Kurzbericht
über die Studienfahrt 2005
In die Türkei...
...reiste eine Gruppe von 19 Schülerinnen und Schülern vor
allem aus den zehnten Klassen (10 a und 10 b) in Begleitung von Herrn Voigt
und von Herrn Dr. Nettelmann. Herr Büthe wurde als dritte
Begleitperson leider kurz vor Abreise krank und verfolgte etwas traurig unsere
Fahrt nach İstanbul und zu drei weiteren Zielen in Anatolien.
Nachdem wir nun am Mittwoch, 30. März 2005, wohlbehalten
und pünktlich wieder auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen gelandet sind und
außer einigen kleineren jahreszeit- und wetterbedingten Erkältungen die
Teilnehmerinnen und Teilnehmer nur ihre Müdigkeit auszukurieren hatten, möchten
wir ein erstes Résumé der Türkei-Fahrt wagen und aus unserer Sicht kurz über die
Ergebnisse berichten – in der Hoffnung, dass in absehbarer Zeit ein
ausführlicherer schriftlicher Bericht gemeinsam erstellt und publiziert und
gegebenenfalls auch auf unserer Web-Site im Internet veröffentlicht werden
kann.
Wichtiger Punkt des Programms war der Besuch der
İstanbul Lisesi, einem hervorragenden türkischen Gymnasiums mit
zweisprachigem Unterrichtsangebot in Türkisch und Deutsch, mit dem uns eine
lange Partnerschaft verbindet, die mit dem ersten Besuch 1985 begann, aber im
letzten Jahrzehnt aus verschiedenen Gründen weitgehend ruhte, wenn man von
einigen privaten Kontakten und Besuchen einmal absieht.
Die Schülerinnen und Schüler unserer Reisegruppe wurden
in Gastfamilien untergebracht und verlebten in den meisten Fällen
freundschaftliche und anregende Tage in dieser Stadt, die von Alexander von
Humboldt als „die schönste Stadt der Welt“ gerühmt worden war und auch heute,
nach explosionsartigem Wachstum denoch nichts von ihrem Reiz und ihrer
Faszination verloren hat.
Der Hinflug erfolgte mit Turkish Airlines (THY) in der
Nacht vom Freitag, 18. März, zum Samstag und führte uns über Ankara. Die
Einreise war etwas zeitraubend und stressig, da in Ankara mitten in der Nacht
Abfertigungsfehler begangen worden waren, die im Flughafen İstanbul dann
korrigiert werden mussten, wobei die Gastfamilien, die zum Abholen gekommen
waren, bis Mittag warten mussten, um ihre Schützlinge nach Hause mitnehmen zu
können.
Neben Schulbesuch und Programmen in der Familie sorgten
wir auch dafür, dass unsere Gruppe in den Tagen in İstanbul einiges von der
Stadt und ihren Sehenswürdigkeiten erleben konnten – von der Sultan Ahmed Camii
bis zum Gedeckten Bazar.
Mit einem gemieteten Midi-Bus fuhren wir dann nach
Ankara – das Museum für anatolische Kulturen / Hethiter-Museum und das
Atatürk-Mausoleum standen hier auf dem gemeinsamen Programm –, nach
Kappadokien mit einer Übernachtung in Gülşehir und der Besichtigung der
faszinierenden Vulkan-Tuff-Landschaften, deren kulturhistorische Bedeutung in
der Kürze der Zeit gar nicht angemessen gewürdigt werden konnte, und schließlich
nach Konya mit zwei Übernachtungen im Otel Tur, wo unsere Gruppen seit
zwanzig Jahren in immer gleicher Gastfreundschaft begrüßt worden sind. Konya als
altes geistiges Zentrum der islamischen Türkei in der Seldschukenzeit bietet mit
der Grabmoschee des Mêvlâna Djelladin Rûmi, des Gründers des „Ordens der
tanzenden Derwische“ und Autor eines der wichtigsten mystischen Schriften, die
weit über den Islam hinaus gewirkt haben, und den seldschukischen Bauten der
Âlaeddin-Moschee und der Medresen des dreizehnten Jahrhunderts im Stadtzentrum,
die unter dem Schutz des Welterbes der UNESCO stehen, mehr als genug Anregungen
und erinnernswerte geistige Anstöße.
