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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
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Feo Jernsson:
Der Jammer mit dem ‚Historismus‛
und seinen Verfremdungen
Unsystematische Gedanken (ca. 2000)
„Historismus“ – ein Begriff, der auf den geschichtsinteressierten
Menschen eine Faszination ausübt. Weil er verspricht zur Bedeutsamkeit allen
Geschehens der Vergangenheit etwas auszusagen. Doch weit gefehlt:
‚Historismus‛, wie er sich bisher dargestellt hat (d.h. von den Beteiligten
vorgeführt wurde) ist das Stichwort für eine sich selbst überflüssig machende
Streiterei erlauchter Geister. Und zwar deshalb, ob Erkenntnisse der
Geschichtsforschung sich sowohl unheilvoll auswirken können, dass sie den
Menschen der Gegenwart bei der Bewältigung seiner Probleme behindern bzw. ihn
dazu unfähig machen. ‚Historismus‛ ist also mehr das Stichwort für einen
Irrgarten, in den der Mensch sich verläuft, weil er auf die Historie, also
Vergangenes, starrt, was ihn lebensuntüchtig zu machen droht.
Aus der Riege der Geistesgrößen, die sich fast ein Jahrhundert
hindurch um den ‚Historismus‛ gestritten haben, seien einige genannt. So
Jacob Burckhardt,i
Johann Droysen,ii Wilhelm Dilthey,iii Ernst Troeltsch,iv Max Weber,v Karl Heussi,vi Friedrich Meineckevii
im Bereich Geschichte und Philosophie und Albert
Schweitzer,viii Franz Overbeckix
und Rudolf Bultmannx
in Religionsgeschichte. Ihre Auslassungen sind so konträr, dass sie sich zu
einem Denkgerüst nicht zusammensetzen lassen, geschweige denn, dass es ihnen
gelang eindeutige Begriffe zu erarbeiten. ‚Historismus‛ ist demnach eine
schillernde Angelegenheit, ein oft ins Abseits führendes Getüftel, das dem um
Nachvollzug Bemühten reichlich Irritationen bereitet. Wer dächte da nicht an
das Sprichwort von den vielen Köchen, die den Brei verderben? Nach wie vor
stehen wir vor der Frage, ob geschichtliches Forschen und Wissen den Menschen
daran hindert, ethisch-sittliche Maßstäbe zu erkennen und zu pflegen. Ist
Geschichtskenntnis mitsamt dem Wissen um alle Relativierung in Zeit und Raum
tödlich für den Glauben an so genannte ‚ewige Worte‛ mit ihrem
Absolutheitsanspruch? Kann das überhaupt das zentrale Thema für den an
Geschichte Interessierten sein?
Ob nämlich die Beschäftigung mit Ergebnissen der
Geschichtsforschung unfähig macht für aktives Handeln inmitten von
Gegenwartsproblemen – das ist ebenso schlüssig, wie die umgekehrte Annahme,
dass eine aus welchen Gründen auch immer herrührende Erschaffung der Energien in
der Gegenwart dazu führt, sich lieber den Bildern der Geschichte (also dem
Vergangenen) zu widmen.
Bei allem gebotenen Respekt vor den Geisteshöhen des
Philosophischen: der Umgang mit dem ‚Historismus‛ ist der Zunft offenbar
gründlich danebengeraten. Mit einem solchen Vorhalt allerdings scheint man nicht
gerade salonfähig zu sein für Ziselierkunst an historischen Themen. Das ist
einzuräumen. Aber zur Rechtfertigung sei vorgebracht, dass es mir darum ging,
mithilfe des ‚Historismus‛ Einsichten in Sinnfälligkeiten und Strukturen des
Geschichte zu erlangen. Was dabei herauskam, war so etwas wie ein wissensmäßiger
Kropf, etwas für die Erkenntnis völlig Überflüssiges.
Einzig akzeptabel dünkt mich folgende Feststellung: „Weber
bemüht sich (…) um eine möglichst klare Trennung von ‚Wissen‛, d.h. empirisch
überprüfbarer Tatsachenkenntnis und ‚Glauben‛, d.h. subjektivem Für-wahr-halten“.
