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Gerhard Voigt
Ein Jahrzehnt
Türkeipartnerschaft
(Langfassung aus unserer Buchpublikation)
Ein Bericht über die Partnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der
Istanbul Lisesi 1985 bis 1996 im Rahmen der Arbeit einer
UNESCO-Projekt-Schule
Mit dem Reisebericht der Türkei-Studienfahrt
der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im Frühjahr 1996
(11.-28.05.96)
Ein Jahrzehnt Türkeipartnerschaft
Ein Rückblick
Es ist eine reizvolle, wenn auch nicht immer einfache
Aufgabe, zu jedem der bisher fünf Reiseberichte von Reisen in die Türkei im
Rahmen der Schulpartnerschaft der Bismarckschule Hannover mit der Istanbul
Lisesi ein neues, gehaltvolles, informatives und doch originelles Vorwort zu
schreiben, das sich nicht auf eine reine Wiederholung bisheriger Aufsätze
beschränkt. Vor dieser Aufgabe stehe ich nun wieder. Durch die lange
Verzögerung, mit der die einzelnen Berichte unserer Teilnehmerinnen und
Teilnehmer zur redaktionellen Zusammenstellung bei mir eingingen – die Reise
fand ja schon in über Himmelfahrt und Pfingsten des nun zur Neige gehenden
Jahres 1996 statt – wird dieses Bemühen um eine „Vorwort" eher zu einer
allgemeineren Reflexion und Rechenschaft über das vergangene Jahr und über
die Kontinuitäten der Reisen und der Begegnungen mit dem Fremden, der
Fremde, die im Laufe der Zeit zur heimatlichen Nähe wird, damit auch zu
einem Angebot zum gemeinsamen Erinnern und Nachdenken an die, die diesen Weg
begleitet haben, ihre Hoffnungen auf ein neues Verhältnis zur Welt gesetzt
und aktiv an den vielen Vorhaben der vergangenen Jahre beteiligt waren –
schlicht gesagt: an unsere Freunde und „Mitstreiter", und natürlich auch an
die Reisegruppe selbst, der die Erinnerung an gemeinsames Erleben noch
frisch und unmittelbar gegenwärtig ist – in der Hoffnung, dass vieles vor
dem Lauf der eigenen Biographien Bestand und Wert haben möge.
Das ist diesmal noch wichtiger und schwieriger, da mit
dem Besuch in Istanbul 1996 das zweite Jahrzehnt unserer Partnerschaft und
der Türkeiarbeit unserer Schule begann und es die Aufgabe dieses Heftes sein
soll, nicht nur über diese eine Reise zu berichten, sondern ein erstes
Résumé der Türkeikontakte und der Schulpartnerschaft im Rahmen der Arbeit
einer UNESCO-Projekt-Schule herzustellen, zu fragen, wie es begann, welche
Ziele und Überlegungen am Beginn dieser Arbeit standen – zu diesem Zweck
werden wir einen lange vergriffenen Text von 1990, der damals eine erste
Zwischenbilanz der Schulpartnerschaften und der ›Arbeit einer UNESCO-Schule‹
zog, nachfolgend wieder abdrucken – und zu fragen, was denn bisher
tatsächlich geschafft und bewegt worden ist: um Fixpunkte für die Ziele der
zukünftigen interkulturellen Arbeit unserer Schule zu stecken.
Der erste Blick auf die heutige Situation ist
zwiespältig, eher pessimistisch. Während sich in der Istanbul Lisesi vieles
seit 1985 bewegt hat, die Schulpartnerschaften einen zunehmend wichtigeren
Stellenwert einnehmen und immer deutlicher auf die Bildungsziele der Schule
ausstrahlen – durchaus bewusst als Gegenbewegung zu retardierenden Momenten
der türkischen Bildungspolitik und der problematischen Entwicklungen in der
Türkei –, ist an der Bismarckschule Hannover eher Rückschritt zu
verzeichnen. Vom Aufbruch zu neuen Bildungskonzeptionen, wie sie bei
Colloquien und Veranstaltungen in der Schule in der zweiten Hälfte der 80er
Jahre aufschienen, als der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., gegründet und interkulturelle
Projektveranstaltungen mehrfach mit großem Erfolg durchgeführt worden waren,
ist wenig übrig geblieben; Resignation bei vielen Kolleginnen und Kollegen
greift um sich, wenn im Kollegium, wie zunehmend in der Schüler- und
Elternschaft der Interkulturellen Bildung zuwider laufende Stimmungen und
Einstellungen dominieren, die unterschwellig sogar fremdenfeindliche
Haltungen und Motive erkennen lassen, die einer UNESCO-Projekt-Schule nicht
würdig sind.
Vor diesem Hintergrund stehe ich vor einer schwierigen
Aufgabe. Wieder könnte und sollte ich von den Zielen und Aufgaben der
UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule berichten, die längst noch
nicht im Bewusstsein der Schulöffentlichkeit von Schülerinnen und Schülern,
Kolleginnen und Kollegen und der Elternschaft die Bedeutung, Bekanntheit und
den Rang einnimmt, den sie haben sollte – gerade in der gesellschaftlichen
Umbruchsituation hin zur Globalisierung und Universalisierung von Politik,
Sozioökonomie und Alltagskultur mit allen ihren den Einzelnen zutiefst
betreffenden Folgen...
Wieder könnte und sollte ich von den besonderen
Probleme der Türkei und den deutsch-türkischen Verhältnissen sprechen, deren
aktuelle Auswirkungen und Risiken ständiges Thema der tagesaktuellen Medien
wie aller an Friedenspolitik und Menschenrechten interessierten Demokraten
ist.
Vor allem auch, weil ich mich selbst in den vergangenen
Jahren vertieft mit der Soziologie und Geschichte der türkischen
Gesellschaft wissenschaftlich befasst habe und dieses Thema – auch in
Hinblick auf das verallgemeinernde Thema der Problematik der Entwicklung von
Staatsgesellschaften im Kontext mit dem ›nation building‹ und der
Ethnogenese in den Ländern der ›Semiperipherien‹, was übliche, am
mitteleuropäischen Modell orientierte »Selbstverständlichkeiten« und
Überzeugungen über die Zusammenhänge von Staat und Gesellschaft fragwürdig
werden lässt – immer faszinierender finde und es auch in einigen kleinen
Aufsätzen zusammengefasst habe...
In den Semiperipherien entscheidet sich mittelfristig
die Zukunft des heutigen Weltmodelles, die Chancen für Frieden oder das
Überborden regionaler Konflikte, die ökonomische Entwicklung im Rahmen der
Globalisierung wie der Möglichkeit der Universalisierung sozialer
Mindeststandards und der Menschenrechte: als letztlich auch unsere eigene
Zukunft!
Länder der Semiperipherien erproben eine Vielzahl von
Entwicklungsmodellen und Überlebensstrategien. Die osteuropäischen Länder
wie Polen und Ungarn sind auf dem Weg zur Integration in die
ökonomisch-politischen Zentren, konkret in den Verbund von NATO und EU, die
südostasiatische Tigerländer versuchen die rein ökonomische Entwicklung mit
der Integration in die globalisierte Weltwirtschaft aber der geschlossenen
politisch-gesellschaftlichen Entwicklung, Länder in Südamerika versuchen die
Balance zu halten zwischen ökonomischem Wachstum, politischer Anlehnung an
die industriellen Zentren und einem eher improvisierten Umgang mit den sich
abzeichnenden sozialen und ökologischen Katastrophen, die arabischen Länder
und Iran schwanken zwischen ökonomischer Integration in den Weltmarkt und
politisch-kultureller Zugehörigkeit zu einer »Ablehnungsfront«, während die
Türkei den traditionellen europäischen Nationalismus und Laizismus
übernommen hat, damit aber nur vordergründig ein ›westliches Staatsmodell‹
entwickeln konnte, das durch typische Prozesse der Ethnogenese und
Nationenbildung konfliktreich überlagert wird. In allen Fällen sind jedoch
auf der einen Seite global relevante ökonomische Potentiale, auf der anderen
Seite überregional bedrohliche Konfliktpotentiale in den semiperipheren
Regionen verortet, auf die die europäischen Länder, auf die wir selbst eine
Antwort finden müssen.
Einen kleinen Einblick in die Arbeit an diesem Thema,
dessen historische Dimension besonders aufschlussreich ist, möchte ich auch
den Lesern und Leserinnen dieses Reiseberichtes mit dem Abdruck eines
kleinen Aufsatzes über die Geschichte der Reformbewegungen in der Türkei,
vor allem in der Zeit des Osmanischen Reiches in der ›Tanzimat‹-Epoche des
19. Jahrhunderts geben. Diese Zeit wart Wurzel und Ausgangspunkt der
Reformen der ›Jungtürken‹ zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die wiederum
Fundament der türkischen Republik unter Kemal Atatürk nach dem Ende des
Sultanats im Ersten Weltkrieg waren.
Zurück zur Einleitung dieses Heftes. Zu leicht vergisst
man ja, dass in einer langen Folge von Reiseberichten ja immer wieder andere
Reiseteilnehmer, immer wieder andere Leserinnen und Leser auch der Berichte
in die Türkei-Arbeit der Bismarckschule Hannover integriert wurden. Schon in
der Gestaltung der Reiseprogramme ist darauf zu achten, dass ein
Grundbestand an Erfahrungen, Erlebnissen und Besichtigungen für diejenigen,
die zum ersten Male die Türkei besuchen, notwendiger Bestandteil der Planung
sein muß, auch wenn er in jeder Reise wieder auftaucht. Für die jeweilige
Reisegruppe sind diese Erfahrungen neu, einprägsam und notwendig. Für die
Leserinnen und Leser der Reiseberichte kann daher auch nicht auf die
notwendigen Grundinformationen verzichtet werden, müssen die Fragen
beantwortet werden, die jedes Mal aufs Neue gestellt werden...
Es ist dies ein Grundproblem der Lehrerexistenz, vor
allem, wenn Lehrersein nicht nur als Abspulen immer der gleichen
Lehrprogramme und Unterrichtsstoffe verstanden wird, sondern die einmalige
Lern- und Kommunikationssituation mit den Schülerinnen und Schüler im
Vordergrund stehen soll, in der sich eigene Langeweile sehr schnell auf die
Lernmotivation der ganzen Lerngruppe überträgt – was letztlich auch auf der
x-ten Wiederholung einer standardisierten Türkeireise passieren könnte!
Jahrelang in immer den gleichen Fächern und Klassenstufen zu unterrichten,
führt zu einer »Professionalisierung«, die von Erfolgen und Misserfolgen
gelernt hat und dazu verführt, beim »Bewährten« stehen zu bleiben und die,
in früheren Zeiten zwangsläufigen, suchenden und erprobenden, riskanteren
Unterrichtsabenteuer, die erst das Lernen interessant und motivierend machen
können, zu meiden: nicht aus Faulheit und Risikoscheu – wenn es das
sicherlich auch geben sollte –, sondern aus der gut gemeinten Überzeugung,
das Falsche nicht zu tun!
Damit verliert der Beruf selbst seinen Reiz und die
Chance, selbst weiter zu lernen – und wer nicht lernt, ist geistig tot.
Vielleicht hängt davon, unbewusst, auch der Eindruck vieler älteren
Kolleginnen und Kollegen zusammen, dass die Schülerinnen und Schüler von
Jahrgang zu Jahrgang weniger leistungsfähig oder sogar ›dümmer‹ würden; in
Wirklichkeit wächst nur die Diskrepanz zwischen Schülerinnen und Schülern in
immer wieder gleichen Alters- und Entwicklungsstufen und dem eigenen Alter,
der eigenen Erfahrung und »Professionalität« – ...habe ich das nicht schon
so oft gesagt, und sie haben es immer noch nicht gelernt... Nein das waren
vergangene Jahrgänge, mit denen ich das immer gleiche Problem bearbeitet
hatte...
Manchmal mag es auch subjektiv schmerzhaft sein, wenn
die eigene Freude am Neuen immer weiter zurück liegt und wenn ich dabei die
Freude und die Überraschung der Jüngeren beobachte, die alles nun zum ersten
Mal erleben.
So geht es auch bei unseren Türkeireisen. Wie viele es
bis heute waren, müsste ich erst einmal nachzählen, wobei eigene Reisen ohne
Schülerinnen und Schüler noch dazu kommen: zumindest waren es fünf Reisen im
Rahmen unserer Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi, die jeweils mit
einem Aufenthalt in Istanbul begannen und dann eine Rundfahrt durch die
Mittel- und Westtürkei, Ankara, Konya und Kappadokien, anschlossen.
Sehr deutlich wurde mir dieser Wiederholungscharakter
fast schlagartig, als wir bei unserer letzten Reise zum Empfang bei Mahir
bey, dem Direktor der Istanbul Lisesi, waren; die Schülerinnen und Schüler
etwas beeindruckt vom großen, repräsentativen Amtszimmer – fast im
klassischen Sinne des Amtes als Autorität und Ehre –, auch etwas distanziert
und gelangweilt, weil die deutsche Alltagskultur gerade auch der Jugend
diese Form der Amtsrepräsentanz mit wachsender Distanz und emotionaler
Ablehnung wahrnimmt – übrigens, wie wir beobachten konnten, ähnlich und
zunehmend auch bei den türkischen Schülerinnen und Schülern zumindest in
unserer Partnerschule: sehr zum Kummer der türkischen Bildungsideologie –,
daneben wiederum andere jüngere türkische Kolleginnen und Kollegen, die bei
unserem letzten Besuch noch nicht dabei waren, aber gerade auch für die
Übersetzungen gebraucht wurden, dazu Frau Kadriye Ardiç, die als
Subdirektorin und Deutschlehrerin für die Schulpartnerschaft zuständig ist:
Mahir bey und ich in einem jetzt schon erprobten Ritual der Begrüßung und
des gegenseitigen Dankes gegenüberstehend bzw. -sitzend – wobei beides sehr
ernst gemeint und herzlich ausgesprochen wurde und als notwendig für die
Kontinuität der Partnerschaft zu werten war. Es überkam mich wie ein
Déjà-vu-Erlebnis und blockierte dann die Flüssigkeit der ewig wiederholten
Floskeln; ich musste mich selbst herausnehmen, Istanbul war ja für mich
nicht mehr fremd und neu, es war ein fast vertrautes Wiedersehen, bei dem
zunehmend auch kleinere Veränderungen und Entwicklungen wahrgenommen und
registriert, Stimmungen und Hoffnungen erfüllt werden, es war eher eine
Rückkehr.
Und damit wird dieser Ort zu einem Teil auch so etwas
wie eine Heimat. Zweierlei wurde bei diesem Aufenthalt in Istanbul und in
der Türkei deutlich: die Erkenntnis, so vieles noch nicht zu wissen, noch
nicht gesehen und noch nicht verstanden zu haben – die Neugier wurde
konkreter, zielgerichteter, die Fragen präziser – und andererseits – auf der
spontan bewusst gewordenen oberflächlichen Ebene –: ich habe auf meinen
Gängen durch das Zentrum von Istanbul keinen Stadtplan mehr bei mir gehabt
und auf unserer Rundreise durch Westanatolien brauchte ich kaum je eine
Autokarte, die bei früheren Reisen tägliches Instrument der Routenplanung
und der Orientierung war, um unserem Busfahrer den Weg zu unserem nächsten
Ziel zu weisen.
Nun, vielleicht ist dies jedoch etwas übertrieben:
Meine ursprünglichen Besichtigungswünsche waren, wenn auch gleich mit etwas
Skepsis formuliert, nicht ganz so zu realisieren. In der zur Verfügung
stehenden Zeit war ein eigentlich gewünschter Abstecher zur
Schwarzmeerküste, der mit Passfahrten verbunden wäre, nicht möglich. Das
zeigte noch in Istanbul intensiveres gemeinsames Kartenstudium. Aber bis zur
berühmten Ausgrabungsstätte der Hethiterhauptstadt Hattuša (Bogazköy), die
ich bislang noch nicht besucht hatte, konnten wir unsere Rundreise auf dem
Weg von Ankara nach Kappadokien doch ausdehnen.
Solche kleinen Modifikationen eines an sich bewährten
Reiseprogramms, nur möglich durch die fast unübersehbare Fülle der
geschichtlichen und kulturellen Sehenswürdigkeiten der Türkei, deren
kulturelle Wurzeln gut acht Jahrtausende zurückreichen und für die
Mitteleuropa ein junger Kontinent ist – geschweige den die historische
›Eintagsfliege‹ Nordamerika –, und unter Berücksichtigung der berechtigten
Ansprüche der Reisegruppe, zu den wirklich zentralen Erlebnisorten in
Istanbul, in Kappadokien und an der Ägäisküste geführt zu werden, sind keine
selbstsüchtigen Wünsche, auch etwas Neues zu erleben, sondern ein
›Medikament‹ gegen die Erstarrung in professioneller Routine,
Reiseleitermentalität oder das Erstreben eigenen Engagements und der eigen
Neugier.
Ein weiterer solcher Ort war diesmal das von mir
erstmals besuchte römisch-hellenistische Aphrodisias westlich von Denizli in
der Nähe des zuvor besuchten Pamukkale. Das fügte sich fachlich-inhaltlich
für die Begleiter sehr gut, da wir in Istanbul die große Chance und Freude
hatten, durch Herrn Türkoälu, den Mann der Kollegin der Istanbul Lisesi, die
unseren Aufenthalt betreute und die vorangegangene türkische Reisegruppe
nach Hannover begleitet hatte, einen fachlich überaus kompetenten
Gesprächspartner gefunden zu haben, der im Laufe der Zeit nacheinander
Museumsdirektor in Ephesus, in der Hagia Sophia und im Topkapı Sarayı
gewesen und jetzt ›Gründungsdirektor‹ des neu der Öffentlichkeit zugänglich
gemachten Yıldız Sarayı aus dem 19. Jahrhundert geworden ist. Mit ihm
konnten wir mehrere Museen besichtigen und, vor allem im Archäologischen
Museum am Gülhane Park eine interessante ›Privatführung‹ durch die
Antikensammlung erleben, während der wir auch mit der künstlerischen und
historischen Bedeutung der Bildhauerschule von Aphrodisias konfrontiert
wurden. Der besondere lachsrote und lebendig gemaserte Marmor in Aphrodisias
machte die Statuen aus diesem Ort im ganzen römischen Imperium bekannt. Eine
Art Serienfertigung konnte nachgewiesen werden, in der Standardstatuen ohne
Kopf z.B. nach Rom transportiert wurden, um dort mit nachträglich
gefertigten Porträtköpfen der Senatoren und Aristokraten, Militärs und
Konsuln versehen zu werden. In Kleinasien löste die Aphrodisias-Mode die
führende Rolle von Ephesus und anderen lokalen Bildhauertraditionen ab.
So komme ich doch wider auf meine Eingangsüberlegungen
zurück. Ich kann nach einem Vierteljahrhundert Türkei-Erfahrungen nicht mehr
die gleiche Unbefangenheit und naive Überraschung bei einer neuen
Türkeireise beschreiben, die für unsere Schülerinnen und Schülern
wesentliches Element des Erlebens sind. Dazu ist die Türkei bei aller
differenzierten Kenntnis zu sehr Teil des eigenen Lebensentwurfes, das heißt
auch in gewisser Weise: Heimat geworden. Manchmal träume ich davon, ob nicht
nach meiner Pensionierung, die in etwas über einem Jahrzehnt ja schon recht
unübersehbar näher kommt, ein kleines Häuschen auf der asiatischen Seite des
Bosporus nicht eine verlockende Perspektive für den Lebensabend wäre, mit
der Möglichkeit ruhigen literarischen und wissenschaftlichen Arbeitens,
unterbrochen vor Reisen durch den Nahen Osten, mit meinen türkischen
Freunden... Aber ob wohl meine Frau dabei mitmacht? Aber träumen ist
erlaubt...
Ich denke jetzt daran, wie ich selbst zum ersten Mal
die Türkei bereist habe, 1970, auf der Durchreise nach Iran. In meinem
Geographiestudium hatten vielerlei Zufälle, die man auch als Schicksal,
zumindest als in den Auswirkungen persönlich prägendes Schicksal, bewerten
könnte, früh zu einer besonderen Beziehung und zu besonderem Interesse am
Nahen Osten als geographischem Raum und der islamisch-arabischen Kultur als
Geschichtsraum geführt. Der wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkt des
geographischen Instituts der Technischen Hochschule Hannover – so hieß die
Universität zu meinem Studienbeginn noch, um dann sehr bald zur Technischen
Universität umzufirmieren – lag zu jener Zeit bei der »Afrika-Abteilung«,
von der aus eine intensive Untersuchung und Kartierung des Maghrebs –
Marokko, Algerien, Tunesien – betrieben wurde und auch Sahara-Durchquerungen
erfolgten. So bot sich mir nach dem zweiten Studiensemester die einmalige
Gelegenheit, zusammen mit dem damaligen Dozenten Dr. Achenbach, heute
Ordinarius in Kiel, mich 1967 zwei Monate an Kartierungsarbeiten im
algerischen Saharaatlas, Aurés und Djebel Nemencha, zu beteiligen. Das
geschah im Rahmen eines Programms der DFG zur Erstellung des
»Afrika-Kartenwerkes«. Vierzehn Jahre später habe ich dann mit Schülern in
einer Ferienreise den Maghreb wieder besuchen können.
Anders als das zunächst naturgeographische Interesse,
das auch noch meine Teilnahme an den Nordafrikaforschungen der Tradition des
Instituts entsprechend bestimmte, orientierte ich mich bald darüber
hinausgehend vor allem auch an den historischen und kulturellen Traditionen
des arabisch-islamischen Raumes. Das wurde noch gestützt durch
Freundschaften mit in Hannover lebenden Persern. Die soziale und politische
Situation im Nahen Osten wurde für mich seither zum zentralen
Frage-Gegenstand. Das ist durchaus kein Zufall, da das zweite Studienfach
Politologie mit soziologischem Schwerpunkt und das persönliche politische
Engagement in der Sozialdemokratie und der Gewerkschaft wesentlicher
Bestandteil eigener Identität geworden war. In der politische Arbeit der
Jungsozialisten Anfang der Siebziger Jahre konzentrierte ich mich
konsequenter Weise auch auf die Fragen der Ausländerpolitik und der
interkulturellen politischen Kontakte – mit einer Konsequenz, die mich
schnell auch in innerparteiliche Konflikte trieb.
Vor diesem Hintergrund lag es für mich nahe, meine
Examensvorbereitungen 1970 auch auf Themen aus dem Nahen Osten zu
konzentrieren. Eine Einladung in den Iran durch meine persischen Freunde gab
dann den Ausschlag, ein Untersuchungsprojekt in Zentraliran, in der Provinz
Fârs um Shiraz in Angriff zu nehmen. Mein Freund Djalil Mostafawi, Student
der Tiermedizin in Hannover, den ich bei Ferienjobs bei der Straßenbahn
Hannover kennen gelernt hatte, und der als politischer Flüchtling vor dem
Šah-Regime schon ein Jahrzehnt in Hannover verbracht hatte, knüpfte für mich
Kontakte in Eghlid, einer ländlichen Kleinstadt zwischen Esfahan und Shiraz,
zu seiner Familie, die bei der Arbeit in Iran sehr hilfreich wurden.
Sein Schicksal ist bezeichnend für die politischen
Tragödien im Nahen Osten unserer Zeit. Als Anfangssemester an der
Universität geriet er in die damaligen Anti-Šah-Demonstrationen, gelangte
auf die Schwarze Liste der SAVAK und floh mit Unterstützung seiner Familie
nach Deutschland, wo er, fast ohne Kontakt mit der Heimat, finanziell und
familiär ganz auf sich gestellt war. Elf Jahre wagte er nicht, Iran zu
besuchen, und schickte mich als eine Art ›Kundschafter‹ zu seiner Familie,
um vertraulich das eventuell noch bestehende Risiko einer Rückkehr zu
erfragen.
Nachdem ich 1970 und 1974 zwei Mal in Iran gewesen bin,
wagte er die Heimkehr und kam, nach der Habilitation in Hannover, schnell zu
einer angesehen Professur zur Geburtshilfe des Rindes in Tehran. Nach Heirat
und Familiennachwuchs kam 1978/79 die Islamische Revolution in Iran, von ihm
wie von vielen Liberalen und Linken gewünscht und mit getragen, die sich
eine westlich-demokratische Orientierung erhofften. Die politische
Entwicklung ist bekannt. Mit Khomeini kam eine islamistische
Grundorientierung der Bigotterie und Intoleranz, die eine weitere politische
und akademisch-berufliche Arbeit in Iran für Demokraten wieder unmöglich
machte. Mein Freund mußt das Land mit seiner Familie wieder verlassen und
hatte noch das große Glück, aus vorangegangener Zeit über einen in den USA
naturalisierten Vetter ein Anrecht auf eine ›greencard‹, d.h. auf eine
Aufenthaltsberechtigung mit der Möglichkeit der späteren Naturalisierung, zu
besitzen. Denn Deutschland hätte ihn nicht wieder aufgenommen, trotz seiner
jahrelangen Verwurzelung in diesem Lande. Auf der Durchreise musste er
dennoch in der Bundesrepublik Deutschland Station machen, um im
amerikanischen Generalkonsulat in Frankfurt am Main die notwendigen
Reisepapiere zu erhalten, da er mit fingierten getrennten Einladungen von
seiner Familie getrennt reisen musste, um überhaupt in Tehran einen Pass
bekommen zu können. Das war dann auch das letzte Mal, dass ich mit ihm
persönlich zusammengekommen bin... In den USA fand er dann wechselnde
tierärztliche Jobs in San Diego und im Mittleren Westen, weit unterhalb
seiner eigentlichen wissenschaftlichen Qualifikation und Reputation. Wir
leben in einem Jahrhundert der Flüchtlinge, der abgebrochenen Biographien
und der Flüchtlingstragödien. Es nutzt nichts, vorübergehend davor die Augen
verschließen zu wollen, das Land abzuschotten und eine Wagenburg Europa
errichten zu wollen, Schuld, Verantwortung und Not werden uns wieder
erreichen und uns unerbittlich mit der eigenen ethischen Norm konfrontieren.
Zurück zur eigenen, privilegierten Biographie und der
Verantwortung, die eine solche aufbürdet. Es bot sich also 1970 an, die
schriftliche Examensarbeit im Fach Geographie mit einer Reise und einem,
privat organisierten und finanzierten Forschungsaufenthalt in Iran zu
verbinden, vom Institut erfreut begrüßt und ideell unterstützt. Das
Forschungsthema war eine Untersuchung der naturgeographischen
Voraussetzungen des Lebensraumes in Südwest-Persien, etwa zwischen Esfahan
und der Küste des Persischen Golfes. Ein befreundeter Kommilitone, Wilfried
Eilers, heute Lehrer in Salzgitter, vervollständigte das Zweierteam. Er
übernahm dann für seine eigene Staatsexamensarbeit die
wirtschaftsgeographische Untersuchung des gleichen Raumes. Eine solche
vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit ist eine Erfahrung, die
›wissenschaftliche Einzelkämpfer‹ unbedingt machen sollten, auch um die
grundsätzliche Beschränktheit nicht-dialogischen Arbeitens zu erkennen. Die
Erfahrung der integrativen Zusammenarbeit legt damit auch die Fundamente für
eine diskursorientierte Lern- und Unterrichtskonzeption.
So versuchten wir, eine möglichst umfassende Kenntnis
des Raumes und der Orte Südwestpersiens zu erarbeiten oder zu erfahren – im
wörtlichen Sinne mit einem alten VW-Variant –, und wir genossen in vielen
Städten die herzliche Freundschaft der vielen Bekannten und Verwandten von
Djalil. Doch diese Reise wäre Thema eines eigenen Buches und
Erlebnisberichtes. Hier sollen diese Reminiszenzen nur einen persönlicheren
Zugang zu unserer Türkei-Arbeit, zu unserem Arbeitsschwerpunkt Naher Osten
eröffnen, um auch zu zeigen, dass Themen- und Arbeitsschwerpunkte auch im
schulischen Zusammenhang mehr sind als Rahmenrichtlinien-Vollzug und
nüchternes pädagogisches Kalkül, sondern in biographische Kontexte
eingebunden sind. Dieser betonte Erfahrungs- und Erlebnischarakter der
Themenvermittlung ist nun nichts anstößiges, sondern soll Bildungsprozesse
anstoßen, die die Persönlichkeit berühren und nicht nur Wissen vermitteln.
Hier liegt auch ein Wesenszug der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit, dem sich die
Bismarckschule verpflichtet weiß.
Kaum zu beschreiben ist der tiefe und unvergessliche
Eindruck der ersten Ankunft in Iran. Die Grenze liegt auf einem einsamen
Gebirgspass, in einer kahlen, schroffen und dunklen Hochgebirgssteppe
zwischen Doğubayazit auf der türkischen und Maku auf der iranischen Seite.
Linkerhand wird diese Hochfläche überragt von dem gewaltigen, noch im Sommer
schneekappenbedeckten Doppelgipfel des Ararat, der sich bei unserer Ankunft
in Wolken verhüllte. Religiöse Schauer hat der Reisende jedoch nicht zu
befürchten, jedenfalls nicht in der biblischen Tradition, da die Zuweisung
der biblischen Geschichte von der Sintflut und der Strandung der Arche auf
dem Ararat auf einem Übersetzungsmissverständnis beruht. Die biblische
Geschichte meint einen im Namen ähnlich lautenden Hügelzug in Mesopotamien,
während das Araratmassiv seinen Namen von dem altorientalischen Reich Urartu
der Urartäer bekommen hat.
Die Grenzabfertigung war – und wird es wohl auch heute
noch sein – von orientalischer Umständlichkeit und Bürokratie, natürlich in
jedem Land getrennt vorgenommen. Das große Rechteck des Hofes der
gemeinsamen Grenzgebäude ist durch eine Mauer in zwei ›U‹-förmige Teile
getrennt, durch die nur eine mit einer Kette gesicherte und militärisch
bewachte Durchfahrt unter den Flaggen der Türkei und Irans den Fahrzeugen in
beiden Richtungen einzeln den Durchlass gewährt.
Ich will aber hier nicht von den Grenzabfertigungen
berichten; in den Jahrzehnten meiner Reisen in den Narren Osten habe ich
wohl zusammen gezählt Wochen an Grenzen verbracht. Es geht hier nur darum,
dass dann, endlich, nach den Anstrengungen eines halben an der Grenze
verbrachten Tages mit all seinen Befürchtungen und Risiken, zudem ermüdet
von einer über eine Woche dauernden Autofahrt durch den Balkan und durch
Anatolien – selbst schon erlebnisreich und voller überraschender und
überwältigender Eindrücke und erster Berührungen mit einer fremden, damals
noch viel ›orientalischeren‹ Welt wie heute, zumindest will es die
Erinnerung so –, und angespannt durch eine beschwerliche Anfahrt durch die
trostlosen aber auch abweisend-großartigen Gebirgssteppen Ostanatoliens von
Erzurum zum Grenzpass empor, endlich die Befürchtungen und Belastungen
schlagartig abfallen und eine ganz tiefe Erleichterung eintritt, die
unvergesslich bleibt. Nach wenigen Kilometern, entfernt vom eigentlichen
Grenzkontrollbereich, öffnet sich zwischen den dunkel-vulkanischen Massiven
und Felswänden der erste Ausblick auf die grünen Ausläufer der Hochebene von
Azerbaidjan; die Wolken bleiben über den Berggipfeln hängen und in einem
unwirklich türkisgrünen Himmel brechen sich glitzernd und flimmernd, die
Konturen des Landes auflösend, die warmen nachmittäglichen Sonnenstrahlen im
Kontrast zu den dunklen Schatten der Berge ringsum. »Blau, tiefblau atmen
die Schatten, und die Nacht verzögert so sehr« (Benn).
Iran liegt vor uns, Anatolien ist durchquert, wir sind
da. Wir halten an und setzen uns eine halbe Stunde lang auf Steine am
Straßenrand, unfähig etwas zu sagen, in unsere eigenen Gedanken und Gefühle
vertieft. Nie wieder werden wir diese Erfahrung des zum ersten Mal
angekommen zu sein haben können. In der Einsamkeit des Gebirges sind wir
plötzlich so etwas wie die ersten Menschen auf einem fremden Planeten in
einer noch leeren Welt, oder, um ein nahöstliches Gleichnis zu verwenden,
wie die Kinder Israels vor dem Gelobten Land. Viele im Alltag banalisierte
Sprachfloskeln und Bilder, die uns unsere Kultur zu Verfügung stellt, füllen
sich plötzlich mit einem unmittelbaren Erlebniswert, werden emotional
sinnfällig und decken damit die realen historischen Wurzeln ihrer Entstehung
auf.
In dieser Gefühlsebene des Erlebens stehen zu bleiben,
würde jedoch Mystizismus, Irrationalismus hervorrufen. Die Kontrolle der
Erfahrung durch die ordnende Analyse, das Einordnen in rationale Sinn- und
Erklärungszusammenhänge ist der notwendige zweite Schritt. Doch entsteht
jetzt eine große Offenheit, da die Subjektbeziehungen und
Erkenntnisinteressen mit thematisiert werden können und müssen. Nur in der
Möglichkeit, existentielle Bindungen zum Gegenstand seines Lernens und
Arbeitens aufbauen zu können, liegt die Chance eines dauerhaften
verantwortlichen Umgangs mit den auftretenden Problemen und Konflikten. So
wie wir uns dann mit neuer Kraft in das Abenteuer Staatsexamensarbeit
stürzten, eine bis heute unvergessliche Erinnerung, so sollte auch
Schülerinnen und Schüler die Chance gegeben werden, eine unmittelbare und
überraschende Beziehung zum Gegenstand des Lernens aufbauen zu können, die
Chance zu erleben, dass das, was gesehen, erlebt, erfahren und gelernt
werden kann und soll, eine persönliche, auch emotionale Beziehung zur
eigenen Person entwickeln kann und zum Bestandteil der eigenen
unverwechselbaren Biographie wird.
Auf dem Hin- wie auf dem Rückweg nach Iran durchquerten
wir die Türkei sehr bewusst und neugierig und wählten dabei auch
verschiedene Wege. Istanbul, Ankara und Kappadokien waren schon auf der
Hinfahrt Orte, die uns länger als nur für die Durchfahrt notwendig
aufhielten – was wohl selbstverständlich ist –; erste Eindrücke von
Südostanatolien erwarben wir bei der Fahrt über Kayseri – mit einem
Abstecher zu den Hethiterausgrabungen von Kültepe – und Malatya, noch vor
Beginn der Bauarbeiten zum ›Südostanatolienprojekt‹ (GAP, Atatürk-Staudamm
am Euphrat); dass neben die Besichtigungen auch die ersten Erfahrungen mit
Kakerlaken in billigen Hotels traten, ist Quelle für viele heutige, leicht
übertreibende, Horroerzählungen. Für die Rückfahrt wählten wir dann den Weg
an der Schwarzmeerküste und konnten damit unser erstes, noch rudimentäres
Türkeibild ergänzen.
Vier Jahre später fuhr ich mit einer Schülergruppe und
zwei VW-Bussen noch einmal nach Iran und konnte dabei die in der Türkei
besuchten Regionen z.B. um Konya und die zentralanatolischen Gebiete um
Sivas ergänzen. Dass diese Reise unter keinem guten Stern stand, sei nur am
Rande erwähnt, um auch die Risiken eines solchen investigativen
pädagogischen Konzeptes anzusprechen; ein VW-Bus, der schon auf der Hinfahrt
in Deutschland einen Kuppelungsschaden hatte, musste mit Getriebebruch von
Ostiran nach Tehran geschleppt und dort zollamtlich verschrottet werden. Die
eine Hälfte der Reisegruppe fuhr daraufhin mit dem Linienbus nach Istanbul
und von dort aus weiter mit der Eisenbahn nach Hannover zurück – sicher auch
ein aufregendes und wichtiges Erlebnis, aber doch das bedauerliche
Auseinanderbrechen der Reisegruppe. Der zweite VW-Bus hatte dann auf der
Rückfahrt auf der Strecke zwischen der türkischen Schwarzmeerküste und
Ankara einen ›Kolbenfresser‹, der ein Weiterkommen aus eigener Kraft
unmöglich machte. Erst eine Motorreparatur in Ankara machte uns wieder flott
für die Heimfahrt. Außerdem war die Schülergruppe nicht einheitlich genug,
um wirklich solidarisch und gemeinsam die Reise durchzustehen – ein aus
meiner Sicht bedauerliches Ergebnis, was den eigentlichen Erlebniswert der
Reise aber nicht minderte.
In diesem Kontext steht nun die Türkei in immuner
eigenen Biographie. Zunächst nur als Weg zu unserem Ziel ›hinter der Türkei‹
erfahren, wurde sie immer mehr zum notwendigen und bald selbst geliebten
Teil eines Erfahrungsweges, in dem der Weg selbst zum Ziel wird. Die
inhaltliche und wissenschaftliche Arbeit zum Iran wie zu den arabischen
Ländern des Nahen Ostens und des Maghreb geht weiter, doch die Türkei ist
zum Zentrum der Reisen und der eigenen Beschäftigung geworden. 1987 wurde
dann noch einmal in den Sommerferien eine große ›Orientreise‹ angeboten, an
der sich unter Mitwirkung der Kollegen Büthe und Stünkel zwanzig
Teilnehmerinnen und Teilnehmer in vier VW-Bussen zusammenfanden.
Abgesehen davon, dass diese Gruppe eigentlich zu groß
war und dass die Teilnahme mehrerer Lehrer und meiner eigenen Familie
gruppendynamische Probleme hervorrief – heute würde ich eher dafür
plädieren, eine solche Gruppe in zwei oder drei Teilgruppen aufzuteilen, die
mit eigenen Programm- und Routenvorgaben losfahren, um sich bestenfalls ab
und zu ›im Gelände‹ zu treffen, wobei doch immer noch genügen Nähe für
Notfälle oder schwerere technische Pannen erhalten bleibt, was ja ein
sinnvolles Motiv für das Reisen mit mehreren Fahrzeugen bleibt –, war die
gewählte Reiseroute in gewisser Weise einmalig, einmal abgesehen von den
seither aufgetretenen politischen Krisen, die eine Wiederholung derzeit fast
unmöglich machen würden: Hinfahrt durch Jugoslawien (unmittelbar vor
Ausbruch der zum Bürgerkrieg führenden Staatskrise, aber schon durch
Inflation und wirtschaftliche Not arg betroffen), die Türkei, wobei die
Fahrt an der Mittelmeerküste bis zum Grenzübergang nach Aleppo in Syrien
noch einmal einen neuen landeskundlichen Aspekt zu meinem Türkeibild
hinzufügen konnte, einer Rundfahrt durch Syrien von Aleppo, über das
Euphrattal, Palmyra bis Damaskus, und dann die Weiterfahrt nach Jordanien.
In einem umfangreichen Reisebericht, der 1988 ebenfalls
in der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs erschienen ist, werden die
Reisestationen ausführlich dargestellt und auch historisch und aktuell
problematisiert. Die drei Determinanten einer inhaltlichen
Auseinandersetzung mit dem Nahen Osten werden auch auf dieser Reise immer
klarer: einmal der Aspekt der kulturellen und historischen Traditionen als
›Quelle der Hochkulturen‹, wie sie uns in altorientalischer Form im
ägyptischen Museum in Kairo oder in den Pyramiden von Giza, die wir dann
nach einer Überfahrt über den Golf von Aqaba, einer Durchquerung des Sinai
und des Nildeltas und des Besuches von Alexandria und Kairo entgegentritt,
oder in der antiken Form, die uns auf dem ganzen Weg von Anatolien über
Palmyra oder der Felsenstadt Petra in Jordanien begleitet, zum anderen die
religiöse Dimension, die uns in Zeugnissen der drei nahöstlichen großen
Religionen entgegentritt, wobei vor allem die Begegnung mit Kultur und
Geschichte des Islam für unauslöschliche Eindrücke und Erfahrungen z.B. im
Felsendom in Jerusalem, der Omayyadenmoschee in Damaskus oder der Ibn Tûlûn
Moschee in Kairo, im zivilisatorischen Bereich aber auch in den
Wüstenschlössern Jordaniens und in den Altstädten und Bazaren Aleppos oder
Kairos sorgt. Die Fülle der Erlebnisangebote ist so groß, dass jeder
Mitreisende seine eigenen Schwerpunkte der Erinnerung setzt.
Daneben aber wird von der Schule ausgehend, konsequent
die Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi aufgebaut, die zum Träger
unserer Türkei-Arbeit geworden ist und neben der engen Kontakte zu Polen,
die auch seit den frühen achtziger Jahren bestehen, zum zweiten Schwerpunkt
der UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit der Bismarckschule Hannover wurde.
Wie alle solche Projekte gründet sie auch auf Zufälle,
hier nämlich dem zufälligen Zusammentreffen mit einem deutschen Kollegen,
der an der Istanbul Lisesi unterrichtet hatte und vorschlug, einmal von
Deutschland aus den Kontakt zu suchen und eine Kooperation oder
Partnerschaft vorzuschlagen. Hintergrund dieses Wunsches ist die
schulpolitische Situation in der Türkei, in einem Land, das große
Schwierigkeiten bei seinem seit Atatürk vorgezeichneten Weg in eine moderne,
europäische Zukunft zu überwinden hat.
Nachdem ich also an die ›deutsche Abteilung‹ der
Istanbul Lisesi geschrieben hatte, hatte ich bald darauf erste schriftliche
und telefonische Kontakte, die 1985 zu unserer ersten Türkei-Reise führten,
in der wir, letztmalig, auch unseren Aufenthalt in Istanbul noch selbst
organisierten und in einem Hotel übernachteten. Später wurden dann unsere
Schülerinnen und Schüler regelmäßig in Gastgeberfamilien durch die Istanbul
Lisesi untergebracht, was den Erfahrungs- und Erlebniswert natürlich sehr
steigerte. Unsere Partnerschule ist eine anspruchsvolle Traditionsschule mit
deutschsprachigem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Schwerpunkt, in
der im »bilingualem Unterricht« Fächer wie Mathematik oder
Naturwissenschaften von deutschen Kolleginnen und Kollegen in deutscher
Sprache erteilt werden. Das entspricht dem türkischen Schultyp eines
»Anatolischen Gymnasiums« (Anadolu Lise).
Der Andrang zu dieser Schule ist groß, so dass jedes
Jahr durch Aufnahmeprüfungen die besten Bewerber ausgesucht werden. Dafür
steht die Istanbul Lisesi seit Jahren auf der Rangliste im Wettbewerb der
türkischen Gymnasien bei den Universitäts-Aufnahmeprüfungen mit an erster
Stelle. 1996 war sie dann die ›beste Schule der Türkei‹, was einen
erheblichen Medienrummel nach sich zog; wir waren gerade zu der Zeit in
Istanbul und konnten einiges von der Freude und dem Stolz in der Schule
mitbekommen.
Die Schülerinnen und Schüler dieser Schule werden
später zu denjenigen Führungskräften in der Türkei gehören, die mit den
heutigen politischen und sozialen Problemen des Landes fertig werden müssen
und die Türkei weiter an Europa und an demokratisch-rechtstaatliche
Strukturen heranführen sollen. Um dieses Ausbildungsziel zu erreichen,
pflegt die Istanbul Lisesi eine ganze Reihe von Schulpartnerschaften in
Deutschland aber auch mit den Deutschen Schulen in Athen und Moskau, bei
denen die Kontakte mit der Bismarckschule Hannover besonders gepflegt
werden.
Bei den regelmäßigen Besuchen türkischer Schülerinnen
und Schüler in Hannover wollen wir daher unseren Gästen nicht nur die
Attraktionen unserer Region, das Leben in deutschen Familien und einen
Einblick in den Alltag unseres Schulunterrichts vorstellen, sondern ihnen
auch einen ersten, natürlich den Möglichkeiten Jugendlicher angepassten
anschaulichen Eindruck unserer demokratischen politischen Kultur, unserer
Technik und Wirtschaft und unseres Rechts zu kritischem und selbstkritischem
Denken vermitteln — also jene Ziele ansteuern, die auch die Ziele der
UNESCO-Projekt-Schularbeit sind.
Dazu gehört sowohl von Seiten unserer Schule und der
beteiligten Lehrerinnen und Lehrer, als auch von Seiten der Eltern- und
Schülerschaft einiges Engagement, das nur aufgebracht werden kann, wenn sich
die Beteiligten der Chance und Risiken dieser Interkulturellen Bildung,
ebenso wie ihrer eigenen Motive und Dispositionen bewusst sind und darüber
Rechenschaft ablegen können.
Ich habe das mit einigen essayistischen Schlaglichtern
auf eigene biographische Prägungen für mich in den vorangegangenen
Abschnitten zu leisten versucht und hoffe auch, damit deutlich gemacht zu
haben, welchen hohen Rang ich persönlich unserer Türkei-Arbeit, aber darüber
hinaus insgesamt auch der Interkulturellen Bildung zumesse. Daher denke ich
auch, berechtigt zu sein, hier noch einmal ganz deutlich hervorheben zu
dürfen, dass UNESCO-Projekt-Schul-Arbeit – das einzige wirklich
zukunftsträchtige »Profil«, das die Bismarckschule Hannover in der
Öffentlichkeit heute aufzuweisen und zu pflegen hat – nicht nur in
Freizeitbeschäftigungen und Studienfahrtangeboten erschöpft sein kann,
sondern dass sie ganzheitlich gesehen werden muß, mit allen Konsequenzen für
den Umgang miteinander, vor allem auch mit den Schülerinnen und Schüler
unserer Schule selbst, die biographische durch Kultursprünge, soziale
Diskriminierung und Akkulturationsprobleme belastet sind. Es geht also nicht
nur um die Türkei als Land, Erfahrungs- und Erlebnisraum, sondern um eine
Veränderung unseres eigenen Verhaltens gegenüber dem ›Fremden‹,
›Befremdlichen‹ und eventuell sogar ›Ängstigenden‹. Und hier haben wir auch
als Lehrerinnen und Lehrer, aber auch in der Eltern- und Schülerschaft ganz
erhebliche Defizite aufzuarbeiten! Man kann nicht nur ›mal so eben‹ an einer
Schulpartnerschaft teilnehmen, in die Türkei oder nach Polen fahren, aber im
Unterrichtsalltag gegenüber Mitschülerinnen und -schülern keine Konsequenzen
ziehen.
Gerhard
Voigt:
Einige Gedanken zu unserer Türkei-Reise 1996
1. Erlebnisse, Kontinuitäten...
Könnt Ihr Euch vorstellen, in ein Hotel zu kommen und
als Freunde empfangen zu werden? So erging es uns im „Otel Tur" in Konya.
Nachdem unser Bus auf dem Hinterhof-Parkplatz in unmittelbarer Nähe des
Mevlâna einrangiert hat, folgt eine herzliche Begrüßung durch den
Hotelbesitzer mit Umarmungen und – in Englisch – dem Austausch der
Neuigkeiten seit dem letzten Besuch vor zwei Jahren.
Die Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die
insgesamt nur zwölf Zimmer des Hotels geschieht schnell und wir haben das
Hotel fast für uns alleine. Aber bis ich selbst zu meinem Zimmer komme,
vergehen noch zwei Stunden in der Eingangshalle bei Tee und Gesprächen mit
Mustafa Akseki, dem Hotelier, und den nach und nach vorbeischauenden
Bekannten aus der Straße, die uns begrüßen wollen.
Zwei Jahre zuvor hatten wir uns wegen Terminproblemen
nicht vorher in Konya anmelden können und fuhren auf gut Glück zum Otel Tur,
das ich von mehreren Reisen schon gut kannte – wie wir ja auch sonst
meistens auf unser Glück vertrauen und mit dem Bus einfach vor einem Hotel
vorfahren und mit dem Manager über den Preis für die Gruppe verhandeln, was
uns diesmal z.B. in Gülšehir (der „Rosenstadt") in Kappadokien zu einer
besonders preiswerten und komfortablen Unterkunft führte, während wir in
Ankara und Selçuk einfach wieder in früheren Reisen spontan gefundene und
nun bewährte Hotels ansteuerten, ggf. mit einem kurzen Anruf vorab. Aber
auch 1994 bei unserem Überraschungsbesuch in Konya ermöglichte es unser
Hotelier-Freund sofort, in dem Hotel für einen äußerst günstigen Preis –
jeweils um 10,-- bis 12,-- DM pro Person mit Frühstück – unterzukommen, und
der Fahrer, für den kein Einzelzimmer mehr vorhanden war, wurde kurzerhand
im Nachbarhotel untergebracht.