Am Mittwoch, 30. März, flogen wir dann vormittags nach
Hannover zurück, wobei die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wegen
des frühen Eincheque-Termins und der schlechten Erreichbarkeit des Flughafens
die Nacht in der Flughafenhalle verbrachten.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Fahrt trotz der
eigentlich zu kurzen Zeit und dem allzu knapp kalkulierten Budget gerade auch
wegen der unermüdlichen Hilfe der Kolleginnen und Kollegen der İstanbul Lisesi
– denen wird dafür ganz herzlich danken –, aber auch besonders durch die
aktive und verantwortungsbereite Mitarbeit unserer Schülerinnen und Schüler
ein erlebnisreicher und für die Schule fruchtbarer Erfolg geworden ist. Dass
unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Gastgeber in vielen Fällen spontan zu
Gegenbesuchen in Hannover eingeladen haben, spricht für den Sinn und Wert gerade
auch der persönlichen Begegnungen im Rahmen der Arbeit einer
UNESCO-Projektschule.
Um nun auf unsere eigenen Einschätzungen zu kommen: Die
Reise war, auch wenn im Programm durch die Kürze der Zeit ebenso wie durch die
zu knappe Finanz-Kalkulation einige Abstriche gemacht werden mussten, ein
Erfolg, der für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer interessante und
erinnernswerte – wenn auch bei den Einzelnen mit unterschiedlichen
Schwerpunkten – Erfahrungen und auch im Sinne der Schule Bildungsinhalte
vermitteln konnte.
Diese Bildungsinhalte, dazu die Möglichkeit, menschliche
Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen, dazu die Wiederbelebung und der Erhalt
der seit zwanzig Jahren bestehenden Partnerschaft und Freundschaft mit der
İstanbul Lisesi, die uns vielfältige schulisch wertvolle Möglichkeiten bietet,
die Türkei als aktuelles Partnerland Deutschlands zu erleben und zu verstehen.
Die Ergebnisse ermutigen dazu hieraus wieder eine zwar sicherlich formal
offene, jedoch inhaltlich gewichtige Perspektive der Partnerschafts-Kontinuität
zu entwickeln.
Dass wir, über bestehende Freundschaften vermittelt,
auch einige wenige Gäste aus anderen Schulen mitgenommen haben, ist dabei
sicher nicht unbedingt typisch, stört jedoch die Gesamtkonzeption nicht,
gerade da auch diese Schülerinnen und Schüler versucht haben, ihre jeweilige
(z.B. Sprach-)Kompetenz zum Nutzen der Reisegruppe einzubringen.
Den pädagogischen Zielen, die hinter dieser Fahrt
standen, konnten wir sicher in Ansätzen ebenso gerecht werden, wie dem Ziel des
Wiederbelebens der Kontakte mit der İstanbul Lisesi.
Dies ist auch das Stichwort, über einige äußere Probleme
zu berichten, die ohne die unermüdliche Hilfe unserer Partnerschule und hier
vor allem der Kollegin Aftab Kaval mit Unterstützung des Leiters der
Deutschen Abteilung der İstanbul Lisesi, Herrn Schopp, von uns nicht oder
nur unter noch größeren Einschränkungen des Angebotes für unsere Schülerinnen
und Schüler gelöst werden konnten.
Auch vorherige auf verschiedenen Wegen genutzte Kontakte
in die Türkei konnten nicht in dem Maße vorhersehbar machen, dass die
Preisentwicklung in der Türkei gerade im unteren Preissektor des
Dienstleistungsgewerbes, der für uns maßgeblich war, abweichend von der
Entwicklung im Hochpreissektor des Tourismus, der im Rahmen der Konzernangebote
kontinuierlich billiger geworden ist, schneller als erwartet und in für uns
nahezu unbezahlbar gewordene Höhen gestiegen ist. Im Hotelbereich haben sich die
Preise in den einfachen Hotels im letzten Jahrzehnt um z.T. mehr als das
Vierfache erhöht, und auch im Verkehrsgewerbe sind sowohl anzumietende Busse als
auch die Linienbusverbindungen deutlich teurer geworden.