*
Es scheint angebracht, der hochstilisierten Erkenntnis – und
Wertediskussion – zu entgehen und nach sachgerechten Informationen über den
‚Historismus‛ Ausschau zu halten. Das ist durch einen Blick in den lexikalen
Bereich möglich. Hier mag eine Grundlegung zum Verständnis des ‚Historismus‛
(was er ist und sein will) weithin abgesetzt vom ‚Historismus‛-Gezänk der
geistig Prominenten möglich sein.
Das „Lexikon der Weltgeschichte“ sagt zum ‚Historismus‛:
„Vieldeutiger Begriff, schillerndes Schlagwort; zunächst im
wissenschaftsgläubigen 18. Jahrhundert entwickelte Richtung der
Geschichtsschreibung um ihrer selbst willen unter Verzicht auf Werturteile oder
praktische Nutzanwendung; beruht auf der in der Romantik entwickelten
genetischen Geschichtsbetrachtung in der Überzeugung, dass alles geschichtliche
Leben als Entwicklung und Wandel in kausalen Zusammenhängen begriffen und
erklärt werden könne; mündet schließlich ein in die philosophische Lehre von der
ausschließlich geschichtlichen Bedingtheit aller religiösen, geistigen und
sozialen Erscheinungen außer- und übergeschichtlicher Wertsysteme zu ethischem
Relativismus.“
Sehr kurz dagegen heißt es im „Knaur“: „Betrachtung der
Ereignisse vom Standpunkt der geschichtlichen Entwicklung aus unter Verzicht auf
Werturteile.“
Das „dtv-Lexikon“ sagt dazu: „Eine Weltansicht, die alle
Erscheinungen des kulturellen Lebens aus ihrer Geschichte heraus zu verstehen
sucht. Da die geschichtliche Erkenntnis das Einmalige und Individuelle
heraushebt, gerät der ‚Historismus‛ in Gegensatz zu allen geistigen Haltungen,
die auf das Allgemeine abzielen.“
Und ganz kurz wiederum „Das Deutsche Wort“: „…zu starke
Bewertung des Geschichtlichen, Gewesenen.“
Der „Neue Herder“ nennt den ‚Historismus‛ eine „Herleitung
des Geistes- und Gemeinschaftslebens nur aus der geschichtlichen Entwicklung,
sieht in Religion, Sittlichkeit, Recht, Wahrheiterkenntnis usw. nur Entwicklung
und Wandel, leugnet übergeschichtliche Gesetzlichkeiten und unwandelbare
Werte.“
Und der „Große Duden“ als letzter Auskunftgeber in dieser
Aufzählung, versucht es mit einer Gliederung wie folgt: „1. das die
Vergangenheit mit deren eigenen Maßstäben bewertende Geschichtsverständnis. 2.
eine Geschichtsbetrachtung, die alle Erscheinungen aus ihren geschichtlichen
Bedingungen heraus zu verstehen und zu erklären versucht. 3. Überbewertung des
Geschichtlichen. 4. in der Kunst auch Eklektizismus.“
Auch in diesen Informationen hinkt der ‚Historismus‛ unter
Vorwürfen daher. Seinem Kausalitätsdenken anhand menschlicher Logik werden
Vorhaltungen gemacht, die sich ihrerseits auf ‚ewige Werte‛ und ethische
Unwandelbarkeiten stützen. Der ‚Historismus‛ hat in allen diesen
Darstellungsweisen etwas mit dem Vorwurf von Missbrauch zu tun, dessen
sich sein geschichtliches Kausaldenken von Ursache und Wirkung vorgeblich
schuldig machen soll. Es hat offenbar gar nichts genützt, dass Weber den
richtigen Weg gewiesen hat, nämlich nicht geschichtliche Relativität und so
genannte ‚ewige Werte‛ gegeneinander zu setzen (siehe Seite 6). ‚Ewige Werte‛ im
Sinne von Religion und ähnliche Maßstäbe sollen aus dem Spiel bleiben, wenn man
sich mit den Relativitäten geschichtlicher Ereignisse beschäftigt. Wer sich als
Wanderer zwischen den Welten des Religiösen (und seinen Postulaten) einerseits
und der Begutachtung historischer Vorfälle betätigen will, muss wissen, dass er
auf schwankendem Boden tanzt. Gleichgewichtsverlust droht. Der Historiker als
Registrator der Geschichte sollte sich auf Fakten beschränken, allenfalls reine
Nutzenanalysen versuchen, aber ein primäres Herumfuhrwerken mit Moral, Ethos und
Glauben meiden. Aber ist das so überhaupt machbar? Mit den Eigenheiten des
Menschen und seinem Verlangen nach der ‚Moral von der Geschicht‛ wohl kaum.
