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Türkei ’85 – Eine Studienfahrt mit
Schülern der Bismarckschule Hannover
Teil 7
In unserem Reisebericht kann es
nicht Aufgabe sein, einen Reiseführer zu wichtigen klassischen Orten in der
Türkei zusammen zu stellen. Wichtiger ist es, in einigen feuilletonistischen
Marginalien die subjektiven Reaktionen auf die Begegnungen mit der Antike zu
skizzieren.
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Wer erwartet in der Türkei eine
klassische Landschaft, in der griechische und römische Ruinen, Tempel,
Säulen, Theater ebenso auffallen wie die klassische mediterrane Landschaft
mit Ölbaum, Wein, Buschweide? Aber so ist es: In Westanatolien, im Bereich
der Ägäisküste finden wir eine bukolische Landschaft mit Schaf‑ und
Ziegenherden. Ein Hirtengott hinter den großen Steinen dort am Hang?
Pergamon liegt in der Türkei? Wer hätte das im Pergamonmuseum in Berlin
gedacht!
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Merkwürdig: Die seit der
deutschen Klassik als verkitscht abgetane Landschaft mit den umgestürzten
Säulen als Symbol der Vergänglichkeit und Dauer (man lächelt heute über
diesen Manierismus) gewinnt im Asklepieion in Pergamon plötzlich so etwas
wie ästhetische Evidenz. Verstehen wir Goethes italienische Reise und
Schliemanns Trojamanie damit besser? Auf dem Hügel die Akropolis von
Pergamon, steil in den blauen Himmel emporgereckt, hier unten die halb
verfallene Säulenallee, die ehedem tausende von Heilungssuchende zum Tempel
und zur heiligen Quelle führte...
Vergangene Not. Vergangene
Hoffnung.
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Die heilige Quelle im Asklepieion
plätschert noch heute in ihr marmornes Becken, wie seit zweitausend Jahren.
Ich trinke davon, stehe jetzt in der unsichtbaren Reihe der Patienten, die
schon vor unüberschaubarer Zeit hier tranken ...
Was ist heilig? Die Erinnerung?
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Die Kızıl Avla, die Rote Halle,
im Ort Bergama (Pergamon), einst ein spätrömischer Tempel: rote, mächtige
Ziegelmauern; die Mauerkronen und das Dach eingestürzt; noch einige
horizontale Marmorbänder stabilisieren und schmücken das Ziegelwerk; wir
haben Ähnliches bei den römischen Ziegelthermen in Ankara kennen gelernt. In
christlicher Zeit wurde sie zu einer der ersten Kirchen des jungen Glaubens;
sie gehört zu den „sieben apokalyptischen Kirchen“ der Offenbarung des
Johannes.
Glauben und Abfall vom Glauben:
Thema der Jahrtausende.
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„Und dem Engel der Gemeinde zu
Pergamon schreibe: Das sagt, der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert:
Ich weiß, wo du wohnst: da des Satans Thron ist; und hältst an meinem Namen
und hast den Glauben an mich nicht verleugnet und in den Tagen, in denen
Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, wo der Satan wohnt. Aber
ich habe ein Kleines wider dich, daß du daselbst hat, die an der Lehre
Bileams halten, welcher den Balak lehrte, zu verführen die Kinder Israel,
daß sie Götzenopfer aßen und Unzucht trieben...“ (Offenbarung 2)
Eine mächtige Ruine. Tot. Blickt
unser Auge hinter diese mächtigen Mauern?
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Fröhliches Leben in der Antike:
Das große Theater von Hierapolis oberhalb der Kalksinterterrassen von
Pamukkale (dem Baumwollschloss) zeigt uns den Andrang, der bei dieser
heilkräftigen warmen Mineralquelle schon im Altertum herrschte. Badefreuden.
Theater. Feiern und Orgien, was alles haben diese Mauern gesehen? Die
Gesundheit erhalten, wiedergewinnen, die Freuden und Sensationen des Körpers
zu empfinden: Ein Triumph der Diesseitigkeit; der Natur. Nach dem großen
Erdbeben in der Antike verödete der Ort. Doch bald kamen Nachfolger:
Byzantiner, Türken. Das Angebot der Natur, eine Naturweltwunder
ohnegleichen, lockt immer wieder den Mensch an diesen Ort der Leichtigkeit
und Heiterkeit. Ein weiter Blick in die fruchtbare Ebene von Denizli ...