Zum sechsten Mal übernachten wir 1996 im Otel Tur, um
von dort aus die geschichtlich und religiös faszinierende Stadt Konya, deren
zentrale Moscheen als Welterbe der Menschheit unter dem besonderen Schutz
der UNESCO stehen, für uns zu erobern. Konya gehört zu den zentralen
Programmpunkten unserer Türkeireisen. Diese Halbmillionenstadt ist nicht nur
kulturell interessant, sondern zeigt ganz besonders die
Widersprüchlichkeiten der heutigen Türkei. Keine türkische Stadt ist baulich
so modern, europäisch und durch eine effiziente Stadtverwaltung sauber und
geordnet – aber dadurch auch kaum noch wie noch vor zwanzig Jahren
„orientalisch" wirkend – wie Konya mit seiner sanierten Innenstadt und dem
Ring moderner, durchaus höherwertigerer Wohnblöcke, die fast vollständig
durch Sonnenkollektoren auf den Dächern modernen ökologischen Standards
entsprechen.
Konya ist aber auch das geistige Zentrum vielfältiger
islamischer Bewegungen, unter denen an zentraler Stelle der Derwisch-Orden
des großen Mystikers und Philosophen Celâleddin Rûmî aus dem 13.
Jahrhundert, der Herrschaftszeit der Selçukensultane, die hier in Konya, dem
antiken Iconium, ihre Hauptstadt hatten, zu nennen ist. Rûmî schrieb das
„große Buch" Masnavi – gleichzeitig ein zentrales Werk der Weltliteratur –,
in dem er die mystische Lehre von der Allgegenwart der Liebe zu Gott und die
daraus folgende Liebe zu allen Menschen, unabhängig von Religion, Herkunft
und Volk, lehrte. Seine Schüler, die bis heute in Konya eine wichtige
geistige Rolle spielen, obwohl der Orden in der Türkischen Republik
offiziell aus politischen Gründen seit Atatürk verboten ist, versuchen durch
hochritualisierte meditative Tänze eine emotionale Annäherung an die
ersehnte Gottesgegenwärtigkeit zu erreichen – Tänze, die heute in typisch
türkischem Kompromiss, äußerlich unter der Ägide des Tourismusministeriums
als „Volkstänze" gepflegt und dargeboten werden, ohne ihre innerliche
religiöse Bedeutung für die Tanzenden Derwische dabei je verloren zu haben.
Das Grabmal Rûmîs (des „Römers", der aus dem islamischen Zentralasien
stammte, aber nach Westen in den Einfußbereich von Byzanz, dem östlichen
Rom, an den Hof der Selçukensultane zog und dort der religiöse verehrte
Meister und Lehrer, der Mevlâna, wurde) ist in dem traditionellen Kloster
(„tekke") in Konya zu finden, einem sehr meditativen und ruhevollen Ort –
trotz der vielen Touristen und Pilger –, das heute offiziell staatliches
Museum ist, aber für die Besucher zu einem Ort geistiger Kontemplation
werden kann.
Der Sarkophag Rûmîs steht zusammen mit den
Begräbnisstätten seiner Nachfolger im Orden, den Celebi, in einem reich mit
goldenen Schriftbändern verzierten hohen Kuppelraum, den die
sehnsuchtsvoll-monotone Musik der Ney-Flöte, die im Masnavi als Symbol der
Sehnsucht nach der Heimkehr zu Gott eine zentrale Rolle spielt, leise
klagend erfüllt und jedes eigene laute Wort verbietet.
Zwei weitere Kuppelräume quadratischen Grundrisses
waren früher der Tanzraum und der Gebetsraum der Derwische; heute dienen sie
als Ausstellungsräume für wertvolle Handschriften – Qor’an- und
Masnavi-Bände seit dem 14. Jahrhundert –, Musikinstrumente und
Gebrauchsgegenstände aus dem Ordensleben.
Neben der islamischen Mystik ist Konya aber auch ein
Zentrum der gebildeten islamisch-sunnitischen Theologie, die ihre Heimat
heute an der Universität hat. Aus der Selçuken-Zeit stammen zwei großartige
Baudenkmäler, die „Ince Minare Camii" (die Moschee „mit dem schlanken
Minarett", das leider Anfang des Jahrhunderts vom Blitzschlag gefällt wurde)
und „Büyük Karatay Medresesi" (Eine heute als Museum dienende Koranschule,
die nach dem Philosophen und Wissenschaftler Wesir Karatay genannt ist), die
beide in den letzten Jahren grundlegend restauriert und wieder der
Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind.
Zentrales Gebäude in Konya ist aber die auf dem in der
Stadtmitte liegenden (wahrscheinlich schon frühgeschichtlich-anthropogenen)
Burghügel liegende Sultansfestung, von der nur einige Mauern und Grabmäler
(„türbe") übrig geblieben sind, und die riesige Alaeddin Camii, die von
Sultan Alaeddin Kaykobat I. um 1220 als „fromme Stiftung" („vaqf")
errichtete Sultansmoschee, deren Gebetshalle seit Jahrzehnten unzugänglich
war, da die hölzerne Dachkonstruktion über dem Wald steinerner Säulen – mit
ihrem ornamentalen und stilistischen Reichtum – eingestürzt war. Es war
schon seit vielen Jahren mein Wunsch, diese Moschee einmal besichtigen zu
dürfen, aber ich hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als ich dieses
Jahr von ihrer Wiedereröffnung erfuhr...
Zurück zum islamistischen Zentrum Konya! In der
berühmten islamischen theologischen Fakultät der Universität werden heute
die führenden Theologen ausgebildet, von denen die islamische Renaissance
und damit auch die Kritik am weltlichen Staat der Türkischen Republik
ausgeht; Kritiker meinen, dass damit auch eine Abkehr von der Moderne
beabsichtigt sei. Konya war dann auch die erste Großstadt der Türkei, in der
die islamistische Refah-Partei die kommunalpolitische Mehrheit errang. Heute
beherrscht sie die meisten Großstädte wie Istanbul und Ankara und ist mit
ihrem Vorsitzenden Erbakan in der Koalition mit der „Partei des rechten
Weges" (DYP - „Doğru Yol Partisi") von Frau Çiller an der Staatsregierung
beteiligt.
Der widersprüchliche Eindruck dieser Situation entsteht
nun gerade dadurch, dass seither die äußere, städtebauliche Modernisierung
Konyas zur Leitmaxime der Stadtverwaltung geworden ist und effektiv
durchgesetzt wurde. Dieser technologisch-modernistische Zug der „Refah
Partisi" ist aber nicht zufällig, sondern Teil ihres Selbstverständnisses,
das die islamische Kultur als moderner und der westlichen Zivilisation
überlegen bezeichnet; das wurde uns auch in der Beobachtung des Wahlkampfes
in Istanbul deutlich, wo auf großen Plakaten unter dem Signum der Refah
junge, fesch-westlich mit weißem Hemd und Krawatte gekleidete Männer,
sichtlich »Yuppie-Ingenieure«, sich über Konstruktionszeichnungen oder
Baupläne beugen, sichtlich Repräsentanten einer »neuen, sauberen,
pragmatischen« Türkei. Über dieses Motiv sprechen die Islamisten das von
Korruption und politischer Kungelei abgestoßene türkische Bürgertum an...
Was aber die gesellschaftliche Modernität und Liberalität, das tolerante
Grundverständnis für eine pluralistische Demokratie, deren Entwicklung und
Sicherung der Türkei zu wünschen wäre, angeht, sehen die Antworten der Refah
bekanntlich anders aus, enger, konservativer, unduldsamer, an islamischen
Großmachtträumen orientiert, aus...
Was hat es nun mit unserem Empfang im Hotel Teuer auf
sich, das sollte schließlich erklärt werden. Zum ersten Mal übernachteten
wir mit einer Gruppe der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule im
Otel Tur im Jahre 1985 bei unserer ersten Austauschfahrt in die Türkei, die
wir noch sehr sorgfältig von Hannover aus organisiert hatten (übrigens hatte
ich 1974 bei einer Gruppenfahrt in den Iran schon einmal auf dem
Camping-Platz von Konya übernachtet, wo wir auch 1987 bei unserer großen
sommerlichen »Orienttour« mit vier VW-Bussen nach Ägypten und Israel
unterkamen). Ich hatte die Adresse vom Fremdenverkehrsbüro aus Konya
erhalten, die mir sympathisch unprofessionell handschriftlich in holprigem
Englisch geantwortet hatten. Das Hotel war funkelnagelneu und sichtlich zum
größten Teil in Eigenarbeit von dem stolzen Besitzer und seinen Freunden
gebaut und eingerichtet worden. Auch hier wieder das noch familiäre und
etwas unprofessionelle Engagement einiger junger Männer, wie es in der
Türkei häufig anzutreffen ist und das voll auf der Basis des gegenseitigen
Vertrauens, auch zum Gast, aufbaut. Aber der Überschwang dieser ersten
Aufenthaltsdauer war doch noch etwas besonderes. Mustafa Akseki vermittelte
uns, da wir dieses eine Mal unsere Rundreise mit Linienbussen durchführten,
Kleinbusse zum Besuch von Sultan› und Kappadokien und legte zunächst auch
das Geld dafür vor. In späteren Jahren, wir berichteten in unseren
Abschlussheften jeweils darüber, hat er uns in findiger Weise liegen
gelassene Gegenstände nach Izmir nachgeschickt und überhaupt ein Maß an
Hilfsbereitschaft gezeigt, dass nicht nur für ihn, sondern für Konya und die
türkische Kultur insgesamt einnahm. Was wir erst Reisen später erfuhren: Wir
waren überhaupt die ersten Gäste nach der Eröffnung des Hotels gewesen.
Seither sind wir in diesem Teil von Konya »VIPs«!
2. Das weitere Programm
Wie jetzt schon klar ist, war die Türkei-Reise 1996
nicht unsere erste Begegnung mit diesem interessanten und auch für die
europäische Politik wichtigen Land sondern ist Teil der intensiven
interkulturellen Partnerschafts- und Austauschprogramme der Bismarckschule
Hannover als UNESCO-Projekt-Schule. Seit 1985 haben wir eine enge und gut
funktionierende Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi – einer der
besten Schulen des Landes – aufgebaut und wechseln uns jährlich alternierend
mit unseren gegenseitigen Besuchen ab.
Erleichtert wurde mir persönlich dieses Engagement für
die Türkei dadurch, dass ich dieses Land seit meinem Studium der Geographie
kenne und erstmalig, nach ersten Geländeerfahrungen in Nordafrika, auf
meiner Reise in den Iran 1970 (wo ich für meine Staatsexamensarbeit einen
zweimonatigen Forschungsaufenthalt in der Region Shiraz hatte) von West nach
Ost und später auf dem Rückweg noch einmal in entgegengesetzter Richtung mit
dem Wagen durchqueren konnte, wobei ich mich schon bemühte, möglichst viele
Orte kennenzulernen und zu besuchen. In dem folgenden Vierteljahrhundert bin
ich dann aus verschiedenen Anlässen in der Türkei gewesen und konnte dort
Kontakte und Freundschaften finden und auch beginnende »Heimatgefühle« für
dieses Land, dessen Lebensgefühl mir nicht mehr so fremd ist, entwickeln,
von dem ich versuche, etwas meinen Schülerinnen und Schüler in der
Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule mitzuteilen.
So kann es durchaus vorkommen, mich an einem warmen
Frühlingsabend, natürlich wieder, um dem Leitmotiv dieses Berichtes zu
folgen, in Konya, auf einem kleinen Teppich am Straßenrand mit einigen
Kleinhändlern aus der Straße sitzen zu sehen, Tee trinkend und in endlose
Gespräche über Gott und die Welt, über die Heiligkeit des Mevlâna oder die
Korruption von Frau Çiller und die desolate Wirtschaftslage des Landes
verwickelt, während die Schülerinnen und Schüler einige Häuser weiter mit
jungen Leuten oder bei Teppichhändlern, die längst wissen, dass unsere
Gruppe keine Teppichkäufer bringt, ebenfalls reden und Apfel-Tee, elmak çayı,
trinken...
Unsere Partnerschule in Istanbul ist eine so genannte
„bilinguale Schule", in der die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer
in deutscher Sprache – von deutschen Lehrern – erteilt werden. Durch einen
ein- bis zweijährigen intensiven Einführungskurs in die deutsche Sprache –
es handelt sich bei den Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi ja
nicht um „Rückkehrerkinder", in der Türkei »Deutschländer« genannt, die
schon Deutschkenntnisse mitbringen – sprechen die Kinder schon in der
sechsten Klasse, der Eingangsklasse, fließend Deutsch, so dass auch unsere
Kontakte und die Unterbringung in Familien in Istanbul keinerlei
Schwierigkeiten bereitet.
Türkisches Familienleben und türkische Gastfreundschaft
ganz privat erlebt als Auftakt unserer Begegnungen mit der Türkei sind der
menschlichste und intensivste Weg, die Schulpartnerschaft nicht nur
institutionell zu sichern, sondern mit Leben zu füllen, wie es das Ziel des
Interkulturellen Lernens der UNESCO-Projekt-Schulen ist. Auch Freundschaften
über die Grenzen hinweg sind auf diesem Wege entstanden. Ich kann mir nur
wünschen, dass noch viele unserer Schülerinnen und Schüler diese Erfahrungen
machen dürfen und lernen können, das Fremde zu verstehen und zu begreifen,
dass wir in einer Welt zusammen leben. Das dürfte für uns Hannoveraner auch
die notwendige Vorbereitung für die bevorstehende EXPO 2000 sein, zu der wir
hoffentlich auch unsere Partnerschulen, vor allem auch die Istanbul Lisesi
werden einladen können!
3. Die Türkeipläne für 1997
Zu weiteren Besuchen gibt es bald wieder die nächste
Chance. Nachdem unsere türkischen Gäste aus verschiedenen terminlichen
Gründen ihren turnusmäßigen Besuch in Hannover nicht am Schuljahresende, das
heißt im Frühsommer 1997, unternehmen konnten, sondern schon im Herbst 1996
unserem Besuch in Istanbul Pfingsten des vergangenen Jahres zeitlich schnell
folgten, wäre es für unsere Gastgeber für einen Gegenbesuch, der sehnlichst
erwartet wird, doch zu lang, bis zum regulären Termin 1998 zu warten. So
haben wir uns nun entschlossen, schon im Herbst 1997, unter Einschluss eines
Teiles der Herbstferien, wieder in die Türkei zu fahren, was auch den Turnus
so verschiebt, dass wir, wie erhofft, unsere türkischen Gäste gerade im Jahr
2000 nach Hannover einladen können.
Das Programm soll auch diesmal dem bewährten Muster
folgen und nach der Woche in Istanbul eine Rundfahrt durch Westanatolien
einschließen, um das Land, seine Geschichte und Kultur und das heutige Leben
in der Türkei einschließlich seiner gesellschaftlichen und politischen
Probleme besser kennen lernen zu können. Dabei haben wir vier thematische
und regionale Programmschwerpunkte:
-
An der Ägäisküste im Westen lernen wir die antike
Geschichte in so bekannten Orten wie Troja, Pergamon und Ephesos kennen –
an einer Küste, wo vielleicht sogar im Oktober noch ein erfrischendes Bad
im Meer möglich ist –,
-
in Konya werden wir mit der türkisch-islamischen
Geschichte konfrontiert und begegnen der Zeit der Selçuken und der
islamischen Mystik des Mevlâna,
-
in Kappadokien geht ein integrativer Blick über die
Jahrtausende anatolischer Geschichte von der Bronzezeit (Tal von Zelve),
dem altgeschichtlichen Großreich der Hethiter (in Hattuša), Byzanz (in den
Höhlenkirchen von Göreme und den »unterirdischen Städten«) bis zur
Gegenwart in einer fruchtbaren türkischen Kulturregion mit Obst- und
Weinbau in einer Landschaft, die geographisch und von ihrem Erlebniswert
her atemberaubend ist (ich will hier nicht zu viel vorweg verraten),
-
in Ankara schließlich begegnen wir in der Hauptstadt
dem Selbstverständnis der modernen Türkischen Republik und besuchen dort
das Grabmal des Staatsgründers Kemal Atatürk.
Daneben hat uns ja der Besuch in Istanbul schon in
metropolitaner Form erste Eindrücke aus zweitausend Jahren Geschichte seit
der frühchristlich-byzantinischen Basilika Hagia Sophia bis hin zu den
heutigen Einkaufszentren gegeben. Wir sollten daran denken, dass diese Stadt
über viele Jahrhunderte Hauptstadt der Welt – soweit sie damals staatlich
organisiert war – gewesen ist, in der sich das Schicksal von Orient und
Okzident entschied: zuerst als das Neue Rom: Konstantinopel, später noch
einmal als Zentrum des mächtigen Osmanischen Reiches, das das
Mittelmeergebiet im 15. Jahrhundert von Gibraltar bis zum Zagros, von Ungarn
bis Mekka beherrschte und dessen kultureller Einfluss bis weit in die
christlichen Staaten der frühen Neuzeit reichte. Dieses Erbe macht auch
heute noch Urbanität und Dignität dieser Stadt aus.
Das Urbild der Metropolen wurde dann auch folgerichtig
1996 zum Ort der internationalen UN-Konferenz Habitat II, in der die
weltweiten Probleme der Verstädterung, die sozialen,
ökonomisch-strukturellen und ökologischen Probleme der rasant wachsenden
Agglomerationen verhandelt wurden. Istanbul ist ein gutes Beispiel dafür.
Schon früh in diesem Jahrhundert zur Millionenstadt geworden, wächst diese
Riesenstadt vor allem durch die innertürkische Landflucht in den Sechziger
Jahren auf vier, in den Siebziger Jahren auf sechs bis sieben und dann bald
auf acht bis zehn Millionen Einwohner an. Offiziell hat, je nach Quelle, die
Stadt heute eine Einwohnerzahl von acht bis zwölf Millionen, der
verstädterte Bezirk, der vom Schwarzen Meer bist an den Golf von İzmit
reicht, nach geographischen Schätzungen etwa vierzehn bis sechzehn Millionen
Einwohner und die höchste Schätzung, die ich gefunden habe, benennt gar
zwanzig Millionen für den Konurbationsraum.
Welche Probleme mit diesem Wachstum verbunden sind,
dürfte klar sein und wird deutlich, wenn man kilometerweit durch die
slumartigen Außenringe der Stadt oder durch die schnell und oft spekulativ
und wenig qualitätsbewusst gebauten Wohnblockviertel an den Ausfallstraßen
fährt, gegen die die berüchtigten »Plattenbauten« der ehemaligen DDR fast
idyllisch anmuten: Es ist kein Einzelfall, dass Vorortviertel für 200.000
neue Bewohner in einem Zug hochgezogen werden, auch wenn die Vermietung dann
oft jahrelang auf sich warten lässt – denn für die Slumbewohner sind auch
diese Wohnungen zu teuer. Die illegalen Siedlungen der Landflüchtlinge haben
aber in der Türkei eine lange Tradition und sind sozial stärker integriert
als z.B. die favelas in Südamerika oder gar die Verfalls- und Drogenviertel
in den Großstädten der USA. Die Gecekondus, d.h. „die über Nacht gebauten
Häuser", die nach altem Gewohnheitsrecht nicht gewaltsam mehr beseitigt
werden dürfen (woran sich der Staat heute nicht mehr immer hält), sind in
der Regel zwar sozioökonomische und ökologisch-hygienische Elendsgebiete,
sozial aber viel stärker in die Gesellschaft eingebunden als die
Randkulturen der westlichen Industriestaaten. Gerade das noch intakte
islamische Wertesystem hilft hier zur Lebensbewältigung und schützt vor dem
Abstieg in Asozialität und Delinquenz. So sind die Armenviertel der
türkischen Großstädte heute ein sicheres Wählerreservoir für die hier betont
religiös-konservativ auftretenden Islamisten der Refah.
Das sah auch die islamistische Stadtregierung bei der
Veranstaltung von Habitat II, mit der sich die Stadt, ohne dass dabei
publikumswirksame Veranstaltungen angeboten wurden, in hohem Maße
identifizierte; in aller Hektik wurde noch wenige Wochen vor Tagungsbeginn
ein Innenstadt-Umbau eingeleitet, nachdem das Tagungszentrum am Flughafen
völlig erneuert worden war: Die Nostalgie-Straßenbahn am Taksim-Platz wurde
erneuert, neue Fußgängerzonen eingerichtet und die Fußwege in den
Zentrumsbereichen von Cağaloğlu (wo unsere Partnerschule steht), Sultan
Ahmed (mit den Touristenzentren) und Eminönü (zwischen Bahnhof und den
Fähranlegern am Goldenen Horn) wurden auf viele Kilometer mit roten Ziegeln
neu gepflastert. Ja sicher, das ist reine Kosmetik. Aber es zeigt ein
Lebensgefühl, das sich mit der Stadt identifiziert, es zeigt wie überhaupt
das Leben in Istanbul: echte Urbanität.
Gerhard Voigt / Lothar
Nettelmann*
Die Arbeit einer UNESCO-Schule:
z.B. Schulpartnerschaften mit Polen und
der Türkei
I.
UNESCO-Schulen: Aufgaben und Möglichkeiten
1. Wandlungen der Ziele der UNESCO-Arbeit
ie internationale Organisation der
„UNESCO-Modellschulen" ist eine typische Gründung der ersten Nachkriegszeit
und in vielerlei Beziehung von ihrer Entstehungszeit geprägt worden. Sie
steht neben den nationalen „Gesellschaften für die Vereinten Nationen",
neben der idealistischen Europabewegung und den verschiedenen bilateralen
Jugendwerken. Die Ziele waren direkt und unmittelbar geprägt von der
Erfahrung des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das
„Nie Wieder" reichte zunächst als Zielbestimmung aus, eine Zielbestimmung,
die vor allem ethisch und moralisch motiviert und in der praktischen
Umsetzung eher unpolitisch war.
Das soll nun nicht als fundamentale Kritik verstanden
werden; der moralische Anspruch war damals so richtig und wichtig, wie er es
heute noch ist. Doch stießen diese aus den frühen fünfziger Jahren
herrührenden internationalen politischen Initiativen schnell an die Grenzen
ihrer Wirksamkeit; „Kalter Krieg" und imperiale Großmachtpolitik drängten
die idealistischen Ansprüche bald an den Rand des öffentlichen Interesses
und der öffentlichen Wirksamkeit. Eine politisch wirksame Massenbewegung
wurde die UNESCO-Schularbeit nie, konnte sie nie werden, und zwar gerade
durch das seit der Gründung bestehende Defizit an politischem Gehalt und
politischer Institutionalisierung.
Die heutige Generation von Lehrern und Schülern in den
jetzt bestehenden UNESCO-Schulen kann kaum noch an unmittelbare Erfahrung
und Augenzeugenschaft der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit anknüpfen. Sie
muß sich den heutigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen und
Problemlagen stellen, muß eine zeitgenössische UNESCO-Arbeit betreiben und
Ziele und Inhalte dieser Arbeit neu überdenken.
Die erstaunlichen politischen Umwälzungen der letzten
Jahre, die Bewegung, die in das Ost-West-Verhältnis gekommen ist, das wieder
wachsende internationale Ansehen der Krisenlösungsbemühungen der Vereinten
Nationen in Namibia, Nahost, Angola oder in Südost-Asien erleichtern es, den
UNESCO-Gedanken neu und nun auch politisch zu fassen. Es ist ein günstiger
Moment, UNESCO-Schulen zu Erprobungsstätten einer neu überdachten
politischen Bildung, zu Multiplikatoren für die Erfahrungen mit
interkulturellem Lernen zu machen. Der Bericht über die praktischen
Erfahrungen mit der UNESCO-Schularbeit am konkreten Beispiel der
Bismarckschule Hannover – mit Blick über die Schulmauern hinaus auf
Initiativen und Erfahrungen anderer UNESCO-Schulen – soll ein wohlüberlegter
Schritt in die Öffentlichkeit sein, um die genannte Multiplikatorenfunktion
der UNESCO-Schulen noch deutlicher zu betonen, um im Sinne der
interkulturellen Ziele der UNESCO politisch in unserer eigenen Gesellschaft
wirksam zu werden.
Die UNESCO ist eine Sonderorganisation der UN, und die
Abkürzung steht für „United Nations Educational, Scientific and Cultural
Organization". Der Sitz dieser internationalen Organisation ist Paris; sie
hatte im Jahr 1984 bereits 161 Mitgliedsstaaten. Die UNESCO ist 1945 zum
Zwecke der internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten der Erziehung,
der Wissenschaft und Kultur gegründet wurde. Innerhalb dieser Organisation
haben sich nun Schulen zu so genannten „UNESCO-Schulen" zusammengeschlossen.
An dem Modellprogramm der UNESCO sind über 1500 Schulen
in über 80 Ländern beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die sich in
besonderem Maße dem Erziehungsziel der internationalen Zusammenarbeit und
Verständigung verpflichtet fühlen. Das Engagement einer UNESCO-Schule
realisiert sich durch eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen und
Problemstellungen im Unterricht sowie durch zusätzliche Schulaktivitäten wie
z.B. Ausstellungen, internationale Veranstaltungen, Studienfahrten,
Austauschprogramme, Partnerschaften und ähnliche Aktionen. Darüber hinaus
zeichnet sich die Arbeit der UNESCO-Schulen dadurch aus, dass sie meist
einmal jährlich ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in
dem ein ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird.
Über diese Projekte werden Dokumentationen angefertigt, die anderen Lehrern
als Anregung für eigene Projekte dienen sollen. Mit der Erarbeitung
derartiger Unterrichtsprojekte wollen die UNESCO-Schulen, bewußt abhebend
von einer zu theoretischen Curriculumentwicklung, einen praxisnahen Beitrag
zur Behandlung internationaler Problemstellungen in der Schule leisten. In
den letzten Jahren waren dies beispielsweise die Themen „Ausländer in
unserer Stadt", „Kinder unserer Welt", „Wie wir morgen leben wollen",
„Dritte Welt", „Islam", „Gastarbeiter" und „Jahr des Friedens".
An den genannten Schwerpunktthemen ist zu erkennen, wie
stark UNESCO-Arbeit jetzt auch in aktuelle innen- und
gesellschaftspolitische Themen eingreifen muß, wenn sie sich weiter ihren
internationalen Zielen verpflichtet fühlen will. Die positive
Auseinandersetzung mit den heute innergesellschaftlich zum Problem
gewordenen Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationalität und
kultureller Herkunft in einer Gesellschaft, mit den Ansprüchen auf
kulturelle Identität von Minderheiten, mit dem Erkennen und Anerkennen von
erworbenen Wohn- und Heimatrechten ohne Rekurs auf traditionelle
Staatsangehörigkeiten, mit dem Begreifen von Akkulturationsproblemen und
Integrationsvorstellungen bestimmt nun die dominanten Inhalte, da
internationale Konflikte zumindest in Europa weniger auf dem
außenpolitischen Felde denn als innergesellschaftliche Problemlagen zu
verstehen sind. Das alte UNO-Konzept einer „Weltinnenpolitik" erlangt
dadurch problematische neue Aktualität, der sich die UNESCO-Schulen stellen
müssen.
Die – für Europa so überaus positiven – internationalen
Veränderungen sind eine Chance, direkt und mit politischer Kraft die
Jugendprobleme der heutigen Gesellschaft zu bewältigen zu versuchen. Den
Zusammenhang zwischen der individuellen Sozialerfahrung und
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erkennen und pädagogisch umzusetzen,
ist eine Forderung, der sich das traditionelle Schulwesen mit seinem
bürgerlich-individualistischen Pädagogikverständnis noch viel zu wenig
geöffnet hat. Schulpolitisch relevant wird so die auf diesem Kontext
basierende UNESCO-Schularbeit, da sie modischen konservativen Trends der
Schulpolitik widerspricht.
2. Realisierung der Arbeitsschwerpunkte
Praktische UNESCO-Schularbeit ist immer nur ein
Kompromiss mit den schulorganisatorischen Möglichkeiten, mit den
verschiedenen innerschulischen Auffassungen und Interessen, zwischen den
heterogenen Impulsen und Angeboten der UNESCO-Arbeit selbst, die sich im
Laufe der Jahre entwickelt haben.
Der Erprobungscharakter von UNESCO-Projekten sollte
dabei ganz deutlich in den Vordergrund gestellt werden. Es wäre vermessen zu
fordern, die UNESCO-Schulen sollten „völlig andere", vielleicht sogar
„bessere" oder gar „neue" Schulen sein. Das ist weder vom Ansatz her noch im
gegebenen Rahmen der Realisierung möglich. UNESCO-Schulen haben die gleichen
Probleme wie andere Schulen der entsprechenden Schulformen: Konflikte
zwischen Schülern und Lehrern, Auseinandersetzungen um pädagogische
Konzepte, Leistungsdruck und Schulangst, Einschränkungen durch
Schulverwaltung und Schulaufsicht, viele große Enttäuschungen und
Misserfolge bei einigen kleinen Erfolgen, die die Schule erst rechtfertigen.
UNESCO-Arbeit ist eine zusätzliche Aufgabe, die aber die Chance beinhaltet,
in den Unterrichtsalltag auszustrahlen, neues Interesse an schulischen
Inhalten zu wecken und Ansätze einer sozialen Integration der Schule zu
sein. Kein einzelnes UNESCO-Projekt kann nur an einer UNESCO-Schule
durchgeführt werden; im Gegenteil, die auf öffentliche Wirkung angelegte
UNESCO-Schularbeit lebt ja gerade aus der Hoffnung, Anstöße vermitteln zu
können, die auch an anderen Schulen Wirkungen zeigen, vielleicht sogar
einmal zum allgemeinen Bestand von Schule zu werden. Das wichtigste
Charakteristikum einer UNESCO-Schule ist, dass sie sich Gedanken über die
UNESCO-Arbeit macht, dass sie die vielfältigen möglichen Initiativen und
Projekte als Schule diskutiert, verantwortet und auch in der Öffentlichkeit
vertritt.
Ehe wir zur Beschreibung einzelner UNESCO-Projekte
kommen, wie sie die Autoren an der eigenen Schule, der Bismarckschule
Hannover, erfahren haben, sollte hier noch einmal hervorgehoben werden, was
uns in der heutigen politischen Situation tatsächlich als Kernbestand einer
aktuellen UNESCO-Arbeit erscheint: die Auseinandersetzung mit den vielfach
noch wenig erprobten und diskutierten Möglichkeiten des interkulturellen
Lernens und einer auf dieser Grundlage aufbauenden Ausländerpädagogik.
Wir sehen mit Sorge, dass auf die schulpolitische
Ausgrenzung des Politikunterrichtes und seine Fesselung in einer
konservativen Staatsdidaktik eine Krise des Selbstverständnisses der
Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen findet eine politikdidaktisch
verantwortete Gestaltung von „Politischer Bildung" nicht mehr statt. Die
Folgen des Verdrängens eines kritischen Politikunterrichtes aus den Schulen,
vor denen schon vor einem Jahrzehnt eindringlich in der Öffentlichkeit
gewarnt worden ist, sind nun in bestürzendem Maße eingetreten: so genannte
„Republikaner" und Neonazis, Ausländerhatz und Verlust an Liberalität und
Rechtsstaatlichkeit gehören zum Alltag unserer „politischen Unkultur". Hier
Einhalt zu gebieten, Umkehr zu fordern und zu einer positiven Neubewertung
der politischen Bildung als Grundlage von Demokratie und sozialem
Rechtsstaat zu gelangen, sollte zu den vordringlichsten Zielen der
UNESCO-Schularbeit und dabei vor allem einer inhaltlich neu überdachten und
bestimmten interkulturellen Erziehung sein.
Politische Bildung und Politikdidaktik müssen sich in
der konkreten gesellschaftlichen Situation und an den aktuellen
gesellschaftlichen Konflikten bewähren und beweisen, dass sie dazu
beitragen, den Schülern in der Gesellschaft die notwendige Orientierung und
rationale Konfliktfähigkeit zu vermitteln und sie politisch handlungsfähig
zu machen. Zum Prüfstein unserer „politischen Kultur" wird in zunehmendem
Maße unsere gesellschaftliche Fähigkeit, die so genannte
„Ausländerproblematik" als unsere eigene „deutsche Problematik" des Umgangs
mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialen Problemlagen zu begreifen.
„Ausländerpädagogik" bekommt aus der Sicht der Politikdidaktik
unterschiedliche Dimensionen, deren Kontext erkannt und unterrichtspraktisch
umgesetzt werden muß:
-
„Ausländerpädagogik" konfrontiert mit den sozialen
Bedürfnissen und den Akkulturationsproblemen ausländischer Schüler in der
Schule, wobei das Kriterium „Ausländer" nicht als staatsrechtliches,
sondern als sozialpsychologisches Agens zu werten ist. In dieser Dimension
wird der fundamentale Perspektivunterschied deutlich zwischen
individualpsychologisch orientierter Pädagogik, die Probleme vor allem als
individuell bedingt definiert und auf dieser Basis lösen will, und den
sozial-kollektiv argumentierenden Politik- und
Gesellschaftswissenschaften.
-
„Ausländerpädagogik" ist aber gleichermaßen
Bestandteil einer umfassenderen „interkulturellen Erziehung", die sich an
alle Schüler unabhängig von ihrer Herkunft wendet und den interkulturellen
Kontakt selbst unterrichtlich thematisiert.
Der UNESCO-Club Hannover und der Verband der
Politiklehrer veranstalteten in der Bismarckschule Hannover am 15. -16. März
1988 mit Gästen aus dem Kultusministerium, dem Verein zur pädagogischen
Förderung ausländischer Kinder in Osnabrück, den beiden Lehrerverbänden und
engagierten Lehrern aus der Schulpraxis unterschiedlicher Schulformen ein
Symposium zum Thema Ausländerpädagogik, das im Zusammenhang mit den
Perspektiven der UNESCO-Schularbeit recht interessante Ergebnisse erbrachte.
Es wurde – um hier die realen sozialen Voraussetzungen zugrunde zu legen –
festgestellt, dass die Schulpolitik und die schulische Realität heute zwar
als Zielsetzung akzeptieren, für Ausländerkinder eine
integrationsorientierte Grundbildung bereitzustellen, dass aber die Teilhabe
an weiterführenden Bildungsgängen, an denen Ausländerkinder immer noch
deutlich unterrepräsentiert sind, explizit oder durch strukturelle Hürden
behindert wird. Diese Benachteiligung wurde auch durch die Zahlen deutlich,
die vom Niedersächsischen Kultusministerium vorlegt wurden. Zwar ist eine
steigende Tendenz des Realschul- und Gymnasialbesuches festzustellen – die
Gesamtzahl läßt eine Beschäftigung mit dieser Schülergruppe durchaus
dringlich erscheinen! –, doch die Hürden sind noch hoch.
Es fällt dabei auf, dass Türken gegenüber anderen
Ausländergruppen noch deutlich benachteiligt sind. Das hat vor allem zwei
Ursachen:
-
Das Verhalten der deutschen Gesellschaft gegenüber
ihrer türkischen Minderheit ist stärker diskriminierend als gegenüber
anderen Ausländergruppen; das oft zu beobachtende „Sich-Absondern"
türkischer Familien ist auch eine unmittelbare Reaktion auf das
„Abgesondert – Werden" durch die deutsche Mehrheit; dies beeinträchtigt in
doppelter Weise die Teilhabe z.B. an den Bildungsangeboten des
Schulwesens.
-
Kinder aus Familien Asiens oder Afrikas, die bei uns
politisches Asyl gefunden haben, stammen, im Gegensatz zur Mehrzahl der
bei uns lebenden türkischen Familien, überwiegend aus den Oberschichten
ihrer Heimatländer. Sie haben oft schon in ihrer alten Heimat trotz aller
politischen Bedrohung und Repression das Selbstbewußtsein kultureller
Eliten verinnerlicht und verfügen damit über die international schon recht
nivellierten Symbole und Verhaltensweisen einer Bildungsschicht, durch die
eine Integration in unser bürgerliches Gymnasium trotz aller
Sprachanpassungsprobleme erheblich erleichtert wird.
Von der Häufigkeit ihres Auftretens wie von der
Gewichtigkeit der Problemlage her konzentriert sich unser Thema daher
schwerpunktmäßig auf folgende Aspekte:
-
Wie kann die Anzahl türkischer Jugendlicher am
Gymnasium erhöht werden, um unter anderem auch diese „Bildungsreserve"
auszuschöpfen und um dabei fruchtbare Ansätze kultureller Erziehung zu
finden, die auch das Gymnasium selbst inhaltlich positiv verändern
könnten?
-
Wie ist der türkischen Minderheit ein gleicher Anteil
an Bildungschancen, wie sie von deutschen Kindern selbstverständlich in
Anspruch genommen werden, zu sichern?
-
Wie können die innerschulischen strukturellen
Barrieren überwunden werden, die sich vor allem im Vorhandensein typischer
„Hürdenfächer" am Gymnasium ausdrücken?
-
Wie können Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei
Mitschülern abgebaut werden, und wie kann ein fruchtbarer interkultureller
Austausch, als Bereicherung des Schullebens, in die Institution Gymnasium
fest integriert werden?
Ausländische Schüler am Gymnasium sollten nicht in
erster Linie als Problem, sondern als Chance und Selbstverständlichkeit
verstanden werden!
In einem späteren Abschnitt werden wir noch einmal auf
konkrete Folgerungen aus diesen Problemstellungen für die Arbeit einer
UNESCO-Schule eingehen, aber auch auf die Widerstände, die sich, sogar in
einer UNESCO-Schule, gegen eine solche Betonung der Ausländerpädagogik
aufbauen, wenn sie tatsächlich in die gewohnte Unterrichtsroutine eingreift
oder das traditionelle Selbstverständnis der Schulform, in unserem Falle
eines Gymnasiums, tangiert. Zunächst jedoch noch einige kurze Anmerkungen
zur Praxis der UNESCO-Schularbeit.
3. Die Realisierung von UNESCO-Projekten
Den Anstoß zu konkreten UNESCO-Projekten sollten nach
der Idee der UNESCO-Schulen die jährlichen Tagungen auf Bundesebene geben.
Darüber hinaus bieten diese Treffen von Vertretern möglichst aller
bundesdeutscher UNESCO-Schule die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und
zur Weiterentwicklung des UNESCO-Gedankens. In den letzten Jahren wurde vor
allem versucht, über die traditionellen Fachbezüge der politischen Bildung
hinaus, die zunächst einmal vorrangiger Träger der UNESCO-Arbeit ist und
war, andere, in ihrem Selbstverständnis nicht so ohne weiteres angesprochene
Fachbereiche wie die künstlerischen und besonders die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfelder enger in die
UNESCO-Arbeit mit einzubeziehen, um den einheitlichen ganzheitlichen
pädagogischen Anspruch stärker zu betonen.
Wie nimmt die einzelne Schule die Anstöße auf, die von
der UNESCO-Schul-Organisation ausgehen? Feste Regeln existieren nicht.
Projektveranstaltungen und Projekttage müssen von der Gesamtkonferenz
beschlossen und strukturiert werden. Die inhaltliche Umsetzung fordert dann
aber sicher delegierte Arbeit von einzelnen Kolleginnen und Kollegen in
ihren Fachgruppen oder in Projektausschüssen. Besonders wichtig ist es,
schon hier Schüler und Eltern in die inhaltliche Konzeption mit
einzubeziehen, denn es ist eine verbreitete Erfahrung, dass es Schülern aus
deren gesellschaftlichem Hintergrund heraus an unmittelbarer Affinität zur
UNESCO-Arbeit oft mangelt. Das ist kein Widerspruch zum schülerorientierten
Anspruch der UNESCO-Arbeit, sondern nur Zeichen für die Bedeutung des
Erziehungszieles „interkulturelles Lernen"; wenn dies bei Schülerinnen und
Schülern ohnehin selbstverständliches Verhalten und positive Einstellung
wäre, würde eine aktive UNESCO-Schul-Arbeit „offene Türen einrennen" und
eher eine attraktive „Verzierung" eines ohnehin in internationalen und
interkulturellen Perspektiven sich ausdrückenden Unterrichtsalltages sein.
dass dem so nicht ist, dürfte jedem Kenner der innerschulischen Situation
und jedem, der sich mit Haltungen und Vorurteilen Jugendlicher in den
letzten Jahren beschäftigt hat, klar sein.
Häufigster aktueller Konfliktpunkt mit Schülern ist die
Planung von Projektveranstaltungen mit UNESCO-Zielsetzungen, denen von
Schülerseite her die Forderung nach einer thematisch „freien" Projektarbeit
entgegengehalten wird. Hier liegt oft ein Mißverständnis über den
Stellenwert von Projekttagen und Projektwochen im Schulalltag zugrunde, das
auch von Lehrerseite häufig durch unernste Haltung gegenüber jeglicher
Projektarbeit gefördert wird: Projektwochen wären bestenfalls geruhsame
Zusätze zum eigentlich wichtigen Schulalltag und Fachunterricht. Dem ist
aber entgegenzuhalten: Projektveranstaltungen sind kein „außerschulischer"
Zeitraum in der Schule, sondern pädagogisch von der Schule zu verantwortende
Veranstaltung von mindestens gleichem Rang wie der „normale" Unterricht. Ein
Herangehen an Projekte in der üblichen Konsumhaltung – „jetzt bietet uns die
Schule einmal Spaß und Spiel an, und wir machen, was wir wollen (vielleicht
auch gar nichts)" – ist unvertretbar. Auch „freie Handlungsformen" müssen
pädagogisch reflektiert werden und den Zielen der Schule auch im Sinne des
sozialen Lernens oder der Selbsterfahrung dienen. Daher kann und soll die
Schule auch über die regelmäßige thematische Bindung von Projektzeiträumen
nachdenken und diese Bindung den Schülern verständlich machen. Für
UNESCO-Schulen sind Projektthemen aus den jeweiligen Schwerpunktthemen der
UNESCO-Schul-Organisation, die ja international ausgeschrieben werden,
vorrangige Arbeitsmöglichkeiten, die Schüleraktivitäten breiten Raum lassen.
Die Vorbereitung und Durchführung von
Projektveranstaltungen detaillierter zu schildern, ist hier nicht der Ort.
Die Autoren beabsichtigen, dieses Thema an anderer Stelle noch einmal
schwerpunktmäßig zu bearbeiten und zu publizieren. So sollen an dieser
Stelle nur die wichtigsten Kriterien genannt werden, die eine pädagogisch
und inhaltlich erfolgreiche Projektveranstaltung einer UNESCO-Schule
auszeichnen:
-
Projektveranstaltungen werden fächerübergreifend von
den Gremien der Schule vorbereitet und strukturiert; Sinn und Gehalt des
gewählten Rahmenthemas sind schon hier zu reflektieren; eventuell ist
vorbereitendes schriftliches Informationsmaterial bereitzustellen bzw. ein
Einführungsreferat eines externen Referenten in der Konferenz zu hören.
-
Lehrer, Eltern und Schüler sind an der inhaltlichen
wie organisatorischen Vorbereitung der Projektveranstaltung zu beteiligen;
neben der Beteiligung der formalen Gremien sind freie, informelle
Mitwirkungsmöglichkeiten zu eröffnen.
-
Das Veranstaltungsprogramm soll nicht nach Fächern
strukturiert werden; dagegen steht eine problem-, aufgaben- und
tätigkeitsbezogene Programmgestalt.
-
Projektarbeit bedeutet ergebnisorientiertes Arbeiten.
Nicht der Nachvollzug vorgedachter und vorerprobter Lernprogramme mit
planerisch definierten Freiheitsspielräumen ist für die Projektarbeit
typisch, sie erhält ihren pädagogischen Wert dadurch, dass die Überlegung,
auf welchem Wege eine Aufgabe zu lösen ist, im Mittelpunkt der Arbeit
steht [was auch das Risiko des Scheiterns beinhaltet].
-
Ergebnisorientiertes Arbeiten bedeutet auch, dass von
Anfang an die Ergebnissicherung und Ergebnisvermittlung mit bedacht werden
muß. Hier können materielle Produkte (Kunstgegenstände, Plakate,
Gerätschaften), Ausstellungen und Berichthefte (Publikationen) erstellt
werden. Dies geschieht zunächst schulintern; aus der
Multiplikatorenfunktion der UNESCO-Arbeit heraus sollte aber auch eine
breitere Öffentlichkeit z.B. durch Einbeziehung der lokalen Medien
(Zeitung, Funk) informiert werden.
-
Der letzte Schritt in der UNESCO-Arbeit ist dann die
Gesamtdokumentation der Arbeiten zum gewählten UNESCO-Thema, was eine
kritische Reflexion der gewählten Veranstaltungsform wie der erzielten
Ergebnisse mit einschließt. Diese Dokumentation dient dem
Erfahrungsaustausch mit anderen UNESCO-Schulen ebenso wie schließlich
einer möglichen Wirkung auf schul- und bildungspolitische Veränderungen
und Entscheidungen.
Projektorientiertes Arbeiten, erfahrungsorientierte Pädagogik,
handlungszentriertes Lernen, interkulturelle Erfahrungsmöglichkeiten sind
pädagogische Paradigmen der UNESCO-Schularbeit. Schule wird hier als
öffentlicher Handlungsraum verstanden, der sich in seinen Arbeitsformen,
Zielen und Ergebnissen öffentlich zu verantworten hat und so auch öffentlich
wirksam werden kann. Die Schule ist angesichts der bedrückenden Problemlagen
der heutigen politischen Kultur stärker als bisher wieder in die
Gesellschaft zu integrieren; das Konzept einer gesellschafts- und
politikfreien Schule halten wir nicht nur für gescheitert, sondern den
pädagogischen Zielen einer heutigen, weltoffenen Schule geradezu
entgegengesetzt.
Die Anzahl der UNESCO-Schulen ist begrenzt und wird
begrenzt bleiben. Um so stärker wird dadurch die Aufgabe sichtbar,
exemplarisch zu wirken. Dafür gibt es, in den einzelnen Bundesländern
unterschiedliche, Vorteile, die eine UNESCO-Schule nutzen kann und nutzen
sollte. In erster Linie können zusätzliche Stundenkontingente für die
UNESCO-Schularbeit abgerufen werden. Darüber hinaus sind experimentelle
Projektveranstaltungen, Studienfahrten und Schulpartnerschaften für eine
UNESCO-Schule leichter zu begründen und damit häufiger genehmigungsfähig.
Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, als UNESCO-Schule zusätzliche
Informationen und Kommunikationsbeziehungen zu nutzen und eigene Erfahrungen
z.B. bei Entscheidungen im Kultusministerium mit einzubringen. Die
Bismarckschule Hannover hat, um nur ein Beispiel zu nennen, ihre
Türkei-Beziehungen in eine entsprechenden Türkei-Arbeitsgruppe beim
niedersächsischen Kultusministerium einbringen können.
Doch immer wieder stoßen sich weiterreichende
UNESCO-Projekte mit den gegebenen organisatorischen und rechtlichen
Rahmenbedingungen einer staatlichen Schule mit ihrem Dienststellencharakter.
Das betrifft Veranstaltungen, die in die Ferienzeit hineinreichen oder die
in Zusammenarbeit mit anderen Trägern interkulturellen Lernens außerhalb des
Schulgebäudes, z.B. in städtischen Freizeitheimen, stattfinden sollen,
ebenso wie Vorhaben, die über den offiziellen Schuletat hinaus eine eigene
finanzielle Abrechnung erforderlich machen. Die Organisation der
UNESCO-Schulen in Deutschland schlug deshalb nach positiven Erfahrungen in
Nordrhein-Westfalen vor, von der Schule unabhängige Träger der UNESCO-Arbeit
als eingetragene gemeinnützige Vereine zu gründen, die im Sinne der
schulischen Zielsetzungen, kontrolliert von den jeweiligen Schulen, aber in
eigener vereinsrechtlicher Verantwortung, die Arbeitsmöglichkeiten einer
UNESCO-Schule erweitern. Auch an der hier immer wieder als Beispiel
herangezogenen Bismarckschule Hannover wurde ein solcher Verein gegründet.