*
Was tun? Den ‚Historismus‛ (als Begriff und Tat) begrenzen auf
seine einzige Bedeutung – die reine Wahrnehmung von Gewesenem, das
Bewusstmachen der Relativität des Geschehenen mit und um den Menschen;
Verherrlichung oder Verteufelung unterlassen und dabei wissen, dass man
Unmögliches verlangt. Wie bei allem, was mit dem Menschen zu tun hat!
Das eben ist der ganze Jammer mit dem ‚Historismus‛, dass er mit
seinem Versuch, die Geschehnisse der Vergangenheit darzustellen, das kritische,
das wertende Verlangen provoziert! ‚Historismus‛ ist also nur eine andere
Bezeichnung für die Konfusion der menschlichen Existenz zwischen Geschehenem
(Vollbrachtem) und Gewolltem (Erstrebtem). Ich meine, der ‚Historismus‛ als
Begriff ist nur zu retten, wenn man ihn zurücknimmt und einschränkt auf die
Bedeutung des rein Geschichtlichen als Vermittler des Wissens über Vergangenheit.
Und das ohne Attitüden zur Verherrlichung bzw. Rechtfertigungsabsicht. Also ohne
jegliches moralische Flechtwerk aus Philosophie und Religion. Einfach „es war
einmal“, aber ohne den sodann erhobenen Zeigefinger des Moralpädagogen.
Mit anderen Worten: Es gilt den ‚Historismus‛ von Überfrachtungen
zu befreien, die dadurch verursacht worden sind, dass die Protagonisten einer
intensiveren Geschichtsforschung behauptet haben, dass sich mit Hilfe der
wissenschaftlichen Dokumentation des Vergangenen die Relativität aller
Weltanschauungen und der so genannten ‚überzeitlichen Werte‛ deutlich machen
ließe. Das war zu viel. Die Angst kam auf, dass solche Relativierung zum Verlust
aller Wertmaßstäbe führen müsste. Und schon wurde historisches Denken und das
Bewusstsein dafür angegriffen und disqualifiziert. Aus dieser Angstschlinge
vermochte sich die Diskussion um den ‚Historismus‛ nicht mehr zu lösen. Und für
den Betrachter entsteht der Eindruck, dass nach dem ganz großen Erschrecken über
die Geschehnisse der dreißiger und vierziger Jahre der ‚Historismus‛streit ins
Meer des Vergessens, d.h. der Verdrängung, abgeglitten sei.
*
Die Frage nach dem ‚warum‛ verlangt etwas genauere Antwort. Es
ist keineswegs zu gewagt zu behaupten, dass an diesem Gang der Dinge Historiker
wie Meinecke den Hauptanteil haben. Im Unterschied zu erlauchten
Geistern, die darum gestritten hatten, ob der ‚Historismus‛ wegen seiner
Relativierungstendenz dem modernen Menschen die ‚ewigen Werte‛ aus der Hand
geschlagen hätte, vertrat Meinecke eine ganze andere Auffassung vom
‚Historismus‛. Meinecke wörtlich: „‚Historismus‛ ist (…) nichts anderes als die
Anwendung der in der großen deutschen Bewegung
von Leibniz bis zu Goethes Tode gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das
geschichtliche Leben.“ Zitiert nach Anette Wittkau: ‚Historismus‛ (vgl.