Sozial gesehen ist dies durchaus nicht unerfreulich,
wenn man an die unvorstellbar schlechten Einkommen und Ertragsbedingungen in
diesen Sektoren in vergangener Zeit denkt, so dass doch die ökonomische
Entwicklung im Sinne einer strukturellen Modernisierung sich etwas den Standards
der süd-westeuropäischen Länder angleicht. In Zukunft müssen wir bei unserer
Reiseplanung verstärkt diese Tendenzen berücksichtigen, was sicherlich auch
eine etwas längere Vorbereitungsdauer nach sich ziehen wird.
Für uns bedeutete das zunächst, dass die Option der
längeren Rundreise – aber auch aus zeitlichen Gründen! – nicht zu realisieren
war und wir uns mit einer kürzeren Rundfahrt mit den Zielen Ankara, Kappadokien
und Konya, über die wir weiter oben schon kurz berichtet hatten, begnügen
mussten. Das erste Angebot für eine Busanmietung bei der Firma, bei der wir in
der Vergangenheit unsere Kleinbusse mieten konnten, war so hoch, dass es den
kalkulierten Preis um das Doppelte überstieg. Mit Hilfe der Schule und durch
geschicktes telefonisches Verhandeln durch Aftab, konnte ein anderes Unternehmen
gefunden werden, das in seinem Angebot für einen siebenundzwanzigsitzigen Bus
mit Fahrer und ohne zusätzliche Berechnung des Treibstoffes gerade noch im
Rahmen des Möglichen blieb. Mit der Übernahme der Übernachtungs- und
Verpflegungskosten für den Fahrer mussten wir dabei ca. 1000 € zahlen.
Die Hotels, die wir auf Grund eigener früherer
Erfahrungen von İstanbul aus buchten, entsprachen dem oben genannten
Preistrend. Aftab gelang es jedoch, deutliche Gruppenrabatte auszuhandeln, da
die Saison noch nicht begonnen hatte und gegenüber einer Schülergruppe
zusätzlich die Bereitschaft zu einem ermäßigten Preis bestand. Durch die
landesübliche Zahlung in Euro konnte in einigen Fällen noch eine abschließende
Abrundung des Gesamtpreises erreicht werden. Dafür musste aber auch gesagt
werden, dass die Hotels in ihrem Service und ihrem immer noch angenehmen
Komfort – bis auf das Fehlen der Heizung in den Zimmern des eigentlich nur als
Saison-Unterkunft gedachten Hotels Kepes in Gülşehir gerade bei einer
kalten kappadokischen Nacht mit Frosttemperaturen – eine gute und angemessene
Gegenleistung für ihren Preis brachten, mit dem wir zufrieden sein konnten.
Auch nicht alle Eintritte konnten noch gemeinsam bezahlt
werden. Die Pflichtbesuche des Programms, z.B. das Hethiter-Museum in Ankara
und das Mêvlâna-Museum in Konya, wurden von uns zentral bezahlt – auch hier
wieder danken wir für die sprachliche Hilfe durch einige unserer Mitreisenden,
die damit die jeweils günstigste Preisstufe ausgehandelt haben – und haben die
jetzt doch deutlich werdende, wenn auch sicher noch erträgliche Überziehung des
Reise-Budgets noch etwas weiter erhöht.
Da wir landesüblich fast alles ohne Quittungen und
wechselnd in Euro oder neuen türkischen Lira bezahlt haben, ist eine centgenaue
Abrechnung sicherlich nicht möglich, belegen können wir sie ohnehin nicht und
sind auf das Vertrauen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und ihrer Eltern
angewiesen (das wir andererseits auch immer unserer Reisegruppe gegenüber
angewendet haben).
Was haben wir also auf unserer Türkei-Reise besucht und
gesehen? Zusammen mit unserer Reisegruppe haben wir folgende Orte als für uns
besonders interessant und erinnernswert zusammengestellt – auch wenn dies etwas
den Charakter eines kleinen „Reiseführers“ annehmen könnte:
İstanbul ist seit zwei Jahrtausenden eine der
großen Metropolen der Welt, als Byzanz und Konstantinopel
Hauptstadt Ostroms und Zentrum des griechisch-orthodoxen Christentums, als
Istanbul seit 1553 Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Alle Epochen haben
ihre baulichen Spuren neid dieser Stadt, die heute mehr als 12 Millionen
Einwohner zählt, hinterlassen. Bauwerke wie die Hagia Sophia aus dem 5.