Am 29. Oktober 1986 fand in der Bismarckschule Hannover
die Gründungsversammlung des UNESCO-Clubs statt. Heute zählt der UNESCO-Club
58 Mitglieder, von denen 25 Schüler und 10 Lehrer der Bismarckschule sind.
Die übrigen 23 Mitglieder sind entweder ehemalige Bismarckschüler oder
fühlen sich auf irgendeine Weise mit der Schule und/oder dem Club verbunden.
Neben diesen offiziellen Mitgliedern gibt es noch ca. 50 Personen, die, ohne
Mitglied zu sein, dem Club sehr nahe stehen, sich für seine Arbeit
interessieren und an der einen oder anderen Veranstaltung teilnehmen.
Der Club ist in das Vereinsregister des Amtsgerichts
unter der Nummer 5575 eingetragen. Der Verein dient ausschließlich und
unmittelbar gemeinnützigen Zwecken im Sinne des Abschnitts
„Steuerbegünstigte Zwecke" der Abgabenordnung. Der UNESCO-Club ist selbstlos
tätig; er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke. Laut
vorläufiger Bescheinigung des Finanzamtes Hannover-Nord vom 09.02.88 dient
die Körperschaft UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., nach der eingereichten Satzung ausschließlich
und unmittelbar steuerbegünstigten gemeinnützigen Zwecken im Sinne der §§ 51
ff. Abgabenordnung.
Wir haben hier diese vollständige „bürokratische"
Darstellung der Gründung des UNESCO-Clubs gewählt, um zum einen zu zeigen,
dass eine solche Gründung durchaus einen eigenen neuen Rechtszustand
begründet, mit dem die Schule erst umzugehen lernen muß, dass aber zum
andern einiges an bürokratischem Schriftwechsel, an Notarbesuchen und an
rechtlicher Akribie notwendig ist, um eine solche neue Organisation in Gang
zu bringen.
Doch zeigen die bisherigen Erfahrungen, wie wichtig und
richtig es war, diesen Club zu gründen, vor allem in Phasen, in denen aus
verschiedenen Anlässen die UNESCO-Arbeit in der Schule in die Krise geriet
und vor allem bei den Schülern sehr umstritten war – einige Gründe haben wir
ja schon weiter oben angedeutet. Vor allem die aktive Einbeziehung
ehemaliger Schüler ist hier ein kaum zu unterschätzender Aktivposten, der
sich derzeit sogar darin äußert, dass alle drei Vorstandsmitglieder
ehemalige Schüler sind. Ein Auszug aus dem Rechenschaftsbericht des
UNESCO-Clubs der Bismarckschule Hannover zeigt die Spannweite der
Vereinsaktivitäten:
„Die drei Hauptziele des UNESCO-Clubs als Organ der
Intentionen und Aktivitäten der Bismarckschule Hannover im Bereich der
internationalen Kontakte sind:
-
Fortführung der Schulpartnerschaften zu Polen,
Finnland und der Türkei;
-
Verknüpfung dieser Kontakte, um letztlich einen
multilateralen Meinungs- und Informationsaustausch zumindest in Ansätzen
erreichen zu können;
-
Umsetzung der Erfahrungen im Schüleraustausch und in
den Schulpartnerschaften in innerschulische Aktionen und unterrichtliche
Schwerpunkte.
-
Wir halten im Vorfeld der Umsetzung der genannten
Ziele folgende Voraussetzungen innerhalb der Schule für notwendig und
bitten um Unterstützung, sie zu verwirklichen:
-
Information der Gesamtkonferenz über die
UNESCO-Aktivitäten;
-
stärkere Einbeziehung und Information der
Elternschaft;
-
Beschlussfassung über ein längerfristiges Programm;
-
bessere materielle Ausstattung bei Veranstaltungen;
-
mehr Aktivität der Kollegen bei der Unterstützung
dieser Arbeit!
Schwerpunktveranstaltungen im Berichtszeitraum
1987 bis 1989:
Osterferien 1987: Studienreise nach Polen:
Posen, Danzig, Warschau, Krakau; politische Gespräche, Besichtigungen,
zeitgeschichtliche Informationen; im Zusammenhang mit dem Besuch einer
polnischen Schülergruppe in der Bismarckschule ein Berichtabend über die
Polenkontakte und Herausgabe eines Reiseberichtes in der Schriftenreihe des
UNESCO-Clubs.
Sommerferien 1987: Studienreise in die Türkei,
nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel; anschließend Berichtabend in der
Schule und Herausgabe eines umfangreichen Reiseberichtes in der
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs.
Die Herausgabe eines Reiseberichtes einer schulischen
Studienfahrt nach Ungarn im Herbst 1987 wird ebenfalls vom
UNESCO-Club übernommen.
Herbst/Winter 1988: Beginn der Arbeit der neuen
Türkei-AG.
Januar 1989: Finnlandreise; anschließend
Berichtabend mit finnischem Imbiss
Im Mai 1989 findet aus Anlass ihres zehnjährigen
Bestehens in Hannover die Deutsch-Polnische Woche 1989 der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. statt, der sich die intensiven
Polenkontakte der Bismarckschule Hannover eng verbunden wissen. Auch
personell besteht eine Verflechtung zwischen Bismarckschule Hannover,
Deutsch-Polnischer Gesellschaft und UNESCO-Club, die positive Anregungen für
diesen Teil der UNESCO-Aktivitäten gewährt. Daher ist es selbstverständlich,
dass sich die Bismarckschule Hannover auch an den Veranstaltungen der
Deutsch-Polnischen Woche aktiv beteiligt und dass der UNESCO-Club ein
Informations- und Ratgeberheft für Schulpartnerschaften mit Polen und für
Polenreisen mit Schülern herausgeben wird.
Im Juni 1989 betreut die Bismarckschule Hannover
mit Unterstützung des UNESCO-Clubs drei Gruppen ausländischer Schüler, die
jeweils für zehn Tage im Rahmen bestehender Schulpartnerschaften nach
Hannover gekommen sind und neben einem umfangreichen Reise- und
Informationsprogramm in Hannover und Umgebung die Schule kennen lernen,
zeitweilig am Unterricht teilnehmen und vor allem im Rahmen der privaten
Unterbringung Kontakt zu unseren Bismarckschülern und -schülerinnen knüpfen
konnten.
Schließlich plant die Türkei-AG der Bismarckschule
Hannover und des UNESCO-Clubs für den Herbst 1989 eine Studienreise
in die Türkei, in deren Mittelpunkt ein Besuch bei der türkischen
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stehen wird. Dies institutionalisiert
einen Kontakt, der seit 1984 besteht, 1985 von unserer Seite zu einem ersten
Besuch der Türkei führte, mit der Orientreise 1987 und mehreren privaten
Kontakten fortgeführt wurde und im Juni, wie schon erwähnt, einer türkischen
Schülergruppe den Besuch in der Bismarckschule Hannover ermöglichte.
In einem Rechenschaftsbericht über Clubaktivitäten ist
jedoch auch der Rahmen, in dem diese Veranstaltungen stattfinden können,
genauer zu kennzeichnen: „Der UNESCO-Club der Bismarckschule ist ein
selbständig rechtsfähiger Verein und verfügt demgemäß über eine eigene
Satzung, in der die Ziele der Arbeit des Clubs festgelegt sind. Danach
fördert und initiiert der UNESCO-Club pädagogische Veranstaltungen, die den
völkerverbindenden und friedenserhaltenden Zielen der UNESCO und der
Organisation der UNESCO-Schulen in Deutschland, insbesondere der
Bismarckschule Hannover dienen.
Der UNESCO-Club ist nicht dafür gegründet worden, damit
er für die Bismarckschule die UNESCO-Arbeit übernimmt und sie sich
UNESCO-Schule nennen darf. Der UNESCO-Club ist ein selbständiger Verein, der
von dem oben beschriebenen UNESCO-Gedanken bestimmt wird. Da der Club ein
Teil der Bismarckschule ist und bleiben will, wird er versuchen, den
UNESCO-Gedanken in die Schule zu tragen, um Interesse bei den jungen
Schülern zu wecken. Der Club wird alle diejenigen Lehrer der Bismarckschule,
für die die Arbeit der UNESCO wichtig ist und sie deshalb in ihren
Unterricht einfließen lassen wollen, tatkräftig unterstützen.
Der UNESCO-Club ist kein Aushängeschild der
Bismarckschule. Er wird sich dafür einsetzen, dass im Sinne der UNESCO etwas
bewegt wird. Die Unterstützung von völkerverbindenden Maßnahmen und die
damit einhergehende Friedenssicherung sind dem Club sehr wichtig, und er
wird bei seiner Arbeit versuchen, dieses Bewusstsein gerade bei den Schülern
zu wecken. Gerade in der heutigen Zeit müssen bei jungen Menschen Interessen
geweckt werden, die über das bloße Konsumdenken hinaus gehen."
4. Schwierigkeiten und Hindernisse der UNESCO-Arbeit
Solange UNESCO-Arbeit als abstraktes Konzept
vorgetragen wird, solange die Ziele von Ausländerpädagogik und
interkulturellem Lernen ganz allgemein vertreten werden, ist die Akzeptanz
in den Schulen wie in der Öffentlichkeit groß, wenn man einmal von
bedauerlichen negativen Besetzungen jeder positiven internationalen Arbeit
am rechten Rand des politischen Spektrums der Bundesrepublik in der letzten
Zeit absieht, wo jeder interkulturelle Anspruch als angeblicher Vorläufer
einer „multikulturellen Gesellschaft" (die ja in der BRD tatsächlich schon
seit langem existiert) abgelehnt und verteufelt wird. Doch sind diese
Stimmungen (noch?) nicht mehrheitsfähig, und die UNESCO-Schul-Arbeit steht
dafür, innerhalb der Pädagogik, der Schulpolitik und der politischen Bildung
dafür zu sorgen, dass diese verderblichen politischen Tendenzen niemals
mehrheitsfähig werden können.
Die Widerstände gegen die UNESCO-Arbeit entstehen somit
nicht in erster Linie in der allgemeinen politischen Öffentlichkeit, sondern
sie entzünden sich an konkreten Projekten und Arbeitsvorhaben zunächst
einmal in den Schulen selbst, um dann ggf. in Teilen der Öffentlichkeit
aufgegriffen und politisch benutzt zu werden.
In unserem Kontext erscheint es uns wichtig, einige
Haupteinwände gegen konkrete UNESCO-Schul-Projekte anzuführen und zur
Diskussion zu stellen, da es nicht genügt, schlicht zu behaupten, dass diese
Einwände vor dem Hintergrund der allgemeinen positiven Ziele der
UNESCO-Arbeit irrelevant wären, sondern dass die realen, oft durchaus
nachvollziehbaren Motive der Ablehnung und Kritik ernst genommen und in der
UNESCO-Arbeit selbst thematisiert werden sollten.
Die umfassendste Form von Widerständen gegen die
UNESCO-Arbeit ist als Auswirkung aktueller internationaler Spannungen zu
beobachten, die als Ursachen nicht schulintern beseitigt, sondern
bestenfalls in ihren Auswirkungen berücksichtigt und aufgearbeitet werden
können. In den letzten Jahren schlug sich die internationale
Auseinandersetzung um die Schwerpunktprogramme und die Führung der UNESCO
selbst, die zum Austritt der Vereinigten Staaten und Großbritanniens aus
dieser Sonderorganisation der Vereinten Nationen führten, auch zu einer
spürbaren Belastung der basisnäheren UNESCO-Aktivitäten. Da sich die
Bundesrepublik der Absonderungspolitik ihrer Verbündeten nicht anschloss und
durch den zwischenzeitlichen Wechsel an der Spitze der UNESCO der Konflikt
einiges von seiner aktuellen Brisanz verloren hat, kann dieser Bereich
potentieller Widerstände gegen UNESCO-Schul-Projekte heute wohl
vernachlässigt werden. Nicht vernachlässigt werden darf jedoch die
politische Auseinandersetzung um Zulässigkeit und Opportunität politischer
Kontakte – und als solche werden auch persönlich begründete
UNESCO-Schulpartnerschaften in der Öffentlichkeit definiert – zu konkreten
„Kontakt- oder Partnerländern", deren innenpolitische Situation nicht den
politischen Maßstäben oder demokratischen Idealen der Bundesrepublik
Deutschland entspricht. Die Berührungsängste oder Einwirkungshoffnungen sind
dabei in hohem Maße parteipolitisch besetzt und daher für die öffentliche
politische Auseinandersetzung hervorragend geeignet, was für eine Schule,
deren Bildungsauftrag Distanz zu parteipolitischen Stellungnahmen verlangt,
erhebliche Behinderungen der konkreten UNESCO-Arbeit bedeuten kann.
Das wird leicht verständlich, wenn einige solche
konkreten Fälle benannt werden: positiv fördernde UNESCO-Kontakte zu
Nicaragua treffen sehr schnell auf die Ausgrenzungs- und
Destabilisierungspolitik gegen die Sandinistas, der sich die USA
verschrieben haben und die in konservativen Kreisen der BRD durchaus als
sinnvolle politische Strategie verstanden wird. Auch humanitäre
Hilfsmaßnahmen und Basiskontakte zu Schulen laufen dieser Abgrenzungspolitik
zuwider. Hier muß schulintern und in der lokalen Öffentlichkeit deutlich
gemacht werden, dass UNESCO-Arbeit nicht „Anerkennung" politischer
Herrschaftsverhältnisse heißt (die einer Schule naturgemäß nicht zusteht),
sondern das Beharren auf dem Menschenrecht auf Bildung, Kultur und
Kommunikation für die jeweiligen Bevölkerungen, auch wenn staatliche
Rahmenbedingungen bis zu dem Grade hingenommen werden müssen, wie es die
Herstellung und Institutionalisierung von Basiskontakten erforderlich macht.
Mit umgekehrten politischen Vorzeichen gilt das in
gleicher Weise für zwei Kontakte, die die Bismarckschule Hannover pflegt,
nämlich die Schulpartnerschaft zu Schulen in der Türkei und die im Aufbau
befindliche Schulpatenschaft zu einer Farmschule in Namibia. In beiden
Fällen lassen sich durchaus kritische Einschätzungen der
politisch-gesellschaftlichen Situation in den Kontaktländern vermitteln, die
bei der Einleitung und Institutionalisierung dieser Kontakte im Bewusstsein
gehalten werden müssen. Doch auch in diesen Fällen läßt sich die
UNESCO-Arbeit von der Überzeugung leiten, dass das genannte Menschenrecht
auf Bildung, Kultur und Kommunikation durch internationale Kontakte zwischen
den Menschen, zwischen den Schulen nur gefördert werden kann und dass eine
Förderung und Unterstützung der Menschenrechte, auch wenn die Schule nicht
auf der eigentlich politisch-staatlichen Ebene wirksam werden kann, immer
auf längere Sicht positive Auswirkungen auch auf die politisch-staatlichen
Rahmenbedingungen haben kann.
Widerstände auf dieser Ebene ergeben sich mit noch viel
brisanterer persönlicher Emotionalisierung bei – geschichtlich, politisch
und geographisch – „näher" liegenden Kontakten zum mitteleuropäischen
Nachbarland Polen, zu dem die Bismarckschule Hannover ihren wichtigsten und
intensivst gepflegten Kontakt hergestellt und institutionalisiert hat. Wie
stark hier Einwände auf der einen Seite durch die bundesdeutschen
„Vertriebenenorganisationen" zu berücksichtigen waren und wie stark auch auf
der anderen Seite die „Abgrenzugspolitiker" in Polen offizielle Kontakte
zwischen Schulen und Schülern behinderten, soll andeutungsweise in einem
folgenden Kapitel noch angesprochen werden. Die Partnerschaft zum V. Liceum
in Poznań (Posen) ist dann doch eine der ersten offiziell beschlossenen und
auf Dauer angelegten Schulpartnerschaften zwischen der Volksrepublik Polen
und der Bundesrepublik Deutschland geworden, eingebettet in die
Städtepartnerschaft zwischen den beiden Messestädten Posen und Hannover.
Doch die persönlichen Sperren und Widerstände sind damit, wie bei jedem
heutigen Polenkontakt, nicht endgültig ausgeräumt, da zu viele sehr
persönliche belastende Lebenserfahrungen die Einstellungen prägen und zum
Teil unveränderlich gemacht haben. Es ist daher Aufgabe einer positiv und
auch innergesellschaftlich wirkend verstandenen UNESCO-Arbeit, bei aller
Sensibilität gegenüber den persönlichen Schicksalen auf beiden Seiten in der
heutigen Situation verhindern zu helfen, dass das empfindliche
mitteleuropäische Gleichgewicht durch parteipolitisches Kalkül und eine
unreflektierte Politik aus den tagespolitischen Stimmungen heraus gestört
werden könnte. Je dichter das Netz der menschlichen Kontakte und
Begegnungen, der Partnerschaften und Besuche wird, zu denen
UNESCO-Schul-Arbeit ihren Beitrag leistet, desto stabiler gegenüber
tagespolitischen Irritationen wird auch das Verhältnis zwischen den Völkern
in Mitteleuropa.
Die gravierendsten Widerstände gegen die forcierten
UNESCO-Aktivitäten einer Schule liegen jedoch in der Schule selbst und sind
vor allem durch folgende Stichpunkte zu umreißen, die anschließend noch
diskutiert werden sollen:
-
UNESCO-Arbeit ist ein Lernbereich und keine autonome
Schüleraktivität
-
Projektarbeit verlangt ungewöhnliche Qualifikationen
-
UNESCO-Arbeit geht über den Unterrichtsvollzug hinaus
-
UNESCO-Arbeit ist arbeitsaufwendig
-
Einzelne Projekte sind meist an bestimmte Personen
gebunden
-
UNESCO-Arbeit verlangt Einstellungs- und
Verhaltensänderungen
-
UNESCO-Arbeit berührt das institutionelle
Selbstverständnis
-
interkulturelles Lernen fordert Distanz und
Konfliktfähigkeit.
Auseinandersetzungen um die UNESCO-Arbeit können daher an jeder Stelle der
Institution Schule auftreten, sowohl gegenüber Schulleitung und
Aufsichtsbehörde, Eltern- und Schülervertretungen, als auch in der
Schülerschaft und im Lehrerkollegium selbst, wobei die oft persönlich
gefärbten Konflikte zwischen kontroversen Gruppen in der Lehrerschaft die
quälendsten und am schwersten zu überwindenden Hindernisse einer
erfolgreichen UNESCO-Arbeit sind.
Zum ersten angesprochenen Punkt, dass
UNESCO-Aktivitäten ein Lernbereich und keine autonome Schüleraktivität sind,
wurde schon weiter oben einiges gesagt. Dieser Umstand hat einige
gravierende Folgen, was die spontane Motivation und Beteiligung an
UNESCO-Projekten betrifft, die genauso sorgfältig von Schul- und Lehrerseite
her geplant und eingeführt werden müssen wie sonstige
Unterrichtsveranstaltungen, mit dem Unterschied, dass das „vereinfachte
Verfahren" des Zensierungsdruckes hier wegfällt und Einsicht und Verständnis
beim Schüler angesprochen werden müssen. Hauptsächliche Argumente von
Schülern gegen dominierende UNESCO-Schul-Aktivitäten sind z.B.: „Wir haben
ohnehin schon genug zu tun und wollen nicht noch mehr Zeit für die Schule
opfern", „Zunächst einmal sollte die Schule sich mit ihren eigenen Problemen
und Defiziten beschäftigen, ehe sie übertriebene weltweite Projekte
betreibt, die nur zu Lasten eines vernünftigen Unterrichtes gehen" und „Was
nützt mir die ganze UNESCO-Arbeit, wenn ich meine Leistungen in den
Hauptfächern nicht verbessere". Diese Argumente haben aus der subjektiven
Sicht heraus durchaus einige Berechtigung und müssen ernst genommen werden.
Wichtig ist es dann, den engen inneren Zusammenhang zwischen den
Lernmöglichkeiten in der UNESCO-Arbeit und den Bildungszielen der Schule
herauszustellen, die bis hin in die individuelle Leistungsqualifikation in
einer Wechselbeziehung stehen, von der die Schüler selbst auch in Hinblick
auf die spätere Berufseignung nur profitieren können. Das wird nicht leicht
sein, wie die gleicherweise argumentierende politische Bildung seit langem
immer wieder erfahren hat: soziale Qualifikationen gelten in unserer
Gesellschaft noch allzu wenig, so wichtig sie für den Fortbestand unserer
demokratischen Gesellschaftsform auch sind.
Der zweite Punkt, neue Qualifikationen für die
Vorbereitung und Durchführung von Projekten oder allgemeiner für die
Einführung der Projektarbeit, Voraussetzung einer aktiven UNESCO-Arbeit,
ruft zwar zunächst einen gewichtigen Einwand hervor, der auch Ängste in der
Lehrerschaft auslösen kann; doch auf längere Sicht hin profitiert Schule von
dieser zusätzlichen pädagogischen Qualifikation so ungemein viel, dass die
Mühe des Qualifikationserwerbs, das Risiko des anfänglichen Scheiterns und
die Langwierigkeit des Experimentierens mit dem neuen methodischen
Instrumentarium des Lernens durch Projekte dadurch aufgewogen wird. Einer
Mehrzahl von Kollegen wird dieses Argument wohl plausibel gemacht werden
können; hilft es doch der besseren und vielseitigeren Planung und
Durchführung auch des eigenen Unterrichtes. Wenn auch in der
wissenschaftlichen Pädagogik schon lange gute und anwendbare Arbeiten und
Unterrichtsversuche zur Projektarbeit greifbar sind, so sind diese doch noch
längst nicht in ausreichendem Maße in der Schule rezipiert worden. Das
spricht für eine verbesserte, vielleicht sogar institutionalisierte
Rückkoppelung von Forschung und Praxis, auch wenn von Seiten der
Schulverwaltung diesbezügliche Versuche und Einrichtungen beendet, behindert
oder aufgelöst worden sind. Die Universität Oldenburg hat damit ja leidvolle
Erfahrungen machen können. So bleibt sicher vieles dabei der persönlichen
Initiative überlassen – und der Hoffnung auf vielleicht zukünftig veränderte
politische Rahmenbedingungen. In Niedersachsen sollte die Lehrerfortbildung
des „NLI" verstärkt methodische Themen aus dem Feld Projektarbeit und
handlungsorientiertes Lernen anbieten, ebenso wie hier eine Institution
vorhanden ist, die bei entsprechendem politischen Willen interkulturelles
Lernen, Ausländerpädagogik und UNESCO-Arbeit zu einem selbst
vorangetriebenen Arbeitsschwerpunkt machen könnte.
UNESCO-Arbeit verlangt persönlichen Einsatz über den
üblichen Unterrichtsvollzug hinaus. Hier können die grundlegend
verschiedenen Einstellungen zum Lehrerberuf in der Lehrerschaft selbst zu
unlösbaren Konflikten führen. Der „Idealismus"-Vorwurf (was ist an diesem
„Vorwurf" eigentlich so negativ?) ist nur die freundlichste Reaktion auf die
Zumutung, den eigenen Unterricht einzubinden in unterrichtsübergreifende
Zusammenhänge, von den Fachlernzielen überzuleiten auf allgemeine Aufgaben-
und Zielbestimmungen für die Schule. Wer die Aufgaben des Lehrers
gleichsetzt mit der Vermittlung von Fachqualifikationen im jeweils eigenen
wissenschaftlichen Fach, wird für UNESCO-Arbeit schwerlich zu interessieren
sein. Hier müsste eine öffentliche Diskussion über das Berufsbild des
Lehrers einsetzen. Ein erster Ansatz wäre vielleicht durch einen Konsens
darüber zu schaffen, dass mitbürgerliches Leben und Berufstätigkeit in der
Öffentlichkeit, d.h. auch: im öffentlichen Dienst, ganz allgemeine Pflichten
beinhaltet, zu denen auch gesellschaftliche Verantwortung, Verantwortung für
die politischen und interkulturellen Probleme unserer Existenz gehören. Erst
recht gilt das für Lehrer, die mit Jugendlichen und Kindern in ihrer
prägsamsten Altersstufe zu tun haben! Doch wäre viel allgemeiner zu
überlegen, ob das Berufsverständnis und die „Arbeitsplatzbeschreibung" des
Lehrers nicht grundsätzlich verändert und von dem Bild des
Fachwissenvermittlers abgelöst werden müsste, ohne dabei in eine
romantische, vorrationale „Gesamtpädagogik" zurückzufallen. Die sehr
konkreten Paradigmen der fächerübergreifenden interkulturellen Lernziele
können dabei ebenso eine Hilfe sein wie die Methodik des Projektlernens.
Die daraus erwachsende Arbeitsbelastung des Lehrers
macht die virulente Frage nach den Arbeitszeiten und der anstehenden
Arbeitszeitverkürzung nur noch dringlicher. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann
forcierte UNESCO-Arbeit durchaus mit gewerkschaftlichen Strategien zur
Durchsetzung notwendiger Arbeitszeitverkürzungen kollidieren. Behutsames
aufeinander Eingehen ist in einem solchen Falle notwendig, da die Motive und
die politische Bewertung der UNESCO-Arbeit, des interkulturellen Lernens und
der Ausländerpädagogik nicht nur nicht im Widerspruch zu gewerkschaftlichen
Zielen und Traditionen stehen, sondern im Gegenteil als ureigenster
Bestandteil gewerkschaftlicher Solidarität und gewerkschaftlichen
Selbstverständnisses gelten können. Neben dem Bewusstsein dieser
Interessenidentität ist aber auch von den Lehrerverbänden und Gewerkschaften
zu verlangen, ihre Handlungsperspektiven nicht so auf die aktuellen
Kampfziele zu verengen, dass dadurch den inhaltlichen Perspektiven die Luft
genommen wird. „Schlechte Schule" als Druckmittel gegenüber dem öffentlichen
Arbeitgeber kann doch wohl als Kampfstrategie nicht nur nicht hinreichend
sein, sondern ist wohl eine Perversion des kulturellen Anspruches der
Gewerkschaftsbewegung, die eine bessere Gesellschaft will. Diese Argumente
sind in der Auseinandersetzung mit gewerkschaftlichen und personalrätlichen
Einwänden zu betonen in der Absicht, Grundlagen für gegenseitiges
Verständnis und Gemeinsamkeit in der Zielsetzung einer Veränderung von
Schule herzustellen. In diesem Sinne kann das Argument, UNESCO-Arbeit ist
unbezahlte Mehrarbeit, nicht akzeptiert werden (abgesehen davon, dass in der
Schule im konkreten Falle Entlastungen gewährt werden können), da hier nicht
nur im engeren Sinne berufliche Pflicht sondern auch Verpflichtung zum
politischen Handeln eine Rolle spielt.
Jede Aktivität, das zeigt die Erfahrung, ist als
Initiative oder als kontinuierliche Programmgestalt an das individuelle
Engagement gebunden. dass öffentliche Aktivitäten, wie sie
UNESCO-Schul-Aktivitäten nun einmal sind, sich in der Öffentlichkeit auch
mit bestimmten Personen verbinden, ist selbstverständlich und unvermeidlich.
dass sich die Öffentlichkeit, wie sie sich in den Medien nun einmal
repräsentiert, auf der anderen Seite sehr wenig für die, als
selbstverständlich vorausgesetzte „Normalität" von Schule und Unterricht
interessiert, ist notwendigerweise hinzunehmen, auch wenn sich Kollegen, die
[wie sie glauben] einen besonders guten und engagierten „normalen"
Unterricht geben und sich dafür vielleicht sogar bis an die Grenzen ihrer
Belastbarkeit einsetzen, von der Öffentlichkeit nicht besonders wahrgenommen
werden, sondern „nur" zum guten Ruf einer Schule allgemein beitragen. Hier
können böse persönliche Rivalitäten und Gehässigkeiten entstehen, deren
Ursache jedoch, bei der Beibehaltung der geschilderten Rollenverteilung in
der UNESCO-Arbeit, nicht zu beheben ist. Hier müssen Anerkennung und
Gratifikation im Kollegium selbst, im Kontakt mit den Schülern und Eltern
gewährt werden, wobei auch die Schulleitung eine nicht zu unterschätzende
Rolle spielen kann. Doch im Sinne einer „neuen Bescheidenheit" zu verlangen,
sinnvolle und wertvolle Aktivitäten zu unterlassen, weil sie einzelnen
Kollegen größere öffentliche Resonanz und Wirkungsmöglichkeit eröffnen,
bedeutet letztlich: Verzicht auf jede positive Veränderung, jeden
Fortschritt und Verzicht auf Schule als öffentlich zu verantwortende
Institution.
Die Forderung nach Verhaltens- und
Einstellungsänderungen trifft immer auf Widerstände. Doch ist dies ein
allgemein politisches und pädagogisches Problem, mit dem sich die
Lehrerschaft nur allzu selten konfrontiert gesehen hat. Die Ziele dieser
Einstellungsänderungen sind von uns an anderer Stelle erörtert worden und
werden im Zusammenhang mit den Anmerkungen zu den konkreten Kontakten mit
Polen und der Türkei noch beispielhaft erläutert.
Ähnlich ist es mit dem Selbstverständnis der Schule und
der Pädagogik, das durch die UNESCO-Arbeit berührt werden kann. Vor allem
die individualistische Perspektive der Gymnasialpädagogik wird von den
Ansätzen des gesellschaftlichen, interkulturellen Lernens und einer
erneuerten, gesellschaftspolitisch verantworteten Ausländerpädagogik
berührt. Hier soll eine Zusammenstellung von Thesen und Fragestellungen
zitiert werden, die diesen Zusammenhang verdeutlicht. Diskutiert wurden
diese Thesen auf einem Symposium, das der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule
am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., am 15./16.3.1988 in der
Bismarckschule Hannover zum Thema „Probleme der weiterführenden
Allgemeinbildung für Ausländer" veranstaltet hat.
„Das Gymnasium hat sich um Ausländerprobleme bislang
wenig gekümmert, weil es zahlenmäßig weniger als andere Schulformen
betroffen ist und es bislang vor allem mit ausländischen Schülern aus den
jeweiligen Mittel- und Oberschichten zu tun hatte.
-
Schulerfolg und gesellschaftliche Integration sind
nicht identisch. Auch das Gymnasium hat die erzieherische Aufgabe, sich
über die Lerninhalte hinaus um die Probleme des sozialen Lernens und der
persönlichen Sozialentwicklung der Schüler zu kümmern.
-
Das Gymnasium tendiert dazu, Problemlagen zu
individualisieren und ihrer gesellschaftlichen Dimension zu berauben. Das
führt zu Problemlösungswegen allein auf individueller Ebene, wenn
eigentlich das soziale Umfeld zu betrachten wäre.
-
Negative Folge der Individualisierung von
Problemlagen ist, dass „unlösbare" Probleme mit Mitteln der
Leistungsbewertung zur Klassifizierung in „geeignete" und „ungeeignete"
Schüler führt.
-
Soziale Probleme sind erst dann lösbar, wenn sie als
solche erkannt werden.
-
Integration heißt nicht „Umsozialisierung" oder
affirmative Anpassung.
-
Wo können deutsche Schüler von der Anwesenheit
ausländischer Schüler in den Lerngruppen profitieren?
-
Die Schulfächer mit eigenen Symbolsprachen sollten
ihre Chance nutzen, die Verbalisierungsprobleme derjenigen Schüler, die in
einer Fremdsprache (Deutsch) lernen müssen, durch Erfolgserlebnisse
überwinden zu helfen. Mathematik und Naturwissenschaften sollten dadurch
leichter erlernbare Fächer für nicht deutschsprachige Schüler werden
-
Der Förderunterricht sollte seine fachorientierte
Rolle überdenken.
Als Fragestellungen ergeben sich daraus: Sind
differenzierte Bewertungsmodi im Verbalisierungsbereich praktikabel? Sollte
der muttersprachliche Unterricht auch im Gymnasium ermöglicht werden? Können
feste Lerngruppen für spezifische Lerndefizite auch über den
Förderunterricht hinaus eingerichtet werden? Welche
Binnendifferenzierungsmodelle der Unterrichtsmethoden sind im Gymnasium
erprobt worden? Können nonverbale Arbeitsformen in der Benotung eine
stärkere Betonung erlangen? Wie können Unterrichtsinhalte aus dem
Erfahrungsbereich der ausländischen Schüler in den Gymnasialunterricht
integriert werden?"
Auf diese Fragen kann im Zusammenhang unserer
Darstellung keine Antwort gegeben werden; doch legen die erläuterten
Zielsetzungen der UNESCO-Schularbeit durchaus Diskussionsrichtungen nahe,
die über den Anlass hinaus fruchtbare Auseinandersetzungen und schulische
Veränderungen initiieren könnten.
Zum Abschluss dieses Kapitels über Widerstände und
Probleme der konkreten UNESCO-Schul-Arbeit soll noch verallgemeinernd eine
Zielsetzung angedeutet werden, die sehr schwer zu erfüllen ist, die aber dem
interkulturellen Ansatz erst seinen allgemeingültigen Wert gibt:
Interkulturelles Lernen steht in der Tradition der Aufklärung; Rationalität
der Auseinandersetzung und Distanz der Beobachtung und Begutachtung sind die
Grundlagen dessen, was aus dem interkulturellen Ansatz der eigenen Situation
gegenüber als Reflexionsbereitschaft und Ideologiekritik entwickelt werden
kann. Unsere Auffassung ist, dass nur diese Distanz zu gesellschaftlicher
Kreativität führt, dass gesellschaftliche Verantwortung und
Veränderungsbereitschaft, die wir für den gültigen Kernbestand der
politischen Bildung halten, nur durch Rationalität und Kritikfähigkeit
gesichert werden können.
5. Patenschaften: UNESCO-Schule und „Dritte-Welt-Didaktik"
Die Aufgaben und Ziele der UNESCO sind eng mit den
Problemen der Dritten Welt verbunden. UNESCO-Arbeit an einer Schule in einem
der reichsten Industrieländer der Welt muß sich daher die Frage gefallen
lassen, wie sie die „ferne" und doch so brennend aktuelle Problematik der
Dritten Welt mit einbezieht, im Bewusstsein erhält. Durch Reisen und
Schüleraustausch bei traditionellen Schulpartnerschaften ist diese Aufgabe
nicht zu bewältigen. Ehe wir, näher in unserem geographischen Bereich
bleibend, uns mit zwei Beispielen für solche Schulpartnerschaften
beschäftigen – mit einer Schule in Polen und einer Schule in der Türkei –
wollen wir uns in einem Exkurs mit Chancen und Problemen einer Aktionsform
der UNESCO-Schul-Arbeit beschäftigen, die in letzter Zeit stärker als Lern-
und Handlungsmöglichkeit ins Bewusstsein getreten ist: mit der Patenschaft
zu Schulen und Bildungseinrichtungen in Ländern der Dritten Welt. Die ist
gleichzeitig der Anlass, neben einigen konkreten Aktionshinweisen die
grundlegende Problematik einer aktuellen Dritte-Welt-Didaktik anzureißen,
auch um Interesse für eine vertiefte Beschäftigung mit diesem brisanten
Thema in anderen Diskussionszusammenhängen anzuregen. Zunächst ein kurzer
Abriss der Überlegungen, die in der Bismarckschule Hannover mit
Unterstützung des UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., seit 1988 zum Aufbau von zwei Patenschaften
geführt haben.
UNESCO-Modellschulen unterscheiden sich laut Definition von anderen Schulen
dadurch, dass sie zwar wie sie Projekte, Patenschaften und
Austauschprogramme machen, dass diese aber bei uns umfassender und stärker
schulintegriert sind als sonst. Mit den bestehenden
Schüleraustauschprogrammen mit Polen und Finnland und den angebahnten bzw.
geplanten mit der Türkei und den USA hat, wie es scheint, die Bismarckschule
die Grenzen von Austauschprogrammen erreicht, weil die Zahl der Schüler
weitere kaum noch zulassen wird. Selbst wenn weitere Programme (z.B. mit
Frankreich) begonnen werden könnten, würden jedenfalls Länder der „Dritten
Welt" fehlen müssen: die Entfernungen und damit die Reisekosten sind zu
hoch, die potentiellen Gastgeber nicht in der Lage, uns aufzunehmen oder gar
einen Besuch zu erwidern. Bei Kontakten von deutschen UNESCO-Schulen mit
Einrichtungen der „Dritten Welt" hat sich deshalb immer ergeben, dass es
entweder ausgesprochene Hilfsprogramme im schulischen Bereich sind oder ein
Besuch über viele Jahre hinweg geplant und angespart wird, um dann womöglich
nicht stattzufinden.
Der UNESCO-Club der Bismarckschule hat deshalb die
Unterstützung von zwei Projekten in der „Dritten Welt" beschlossen:
-
Namibia: im Auftrage der Niedersächsischen
Landesregierung besuchte eine Delegation von Lehrern unseres Landes
Namibia, um die Probleme des Schulunterrichtes von Farbigen
kennenzulernen. Sie bestehen vor allem auf dem Lande, wo in Einzelfällen
Farmer Schulen für die Kinder ihrer Landarbeiter eingerichtet haben; zum
anderen für Mädchen, die später einen Beruf ergreifen wollen und nicht die
Tradition der frühen Heirat ohne vorherige Ausbildung fortsetzen wollen.
Wir wollen eine Schule für Mädchen in der Hauptstadt Windhuk unterstützen;
das können wir selbständig oder durch Mitarbeit bei einem schon
bestehenden Projekt der Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim tun.
-
Bolivien: Cochabamba, die zweitgrößte Stadt
Boliviens, ist ein wichtiges Schulzentrum mit mehreren Internatsschulen,
deren oft sehr arme Schüler durch Patenschaften (z.B. Kindernothilfe)
unterstützt werden. Übergreifende Hilfen, u.a. eine jährliche ärztliche
Untersuchung aller Kinder, fallen in zunehmendem Maße der Inflation zum
Opfer. Wir wollen deshalb das Schulzentrum Cochabamba in diesem Bereich
[innerhalb dessen aber mit freier Verfügung über die Summe] unterstützen.
Als Vermittler für die Überweisung des Geldes stehen „el Puente" in
Hildesheim („Dritte-Welt-Laden") oder die Kindernothilfe in Duisburg
bereit. Der UNESCO-Club bürgt mit seinem Vermögen für Spenden von je
100.-- DM pro Projekt und Jahr. Wir hoffen aber, diese Summe – und mehr! –
durch Spenden zu bekommen. Bei einem wesentlich höheren Spendeneingang
könnten wir die beiden Projekte um so besser ausstatten oder ggf. noch
weitere in Angriff nehmen. Wir hoffen sehr, dass das Überweisen des Geldes
nur der Auslöser von brieflichen und anderen Kontakten sein wird. Diese
müssten von Einzelschülern oder ganzen Klassen übernommen werden.
Dieser konkrete Anlass führt uns zu einigen
allgemeineren Reflexionen über die Dritte-Welt-Didaktik, welche die
Grundlage eines Unterrichts sein kann, der das Patenschaftsprojekt
vorbereitet und pädagogisch umsetzt. dass dem Thema „Dritte Welt" ein im
einzelnen wie auch immer anzusetzender hoher Stellenwert im schulischen
Curriculum einzuräumen ist, darüber besteht – zumindest in den letzten
Jahren – bei den meisten Fachdidaktikern kaum Dissens. So finden wir das
Thema in nahezu allen Richtlinien und Schulbüchern der Fächer Erdkunde,
Politik und Geschichte. Wie sich diese Bedeutung in das Alltagsleben des
einzelnen übersetzen läßt, darüber finden sich, wie noch nachzuweisen sein
wird, kaum Aussagen. Unterhalb der ganz abstrakten Ebene der Anerkennung
einer „existentiellen Bedeutung" wird der angebliche Konsens schon brüchig.
Die Zuordnung des Themas „Dritte Welt" zu allgemeinen Problemkreisen ist
unsicher.
-
Ist der „Nord-Süd-Konflikt" als Funktion der
„Ost-West-Auseinandersetzung" anzusehen?
-
Sind Entwicklungsländerprobleme vor allem
„Schwachstellen" in der internationalen Arbeitsteilung, die unsere eigene
ökonomische Zukunft berühren? – Ist das Schicksal der armen Länder vor
allem ein ethisch zu bewertendes Sozialproblem, das unser Gewissen
belastet und unser Mitgefühl anspricht? – Sind die lokalen Konflikte in
der „Dritten Welt" Teil einer internationalen Friedensbedrohung?
Schon die in der Pädagogik wie in der Öffentlichkeit
angeführten Ziele der „Dritte-Welt-Didaktik" sind heterogen und teilweise
widersprüchlich. Eine Auseinandersetzung mit den dominierenden
Begründungszusammenhängen ist auch innerhalb der UNESCO-Schul-Arbeit
notwendig. Nur in Kenntnis der gängigen Begründungen, die stereotypen bzw.
ideologischen Charakter zeigen, läßt sich der Grad der Akzeptanz dieses
Unterrichtes bei Schülern und in der Öffentlichkeit abschätzen und lassen
sich Motivationshemmnisse erkennen und didaktisch aufarbeiten. Folgende
Begründungszusammenhänge treten meist in den Vordergrund:
-
Die Zielsetzung allgemeinbildender Weltläufigkeit
zeichnet sich durch Maßstabslosigkeit aus; ein Kriterium für die Rangfolge
„wichtiger Inhalte" lässt sich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht
mehr finden, es sei denn, man setzt sich dem Vorwurf manipulativer,
herrschaftssichernder Bildungsideologien aus.
-
Humanitäre Zuwendung ist prinzipiell positiv zu
beurteilen; als Basis für Lernprozesse ist sie jedoch nicht tragfähig. Man
beobachte nur, wie schnell Mitleid und Mitempfinden je nach (oft
fragwürdiger) Information „umkippt" und wie zufällig und z.T. manipuliert
dieses Interesse sich über die Krisengebiete der Welt verteilt. Die
inhumane Asylantenhetze ist nur ein widerliches Beispiel dafür.
-
Ausgehen von eigenen Interessen ist eine
Grundforderung der heutigen Pädagogik. Aber welche Naivität verbirgt sich
hinter der Anschauung, ökonomische und politische Interessen des Staates
wären ohne weiteres als Interessen des einzelnen Schülers wahrzunehmen;
oftmals sind sie nur Gruppen- und Herrschaftsinteressen. Die demokratisch
wünschenswerte Interessenidentität müsste sich zunächst einmal
legitimieren.
Die Schüler, ihrer Alterstufe jeweils entsprechend,
legen an das Thema „Dritte Welt" noch andere Maßstäbe und Erwartungen an,
die es zu kennen und zu berücksichtigen gilt.
Das Schülerinteresse ist mit den Schlagworten „Exotik"
und „Abenteuer" zu umreißen. Die psychischen Hintergründe dieser Interessen,
besonders in der Pubertät, sollen hier nicht näher aufgerollt werden, es
genügt der Hinweis, dass sich in der Zuwendung zur Exotik
Verdrängungsprozesse eigener unbewältigter Konflikte manifestieren, dass –
hier auch ideengeschichtlich – in der Figur des „guten Wilden" eine
Projektion eigener tabuisierter Bedürfnisse und in der Figur des „Barbaren"
oder „Unterentwickelten" die uneingestandene Angst vor der Verletzlichkeit
der eigenen Person und Identität ausdrückt. Diese Schülerbedürfnisse
unreflektiert zu befriedigen und sie als „Sachmotivation" zu verkennen
hieße, der Schule die Rolle eines Fluchtweges aus der Realität zuzuweisen.
Das Interesse des Lehrers (von verdrängten oder
uneingestandenen Exotikbedürfnissen einmal abgesehen: es ist interessant zu
untersuchen, welche verdeckten Motive z.B. zur Berufswahl des
Geographielehrers oder des Entwicklungshelfers führen!) äußert sich völlig
anders. Er denkt in gesellschaftlichen oder ethischen Kategorien, betont
mitmenschliche, humanitäre Verpflichtungen und fordert Solidarität mit den
Armen ein (wenn er sich überhaupt engagiert auf den Themenbereich Dritte
Welt einlässt – siehe das schon erläuterte viel weiter reichende
Begründungsspektrum). Der pädagogische Leitbegriff der „Betroffenheit" wird
dann zur Grundlage der didaktischen Reflexion.
Ist Betroffenheit nun mit „Solidarität" mit der Dritten
Welt zu umschreiben? Theo Rauch schreibt dazu (in: Geographie als politische
Bildung", 1978, S.251): „Die Realität zeigt auch, dass Lernprozesse und
gesellschaftliches Handeln auch ohne die Grundlage eigener Erfahrung, allein
basierend auf Solidaritätsgefühlen, zustande kommen können. Deutliches
Beispiel hierfür scheint mir der Vietnamkrieg zu sein... Grundlage des
Solidaritätsempfindens ist hier weniger die gemeinsame Interessenlage,
sondern der Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Normen und Realität, die
aus der Erfahrung solcher Widersprüche resultierende Empörung über Unrecht."
Dies Zitat zeigt jedoch deutlich, dass die Maßstäbe, nach denen das
Empörungspotential gemessen wird, dass die Anlässe, an denen sich Empörung
entzündet, gesellschaftlichen Voraussetzungen und der Aufbereitung in den
Medien unterliegt; es zeigt gleichermaßen, dass hier vor allem die
informierte Mittel- und Oberschicht, Träger der studentischen
Protestbewegung der 60er-Jahre, angesprochen wurde und wird. Als allgemeine
Unterrichtsvoraussetzung dürfte diese „Solidarität" wohl kaum in Frage
kommen. Um die Einsichten einer schulischen Beschäftigung mit der
Dritte-Welt-Thematik kurz zu umreißen, sollen nachfolgend einige Thesen zum
Lernbereich Dritte Welt vorgestellt werden, ehe auf die praktischen Probleme
von Schulpatenschaften eingegangen wird:
-
Das Thema „Dritte Welt" ist dadurch gekennzeichnet,
dass es sich weitgehend den persönlichen Erfahrungen von Lehrern und
Schülern entzieht; eine unmittelbare Betroffenheit ist daher in der Regel
nicht festzustellen.
-
Vorhandenes subjektives Interesse unreflektiert als
Basis der didaktischen Strukturierung anzunehmen, greift zu kurz und
verliert sich in manipulativem Gebrauch vorhandener Exotik- und
Abenteuerbedürfnisse.
-
Der Schule die Rolle als allwissender Richter über
zukünftige Lebensbedürfnisse zuzuerkennen bedeutet, den Schüler in eine
rezeptive Haltung des Nicht-Akzeptiert-Seins zu drängen. Eine tragfähige
Motivation ist darauf nicht aufzubauen.
-
Das Bild der „Dritten Welt", verstellt von einer
Vielzahl interessengeleiteter Vorurteile, Fehldeutungen und Wertungen, ist
Bestandteil der eigenen politischen Kultur und als solches sowohl
repräsentativ für die Struktur des politischen Bewusstseins insgesamt als
auch selbst politische Handlungen und Wertungen induzierend.
