwerk, einmal von seinem kriegerischen
Hintergrund abgesehen, ein ästhetisches Erlebnis: große Bauvolumina
gliedern eine Mauer‑ und Hoflandschaft und proportionieren die
überraschenden Aus‑ und Durchblicke in die freie Landschaft und über die
dunkelblaue Wasserfläche.
Auf einer kleinen Freilichtbühne,
besser einer Art Amphitheater, sehen und hören wir den Nachmittag über
Folkloredarbietungen, farbenprächtige Tänze, eindrucksvolle Musik – jedoch
nicht nach jedermanns Geschmack, wie ich bald feststellen konnte. Über die
Hintergründe dieses kulturellen Erlebnisses wird Hans Gütte nachfolgend
noch einiges zu berichten haben.
Der Tag endet dann mit der Fahrt
vom Hotel zum Otogar, wo der Bus nach Ankara bald gefunden ist. Der Tag
bleibt in fester Erinnerung, da er die Chance zum ruhigeren Einleben in die
alte, in die authentische Türkei bot, Zeit zum Träumen mit Blick auf den
Bosporus, Zeit auch zur historischen Reflexion. Eine solche Fermate im
Reiseerleben gliedert die Erinnerungen, vertieft das Bewußtsein, nun
wirklich in einem anderen Land, in einer anderen Kultur zu sein...
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