Jahrhundert u.Z., der Sultanspalast Topkapı Saray, die großen Moscheen
Sultan Ahmed Camii und Süleymaniye Camii, aber auch der Große
Bazar gehören zu den weltberühmten Denkmälern und touristischen
Sehenswürdigkeiten, die alleine schon eine Reise lohnen. Bei unserer Reise haben
wir viele der Besichtigungen auf freiwilliger Basis angeboten, da einige
Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Stadt als türkischstämmige Schülerinnen und
Schüler schon kannten und zudem die Interessen doch sehr unterschiedlich waren.
Vieles wurde mit den Gastgeberfamilien unternommen. Vielleicht werden hier im
Abschlussbericht noch amüsante Episoden zu berichten sein. Eine große Gruppe hat
sich im Taksim-Viertel szenetypischen Freizeitangeboten zugewandt – nicht immer
ohne mahnende Worte der Gastgeber.
Wohl alle waren in der „Blauen Moschee“, der
Sultan Ahmed Camii, die zum „Pflichtprogramm“ für Touristen gehört. Bei
meinem Besuch zusammen mit dem Kollegen Nettelmann traf uns ein
nicht-lizensierter „Reiseführer“, der dann doch überrascht war, dass ich über
istanbuler Geschichte oft mehr wusste als er selbst. So kommen wir zu einer
eher persönlichen Bemerkung. Nach rund 35 Jahren regelmäßiger Besuche in dieser
Stadt entsteht doch so etwas wie ein „Heimatgefühl“ – was sich unter anderem
darin ausdrückt, dass ich (für einen Geographen unüblich) heute immer nur ohne
Stadtplan unterwegs bin.
Die interessierteren unserer Schülerinnen und Schüler
besuchten in kleineren Gruppen dann auch die Hagia Sophia, den
Topkapı Saray und den Dolmabahçe Sarayı.
Doch auch das moderne İstanbul, heute das wichtigste
industrielle und gewerbliche Zentrum der Türkei, ist ein beeindruckendes urbanes
Erlebnis. Gerade bei der Fahrt mit dem Bus in Richtung Ankara über İzmit und
Bolu zeigte uns die fast unübersehbare Ausdehnung dieser städtischen und
ökonomischen Mega-Agglomeration. Aber hier ist nicht der Ort für
geographische und soziologische Exkurse, für die İstanbul ein überaus
spannendes Objekt sein kann.
Die in der Altstadt nahe dem Großen Bazar in einem
palastähnlichen alten Gebäude gelegene İstanbul Lisesi, seit 1985 die
türkische Partnerschule der Bismarckschule Hannover, ist eines
der angesehensten Gymnasien der Türkei. Als bilinguale Schule werden
vor allem die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer in deutscher Sprache
unterrichtet. Die Istanbul Lisesi ist seit einiger Zeit ebenfalls eine
UNESCO-Projekt-Schule und pflegt intensiv Partnerschafts- und
Austauschprogramme mit einer großen Zahl deutschsprachiger Schulen.
Nach Ankara kamen wir zweimal – nicht ganz
beabsichtigt. Wegen des ungünstigen Reisetermins zu Beginn der Osterferien und
am Ende der CeBIT-Messe in Hannover waren Flugplätze direkt nach İstanbul nicht
mehr zu buchen. Als Ausweg bot sich der Umweg über Ankara an. Von dem Problem
mit der Abfertigung, die wir auf dem Flughafen Ankara unbeabsichtigt versäumt
hatten, haben wir schon kurz Notiz genommen. Dies war ärgerlich und
zeitraubend. So kamen wir Tage darauf ohne weitere Probleme mit dem Bus in die
Hauptstadt. Der kurze Aufenthalt mit einer Übernachtung im Otel Hittit im
Altstadtviertel Ulus unmittelbar unterhalb der Kale, der alten
Befestigungsanlage, bot uns dennoch einen ersten Eindruck von der Spannweite
Ankaras von den Hethitern im Museum für anatolische Kulturen bis zur
Moderne der Türkischen Republik im Mausoleum des Staatsgründers Kemal
Atatürk.