Der Aufbau von konkreten Schulpatenschaften und
„Dritte-Welt-Projekten" verlangt sorgfältige Vorüberlegungen bezüglich der
Einbindung in die allgemeine UNESCO-Schul-Arbeit (bei anderen Schulen in ein
entsprechend auszudifferenzierendes Arbeitsfeld der Schule insgesamt) und in
Hinblick auf die Einbeziehung der damit angesprochenen Probleme und
Erfahrungen in den Unterricht. Da Dritte-Welt-Projekte in der Schule kaum
von Schülerseite spontan initiiert werden dürften, muß von Anfang an
deutlich gemacht werden, dass die Schule beim Aufbau einer solchen
Patenschaft nicht als Interessenverwalter externer Organisationen oder
politischer Gruppen ihren Schülern gegenübertritt, sondern dass
Dritte-Welt-Projekte und Schulpatenschaften Bestandteil und Konsequenz des
schulischen Bildungsauftrages sind und an diesen Bildungszielen gemessen und
geprüft werden müssen. Dabei ist auf die Zielbestimmung des Schulgesetzes im
Rahmen übergreifender grundgesetzlicher Rechte und Verpflichtungen ebenso zu
rekurrieren, wie die jeweilige Erlaß- und Verordnungslage zu berücksichtigen
ist. Vor allem kann es Schwierigkeiten und Einsprüche geben, wenn die Schule
(durchaus aus ehrenwerten Motiven) mit dem allgemeinen Sammlungsverbot an
Schulen, mit dem Sammlungsgesetz (das bei öffentlich genehmigten Sammlungen
die Einrichtung eines staatlichen Sammlungskontos oder vergleichbare
finanzielle Kontrollen verlangt) oder mit der Verpflichtung zur
Unabhängigkeit von außerschulischen ökonomischen oder politischen Interessen
kollidiert oder wenn schließlich mit geltendem Haushaltsrecht Probleme
entstehen. Die Zusammenarbeit mit einer kontrollierten gemeinnützigen
Organisation ist somit empfehlenswert, doch darf diese nicht im eigenen
Interesse in der Schule wirksam werden.
Es ist somit ersichtlich, dass zunächst die
pädagogische Begründung und Verankerung des Dritte-Welt-Projektes, der
Schulpatenschaft oder der humanitären Hilfe erfolgen und von den schulischen
Gremien abgesegnet werden muß. Die Begründung von solchen Aktionsformen sind
vielschichtig und geben einen guten Überblick über pädagogische
Möglichkeiten der Schule, die im laufenden Fachcurriculum meist
vernachlässigt werden müssen, nichtsdestoweniger aber zu den ureigensten
Zielen schulischer Arbeit gehören:
Schulpatenschaften und sonstige humanitäre Kontakte zu Schulen und Schülern
in der Dritten Welt eröffnen den deutschen Schülerinnen und Schülern sonst
verschlossene direkte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, die bei
aller Exemplarik und Zufälligkeit eine Chance bieten, sich dem Thema nicht
nur durch die Vermittlung von Medien zu nähern. Der unmittelbare Kontakt,
auch wenn er zunächst einseitig als Patenschaftsangebot formuliert wird,
weckt Zuwendung, Aufmerksamkeit und Interesse, das vom Unterricht begleitend
und auswertend aufgegriffen werden kann und muß. Für die beteiligten
Schülerinnen und Schüler ergibt sich mehr als beim medienbegründeten
kognitiv gewichteten Unterricht die Notwendigkeit, das Verhältnis von
Handeln und Realität zu beachten, kritisch zu überprüfen (soweit das in
einem solchen schwierigen Themenfeld überhaupt möglich ist) und zu
verantworten. In einem sonst diesem pädagogischen Ansatz aus praktischen
Gründen meist verschlossenen Themenbereich ergeben sich so erste Ansätze zum
handlungsorientierten Lernen.
Die Schule findet in sorgfältig ausgewählten
Patenschaftsprojekten Identifikations- und Zentrierungsangebote, die die
schulischen Aktivitäten dauerhafter machen, über die Schülergenerationen
hinaus verknüpfen; von diesen zentralen Themen können dann viele Fächer
profitieren und im positiven Falle Ansätze zu fächerübergreifenden
Aktivitäten und Unterrichtsvorhaben finden.
Durch die Arbeit an Dritte-Welt-Projekten und
Patenschaften findet die Schule Zugang zu Personen und Institutionen, die
sich in der BRD mit den jeweiligen Regionen und Problemfeldern beschäftigen;
das eröffnet neue Informations- und Gesprächsmöglichkeiten, die in ihrer
Unmittelbarkeit und ihrem Engagement für die Schülerschaft äußerst anregend
sein können.
Diese allgemeinen Zielbestimmungen sind dann projekt-
und schulbezogen zu konkretisieren und vorab in den schulischen Gremien zu
diskutieren. Erst wenn die angesprochenen Themen schulische oder
unterrichtliche Umsetzung erfahren haben (z.B. durch Ausstellungen in der
Schule bzw. in den Klassen, Informationsveranstaltungen, Filmabende etc.)
und wenn eine umfassende Projektbeschreibung als schriftliche Information
z.B. für das Kollegium und die Elternschaft vorliegt, stellt sich im
Gespräch in den Klassen von ganz alleine die Frage, inwieweit die
Schülerinnen und Schüler sich selbst aktiv an der Realisierung des
Patenschaftsprojektes beteiligen können und wollen. In der Spannweite der
möglichen eigenen Beiträge – Hilfe bei Veranstaltungen und Ausstellungen,
Kontakte zu lokalen Informationsträgern, Anfertigung von Berichten, Kontakte
mit den Medien, Leserbriefe, Briefe an die Patenschule – hat dann auch die
finanzielle Spende ihren Platz und wird gleichwie die anderen Aktionsformen
auf ihre Einsatzmöglichkeit, ihren Nutzen und ihre Wirksamkeit hin
diskutiert und verantwortet werden müssen.
Die Patenschulen oder anderen Adressaten von
Dritte-Welt-Aktivitäten sollen in diesem pädagogischen Prozeß von Objekten
humanitärer Zuwendung und Hilfe zu Subjekten und Partnern werden, die
letztlich über ihre Zukunft und die Wege aus ihren materiellen
Problemsituationen selbst entscheiden müssen, auch bei der Annahme und
Verwendung von Hilfe. Die Patenschaftsprojekte sollen dazu dienen,
verbreitete Überlegenheitslegenden der eigenen politischen Kultur abbauen zu
helfen; sie sollen bewußt machen, dass Hilfe nicht nur aus der Sicht des
positiv motivierten Gebers zu sehen ist, sondern auch aus der Sicht des
Hilfsbedürftigen, der durch Hilfsannahme auch in die Gefahr der Abhängigkeit
und Unselbständigkeit kommt, eine Situation, die u. U. seine
Hilfsbedürftigkeit erst perpetuiert. Humanitärer Impetus, gefühlsmäßige
Zuwendung und kritische Abwägung der gesellschaftlichen und politischen
Folgen der Hilfe, auch ihrer möglichen negativen Auswirkungen, müssen
unterrichtlich – jedoch sicher altersstufendifferenziert! – aufgearbeitet
und diskutiert werden, um das Patenschaftsprojekt zu einer Grundlage
selbstverantwortlichen politischen Lernens und Handelns zu machen.
Gerhard Voigt
II. Die Partnerschaft zwischen dem V. Liceum in Posen/Poznań und der
Bismarckschule Hannover
Die Partnerschaft der Bismarckschule und des V. Liceum
ist mehr als ein Schüleraustausch zwischen deutschen und polnischen
Schülern.
Sie ist einbezogen in die Städtepartnerschaft der
beiden Messestädte Hannover und Poznań. Übrigens ist diese
Städtepartnerschaft entstanden aus dem Kontakt hannoverscher Besucher
(Aussteller, Vertreter der Stadtverwaltung und des Rates sowie insbesondere
des Oberbürgermeisters) in Posen und der entsprechenden polnischen Gäste in
Hannover. Aus geschäftlichen wurden freundschaftliche Kontakte. Der
Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurde damit durch Bürger der Städte
Hannover und Poznań umgesetzt und ein wichtiges Stück Aussöhnung und
Normalisierung praktiziert.
Die Idee, eine Städtepartnerschaft zu vereinbaren,
wurde schon Anfang der siebziger Jahre entwickelt. Sie reifte – oder besser:
es galt, eine ungeheure Zahl von kleinen Fragen und großen Problemen zu
klären und zu bewältigen. Im Jahre 1979 konnte dann der Vertrag
unterzeichnet werden. Gleichzeitig wurde in Hannover eine Deutsch-Polnische
Gesellschaft gegründet, der auch wir eng verbunden sind. Auch sie setzte
sich die Aufgabe, zur Aussöhnung und Verständigung mit Polen beizutragen.
Die Schulpartnerschaft ist nun nicht durch eine
konsequente Planung zustandegekommen. Sie ist vielmehr die logische
Entwicklung, die 1975 in gewisser Weise zufällig begann.
Für einen Leistungskurs bot sich die Gelegenheit einer
Studienfahrt nach Polen. Für alle Beteiligten war es die erste Begegnung mit
Polen. Aus dieser erfolgreichen Reise mit ihren überwältigenden Eindrücken
entstand sofort der Wunsch, für das Jahr 1976 wieder eine Reise mit einem
Leistungskurs zu planen. Inzwischen hatte sich aber aufgrund der
Ölpreiskrise und des überraschenden Regierungswechsels in Niedersachsen eine
neue Situation ergeben. Die Landesregierung genehmigte keine Studienfahrten
ins Ausland mehr – ausgenommen nach Rom oder Griechenland für die
Altsprachler. Es entsprach dem pädagogischen Selbstverständnis des
Fachlehrers, auch einer gewissen Oppositionshaltung gegenüber
schulbürokratischen Hemmnissen, nach Ersatzlösungen zu suchen. Wir knüpfen
dabei an die Praxis der Fahrten in die USA oder die Niederlande zu unseren
damaligen Partnerschulen an. In diese Reisen wurden jeweils die Osterferien
einbezogen. Diese Reisen in die Länder USA, Niederlande, England und
Frankreich waren schon in den fünfziger Jahren Ausdruck des
Selbstverständnisses dieser UNESCO-Schule am Maschsee, der Bismarckschule.
In diesem Zusammenhang wurde eine für 1976 geplante und abgesagte Reise dann
im März/April 1977 während der Osterferien durchgeführt. Diese weder durch
die Schulbehörde noch durch die Schulgremien genehmigungspflichtige Reise –
sie war rechtlich eine Privatreise unter der Leitung und der Verantwortung
des Lehrers – stand unter der ausdrücklichen Unterstützung der Schulleitung
und fand positive Resonanz im Kollegium. Im nachhinein kann festgestellt
werden, dass hierbei der Charakter als UNESCO-Schule deutlich wurde, ohne
dass das damals besonders reflektiert oder auch nur hervorgehoben wurde.
Aufgrund dieser zunächst gegebenen organisatorischen
Rahmenbedingungen wurde eine Konzeption entwickelt. Sie gilt bis heute für
unsere nach wie vor in den Ferien – z.T. unter Einbeziehung von
Unterrichtstagen – durchgeführten Studienreisen nach Polen und in die
Türkei. Aus beiden haben sich dann die Austauschkonzeptionen entwickelt. An
den Reisen sollen Schüler und Schülerinnen der gesamten Oberstufe und
eventuell ab Klasse 10 sowie einige Lehrer und Lehrerinnen teilnehmen
können. In einer besonderen Arbeitsgruppe werden die Reisen organisatorisch
und inhaltlich vor- und nachbereitet; wenn möglich wird eine
Reisedokumentation angefertigt. Der fehlende Bezug zu einer Kursthematik und
den entsprechenden Lernzielen wird ersetzt durch eine eindeutig starke
Motivation während der Teilnahme, eine individuelle Öffnung für andere
Wahrnehmungen. Dieses Prinzip, das im hohem Maße auch außerschulisches
Lernen bedeutet, wird beim Schüleraustausch noch verstärkt und soll bei
diesem Thema dann besprochen werden.
Die Reise 1977 verlief so erfolgreich, dass auch für
1978 sofort eine weitere Reise geplant wurde, die dann aber bis 1979
verschoben werden musste. Bei dieser Reise kam durch die Vermittlung des
polnischen Jugendreisebüros JUVENTUR ein Kontakt mit unserer späteren
Partnerschule zustande. Die Schule empfing uns sehr herzlich, und spontan
wurde beiderseits die Frage eines Schüleraustausches erörtert. Zunächst war
es wohl mehr ein Wunsch, ohne die Realisierbarkeit überhaupt abschätzen zu
können.
Zum entscheidenden Faktor wurde dann der Abschluss des
Partnerschaftsvertrages zwischen Hannover und Poznań sowie auch die Gründung
der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover, der mehrere Kollegen und
Kolleginnen der Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig, all die
Bemühungen und Ansätze nachzuzeichnen, die dann zum Abschluss des
Partnerschaftsvertrages der beiden Schulen führten. Wesentlich aber war –
und dies ist ein immer wieder zu beobachtender Faktor in der Zusammenarbeit
mit einem sozialistischen und in hohem Maße bürokratisierten Land – ein
außergewöhnliches Maß an Durchsetzungsvermögen und Hartnäckigkeit
unsererseits. Glücklicherweise ist die Situation im Jahre 1989 sehr stark
erleichtert; einige wichtige Problemebenen sollen aber skizziert werden:
Die bestehenden Hemmnisse sind im wesentlichen
politischer Art. Es waren sowohl innen- als auch außenpolitische Gründe, die
die polnischen Behörden bewegten, äußerst zurückhaltend in Fragen eines
Schüleraustausches zu sein. In den siebziger Jahren hatte es bereits einige
wenige Ansätze gegeben, dass auch polnische Schülergruppen die
Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich aber um einmalige
Angelegenheiten. In einem Falle wurde die Polenreise einer Hamburger Schule,
die an sich sehr erfolgreich war, von einer begleitenden Journalistin
nachträglich aber in einer Illustrierten völlig instinktlos, unqualifiziert
und sogar mit – möglicherweise ungewolltem – revanchistischem Unterton
beschrieben. Der Bericht wurde uns in Polen gezeigt, und es wurde uns klar
gemacht, dass man sich das keinesfalls bieten lassen könne. Diese Ereignisse
hatten zum Abbruch des Schüleraustausches geführt. Die Warschauer Behörden
erteilten unter diesen Umständen keine Genehmigungen mehr.
Ein weiteres Hindernis war der offenkundige Druck auf
das polnische Volksbildungsministerium sowie das Außenministerium, der durch
die DDR ausgeübt wurde. Es gab in den siebziger Jahren umfangreiche
Austauschprogramme zwischen Polen und der DDR auf vielen Ebenen. Der DDR
waren die sich anbahnenden Kontakte mit uns ein Dorn im Auge, und sie
versuchte mit allen Mitteln, diese zu hintertreiben.
In der polnischen Staats- und Parteiführung dominierten
damals noch die so genannten „Betonköpfe", die keinerlei Interesse an den
Kontakten Jugendlicher mit der Bundesrepublik hatten. Sie fürchteten
sicherlich um ihren Einfluss, ja Machterhalt; die Bestätigungen haben sich
dafür ja in den vergangenen Jahren ergeben. Die Denkkategorien des „Kalten
Krieges" dominierten noch.
Andererseits gab es in Polen Kräfte, die, als Fachleute
hochqualifiziert, aus unterschiedlichen Motiven heraus eine Hinwendung zum
Westen als notwendig erachteten. Es waren Technologen, Ökonomen,
Geisteswissenschaftler, Journalisten – vor allem diejenigen, die an
Reformentwürfen arbeiteten. Sie hatten die Reformdiskussionen in der
Bundesrepublik studiert und erkannt, dass nur durch qualitative Reformen
eine positive Entwicklung möglich wäre. Der persönliche Kontakt zu diesen
Fachleuten, die an wichtigen Entscheidungsprozessen mitwirkten, entwickelte
sich sehr kollegial und zum Teil auch privat sehr herzlich. Gleiches ist zum
Beispiel auch von den Teilnehmern der Schulbuchkonferenzen zu sagen.
Da sämtliche uns betreffenden Entscheidungen aber auf
höchster Ebene fielen, das heißt im Politbüro und der Parteispitze, konnten
sich die zuständigen Fachleute in den Ministerien und weiteren
nachgeordneten Behörden der Schulbürokratie nicht durchsetzen.
Es war für uns ein glücklicher Umstand, dass 1979 nach
Abschluss des Partnerschaftsvertrages Hannover-Poznań ein Austausch- und
gemeinsames Arbeitsprogramm der beiden Städte beschlossen wurde. In dieses
erste Programm wurde nun der Schüleraustausch der Bismarckschule mit dem V.
Liceum einbezogen. Dies geschah durch die besondere Unterstützung von
Oberbürgermeister Schmalstieg (Hannover) und Stadtpräsident Sleboda
(Poznań). Vorausgegangen waren direkte Gespräche des Schulleiters der
Bismarckschule Hannover mit dem Leiter der Partnerschule und dem dortigen
Kurator (Oberschulrat) sowie mit dem Vizepräsidenten der Stadtverwaltung in
Poznań.
Ein gravierendes Problem war die Unterbringung. Es
wurde vereinbart, dass die Gruppen jeweils in einer Jugendherberge oder
einem Jugendheim wohnen sollten. Dies war damals unumgänglich, da die
Unterbringung der deutschen Schüler von der polnischen Seite aufgrund der
oft zu kleinen Wohnungen als schwierig angesehen wurde. Der eigentliche
Grund waren aber die starken grundsätzlichen Vorbehalte einiger politischer
Kreise in Polen, die durch die Unterbringung im Jugendheim beschwichtigt
wurden. Unser Ziel war aber von Anfang an der echte Austausch, das heißt:
auch das Wohnen in den Familien der gastgebenden Schule.
Da dies vorerst nicht möglich war, reservierten wir in
Hannover in einem Jugendheim, in dem auch eine Beköstigung erfolgen konnte,
die entsprechende Anzahl Zimmer für den vorgesehenen Zeitraum im Juni 1981.
Ein Plan für den zwölftägigen Aufenthalt wurde erstellt. Wir gingen dabei
von folgenden Gesichtspunkten aus:
-
Die polnischen Schüler sollten so oft wie möglich am
Unterricht in der Bismarckschule teilnehmen. Diese Schüler, die Deutsch
als zweite Fremdsprache mit sechs Wochenstunden erlernen, sollten
natürlich in erster Linie Deutsch sprechen und hören. Dies war der primäre
Wunsch der polnischen Lehrer. Diesem Wunsch konnte aber nur durch die
Teilnahme auch an allen Fächern der Aufgabenfelder B und C entsprochen
werden. Gerade die so genannten Sachfächer eignen sich aufgrund ihrer im
hohem Maße beschreibenden Sprache sowie der Verwendung der – bekannten –
Symbolsprachen sehr gut. Da in Polen Russisch erste Pflichtfremdsprache
ist und diese Fremdsprache auch an der Bismarckschule als zweite
Pflichtfremdsprache unterrichtet wird, wurde auch dieser Unterricht [und
teilweise auch der Englischunterricht] besucht. Die polnischen Schüler
nahmen dann auch an fast allen Unterrichtsfächern teil.
-
Es sollte ein Programm erstellt werden, um nach
landeskundlichen Kriterien Hannover und seine Umgebung kennenzulernen. Wir
entschieden uns für eine Besichtigung eines Industriebetriebes (VW-Werk),
den Besuch einiger Stadtteile sowie einen Ausflug in die Nachbarstadt
Hildesheim. Ein Empfang beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die
Kommunalpolitik wurden ebenfalls eingeplant.
-
In weiteren Veranstaltungsbesuchen sollten die Gäste
Hannovers vielfältiges Kulturprogramm kennen lernen.
-
Es sollte – trotz der organisatorischen Hemmnisse –
ein intensiver Kontakt der Gäste mit den Schülern und Schülerinnen der
Bismarckschule und ihren Familien möglich sein. Zu diesem Zweck erklärten
sich interessierte Schülerinnen und Schüler der Bismarckschule bereit, die
Betreuung von jeweils einem polnischen Schüler oder einer Schülerin zu
übernehmen. Dies bedeutete, dass alle außerschulischen Aktivitäten und
Programmpunkte mit der polnischen Gruppe und einigen hannoverschen
Schülern gemeinsam abliefen. Daneben gab es ausreichend Freizeit, bei der
die Schülerinnen und Schüler nach eigenem Ermessen ein Programm
erstellten, die Stadt besuchten oder die Gäste einzeln oder in kleinen
Gruppen privat einluden.
Letztere Aussagen beziehen sich aber noch nicht auf das
Jahr 1981. Nachdem nämlich im April 1981 bei einem Besuch in Poznań noch
zugesichert worden war, dass die Gruppe im Juni kommen könne, erfolgte
wenige Wochen vor dem vereinbarten Termin die Absage. Die Krise hatte sich
in Polen verschärft, und die mündlich zugesagten Genehmigungen wurden in
Warschau zurückgezogen.
An diesem und dem folgenden Beispiel wird die
Einbeziehung der innerpolnischen Problematik wie auch der deutsch-polnischen
Konfliktbereiche deutlich.
Die Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember 1981
hieß für uns zunächst einmal, die Hoffnung aufzugeben, in absehbarer Zeit
den Schüleraustausch zustande zu bringen. Nach wenigen Monaten ergaben sich
aber schon wieder einige Kontakte. Die Drähte zwischen den beiden
Stadtverwaltungen waren ohnehin nicht abgerissen und nur durch das Kappen
der Telefonleitungen erschwert. Auch der Kontakt zur Polnischen Botschaft in
Köln war für die Hannoveraner weiterhin sehr gut. Es sei an dieser Stelle
die sehr kollegiale Zusammenarbeit mit der Botschaft der Volksrepublik Polen
hervorgehoben. Man bemühte sich dort in außerordentlicher Weise, den
eingeschlagenen Weg der Normalisierung fortzuführen und tat für uns alles,
was im Rahmen der Situation möglich war.
Im April 1982 bekamen wir bereits die Nachricht, dass
der 1981 um ein Jahr verschobene Schüleraustausch auch im Juni 1982
stattfinden könne. Die polnischen Schülerinnen und Schüler würden kommen.
Trotz gewisser Skepsis liefen alle Vorbereitungen an. Leider erfolgte wieder
eine Absage, deren Begründung mit den Schwierigkeiten der gegebenen
Situation von uns nachvollzogen werden konnte.
Während die Bedingungen des Kriegszustandes nach und
nach gelockert wurden – bis zur endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983 –
und nun polnischerseits die Voraussetzungen wieder gegeben waren,
verschlechterten sich jedoch die deutsch-polnischen Beziehungen im Laufe des
Jahres 1983. Die Kontakte der beiden Partnerstädte und der beiden
Partnerschulen blieben davon unberührt. In mehreren Gesprächen wurde ein
Vertrag zwischen den beiden Schulen abgeschlossen. Der Vertrag sieht einen
Austausch von Schülern und Lehrern, aber auch die kontinuierliche Förderung
des Deutschunterrichts in Poznań durch Lehrmittel und Medien vor, die aus
einem Spezialfond des Fördervereins der Elternschaft der Bismarckschule
finanziert werden. Außerdem sollte die Lehrerausbildung an beiden Schulen
mit einbezogen werden.
Auch der Kontakt der Lehrer und Lehrerinnen von
Hannover und Poznań hat sich als sehr fruchtbar erwiesen.
Zunächst waren die Deutschlehrerinnen aus Poznań
beteiligt, dann aber auch die Fachlehrerinnen für die Fremdsprachen
Russisch, Englisch und Französisch. In diesen Fachbereichen – wie überhaupt
überwiegend in Polen – unterrichten an unserer Partnerschule nur Frauen. Den
Fremdsprachlerinnen ging es vor allem um die modernen Methodiken im
Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch andere Fachlehrer aus Poznań
haben von der Begegnung mit der Bismarckschule profitiert. Andererseits
haben gleich viele Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule das V. Liceum
besucht und ihrerseits vom Meinungsaustausch hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit
lehrt erstmals an einer polnischen Schule eine Lehrerin aus der BRD durch
unsere Vermittlung an unserer Partnerschule in Poznań für mindestens zwei
Jahre als „Assistent Teacher" das Fach Deutsch. Auch diese Seite der
UNESCO-Arbeit ist wesentlich und muß hervorgehoben werden.
Eine weitere Ergänzung erfuhr die Schulpartnerschaft
zwischen dem Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität
Hannover und dem Institut für Germanische Philologie der
Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Poznań . Dies war vor allem für die
polnischen Partner wichtig, da die Lehrerausbildung dort in der zweiten
Phase im Kontakt zwischen der Ausbildungsschule und der Universität erfolgt.
Beim Zustandekommen des Austausches 1983 waren die
Germanisten der UAM sehr behilflich. Insbesondere der damalige
Institutsdirektor, Professor Orłowski, hat sich in entscheidender Weise
eingesetzt und organisatorisch geholfen.
Im September 1983 reiste nun eine Schülergruppe für
zwölf Tage nach Poznań. Die Unterbringung erfolgte im Studentenheim, die
Beköstigung aber in der Schule. Alles war kompliziert und für unsere
Verhältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit Humor, teilweise aber auch mit
Beklemmung aufgenommen – lernten wir doch, in Ansätzen zumindest, den
polnischen Alltag kennen.
Die Zielsetzungen der polnischen Kollegen waren nicht
deckungsgleich mit unseren. Beides stand aber in gewisser Beziehung
zueinander! Die polnischen Gastgeber stellten uns eine gut funktionierende
Schule vor. dass der Schulbesuch dort in der Regel in zwei Schichten
abläuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit wegen des starken
Bevölkerungswachstums erzwingt dies.
Wie üblich wurde uns die ganze Schule gezeigt, auch das
Zahnarztzimmer, um dessen Tür die polnischen Schülerinnen und Schüler immer
einen großen Bogen machten. Die Schule ist für polnische Verhältnisse modern
ausgestattet und bietet auch für die Freizeitgestaltung sehr viel. Uns wurde
nichts vorenthalten, und wir nahmen jeweils in kleinen Gruppen am Unterricht
teil. Nachmittags war dann ein umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das
aber auch bei bester physischer Konstitution nicht durchgehalten werden
konnte. Hinzu kamen nämlich die Einladungen am Abend. Die Gastgeber rissen
sich geradezu darum, die deutschen Gäste, jeweils in kleinen Gruppen, privat
einzuladen. Auch in diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von
Eindrücken und Erfahrungen. Näheres dazu ist einer gesonderten Darstellung
vorbehalten. Posen wurde uns als Stadt der Kultur dargestellt und als eine
Stätte, die zusammen mit Gnesen bis zu den historischen Wurzeln des
polnischen Staates zurückzuführen ist. Der gesamte Aufenthalt war
einschließlich seiner Vor- und Nachbereitung für Schüler und Lehrer die
praktische Umsetzung und Erfüllung des UNESCO-Gedankens.
Zur Problematik und Auswertung des Austausches
Es lassen sich verschiedene Problemebenen
herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern. Da sind zunächst einmal
die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine wesentliche Rolle
spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des Zustandekommens
dieser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei ein wesentliches
Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer Zusammenhänge und
ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren. Ansatzpunkte ergaben sich
genügend und sind mit Sicherheit auch in der Zukunft zu erwarten, wenn auch
mit gewissen Verlagerungen. Es ergibt sich die Konfrontierung mit der DDR,
da sie im Transit mit der Eisenbahn durchfahren werden muß. Die sich
ergebenden Fragen können aber nur skizziert werden. Gleichwohl war und ist
es Aufgabe des Lehrers, dann beim Geschehen sozusagen vor Ort Erklärungen zu
geben oder Problematisierungen vorzunehmen.
Grenzkontrollen, Visa, die Spannungen angesichts der
„Kontrollorgane der DDR", die damals zwar korrekt auftraten, aber noch
unangenehm wirkten. Man kann davon ausgehen, dass die Transitreisenden alle
schon diese Erfahrungen gemacht haben. Interessant waren trotzdem die Fragen
der „Kontrollorgane", warum man denn nach Polen führe. Im Tonfall schwang
unverkennbar eine gewisse Herablassung mit. Durchfahrt durch Berlin mit
langem Warten und Blick auf die Mauer und die weiteren Grenzanlagen. Dann in
Frankfurt/Oder wieder die bewachte Grenze seitens der DDR.
In Polen ergaben sich Berührungspunkte zur Politik in
geringerem Maße. Man muß aber sagen, dass in diesem Zusammenhang die
Sensibilisierung eine wesentliche Rolle spielt.
Die polnischen Schüler informierten uns natürlich über
die damals verbotene Solidarność und den wenige Monate zuvor erfolgten
Papstbesuch: ein Politikum ersten Ranges – gewollt und auch verstanden.
Die Versorgungsmängel ergaben zwangsläufig Diskussionen
über die Wirtschaft beider Länder. Die oft neidlose Anerkennung und
Bewunderung durch junge Polen kann Beklemmungen hervorrufen und muß in
intensiven Gesprächen durch den Lehrer aufgefangen werden.
Der politische oder sozio-ökonomische Gesichtspunkt
sollte auf keinen Fall in der Erwartung des Lehrers überbewertet werden. Bei
allen Begegnungen stellt sich nämlich heraus, dass es sich bei den Schülern
und Schülerinnen dieser beiden Länder um Jugendliche handelt, die völlig
identische Probleme, Wünsche, Sorgen und Wertvorstellungen haben. Dieser
Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der Begegnung die Erkenntnis der
„Normalität" und der individuellen Sympathie oder auch Antipathie steht, ist
doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken als allererstes erreichen wollen.
Der Versuch, politisch zu diskutieren, sollte vom begleitenden Lehrer sehr
behutsam und zurückhaltend umgesetzt werden. Auf der anderen Seite ergeben
sich nämlich eine Fülle von Individualerfahrungen, die ihrerseits durchaus
gesellschaftspolitisch interpretiert werden können. Es genügt dabei, die
Summe der Schülererfahrungen zu sammeln und in Ruhe zu besprechen.
Ein Beispiel: Einer unserer Schüler wollte gern eine
„Prawda" haben. Am Kiosk konnte er keine bekommen. Er bat also seinen am
Abend zuvor gewonnenen Freund, ihm eine bei einem Kiosk zu besorgen. Der
polnische Schüler reagierte eisig und wollte um keinen Preis diesen kleinen
Dienst leisten. Nach massiven Bitten tat er es doch. Eine Verkäuferin am
Kiosk kramte dann den Stapel der druckfrischen „Prawda" hervor; man
erkannte, dass offensichtlich monatelang kein Exemplar verkauft worden war
und die Zeitungspakete ungeöffnet dem Altpapier zugeführt worden waren.
Unser Schüler klemmte sich die „Prawda" unter den Arm und schritt fröhlich
von dannen. Mehrere Passanten haben ihn angerempelt und beschimpft. Die
polnischen Schüler, die ihn begleiteten, haben nicht alle polnischen
Schimpfworte übersetzen wollen oder können.
Eine Episode am Rande, aber doch typisch. Die
polnischen Schüler diskutierten nicht über die Sowjetunion. Auf dieses
brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen und aggressiven
Bemerkungen ein oder man schwieg bewusst.
Über die innerpolnischen Probleme wurden aber ungeniert
die Meinungen ausgetauscht, und man erzählte ohne jegliche Hemmungen. Ein
Politikum erfuhren unsere Schüler über das Verhältnis der polnischen Jugend
zur Kirche. Eine Reflexion würde jetzt den Rahmen sprengen. Es ist aber
völlig anders als das oberflächliche oder kritisch-distanzierte Verhältnis
der großen Mehrheit unserer Schüler zu den Kirchen.
Ein wichtiges Politikum ist die Begegnung mit der
Geschichte, und zwar mit der eigenen deutsch-polnischen Vergangenheit.
Es sind zwei Epochen der gemeinsamen Geschichte, die
von wesentlicher Bedeutung sind: Die Zeit der Teilungen, also der
Nichtexistenz des polnischen Staates von 1795 bis 1919, und die Zeit der
Okkupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in einem inneren Zusammenhang,
bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um die Existenz ihres Staates
und ihrer Nation. Es ist nun unbedingt nötig, in einer Vorbereitungsphase
die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen Politik, vor allem nach der
Reichsgründung 1871, zu klären. Es sei hier erinnert an die
Germanisierungspolitik unter Bismarck, die Ansiedlung und Privilegierung von
Deutschen und die Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den Polen in ihrer
eigenen Heimat.
All diese Dinge sind den polnischen Schülern sehr wohl
bekannt. Sie reagieren mit völligem Unverständnis, wenn sich in Gesprächen
auch historische Bezüge im Spannungsfeld zwischen Polen und Deutschen
ergeben und manche unserer Schüler kaum wissen, wer Friedrich der Große war,
oder wenn sie die ehemaligen preußischen Provinzen mangels ausreichender
Kenntnisse nicht bezüglich dieses deutsch-polnischen Problems sehen.
Zeugen des Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums
gegenüber Preußen kann man in Posen ausreichend finden: Das kleine, damals
polnische Theater in der Nähe des größeren, ehemals deutschen Theaters; die
Raczynski-Bibliothek, ein schöner, im klassizistischen Stil errichteter Bau;
dann die Cegielski-Werke, die von dem damaligen Gymnasiallehrer für
Griechisch und Latein Cegielski als Konkurrenz zu den deutschen und
jüdischen Firmen gegründet wurden; ferner das frühere Palais des Kronprinzen
und dann die vielen Villen und zum Teil protzigen Häuser aus der preußischen
Zeit.
Neben diesem Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19
zum so genannten „Großpolnischen Aufstand" führte, ist es dann der
Widerstandskampf während der Okkupationszeit. Es war ein Kampf gegen die
physische und psychische Vernichtung des polnischen Volkes. Leider sind die
Kenntnisse unserer Schüler über den begonnenen polnischen „Holocaust"
zumeist sehr gering. Da im Schulunterricht bezüglich des Zweiten Weltkrieges
im Rahmenthema Nationalsozialismus in der Regel andere Akzente gesetzt
werden, ist das Wissen der Schüler oft Anekdotenwissen der Eltern und
Großeltern und manchmal gar die unverfälschte Reproduktion der Vorurteile,
die einmal von der Nazipropaganda geprägt worden sind.
Es ist nötig, auch diese Dinge anzusprechen, denn in
jeder polnischen Stadt gibt es Zeugen dieser Zeit, mit denen die
Schülerinnen und Schüler konfrontiert werden.
Ich nenne nur die wenigsten: in Warschau das
Pawiak-(Gestapo-)Gefängnis, das Ghettodenkmal und den Wiederaufbau der
systematisch zerstörten Altstadt, in Danzig die Westerplatte, in Łódż die
Gedenkstätte des „Kinder-KZ" und das Gestapo-Gefängnis „Radegast", in Lublin
das KZ Majdanek; und die anderen KZ mit ihren Gedenkstätten: Stutthof auf
dem Gebiet des ehemaligen Freistaates Danzig, Auschwitz-Birkenau, Treblinka,
Sobibor und Belzec, Kulmhof, an der Europastraße zwischen Warschau und Posen
gelegen, und Groß Rosen östlich von Breslau.
In jeder Stadt gibt es Gedenktafeln für ermordete
Bürger und Widerstandskämpfer. Man muß die Schüler unbedingt auf diese Dinge
vorbereiten. Sie müssen vorher Zeit haben, über die Begriffe Schuld,
Verantwortung und Versöhnung nachzudenken und zu sprechen. Die gesamte
Problematik kann ihnen erst bewusst werden, wenn sie dann in Posen auf dem
Gelände der ehemaligen Festung stehen, von den Tausenden Gefallenen erfahren
und die Grabreihen sehen.
Diese schockartige Konfrontation mit der Geschichte ist
zugleich, so makaber es klingt, ein didaktisch sinnvoller Ansatz, über die
Problematik der Geschichte und auch über Geschichtsbewusstsein zu sprechen.
Zusammen mit der Nachbereitung ergeben sich dann erst die tiefgehenden
Eindrücke und der Lernerfolg.
Wir haben bezüglich der Begegnung mit der Geschichte
die günstige Möglichkeit, weite Bereiche der deutschen und polnischen
Geschichte deutlich zu machen. Gleichzeitig ergibt sich aber auch die
zwingende Notwendigkeit zur intensiven Vor- und Nachbereitung.
Es wären nicht nur vertane Chancen: es wäre eine
Brüskierung von Gastgebern, mit unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen zu
reisen. Solche Reisegruppen, die aus vielen Ländern anzutreffen sind,
gewinnen leider zu oft falsche und für uns peinliche Eindrücke und nehmen
dann leicht diese falsch verstandenen Erkenntnisse mit nach Hause. Bei
diesen Jugendlichen spielt das „Ghetto" des billigen Luxushotels [da es
einfach zu wenige einfache Unterkunftsmöglichkeiten für die vielen
Jugendreisegruppen gibt] und der billig zu erwerbende Alkohol eine Rolle.
Gerade in den Berührungspunkten zur Geschichte wird
deutlich, dass die UNESCO ja nach dem Kriege gegründet wurde, um im
internationalen Erziehungsprozess der Jugend mit Hilfe von Begegnungen die
Probleme der Völkervernichtung und des Hasses zu bewältigen und die Weichen
für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders zu stellen. Diesem zentralen
Anliegen der UNESCO kann in Polen vor allem auch für uns Deutsche wie kaum
in einem anderen Lande, vielleicht mit Ausnahme noch von Israel und der
Sowjetunion, Rechnung getragen werden.
Die pädagogische Situation in polnischen Schulen
Die pädagogischen Probleme, die im Bereich einer
polnischen Schule sichtbar werden, sollen nur kurz angesprochen werden. Das
Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eher als traditionell anzusehen. Direktor,
Lehrer und Lehrerinnen gelten als Respektspersonen und werden auch mit „Herr
Direktor" oder „Frau Professor" angeredet. Der Unterricht läuft in hohem
Maße als Frontalunterricht ab. Ansätze zu einer Mitbeteiligung der Schüler
an der Unterrichtsplanung und -gestaltung gibt es kaum. Die Reformdiskussion
der sechziger und siebziger Jahre in Westeuropa ist an der Schulwirklichkeit
in Polen spurlos vorübergegangen, und es hat keine Versuche zu einer
entsprechenden Reform gegeben. Gleichwohl wurden alle Reformen von
Expertengremien beobachtet und ausgewertet. Das Problem der Nichtumsetzung
lag in der Starrheit des bürokratischen Systems, des politischen Dogmatismus
bzw. der eindeutigen Reformunfähigkeit des realen Sozialismus. Alle
wesentlichen politischen und sozialen Reformen in Polen mussten ertrotzt
werden, und das gelang nur in Schwächephasen des Staates.
Andererseits muß man die ungeheuer schwierigen
Aufbauphasen nach dem Kriege sehen. Polen hatte das Problem, überhaupt ein
leistungsfähiges Bildungssystem zu entwickeln, und das ist im wesentlichen
gelungen! Die Frage nach Reformen wird denn auch nicht als so gravierend
angesehen.
Hinzu kommt, dass die einzige wesentliche
oppositionelle Kraft, die katholische Kirche, in ihrem Wesen als
stockkonservativ gilt und unter allen katholischen Kirchen in Europa wohl
eher als reformfeindlich einzustufen ist. Aber auch dieses hat wiederum
Gründe, die aus der spezifischen Geschichte des Landes abzuleiten sind.
Bei aller berechtigten Kritik muß man in Polen sehr
vorsichtig sein mit Werturteilen, die westliche Maßstäbe zum Vergleich
anlegen! Aber auch dies gehört zu den Erfahrungen, die in Polen gemacht
werden. Das bedeutet bei Schülerreisen nach Polen für den begleitenden
Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft und sehr viel Geschick, die
Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren.
Man sollte das intensive Gespräch mit den polnischen
Kollegen und Kolleginnen suchen. Übrigens unterrichten kaum Männer in den
Schulen. Bei den Gesprächen sind die gegenseitigen Erwartungen und Wünsche
nicht deckungsgleich. Für die polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die
Information im Vordergrund. Sie möchten von der moderneren Methodik und den
Erfahrungen in unseren Schulen profitieren. Dem sollte man unbedingt durch
Bücher über Didaktik und Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als
mitzubringende Geschenke Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer
steht dann oft die Diskussion über eine bestimmte uns sichtbare Problematik
im Vordergrund. Dieser Ansatz zu einer kritischen Reflexion hat aber in der
Ausbildung und Praxis des Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen
Stellenwert wie bei uns. Konkret: Über die Anweisung des Herrn Direktors
wird eben nicht diskutiert, sondern im Lehrerzimmer geschimpft. Einen
Personalrat gibt es natürlich auch nicht.
In den Jahren 1980/81 hatte die Solidarność-Gruppe
einer Schule eine gewisse Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung
dieser unabhängigen Gewerkschaft blieb alles wieder beim Alten. Es ist
ungeheuerlich, welche Chancen das kommunistische System stalinistischer
Prägung in diesem Zusammenhang nicht nur vertan, sondern sogar zerschlagen
hat. Diese Zerstörung einer politischen Kultur, die in der Zeit der
Aufklärung begann und neu in den sozialen und politischen Bewegungen des 19.
und 20. Jahrhunderts weiterentwickelt wurde, wird erst jetzt wieder durch
Basisbewegungen reaktiviert. Die Chancen, die der reale Sozialismus gehabt
hat, sind auf Generationen vertan.
Dies muß man wissen, um Reaktionen von Lehrern und
Schülern, Meinungsäußerungen etc. richtig verstehen zu können. In diesem
Zusammenhang steht auch die geradezu verklärte Betrachtung des Westens und
die totale Verdammung alles Eigenen. Jahrelange, zum Teil primitive
Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich
erreichen wollte. Dies führte aber nicht nur zu einer Nichtreflexion,
sondern sogar zu einer emotionalen Ablehnung all dessen, was irgendwie mit
dem Staat und dem politischen System zusammenhängt. Das hat zur Konsequenz,
dass auch unbestritten positive Leistungen, die Aufbauleistungen in diesem
am schwersten durch den Krieg betroffenen Land, von den Bürgern nicht mehr
wahrgenommen oder gar „in Grund und Boden verdammt" werden. All diese
Irrationalitäten sind Ausdruck und Mitverursacher der Sozialpathologie. Die
Verfahrenheit der gesamten Situation, die nach ökonomischen Kriterien totale
Hoffnungslosigkeit und andererseits die gegenwärtige völlig irrationale
Euphorie machen dieses Land immer wieder interessant.
Es ist zu empfehlen, in Auswertungsgesprächen die
Schüler längere Phasen erzählen zu lassen. Nicht nur, um manche Sachverhalte
zu klären, sondern auch, um den Hang unserer Schüler zur Überheblichkeit –
ein seit Jahren sich entwickelndes bundesdeutsches Phänomen – einzudämmen.
Die Überheblichkeit aufgrund der westdeutschen ökonomischen Stärke erscheint
uns zusammen mit der neuen Reproduktion klassischer deutscher Vorurteile das
entscheidende Problem der gegenwärtigen jungen Generation im Zusammenhang
mit den östlichen Nachbarländern der BRD, vor allem in Bezug auf Polen, zu
sein. Übrigens gibt es bei Jugendlichen aus der DDR gegenüber Polen ähnliche
Erscheinungen. Wir können jedoch aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in
diesen skizzierten Problembereichen von positiven Ergebnissen sprechen –
aber: die Problematik muß uns Lehrern bewusst sein.
Der Gegenbesuch der polnischen Schüler
Nun zum Gegenbesuch der polnischen Schüler: Vorab
müssen wir feststellen, dass uns ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel, als
wir hannoverschen Kollegen die polnischen Schüler und Lehrer und den Herrn
Direktor am Bahnhof in Helmstedt im Empfang nahmen, um gemeinsam mit dem Bus
nach Hannover zu fahren.
Die polnischen Gäste konnten nämlich nicht, wie geplant
und abgesprochen, ein Jahr später – im September 1984 – nach Hannover
kommen! Zunächst schlug die so genannte „Wende" in Bonn aufgrund gewisser
Sonntagsreden, die wohl die Dauermobilisierung des Potentials der
Vertriebenenverbände zum Ziel hatten, voll durch. Die politischen Fronten
verhärteten sich, obgleich die innenpolitischen Voraussetzungen in Polen
durch den zunehmenden Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozess an sich
sehr positiv waren für unsere gemeinsame UNESCO-Arbeit.
Die vorläufig zugesagten Genehmigungen wurden in
Warschau zurückgezogen, obwohl das Volksbildungsministerium sich für die
Fahrt ausgesprochen hatte; dort saßen viele Reformer, die die gemeinsame
Arbeit weiterhin selbstverständlich unterstützen wollten. Im
Außenministerium gab es eine positiv eingestellte, starke Fraktion, vor
allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann die Fortführung des
Schüleraustausches das so genannte Administrationsministerium, das während
des Kriegszustandes gebildet worden war und in dem die „Betonfraktion"
dominierte. Inwieweit Druck aus der DDR zur Verhinderung unserer Kontakte
erfolgte, ist von dieser Stelle aus nicht zu beurteilen. Man muß aber davon
ausgehen, dass dieser permanent erfolgt, wenngleich alle relevanten
politischen Kräfte in Polen den Weg der Unabhängigkeit von der Sowjetunion
und der DDR in Bezug auf die Westpolitik beschritten und beschreiten.
Ab 1985 haben dann alle am Zustandekommen Beteiligten
politisch gekämpft, um diesen Schüleraustausch nicht durch das dumme und
unverantwortliche Gerede gewisser Sonntagspolitiker in der Bundesrepublik
und der Betonfraktion in Warschau kaputt gehen zu lassen.
Politische Amts- und Funktionsträger, vor allem in der
Sozialdemokratischen Partei und der F.D.P., setzten sich für uns ein. Auf
polnischer Seite verdanken wir eine wichtige Unterstützung dem damaligen
stellvertretenden Ministerpräsidenten Rakówski. Der Oberbürgermeister von
Hannover und der Stadtpräsident von Poznań setzten sich ebenfalls
nachdrücklich ein. Die Botschaft der Volksrepublik Polen hat unser Bemühen
ebenfalls sehr wohlwollend unterstützt. Den entscheidenden Durchbruch hat
dann aber eine Intervention des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Hans
Koschnik als Vorsitzender des interfraktionellen Polenausschusses im
Bundestag beim ZK-Sekretär für Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985
während der Brandt-Reise nach Warschau zu unseren Gunsten verursacht.
Mit zwei Jahren Verspätung – das deutsch-polnische
Verhältnis hatte sich nach der Rede des Bundespräsidenten zum Gedenktag des
8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des deutschen Außenministers und jetzt
auch aller im Bundestag vertretenen Parteien merklich entspannt – konnten
wir die polnischen Gäste im September 1986 empfangen. Kleinere Pannen bei
der Vorbereitung gehören zum polnischen Alltag und sollen nicht extra
erwähnt werden.
Die politische Hintergrundproblematik wurde aber
skizziert, um deutlich zu machen, dass fruchtbare UNESCO-Arbeit in diesem
europäischen Entspannungsprozess mit deutschen und polnischen Jugendlichen
nur innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen ablaufen kann. Leider ist ein
Hemmschuh, der aufgrund bundesdeutscher Kulturquerelen entstandene
Kompromissbeschluss der Kultusministerkonferenz von 1982, die „Perlenkette",
d.h. die so genannte Grenze von 1937, auch auf physischen Landkarten für den
Schulgebrauch zu verzeichnen, noch immer nicht beseitigt. Die auch jetzt,
1989, am Vorabend zum fünfzigsten Jahrestag des Kriegsbeginnes wieder
hochgespielte unselige Grenzdiskussion hat zur Folge, dass das
Kulturabkommen mit Polen nach wie vor auf Eis liegt und der Wunsch des
Bundeskanzlers, noch zu seiner Amtszeit ein Deutsch-Polnisches Jugendwerk zu
gründen, als etwas zu optimistisch einzustufen ist. Wir müssen akzeptieren,
dass Polen seine Prinzipien hat und diese trotz wirtschaftlicher Depression
beibehält. Die Selbstachtung der Polen lässt es nicht zu, dass sie sich
verkaufen!
Also auch in diesem Bereich spüren wir die Grenzen der
UNESCO-Arbeit! Das bedeutet aber nun nicht, dass die Arbeit behindert wird.
Man muß sagen, dass alle anstehenden Probleme einvernehmlich in sinnvollen
Kompromissen geklärt werden konnten.
Der Schüleraustausch von 1986 kann kurz skizziert
werden: An mehreren Tagen erfolgte vormittags gemeinsamer Unterricht in der
Bismarckschule. Daneben wurde ein gemeinsames Besichtigungsprogramm
abgewickelt. Zum offiziellen Teil gehörte auch ein Empfang beim
Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame Arbeit würdigte. Die Kultur kam
ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es intensive persönliche Kontakte.