Anm. 22). Sie folgert daraus „Mit (…) dem Problem des
Wertrelativismus, der Frage nach dem Verhältnis von Historie und Leben sowie
auch mit der Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der empirischen
Geschichtswissenschaft, hat auch der ‚Historismus‛ im Sinne Meineckes nichts
mehr zu tun.“ Das ist unübersehbar, doch es kommt noch deutlicher. „Und
schließlich reduzierte Meinecke (…) das Phänomen des ‚Historismus‛ und dem
Idealismus Humboldts und Rankes auf eine nur deutsche Bewegung. Die
Hervorbringung des ‚Historismus‛ bewertete Meinecke als eine der Großtaten
des deutschen Geistes.“ Und weiter: „Begriffsgeschichtlich betrachtet,
definierte Meinecke in einer Zeit der allgemeinen Verwirrung im Hinblick auf die
Frage, was ‚Historismus‛ nun eigentlich sei, den Begriff neu. (…) Aber seine
Umprägung des ‚Historismus‛-Begriffs bot dafür den Vorzug, dass das Kernproblem
des ‚Historismus‛, das Problem des Wertrelativismus, nicht mehr gelöst zu werden
brauchte, weil es stillschweigend eliminiert war. (…) Die Ausgrenzung der
Wertfrage und die nationalistische Umdeutung geben dem ‚Historismus‛ eine neue
Dimension, die ihn mit den politischen Grundtendenzen jener Jahre konform
erscheinen ließen.“
Aber nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und seiner
Machtambitionen ergab sich dann: „In genauer Umkehrung von Meineckes Definition
und Beurteilung des ‚Historismus‛ als eines Ausdrucks des deutschen
‚Andersseinwollens‛, galt der ‚Historismus‛ jetzt als ein Inbegriff deutschen
Fehlverhaltens“. Ein Abgrund tut sich auf zwischen Meineckes triumphaler
Formulierung, der ‚Historismus‛ in seinem neuen Verständnis sei „eine der
deutschesten Leistungen deutschen Geistes“ und Thomas
Nipperdeysxi
Feststellung, er sei eine ‚besondere deutsche Fehlentwicklung.‛ (Zitiert nach A. Wittkau.2)
Der Betrachter mag darauf ins Grübeln versinken.
*
Meineckes Meisterstück, uns den ‚Historismus‛ als Hymnus an den
nationalistischen deutschen Geist zu verkaufen, sollte kein Hindernis sein,
weiteren Gedanken um den ‚Historismus‛ nach zugehen. Entrümpelung von der
Nationaleuphorie wie von der anfänglichen Wertediskussion ist angesagt. Und auch
die mehr allgemein auf den abendländischen Kulturkreis ausgerichtete Geltung der
großen Sinnkrise nach dem ersten Weltkrieg, wie etwa bei
Troeltschxii,
sollte vom Überdenken nicht verschont bleiben. Alle diese Denkvertiefungen zum
Thema ‚Historismus‛ sind dabei zu reduzieren auf Grad und Geltung beiläufiger
Aspekte – beachtenswert zwar, aber nicht bedeutungsstark genug, um das Thema zu
dominieren. Ist es zulässig, das so schlicht zu sagen? Es kann wohl nur als
Bemühung empfohlen werden. Wenngleich das Denken in historischen Kategorien
gewiss aus den geistigen Entfaltungen des Abendlandes entstanden ist, so kann
der ‚Historismus‛-Begriff nicht ausschließlich auf ihren Anteil beschränkt
bleiben. Er muss überall dort Geltung haben, wo Geschichte denkend wahrgenommen
wird. Insgesamt lässt sich sagen: Das Leben inmitten von Gegenwart (und
werdender Geschichte) erfordert einen gewissen Pragmatismus. Auch interessante
denkerische Ausflüge, wie sie unter dem Kennwort ‚Historismus‛ unternommen
worden sind, finden ihrerseits irgendwie und irgendwann ihre Grenzen. Oder sie
gleiten ins Abstruse, wie gehabt.
Ganz bescheiden ausgedrückt, könnte der ‚Historismus‛ die
Anschauung sein von der Kausalität (Verursachung) und Relativität (Bedingtheit)
allen Geschehens der Vergangenheit. Wer mehr behauptet, begibt sich aufs
Drahtseil.