Ankara wurde mit der Gründung der Türkischen
Republik nach dem Ersten Weltkrieg durch ihren ersten Staatspräsidenten
Kemal Atatürk zur Hauptstadt erhoben. Durch die zentrale Lage in
Anatolien präsentiert sich die Türkische Republik als moderner Staat und als
Brücke wischen Ost und West. Die heute auf mehr als 8 Millionen Einwohner
angewachsene Stadt ist vor allem ein modernes Verwaltungszentrum mit
großzügigen Straßenzügen und internationalen Geschäftsvierteln. Doch ist
Ankara auch eine sehr alte Siedlung, die bis auf die altorientalische
Hethiterzeit zurückgeht. Bauliche Überreste von Angora bzw. Ankyra
finden sich aus hellenistischer und römischer Zeit, z.B. der Tempel des
Augustus und der Roma, und vor allem im Burgbezirk (Kale) aus der Zeit des
Osmanischen Reiches. Sehenswert ist das Mausoleum des Staatsgründers
Atatürk, das auf einem begrünten Hügel über der Stadt liegt und als
nationales Ehrenmal dient.
Sehr bald am nächsten Tag ging die Fahrt dann weiter
nach Kappadokien mit einer Übernachtung im Kepes Otel in
Gülşehir, das als moderne, großzügige Anlage auf dem Hügel über der Stadt
gelegen ist und damit fast den Charakter einer Burg einnimmt. Kappadokien
ist eine der natur- und kulturgeographisch reizvollsten, ja spektakulärsten
Landschaften der Türkei und wohl einmalig auf der Welt. Zehntausende
vulkanische Tuffkegel, im Tertiär durch Ausbrüche der Vulkane Erciyes Dağı
im Osten bei Kayseri und Hassan Dağ im Westen bei Aksaray und
Nevşehir entstanden, schaffen eine tief zerfurchte fast unwirklich
erscheinende Landschaft, in deren Tälern Obst-, Gemüse- und Weinanbau zu
finden sind. Bis heute graben die Menschen der Dörfer Kappadokiens Wohnhöhlen
in den weichen Tuff. Die ältesten Höhlensiedlungen stammen aus der Bronzezeit
(Zelve). Berühmt sind vor allem die schmuckvoll ausgemalten
frühchristlichen Höhlenkirchen und -klöster bei Göreme. Die Rundfahrt war
leider nur sehr kurz – über die Gründe haben wir schon berichtet – und endete
wie jedes Mal mit dem Wunsch, doch länger zu bleiben oder zumindest bald wieder
zu kommen!
Die Weiterfahrt erfolgte durch das tafelglatte
Steppenbecken zwischen Ankara, Kappadokien und Konya, in dessen Mitte der große
Salzsee Tuz Gölü liegt. Die Ost-West-Straße, der wir hier folgen, gehört
zu den uralten Heerstraßen, die schon Assyrern, Hethitern und anderen
altorientalischen Völkern und Heeren ebenso gedient hatten wie später Alexander
dem Großen und den imperialen Römern. In der Zeit der Seldjuken gehörte das
Gebiet zwar formal noch zu Byzanz, wurde aber von den muslimischen
Seldjuken-Sultanen beherrscht, die hier ein Netz von gesicherten Handels-,
Pilger- und Heerstraßen durch ganz Anatolien bis hin in den Iran anlegten, die
mit regelmäßigen befestigten Karawansereien, den Sultanhanı, den Reisenden
nächtlich Schutz und Unterkunft boten. Wie bei nahezu allen unseren Reisen durch
Anatolien besuchten wir das eindrucksvoll restaurierte Sultanhanı Aksaray,
eines der größten Bauten dieser Zeit. Über meine Erlebnisse vor über dreißig
Jahre in diesem Ort habe ich an anderer Stelle berichtet.
Zentrum der seldjukischen Kunst und Macht im 12. und 13.