Am Abschluss der zwölf Tage waren alle Beteiligten erschöpft aber glücklich.
Wir hatten die Hoffnung, 1987 ohne Probleme den Besuch erwidern zu können.
Plötzlich kam aber von polnischer Seite der Vorschlag, aus dem
Schüleraustausch eine gemeinsame Ferienaktion deutscher und polnischer
Schüler an der Ostsee zu machen. Offensichtlich hatten die gemeinsamen
Gegner in der polnischen Politik wieder einen Versuch gestartet, uns aus der
Schule herauszudrängen und damit die langjährige Arbeit zu blockieren. Wir
sahen es so! Gemeinsam mit den polnischen Partnern fanden wir einen
sinnvollen Kompromiss: Wir vereinbarten, dass der Schüleraustausch fortan
themenorientiert ablaufen sollte, und zwar beim Besuch und Gegenbesuch. Dies
bedeutete, dass im September 1987 die hannoversche Gruppe zunächst vier Tage
gemeinsam mit den polnischen Schülern an einem See bei Posen (im
Warthe-Netze-Bereich) einen Segelkurs machen und auch im Zeltlager gemeinsam
wohnen sollte. Der enge Kontakt und die bewusst primitive Unterbringung am
See wurden als sehr positiv aufgenommen. Anschließend fuhr man nach Poznań
zum ersten Schultag nach den polnischen Sommerferien. Dort liefen
Unterrichts- und Begleitprogramm entsprechend ab. Unsere Schüler erlebten
noch eine sehr schöne Jubiläumsfeier in den gemeinsamen Tagen. Die
Unterbringung erfolgte dort in der Jugendherberge.
Beim Gegenbesuch 1988 fand zunächst – im Rahmenthema
Sport – ein gemeinsames Zeltlager am Steinhuder Meer statt, bei dem man
Surfen und Segeln lernen konnte. Anschließend kamen die Schüler in die
Bismarckschule. Das etwas verkürzte Programm entsprach dem vorhergehenden.
Die Unterbringung erfolgte in der Jugendherberge am Maschsee, so dass die
polnischen Schüler zu Fuß die Bismarckschule erreichen konnten. Das
Maschseefest bildete einen Höhepunkt. Für die Lehrer und Schüler an der
Bismarckschule war der Schüleraustausch mit Polen zu einem Stück Normalität
und Routine geworden. Die Anstrengungen und Belastungen hatten sich gelohnt.
Die für die Jahre 1989 und 1990 geplanten Fahrten
stehen unter dem thematischen Aspekt Geographie. Dies bedeutet, dass
innerhalb der vorgesehenen zwölf Tage ein gemeinsamer viertägiger Besuch der
„Dreistadt" Gdańsk-Sopot-Gdynia stattfindet. Dort sollen gemeinsam Studien
unter stadtgeographischen, ökologischen und ökonomischen Gesichtspunkten
erfolgen. Wissenschaftler der Universität Danzig haben sich gern zur
Hilfestellung bereit erklärt.
Die restliche Zeit wird wieder gemeinsam in Poznań
verbracht. Novum ist, dass nun endlich die Unterbringung in den Gastfamilien
erfolgt. Damit ist in diesem Zusammenhang unser Ziel erreicht und auch hier
ein Stück Normalität unter Freunden hergestellt.
Die Details des Gegenbesuches sind noch nicht
konzipiert. An dieser Stelle sei auch die hohe Unterstützung durch die Stadt
Hannover erwähnt, ohne die unter den gegebenen Umständen der
Schüleraustausch nicht hätte durchgeführt werden können. Dank gebührt
insbesondere dem Oberbürgermeister und den Kollegen im Kulturamt der Stadt
Hannover, das für die Kontakte mit Poznań zuständig ist.
Außerdem haben wir wesentliche Hilfe und Unterstützung
vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt erhalten: Herr Dedecius hat sich
persönlich dafür eingesetzt, dass wir aus dem Fond des Herrn
Bundespräsidenten von Weizsäcker erhebliche Mittel für Ausflüge, Konzerte
und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung gestellt bekamen.
Nachbemerkungen für begleitende Lehrkräfte
Man sollte möglichst jede nach Polen reisende
Jugendgruppe gut vorbereiten; für Schüleraustauschgruppen ist dies aber
unabdingbar. Nähere Ausführungen dazu sind in einem Aufsatz von meiner
Kollegin Eva Helms und mir enthalten. Wesentliche Punkte sind die
Sensibilisierung für das Alltägliche sowie die Bewusstmachung des „bei uns"
Selbstverständlichen. Es ist wichtig, bekanntes Wissen über Polen aus dem
Geschichts- und Erdkundeunterricht zu wiederholen. Weiterhin muß vorher und
hinterher über die Problematik des vorurteilsbesetzten Wissens gesprochen
werden. Da in Polen „alles anders ist als in der DDR", sollte man versuchen,
die Schüler zur Aufnahme des Neuen aufzuschließen bzw. spontane
Schüleräußerungen während des Aufenthalts zu sammeln und möglichst darüber
zu sprechen.
Ein delikates Problem sind die Fragen nach den
Gastgeschenken. Schüler weigern sich oft, Schokolade und Kaffee mitzunehmen,
da sie nicht „Weihnachtsmann" spielen wollen.
Man muß ihnen dann sagen, dass jemand sich riesig und
auch wirklich echt über ein solches Mitbringsel freut, weil er es sich gegen
Landeswährung nicht kaufen kann und gegen US-Dollar nur zu horrenden
Preisen! Wenn demnächst alle Waren, abgesehen von den allernötigsten
Grundnahrungsmitteln, nicht mehr subventioniert werden und der Verkauf auch
in Landeswährung möglich ist, dann werden mit Sicherheit alle Preise über
dem bundesdeutschen Niveau liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die
Bitternis des völlig abgesunkenen Lebensstandards deutlich machen.
Beim Besuch polnischer Jugendlicher sollte man
versuchen, z.B. im Rahmen einer alternativen Stadtführung wie in Hannover,
bei der auch die Stätten der KZ und die Gräber ermordeter polnischer und
russischer Zwangsarbeiter besucht werden, oder auch durch eine gemeinsame
Fahrt zur Gedenkstätte Bergen-Belsen, eine spezifische Form der
Betroffenheit angesichts der Teilnahme von Angehörigen der Opfernation zu
erreichen. Wir haben z.B. 1986 zusammen mit den polnischen Austauschschülern
und gleichzeitig anwesenden amerikanischen Austauschschülern Bergen-Belsen
besucht; eine vollständige Darstellung und Auswertung kann jetzt nicht
vorgenommen werden. Nur eines: Wir waren am Ende des Rundganges, als wir uns
vor der Gedenkstätte trafen, völlig unfähig, Worte für die Eindrücke und
Gedanken zu finden. Wir haben geschwiegen. Hier musste dann der Lehrer das
Schweigen angemessen durch wenige Sätze beenden. Ich muß sagen, dass ich
selten unter einer solchen Spannung schweigend verharrt habe.
Ein Anfangsproblem sollte noch erwähnt werden: Für die
polnischen Schüler bedeutet es eine sehr hohe Auszeichnung, in die
Bundesrepublik fahren zu dürfen. Die Auswahl stellt in der Regel eine
Belohnung für sehr gute Leistungen dar. Alle Schülerinnen und Schüler werden
aber vorher eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt und ihr Land
würdevoll zu vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann – zumindest
solange man sich noch nicht so gut kennt – sehr viel Wert auf vorbildliches
und diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge". Man sollte also bei
gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen es darum geht, gemeinsame Regeln
aufzustellen und einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen
Veranstaltung festzulegen, recht behutsam vorgehen. Wir hannoverschen Lehrer
haben in solchen Fällen vorgelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse,
auch zusammen mit dem Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich
aber inzwischen ein völlig problemloses kollegiales Miteinander und Lernen
voneinander ergeben. Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im
eigenen Kollegium. Ein Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen
Bereich, ist nur möglich, wenn er von einer breiten Mehrheit des Kollegiums
und auch der Elternschaft getragen wird. Außerdem gibt es an der
Bismarckschule den Konsens, den Schüleraustausch auf möglichst viele
„Schultern" zu verteilen. Bisher sind jeweils andere Kolleginnen und ein
anderer Kollege zur Begleitung mitgefahren. Gleiches gilt für den parallel
ablaufenden Lehreraustausch, bei dem pro Jahr eine kleinere Delegation von
Lehrern und Lehrerinnen fährt oder bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage
dauernden Besuche dienen außerdem jeweils der Vorbereitung des dann
folgenden Besuches mit der Schülergruppe. Wir erkennen inzwischen, dass vor
allem im Zusammenhang mit den sinkenden Schülerzahlen und den dadurch
kleiner werdenden Schulen die Belastung steigt. Dies hat zur Folge, dass wir
die „Ermüdungen" spüren. Die Frage, ob und inwieweit man alle Aktivitäten im
vollen Umfange aufrecht erhalten kann, ist nicht grundsätzlich zu klären.
Neben Stundenentlastungen für besonders belastete Kollegen und Kolleginnen
bietet sich auf anderer Ebene eine Kooperation mit einer anderen Schule an,
die vielleicht noch keinen Austausch praktiziert.
Bezüglich unseres Türkeiaustausches kooperieren wir
z.B. mit dem Gymnasium Bad Nenndorf. Solche Regelungen sind gegebenenfalls
zu erörtern. Auf keinen Fall aber sollte man angesichts der für die Zukunft
zu erwartenden sozialen Spannungen in Europa und des Wachsens von
Vorurteilspotentialen in der Bevölkerung von einer sinkenden Bedeutung der
UNESCO-Arbeit ausgehen. Noch ein Hinweis: In der Bismarckschule wird
gegenwärtig erwogen, Erfahrungsberichte über alle Ansätze der UNESCO-Arbeit
und auch über die frühere Arbeit seit den fünfziger Jahren zusammenzustellen
und zu veröffentlichen. Zu nennen wären Aktivitäten bezüglich japanischer
und afrikanischer Gruppen, ein Austausch mit den USA sowie ein
amerikanisch-europäisches UN-Projekt in Den Haag (THIMUN), der laufende
Finnlandaustausch und die Englanderfahrungen.
Lothar Nettelmann
III. Die Türkei-Partnerschaft der Bismarckschule
Hannover
1. Die Aufgaben der Türkei-AG im UNESCO-Club
Die aktuellen Probleme, die eine ganze Generation in
der Türkei prägen werden und die damit auch für uns Deutsche Bedeutung
erlangen werden, lassen es um so wichtiger erscheinen, den ständigen Kontakt
zwischen beiden Völkern und Kulturen auch auf der unteren Ebene der
persönlichen Bekanntschaft nicht abreißen zu lassen, im Gegenteil: zu
fördern und auszubauen. Hier fühlen sich auch die UNESCO-Schulen
angesprochen. Auch das türkische Erziehungsministerium hat den Wert solcher
Kontakte erkannt und unterstützt Schulpartnerschaften mit deutschen Schulen.
Gerade kürzlich hat das türkische Ministerium mit dem niedersächsischen
Kultusminister ein Schwerpunktprogramm für Schulpartnerschaften vereinbart,
in das sich die Aktivitäten der Bismarckschule einpassen lassen. Von unserer
Seite her besteht auch der Wunsch, noch zu einem weiteren türkischen
Gymnasium Beziehungen aufzunehmen. Dabei würden wir ein weniger elitäres
Gymnasium als unsere jetzige Partnerschule, die Istanbul Lisesi, möglichst
im ländlichen Raum bevorzugen, um dadurch die Spannweite des türkischen
Bildungswesens erfahren zu können und eventuell auch konkretere
Partnerschaftshilfe zu betreiben, als es gegenüber einem gut ausgerüsteten
Gymnasium in Istanbul, das mit an der Spitze der jährlich ermittelten
„Leistungsrangliste" der türkischen Schulen steht, möglich und notwendig
ist.
Die Türkei-AG im UNESCO-Club der Bismarckschule
Hannover versucht, sich mit den Möglichkeiten und Problemen von
Schulpartnerschaften auseinanderzusetzen, und will die Thematik
„Türkeikontakte" einer breiteren Schulöffentlichkeit vermitteln. In Arbeit
mit Medien und Materialien werden die Grundzüge der Geschichte und
Landeskunde der Türkei erarbeitet. Darüber hinaus bietet die Türkei-AG ihren
Mitgliedern die Möglichkeit, sich intensiv mit selbst gewählten
Schwerpunktthemen aus Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft oder Zeitgeschichte
zu beschäftigen, um daraus z.B. Berichte, Teile von Ausstellungen, Beiträge
zu Informationsveranstaltungen oder Erkundungsthemen für Türkeireisen
abzuleiten. Damit sind wir auch schon beim derzeitigen Hauptthema, um das
sich die Arbeit der Türkei-AG dreht: um die inhaltliche und organisatorische
Vorbereitung einer etwa vierzehntägigen Studienreise in die Türkei vor und
in den Herbstferien 1989. Im Mittelpunkt wird der Besuch in unserer
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stehen. Das Erziehungsministerium in
Ankara wird zu einem Informationsgespräch aufgesucht werden. Begleitet wird
dieses Informationsprogramm durch eine Fülle privater Kontakte und einer
informativen Rundreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die westliche
Türkei. Damit folgen wir den Spuren einer ersten Türkei-Reise der
Bismarckschule Hannover vom Herbst 1985, über die noch zu berichten sein
wird. Vorher, noch im Juni dieses Jahres, hatten wir aber die Freude, zum
ersten Male eine Schülergruppe aus Istanbul bei uns begrüßen zu dürfen. Seit
wir bei unserem letzten Besuch im Herbst 1985 – ein weiterer geplanter
Kontakt während unserer Orientfahrt 1987 kam wegen der türkischen
Sommerferien nicht zustande – unsere Einladung übermittelt hatten, laufen
zögernd aber zielstrebig die Vorbereitungen für diesen Besuch. Nach einem
durch den Wechsel der an der Istanbul Lisesi unterrichtenden deutschen
Lehrer erschwerten Korrespondenz brachte der persönliche Besuch unserer
stellvertretenden Clubvorsitzenden Šehnaz Çelik im Herbst 1988 den
entscheidenden Durchbruch. Ihr bescheidenes aber zielstrebiges und
höflich-konsequentes Auftreten in Istanbul, ihrer alten Heimat, bis sie zum
Ende ihrer Schulzeit an unserer Schule die deutsche Staatsbürgerschaft
annehmen konnte, hat nach allen Berichten aus der Istanbul Lisesi dort einen
ganz großen und für unsere Schule und den UNESCO-Club äußerst bedeutsamen
Eindruck gemacht.
2. Die Türkeifahrt der Bismarckschule Hannover 1985:
Auftakt der Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi
Ende Oktober 1985 wurde von der Bismarckschule Hannover
eine erste Studienfahrt in die Türkei durchgeführt. Diese Studienfahrt trug
einen ganz besonderen Charakter dadurch, dass sie nicht als
Unterrichtsveranstaltung eines Leistungskurses in einem fachlich definierten
Zusammenhang durchgeführt wurde, sondern von einer speziell für den neuen
Arbeitsschwerpunkt gegründeten Türkei-Arbeitsgemeinschaft von der
Gesamtkonferenz mit einem Erkundungsauftrag versehen wurde, der durch
vorbereitende Aktivitäten wie durch die Fahrt selbst erfüllt werden sollte.
Vierzehn Schüler und Schülerinnen der 12. und 13. Klasse und die Lehrer Hans
Gütte, Ulrike Schulz und Gerhard Voigt übernahmen diesen Auftrag.
Die Bismarckschule Hannover versteht sich als
UNESCO-Schule und hat sich der Arbeitsgemeinschaft der UNESCO-Schulen in
Deutschland schon vor über dreißig Jahren angeschlossen. Dieser Akt ist eine
Selbstverpflichtung dazu, den Geist der UNESCO sowohl in
Unterrichtsveranstaltungen wie in außerunterrichtlichen Projekten und
Aktivitäten wirksam werden zu lassen und dem Schüler nahe zu bringen. Geist
der UNESCO, das heißt für uns: eine weltoffene Schule, lebendig, nicht
erstarrt in Routine und fachlicher Verengung. UNESCO-Geist, das heißt auch:
Völkerverständigung, Kontakte über die Grenzen hinweg, Abbau verengender
Nationalismen, Abbau von trennenden Vorurteilen und ein sensiblerer Umgang
mit dem Mitmenschen. UNESCO-Geist bedeutet aber auch, mehr zu tun als nur
das, was verlangt wird, eigene Phantasie zu entwickeln und bereit zu sein
zur ständigen Erneuerung des eigenen Engagements: der Schule einen neuen
Sinn geben!
Auf ihrem Weg als UNESCO-Schule hat die Bismarckschule
viele Stationen hinter sich gebracht. Zufrieden sind wir damit noch nicht.
In den letzten Jahren wurden vor allem Schülerkontakte und
Austauschprogramme gefördert. Über Jahre hinweg verband die Bismarckschule
eine Partnerschaft mit einer Schule in Livonia in den USA. Nach dem
Auslaufen dieses Austausches ist nun die Partnerschaft mit einer anderen
amerikanischen Schule im Aufbau. Unter schwierigen politischen
Rahmenbedingungen suchen, wir auch den Kontakt mit dem V. Liceum in
Poznań/Posen in der Volksrepublik Polen aufrecht zu erhalten. Darüber wird
an anderer Stelle berichtet. Die Verhärtungen im deutsch-polnischen
Verhältnis verlangen immer neue Anläufe, um die Beziehungen auf der
menschlichen Ebene herzustellen und zu sichern. Wir hoffen, mit diesen
Kontakten nach West und Ost ein klein wenig aktive Friedenspolitik zu
leisten.
Doch fehlt im Weltmaßstab, dem sich die UNESCO
verpflichtet fühlt, eine weitere Dimension, die ungleich schwerere
praktische Probleme aufwirft: der Blick über Europa und die „westliche"
Industriewelt hinaus in die Region der Armen, in die Dritte Welt. Nur
vorsichtig können wir uns in die Probleme dieser Länder einleben, ohne in
den Verdacht neokolonialer Einmischung zu geraten. Unbefangenheit ist hier
noch schwerer zu erreichen als in den Beziehungen zu Polen. Ein erster
Versuch zum Kontakt mit dieser Region ist die Aufnahme von
Schulpatenschaften mit Schulen in Cochabamba/ Bolivien und bei
Windhuk/Namibia, wobei die Bismarckschule Hannover unmittelbare finanzielle
Hilfe sowohl für die Gesundheitsfürsorge für die Schülerinnen und Schüler
als auch für die Beschaffung von Lernmitteln leisten will. Doch ein
persönlicher Kontakt zu diesen Schulen wird über den Schriftwechsel hinaus
nicht stattfinden können. Daher wollen wir zunächst einmal Kontakte zu einem
Land aufnehmen, das zwar einerseits als Brücke zur Dritten Welt und auch zur
islamischen Kultur dienen kann, andererseits aber in vielfacher Weise noch
mit der deutschen Geschichte und Gegenwart verbunden ist: der Türkei.
In der Erkenntnis, dass die Türkei ungeachtet aller
inneren politischen und sozialen Probleme zu einem wichtigen Partner
Deutschlands und Mitteleuropas geworden ist – der beantragte und verhandelte
EG-Beitritt der Türkei bestätigt das ebenso wie die Verbindungen durch
Arbeitsmigration und Tourismus – und in der Beobachtung vielfältiger
Vorurteile und Ressentiments in der deutschen Bevölkerung, die es zu
bekämpfen gilt, ist es unser Ziel, durch dauerhafte Kontakte und
Partnerschaften zumindest im Rahmen der Schulöffentlichkeit aufklärerisch
und emotional entspannend zu wirken.
Konkret sollte während dieser ersten Studienfahrt in
die Türkei erkundet werden, ob trotz organisatorischer Probleme
Studienfahrten und Informationsreisen in dieses Land risikolos durchgeführt
werden können, ob sich in der Türkei Informationsmöglichkeiten und
Gesprächskontakte in unserem Sinne herstellen lassen, ob dauerhafte Kontakte
zu unterschiedlichen Kreisen in der Türkei hergestellt werden können, auf
die bei späteren Reisen zurückgegriffen werden kann, und ob schließlich eine
konkrete Schulpartnerschaft, ggf. mit Schüleraustauschangeboten, mit einer
Schule in der Türkei eingeleitet werden kann. Das Résumé vorweg: Alle Fragen
konnten in hohem Maße und mehr als erwartet positiv beantwortet werden.
3. Zu den Inhalten einer Türkeifahrt
Die Beschäftigung mit der Türkei ist in der derzeitigen
Situation für deutsche Schüler in mehrfacher Hinsicht wichtig und
interessant. Ganz abgesehen von den historischen freundschaftlichen
Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei – die gleichwohl immer etwas
einseitig blieben –, auf die zurückzugreifen jedoch eine gute Grundlage für
gegenseitiges Verständnis schaffen könnte, sind heute einige Probleme
aufgetaucht, die einen gesellschaftlichen und politischen „Handlungsbedarf"
wecken, der sicher anders aussehen muß, als einige politische Kreise in der
BRD es sich heute vorstellen, und sicher anders, als es die primitive
Behandlung des „Ausländerthemas" in Teilen der Öffentlichkeit nahe legt.
Die große Anzahl bei uns lebender Menschen türkischer
Staatsangehörigkeit oder türkischer Herkunft ist eine Folge zweier
korrespondierender Probleme – unkontrolliertes Wirtschaftswachstum in der
BRD mit seinem temporären Arbeitskräftebedarf auf der einen, die sozialen
Probleme eines so genannten „Schwellenlandes" auf der anderen Seite –, die
zusammen zu der für die betroffenen Menschen überaus belastenden
Arbeitsmigration führten. Diese nach längerer Zeit in keinem der beiden
Länder mehr voll integrierten, entwurzelten Menschen sind die eigentlichen
Opfer des ökonomischen Fortschrittes. Ihre unverschuldeten Probleme sind
eine humane, soziale und politische Aufgabe und Verpflichtung für die
Nutznießer jahrzehntelangen Wirtschaftswachstums, der sich die deutsche
Gesellschaft nicht durch Hinweis auf international verschlechterte
wirtschaftliche Rahmenbedingungen (und die Unfähigkeit der deutschen
Politik, mit den sozialen Folgen der Wirtschaftsentwicklung fertig zu
werden) entledigen kann; auch die Türkei ist von diesen
Wirtschaftsproblemen, viel härter noch als die BRD, betroffen, was sich im
letzten Jahrzehnt mehrfach zu krisenhaften politischen Entwicklungen
verdichtete, die die Situation des Landes bis heute problematisch erscheinen
lassen.
Wir gehen davon aus, dass diese tief verwurzelte
Problematik nur durch Informationen und enge Kontakte bewältigt werden kann
und dass jede Ausgrenzungs- und Abgrenzungspolitik nur zu Deformationen des
Bewusstseins führt, deren negative, oft aggressive Folgen letztlich auf uns
selbst zurückfallen. Ziel der Beschäftigung mit dem Thema „Türkei" ist es
daher, tieferes Verständnis für die türkischen Menschen, ihre historische
und kulturelle Herkunft, ihre Traditionen und Wertvorstellungen, ihre
soziale und politische Einbindung in den türkischen Staat und die türkische
Gesellschaft bei den deutschen Jugendlichen zu wecken, was auch den Prozess
der Selbstreflexion und der Selbstfindung im Kontakt mit der sozialen Umwelt
fördern soll.
Das wird durch die aktuellen Bemühungen der türkischen
Republik um Aufnahme in die EG noch dringender, da damit der politische und
kulturelle Kontakt zu diesem Land enger und alltäglicher wird und
Missverständnisse und Vorurteile zu politischem Sprengstoff werden können,
die die friedenserhaltenden Integrationsbemühungen der europäischen
Bewegung, von ökonomischen und politischen Rivalitäten ohnehin schon recht
belastet, zunichte machen könnten. Hier sich auf die völkerverbindenden
Grundsätze der Vereinten Nationen und der UNESCO zu beziehen, kann dem
zunächst ökonomisch motivierten europäischen Zusammenschluss die dringend
benötigte politische und kulturelle Dimension zurückgewinnen.
Die üblichen Studienfahrten greifen in ihrer Konzeption
zu kurz, um das anspruchsvolle Arbeitsprogramm des Arbeitsschwerpunktes
„Türkei" an der Bismarckschule Hannover zu erfüllen; eine längerfristige
Einbindung in vielfältige Aktionen, Projekte und Unterrichtsveranstaltungen
ist ebenso notwendig wie die Perspektive eines dauerhaften Kontaktes zu
Personen und Schulen in der Türkei, der längerfristig eine echte
Schulpartnerschaft entwächst.
Die Gründung der „Türkei-Arbeitsgemeinschaft" an der
Bismarckschule Hannover ist nur ein erster Schritt in diese Richtung. Um den
hohen Anspruch an dieses integrative Arbeitsprojekt zu dokumentieren, wurde
eine erste Studienfahrtplanung für eine Reise in die Türkei im Herbst 1985
auch aus der sonst üblichen organisatorischen Einbindung der Studienfahrten
herausgelöst und der Türkei-AG zugewiesen, die damit Koordinations- und
Organisationsaufgaben zwischen den inhaltlichen Beiträgen der verschiedenen
Fächer übernimmt: eine deutliche Verpflichtung zur ernsthaften und
kontinuierlichen Arbeit der Arbeitsgemeinschaft, die im Jahr 1986/87 als
„Orient-AG" (in der Vorbereitung einer Sommerreise in die Türkei und in den
Nahen Osten) weitergeführt und 1988/89 erneut als „Türkei-AG" wieder
aufgenommen wurde, jetzt mit zwei neuen aktuellen Vorhaben, und zwar der
Vorbereitung eines Besuches von Schülern der türkischen Partnerschule in
Istanbul (Istanbul Lisesi) in Hannover im Juni 1989 und der Vorbereitung
einer weiteren Türkeifahrt im Herbst des gleichen Jahres, die sich an den
Konzeptionen und Erfahrungen der Reise 1985 orientiert.
Die erste geplante Studienfahrt, die von den
Mitgliedern der Türkei-AG durchgeführt wurde, hatte damit Pilotfunktion für
die Schule, wobei vor allem die möglichen Fortsetzungen und Vertiefungen der
Kontakte und der Informationsmöglichkeiten geprüft werden sollten. Schon die
erste Konzeption dieser Reise, wie sie von der Gesamtkonferenz und später
von der Bezirksregierung genehmigt worden ist, sieht einen
Programmschwerpunkt im Besuch der Partnerschule in Istanbul und in
zusätzlichen Informationen über das Bildungswesen in der Türkei, u.a. durch
einen Besuch im Ministerium für Nationale Erziehung in Ankara.
Durch Gespräche mit Schülern und Jugendlichen, nicht
nur aus unserer Partnerschule, sollte ein Eindruck von der sozialen und
ökonomischen Situation des Landes und den dadurch geformten
Lebensbedingungen der türkischen Jugendlichen vermittelt werden. dass bei
diesem notwendigerweise auf zentrale Themenbereiche konzentrierten Programm
auch der Kontakt mit der reichen Kultur und Geschichte der Türkei nicht
fehlen darf, versteht sich, nach den einleitenden Ausführungen, von selbst.
Dies kann und darf aber nicht zum touristischen
Selbstzweck werden, sondern soll die Basis zum Verständnis der heutigen
Situation des Landes sein. Um beide inhaltlichen Aspekte gleichermaßen
intensiv bearbeiten zu können, wurde die Reise in mehrere Abschnitte
unterteilt, die jeweils ein eigenes inhaltliches Profil gewannen. Istanbul
vermittelte zunächst den grundlegenden ersten Eindruck der Vielfältigkeit
der türkischen Lebensverhältnisse und ihrer tiefen historischen Verankerung,
geleitet durch die unmittelbaren Eindrücke des Besuchs in der Istanbul
Lisesi.
Ankara führte, auch durch das Gespräch im Ministerium,
in die Aktualität des türkischen Staatswesens ein; der Schatten des
Republikgründers Atatürk wird hier besonders mächtig. Konya ist demgegenüber
eine Art Gegenpol: islamische Tradition und Kultur werden als auch heute
wirksame Werte und bewundernswerte Kulturleistungen erkennbar. Der letzte
Teil der Reise entsprach dann eher üblichen Türkeirundreisen – jetzt aber
auf einer gefestigten Informationsbasis –, indem bemerkenswerte Landschaften
– Kappadokien, Pamukkale, Ägäisküste – und weltberühmte historische Stätten,
die durchaus auch für sich genommen eine Studienreise wert sind – Pergamon,
Troja –, in den Vordergrund rückten. Als stärker erlebnisbetonte Phase,
gleichzeitig mit deutlich erholsamerem Ablauf, rundete dieser letzte Teil
die Türkeireise zu einem harmonischen Ganzen, das den Schülern wichtige und
wertvolle Eindrücke und Einsichten vermitteln konnte.
In späteren Reisen könnten über den Eindruck der
räumlichen Disparitäten dieses großen Landes hinaus eventuell auch stärker
die Probleme der ländlichen Räume der Problemgebiete Ostanatoliens in den
Planungsmittelpunkt treten. Doch bei der zweiten Türkeireise wird zunächst
das bewährte Grundprogramm wiederholt mit einige Verbesserungen und
Abrundungen, die Ergebnis der Erfahrungen der ersten Reise sind.
4. Organisatorische Erfahrungen und Tipps
Türkeireisen werden von Schulen heute schon häufiger
organisiert. Die Aktualität dieses Themas und Reiseziels wird erfreulich oft
erkannt und richtig eingeschätzt. Besonders interessant sind dann natürlich
Veranstaltungen von Schulen mit hohem Anteil türkischer Schüler, die im
Rahmen einer solchen Studienfahrt den deutschen Mitschülern ihre Heimat
vorstellen können. Aber auch für Schulen des weiterführenden Schulwesens,
auch für Gymnasien, in denen der Ausländeranteil relativ gering ist, bietet
der Kontakt mit der Türkei, wenn er entsprechend sorgfältig vorbereitet und
inhaltlich aufgefangen wird, wichtige Lernanstöße; ist doch die so genannte
„Ausländerproblematik", die oft explizit Türkenfeindlichkeit hervorruft, ein
gesamtgesellschaftliches Phänomen, das weitgehend unabhängig von der
tatsächlichen Kontakthäufigkeit zwischen den Nationalitätengruppen ist. Dies
Thema muß an anderer Stelle intensiver und umfassender ausgeführt und
verbreitert werden; die gesellschaftswissenschaftlichen Grundeinsichten, die
bei der Konzeption unserer Türkei-Kontakte eine Rolle gespielt haben, müssen
hier vorausgesetzt werden. Dies gilt auch für die vielfältigen kritischen
Ansätze über Rezeptionsweisen bei Fernreisen, die das Thema
Auslandsstudienfahrten doch noch schwieriger und differenzierter erscheinen
lassen, als es der auf die Individualpädagogik verengte Lehrerblick gerne
wahrhaben will. Nur so viel: Reisen allein beseitigt noch keine Vorurteile,
bekräftigt sie sogar oft. Eine sinnvolle Studienreise bedarf der intensiven
pädagogischen und sachinformativen Einbettung, Vorbereitung und Auswertung!
Einige scheinbar recht banale Anmerkungen über das
Alltagsverhalten in der Türkei können den Schülern schon eine wertvolle
Hilfe sein, sich innerlich auf den Türkei-Besuch einzustimmen. Einige solche
Bemerkungen, die im konkreten Falle der Studienfahrtvorbereitung der
Bismarckschule Hannover mit den Schülern intensiv diskutiert wurden, sollen
hier kurz aufgeführt werden: Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Türkei
sich, zunehmend stärker, den uns bekannten „westlichen" Verhaltens- und
Umgangsformen anpaßt, so dass eine Reise kaum problematisch ist; das wird
unterstützt durch die immer häufigeren Kontakte mit Touristen, auch
uninformierten Reisenden aus Mitteleuropa, überall in der Türkei. Doch gibt
es doch noch einige Besonderheiten, auf die aufmerksam gemacht werden soll,
wenn wir nicht als Touristen, sondern als Gäste begrüßt werden wollen.
Wichtig ist vor allem die formbetonte Höflichkeit des
zwischenmenschlichen Umgangs, die Höflichkeitsfloskeln, Zurückhaltung,
Verzicht auf drängende Eile und Nötigung und Respekt mit einschließt. Mit
Höflichkeit können auch unbekannte Situationen gemeistert werden.
Zwiespältig sind die Verkehrsformen im Handel. Während bei Lebensmitteln und
Gegenständen des täglichen Bedarfs Handeln um den Preis unüblich, bei
geringwertigen Gegenständen ungehörig ist, sollte mit steigendem Wert der
angebotenen Ware zunehmend intensiver auch über den Preis verhandelt werden.
Feilschen um des Feilschens willen ist jedoch nicht angebracht; es ist auch
nicht angebracht, um minimale Preisdifferenzen übermäßig lange zu
verhandeln. Preisverhandlungen dienen der gegenseitigen Information über die
derzeitigen Marktbedingungen, der Information über die Ware und der
Vertrauensbildung zwischen Käufer und Verkäufer. Wer gar nicht ernsthaft
kaufen will, sollte mit dem Handeln erst gar nicht anfangen, um nicht in
ernsthaften moralischen Kaufzwang zu geraten.
Zur Höflichkeit gehört auch das Respektieren bestimmter
Kleidungsgewohnheiten. Dabei sind in der Türkei zwischen Stadt und Land
heute auffallende Unterschiede zu beobachten. Die etwas besser situierten
Kreise der Großstadt kleiden sich modisch und elegant, z.T. auffällig
vornehm. Die traditionelle Kleidung ist schlicht, verhüllend und
Körperformen eher kaschierend. Für den Besucher ergeben sich so nur einige
Grundregeln: den „üblichen Grad" der Körperbedeckung auch bei Hitze
einhalten (nicht in Badehose etc. durch die Straßen laufen!), in ländlichen
Gebieten besser auch Oberarme und Oberschenkel bedeckt halten (keine
Bermudashorts oder Miniröcke). Verstärkt gilt das beim Besuch von
Dienststellen, Behörden, Ministerien, Schulen etc. und ohne Ausnahme
natürlich bei der Besichtigung von Moscheen, bei denen Frauen Kopfbedeckung
tragen sollten. In Privatwohnungen zieht man übrigens seine Straßenschuhe
aus.
Der Umgang zwischen Mann und Frau ist in der
Öffentlichkeit traditioneller und distanzierter als bei uns. „Knutschereien"
in der Öffentlichkeit sind z.B. strikt verpönt. Es ist in der Türkei oft
noch unüblich, dass Frauen allein ausgehen oder in Restaurants gehen. Das
kann u.U. zu Missverständnissen unangenehmer Art oder zu Gefährdungen
führen, so dass wir empfehlen, zum einen grundsätzlich auch in der Freizeit
nur in Gruppen unterwegs zu sein und zweitens „gemischte" Gruppen zu bilden.
Die Reiseteilnehmer sollten gegenseitig aufeinander achten und gegenseitiges
Verantwortungsgefühl zeigen: dann sind ernsthafte Risiken nicht zu erwarten.
Man spricht übrigens auf der Straße Personen des jeweils anderen Geschlechts
nicht an.
Abschließend noch ein paar praktische Hinweise, wie wir
mit Erfolg unsere Studienreisen organisiert haben: Zunächst haben wir ein
Reisebüro nur für eine Flugbuchung nach Istanbul und zurück in Anspruch
genommen. Unsere Programm- und Routenwünsche sind ohne Schwierigkeiten und
wesentlich billiger selbst zu organisieren, wenn kein allzu großer Wert auf
Unterbringungskomfort gelegt wird und die Bereitschaft besteht, im Lande
selbst zu improvisieren und Programmänderungen zu akzeptieren. Mir scheint
das eine für die Türkei angemessene, landesnahe Form des Reisens zu sein.
Wege im Lande selbst sind ohne Probleme mit den Linienbussen zurückzulegen.
Am „Otogar" jeder Großstadt ist das Gruppenticket einen
Tag vor der Weiterreise zu sehr günstigen Preisen zu erhalten (z.B.
Istanbul-Ankara pro Person ca. 12.-- DM umgerechnet). Ausflüge können auch
mit Mietbussen (Kleinbusse der „Dolmuš-" d.h. Sammeltaxen-Betriebe)
unternommen werden. Für eine Tagestour mit zwei Kleinbussen ist etwa mit
Kosten von insgesamt 300.-- DM zu rechnen.
Hilfreich ist es, wenn man sich von Ort zu Ort durch
persönliche Empfehlungen weiterleiten lässt; das hilft über viele
Unsicherheiten und Missverständnisse hinweg. So können auch Hotelbuchungen
an Ort und Stelle durch Bekannte vorgenommen werden. Für uns ist das
besonders leicht, da wir zunächst unsere Partnerschule in Istanbul besuchen,
wo wir jetzt schon viele Bekannte und Freunde antreffen werden. Sehr
hilfreich ist es – und bei offiziellen Schulkontakten ebenso wie bei
Informationswünschen an Ministerien und Dienststellen in der Türkei
rechtlich sogar notwendig –, rechtzeitig etwa ein halbes Jahr vor
Reiseantritt Kontakt beim Erziehungsattaché des zuständigen türkischen
Generalkonsulats zu suchen und mit ihm die Reiseplanung durchzusprechen. Er
veranlaßt dann die notwendigen Genehmigungen in der Türkei und gibt der
Gruppe ein offizielles Empfehlungsschreiben mit, das bei allen
Behördenkontakten in der Türkei, bis hin beim Besuch von Museen und
Gedenkstätten, sehr hilfreich ist.
Schulstudienfahrten müssen, das sei hier nur am Rande erwähnt, natürlich
auch von den deutschen Dienststellen (in Niedersachsen bei der zuständigen
Bezirksregierung) genehmigt werden, was bei den recht teuren Türkeireisen
einen sehr eingehenden Begründungsaufwand verlangt. Hier ist der Status
einer UNESCO-Schule sehr hilfreich. Wer eine solche Reise zum ersten Male
beantragt, sollte sich bei Schulen mit Türkei-Erfahrungen näher über das
Procedere und über die inhaltlichen Begründungen informieren. Auch die
Ausführungen zu den Gründen der Türkei-Kontakte im vorliegenden Text können
dabei hilfreich sein.
Die Kosten sind zwar absolut gesehen relativ hoch, im
Verhältnis zu den Leistungen jedoch sehr günstig. Flugreisen nach Istanbul
werden von Hannover aus derzeit bei türkischen Reisebüros wie z.B.
Öger-Tours oder Türk-Tur für ca. 450.- bis 550.- DM angeboten. Für den
Aufenthalt im Lande einschließlich Busfahrten, (einheimischer) Verpflegung
und Programmkosten sind dann noch einmal bei einer Gesamtreisedauer von zwei
Wochen ca. 500.- bis 600.- DM hinzuzurechnen. Wer natürlich Sonderwünsche in
Bezug auf Unterkunft und Verpflegung hat und z.B. Kebab und Brot als
Grundnahrungsmittel nicht akzeptieren will, muß sehr schnell erheblich mehr
ausgeben. Ein ausreichender Versicherungsschutz – Reiseausfallversicherung
für die Flugbuchung, Kranken- und Unfallversicherung [besonders wichtig,
seitdem die gesetzlichen Krankenversicherungen für Krankenkosten in der
Türkei i.d.R. nicht mehr zahlen], für Begleitpersonen auch
Haftpflichtversicherung – sollte in jedem Falle gewährleistet sein.
5. Résumé
Die Türkeikontakte sind für die Bismarckschule Hannover
und den UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V., zu einem zentralen Arbeitsbereich geworden, in dem sehr
interessante und für den Bildungsauftrag einer UNESCO-Schule wichtige
Ergebnisse erzielt werden konnten. Der persönliche Kontakt mit diesem
vielfältigen wie zwiespältigen Land zwischen Europa und Asien am
Schnittpunkt der Kulturen ist nicht nur für die Schülerinnen und Schüler,
sondern auch für die begleitenden Lehrer faszinierend und fruchtbar. Durch
die Einbindung in die vielfältige UNESCO-Schularbeit, durch die Bereitschaft
zur inhaltlichen Reflexion und durch den möglichen Vergleich mit anderen
Partnerländern und -schulen in Polen, in Finnland und den USA wird eine
sinnvolle Beobachtungsdistanz geschaffen, die auch kritische Distanz zur
eigenen Kultur ermöglicht und damit Änderungen denkbar werden lässt.
Hier endet aber die Möglichkeit einer Überprüfung der
Ergebnisse durch die Beschränkungen der innerschulischen
Organisationsformen. Es wäre sinnvoll und wünschenswert, wenn sich hier ein
Kontakt zur wissenschaftlichen Begleitung durch die Hochschule, durch
Pädagogik, Politikdidaktik und Sozialpsychologie herstellen ließe, um
aufbauend auf die jetzt schon sehr fundierten praktischen Erfahrungen und
ersten Reflexionsansätze zu verallgemeinerbaren Ergebnissen zu kommen, die
der UNESCO-Arbeit im Bereich der internationalen Schulpartnerschaften und
Begegnungen neue Impulse vermitteln könnten.
6. Zur Textgestalt und den verwendeten Quellen:
Der vorliegende Text [Vgl. Fußnote ] ist eine
erweiterte Fassung eines Vortrages für die „Pädagogische Woche `89" der
Universität Oldenburg, Zentrum für pädagogische Berufspraxis (ZpB), am
Mittwoch, 4. Oktober 1989.
Die drei Textteile sollen in überarbeiteten Fassungen
weiter verwendet werden, und zwar:
(I) in einer Informationsschrift über die
UNESCO-Schul-Arbeit der Bismarckschule Hannover und, gekürzt, als
Einleitung zum Bericht über das Symposium „Ausländerpädagogik"
(Bismarckschule Hannover, März 1988) [UNESCO-Club und Verband der
Politiklehrer, Ende 1990],
(II) in einem Heft über Polenreisen und
Polen-Schulpartnerschaften als Ergebnis eines Symposiums über
Polenkontakte hannoverscher Schulen im Rahmen der Deutsch-Polnischen Woche
`89 zum zehnjährigen Bestehen der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover
e.V. im Mai 1989 [UNESCO-Club und Deutsch-Polnische Gesellschaft, Mitte
1990] und
(III) als Einleitung zum vorgesehenen Reisebericht
über die Türkeireise der Bismarckschule Hannover im Herbst 1989 [Türkei-AG
des UNESCO-Clubs, Febr. 1990].
Verwendete Texte im einzelnen:
Der Text im Abschnitt I (UNESCO-Arbeit) verarbeitet
teilweise Materialien und Textauszüge, die schon vorher in der UNESCO-Arbeit
der Bismarckschule Hannover verwendet und publiziert worden sind. Die
wichtigsten Quellen werden in den Fußnoten nachgewiesen. Es handelt sich um
folgende Vorveröffentlichungen:
J. Dallwig, Internes aus dem Club; UNESCO-Club
Rundbrief I/89, S. 1 f.
E. Kalthoff, Patenschaften. In: UNESCO-Club Rundbrief
II/88 und I/89
H.-W. Risson, Arbeitsberichte aus dem
Modellschulprogramm der UNESCO, Bonn, 1982
G. Voigt, Arbeitsschwerpunkt Ausländerpädagogik;
Politik Unterricht Aktuell, Juni 1989, Verband der Politiklehrer. S. 9
G. Voigt, Chancen interkultureller Erziehung? Politik
Unterricht Aktuell, Juli 1988, Verband der Politiklehrer. S. 6
G. Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen
Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V. Hannover 1989
G. Voigt, Motivation und affektive Lernhindernisse
zum Thema „Dritte Welt" und ihre Bedeutung für das geographische
Curriculum. Vortrag im Rahmen einer Tagung des Verbandes Deutscher
Schulgeographen in Berlin, Nov. 1982 (Skript)
Der Abschnitt II. (Polen, von Lothar Nettelmann) stützt
sich auf mehrere kürzere Berichte über die Polenkontakte der Bismarckschule
Hannover, ist sonst aber für ein Colloquium über Polen-Kontakte
hannoverscher Schulen im Mai 1989 [DPG und Bismarckschule Hannover] und für
die vorliegende Publikation verfaßt worden.
Verwendet wurde neben den schon genannten Quellen:
Lothar Nettelmann und Eva Helms: Schüleraustausch
Pozna½ -Hannover. In: Arnoldsheimer Texte, Band 23, „Dialog mit Polen".
Frankfurt 1984
Der Abschnitt III. (Türkei) stützt sich in
überarbeiteter Form auf:
UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e. V.: Türkei `85. Hg. von G. Voigt. Hannover
1985.
Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im
Nahen Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am
Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1989.
Das Literaturverzeichnis ist leicht gekürzt übernommen
worden aus:
[Interkulturelle Erziehung] aus: Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch?
Erlebnisse im Nahen Osten. Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Hannover 1989
[Ausländerpädagogik] aus: G. Voigt, Chancen interkultureller Erziehung?
Politik Unterricht Aktuell, Juli 1988, Verband der Politiklehrer. S. 6
[Dritte-Welt-Didaktik] aus: G. Voigt, Motivation und affektive
Lernhindernisse zum Thema „Dritte Welt" und ihre Bedeutung für das
geographische Curriculum. Vortrag im Rahmen einer Tagung des Verbandes
Deutscher Schulgeographen in Berlin, Nov. 1982 (Skript)
[Türkei] aus: Gerhard Voigt, Tradition oder Umbruch?
a.a.O.
Gerhard
Voigt
Krise an der Peripherie Europas?
Gesellschaftlich-historische Anmerkungen zur Türkei
Das Thema Türkei kann
historisch-gesellschaftswissenschaftlich aus drei verschiedenen
Frageperspektiven bearbeitet werden:
-
unter der Fragestellung nach den Besonderheiten der
der türkischen Sozial- und Staatsgeschichte, die die heutige
problematische und konfliktbeladene Situation erhellen und verständlich
machen kann;
-
unter der Fragestellung der Türkei im Weltsystem und
den daraus abzuleitenden Kategorisierungen und Verallgemeinerungen;
-
unter der Fragestellung nach dem Stellenwert des
Themas ›Türkei‹ in den allgemeinen gesellschaftlich-politischen oder auch
wissenschaftlichen Diskursen, die unabhängig von der Sonderheit Türkei
geführt werden.
Sich mit der Türkei differenzierend und erklärend zu
beschäftigen, mutet eine Reflexion des Erklärungsinteresses zu, wenn es von
der Sicht eines Landes außerhalb der Türkei selbst erfolgt.
Abgesehen von den subjektiven Motivationen, die im
Kontext dieser Überlegungen wenig Aufschlussreiches beitragen, verweist
gerade diese Fragestellung auf den inneren systemischen Kontext der
aufgezeigten Frageperspektiven.
Diese Interdependenzen lassen zwar eine analytische
Trennung, aber keine grundsätzliche Separation der Frageperspektiven zu. Das
wird sofort verständlich, wenn bei einer politikwissenschaftlichen
Fragestellung nach den europapolitischen und ökonomischen
Integrationsproblemen der Türkei eine Antwort ohne Kenntnis der türkischen
Sonderheit zu grundsätzlichen Fehleinschätzungen der Handlungsspielräume und
der mobilisierbaren gesellschaftlichen und politischen Potentiale in der
Türkei führt.
Andererseits ist der Rekurs auf das Beispiel Türkei in
den aktuellen Diskursen z.B. über Menschenrechts- und Minderheitsfragen oder
über das ›Modethema‹ islamischer Fundamentalismus in seinen
gesellschaftlichen-politischen Auswirkungen verhängnisvoll und
stereotypverstärkend, wenn nicht der Kontext im Weltsystem ebenso
hinterfragt wird wie die historisch-gesellschaftliche Problem- und
Konfliktgenese.