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İzmir: Hier ist die Vergangenheit
kaum noch präsent. Überall Gegenwärtigkeit der geschäftigen
Mittelmeerhafenstadt. Uferpromenaden mit Palmen, Blick über das blaue Meer,
Lärm, Hektik ... überall: Frankreich, Spanien, Italien, Nordafrika ... auch
heute noch: das mittelmeerische Element bestimmt die Kultur. Nur die Reste
der Agora zeigen, daß tiefere historische Schichten unter der glatten
Gegenwart liegen. Das alte Smyrna ist mit dem Brand 1922 untergegangen. Die
Erinnerung wird noch wach gehalten von Abenteuerromanen des letzten
Jahrhunderts, wo sich die Orientreisenden nach Smyrna einschifften. Smyrna,
damals griechische Stadt im osmanischen Reich: Händler und Schmuggler,
Banditen und Abenteurer, politische Intrigen und Geheimdienstaffairen. Man
traf sich in Smyrna. Wer kam wieder zurück? Auch heute ist im Alltagsleben
der Stadt einiges eher mediterran als türkisch.
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Mit seiner Dynamik, seinem
zweifelhaften Ruf, hat İzmir schon lange das benachbarte Ephesus, heute Efes,
überrundet. Wer weiß noch, daß Ephesus in der Antike Geburtsort der
abendländischen Philosophie war?
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Izmir: Antik in einem anderen
zeitlichen Sinne ist das alte Frachtschiff am Kai der Stadt, gleichzeitig
Teil der Uferpromenade: gut hundert Jahre alt, in altertümlicher
Holzverplankung, mit hochgezogenem Steven und Achtersteven, an dem sich das
mächtige Holzruder befindet, das noch von Hand zu bedienen ist. Ein kleiner
Motor ist ein Zugeständnis an die heutige Zeit wie der erneuerte
Brückenaufbau. Die vielen Farbschichten übereinander bröckeln schon wieder
ab: rot, grün, blau, weiß... ein Kahn wie ein Flickenteppich. Mit einfachem
Ladegeschirr am Baum werden Baumwollballen an Bord gehievt. Der LKW am Kai
paßt sich mit seinem hohen Holzaufbau und seiner farbenfrohen Bemalung dem
Bild des Schiffes an.
Daneben: Luxuriöse Segelyachten,
Zwei‑ und Dreimaster aus edlen Hölzern; kleine Sportboote; umgebaute
Fischerboote für Kreuzfahrttörns: erwartet man diesen offensichtlichen
Reichtum unter türkischer Flagge?
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Troja, letzte Station der Reise:
Steine, Mauern, Grabungsreste vieler mühsamer archäologischer Kampagnen seit
Schliemann. Nicht die materielle Situation ist das Aufregende. Das
Aufregende entsteht in der Phantasie: Zweitausend Jahre vor Christus hatte
sich hier schon eine fortgeschrittene Stadtkultur entwickelt. Fünftausend
Jahre menschliche Geschichte. Was ist geblieben? Frage nach dem Fortschritt?
Hier das älteste bekannte Stadttor in einer Befestigungsanlage aus
mächtigen Natursteinen. Eine steinerne Rampe führt noch heute zum Durchbruch
in der Mauer. Steine, auf denen 3000 Jahre vor Christus (Troja I) Menschen
gingen, ihre Heimat und ihre Hoffnung in dieser Stadt fanden und dafür Neid
und Mißgunst bei ihren Feinden weckten, ihre Schutzbedürfnisse im Mauerwerk
ausdrückten, wie es heute noch vor uns steht, nachdem die damaligen
Feindschaften längst vergessen sind. Aufbau, Hoffnung, Angst, Vernichtung
und Wiederaufbau. Schicht auf Schicht wächst der Hügel von Troja. Eine
wechselnde Folge menschlicher Existenzen. Können wir sie in diesen Steinen
erahnen? Die Archäologie ist eine heilsame Wissenschaft: list sie doch in
der Materie den Willen des gestaltenden Menschen; sie gibt Maßstäbe aus
längst vergangen Zeiten. Der trojanische Krieg, ob Sage oder Realität:
Kriege und Brände gäbe es oft genug in und um Troja. Wie Hektor (in der
„Ilias“) um Troja herum läuft, Kampf sucht, trauert, wütet und dann doch dem
Feind erliegt... so haben Helden aller Zeiten gelebt und gelitten und sind
gestorben für Ziele, die uns heute so entrückt und nichtig erscheinen. Troja
ist nicht groß. Man kann es leicht umschreiten. Maßstäbe müssen neu gesetzt
werden. Ist Troja vielleicht als literarisches Topos wichtiger denn als
geographischer Ort? Ist die griechische Bildung, geschult an den Epen
Homers, vielleicht für die Entwicklung des Abendlandes wichtiger und
folgenreicher als die Frage nach der Realität Trojas? Wichtiger als die
Trojasuche Schliemanns? Doch unsere Phantasie braucht den materiellen
Anker. Der Blick in die Troas, ohne alle Helden und ohne trojanisches Pferd,
ernüchtert zwar, läßt aber plötzlich Geschichte möglich werden. Die
Zeitlosigkeit der Helden wird zur Zeitlichkeit menschlicher Existenz.
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