*
Friedrich Meinecke hat, als er dem ‚Historismus‛ umdeutete, von der
„großen deutschen Bewegung“ gesprochen, die etwa in den Jahren von 1760 bis
1830 vor sich ging. Gemeint war damit das mit dem so genannten ‚Sturm und Drang‛
aufkommende und sich im deutschen Idealismus fortsetzende Zeitverständnis. Dem
Rationalismus der ‚Aufklärung‛ wurde antirationale Gefühligkeit
entgegengesetzt. Das Ganze gipfelte in der Romantik und schwang noch lange ins
vorige Jahrhundert fort. Die Einsicht drängt sich auf, dass Meinecke danach
trachtete, diese erst vorangegangene ‚große deutsche Bewegung‛ mit der
NS-Bewegung in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Nicht von ungefähr war doch
im deutschen Idealismus die Ausartung zum Nationalismus bereits angelegt. Und so
entstand das deutsche Befinden des eigenen Soseins und Andersseins als das der
übrigen europäischen Nationen (und Völker). Das wiederum hat dem historischen
Bewusstsein der Deutschen jene Komponente verliehen, die Meinecke als
‚Historismus‛ deutete. Aber 1945 war der ganze Spuk vorbei. Der neu gedeutete
‚Historismus‛ war im Angesicht des Geschehens erledigt, nicht mehr verwendbar
als tragendes Element deutscher Geschichte. Versuche, das Gewicht nun auf den
abendländischen Bereich zu verschieben und durch eine solche perspektivische
Erweiterung die elitäre Note des ‚Historismus‛ im Sinne Meineckes zu bewahren,
scheiterten bald. Die neu aufkommende Europa-Bewegung, ganz auf Zukunft
ausgerichtet, dämpfte die intensive Beschäftigung mit Geschichte der gewohnten
Weise. Auch die alten Diskussionen, ob der Umgang mit Geschichte von der
Konzentration auf die Gegenwartsprobleme ablenke, gerieten ins Abseits. Sie
wurden überflüssig.
*
Der Blick auf die Anfänge kann helfen, das vernünftige Maß dessen
zu finden, was Geschichtlichkeit und ‚Historismus‛ ist. Die Anfänge der
Bewusstwerdung des Menschen über sich selbst als geschichtlich bedingtes und
begrenztes Wesen liegen in der so genannten Aufklärung inmitten des 18.
Jahrhunderts. Folge und Fortsetzung der Renaissance und des Humanismus, die
ihrerseits die Frühstadien der Loslösung des Menschenbildes aus den Fesseln des
mittelalterlichen Kirchentums waren.
Die Aufklärung ihrerseits wurde der Anstoß zur
Verwissenschaftlichung des menschlichen Denkens und Sinnsuchens, wobei sich
philosophische Spekulation und empirische Bearbeitung der Vergangenheit (der
Gewordenheit des Menschen) konkurrierend gegenübertraten. Aus dieser Rivalität
entwickelte sich bald der Zwiespalt, der zur Umstrittenheit des empirisch
festgelegten ‚Historismus‛ führte. Seine Begrenztheit (Relativität) auf
Nachweise und Fakten geriet in Gegensatz zum Anspruch auf Setzung normativer
(‘ewiger’) Werte durch die Annahmen der Philosophie und Weltanschauung. Wie
dieser Reigen fortwirkte, ist gesagt worden.
*
-
‚Historismus‛ im ursprünglichen Sinn hat also nur mit
Geschichtsforschung und ihrer Darstellung zu tun. Mehr nicht. Seine
Relativierung ist episodisch und nur so.
-
Wer den ‚Historismus‛ mit philosophischer Spekulation
überzieht, droht auf spiegelglattem Grund auszugleiten und zu stürzen.
-
Doch Hypothesen zum Geschehen der Vergangenheit können auch bei
begrenzter Auffassung über ‚Historismus‛ aufgestellt werden. Sie dürfen aber
ihrerseits nicht ausarten zu ungehemmten Spekulationen. Und sie müssen in
ihrer Relativität deutlich gemacht werden. Mit anderen Worten: Sie sollten
auch nur den Hauch des Philosophierens meiden.
-
‚Historismus‛ ist das JA zur geschichtlichen Erkenntnis
aus empirischer Forschung. Er setzt geistige Disziplin voraus. Und so ist er
das Gegenteil von nostalgischen Vorstellungen und idealisierten, geschönten
Bildern der Vergangenheit. Auch ist er nicht Helfershelfer für nationale oder
ähnliche Erbauung. Aber eben dafür ist er, sind seine Ergebnisse, oft in
Anspruch genommen worden.