Wesentliche Verklammerungen der Analyseebenen wie der
Frageansätze ergeben sich gerade aus der unmittelbar erlebbaren – und damit
emotionalisierbaren – Aktualität der mit der Türkei zusammenhängenden
Fragestellungen durch die öffentlichen Diskurse in der Bundesrepublik
Deutschland über Migrationsfolgen und die innergesellschaftliche
Fremdenfeindlichkeit. Orte dieses Diskurses finden sich mit typischen
Modifikationen und unterschiedlicher affektiver Besetzung in allen
Lebensbereichen, von der öffentlichen Kommunikation, den gesellschaftlichen
Institutionen wie Schule, Ämter, Kirchen, am Arbeitsplatz wie im
semiöffentlichen Bereich der Freizeitorganisation.
Dies in seinem Zusammenspiel zu erörtern, ist hier
nicht der Ort; wesentliche Arbeiten könnten sowohl aus der politologischen
wie der soziologischen Literatur angeführt werden (Luhmann, Beck, Wouters,
Engler u.a.). Vieles von diesen allgemeinen gesellschaftswissenschaftlichen
Ansätzen, die für die eigene Türkei-Rezeption relevant sind, wird auch bei
der historisch-gesellschaftlichen Analyse der Türkei selbst aufzugreifen zu
sein.
Thesen zur Problematik der heutigen Staatsgesellschaft in der Türkei
So sollte der Beginn unserer Überlegungen zur Türkei
mit einigen Thesen zur Charakterisierung der Türkei als Besonderheit im
historisch-gesellschaftlichen Rahmen fundiert werden, die anschließend noch
genauer erläutert werden sollen:
-
Gegenüber Mitteleuropa findet in der Türkei eine
verspätete und defizitäre Herausbildung einer Staatsgesellschaft statt
unter direkter Übernahme westeuropäischer Modelle und unter
politisch-ökonomischem Einfluss der europäischen Mächte.
-
Dabei tritt die Türkei seit dem 17. Jahrhundert – dem
Ende der osmanischen Expansionsphase – in ein zunehmendes
Dependenzverhältnis zu den westeuropäischen Hegemonialmächten ein, das
sich in Peripherisierungsprozessen ausdrückt.
-
Die Türkei bildet seit dem 18. Jahrhundert die
charakteristischen politisch-ökonomischen Strukturen eines semiperipheren
Landes aus.
-
Im Kontext der Peripherisierung findet eine bis heute
andauernde politisch-soziale und ökonomisch-regionale Desintegration
statt, die in den inneren Peripherien Marginalisierungsprozesse
hervorruft, die heute Grundlage z.B. des Südostanatolienkonfliktes sind.
-
Die Unbedingtheit der nationalstaatlichen
Homogenisierungspolitik in der Türkischen Republik als Teil des „nation
building" steht im ursächlichen und interdependenten Zusammenhang mit der
mangelhaften sozialen und regionalen Integration und den damit verbundenen
Legitimationsdefiziten.
-
Labile soziale Machtbalancen in der heutigen Türkei
unterlaufen und retardieren vom Staat oder von den westlich orientierten
ökonomisch-technischen Eliten (z.B. die Intelligenzija) intendierte
Modernisierungsschübe, denen unkontrollierte kulturelle und soziale
Desintegrationspotentiale innewohnen.
Schon diese wenigen Charakterisierungen zeigen, wie
überaus schwierig und labil die derzeitige Entwicklungssituation in der
Türkei ist, wie stark sie einerseits in die zentral-peripheren Dependenzen
Europas und des „Weltsystems" eingebunden ist, andererseits aber selbst in
ursächlicher Dependenz mit dieser Einbindung in überregionale Strukturen und
Disparitäten durch die Binnenperipherisierung weder einer einheitlichen
Entwicklungsprognose zugeordnet werden kann noch als homogene Entität zu
charakterisieren und zu kategorisieren ist: Widersprüchlichkeit und
Offenheit der prozessualen Tendenzen sich die dominanten Merkmale einer
wissenschaftlichen Beschreibung der Türkei.
Der Verlust der Grundlagen des Imperiums im 16./17. Jahrhundert
Die erste Reformphase im Osmanisches Reich im 19.
Jahrhundert ist mit dem Namen von Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘,
1808-1839, gest. 1840) verbunden. Wie konnte oder musste es aber zu dieser
Phase erster Reformen ‚von Oben‘ kommen? Historische Überlegungen sollen
hier nach den Gründen fragen, vor allem die Veränderungen der
innergesellschaftlichen Machtbalancen im Kontext der
Peripherisierungsprozesse im neuzeitlichen Europa nachzeichnen und damit
deutlich machen, warum die Türkei gegenüber West- und Mitteleuropa deutlich
abweichende Modernisierungsschübe erlebte, die dazu in völlig anderer Form
sozial verortet waren und zu einer nur partiellen gesellschaftlichen
Homogenisierung und zu einer unvollständigen Herausbildung einer
Staatsgesellschaft führten.
Das Sultanat war vom 17. bis zum 19. Jahrhundert in
eine tiefe Macht- und Legitimationskrise geraten. Nach dem Höhepunkt von
Macht und höfischer Kultur zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung des
Osmanischen Reiches unter der Regierung von Sultan Süleyman I. (‚der
Prächtige‘, 1520-1566) türkisch zutreffender bezeichnet als: Kanunî (‚der
Gesetzgeber‘), sind deutliche Verschiebungen der Macht in der höfischen
Hierarchie zu beobachten, die mit Richard Peters in seiner schon
›klassischen‹ Geschichte der Türken zu charakterisieren und zu periodisieren
sind in drei aufeinander folgende Ausprägungen, die jeweils auf Kosten der
ursprünglichen personalen Macht des Sultans gingen: 1595-1687,
Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen und Sultansmüttern; 1687-1757,
Regierungsmach bei Großwesiren der Familie der Köprülü; 1754-1808,
wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und Janitscharen.
Wie ist zu dieser Machtverschiebung im Sultanat
gekommen? Der äußere Anlass der Krise ist offensichtlich und wurde schon
angedeutet: Die territoriale Expansion des Osmanischen Reiches war an ihre
äußersten Grenzen gestoßen, die Armee verfing sich in kostenaufwendigen,
wenig ›ertragreichen‹ Grenzsicherungskämpfen, die kaum zu für den Erhalt des
Hofes so notwendiger ›Beute‹ führten, kurzum: der Krieg ernährte sich nicht
mehr selbst.
Doch soll hier keine umfassende welthistorische Analyse
durchgeführt werden, sondern nur im Anriss einiger interessanter Fragen das
Problem des Wandels der Machtbalancen im Osmanischen Reich, die letztlich zu
den Tanzimat-Reformen Mitte des 19. Jahrhunderts führten, verdeutlicht
werden. Auch Küršat-Ahlers betont die genannten Machtverschiebung und sieht
in ihr auch eine der Wurzeln einer späteren sozialen Spaltung und
Segmentierung der Oberschicht, indem die traditionellen vor allem niederen
ulema vom gesellschaftlichen Einfluss bei Hofe zunehmend ausgeschlossen
werden zugunsten der weltlichen Regierungsbeamten, und dadurch ein
virulentes antimodernistisches Potential bilden. Mit diesem Ansatz öffnet
sich eine andere, soziologische Darstellungsperspektive, die noch weiter
verfolgt werden sollte.
Ein noch wenig beachteter Fragenkreis in den
Untersuchungen zur türkischen Geschichte, der jedoch Aufschluss über die
konkrete Umsetzung der äußeren Machtveränderungen in die inneren
Machtbalancen der osmanisch-höfischen Gesellschaft geben könnte, liegt in
einer genaueren und konkreten Betrachtung der Zivilisationsprozesse und
-entwicklungsphasen, die vom Hof ausgehend in ihrer gesellschaftlichen
Normierungskraft sowie in Hinblick auf die Wege und Reichweite dieses
‚Absinkens‘ durch die sozialen Schichten und regionalen Subsysteme des
Reiches darzustellen wären: eine faszinierende Aufgabe für die
Gesellschaftswissenschaften und vor allem für die historisch-vergleichende
Soziologie.
Mit Elçin Küršat-Ahlers sind für die Expansionsphase
des Osmanischen Reiches die kulturellen und zivilisatorischen Kontexte zu
den früheren Staatenbildungen nomadischer Turkvölker in Mittelasien
aufzuzeigen. Sicher gehören typische Elemente der frühosmanischen Kultur in
diesen Zusammenhang: so die ökonomische Fundamentierung auf Beutekriegen,
der notwendige Drang nach territorialer Expansion, die territoriale
Mobilität – noch Sultan Bayazid I. Yıdırım (‚der Blitz‘, 1389-1402) trägt
seinen ehrenden Beinamen wegen seiner Fähigkeit, mit seinem Heer »wie ein
Blitz« auf den verschiedenen Schlachtfeldern an weit entfernten Grenzen
seines damals schon großen Reiches zu erscheinen – ebenso wie die
ungezügelte Kriegslust und der Siegestriumph. Das prägte den Lebensstil und
das Selbstverständnis der militärischen Oberschicht, die gleichermaßen im
Kriege asketisch und selbstaufopfernd dem Tapferkeitsideal folgte, um dann
den Frieden als verdienten Genuss des Sieges wahrzunehmen, allen materiellen
Reichtum und Luxus um sich versammelnd. Die Parallele zu den Ausführungen
von Norbert Elias zu den Wandlungen der Angriffslust in der höfischen
Oberschicht des Abendlandes und seiner Darstellung des Weltbildes eines
Ritters im europäischen Mittelalter, werden nur zu deutlich:
„Als Ausnahmeerscheinung, als ‚krankhafte‘ Entartung,
mögen solche Affektentladungen auch noch in späteren Phasen der
gesellschaftlichen Entwicklung auftreten. Aber hier gab es keine
strafende, gesellschaftliche Gewalt. Die einzige Bedrohung, die einzige
Gefahr, die Angst machen konnte, war die, im Kampf von einem Stärkeren
überwältigt zu werden. Abgesehen von einer kleinen Elite, gehörte, wie
Luchaire, der Historiker der französischen Gesellschaft des 13.
Jahrhunderts feststellt, Rauben, Plündern, Morden durchaus zum Standard
der Kriegergesellschaft dieser Zeit, und es spricht kaum etwas dafür, dass
sieh das in anderen Ländern oder in den folgenden Jahrhunderten anders
damit verhielt. Die Grausamkeitsentladung schloss nicht vom
gesellschaftlichen Verkehr aus. Sie war nicht gesellschaftlich verfemt.
Die Freude am Quälen und Töten anderer war groß, und es war eine
gesellschaftlich erlaubte Freude. Bis zu einem gewissen Grade drängte
sogar der gesellschaftliche Aufbau in diese Richtung und machte es
notwendig, ließ es als zweckmäßig erscheinen, sich so zu verhalten. ...
Der Sieger von heute war morgen durch irgendeinen
Zufall besiegt, gefangen und aufs äußerste gefährdet. Inmitten dieses
fortwährenden Auf und Ab, dieses Wechsels zwischen Menschenjagden, nämlich
Kriegszeiten, und Tierjagden oder Turnieren, den Vergnügungen der
‚Friedenszeit‘, war wenig vorausberechenbar, die Zukunft fast immer,
selbst für die aus der ‚Welt‘ Entflohenen, relativ ungewiss, Gott und die
Treue von ein paar Menschen, die zusammenhielten, das einzig feste.
Überall war Furcht; der Augenblick galt dreifach. Und unvermittelt also,
wie die wirklichen Schicksale, schlug Lust in Angst um und die Angst löste
sich oft ebenso unvermittelt in der Hingabe an eine neue Lust."
Doch wird eine detaillierte Untersuchung auch die
Stilunterschiede herausarbeiten müssen: die durchaus unterschiedlich erlebte
religiöse Bindung; die im Sultanat deutlich wirksamere Gottesreichsidee mit
ihrer gesellschaftlichen Geborgenheit und einem Weltbild des
Gerechtfertigtseins und der ‚Überlegenheit‘ – Elementen, jeder das
christliche Abendland phasenweise durchaus kannte, die aber von der
Tradition der Kriegergesellschaften und den ‚pessimistischen‘ Elementen der
christlichen Buß- und Reue-Vorstellungen und der prinzipielle theologischen
Trennung von ‚weltlicher‘ und ‚geistlicher Macht‘ überlagert waren – sowie
schließlich die größere kulturelle Weltläufigkeit und Integrationsfähigkeit,
die ein Erbe der arabisch-islamischen Hochkultur ist und durch die Lehre von
der umma muhamadja in allen islamischen Regionen eine hohe Prägekraft
besitzt.
So bildete sich eine typische höfische und imperiale
Kultur des Sultanats erst in Bursa und dann in Istanbul heraus, die fest in
der sozialen Hierarchie des Militärs verwurzelt war und weitgehend von Krieg
und Eroberungen lebte. Die folgende zivilisatorische Bruchlinie ist schon
aufgezeigt worden: Die vergeblichen Versuchen einer Expansion über die
ungarische Tiefebene hinaus markierten den Zeitpunkt der größten
territorialen Ausdehnung des Reiches, die jedoch nicht mit einer politischen
und militärischen Satuierung verbunden war. Die Versorgung der höfischen
Zentren mit Nahrung, Luxusgütern und Menschen, d.h. vor allem: Soldaten,
mussten nun – da Eroberungen ausblieben – aus den eigenen Provinzen heraus
erfolgen; die drückende Abgabenlast führte zu phasenweisen Veränderungen der
Herrschaftsstruktur und -durchsetzung in den randlichen Bereichen, deren
Folgen noch zu erörtern sein werden.
Am Hofe selbst, militärischer Erfolge zunehmend
entwöhnt, verschob sich das Verhaltensideal zunehmend auf die zivilen
Elemente des zivilisatorischen Codex, auf staatliche Herrschafts- und
Machtausübung und materielle Privilegierung – und das bei knapper werdenden
materiellen Ressourcen. Zum einen ist das sicherlich im Sinne einer
höfischen Zivilisationsentwicklung ein Modernisierungsschub, der aber
zunächst noch erkauft wurde mit einem persönlichen Machtverlust des Sultans
bei Hofe, der aus seinem partiellen Funktionsverlust herrührte, bei dem das
Zurücktreten der militärischen Aufgaben und der Machtressource als
Kriegsführer und Sieger, der damit die Verteilung der Beute kontrollieren
und die militärische Oberschicht in materieller Abhängigkeit halten konnte,
als persönliche Schwäche wahrgenommen werden konnte. Mit dem Ausbleiben der
Kriegsgewinne musste sich der Sultan zwangsläufig immer weiter einbinden
lassen in ein soziales Geflecht ökonomischer Abhängigkeiten und sozialer
Loyalitäten als Grundlage des Machterhalts, d.h. in feudale ‚do ut des‘ –
Beziehungen.
Letztlich erfolgte erst jetzt, im mitteleuropäischen
Sprachgebrauch, die Feudalisierung des bisherigen Expansions- und
Beuteimperiums, in einer Zeit, als in Mittel- und Westeuropa weitere
Modernisierungsschübe grundlegende sozio-ökonomische Umwandlungen
einleiteten und das »Weltsystem« grundlegend änderten – was bald zu einer
bedrohlichen äußeren Rahmenbedingung für die weitere Entwicklung des
Osmanischen Reiches wurde.
Staatskrise und soziale Desintegration
„Das
Osmanische Reich war insgesamt ein militär-bürokratisch organisierter
Feudalstaat. Einziger Feudalherr war der Staat; ihm gehörte formal der
Boden, mit dem er die Sipahi (Ritter), auf die sich das osmanische Heer
anfänglich stützte, belehnte. Als Gegenleistung hatten die Sipahi
Lehnstruppen für die kriegerischen Unternehmungen des Reiches zu stellen.
Mit der Zeit verselbständigten sich die Sipahi."
Bassam Tibi charakterisiert hier aus der Sicht der
Militärhierarchie die Veränderung der Machtbalance, die Thema der
Untersuchung der Krise des Osmanischen Reiches sein wird. Er charakterisiert
die ökonomische Fundierung des Osmanischen Militärs mit einem Zitat von Kurt
Steinhaus: „Die türkischen Oberschichten – die Spitzen des Militärs, der
militarisierten Bürokratie und der Ulema – reproduzierten sich größtenteils
über den Bezug von Grundrenten und damit letzten Endes über gewaltsame
Landnahme... Der Krieg nährt den Krieg – auf keinen Staat trifft dieses Wort
so zu wie auf den des Sultan-Kalifen. Und nicht nur das: hier nährte der
Krieg sogar das politisch-soziale Gesamtsystem. Indem die materiellen
Erträge der äußeren Expansion für die Erhaltung und die Verbesserung des
territorialen status quo unentbehrlich waren, bildete die militärische
Überlegenheit wiederum die Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des
gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in seiner bestehenden Form." Tibi
schlussfolgert daraus: „Indem Europa seit dem 18. Jahrhundert auf der Basis
der Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen eine dem Osmanischen
Reich überlegene Macht darstellte und somit dem osmanischen militaristischen
Expansionismus Grenzen setzte, wurde das Osmanische Reich empfindlich
getroffen. Die als Kompensation zur verhinderten Expansion eingeführte
Steuerpacht hat, da sie die regionalen Herrschaftsinstanzen festigte, die
Desintegration des Osmanischen Reiches begünstigt, anstatt das Reich zu
sanieren.".
Damit sind die wesentlichen Elemente der inneren
Machtverschiebungen deutlich benannt: Das Sultanat in seiner bisherigen
materiellen und legitimatorischen Fundierung war mit dem Ende der
Expansionsphase in eine gefährliche Staatskrise geraten und der Sultan
selbst musste empfindliche persönliche Machtverluste hinnehmen.
Ein Ausweg wurde in der Sicherung der materiellen
Ressourcen des Hofes durch Veränderungen in der materiellen Ausbeutung der
Provinzen, durch Delegation regionaler Machtentfaltung, durch die Einführung
des Systems der Steuerpacht und damit durch die Hinnahme
gesellschaftlich-ökonomischer Desintegration gefunden. Der Hof und das
Sultanat mussten gleichermaßen neue Wege der Legitimierung der
Herrschaftsansprüche gehen, um ein funktionierendes Herrschaftssystem
aufbauen zu können. Das geschah vor allem durch die Vergabe von Privilegien
und durch die ideologische und religiöse Überhöhung des Sultanats zum
‚Gottesreich‘ und durch die Förderung Osmanischer Überlegenheitsideen vor
allem gegenüber dem erstarkenden Westen. Der Herrschaftserhalt verband sich
mit der Entwicklung der Reichsidee, gleichzeitig leitete die ökonomische
Desintegration die Binnenperipherisierung des Reiches ein.
Die Veränderungen im Herrschaftssystem des Osmanischen
Reiches seit dem 17. Jh. können daher auch als – bewusst nicht
wahrgenommener – politischer Paradigmenwechsel und als Eintritt in den
permanenten Diskurs über den Reichserhalt darstellen. ‚In Sorge um den Staat
sein‘ ist bis heute eine verbreitete Phrase politischer Legitimierung und
der Beschreibung nationalistischen Selbstverständnisses in der Türkei. Doch
leitete dieser auf das Sultanat zielende neue Diskurs keineswegs schon den
Prozess eines ›nation building‹ im modernen Sinne oder der Genese des
Nationalstaates ein, sondern war auf eine integrierte weltlich-religiöse
Reichsidee bezogen, in der Osmanentum durchaus nicht mit Türkentum
gleichzusetzen ist.
Die historische Situation: Das Aufkommen der Einsicht in die
Modernisierungsnotwendigkeiten.
Das Osmanische Reich in seiner Früh- und Blütezeit
lebte ökonomisch und sozial von der kriegerisch durchgesetzten territorialen
Expansion. Es ist sicherlich nicht ganz falsch, die sozioökonomische
Grundlage dieses wachsenden Imperiums als feudalen Raubstaat zu
charakterisieren, der in den Herrschaftstraditionen der zentralasiatischen
Nomadenreiche der Turkmenen stand und dort zu vergleichen ist mit den ebenso
mächtigen und (beute-)reichen Imperiumsgründungen z.B. unter Dschingis Khan
oder Timur Leng – beides Konkurrenten der türkeitürkischen
Vergesellschaftungen und Staatsbildungen, die auch zu kriegerischen
Verwicklungen führten (Ende des Seldschukenreiches von Konya; Schlacht von
Ankara 1402).
Gesellschaftliche Charakteristiken dieses jungen
Osmanischen Reiches waren die Dominanz einer sich ausweitenden Militärkaste,
die die Hauptlast der gesellschaftlichen und staatlichen Integration zu
tragen hatte und dies durch ihren unbändigen Bedarf an Soldaten auch
effektiv erfüllen konnte – die so genannte „Knabenlese" und die Bildung der
Janitscharenarmee sind historische Konkretisierungen dieses Charakterzuges
–, die Versorgung und Entwicklung der Zentren des Reiches durch die
Ausbeutung der neu eroberten Gebiete und Provinzen, was vor allem dem
Sultanshofes mit seiner immer größeren Zahl von Höflingen zugute kam, aber
auch der wachsenden Zahl ziviler Oberschichtangehörigen, den ehemaligen
Militärs, die sich in Istanbul zur Ruhe gesetzt hatten und den höheren und
niedrigeren Ulema, die die geistliche Legitimation des Sultanats zu erfüllen
hatte – wesentliches Element waren dabei die traditionellen Derwischorden,
vor allem der Bektaš-Orden und die Mêwlêwi und Çelebi –, alles im Sinne
einer ökonomischen Modernisierung unproduktive und immobile Schichten, und
schließlich die Entwicklung einer höfischen Luxuskultur mit großem
materiellen und stilistischen Integrationsvermögen gegenüber fremden
Einflüssen, die aber vollständig eingeschmolzen wurden in das osmanische
Herrschaftskonzept des Sultanats als unbestreitbarer weltlicher und
geistiger Spitze und Führung.
Dem ersten großen gesellschaftlichen Umbruch,
gekennzeichnet durch eine Verschiebung der höfischen Machtbalance vom Sultan
auf eine höfische Oberschicht – Wesire, Harem, pensionierte Generäle und die
zentralen und regionalen Würdenträger der Staatsverwaltung –, durch
zunehmende gesellschaftliche Desintegration und gleichzeitige imperiale
Verklärung der überlegenen weltlichen und geistigen Kultur der Reichsidee
des Sultanats als Legitimationsgrundlage der Herrschaft, folgte eine lange
Zeit krisenhafter Entwicklungen, die mit internationalen und
binnengesellschaftlichen Peripherisierungsprozessen zu beschreiben ist.
Die lokale Sozialorganisation in ihrer
hochdifferenzierten Vernetzung von vorstaatlichen, personalen
Sozialbeziehungen wird zunächst dadurch gestärkt, dass sich die Regionen als
Überlebenseinheiten in der Phase des Machtverfalls des Zentralstaates
verstehen und ausdifferenzieren mussten. E. Neubauer erwähnt – in einer
Arbeit über Iran, die aber in diesem Aspekt für die orientalischen
Gesellschaften und das Osmanische Reich in dieser Zeitphase durchaus zu
verallgemeinern ist – drei Möglichkeiten der Bildung solcher lokaler
Loyalitäts- und Interaktionsbeziehungen:
-
die Zugehörigkeit zu einer Moschee und damit zu
einer bestimmten Nachbarschaftsgruppe;
-
die religiöse Gefolgschaft (taqlid), zu der jeder
shi'itische Laie einem Mojtahed (einem Geistlichen, der in religiösen
Fällen eine Entscheidung treffen kann) gegenüber verpflichtet ist und
die durch Akhunds bzw. Mollas vermittelt wird...;
-
die Zugehörigkeit zu einer Klientelgruppe.
-
Zu diesen drei Elementen, die die Organisation der
Aufzüge bestimmen, kommen dann noch
-
die Verwandtschaft, die viel zu selbstverständlich
ist, als dass sie besonders betont werden müsste, und schließlich
-
die Handwerkskorporationen, die wohl vor allem die
Masse der Teilnehmer gestellt haben."
Parallel zu dieser innergesellschaftlichen und
territorialen Desintegration findet eine deutliche Schwächung der
außenpolitischen Macht und Konkurrenzfähigkeit statt. Das Ende der Expansion
wird zum Beginn einer unabsehbaren Folge von Grenzsicherungskriegen und der
Abwehr äußerer Angriffe, die das Reich in eine immer tiefere materielle
Krise stürzen. Anstelle einer inneren Entwicklung des Landes, die das
Osmanische Reich im „europäischen Konzert der Mächte" politisch und
ökonomisch konkurrenz- und durchsetzungsfähig gemacht hätte, konzentrierte
sich das Sultanat auf die traditionellen militärischen Tugenden und das
Primat des Abwehrkampfes, immer noch durchdrungen von der Vorstellung einer
unbesiegbaren kulturellen und imperialen Überlegenheit. Genau damit traf es
auf ein anderes Reich in der Krise, mit ähnlichen Struktur- und
Entwicklungsproblemen: das zaristische Rußland.
Rußland und das Osmanische Reich konkurrieren um die
knapper werdenden territorialen, materiellen und humanen Ressourcen in
Südosteuropa und schließlich um territoriale Eroberungen aus dem jeweiligen
Herrschaftsgebiet des Nachbarn. Die vielen Kriege, die das Osmanische Reich
an seinen Grenzen im 18. und 19. Jahrhundert geführt hat, sind somit auch
ein Surrogat einer eigentlich notwendigen innergesellschaftlichen
Modernisierung, für die sich erst zu spät eine soziale Trägerschaft in der
Hof- und Militärhierarchie selbst gefunden hat. Diese soziale Verortung
einer verordneten „Modernisierung" von oben, die die Türkei bis heute prägt,
führt zu sozialen und legitimatorischen Problemen, die noch erörtert werden
müssen.
Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden
spätfeudalen Militärmonarchien Russlands und des Osmanischen Reiches führten
nicht, wie gehofft, zur Herausbildung siegreicher moderner Nationen, die mit
den westeuropäischen Hegemonialstaaten konkurrieren könnten, sondern führten
direkt in die Dependenzen der Semiperipherien und in die innenpolitische
Desintegration.
Diese Desintegration und die materielle und politische
Schwächung in der Folge der ständigen Kriege, während deren die westlichen
Großmächte England und Frankreich (als „lachende Dritte") ihre Macht
vergrößern und ihren Einfluss in den nahöstlichen Gebieten des Osmanischen
Reiches und auch auf die Politik des Reiches selbst begründen und ausbauen
konnten, waren schließlich die gesellschaftlichen Grundlagen der politischen
Revolution, die weder in der Form des Oktoberrevolution in Rußland, noch in
der Form der Jungtürkischen Revolution im Osmanischen Reicht tatsächlich die
bestehende gesellschaftliche Desintegration überwinden und eine mit einem
erfolgreichen gesamtgesellschaftlichen Homogenisierungsprozess verbundene
Modernisierung einleiten konnte.
In beiden Fällen blieb zur Herrschaftssicherung die
militärische Gewalt dominant und die ideologische Indoktrinierung von Seiten
des Staates mit Tendenz einer ethnisch wahrgenommenen
Herrschaftsmonopolisierung hier der Russen, dort der Türken zur
Herrschaftssicherung notwendig. Bei den grundlegenden ideologischen
Unterschieden beider Staaten ist die verblüffende Übereinstimmung der
Problemstrukturen ein Zeichen dafür, dass die Problemlagen in typischer
Weise aus den Entwicklungen der disparaten Strukturen des Weltsystems
entstanden und damit zumindest teilweise exogen induziert worden sind.
Tanzimat: Die ›Reform von Oben‹ und der Beginn des türkischen Nationalismus
Sollte dieser, von Dezentralisation und Desintegration
gekennzeichnete Staat, dessen zentrales Regierungssystem sich in einer
permanenten Macht- und Legitimationskrise befand, der sich zudem immer
weniger im Überlebenskampf mit den in Hegemonial- und
Einflusszonenkonflikten verstrickten Westmächten und dem benachbarten
Zarenreich behaupten konnte, erhalten bleiben, mussten spätestens von der
Mitte des 19. Jahrhunderts, nach einer langen Folge regionaler Konflikte und
Kriege, die immer öfter mit türkischen Niederlagen endeten, was letztlich
immer stärker zur Verarmung und Marginalisierung der peripheren Regionen
beitrug (Westeuropa sprach vom Osmanischen Reich als »kranken Mann am
Bosporus«!), mussten grundlegende Reformen und eine Modernisierung der
Staatsverwaltung erfolgen.
Immer drängender wurde dieser Modernisierungsdruck auch
durch die aus Armut und mangelnder politischer Partizipation erwachsenden
nationalistischen Separatismen, wobei durch erfolgreiche
Unabhängigkeitsbewegungen, wie im 19. Jh. in Griechenland, oder durch nur
oberflächlich als nationaler Separatismus verbrämte und legitimierte
territoriale Verluste an das Habsburgerreich auf dem Balkan, an Frankreich
(Maghreb), Italien (Libyen) und Großbritannien (Ägypten), die grundlegende
Idee von der überlegenen Reichseinheit immer mehr in Frage gestellt wurde.
Die Notwendigkeit tief greifender
Modernisierungseinschnitte wurde immer deutlicher. Wenn sich diese
Reformimpulse aber in den peripheren Räumen selbst äußerten, verbanden sie
sich mit separatistischen Zielsetzungen – einem Trauma, das auch heute noch
die Politik der Türkischen Republik belastet. Das Reich wurde damit immer
stärker auch von außen unter Druck gesetzt.
Eine Schlüsselrolle in dieser Entwicklung hatte 1831
der Aufstand Mohammed Alis in Ägypten, der in seinem Kampf gegen die
Oberhoheit des Osmanischen Reiches – getragen von der Begeisterung der
arabischen Bevölkerung – bis nach Südanatolien vorstieß, vor allem aber in
seinem Einflussbereich das Bewusstsein weckte, dass sich die traditionellen
Machtstrukturen ändern ließen und das der gemeinsame politische
Freiheitskampf – eine sehr effektive Form gesellschaftlicher
Homogenisierung! – zu selbstbestimmter Modernisierung führen könne.
Dieser Reformimpuls aus der Peripherie hatte zwei
unmittelbare Konsequenzen, die auch vom Sultanat nicht länger negiert werden
konnten: die Einsicht, einmal, dass eine notwendige Modernisierung des
Staates zu seinem Erhalt notwendig sei und nur verbunden mit einer
gesellschaftlichen Homogenisierung und staatlichen Zentralisierung gelingen
kann, und zweitens, dass die weiter oben dargestellten lokalen und
regionalen soziale Loyalitätsnetze und partikularen Machtzentren überwunden
werden müssen, um einen notwendigen ökonomischen und sozialen Fortschritt
erreichen zu können, was letztlich nur durch die Übernahme westlicher
Nationalstaatmodelle und der Anstöße zur Entwicklung einer
Staatsgesellschaft realisierbar erschien..
Die Neugliederung der Staatsverwaltung, in der stärkere
Zentralisierung einherging mit der dargestellten Gewährung religiöser
Selbstverwaltungsrechte war geprägt durch das Bemühen um die Auflösung alter
feudaler Loyalitäts-Klientel-Systeme in den einzelnen Regionen, deren
Stellung durch das Steuerpachtsystem, das ein Krisensymptom der Zentralmacht
zum Ende der Expansionszeit gewesen ist, und die „Gouverneurs"-Verwaltung
der einzelnen wilayets, in die zunehmend schon aus fiskalischen Gründen die
einheimischen Oberschichten einbezogen werden mussten. Die Anerkennung
religiöser Großgruppen (Christen, Schiiten etc.) forderte von diesen eine
Verstärkung ihrer zentralen Repräsentanz – was auch gefördert wurde durch
die den Staatsanspruch des Osmanischen Reiches diskriminierende und
desavouierende „Schutzmachtpolitik" europäischer Hegemonialmächte
(Frankreich für die Katholiken, Rußland für die orthodoxen Christen und,
wenn auch weniger deutlich, Großbritannien und später die USA (siehe die
Amerikanische Universität in Beirut) für die Protestanten) – und damit eine
potentielle Lösung aus dem integrale örtlichen Sozialsystem, das religiöse
und „weltliche" Macht- und Loyalitätsbeziehungen nicht trennen konnte.
Die daraus folgende soziale „Verweltlichung" der
regionalen und lokalen Gruppen, einhergehend mit dem deutlicher zutage
tretenden Widerspruch zu zentralstaatlichen Herrschaftsansprüchen, war ein
wesentlicher Beitrag zur Ethnogenese der regionalen und partikularen
Minderheiten im Osmanischen Reich.
Mit dem Wegfall der primär religiösen
Selbstverständnisse und dem durch die Tanzimat-Reformen angegriffenen
lokalen Sozialgefügen einer zugemuteten gesellschaftlich-staatlichen
Modernisierung mussten neue soziale Kategorisierungen und Legitimationen
gefunden werden. Hier war dann das schon entwickelte zentral-periphere
Gefälle von ausschlaggebender Bedeutung. Während in den – sich
urbanisierenden und ökonomisch weiter entwickelnden – Zentren wie vor allem
in der Hauptstadt Istanbul die Tendenz zur Herausbildung vertikaler sozialer
Stratigraphien zu erkennen war, wo sich z.B. neue westlich orientierte
zivile und militärische Mittelschichten und eine wachsende
Intelligenzschicht, die Träger von Intellektualisierungsprozessen in der
weiteren Oberschicht des Sultanats wurde, ausgliederten, ging die Tendenz in
den Peripherien, verständlich unter dem Aspekt der ökonomischen
Rückständigkeit und zunehmenden Verarmung und Marginalisierung, zur
Herausbildung horizontaler, regionaler Differenzierungen und Abschließungen,
die sich unter Beibehaltung der traditionalen dichotomen feudalen
Gesellschaftshierarchie zunehmend ethnisch-national definierten und
legitimierten.
In diesen Peripherien wirkte dann vor allem der
westliche Einfluss in der Übernahme und für die eigenen sozialen und
politischen Interessen funktionalisierten nationalstaatlicher
Befreiungsideen, die machtpolitisch von den Westmächten gefördert wurden, um
damit begrenzenden und zeitweilig auch destabilisierenden Einfluss auf das
Osmanische Reich nehmen zu können.
Die Nationalstaatsidee wurde somit in der Endphase des
Osmanischen Reiches auf zwei zueinander im historischen Widerspruch
stehenden Wegen aus dem Westen implantiert: einmal als Mittel eines von
Teilen der staatlichen und ökonomischen Ober- und neuen Mittelschichten als
notwendig gesehenen gesellschaftlichen Modernisierungs- und
Homogenisierungsschubes, letztlich zum Erhalt des Reiches und seiner
Herrschaftsordnung, was nur durch eine systematische Etatisierung und
Nationalisierung, d.h. aber auch: Verwestlichung, möglich zu sein schien,
zum Anderen als Legitimation partikularistischer sozialer und ökonomischer
Interessen in den Provinzen und bei den Minderheiten, bei denen die
Nationalstaatsidee zum Spannungsverhältnis einer gruppeninternen
Homogenisierung – die nur teilweise auch als Modernisierung intendiert und
wahrgenommen wurde und sich auch mit reaktionären Legitimationsideologien
verbinden konnte – und eines separatistischen Kampfes gegen den Zentralstaat
beitrug. Beide Funktionalisierungen der Nationalstaatsidee brachten
gegenläufige, dichotome und sich damit gegenseitig legitimierende und
verstärkende gesellschaftliche Prozesse in Gang, die letztlich zum
Auseinanderfall des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg und zu den heute
die Struktur der Türkischen Republik prägenden sozialen, regionalen und
politischen Disparitäten und sich antagonisierenden Konflikten führten.
Kontroverse Auffassungen zur geschichtlichen Bedeutung der ›Tanzimat‹ –
Reformen
Die Tanzimat-Reformen waren Grundlage und Voraussetzung
der ein halbes Jahrhundert darauf folgenden Jungtürkischen Revolution, die
wiederum Wurzel der Türkischen Republik – der Abschaffung des Sultanats nach
dem 1. Weltkrieg und der Reformen Atatürks – waren, Einschnitten also, die
an Tiefe und revolutionärer Umgestaltung die eher zaghaften ›Tanzimat‹-Ansätze
weit übertrafen, die aber die Vermutung einer reformatorischen Kontinuität
in der Türkei zumindest nahe legt. Gerade ältere historische Darstellungen
der türkischen Geschichte, dem reformatorischen Selbstverständnis der jungen
Türkischen Republik verpflichtet, betonen eine solche Kontinuität, während
spätere Arbeiten die Brüche und Verwerfungen in der neueren türkischen
Geschichte hervorheben, den Blick geschärft gerade auch durch die
Widersprüche und Konflikte in der heutigen Türkei.
So wird auch die Übernahme des westlichen
Nationalismusmodells mit seinen potentiellen ethnizistischen Implikationen
früher eher beiläufig als notwendig und ‚selbstverständlich‘
charakterisiert, während gerade in dieser Frage heute ein zentrales Problem
für die weitere Entwicklung der Türkei gesehen wird.
Eine typische historische Darstellung der Reformansätze
Mahmud II und der ›Tanzimat‹-Epoche in der älteren Form, durchaus
differenzierend und um ausgewogene, sachlich gut begründete Urteile bemüht,
findet sich bei Peters, Geschichte der Türken. Er sieht den Eintritt in eine
Phase der Reformen als beinahe historisch zwangsläufig und im Grunde als
eine ungebrochene Modernisierung und Liberalisierung im Sinne der westlichen
Nationalstaaten an. Dieser noch ungebrochene Glaube an die historische
Vernunft der Modernisierung drückt sich z.B. in folgender Aussage aus:
„Sultan
Mahmud II. hat die eigentlichen Früchte seines Werkes nicht erlebt, aber
er hat einen Grundstein gelegt, auf dem weitergebaut werden konnte... Er
hatte eine Umgestaltung seines Landes durchgeführt, die nicht wieder
rückgängig gemacht werden, auf der nur weitergebaut werden konnte. Der
Geist des neunzehnten Jahrhunderts hatte auch im Sultansreiche eine Heimat
gefunden. Das erste Viertel des neunzehnten Jahrhunderts der türkischen
Geschichte war mit der Niederwerfung der Reaktion und einem Siege des
liberalen Gedankens ausgefüllt, der trotz größter innerer und äußerer
Schwierigkeiten errungen wurde... Während des Orientalischen Krieges wurde
zum ersten Male das Parlament einberufen, das aber unter dem Zwange der
äußeren Ereignisse nicht an einen weiteren Ausbau des Parlamentarismus,
sondern nur an die nationale Aufgabe der Landesverteidigung denken
konnte... Obwohl ein Parlament existierte, war das System Abdul Hamids II.
in höchstem Grade reaktionär. Dadurch wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
die jungtürkische Revolution ausgelöst. Das 19. Jahrhundert endete zwar
mit einem Siege der Reaktion, jedoch war sie nicht stark genug, um das
begonnene Verfassungswerk wieder aufzuheben. Der Gedanke der Reform und
des Freiheitsideales hatte wichtige Positionen errungen, wie im übrigen
Europa, zu dem sich ja die Türkei zählte. Er war stark genug, im folgenden
Jahrhundert mit neuer Kraft den Kampf wiederaufzunehmen. Der Kampf für die
liberalen Ideen fand seine eigenen Kräfte im türkischen Volke. Er wurde
durch die westeuropäische Politik gefördert..."
In gewisser Weise findet sich, der Zeit entsprechend,
noch eine deutliche ‚eurozentrische‘ Urteilsperspektive in diesem Zitat, das
in sofern den tatsächlichen historischen Antriebskräften nicht ganz gerecht
werden kann; deutlich wird aber andererseits die große persönliche
Identifikation des Autors mit seinem Gegenstand.
Erscheint so das Bild einer Türkei, in der sich ganz
allgemein Freiheitsideale gegen reaktionäre Herrscherpersönlichkeiten
durchsetzen, in der die Annäherung an den Westen auch zu einer zunehmenden
Übereinstimmung der Interessen mit den westeuropäischen Ländern führt,
stellt sich die Reformphase in der Darstellung von Bassam Tibi doch deutlich
anders dar. Abgesehen davon, dass sein Blick vor allem aus der Perspektive
des Entstehens des arabischen Nationalismus und Separatismus auf die
Ereignisse in der Osmanischen Zentrale gelenkt wird, betont er vor allem die
sozialen Verschiebungen in den Osmanischen Oberschichten, vor allem die
langsame Segregation neuer Intelligenz- und Mittelschichten zunächst noch
aus dem institutionellen Umfeld des Militärs heraus.
„So entstand
in der Tanzimat-Periode eine verwestlichte Offiziersschicht
kleinbürgerlicher Herkunft, die mit der Militärkaste der alten osmanischen
Armee nichts gemein hatte und die in den letzten Jahrzehnten des 19.
Jahrhunderts eine entscheidende politische Rolle übernahm. Aus dieser
Offiziersschicht gingen sowohl die Jungtürken hervor als später auch die
Kemalisten, die das Osmanische Reich auflösten. Ebenso entstammen ihr die
arabisch-nationalgesinnten Offiziere, die in der arabischen
Nationalbewegung eine zentrale Position einnahmen."
Doch wäre hier noch genauer zu fragen nach den sozialen
Kontexten und Brüchen zwischen Sultan, »Pforte«, alter Militärkaste und
jungen, (militärtechnisch-) westlich orientierten Offizieren. Tibi
beschreibt den Ablauf der Tanzimat-Reformen ja auch auf den Sultan und seine
Interessen bezogen und sieht sich erst in einem zweiten Schritt genötigt,
wie dargestellt, die besondere Rolle des Militärs hervorzuheben:
„Ein Jahr vor
dem Abzug der ägyptischen Truppen aus Syrien beginnt im Osmanischen Reich
eine Phase umfassender Umstrukturierung, die als Tanzimat-Periode bekannt
ist. Die Tanzimat (= wohlwollende Anordnungen) werden 1839 mit dem Dekret
Hatt-i Werif von Gülhane eingeleitet, in dem die Notwendigkeit artikuliert
wird, »das alte Regime von Grund aus (zu) reformieren und neu (zu)
gestalten«. Dieses Dekret wurde 17 Jahre später, 1856, durch den
kaiserlichen Erlass Hatt-i Humayun ergänzt, der soweit geht, die Diffusion
bedeutender Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft mit denen des
Osmanischen Reiches anzukündigen.... Bürgerliche Gesetzbücher wurden
eingeführt; Studenten wurden zum Studium nach Europa geschickt und –
bedeutsamer noch: die Offiziere der osmanischen Armee wurden fortan in
Europa oder aber im Osmanischen Reich von europäischen Instrukteuren
ausgebildet."
Tibi fügt dem zustimmend ein Zitat von Steinhaus bei,
welches das Geschehen charakterisiert als „das rapide Fortschreiten der
Zentralisation der Staatsmacht. Die lokale politische Macht der
quasi-feudalen Assoziation von Pašas und Steuerpächtern früherer Zeiten
wurde nach und nach gebrochen ... Parallel zur Zentralisierung und
Modernisierung der Verwaltung vollzog sich auch der Prozess der
Säkularisierung." Diesen Aspekt hatten wir ja schon weiter oben betont,
müssen ihn jetzt aber ergänzen um die Analyse der sozialen Segregation neuer
westlich-technisch orientierter Schichten, die vom Militär ausgeht.
Dies wird auch betont und noch stärker differenziert
von Elçin Küršat-Ahlers, die das Eindringen der Reformideen in Phasen seit
dem 17. Jahrhundert darstellt. Zwar ist – im materiellen Sinne – seit dem
18. Jahrhundert Europa das Vorbild, doch wird das zögerliche Annehmen von
Reformideen verstanden und wahrgenommen vor allem in traditionellen Kreisen
als ›Rückkehr zu Osmanischen Vorbildern‹, da die ›absolute Überlegenheit der
eigenen Tradition‹ noch immer unabdingbarer Glaubenssatz war.
Schon im 18. Jahrhundert fand die erste Modernisierung
der Armee unter Anleitung französischer Offiziere unter hemmte Çelebi statt;
1730 wurde die Militärakademie gegründet. Die Niederlage gegen Rußland 1774
macht der Militärführung die Notwendigkeit einer noch konsequenteren
Militärreform und der Einführung europäischer Waffentechnik – was mit der
Einbeziehung westlicher Instrukteure verbunden war – deutlich.
Küršat-Ahlers betont aber besonders die gesellschaftlichen Widerstände, die
sich gegen die ›westliche Herkunft‹ der Reformideen der Militärs richten,
was mit der ›Osmanischen Überlegenheitslegende‹ zu begründen wäre.
Interessanter als diese ideologische Legitimation des antiwestlichen
Widerstandes ist jedoch die Interpretation der politischen Konflikte als
Ausdruck gesellschaftlicher Aufstiegs- und Abstiegsprozesse. Vor allem die
niederen ulema, deren Teilhabe an einem bisherigen Bildungs- und
geistlich-kulturellen Definitionsmonopol durch die Gründung weltlicher
Oberschichtschulen (mit Unterricht in westlichen Fremdsprachen!),
Kadettenanstalten und zunehmendes Auslandsstudium aufgehoben wird, sind vom
sozialen Abstieg bedroht und orientieren sich zunehmend an einem sozialen
Widerstandspotential der Unterschichten und der ländlichen Bevölkerung, die
an den Vorteilen von Modernisierungsschüben, die von Militär und Oberschicht
ausgehen, keineswegs beteiligt sind, weder in materieller Hinsicht –
Verelendung und Peripherisierung schreiten ungehindert weiter voran – noch
in Hinblick auf eine verbesserte soziale Teilhabe und politische
Partizipation: Modernisierung des Osmanischen Reiches bedeutete eben oft das
Gegenteil von Demokratisierung, es bedeutete effektivere
Herrschaftsdurchsetzung und politisch-kulturelle Homogenisierungsbemühungen.
Diese Prozesse sind einzubinden in eine allgemeinere
Erörterungen der Bedingungen und Folgen einer Änderung der
Intellektualisierungsprozesse, wie sie Peter R. Gleichmann in einem Vortrag
zum Thema „Gesellschaftliche Intellektualisierungsprozesse und Prävention
‚ethnischer Gewalt‘: Aktive Zivilisierung im ethnisch-kulturell heterogenen
Umfeld" dargestellt hat, wobei das ethnisch-kulturell heterogene Umfeld
sowohl auf die Situation von türkischen Arbeitsmigranten in Deutschland als
auch auf die Situation der neuen Intellektuellenschicht im Osmanischen Reich
bezogen werden kann.. Gleichmann betont in seinem Vortrag, dass die Schicht
der Intellektuellen mit den staatlichen Machtzentren verbunden und von
diesen ökonomisch abhängig ist. Das verstärkt sich mit der Trennung von
Religion und Staat und der Herausbildung einer zivilen Bürokratie, wie es im
19. Jahrhundert in der Türkei dominierender staatlich-gesellschaftlicher
Prozess ist. Die Entwicklung der Staatsgesellschaft Wust auf der
Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols. Neben der unmittelbaren
Gewaltanwendung, die in einer funktionierende Staatsgesellschaft ‚hinter die
Kulissen‘ zurücktreten wird, wird der staatliche Anspruch vor allem durch
seine symbolische Macht, und das heißt auch durch seine Macht über die
Symbole durchgesetzt. Zentrales Element des Verfügens über die Symbole ist
das Verfügen über die Sprache und die Kommunikationsstrukturen. Die
Bedeutung der Entwicklung von Intellektuellenschichten wird hier unmittelbar
einsichtig; im weiteren Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung
differenziert sich die Sprachintelligenz immer weiter in funktional
differenzierte Teilsysteme auf: in die technische ›Intelligenz, die
kaufmännisch-ökonomische Intelligenz als Vorbedingung der Entwicklung von
Welthandelsintegration und industriellem Wachstum, die kulturelle
Intelligenz, die unmittelbaren Zugang zur staatlichen Symbolik und
Herrschaftslegitimation hat und um so größeren Loyalitätzumutungen
ausgesetzt ist.