Jahrhundert u.Z. war Konya. In dieser Zeit gründete der Philosoph und
Dichter Djelladin Rûmî hier den islamisch-mystischen Orden der
„Tanzenden Derwische“, die einen spirituellen und dabei weltoffenen und
liberalen Islam verbreiteten. Dieser „verehrte Lehrer“, Mêvlâna, wurde
am Ort seines Wirkens begraben. Die „Tekke“ des Mêvlâna mit ihrem
grünen Zeltdach wurde zum Wahrzeichen Konyas. Sie ist heute nicht nur Museum
sondern weiterhin Pilgerstätte für viele Muslime und auch Mystiker aus anderen
Kulturkreisen. Neben dem Mêvlâna, wie heute auch das Gebäude selbst
genannt wird, finden wir in Konya wichtige Bauwerke aus der Seldjuken-Zeit – die
Âlâeddin Camii, die Ince Menare und die Karatay Medrese –,
die zum UNESCO-Welterbe der Kultur zählen. Seit dieser Zeit ist Konya ein
geistiges, islamisches Zentrum der Türkei und gilt daher als eher
konservative Stadt. Hier wurde schon vor Jahrzehnten die erste islamistische
Stadtregierung gewählt, was auch als Protest gegen die Übermacht Ankaras und
Istanbuls zu werten ist. Bemerkenswert ist aber, dass Konya mit seinen ca.
500.000 Einwohnern heute eine der modernsten und städtebaulich gepflegtesten
türkischen Städte ist. Elendsviertel (Gecekondus) wie in den Metropolen gibt es
hier nicht; die Stadt ist heute eher wohlhabend. Im letzten Jahrzehnt wurde ein
umfangreiches kommunalpolitisches Erneuerungsprogramm mit dem Bau einer
Stadtbahn, der Errichtung einer ökologischen Kläranlage, der Erneuerung der
Trinkwasserversorgung und mit einem umfangreichen Programm zur Nutzung der
Solarenergie in den Wohnhäusern zur Warmwasser- und Stromerzeugung
durchgeführt. Dabei spielten gute Kontakte zu deutschen Hochschulen und Firmen
eine große Rolle. Konya kann für uns willkommener Anlass sein, sich neue
Gedanken über die Möglichkeiten der Modernisierung in einem „Schwellenland“
wie der Türkei vor dem Hintergrund seiner traditionellen Kultur zu machen. In
wichtigen Aufsätzen können die Modernisierungsprozesse in der Türkei als
Beispiel für das historisch-soziologische Modell des nation building in
den Regionen der „Semiperipherien“ dienen.
Unsere Gruppe war wieder im Otel Tur
untergebracht, deren Besitzer Mustafa und Kadir Akseki ich jetzt seit zwei
Jahrzehnten kenne. Das Hotel ist klein und hat mit vierundzwanzig Betten in
Zwei- bis Vierbettzimmern gerade so viel Platz, unsere Gruppe unterzubringen.
Die Lage ist ideal in einer kleinen Seitenstraße direkt mit Blick auf das
Mêvlâna. Der Umgang ist familiär-freundlich und, da ich zu den ersten Gästen
nach der Eröffnung gehörte, fast familiär. Ich werde es wohl nicht versäumen, im
Rahmen von Türkei-Reisen Konya und das Otel Tur zu besuchen…
Doch sollte unser erster Reisebericht hier enden, um für
spätere Gelegenheiten eines umfangreicheren gemeinsamen Berichtes noch Raum für
die vielen großen und kleinen Erlebnisse zu lassen und insbesondere auch die
Erlebnisperspektiven der Schülerinnen und Schüler zu Wort kommen zu lassen.
Wir können jetzt nur hoffen, dass auch die
Einladungen zu Gegenbesuchen aus İstanbul in Hannover erfolgreich organisiert
werden können und dass der weitere Kontakt zu unserer Partnerschule nach dieser
so erfolgreichen Reise nicht wieder einschläft, sondern weiter mit Leben gefüllt
werden kann. Auch hoffe ich, dass sich in den nächsten Jahren auch für mich
persönlich wieder eine Gelegenheit ergibt, mit einer interessierten Gruppe die
Türkei zu besuchen.
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