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‚Historismus‛ ist auch nicht von seinem Anfang her (Burckhardt, Droysen)
eine „Überbewertung des Geschichtlichen“ (wie der Große Duden behauptet).
Das ist nur ein Nachbeten der Behauptung seiner Gegner.
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‚Historismus‛ ist auch kein geschlossenes Begriffsgebäude, das
mit seinem Kausalitäts- und Relativitätsdenken eine letztgültige Antwort zum
Machtaufstieg des Hitlerismus geben kann. Unzählbare Imponderabilien entziehen
sich einer schematischen Bewertung und wirken dennoch mit in der Geschichte.
-
Bei Betrachtung der Geschichte kann der ‚Historismus‛ wohl
helfen, aber er kann keine Welterklärung sein oder die Grundlage für eine
Weltanschauung.
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Ganz allgemein gesehen, ist der ‚Historismus‛ eine tendenzielle
Befürwortung zugunsten der Bedeutsamkeit der Geschichte im menschlichen
Dasein.
-
Das alles sind Gedanken, die sich aufdrängen, wenn man sich mit
der fast schon bizarren Geschichtlichkeit des ‚Historismus‛ und der
kontrastreichen Diskussion um ihn beschäftigt. Es sind obendrein unsystematische
Gedanken und mögen es bleiben.
*
War Hitler unvermeidbar? Fragt man so, dann bewegt man sich auf
schmalem Grat.
Lässt sich das Kommen Hitlers nach der deutschen Niederlage im
ersten Weltkrieg als Konsequenz in Zweifel ziehen? Die Bejaher der Kausaltheorie
werden es nicht tun. Für sie ist der Fall klar: ohne vorangegangene Niederlage
kein Hitler. Die Zweifler am Kausalitätsdenken folgen dem nicht. Sie meinen,
Hitler hätte nicht die logische Folge sein müssen. Es habe andere Möglichkeiten
gegeben, nur seien sie nicht genutzt worden. Nichts sei unvermeidlich, es gäbe
immer Alternativen. Diese wollten eben nur wahrgenommen werden. Aber wer war
Schuld daran, dass sie nicht genutzt wurden? Die Frage nach der
Verantwortlichkeit drängt sich damit zusätzlich auf. Es wird kompliziert. Und
dubios zugleich.
Eine weitere Frage: Welche Alternative zu Hitler gab es denn? Die
der mühsamen, beharrlichen Revisionsbestrebungen zur Aufhebung der Kriegsfolgen,
wie sie etliche deutsche Regierungen der Nachkriegszeit betrieben haben?
Politiker fast aller Richtungen (Zentrum, Nationalliberale, Deutschnationale)
waren daran beteiligt. Auch Sozialdemokraten und horribile dictu – sogar
die Kommunisten. Sie blieben praktisch so gut wie erfolglos. Die Versprechungen,
die sie partiell von den Siegern erhielten, waren zu wenig. Hitler ‚überholte‛
die Revisionisten und ihre Alternative 1933. Und bei näherer Betrachtung dieser
Alternativen und ihrer Verfechter zeigt sich, dass hier eben doch Ambitionen im
Spiel waren, allenfalls graduell, was die Mäßigung anbetrifft, von denen
Hitlers unterschieden. Ihren Niederschlag fanden sie später im anti-hitlerschen
Widerstand. Ihre Kritik (und damit ihre alternativ zu sehende Absicht) betraf
die Ablehnung der mörderischen Brutalität Hitlers. Sie betraf nicht das
Großmachtstreben, den Vorranganspruch in Mittel- und Osteuropa, nicht die
Beseitigung der Versailler Ordnung und nicht die autoritative Staatsform. Der
politische Revisionismus in Deutschland, sein rechter Flügel, hat ganz gezielt
Hitler in den Sattel gehoben – von der Harzburger Front bis zu
Hindenburgs Tat der Berufung Hitlers zum Kanzler. Und auch die
wesentlichsten Kräfte des Widerstandes haben dokumentarisch bewiesen, dass sie
letztlich, konzeptionell gesehen, keine politische Alternative waren. Die
angebliche Alternative hat hier die Funktion einer Ausrede. Und es entsteht der
Eindruck, dass die Logik der Kausalität in der Geschichte doch sehr ernst zu
nehmen ist.