Auch in der Armee selbst organisierte sich die
›Widerstandsformation‹ in denjenigen Gruppen, die den geschilderten
Integrations- und Intellektualisierungsprozessen entzogen bleiben. Vor allem
die Janitscharen als unmittelbar an der Herrschaftsausübung der ›Pforte‹
beteiligte Elitetruppe musste um den Verlust ihrer Privilegien fürchten und
orientierte sich zunehmend gegen jegliche Militärreform. Die Lösung dieses
Machtkampfes durch das Massaker auf dem Hippodrom in Istanbul 1826 ist
bekannt. Auch Teile des älteren traditionsorientierten Offizierskorps (paša)
stehen der angestrebten Militärreform und den darauf aufbauenden
Modernisierungsbestrebungen in Staat und Gesellschaft feindlich gegenüber.
Küršat-Ahlers
charakterisiert die Maßnahmen der Reformperiode zusammengefasst durch
folgende Punkte: a) Entmachtung der ulema (sozialer Abstieg), b) Vernichtung
der regionalen Machtzentren (Zentralverwaltung), c) Privilegierung der
Staatsbeamten (sozialer Aufstieg), d) Vergrößerung der Zahl der
Beamtenstellen (Schaffung loyaler Hilfsorgane der Macht), e)
Gleichbehandlung der Regionen und der religiösen Gruppen (als Schritt zu
Laizismus, Zentralismus und instutionalisierter Staatsverwaltung. Folgen
davon waren aber die Antagonisierung der Bevölkerung: Küršat-Ahlers sieht es
als generelles Problem zentral gesteuerter Modernisierungsphasen an, dass
die Verbreitung des notwendigen gesellschaftlichen Orientierungswissens –
auch als Grundlage von Akzeptanz und Legitimität des sozialen Wandels – der
Institutionalisierung der Modernisierungsschübe – und der Etablierung neuer
Eliten – hinterherhinkt.
Die aktuellen Konsequenzen der dargestellten
unterschiedlichen Sichtweisen auf die Tanzimat-Epoche der Türkei wird sehr
deutlich. Die wesentlichen Bruchlinien in der türkischen Gesellschaft öffnen
sich schon in der Reformphase in der Mitte des 19. Jahrhunderts und sing
gerade aus den gesellschaftlichen Verhältnissen dieser Zeit besser zu
verstehen als bei einer Verkürzung der Reformgeschichte auf die
Jungtürkische Revolution und die späteren Atatürkschen Reformen in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: die antimodernistischen Potentiale in
der Gesellschaft bildeten sich schon damals heraus und sind z.T. bis heute
virulent oder zumindest wieder funktionalisierbar als Teil des
›gesellschaftlichen Gedächtnisses‹ der türkischen Kultur (z.B. in den
Re-Islamisierungsbestrebungen, die ja vor allem auch soziale Bewegungen
sind), die Verlierer der Modernisierung bestimmte dieser Prozess auch schon
in der Tanzimat-Epoche: vor allem die ländlichen Gebiete und die Regionen
außerhalb der Hauptstadtbereiche, der Peripherisierung unterworfen, unter
ökonomischen und Partizipationsdefiziten leidend, von der Marginalisierung
bedroht und zunehmend vom den im Modernisierungsprozess sich entwickelnden
Zentralstaat legitimierenden türkischen Nationalismus unterworfen, der als
kulturelles Oktroi verstanden und durch separatistische Nationalismen
bekämpft wird.
Noch stärker geht Taner Akçam in seinem Referat über
„Verwestlichungsprobleme des Osmanischen Reiches" auf die Inhalte des
Zivilisationsprozesses ein, der von Küršat-Ahlers als sozialer Prozess des
Auf- und Abstiegs und der sich verändernden Machtbalancen geschildert wurde.
Akçam stellt den Einschnitt, den die Tanzimat-Reformen in der türkischen
Gesellschaft bewirkte in einen größeren Zusammenhang historischer
Erfahrungen, die letztlich ein spezifisches Selbstbild des Türkischseins
bestätigten. Damit wird ein Bogen von den Tanzimat-Reformen zurück zu den
Ursprüngen des Osmanischen Reiches und vorwärts zur Gegenwart der Türkischen
Republik geschlagen, der den Transformationsprozess als Wechsel der
Zivilisation erlebbar gemacht hat und der damit in seinen Inhalten bist
heute umstritten geblieben ist.
Als Schicksal des Türken in der Selbstwahrnehmung der
türkischen Gesellschaft wird primär erlebt das Anderssein gegenüber einer
oft als feindlich wahrgenommenen Umwelt und die damit verbundenen
historische Zumutung, deswegen selbst anders werden zu müssen. Das ist schon
zumindest als historische Projektion zutreffend für die Zeit der türkischen
Völkerwanderung nach Westen, die die Türken zur Aufgabe des Nomadismus und
zur Annahme des islamischen Glaubens veranlasste. Das ist – historische
Zwischenstufen hier ausblendend – auch für die Zeit der Tanzimat-Reformen
zutreffend wie für die türkische Gegenwart, die die Option einer
europäischen Integration zumutet oder zumindest als Konzept denkbar werden
lässt. Der Ferman, der die Tanzimat-Reformen einleitet, bedeutet einen
Wechsel der Zivilisation oder er bedeutet in anderer Wahrnehmung das
‚Erreichen eines zeitgemäßen gesellschaftlichen Standards‘. Diese
unterschiedliche Auffassung hängt mit dem jeweiligen Bild vom Westen
zusammen, dessen Einflüsse in den Reformbestrebungen gesehen werden. Ist
‚der Westen‘ die bedrohliche fremde Kultur, die der türkische oktroyiert
werden soll oder zeigt er den Standard dessen, was gesellschaftlich wie
technisch-ökonomisch auch für die Türkei erreichbar sein kann – aus eigener
Kraft.
Der Westen ist zeit der gemeinsamen Geschichte das
Andere, zu dem ein widersprüchliches und problematisches Verhältnis besteht.
Bis zum 18. Jahrhundert, d.h. bis zu Sultan Selim II., galten die
christlichen Länder als kulturell minderwertig. Mit ihnen waren keine
Verträge auf der Basis der Gleichheit und Gleichberechtigung zu schließen.
Dabei gab es zeitweilig durchaus ‚bewundernde Imitationen‘, die mit der
gleichzeitigen europäischen ‚Turkomania‘ („Die Entführung aus dem Serail")
korrespondiert, jeweils vom Reiz des exotischen getragen, aber nicht um
echtes Verständnis bemüht. Im 18. Jahrhundert begann dann aber langsam die
Übernahme technischen Wissens, die begleitet wurde von
‚Minderwertigkeitskomplexen‘, deren gesellschaftliche Verdrängung und
Tabuisierung emotionale Wurzel des späteren Antimodernismus wurde. Die
Modernisten im 19. Jahrhundert anerkannten zunehmend – oft getragen von
aufrichtiger Bewunderung – die Überlegenheit des Westens; Sympathien waren
für die westliche Kultur damit jedoch nicht verbunden. Der Gegenschlag dazu
war das Anwachsen nostalgischer Stimmungen auch unter den Intellektuellen
und Kulturträgern, die einem fiktiven ›goldenen Zeitalter‹ – das oft mit
Sultan Süleyman Kanunî verbunden wurde – nachtrauerten und eine
›Reproduktion der Vergangenheit‹ als türkische Renaissance anstrebten.
Dieser Modernisierungsprozess im Osmanischen Reich
unterscheidet sich nach Akçam ganz deutlich von der Verbürgerlichung des
Westens, in dem eine Machtablösung des Adels stattfand und sich für die
Gesellschaft langsam eine neue ökonomische Basis – der Industrialismus –
entwickelt. Im Osmanischen Reich geht die Modernisierung von Oben aus – über
die Gründe dafür wurde schon einiges ausgeführt. Die Inhalte des damit
verbundenen Zivilisationsprozesses im Westen orientieren sich an den
Bedürfnissen der neuen bürgerlichen Gesellschaft; die
zentralistisch-höfische Kultur wird abgelöst und Individualisierungs- und
Partizipationsprozesse dominieren die weitere Entwicklung.
Akçam beschreibt diese Entwicklung nun nicht primär als
sozialstrukturellen Vorgang, sondern als eine Entwicklung und Veränderung
des öffentlichen Diskurses. Bezeichnend ist es ja, dass für die
Tanzimat-Reformen seitens der politisch Handelnden keinerlei inhaltliche
Begründungen oder ideologische Legitimierungen angeboten wurden. Das
politische Handeln entsprang unmittelbar der interessengeleiteten Einsicht
und Entscheidung des Herrschers. So musste sich der öffentliche Diskurs über
die Reformen ebenfalls auf die Funktion der Reformen für den Staat
konzentrieren. Im Kontext mit der traditionellen Selbstwahrnehmung der
permanenten Zumutung des Anderswerdenmüssens konzentrierte sich der Diskurs
sehr bald auf die Frage nach der anzustrebenden neuen kollektiven Identität.
Dies geschah unter der eher banal erscheinenden Frage „Wie kann man den
Staat retten?", denn dass er grundsätzlich und immer in seiner Existenz
bedroht und von Feinden eingekreist sei, gehört zu dem schon erörterten
türkischen Selbstbild.
Da die Massenbasis für die Aufnahme der
Modernisierungsimpulse fehlte, musste die die Modernisierung ermöglichende
gesellschaftliche Homogenisierung durch staatliche Zwangsmaßnahmen
durchgesetzt werden. Im Gegensatz zum Westen, wo die Durchsetzung des
staatlichen Gewaltmonopols – so problematisch seine Realisierung auch
erscheint, betrachte man nur die ›Waffenlobby‹ in den USA! – vor allem der
Befriedung der Gesellschaft diente und das staatliche Recht die privaten
Fehden, Rachezüge und Ehrenhändel ersetzte und überflüssig machte (oder
besser: machen sollte), führte der Homogenisierungsdruck im Osmanischen
Reich zu einer Unterdrückung der Peripherien und zu einem verstärkten
zentralen Herrschaftsdruck, damit auch zunehmend zur Ausschließung aus den
Diskursen über die Modernisierung. Das Interesse bei der Beurteilung der
Modernisierung konzentrierte sich im Zentrum folglich auf den Staat, in den
Peripherien auf die Bewahrung der Eigenheit; der Diskurs der kollektiven
Identität bezieht sich im Zentrum auf den Staat, seine Zentralgewalt und
letztlich, wie es auch den Zielen dieser Modernisierung entsprach, auf die
Durchsetzung einer Staatsgesellschaft. In den Peripherien entwickeln sich
dazu Alternative Diskurse des Widerstandes, des Traditionalismus und des
separatistischen Nationalismus.
Dies verbindet sich mit dem nachfolgenden Diskurs der
Fortschrittlichkeit, wobei wiederum Staatsverwaltung und später die
Wirtschaft gemeint war. Diese Konzentration auf den Staat und die staatliche
Herrschaft – die die mangelnde Ausbildung einer tatsächlich staatstragenden
Staatsgesellschaft kaschierte – führte zu einer inhaltlichen Füllung der vom
Zentrum angestrebten neuen kollektiven Identität, die sich auf die
Gruppenidentität – als Türke oder als Staatsbürger – stützt, sich
vorzugsweise mit dem Staat nach außen abgrenzt, und vernachlässigt die
Entwicklung der Individualrechte, der Menschenrechte und der Demokratie, die
im Zentrum der westlichen bürgerlichen Gesellschaftsideologie stehen.
Von der ›Tanzimat‹-Periode zur Jungtürkischen Revolution
Die Modernisierungsschübe und die politischen Kämpfe um
die Modernisierung und Verwestlichung, die das Bild des Osmanischen Reiches
im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert prägten, sind gerade auch in Hinblick
auf die am Ende stehende Herausbildung einer autoritär-zentralistischen
Herrschaftsordnung in der Türkischen Republik mit offensichtlichen
politischen Partizipations- und Liberalitätsdefiziten in Bezug auf ihren
immanenten Prozess- und Konfliktcharakter in sich verschiebenden
Machtbalancen etwas genauer zu untersuchen.
W. Braune beschreibt die Wende von einem intendierten
westlich-liberalen Modernisierungsschub als Grundlage der Jungtürkischen
Revolution 1908 zu einer zentralistisch-autoritären Staatsideologie seit
1909 – nach der gescheiterten Konterrevolution von Sultan Abdülhamid II, der
dann unter Hausarrest gesetzt wurde – wie folgt: „Unter dem Druck der
modernen Ideen im Balkan waren sie (d.h. die jungtürkischen Offiziere und
Rebellen, Anm. G.V.) gezwungen, ihre modernen liberalen Prinzipien schnell
aufzugeben, und die unglücklichen Kriege mit dem Verlust von Tripoli an
Italien und nahezu des ganzen europäischen Besitzes trieben sie in einen
autoritären türkischen Nationalismus."
Bassam Tibi weist, W. Braune folgend, auch darauf hin,
dass die abstrusen Ideen des „Panturanismus", die zunehmend – wohl als
ex-post-Legitimierungen zu verstehen – die Jungtürkische Ideologie prägten,
wiederum eine Übernahme westlicher Ideologeme war und den rassistischen
Vorstellungen des französischen Historikers Léon Calum folgten, die parallel
zu lesen sind mit den gleichzeitigen Ausbildungen eines naiv-biologistischen
Rassismus im 19. Jahrhundert, der sich in Europa mit nationalstaatlichen
Legitimierungsideologien zum Pangermanismus, Panslawismus oder aber im
Osmanischen Reich zum Panturanismus und weiter südlich zum Panarabismus
verband.
In diesen Ideologemen des 19. Jahrhunderts sind bis
heute noch – beliebig funktionalisierbare – Ressourcen des ethnifizierten
Nationbegriffes und der ethnischen Kultur- und Abstammungsideologien zu
finden, die z.B. das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht (begründet auf das
›jus sanguinis‹) ebenso prägen wie verbreitete völkische Ideologien in fast
allen europäischen Nationen – zunehmend eben auch in der Türkei seit der
Jungtürkischen Revolution.
In mehrfacher Hinsicht ist damit auch die jungtürkische
Modernisierungspolitik als typische soziale Bewegung der Semiperipherie zu
verstehen, bei der inadäquate – in der Ausprägung oft die kontextuellen
sozialen und politisch-kulturellen Akzente und Verständnisse verschiebende –
Übernahmen von Modernisierungsstrategien und Legitimationsmustern zu
beobachten sind, die dadurch von außen gesehen oft „aufgesetzt", wenn nicht
anachronistisch wirken, weil sie nicht den autochthonen, in die Krise
geratenen Gesellschaftsstrukturen, sondern den Bedingungen der
Dependenzstrukturen des Weltsystems gehorchen, dabei zu den sozialen und
politischen Teilhabeansprüchen der Bevölkerung, die sich mit der
Modernisierungshoffnung verbinden könnten, in Widerspruch geraten, und daher
in dem Maße, in dem sie sich von sich segmentierende Sozialgruppen als
Oktroi wahrgenommen werden, zu immer stärker zentralistischen
Herrschaftsdurchsetzungen und zu immer autoritär-konservativeren
Legitimierungsideologien gezwungen werden: die Modernisierungsprozesse
schaffen sich ihre antimodernistische Opposition selbst.
Die Parallele zur heutigen Situation in der Türkischen
Republik mit ihrem Südostanatolienkonflikt drängt sich auf; diese geht noch
weiter, als es der erste Blick vermuten lässt, wenn man den Zusammenhang der
Jungtürkischen Modernisierungs- und Zentralisierungspolitik mit dem
gleichzeitigen Armenienkrieg – der mit Massakern und Massendeportationen bis
nach Deir es-Zaur am Euphrat im heutigen Syrien die einheimische armenische
Bevölkerung dezimierte und der erste Völkermord dieses Jahrhunderts gewesen
ist (mit wohlwollender technischer Beratung und Hilfe des Deutschen Reiches
unter Wilhelm II, wie kürzlich aufgefundene Dokumente aus dem Auswärtigen
Amt erweisen) – untersucht.
Ohne hier ins Einzelne gehen zu können, sollte doch
auch hier die Aufmerksamkeit auf die unlösbare Interdependenz zwischen den
Verschiebungen der weltpolitischen Machtbalancen und den Deformationen der
staatlichen Binnenstrukturen in den peripherisierten Regionen gelenkt
werden. Im Falle Armeniens ist die weltpolitische „intervenierende Variable"
der andauernde Macht- und Einflusszonenkonflikt des Osmanischen Reiches mit
dem zaristischen Rußland.
Eine besondere Eigenheit dieses Konfliktes ist es, dass
er zwischen zwei Ländern stattfinden, die mit dem ökonomisch-politischen
Aufstieg der westeuropäischen Mächte in gleicher Weise einem sich
verstärkenden Peripherisierungsdruck ausgesetzt sind, dem mit den
überkommenen imperialen, vorstaatlichen Strukturen nicht erfolgreich zu
begegnen ist, und der in immer drängenderer Weise eine
innergesellschaftliche Modernisierung erforderlich macht.
Solange aber – in beiden Ländern – keine soziale
Trägerschaft für die notwendige Modernisierung entstanden ist, muß
Herrschaftserhalt in traditioneller Weise entweder durch außenpolitische
Machtgewinne, und das heißt in dieser Zeit: durch gewonnene Kriege und durch
territoriale Ausweitung, oder durch verstärkte innere Oppression und
ökonomische Ausbeutung erfolgen, die schnell an objektive Grenzen gelangen
wird und in schon geschilderter Weise die Binnenperipherisierung und die
Marginalisierung der Rand- und ehemaligen Ressourcengebiete einleitet.
Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zur
Modernisierung des Osmanischen Reiches zusammen, ergeben sich fünf Thesen:
-
Die Notwendigkeit einer Modernisierung wurde nicht
von einer breiteren Bevölkerung erkannt und getragen, sondern von Teilen
der Oberschicht in einer temporären Interessenkoinzidenz zwischen dem
Sultan [Selim III., 1789-1807; Mahmud II. (‚der Reformer‘), 1808-1839;
Abdulmecid, 1839-1861, 1838 Tanzimat-Reformen, 1856 Hati Humayun; Murad
V., 1876] und Teilen des Militärs – der eine in der Einsicht des drohenden
Staats- und Herrschaftserhaltes und der Notwendigkeit, sich zumindest
partiell den höfischen Loyalitäten und Intrigen zu entziehen, die anderen
in der Erfahrung der militärischen Unterlegenheit des Osmanischen Reiches
in den zurückliegenden Kriegen –; nur langsam kam eine zivile
Mittelschicht bzw. untere Oberschicht hinzu, die sich vor allem aus im
Ausland ausgebildeten jungen Männern, die für die erweiterte staatliche
Zentralverwaltung vorgesehen waren, rekrutierte.
-
Mahmud II. versuchte dies, ohne ausdrücklich eine
zivilisatorisch-politische Überlegenheit der westeuropäischen Länder
anzuerkennen – er hielt im Gegenteil die Bevölkerung zur strikten
Einhaltung der koranischen Regeln an –, wurde aber trotzdem von einer
entstehenden antimodernistischen Opposition als vom Westen abhängiger
gâvur, Giaur, Ketzer gebrandmarkt. Damit wird eine ideologisch
legitimierte, aber sozialstrukturell begründete gesellschaftliche
Segregation bis hin zum Entstehen antagonistischer konkurrierender Eliten
eingeleitet; die Legitimierung der Modernisierung – mit dem mehr oder
weniger zögerlich anerkannten – Ziel der Transformation des Osmanischen
Reiches in einen Nationalstaat und der Homogenisierung der Gesellschaft zu
einer Staatsgesellschaft erfolgte durch die Implantation des türkischen
Nationalismus, der noch zunächst als – contradictio in reo – ›Osmanischer
Nationalismus‹ erschien, mit der Konfrontation der gleichermaßen
nationalistisch legitimierten regionalen Separatismen und
Befreiungsbewegungen zu einem auf ein noch zu schaffendes türkisches
Staatsvolk Nationalismus transformierte.
-
Dieser nationalstaatliche Kern der
Modernisierungsakte, der in einer späteren Reformphase von der
Jungtürkischen Revolution aufgegriffen und zum Primat der
Politikbegründung gemacht wurde, legitimierte einerseits die
zentralstaatlich motivierte gewaltsame Homogenisierung der regional
außerordentlich differenzierten Bevölkerung des Osmanischen Reiches,
provozierte damit aber gerade auch die separatistischen
Gegen-Nationalismen – griechische Befreiungsbewegung, serbischer
Nationalismus, Panslawismus unter der Führung Russlands, arabischer
Nationalismus uns Separatismus – und legte damit die Grundlage für die bis
heute politisch und sozial virulenten Konflikte, Ethnizismen und
Bürgerkriege im Nahen Osten wie auf dem Balkan.
-
Innergesellschaftlich sind die Modernisierungesschübe
fundiert in Veränderungen der Machtbalancen und in sozialen Auf- und
Abstiegsprozessen. Die Veränderungen der sozialen Chancen in der
Gesellschaft bedingen die ideologische Legitimierung und Identifikation
der Antimodernisten, die sich vor allem aus den niederen ulema, den
Angehörigen der traditionalen Oberschicht und den ländlichen Ağas
rekrutieren, der Modernisten, die sich vor allem in der mittleren
Heereshierarchie und in der wachsenden Beamtenschaft finden lassen, der
Staatsspitze um Sultan und ›Pforte‹, die je nach temporärer
Interessenkoinzidenz der einen oder anderen Seite zuneigen und damit ›das
Zünglein an der Waage‹ für die Chancen einer Durchsetzung von
Modernisierungszielen sein konnten, sowie schließlich die breiten
städtischen und ländlichen Unterschichten, in die zu der Zeit der
Modernisierungsimpuls einer zivilisatorischen Veränderung in Richtung auf
die Herausbildung einer Staatsgesellschaft noch nicht ›durchgesickert‹ ist
und um deren Einbeziehung Modernisten wie Antimodernisten mit den Mitteln
der Ideologie – nationalistische Integration gegen die Rückbesinnung auf
die überstaatliche umma muhamadja – und der Anwendung einerseits
staatlicher Gewalt – Einbeziehung in zentralstaatliche Gesetzes- und
Verwaltungsordnungen – andererseits der Mobilisierung traditioneller
lokaler und religiöser Loyalitätsgeflechte konkurrieren.
-
Damit war der Keim für einen labilen Wechsel von
Reformphasen und ‚konterrevolutionären Politik- und Staatskonzepten‘
[Sultan Mustafa IV.; Sultan Abdulaziz; Sultan Abdülhamid II.] bis in den
erste Weltkrieg hinein gelegt. Ein konsistentes, widerspruchsfrei
umsetzbares Modernisierungs- und Homogenisierungskonzept hat die Türkei
auch nach den viel tiefer einschneidenden Atatürkschen Reformen, die eher
als Revolution zu charakterisieren sind, bis heute nicht entwickeln
können, kann dies wohl auch nicht unter den Bedingungen eines Staates der
Semiperipherie und vor dem Hintergrund der in der Zeit des Osmanischen
Reiches entstandenen sozialen und regionalen Desintegration und
Binnenperipherisierung.
Weiterführende Fragestellungen
Wie jede historisch-gesellschaftswissenschaftliche
Darstellung endet auch diese zeitlich und regional offen und mit einigen
nicht beantworteten Problemstellungen. Für die wissenschaftliche Bearbeitung
des Themas der Modernisierungsschübe im Osmanischen Reich des 18. bis zum
beginnenden 20. Jahrhunderts scheint es mir – auch als Ergebnis der
vorgelegten Überlegungen – von ausschlaggebender Bedeutung zu sein, dass
eine reine Fakten- und Staatsgeschichte die komplexe und widersprüchliche
Entwicklung nicht hinreichend erklären und verständlich machen kann.
Andererseits scheint auch eine reiner materielle
Sozialgeschichte, die entweder die generelle sozioökonomische Situation
einer vorindustriellen, ›orientalischen‹ Gesellschaft betonen wird oder sich
auf die Herausbildung der sozialen Hierarchien vor allem im städtischen
Bereich mit dem Augenmerk auf die langsame Ausdifferenzierung neuer
Mittelschichten konzentrieren kann, in der Gefahr sein, einfach ›westliche‹
Schichtvorstellungen und sozioökonomische Periodizierungen auf die Türkei zu
übertragen, ohne die sozialen Antriebe adäquat fassen zu können.
So scheint mir ein im Prinzip dialektischer Ansatz, wie
er hinter den Überlegungen dieses Aufsatzes steht, weiter zu führen:
einerseits die äußere Einbindung der Türkei, des Osmanischen Reiches, in die
Strukturen eines ›Weltsystems‹ zu untersuchen, um dabei zu einer
prozessualen Perspektive zu gelangen, die die Peripherisierung und die
Entwicklung der europäischen Semiperipherien in den Vordergrund stellen
wird, andererseits die innere Entwicklung des Landes als Teil eines
spezifischen Zivilisationsprozesses zu verstehen, der durch labile
Machtbalancen, soziale Auf- und Abstiegsprozesse und im konkreten Falle
durch eine zunehmende soziale und regionale Desintegration zu kennzeichnen
ist.
In diesem analytischen Rahmen wird die Bedeutung der
implantierten westlichen Modernisierungsmuster einschließlich des
Nationalismus und der Nationalstaatsidee erkennbar und auch in den typischen
Unterschieden zur mittel- und westeuropäischen Entwicklung erklärbar.
An dieser Stelle sollte die zunehmende Ethnifizierung
des Nationalstaatsgedankens, über deren Wurzeln und Rahmenbedingungen schon
einiges gesagt worden ist, an Hand der Quellen genauer untersucht und
inhaltlich differenziert werden; unser Bild war hier zugegebenermaßen stark
vereinfacht und eher ‚holzschnittartig‘. Vor dem Hintergrund der Bedeutung
des derzeitigen ›Revivals‹ ethnizistischer Ideologien und
Politiklegitimationen ist eine differenzierendere Untersuchung der sozialen
und historischen Rahmenbedingungen für den gefährlichen Kontext zwischen
Nationalstaatsidee und Ethnizismus notwendig und könnte am Beispiel der
Türkei genauer ausgeführt werden.
Vor allem aber muß an anderer Stelle die Brücke zur
türkischen Moderne geschlagen werden, deren Ansatzpunkte im Text
exkursorisch skizziert worden sind, die aber gerade in Hinblick auf die
krisenhaften Entwicklungen der türkischen Nachkriegsgeschichte seit 1945 von
großer Bedeutung ist, auch mit dem Ziel, die Limitationen und Potentiale
politischen Handelns in der heutigen Türkei genauer beurteilen zu können.
Folgende Themenkreise lassen sich aus den dargestellten
historisch-soziologischen Zusammenhängen für die Gegenwart bearbeiten:
-
Die Rolle des Militärs als ‚Hüter des Kemalismus‘ in
Staat und Gesellschaft und die zeitgeschichtliche Einordnung der
Politikinterventionen des Militärs nach 1945.
-
Die Marginalisierungsprozesse und die
Binnenmigration; Probleme der ländlichen Bevölkerung und der städtischen
Elendsgebiete (Gecekondus).
-
Die Minderheitenprobleme und die regionalen
Separatismen (Südostanatolienkonflikt, PKK).
-
Die Funktion der europäischen Semiperipherien und die
Perspektive einer Integration der Türkei in die Europäische Gemeinschaft.
-
Die Chancen und Risiken des westlichen
Demokratiemodells in der heutigen Türkei.
-
Die Türkei und ihre islamische Nachbarn:
innergesellschaftliche und regional-nahöstliche Einflussfaktoren auf die
Tendenzen zur Re-Islamisierung in der Türkei und die politischen Chancen
der REFA-Partei.
Es wird deutlich, dass die historisch-soziologische wie
auch die politologische Arbeit am Thema Türkei noch viele Fragen offen
lässt, dass dies aber angesichts der schnellen Veränderungen in der Türkei
selbst, deren Entwicklungsdynamik umgekehrt proportional zur politischen
Steuerungsfähigkeit der gesellschaftlichen Prozesse steht, zu immer neuen
Fragen und Problemen führt.
Kurzer Abriß der Geschichte der Türkei
I. Geschichtstabelle: Übersicht
vor unserer Zeitrechnung:
Altorientalische Zeit
10.000: Erste Besiedlung in Anatolien
5000-3000: Chalkolithikum (›Kupferzeit‹)
ab 3000: Frühbronzezeit, Rad, Handel mit
Mesopotamien
2500-2000: Hattische Fürstentümer
2200: Hethitische und archaische Wanderungen
1950-1750: Assyrische Händlerkolonien,
Schrift in Anatolien
1750: Altes Hethitisches Reich
1450: Hethitisches Großreich
1200-1100: Dorische Wanderungen
1194-1184: Antike Datierung des Trojanischen
Krieges
1150: Seevölker zerstören Hethiterreich
900-580: Reich von Urartu um den Van-See, an
den Küsten griechische Siedlungen
695: Kimmerier ziehen durch Kleinasien,
zerstören Phrygerreich
609-560: Alyattes, König der Lyder, vertreibt
die Kelten/Galater. Erfindung der Münze
Griechische Antike
550: Artemistempel in Ephesos. Kyros gründet
Perserreich
546: Perser zerstören Lyderreich. Ende der
Herrschaft des Kroisos
540: Perser haben lonischen Bund unterworfen
544-483: Heraklit, Philosoph aus Ephesos
499-494: Ionischer Aufstand gegen Perser
478: 2. Sieg der Athener über Perser.
Attischer Seebund mit Einfluß in Ionieri
353: Tod Mausolos’, des Statthalters von
Karien (danach ›Mausoleum‹)
Hellenismus und römisches Imperium
336-323: Alexander der Große
334/333: Eroberung Kleinasiens durch
Alexander
323-280: Diadochenkämpfe
230: Attalos I. von Pergamon vertreibt
Galater (Kelten) aus seinem Reich
202: Gründung der Bibliothek von Pergamon/Bergama
190: Beginn römischen Einflusses
180: Zeusaltar in Pergamon
146: Römer zerstören Karthago, üben über
griechische Welt mit Hilfe Pergamons Hegemonie aus
133: Attalos III. vererbt Reich von Pergamon
an Rom
88: Mithridates VI. von Pontus läßt 80.000
Römer ermorden
64: Pompeius besiegt Mithridates
27: Beginn römischer Kaiserzeit. In
Ostanatolien Partherkriege, armenische Pufferstaaten
nach Beginn unserer Zeitrechnung:
55-58: Paulus in Ephesos
98-117: Kaiser Trajan, größte Ausdehnung des
Römischen Reiches
258-310: Finanzkrise und Hungersnöte im
Römischen Reich
323-337: Alleinherrschaft Konstantins des
Großen
324: Gold-Solidus neue Münze,
jahrhundertelang stabile Währung
325: Konzil von Nicaea/Iznik
Byzanz, Konstantinopel, Ostrom, Islam
330: Byzanz neue Reichshauptstadt
375: Hunneneinfall nach Europa. Beginn der
Völkerwanderung
391: Christentum Staatsreligion
395: Letzte Teilung des Römischen Reiches in
Ost- und Westreich
457-518: Thrakische Dynastie in Byzanz
476: Ende des Westreichs von Rom
527-565: Justinian I. Kaiser (Apostata, der
›Abtrünnige‹)
529: Schließung der Akademie in Athen. Codex
Iustinianus
532: Nika-Aufstand
537: Vollendung der Hagia Sophia
610-641: Herakleios I. Kaiser
622/3: Hiära. Beginn der islamische
Zeitrechnung
638: Jerusalem arabisch-islamisch
646: Ägypten von Muslimen erobert
674-678: Erste muslimische Belagerung
Konstantinopels
716-820: Syrische Dynastie in Byzanz
717-718: Zweite muslimische Belagerung
Konstantinopels
730-787: Erster Ikonoklastenstreit
(Bilderverbot in der christlichen Kunst)
800: Karl der Große in Rom zum Kaiser
gekrönt. Ende des Einen Reiches
802-813: Auseinandersetzungen mit den
Bulgaren
813-843: Zweiter Bilderstreit
866-1056: Makedonische Dynastie in Byzanz
(mit einigen Zwischenkaisern)
1048: Pedenegische Türken dringen in
europäischen Reichsteil ein
16.7.1054: Schisma zwischen
römisch-katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche
1071: Schlacht von Manzikert/Malazgirt.
Türken siedeln in Anatolien
Selçuken, Zeit der Kreuzzüge
1075: Iznik/Nicaea selçukische Hauptstadt
1081 -1118: Kaiser Alexios I., Beginn der
Komnenen-Dynastie in Byzanz (bis 1185)
1092-1107: Kxlxç Arslan I., rum-selçukischer
Sultan
1097: 1. Kreuzzug, Eroberung von Nicaea/Iznik,
1099: Eroberung von Jerusalem
1146: 2. Kreuzzug scheitert bei Dorylaion/Eskiwehir
1155-1192: Izzeddin Kxlxç Arslan II.,
rum-selçukischer Sultan
1178: Ende des Danxwmendiden-Beyliks, Beginn selçukischer Blüte
1185-1204: Angeloi-Dynastie in Byzanz
1190: Deutscher Kaiser Friedrich Barbarossa
ertrinkt während des 3. Kreuzzugs im Silifke Çayx [griech. Saleph,
heute Gök Su]
1204: 4. Kreuzzug. Kreuzfahrer erobern
Konstantinopel, gründen dort Lateinisches Kaiserreich (bis 1261).
Bildung byzantinischer Reiche in Nicaea/Iznik (bis 1261) und
Trapezunt/Trabzon (bis 1461)
1211-1220: Izzeddin Keykavus I., rum-selçukischer Sultan
1220-1237: Alaeddin Keykubad, I.,
rum-selçukischer Sultan
1237-1246: Gxyaseddin Keyhüsrev, II.,
rum-selçukischer Sultan, erste Zeichen des Niedergangs (Baba-Ishak-Aufstand
1240)
1243: Schlacht am Kösedaäi
1261: Byzantiner erobern Konstantinopel
zurück. Palaiologendynastie (bis 1453)
1281 -1324: Osman Herrscher eines kleinen
Territoriums in Nordwestanatolien
1318: Mongole Timurtaw setzt letzten Selçuken-Herrscher ab
Osmanen
1324-1362: Orhan Bey Herrscher der Osmanen
1326: Bursa von Osmanen erobert, wird
Hauptstadt
1335: Ende des Ilhan-Reiches in Persien
1362-1389: Murad I. Sultan der Osmanen
1363: Edirne/Adrianopel wird von den Osmanen
erobert, wird Hauptstadt. Byzanz zahlt den Osmanen Tribut
1389-1402: Bayazid I. Sultan der Osmanen
1391: Zum 1. Mal wird Konstantinopel von den
Osmanen belagert (danach 1395, 1396 und 1400)
1402: Mongolenheer Timurs besiegt Osmanen bei
Ankara. Wiederaufleben der kleineren türkischen Fürstentümer und
osmanischer Thronstreit
1413-1421: Mehmed I. Sultan der Osmanen
1421-1451: Sultan Murad II.
1451-1481: Sultan Mehmed II.
29.5.1453: Osmanen erobern Konstantinopel,
machen es zu ihrer Hauptstadt. Ende von Byzanz
1481-1512: Sultanat Bayazid II.
1512-1520: Sultanat Selims I.
1517: Osmanen erobern Rest Ostanatoliens und
Ägypten
1520-1566: Sultanat Süleymans 1. des
Prächtigen
1529: 1. Belagerung Wiens durch die Osmanen
1538: Seeschlacht von Preveza: Osmanen
gewinnen Seeherrschaft im Mittelmeer
1566-1574: Sultanat Selims II.
1571: Seeschlacht von Lepanto: Osmanen
verlieren Seeherrschaft wieder
1574-1595: Sultanat Murads III.
1595-1603: Sultanat Mehmeds III.
1603-1617: Sultan Ahmed I.
1617-1618: Erstes Sultanat Mustafas I.
1618-1622: Sultan Osman II.
1622-1623: Zweites Sultanat Mustafas I.
1623-1640: Sultan Murad IV. (* 1612)
1640-1648: Sultan Ibrahim
1648-1687: Sultan Mehmed IV. (gest. 1692)
1656-1715: Wesire der Köprülü-Familie bemühen
sich um Restauration osmanischer Macht
1683: 2. Belagerung Wiens
1687-1691: Sultan Süleyman II.
1691-1695: Sultan Ahmed II.
1695-1703: Sultan Mustafa II.
1699: Frieden von Karlowitz: Osmanen
verlieren Ungarn und Siebenbürgen
1703-1730: Sultan Ahmed III. (gest. 1736)
1727: Erste türkische Druckerei im
Osmanischen Reich
1730-1754: Sultan Mahmud I.
1754-1757: Sultan Osman III.
1757-1773: Sultan Mustafa III.
1773-1789: Sultan Abdülhamid I.
1774: Frieden von Küçük Kaynarca: Rußland
erreicht das Schwarze Meer
1789-1807: Sultan Selim III. (gest. 1808)
1807-1808: Sultan Mustafa IV.
1808-1839: Sultan Mahmud II.
1826: Abschaffung des Janitscharenkorps
(Massaker auf dem Hippodrom in Istanbul)
1829: Griechenland unabhängig
1831: Erste türkische Zeitung im Osmanischen
Reich
1839-1861: Sultan Abdülmecid I.
1839-1876: Tanzimat-Periode, Reformen im
Osmanischen Reich
1861-1876: Sultan Abdülaziz
1868: Mecelle, Bürgerliches Gesetzbuch des
Islamischen Rechts
1870: Universität Istanbul gegründet
1876: Sultan Murad V. (gest. 1904)
1876-1909: Sultan Abdülhamid II. (gest. 1918)
1876: Erste osmanische Verfassung (wird
1877-1908 außer Kraft gesetzt)
1881: Schuldenverwaltung der Großmächte (Düyun-x umumiye) erhält
Zugriff zu wichtigsten osmanischen Staatseinnahmen
1889: 1. Besuch Wilhelms II. in Istanbul (der
2. Besuch folgt 1898)
1908: Jungtürkische Revolution,
Wiedereinsetzung der Verfassung, Wahlen
1909-1918: Sultan Mehmed V.
1912/13: Osmanen verlieren letzte europäische
Gebiete bis Edirne
1914-1918: im 1. Weltkrieg kämpft das
osmanische Reich auf Seiten der Mittelmächte. Nach dem
Waffenstillstand von Mondros werden Teile der Türkei besetzt
1918-1922: Sultan Mehmed VI. (gest. 1926)
Atatürk und die Türkische Republik
1919 Besetzung Anatolien von Italienern
(Antalya bis Konya) und
Franzosen (Kiliken, Adana)
15.5.1919 Landung griechischer Truppen in
Smyrna (Izmir)
19.5.1919 Mustafa Kemal Pawa geht in Samsun
an Land: Marsch auf Ankara
1919: Kongresse von Erzurum und Sivas, Beginn
des Widerstandes gegen die alliierten Besetzungen unter Mustafa
Kemal (Atatürk)
1919 – 1922 Rückeroberung der besetzten
Gebiete durch Mustafa Kemal Pawa
Vertreibung der Griechen aus Westanatolien
durch Ismet Inönü
16. März 1920 Besetzung Istanbuls durch
Alliierte Truppen
23. 4.1920: »Große Türkische
Nationalversammlung« in Ankara
10.8.1920 Friedensvertrag von Sèvres,
Aufteilung der Türkei. Vertrag von Sèvres sieht Gebietsabtretungen
der Türkei und Zugeständnisse an die Alliierten vor
1921: Einigung zwischen der UdSSR und Mustafa
Kemal über türkische Ostgrenze
9.9.1922: Heer Mustafa Kemals befreit Izmir
von griechischer Besetzung
1922 Endgültige Absetzung des Sultans,
Abschaffung des Sultanats
1923: Vertrag von Lausanne, Anerkennung der
kemalistischen Türkei
13.9.1923 Ankara wird zur Hauptstadt der
Türkei proklamiert
29.10.1923: Türkei wird Republik
3.3.1924: Aufhebung des Kalifats
1923-1938: Reformen Atatürks
1925 Bekleidungsreform
1926 Rechtsreform, Code Civil
1928 Lateinische Schrift
Gesetz über den Laizismus
1930/34 Schrittweise Einführung des
Wahlrechts für Frauen
1932 Sprachreform, Einführung des
‚Türkei-Türkisch‘
1933 Kulturinitiative (Musik, Oper, Künste
nach westlichem Vorbild)
1935 Familien- und Namensrecht
|
|
Die Prinzipien des ‚Kemalismus‘: |
|
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|
1. Laizismus
2. Demokratie
3. Nationalismus |
4. Etatismus
5. Revolutionarismus
6. Republikanismus |
10.11.1938: Tod Atatürks (* 1881)
1938-1950 Ismet Inönü Präsident. Vorsitzender
der unter Atatürk gegründeten Republikanischen Partei
bis 1945 Neutralität im 2. Weltkrieg,
Kriegseintritt auf Seiten der Alliierten 1945.
1945 Aufnahme in die UNO
1946: Übergang zum Mehrparteien-System durch
Gründung der Demokratischen Partei (DP/Democratic Partisi)
1950: Die konservative ›Demokratische Partei‹
gewinnt Parlamentswahlen. Abkehr von ›linken‹ Reformen Atatürks
1950-1960 Staatspräsident Celal Bayar,
Ministerpräsident Adnan Menderes
1952: Türkei wird NATO-Mitglied
1955: Bagdad-Pakt (CENTO) mit USA, Iraq und
Iran.
ab 1955: Zunehmend diktatorische
Regierungsform: Parteienverbote, Einschränkung der Bürgerrechte
etc. Konzentration auf die Landwirtschaft, wirtschaftliche
Stagnation, Zypernkrise, terroristischer Widerstand nimmt zu
27. 5.1960: Militärputsch zur ›Rettung der
Demokratie‹ und des Kemalismus unter General Cemal Gürsel
1961: Hinrichtung des gestürzten
Ministerpräsidenten Menderes, die Türkei erhält eine neue,
demokratische Verfassung.
1961-1965: Wahlen erbringen eine
Koalitionsregierung zwischen der Republikanischen Partei (CHP) und
der Gerechtigkeitspartei (AP/Adalet Partisi); Staatspräsident
Cemal Gürsel, Ministerpräsident Ismet Inönü; instabile Mehrheiten,
mehrfache Regierungs- und Koalitionswechsel
1964: Assoziationsabkommen mit der EWG
1965-1961: Ministerpräsident Süleyman Demirel
(AP, 1965 und 1969 absolute Mehrheiten), rechtskonservative
Regierungspolitik. Sozialistische und kommunistische
Widerstandsbewegungen, Unruhen, Terror und Straßenschlachten.
Oppositionelle Parteiengründungen: Türkische Arbeiterpartei (TIP/Türkei
Isçi Partisi, linksradikal), Republikanische Vertrauenspartei (CGP/Cumhuriyetçi
Güven Partisi, konservativ), Partei der Nationalistischen Aktion
(MHP/Milliyetçi Hareket Partisi, rechtsextrem; paramilitärische
Jugendorganisation Bozkurt / ›Graue Wölfe‹)
12.3.1971: 2. Militärputsch zur Minderung der
innenpolitischen Spannungen
1971-1975: Konservative Staatsführung unter
Nihat Erim. Autotitäre Unterdrückung der Opposition und der
Unruhen.
1974: Intervention auf Zypern, Ausrufung der
Türkischen Republik Nordzypern
1975-1977: Koalition der Rechtsparteien MSP,
AP, MHP unter Demirel. Chaotische innenpolitische Zustände. Terror
der ›Grauen Wölfe‹. Kriegsrecht über die Großstädte und die
Ostanatolischen Provinzen verhängt
1977: Wahlsieg der Republikanischen
Volkspartei/CHP, Ministerpräsident Bülent Ecevit. ›Staatsbankrott‹
1979: Minderheitsregierung der AP, MSP, MHP
unter Demirel
Januar 1980: Europarat rügt
Menschenrechtssituation in der Türkei
12.9.1980: 3. Militärputsch wegen
bürgerkriegsartiger Unruhen in der Türkei, Auflösung aller
Parteien, Gewerkschaften und der Großen Türkischen
Nationalversammlung. Einsetzung eines Nationalen Sicherheitsrates
unter General Kenan Evren, der später Staatspräsident wurde.
Betätigungsverbote und Inhaftierungen von Teilen der bisherigen
politischen Eliten, Razzien, Sicherstellung von Schußwaffen etc.
Nach dem Verfassungsbericht von 1981 werden 45.000 Personen
inhaftiert, 13.000 Personen unter Anklage gestellt und 16
Todesurteile ausgesprochen.
31.8.1982: Internationale Juristenkommission
in Genf (ILC) rügt Menschenrechtsverletzungen und Folterpraktiken
in türkischen Gefängnissen
7.11.1982: Referendum akzeptiert neue
Verfassung. Wahl Kenan Evrens, des Haupts der putschenden
Militärs, zum Präsidenten. Langsamer Übergang zur Demokratie
1983: Neuzulassung von politischen Parteien,
darunter: Nationalistisch-Demokratische Partei (MDP/Millyetçi
Demokraçi Partisi) unter Turgut Sunalp, Mutterlandspartei (ANAP/Anavatan
Partisi) unter Turgut Özal, Populistische Partei (HP/Halçi
Partisi) unter Necdet Calp.
6.11.1983: Parlamentswahlen. Sieger die
rechtsdemokratische Partei ANAP Turgut Özals (wird 1987 in
vorgezogener Neuwahl bestätigt). Wirtschaftlich am Liberalismus
orientiert.
Dez. 1987: Vorgezogene Neuwahlen. – Im
Parteienspekrtrum etablieren sich seit 1987:
RP (Refah Partisi)* [Wohlfahrtspartei], Vorsitzender:
Necmettin Erbakan. –
ANAP (Anavatan Partisi)** [Mutterlandspartei], Vorsitzender: Turgut Özal,
später Mesut Yxlmaz. –
DYP (Doäru Yol Partisi) [Partei des Rechten Weges], Vorsitzende: Süleyman
Demirel, später Tansu Çiller. –
SHP (Halçi Partisi) [Sozialdemokratische Volkspartei], Vorsitzender: Erdal
Inönü. –
DSP (Demokratik Sol Parti) [Demokratische Linke Partei], Vorsitzender:
Bülent Ecevit. –
CHP (Cumhuriyet Halk Partisi) [Republikanische Volkspartei], Vorsitzender:
Deniz Baykal. –
MHP (Milliyetçi Hareket Partisi) [Nationalistische Aktionspartei],
Vorsitzender: Alparslan Türkew. –
HADEP (Halkxn Demokrasi Partisi) [Demokratische Partei des Volkes],
Vorsitzender: Murat Bozlak. –
YDH (Yeni Demokrasi Hareketi) [Neue Demokratische Bewegung], Vorsitzender:
Cem Boyner.
* Fusion mit den
Parteimitgliedern der DP (Demokratische Partei).
** Fusion mit den Parteimitgliedern der BBP (Große Einheitspartei).
Ergebnis der letzten Parlamentswahlen (›Große
Nationalversammlung‹) 1987, 1991, 1995
|
Partei |
|
Stimmen
1995 |
Sitze
1995 |
Stimmen
1991 |
Sitze
1991 |
Stimmen 1987 |
Sitze
1987 |
|
Partei des
rechten Weges |
(DYP) |
19,2 % |
135 |
27,1 % |
178 |
20% |
59 |
|
Mutterlandspartei |
(ANAP) |
19,7 % |
132 |
24,0 % |
115 |
36% |
275 |
|
Sozialdemokratische Volkspartei |
(SHP) |
10,7 % |
75 |
20,8 % |
88 |
24% |
99 |
|
Islam.-fundam. Wohlfahrtspartei (1991 mit Nationale Arbeiterpartei* ) |
(RP/MCP) |
21,3 % |
158 |
16,8 % |
62 |
7% |
- |
|
Demokratische Linkspartei |
(DSP) |
14,6 % |
75 |
10,7 % |
7 |
8% |
- |
|
*1991
Wahlbündnis.
Derzeit (1995) mehrere der 450 Sitze durch Parteienverbot und Ausschluß
von Abgeordneten vakant. |
|
Neue Presse
(Hannover), Nr. 299, Freitag, 22. Dezember 1995, S. 3, und Hannoversche
Allgemeine Zeitung, Nr. 301, Mittwoch, 27. September 1995, S. 3
(Kompilation) |
II. Tabellen zur Geschichte des Sultanats
A. Dynastie
der Seldschuken (Selçuk)
Herkunft der Seldschuken aus dem nordwest-iranischen
Bereich des turksprachigen Azerbaidjan (halbnomadische Stämme, ›Kara Koyunlu‹,
›Aq Koyunlu‹ u.a.). Erste Staatsbildungen in Azerbaidjan, Hauptstadt Tabriz
(›Persisches Seldschukenreich‹).
|
Selçuk |
gest. 1030 |
|
|
Togrul Beg |
1030-1063 |
‚Schutzherren‘ der Kalifen von Baghdad. |
|
Alp Aslan |
1063-1072 |
Schlägt den byzantinischen Kaiser Romanos IV. Diogenes
bei Mantzikert am Van-See; Anatolien wird erobert. |
Eroberung von Armenien, Georgien und Phrygien.
Aus dem Osten folgen turkmenische Völker nach: Oghusen und Mongolen.
|
Sultan Süleyman |
gest. 1086 |
gründet Seldschukenreich von ›Rom‹
(= Byzanz) in Iconium / Konya. |
|
Sultan
Kılıç Arslan |
|
|
|
Sultan Kotb Eddin |
|
Verteidigung von Konya gegen Barbarossa |
|
Sultan Alâeddin Khaikobad |
1220-1237 |
Kulturelle und politische
Blütezeit.
1207-1273 Mêvlâna Djellaleddin
Rûmî. |
|
Sultan Alâedin III |
gest. 1307 |
fällt im Kampf gegen die Mongolen. |
Eroberungen der turkmenischen Mongolen aus Zentralasien
unter Dschingis Khan.
Aufteilung des mongolischen Großreiches in des russische Reich der ›Goldenen
Horde‹
(›ordu‹ = türkisch ›Armee‹), die chinesische Mongolendynastie, das
vorderasiatische Mongolenreich der ›Il Khane‹ (›il‹ = türkisch ›Provinz‹)
und das zentralasiatische Mutterland
um Ulan Bator.
In Anatolien lösen die Dynastien Karamanli (1275-1466)
im Süden und die Dynastie der Osmanen im Norden sukzessive die Seldschuken
ab.
B. Dynastie
der Osmanen
Herkunft der Osmanen von wandernden, nomadischen
Turkmenenstämmen aus dem Gebiet von Chorrassan / Nordostiran und
Turkmenistan.
|
Süleyman |
Anfang 13. Jh. |
Einwanderungszeit. |
|
Ertogrul |
1231-1288 |
Eroberungen in Nordwestanatolien. |
|
Sultan
Osman ‚Gazi‘ (‚der Siegreiche‘) |
1288-1326 |
Gründer der Osmanischen Dynastie; Hauptstadt Eskišehir,
ab 1300 Afyon Karahisar; 1326 Kapitulation von Bursa. |
|
Sultan
Orkhan |
1326-1359 |
Ausbau der Residenzstadt Bursa;
1354 Überquerung der Dardanellen
bei Gallipoli (Gelibolu). |
|
Sultan
Murat I. |
1359-1389 |
Ausweitung des Reiches in
Anatolien;
Eroberungskriege auf dem Balkan:
1363 Edirne (Adrianopel) / Maritza
1375
Niš
1382 Sofia
1389 Schlacht von Kossovo Polje
(Amselfeld), Sieg über den serbischen Fürsten Lazar, der hingerichtet
wird; Murat wird von einem serbischen Gefangenen ermordet. |
|
Sultan Bayazid I. Yildirim (der Blitz) |
1389-1402 |
Viele Kriegszüge an allen Grenzen
(‚wie ein Blitz‘); 1396 Schlacht von Nikopolis an der Donau;
erste Belagerung von
Konstantinopel; der byzantinische Kaiser wird dem Sultan
tributpflichtig.
1402 Schlacht von Ankara; der
Sultan fällt im Kampf gegen Timur Leng. |
Die turkmenischen ›Mongolenheere‹ von Timur Leng (›der
Lahme‹) erobern von Buchara und Samarkand in Mittelasien ausgehend Persien,
Mesopotamien und Anatolien. Sie besiegen in der Schlacht von Ankara das
Osmanische Heer, ziehen dann aber wieder nach Mittelasien ab.
Das Osmanische Reich zerfällt vorübergehend in ein Machtvakuum und
konkurrierende Stämme.
|
Sultan Süleyman I. |
1403-1411 |
|
|
Sultan Musa |
1411-1413 |
|
|
Sultan Mehmet I. |
1413-1421 |
Erneute Einigung und Festigung des Reiches (‚der
Erneuere‘). |
|
Sultan Mehmet II. Fatih (‚Eroberer‘) |
1451-1401 |
1453 Eroberung von Konstantinopel.
Istanbul wird Hauptstadt des Reiches. |
|
Sultan Bayazid II. (‚der Fromme‘) |
1481-1512 |
Kampf gegen die Mamluken in
Ägypten;
Eroberungszüge in Polen, Österreich (Villach) und Italien (Friaul) |
|
Sultan Selim I. (‚der Grausame‘)
|
1512-1520 |
Eroberungen in Syrien, Palästina
(Jerusalem), Ägypten, Mekka;
Annahme des Kalifen- und
Scherifentitels (‚Hüter der Heiligen Städte‘) |
|
Sultan Süleyman I. (‚der Prächtige‘)
türkisch: Kanunî (‚der Gesetzgeber‘) |
1520-1566 |
1529 Erste Belagerung von Wien. –
Politischer und kultureller
Höhepunkt des Osmanischen Reiches. –
Tod bei Szigetvár beim Zweiten
Feldzug gegen Wien. |
Niedergang der Sultansmacht, Machtgewinn des Hofes, des
Militärs und der Notablen parallel zum militärischen Machtverlust im Äußeren
und zum Ende der Expansionsphase; zunehmend verlustreiche Kriege gegen das
aufsteigende und expansive Zarenreich und Einbeziehung in die europäischen
Hegemonialkriege zunächst noch unter Einschluss des Habsburger Reiches,
später vor allem von England und Frankreich in wechselnden Bündnissen und
Koalitionen.
1595-1687 Haremswirtschaft, Dominanz von Sultaninnen
und Sultansmüttern.
1687-1757 Regierungsmach bei Großweziren der Familie
der Köprülü.
1754-1808 Wechselnde Machtursupation durch Eunuchen und
Janitscharen.
|
Sultan Selim II (‚der Säufer‘) |
1566-1574 |
1571 Seeschlacht von Lepanto |
Verschiebung der internationalen Machtbalance zwischen
Habsburg, Zarenreich und Osmanischem Reich zu Lasten des Letzteren;
Einmischung von England und Frankreich.
|
Sultan Ahmet I. |
1603-1617
Bau eines Gartenhauses im Dolmabahçe-Garten |
|
|
Sultan Mehmet II. |
1649-1687 |
1683 Belagerung von Wien, Niederlage. |
|
Sultan Süleyman II. |
1687-1691 |
Verlust von Belgrad |
|
Sultan Ahmet II. |
1691-1703 |
1698 Frieden von Karlowitz |
|
Sultan Ahmet III. |
1703-1730 |
1700 Frieden von Konstantinopel.
1710-1711 Sieg über Rußland.
1713 Frieden von Adrianopel
(Edirne)
1716 Krieg gegen Habsburg und
Venetien.
1718 Frieden von Passarowitz. |
|
Sultan Mahmud I. |
1730-1754 |
1736 Russisch-türkischer Krieg.
1739 Rückeroberung von Belgrad;
Frieden von Belgrad. |
|
Sultan Mustafa III. |
1757-1774 |
1768 Russisch-türkischer Krieg.
1770 Seeschlacht von Çeçme; Verlust
der Flotte; Niederlage an der Donau. |
|
Sultan Abdülhamid I. |
1774-1789 |
1774 Friede von Küçük Kainarce (Bulgarien): Sonderrechte
für Rußland, ‚Schutzmacht für die orthodoxen Christen‘; 1786
Kriegserklärung an Rußland. |
|
Sultan Selim III.
Dominierender Einfluss des Hofes;
Ansätze zu inneren Reformen. |
1789-1807 |
1791 Frieden von Sistow mit
Rußland;
Flottenaufbau durch Campbell (‚Inglizi
Mustafa‘).
Janitscharenverschwörung; Selim wird gefangen gesetzt. |
|
Sultan Mustafa IV. |
1807-1808 |
Ermordet Selim III. am 28.7.1808 und wird dann von
Aufständischen gefangen gesetzt. |
|
Sultan Mahmud II. (‚der Reformer‘)
Innenpolitische Reformen; Heeresreform;
1826 Vernichtung der Janitscharen;
Verbot des den Janitscharen verbundenen
Bektaš-Ordens. |
1808-1839
gest. 1840 |
1809 Frieden mit England.
1812 Frieden von Bukarest mit
Rußland.
1821 Befreiungskrieg Griechenlands.
1828 Russische Kriegserklärung.
1829 Türk.-russ. Frieden von
Adrianopel.
1831 Aufstand Mohammed Alis in
Ägypten. |
|
Sultan Abdulmecid
1839 Tanzimat-Reformen;
1856 Hati Humayun. |
1839-1861
1850 Bau des ersten Kiosk des Yıldız Sarayı;
Ausbau 1894.
1853 Bau des Dolmabahçe Sarayı |
1853-1856 Krimkrieg.
1856 Garantie der territorialen
Integrität der Türkei durch die Westmächte. |
|
Sultan Abdulaziz
Reaktionäre Innenpolitik.
1875 unter dem Druck des Auslandes
Verfassungsentwurf begonnen. |
1861-1876
1863-67 Bau des Çirağan Sarayı (1910 abgebrannt)
1865 Bau des Beylerbeylı Sarayı |
|
|
Sultan Murad V.
Reformpolitische Ziele;
Verfassung wird verkündet.
Wegen (erblicher) Geisteskrankheit abgesetzt. |
1876 |
|
|
Sultan Abdülhamid II.
Restauratives politisches Konzept.
März/April 1877 Eröffnung des ersten türkischen
Parlaments;
Mai 1877 Auflösung des Parlaments.
Verfassungsbruch, Rückkehr zur Despotie, Folter und Hinrichtungen.
1908 Jungtürkische Revolution |
1876-1908/9
Lebt in Verfolgungswahn abgeschieden im Yıldız Sarayı.
Ab 1908 unter Hausarrest im Beylerbeylı Sarayı. |
1876-1878 Orientalischer Krieg |
|
Sultan Mehmet V. Rewan
Regierung des Jungtürkischen Triumvirats Enver Bey,
Talaat Bey und Cemal Bey
1912 Gegenrevolution der ‚Liga für militärische
Einheit‘, anschließend Rückkehr der Jungtürkischen Regierung |
1908-1918 |
1911 Türkisch-Italienischer Krieg
um Tripolis, Abtretung Libyens.
1912 Frieden von Lausanne.
1912 Erster Balkankrieg.
1913 Frieden von London.
1913 Zweiter Balkankrieg, Vertrag
von Bukarest; Türkisch-Bulgarischer Frieden.
Bündnis mit dem Deutschen Reich.
1914-1918 Erster Weltkrieg, die
Türkei kämpft an der Seite der Achsenmächte. |
|
Sultan Mehmet VI. |
1918-1922/4 |
1918 Türkischer Waffenstillstand. |
Quelle:
Richard Peters: Geschichte der Türken. Stuttgart 1966
(2. verb. Aufl.; 1961. Urban Bücher 54. Kohlhammer Verlag) – u.a.
Zur Organisation der Türkeireise 1996
1. Zu unserer Partnerschule
Istanbul Lisesi
Türk Ocağı Sok. N o.
4 Tel. 0090-212-5141570
TR 34440 Istanbul / Türkei
FAX 0090-212-5208183
Deutsche Abteilung: Almanca
Bölüm Baškani
Die Istanbul Lisesi ist 1996 – ausweislich der Liste
der Universitätszugangsprüfungen in der Türkei – die erfolgreichste Schule
des Landes. Sie setzt sich für ein international orientiertes moderneres
Schulwesen in der Türkei und für am deutschen Schulsystem orientierte
Schulreformen ein. Privater Kindergarten, Grundschule und – noch in der
Planungsphase: – eine »Deutsch-Türkische Universität« bilden den Rahmen für
ein »Deutsch-Türkisches Bildungssystem« in dessen Zentrum die – noch
staatliche, aber unter Sonderbedingungen arbeitende – traditionsreiche
Istanbul Lisesi steht, die als so genanntes »Anatolisches Gymnasium«
(Anadolu Lisesi) bilingual konzipiert ist, d.h. Mathematik und
naturwissenschaftliche Fächer in deutscher Sprache, zum größten Teil durch
deutsche Lehrer unterrichtet.
Die Schule besitzt ein Internat für Jungen (sie war bis
vor zehn Jahren als »Istanbul Erkek Lisesi« eine reine Jungenschule), in dem
auch bei unseren Besuchen in Istanbul unsere Lehrkräfte und Begleiter
untergebracht werden.
Der Schüleraustausch ist Angelegenheit der türkischen
Schulleitung unter dem Schulleiter Mahir Yeğmen und seinem Stellvertreter
Hamit Alkır, der selbst schon zwei Gruppen nach Hannover begleitet hat. Die
eigentliche Organisation der Besuche leistet die Koordinatorin und
Deutschlehrerin Kadriye Ardiç zusammen jeweils mit den wechselnden
Begleitern der türkischen Schülerinnen und Schüler bei ihren
Hannover-Besuchen. Die »Deutsche Abteilung«, der die deutschen Fachkollegen
zugeordnet sind, leistet bei Bedarf Kommunikations- und Informationshilfe,
ist aber an der eigentlichen Organisation der vielfältigen
Schulpartnerschaften der Istanbul Lisesi und ihrer Entwicklung zur
UNESCO-Projekt-Schule nicht selbst beteiligt.
Eine große Rolle für die fortschrittliche Entwicklung
der Schule und ihrer Finanzierung spielt eine sehr wohlhabende gemeinnützige
Stiftung (Istanbul Erkek Lisleri Vakfı), der sowohl Eltern der gegenwärtigen
Schülerinnen und Schüler, vor allem aber ehemalige Schüler, die sich heute
in führenden Positionen in Staat – bis hin zur Regierung – und Wirtschaft
der Türkei befinden und die »Deutsch-Türkischen Bildungsprojekte« auch über
die eigentliche Istanbul Lisesi hinaus sehr großzügig fördern.
2. Informationen und Übersichten zur Reise 1996
Die Türkei-Reise und der Besuch bei unserer
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, wurde mit den Teilnehmerinnen und
Teilnehmer der Türkei-Arbeitsgemeinschaft der Bismarckschule seit dem Beginn
des Schuljahres 1995/96 in regelmäßigen AG-Treffen vorbereitet. Die
Reisebegleitung übernahmen [Anm.: Adressen 1996]:
|
Voigt,
Gerhard OStR |
Lehrer der
Bismarckschule
|
Pettenkoferstraße 13 |
30880 Laatzen |
0511–824630 |
|
Fuchs,
Günter RL |
Lehrer der
Bismarckschule
|
Heiseder
Straße 4 |
30519
Hannover |
0511–861694 |
|
Gusky,
Rainer |
Begleiter aus
der Elternschaft |
Bodenstedtstraße 11 |
30173
Hannover |
0511–8093821 |
Die Reise ist Teil der seit zehn Jahren existierenden
Schulpartnerschaft mit der Istanbul Lisesi mit regelmäßigen gegenseitigen
Besuchen von Schülergruppen im wechselseitigen Jahresrhythmus. Im 40. Jahr
der Teilnahme der Bismarckschule Hannover am internationalen Programm der
UNESCO-Projekt-Schulen kam diesem Besuch eine besondere
»Jubiläums-Bedeutung« zu.
Zu den Grundlagen dieses Schulpartnerschaftsprogrammes
gehört es, dass einmal die Schülerinnen und Schüler gegenseitig in
Gastfamilien untergebracht werden und damit den Alltag in den Familien des
besuchten Landes kennen lernen können, dass andererseits versucht wird,
durch ein Informationsprogramm einiges über Geschichte und Gegenwart dieses
Landes kennen lernen zu können. Unseren türkischen Gästen bereiten wir ein
Programm in Hannover vor, dass durch Fahrten z.B. nach Bremen und in den
Harz (mit Hilfe unserer gastgebenden Elternfamilien) erweitert und vertieft
wird; die türkische Schule bereitet uns in Istanbul ein Besichtigungs- und
Informationsprogramm vor, dass durch Unternehmungen mit den dortigen
Gastfamilien ergänzt wird. Über diese Programme werden unsere
Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem umfangreicheren Reisebericht, der in
Kürze veröffentlicht werden soll, berichten.
In eigener Initiative schließen wir in der Regel an den
einwöchigen Istanbul-Aufenthalt noch eine Busrundfahrt durch den westlichen
Teil der Türkei an. Unsere Partnerschule ist uns bei der Vorbereitung und
der Anmietung eines Busses behilflich. Auch diesmal konnten wir einen »Midi«-Bus
haben, der sonst als Schulbus für die Schule fährt. Wir hatten dabei den
gleichen Fahrer wie beim letzten mal, der durch seine fahrerische Kompetenz
und ständige zurückhaltende und freundliche Hilfsbereitschaft als wahrer
Glücksfall zum Gelingen der Reise beitrug.
Die Reise wurde, nach dem vorgeschriebenen
Genehmigungsverfahren durch Schule und Bezirksregierung als offizielle
Schulveranstaltung durchgeführt. Dazu gehörte auch, dass die Flugbuchung
nach einer Ausschreibung bei mehreren türkischen Reisebüros in Hannover
erfolgte und die Gruppe durch eine Gruppen-Reise-Versicherung gegen
Krankheits-, Reiserücktritts-, Haftungs- und Unfallrisiken abgesichert
wurde. Erfreulicherweise brauchten diese Absicherungen nicht in Anspruch
genommen werden, da – im Rahmen der üblichen Reise-Maßstäbe, die kleinere
Unpässlichkeiten nicht allzu ernst nehmen – auf der Reise [bis auf
Seeigel-Stacheln im Fuß von Iris] keine Krankheiten und Unfälle vorgekommen
sind.
Die Reisekosten schöpften den Voranschlag von 1100,--
DM pro Person nicht aus, vor allem da die Flugbuchung sehr günstig erfolgen
konnte. Die Buskosten waren teurer als veranschlagt (durch höhere
Treibstoffkosten in der Türkei), während Übernachtung und Verpflegung etwa
im vorausgesehenen Rahmen blieben. So konnten Restbeträge wieder
zurückgezahlt werden.
Informationen über das Programm, die Teilnehmer und die
Abrechnung, wie ein Hinweis auf den bevorstehenden nächsten Besuch aus der
Türkei finden sich in den folgende Notizen.
3. Flugdaten für den Hinflug und Programm in der Türkei:
Treffen
Flughafen Hannover-Langenhagen, Abflughalle: Sa., 11.05.96, 9.30 Uhr
Abflug um 11.30
Uhr, Ankunft in Istanbul gegen 15.30 Uhr Ortszeit
Flug: Istanbul
Air IL 302, Veranstalter: ÖGER TÜRK-TUR
Reisebüro Akinçi, Goethestraße 12, 30169 Hannover, Tel.
0511-1318951, Herr I. Mikyas
|
11. Mai |
Samstag, |
Treffen am
Flughafen (Dıš Hatlar), |
|
|
15.00 Uhr |
Empfangen der
Gäste, Ankunft 15.30 Uhr |
|
|
|
(Istanbul
Airlines) |
|
12. Mai |
Sonntag |
Bei den
Familien |
|
13. Mai |
Montag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in
der Schule, Unterrichtsbesuche |
|
|
10.00 Uhr |
Empfang der
Gäste durch den türkischen Schulleiter Mahir Yeğmen |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen
in der Schule |
|
|
12.30 Uhr |
Besuch der
Zisterne »Yerebatan Sarayı« und des Topkapı
Serails |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur
Schule |
|
14. Mai |
Dienstag, |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in
der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch
berühmter Sehenswürdigkeiten
Soğukçešme
Straße, Hagia Sophia, Sultanahmet Platz, Sultanahmet Moschee etc. |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen
in der Schule |
|
|
13.45 Uhr |
Unterrichtsbesuche |
|
15. Mai |
Mittwoch |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in
der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Stadtrundfahrt, Picknick (Lunchpakete mitbringen!) |
|
|
15.00 Uhr |
Rückkehr zur
Schule |
|
16. Mai |
Donnerstag |
|
|
|
08.00 Uhr |
Treffen in
der Schule |
|
|
08.30 Uhr |
Besuch des
Großen Bazars und des Ägyptischen Bazars |
|
|
12.00 Uhr |
Mittagessen
in der Schule |
|
|
nachmittags |
zur freien
Verfügung |
|
17. Mai |
Freitag |
Beginn der
Fahrt nach Anatolien. – Abfahrt mit Bus nach Ankara; Übernachtung im
Hotel Hitit. |
|
18. Mai |
Samstag |
Ankara:
Julian-Säule, Haci Bayram, Hethiter-Museum, Burg (Kale), Anıt
Kebir (Atatürk-Mausoleum) |
|
19. Mai |
Sonntag |
Boğazköy
(Hattuša, Ausgrabungen); dann bis Kappadokien; Übernachtung im Hotel
Gülšehir |
|
20. Mai |
Montag |
Rundfahrt
durch Kappadokien: Unterirdische Stadt Özkonak, Avanos, Zelve, Göreme,
Uçhisar, Gülšehir |
|
21. Mai |
Dienstag |
Weiterfahrt
nach Konya über Aksaray und Sultanhanı (Kervanseray);
Übernachtung im Hotel Tur |
|
22. Mai |
Mittwoch |
Konya,
Stadtrundgang: Mêvlâna (Tekke der »Tanzenden Derwische« und Grab von
Cellaleddin Rûmî); Altstadt, Bazar; Burgberg mit Alaeddin Kaykobad
Camii; Ince Minaresi Medrese; Karatay Medrese |
|
23. Mai |
Donnerstag |
Weiterfahrt
über Pamukkale, Hierapolis nach Denizli; Übernachtung im Hotel Širin
Çinar, Denizli |
|
24. Mai |
Freitag |
Weiterfahrt
nach Selçuk über Aphrodisias; Übernachtung im Hotel Viktoria in Selçuk;
Abends frei (Bad in der Ägäis) |
|
25. Mai |
Samstag |
Ephesus;
nachmittags frei (Bad in der Ägäis) |
|
26. Mai |
Sonntag |
Weiterfahrt
über Izmir nach Pergamon (Bergama): Kızıl
Avla, Akropolis, Asklepieion; Übernachtung in Çanakkale, Ozan Motel
(Strandhotel); Abends frei (Bad in den Dardanellen) |
|
27. Mai |
Montag |
Morgens
Besuch von Troja; Rückfahrt über Çanakkale nach Istanbul; Übernachtung
bei den Familien unserer Gastgeber |
|
28. Mai |
Dienstag |
Flugdaten für
den Rückflug: |
|
|
16.00 Uhr |
Treffen auf
dem Atatürk-Flughafen Istanbul, Abflughalle |
|
|
18.00 Uhr |
Flug:
Istanbul Air IL 301, Veranstalter: ÖGER TUR
Ankunft in
Hannover gegen 20 Uhr Ortszeit |
Die Ankunft in Hannover erfolgte planmäßig und am
nächsten Tag, dem ersten Tag nach den kurzen »Pfingstferien«, begann der
normale Schulalltag – für die beiden Lehrer gleich mit zwei Nachmittagen mit
mündlichen Abiturprüfungen in den Fächern Erdkunde und Gemeinschaftskunde.
4. Abrechnung 1996: Ein Finanzierungsmodell
|
1. Flug, Versicherung, Flughafengebühr |
350,00 |
|
2. Busanmietung mit Nebenkosten |
230,00 |
|
3. Zehn Übernachtungen im Hotel mit Frühstück |
190,00 |
|
4. Verpflegung, eine warme Mahlzeit pro Tag |
150,00 |
|
5. Eintritte, Programmkosten, Porti, Telefon etc.
(pauschalisiert) |
40,00 |
|
6. Rückbehalt für Reisebericht |
20,00 |
Anmerkungen zur Abrechnung:
-
Entsprechend den Vereinbarungen in den
»Reisebedingungen« kann keine in allen Einzelpositionen gegliederte
detaillierte Abrechnung erfolgen. Alle verfügbaren Belege sind bei mir
verwahrt.
-
Wechselnde Umtauschkurse, Zahlungen ohne Belege
(in der Türkei häufig) und Rundungen bzw. Trinkgelder bedingen eine
plausibilisierte Schätzung der Ausgaben.
-
Die Abrechnung wurde mit den tatsächlich
vorhandenen Bargeldbeträgen verglichen.
-
Flugkosten, Versicherungen etc. wurden von allen
Teilnehmerinnen und Teilnehmern in gleicher Höhe gezahlt.
-
In Konsens von Herrn Fuchs und Herrn Voigt wurden
die unermüdlichen und freiwilligen Hilfs-, Betreuungs- und
Übersetzungsleistungen von Herrn Gusky als geldwerte Leistungen
gewertet und als Kostenbeitrag für Hotel/Bus/Verpflegung angerechnet.
-
Für die übrigen Teilnehmer und Teilnehmerinnen
wurden Hotelkosten, Verpflegung etc. in gleicher Höhe pauschalisiert
berechnet. Kleinere individuelle Unterschiede in der Inanspruchnahme
konnten nicht berücksichtigt werden.
-
Rein dienstliche, studienfahrtbedingte Kosten
(Busfahrt, Eintritte, Porti, Kopier- und Nebenkosten) wurden für die
beiden begleitenden Lehrer entsprechend den Reisebüroregelungen mit
Freiplätzen bei üblichen Klassenfahrten nicht berechnet.
-
Individuelle Zusatzkosten wurden an Ort und
Stelle verrechnet und sind nicht in die Gesamtabrechnung einbezogen.
5. Die Reisegruppe und ihre Gastgeber
|
Gäste: |
Gastgeber:
NAME |
|
Bode, Iris |
Koray ÖZDIL |
|
Cögür,
Dennis |
Deniz ZORLU |
|
Fedorchenko,
Andre |
Erdem GÖKÇE |
|
Fuchs,
Renate |
Emre GÜL |
|
Hergert,
Andreas |
İhsan
ENGINDENIZ |
|
Klar,
Matthias |
Engin
KEHALE |
|
Lecher,
Daniel |
Onur AKYOL |
|
Leute,
Philip |
Haluk
ULUŠAN |
|
Müller,
Julia |
Berksu
KARAIBRAHIMOĞLU
|
|
Pohlmann,
Beate |
Ali Širvan
YÜKSEL |
|
Sann,
Henning |
Arif Emre
KELEŠ |
|
Schulze,
Christine |
Ece AYDAN |
|
Tonscheidt,
Anne |
Tolga ERÇEL |
|
Wasilewski,
Patrizia |
Mehmet
KALAYCİOĞLU |
6. Gegenbesuch der türkischen Schülerinnen- und
Schüler
Der Auftaktbesuch unserer türkischen Freunde für die
nächste Besuchsrunde ist nun im Herbst 1996 auch schon wieder erfolgt, was
wir zunächst nicht erwartet hatten, so dass wird für unseren Besuchsturnus
verschieben und im Herbst 1997 in die Türkei fahren werden.
Bei der Terminierung hatte es Absprache-Defizite
gegeben, mit denen ich zu Beginn unseres Aufenthaltes in Istanbul durch
unsere Ansprechpartnerin in der Istanbul Lisesi, Frau Kadriye Ardiç,
konfrontiert wurde, die aber in der Ursache nachvollziehbar waren.
Im vergangenen Jahr hatten wir, nach mündlicher
Vorankündigung schon 1994, die Partnerschule eingeladen, sich an der damals
für Herbst 1996 geplanten trinationalen Jugendbegegnung in Kreisau zu
beteiligen. Obwohl wir in Hannover keine positive Reaktion aus Istanbul
erhielten, erfahre ich, dass durchaus konkrete Teilnahmevorbereitungen
stattgefunden hatten und eine Gruppe für 1996 zusammengestellt worden ist.
Als die – immer noch in der Realisierbarkeit unsichere – Verlegung auf 1997
mitgeteilt wurde, hat die Schule kurzerhand die schon weit gediehenen
Reisevorbereitungen für 1996 „umfunktioniert" in die Vorbereitung des
nächsten „einfachen" Hannover-Besuchs im Rahmen des Schüleraustausches, vor
allem da relativ viele Schülerinnen und Schüler konkret interessiert und
durch ihre Eltern auf die Reise vorbereitet waren. Ich wurde also mit der
Bitte konfrontiert, einen möglichen Besuchstermin für die nächste
Reisegruppe nach Beginn unseres Schuljahres und gleichzeitig noch in den
letzten Tagen der türkischen Sommerferien zu nennen, denn eine offene
Buchung des Fluges war schon erfolgt!
Sicher haben wir auf unsere eigenen Schwierigkeiten
hingewiesen – auch in Bezug auf die Kürze der Zeit, bis zu den Sommerferien
genügend Gasteltern zu finden –, konnten aber in Anbetracht der überaus
herzlichen und aufwendigen Aufnahme unserer Gruppe in Istanbul und in der
Perspektive, dass der grundsätzliche Zweijahresrhythmus dadurch nicht in
Frage gestellt, aber eine türkische Teilnahme am Kreisau-Projekt, wenn es
nun 1997 realisierbar werden sollte, ermöglicht werden sollte, keine
Ablehnung des türkischen Besuchswunsches äußern, sondern haben versprochen,
in Zusammenarbeit mit unserer Schulleitung und der Elternvertretung der
Bismarckschule Hannover unser Bestes zu tun, den gewünschten Besuch zu
ermöglichen. 19 Schülerinnen und Schüler der Istanbul Lisesi wurde uns mit
sorgfältigen „Vorstellungsbriefen" mit Bild und Eigencharakteristik schon in
Istanbul als Gäste für den Herbst 1996 benannt.
Auf der nächsten Seite füge ich noch die Liste der
Schülerinnen und Schüler aus Istanbul bei, die im August/September 1996 nach
Hannover gekommen sind.
Istanbul
Lisesi: Besuch einer Schülergruppe in der Bismarckschule Hannover im Herbst
1996 (UNESCO Schulpartnerschaft / Türkei-Arbeitsgemeinschaft)
Die Namen
unserer Gäste
|
Ekin Tırman
Tuna Tahsildaroğlu
Zeynep Gürler
Berrak Dinçtürk
Ozan Baran Aslan
Gökçe Kırca
|
Ufuk Doğan
Serkan Güven
Cana Ulutaš
Benan
Seraslan
Tolga Özgen
Deniz Ural
|
Cankut Aydın
Çaäatay Özer
Ömer Tarkan
Uäur
Sennaroğlu
Sinan Birinci
Erhan
Coplugil
Mert Özdemir |
7. Literaturauswahl
Literaturempfehlung für die Türkei-Reise
Ackermann, Irmgard, Hg.: Als Fremder in Deutschland.
Berichte, Erzählungen, Gedichte von Ausländern. München 1983 [dtv].
Die umgekehrte Perspektive. Eröffnet einen Blick auf uns und
sensibilisiert für interkulturelle und soziale Spannungen.
Atanasiu, N.: Wandlungen und Wandlungsmöglichkeiten
der türkischen Agrarstruktur. Geographische Rundschau 1970. Heft 1. S.
19-22
Barthold, Wilhelm: Zwölf Vorlesungen über die
Geschichte der Türken Mittelasiens. „Die Welt des Islams", Beiband, Band
14 bis 17, 1932/35 (bearbeitet von Theodor Menzel und Heinrich Schaeder)
{photomechanischer Nachdruck. Darmstadt 1962 [Wissenschaftliche
Buchgesellschaft]}
Blohm, Kurt Wilhelm: Städte und Stätten der Türkei.
Ein Begleiter zu den Kunstwerken Istanbuls und Kleinasiens. DuMont
Kunst-Reiseführer.
Ein thematisch spezialisierter, dort aber kompetenter und informativer
Reiseführer (Archäologie, Architektur und Kulturgeschichte).
Blohm, Kurt Wilhelm: Städte und Stätten der Türkei.
Ein Begleiter zu den Kunstwerken Istanbuls und Kleinasiens. Köln 19732 [DuMont
Kunst – Reiseführer]
Cornelius, Friedrich: Geschichte der Hethiter. Mit
besonderer Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse und der
Rechtsgeschichte. Darmstadt 1973 [Wissenschaftliche Buchgesellschaft]
Egli, Ernst: Sinan. Der Baumeister osmanischer
Glanzzeit. Erlenbach – Zürich 1976 [Eugen Rentsch]
Fisher, W.B.: The Middle East. A Physical, Social and
Regional Geography. London 19716 [Methuen]
Freely, John: Türkei. Ein Führer. München 1984 [Prestel]
{The Companion Guide to Turkey. London 1979}
Die wohl einfühlsamste und anschaulichste Länderbeschreibung, die den
Blick auf das wirklich Interessante lenkt und auch behutsame Wertungen
vornimmt. Eignet sich weniger zur kurzen Information und für praktische
Reisefragen. (Erste Empfehlung trotz relativ hohem Preis!)
Hoff, Edgar P., Marita Korst: Türkei Handbuch.
Rappweiler 1989 [Edgar Hof Verlag / Verlegergemeinschaft ›Individuelles
Reisen‹].
Ein typischer Insider-Reiseführer vor allem für diejenigen, die nicht nur
auf ›ausgelatschten Wegen‹ gehen wollen und für diejenigen, die – und das
stört manchmal, weil es aufgesetzt wirkt – ›jung, emanzipiert und
politisch korrekt‹ reisen wollen. Die Tips und Anregungen sind gut, die
Verfasser/innen sind ein gute Kenner der Türkei.
Höhfeld, Volker, und Hütteroth, Wolf-Dieter: Türkei –
Probleme einer Evolution. Geographische Folgen sozialer Wandlungen.
Geographische Rundschau 1981, Heft 12. S. 540-548
Hütteroth, Wolf-Dieter: Türkei. Wissenschaftliche
Länderkunden Band 21. Darmstadt 1982. Wissenschaftliche Buchgesellschaft
(548 S., 116 Karten etc.!).
Das geographische Standardwerk über die Türkei, das den derzeitigen
geographischen Forschungsstand umreißt. Sehr umfangreiches
Literaturverzeichnis. (Leider teuer: ca. 75.- DM!)
Itzkowitz, Norman: Das Osmanische Reich. Aufstieg und
Fall der türkischen Herrschaft. In: Bernard Lewis, Hg., Welt des Islam.
Geschichte und Kultur im Zeichen des Propheten. Braunschweig 1976
[Westermann] {The World of Islam. London 1975}
Kara Mustafa vor Wien. Das türkische Tagebuch der
Belagerung Wiens 1683, verfasst vom Zeremonienmeister der Hohen Pforte.
Hg. von R. F. Kreutel. Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Richard F.
Kreutel. München 1967 (Deutscher Taschenbuch Verlag. dtv dokumente [dtv
450], Originalausgabe Graz/Wien/Köln 1955, Verlag Styria).
Geschichte aus anderer Perspektive. Hilft historische Stereotypen
aufzubrechen und auch die Türkei als seit langem europäische Macht zu
verstehen.
Kasparek, Aygün und Max: Reiseführer Natur: Türkei.
München 1990 [BLV Verlagsgesellschaft und Büchergilde Gutenberg, Frankfurt
am Main].
Dieser Reiseführer konzentriert sich auf die Naturschutzgebiete, die Tier-
und Pflanzenwelt. Reisen mit diesem Buch verlangt viel Zeit und Ruhe, da
die beschriebenen Gebiete z.T. abgelegen sind, und die Fähigkeit, ohne
Störung der Natur zu sehen, zu beobachten und zu lernen.
Kellner-Heinkele, Barbara, Ingeborg Hauenschild, Hrsg.: Türkei. Streifzüge
im Osmanischen Reich nach Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts.
Frankfurt am Main 1990 [Societäts-Verlag].
Der Wandel eines Landes und seine revolutionäre Modernisierung wird dem
Reisenden besonders deutlich beim Vergleich mit den Reiseberichten aus den
letzten beiden Jahrhunderten.
Kortum, Gerhard: Landwirtschaft in der Türkei. Neuere
Entwicklungstendenzen und Perspektiven für die Zukunft. Geographische
Rundschau 1981, Heft 12. S. 549-555
Krieg und Sieg in Ungarn Die Ungarnfeldzüge des
Großwesirs Köprülüzâde Fâzil Ahmed Pascha 1663 und 1664 nach den
»Kleinodien der Historien« seines Siegelbewahrers Hasan Aäa. Übersetzt,
eingeleitet und erklärt von Erich Prokosch. Osmanische
Geschichtsschreiber, Herausgegeben von Dr. Richard F. Kreutel, Band 8.
Graz / Wien / Köln 1976 (Verlag Styria).
Langenscheidts Sprachführer Türkisch.
Laufend aktualisierte Ausgaben.
Matschke, Klaus-Peter: Die Schlacht bei Ankara und
das Schicksal von Byzanz. Studien zur spätbyzantinischen Geschichte
zwischen 1402 und 1422. Weimar 1981 [Hermann Böhlaus Nf./Forschungen zur
mittelalterlichen Geschichte Band 29]
Meier-Braun, Karl-Heinz und Yüksel Pazarkaya (Hg.):
Die Türken. Berichte und Informationen zum besseren Verständnis der Türken
in Deutschland. Frankfurt 1983 [Ullstein Sachbuch, Ullstein Buch 34132].
Unverzichtbare Grundinformationen über türkische Kultur und Geschichte.
Leicht lesbar; in der Qualität nicht ganz einheitlich.
MERIAN: dtv-merian Reiseführer Türkei. Text und Fotos
Michael Neumann-Adrian und Christoph K. Neumann. München 1989 (5.,
aktualisierte Auflage) [dtv 3732].
Ausführliche Kapitel zu weniger bekannten Orten, Festen, Ereignissen etc.
in der Einführung, anschließend regional gegliederter, wenn auch knapp
gefaßter Reiseführer.
MERIAN-Hefte „Türkei" und „Istanbul" (12/XV Jg. und
5/1985).
Brauchen keine extra Empfehlung: Farbig, anschaulich, kompetent! Das
Türkei-Heft ist aktuell und besonders informativ
Šen, Faruk: Türkei. Land und Leute. Unter Mitarbeit von Kara Blume.
Aktuelle Länderkunden. München 1985 [Becksche Schwarze Reihe 803. C.H.
Beck]
Sehr empfehlenswerte, kenntnisreiche und doch kritische Einführung vor
allem in die gesellschaftlichen Probleme der heutigen Türkei.
Šen, Zeki: Industrialisierung in der Türkei. Das Beispiel Çerkezköy.
Geographische Rundschau 1982, Heft 2. S. 58-62
Peters, Richard: Die Geschichte der Türken. Stuttgart
19662 [Urban Bücher Bd. 54. Kohlhammer Verlag] {The Story of the Turks –
from Empire to Democracy. New York 1959}
(vergriffen, aber in Bibliotheken erhältlich) Noch immer der beste
Geschichtsabriß; lesbar aber mit wissenschaftlichem Rang. Nicht
aktualisiert für die neueste Zeit.
Polyglott Reiseführer Türkei (große Ausgabe).
Laufend aktualisierte Ausgaben. Für die „nackten Daten" der Reiseplanung
empfehlenswert. Eignet sich zur kurzen Information und für praktische
Reisefragen.
Ritter, Gert: Landflucht und Städtewachstum in der
Türkei. Erdkunde, 26.Jg., 1972, Heft 3
Ritter, Gert: Moderne Entwicklungstendenzen
türkischer Städte am Beispiel der Stadt Kayseri. Geographische Rundschau
1972. S. 93-101
Roth , Jürgen u. a.: Geographie der Unterdrückten.
Die Kurden. rororo Sachbuch. Geschichte, Kultur der Kurden. Reinbek 1978.
Und als zusätzliche, dringende Empfehlung: Hintergründe des
Südostanatolien-Konfliktes.
Runciman, Steven: Die Eroberung von Konstantinopel
1453. München 1977 [dtv WR 4286] {München 1966 [C.H.Beck]. – The Fall of
Constantinopel. London o.J. [Cambridge University Press]}
Steinbach, Udo, Rolf Hofmeier, Mathias Schönborn
(Hg.): Politisches Lexikon Nahost. München 1979. Beck’sche Schwarze Reihe
Bd. 199.
Fundierte Grundlagenartikel zu allen Nahostländern. Den Artikel über die
Türkei schreibt Udo Steinbach (Deutsches Orient-Institut Hamburg).
Steinbach, Udo: Atatürks Staat in der Krise.
Geographische Rundschau 1981, Heft 12. S. 534-538
Steinbach, Udo: Türkei. In: Steinbach, Hofmeier,
Schönborn, Politisches Lexikon Nahost. München, 1979 [Becksche Schwarze
Reihe 199. C.H.Beck]
Stratil-Sauer, Gustav: Zur Wirtschaft der modernen
Türkei. Geographische Rundschau 1972. S. 83-92
Tükel, Jale, Hrsg.: Reise Textbuch Istanbul. Ein
literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt. München 1987 [dtv
3904].
Literarische Texte zu den Orten und Gebäuden in Istanbul aus einem
Zeitraum von über 1000 Jahren. Auch moderne türkische Autoren sind mit
berücksichtigt. Über weite Strecken ist diese Sammlung eine
Liebeserklärung an Istanbul.
Türkoğlu, A.: Entwicklungstendenzen der Bodennutzung
in der türkischen Landwirtschaft. In: K. Ruppert, Sozialgeographische
Probleme Südosteuropas. Aspekte raumdifferenzierender Prozeßabläufe.
Münchener Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeograhie, Hgg. von K.
Ruppert, F. Schaffer, E. Thiel. S. 97 – 104. Regensburg 1973 [Michael
Lassleben Kallmünz]
Yurtdaš, Barbara: Gebrauchsanweisung für die Türkei. München 1989 [Piper]
Ein gut lesbarer, aufschlußreicher Blick auf die türkische Alltagskultur,
der zu Verständnis und Einfühlungsvermögen beitragen kann. Sehr
empfehlenswert! (Von Gastfreundschaft, Höflichkeit, Sitte, Ehre, Glaube,
Speisen, Hygiene und vom Wandel der Gesellschaft.)
Yurtdaš, Barbara: Wo mein Mann zuhause ist. Reinbek 1984 [rororo]
Beste literarische Einführung, die unmittelbar betroffen macht und den
„Blick von Unten" auf die türkische Situation eröffnet. Sollte jeder
lesen!
Einführungen in das Thema Islam
Islam – was ist das? Anmerkungen zur
Entstehungsgeschichte, Verbreitung, Kunst und Kultur. Staatliche Museen
Berlin (West).
Knappste Einführung. Gut verständlich.
Cahen, Claude: Der Islam I. Vom Ursprung bis zu den
Anfängen des Osmanenreiches.
Grunebaum, Gustav E. von: Der Islam II. Die
Islamischen Reiche nach dem Fall von Konstantinopel. Fischer
Weltgeschichte Band 14/15 (Fischer TB).
Detaillierte und zuverlässige, aus traditioneller orientalistischer Sicht
geschriebene Einführungen.
Tibi, Bassam: Die Krise des modernen Islams. Eine
vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter. C.H.Beck
(Becklsche Schwarze Reihe 228).
Das Standardwerk über die heutige Situation im Islam.
Said, Edward W. : Orientalismus. Ullstein
Materialien.
Die grundlegende Auseinandersetzung mit des europäischen „Orientbild";
Materialreich (400 S.), polemisch und wissenschaftlich exakt.
Hinweise auf weiterführende Fachliteratur zu den
Themen: Islam allgemein (Geschichte und Glaubenslehre, heutige Probleme),
Orientalismus und Kulturkontakt, Interkulturelle Erziehung,
Ausländerpädagogik und Dritte-Welt-Didaktik
Amiran, D.H.K.: Effects of Climatic Change in an Arid
Environment on Land-Use Patterns. „Changes of Climate": Proceedings of the
Rome Symposium, organ. by UNESCO and WMO, Rome, 2.-7. Oct. 1961. Arid Zone
Research XX. UNESCO, Paris, 1963, pp. 437-442.
Bauer, L.: Gedanken zur wissenschaftstheoretischen
Grundlegung und Motivation des Geographieunterrichts. In: Fick, a.a.O.
Bauer, Walter: Fridtjof Nansen. Humanität als
Abenteuer. Frankfurt/M. 1981 [Fischer Taschenbuch 5091]. {„Die langen
Reisen". München 1956 [Kindler Verlag]}.
Bianca, Stefano: Architektur und Lebensform im
islamischen Stadtwesen. Baugestalt und Lebensordnung in der islamischen
Kultur, dargestellt unter besonderer Verarbeitung marokkanischer Quellen
und Beispiele. Zürich 1975 [Verlag für Architektur Artemis,
Studio-paperback].
Bitterli, Urs: Die „Wilden" und die „Zivilisierten".
Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen
Begegnung. München 1982 [dtv 4396] {München 1976 [C.H.Beck]}.
Bobek, Hans: Die Hauptstufen der Gesellschafts- und
Wirtschaftsentfaltung in geographischer Sicht. In: Die Erde. 90.Jg., 1959,
S. 259-298.
Busse, Heribert: Die theologischen Beziehungen des
Islams zu Judentum und Christentum. Grundlagen des Dialogs im Koran und
die gegenwärtige Situation. Grundzüge Bd. 72. Darmstadt 1988
[Wissenschaftliche Buchgesellschaft].
Butzer, K.W.: Changes of Climate During the Late
Geological Record. Introductory Remarks. Quelle siehe: Amiran, pp.
203-221.
Ceram, C.W. [= Kurt W. Marek]: Enge Schlucht und
Schwarzer Berg. Entdeckung des Hethiter-Reiches. Reinbek ab 1966 in vielen
Auflagen (Originalausgabe New York 1955).
Cornelius, Friedrich: Geschichte der Hethiter. Mit
besonderer Berücksichtigung der geographischen Verhältnisse und der
Rechtsgeschichte. Darmstadt 1973 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft).
Dörr, B. u.a.: Mit welchem Recht? (I)
Entwicklungshilfe aus der Sicht von Entwicklungshelfern. Dortmund 1980
(pad).
Duri, Abdalaziz: Arabische Wirtschaftsgeschichte.
Bibliothek des Morgenlandes. Zürich 1979 [Artemis] {Muqaddima fi t-Tarih
al-Iqtisadi al-`Arabi. Beirut 1969}.
Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde. Vorwort
von Jean-Paul Sartre. Reinbek 1969 [Rowohlt ro 1209/heute Suhrkamp Verlag
Frankfurt/M.] {Les damnes de la terre. Paris 1961}.
Fick, K.E., Festschrift für K. E. Fick: Die
Geographie und ihre Didaktik zwischen Umbruch und Konsolidierung. Hgg. von
K. H. Reinhardt. Frankfurter Beiträge zur Didaktik der Geographie Band I.
Frankfurt 1977.
Fisher, W.B.: The Middle East. A Physical, Social and
Regional Geography. London 19716 [Methuen].
Fohrbeck, K., A. J. Wiesand, R. Zahar: Heile Welt und
Dritte Welt. Medien und politischer Unterricht I. Schulbuchanalyse.
Opladen 1978 (Leske).
Geographie als politische Bildung. Beiträge und
Materialien für den Unterricht. Geographische Hochschulmanuskripte Heft 6.
Göttingen 1978 (Gesellschaft zu Förderung regionalwissenschaftlicher
Erkenntnisse e.V., Oldenburg).
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: Zur Funktion
der politischen Bildung in Schule und Gesellschaft. Ergebnisse der GEW
Fachtagung 1979. Neue Reihe Heft 2. Hannover 1979.
Gottschalch, W.: Schülerkrisen.
Entstehungsgeschichten autoritärer Persönlichkeiten. Reinbek 1977
(rororo).
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