Nachtrag zu diesem kleinen Exkurs: Es ist bewusst nur von der
politischen Konzeption Hitlers und im Vergleich dazu seiner deutschnationalen
Kontrahenten die Rede. Und das unter Ausklammerung der ethisch-moralischen
Gesichtspunkte. Sichtbar werden sollte die Vertracktheit alles Argumentierens in
Bezug auf die ‚Alternativen‛. Nach meinem Erachten gab es damals keine, die auch
nur eine entfernte Chance gehabt hätte. Für die Durchsetzung in der
Geschichtswirklichkeit zählten nur die autoritativen Nationalen oder die
brutalen Nationalsozialisten. Oder ist das Beispiel von der ‚Alternative‛ in
Deutschland ein Missverständnis und die Ablehnung der logischen Unvermeidbarkeit
der geschichtlichen Entwicklung beruht ganz einfach auf der Annahme, dass
denkbare Zufälle oder irgendwelche anderen Auslöser die wirklichen Beweger sein
können?
Fragen, die viele Antworten herausfordern, ohne dass sie
letztlich überzeugende Antworten sein können. Alles bleibt schwankend, ist
Einschätzungssache.
*
Aber die Situation im Deutschland der dreißiger Jahre ist wohl
ein weniger geeignetes Beispiel: Alternatives Denken (also die anderen, von der
Kausalität abweichenden Möglichkeiten wie auch Zufälle oder Irrationalitäten)
contra Kausal-Logik in der Geschichtsbetrachtung. Es gilt also ein anderes
Beispiel zu finden, ein geeigneteres für die Gegenüberstellung. Also:
Bei Lutter am Barenberge
schlug Tilly, der Feldherr der katholischen (süddeutschen) Liga, im Jahre
1626 den Dänenkönig Christian, der versuchte, im protestantischen
Norddeutschland eine dänische Schirmherrschaft zu errichten. Als Folge des
katholischen Sieges – die Dänen zogen sich zurück – fand im Jahre 1627 auf
Initiative von Bürgern der oberschlesischen Stadt Gleiwitz, die damals,
wie das ganze Schlesien, unter habsburgischer Herrschaft stand, eine
Dankeswallfahrt zur ‚Schwarzen Madonna‛ in Tschenstochau (pln.:
Częstochowa; L.N.)
statt. Diese Veranstaltung war wesentlicher Anstoß zur Entstehung der späteren
nationalpolnischen Marienverehrung auf der Jasna Góra in eben dieser
Stadt, die bis heute anhält und zu den ganz bedeutenden Regelereignissen
gehört.
War das Zufall oder ist hier das Wirken von Kausalität
wahrnehmbar? Hätte es nicht etliche alternative Entwicklungen zu der Gleiwitzer
Initiative gegeben? Zum Beispiel diese, dass der katholische Sieg über die Dänen
in Bayern – Tilly war General des bayerischen Kurfürsten – zu einer
entsprechenden Initiative geführt hätte. Der Gedanke etwa an Altötting könnte
sich aufdrängen. Doch es kam anders. Der Muttergotteskult von Tschenstochau
geht auf das Geschehen von Lutter am Barenberge zurück. Die Bürger des
oberschlesischen Gleiwitz, das im ‚Heiligen Römischen Reich‛ lag, gingen nach
Tschenstochau zum Paulinerkloster mit seiner Madonna, weil es der geographisch
nächste bedeutende Verehrungsort war und weil zwischen der Region Oberschlesien
und dem polnische Tschenstochau keine, das Unternehmen behindernde,
Sprachbarriere bestand. Beiderseits der ‚Reichsgrenze‛ war polnischer
Sprachraum. Und die Katholizität war hier wie dort beherrschend. Um ihretwillen
sollte des Sieges vom Barenberge über die protestantischen Dänen festlich
gedacht werden.
Was prägte dieses Ergebnis: Zufall oder Kausalität? Oder wird
hier nur falsch gefragt? Vielleicht einfach zu kurz gedacht? Je mehr Gedanken
darum kreisen, umso größer wird die Unsicherheit. Alle Anschauungen und
Argumente wirken fadenscheinig. Und nicht ohne Grund haben derartige
Auffassungen, die das Verständnis vom ‚Historismus‛ beherrschten, diesen selber
‚ad absurdum‛ geführt. Was blieb, waren dann Formulierungen wie ‚Vieldeutiger
Begriff‛ und ‚Schillerndes Schlagwort‛ oder ‚Überbewertung der Geschichte‛. So
zu finden unter den lexikalen Auskünften dieser Betrachtung.
*
Wie Karl Marx einst behauptete, er wolle Hegel
philosophisch vom Kopf auf die Füße stellen, so sei hier der Versuch gemacht,
aus der Sackgasse der Widersprüche des ‚Historismus‛ herauszukommen durch
schlichte Umkehrung der Perspektive. Nicht mehr der Verursachungsstreit
‚Kausalität‛ oder ‚Zufall‛ (Alternative) steht zur Erörterung. Die Vorgabe
lautet nun: „Im Ablauf der Geschehnisse gibt es nichts Vermeidbares“.
Mit anderen Worten: Nichts, ob kausal oder zufällig bedingt, ist vermeidbar.
Das Unvermeidbare ist sogar immer gegenwärtig! Als Möglichkeit! Von daher wird
das Denken mit Alternativen/Zufällen eine hoffnungslose Sache.
„Alles, was geschieht, ist auch möglich“. So sei versucht, es zu
banalisieren. Nicht ohne Ironie lässt sich das sagen. Anders, so scheint mir,
ist nicht aus der Verfahrenheit der ‚Historismus‛ Debatte herauszukommen.
‚Historismus‛ hat mit Geschichte zu tun. Mit Neigung zu ihr; mit
Beachtung für sie. Er sollte unabhängig von welt- und sonstigen Anschauungen
bleiben. Keinen modischen Aspekten unterworfen. Seine Aufgabe – zugleich
Kriterium für seine Bedeutung, seine Geltung – ist Information, ist Erklärung,
ist Nachdenken über Geschehenes. ‚Historismus‛ ist durchaus auf Wertung des
Gewesenen gerichtet; ohne Areopag zu sein. Überbewertung seiner selbst – also
der des Geschichtlichen – ist schädlich für ihn. ‚Historismus‛ ist kein
Schlüssel für den Lauf der Welt, der zu erkennen und zu handhaben wäre. Er ist
Einsicht, Erkenntnis von der Notwendigkeit, sich mit den Zusammenhängen
vergangenen Geschehens zu beschäftigen. Und das sachlich fundiert, um
Nebelschleier der Mystik zu teilen und das Wuchern von Mythen in Grenzen zu
halten. Mit anderen Worten: Um der Dumpfheit des Unbewussten überschaubare
Bewusstheit mit ihren Maßen und Grenzen entgegen zu stellen. Das Auftauchen des
Menschen, seines Verstandes – aus den Verstrickungen des Mittelalters in
selbstentfremdendem Irrationalismus wäre ohne den ‚Historismus‛ der Aufklärung
wohl kaum zu leisten gewesen. So meine Assoziationen zum Thema.
Als Gegenströmung zur Aufklärung entfaltete sich Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts die ‘Romantik’. Ihre markanteste Ausprägung fand sie in
Deutschland, wo sie einer gefühligen Rettungsaktion des Mittelalters, seines
Ansehens und seiner Zustände glich.
Das Wort an Hans Kohn („Wege und Irrwege“): „Die
Aufklärung war die erste geistige Bewegung, die Europa als Ganzes erfasste. Die
Romantik, die in vieler Hinsicht eine Revolte gegen die Aufklärung darstellte,
war die zweite. Überall wurden die vom Klassizismus auferlegten Regeln
verworfen, wurde das freie Spiel der Phantasie über alles gestellt, das
Ungewöhnliche zum Fetisch und das Genie zum Halbgott gemacht. Aber nirgendwo so
wie in Deutschland beeinflussten die Dichter und Denker der Romantik politische
und soziale Vorstellungen. So apolitisch die deutsche Romantik auch anfänglich
gewesen sein mag, nach 1800 förderte sie die Entwicklung des deutschen
Nationalismus und wirkte sich ebenso gestaltend auf ihn aus wie die Aufklärung
(…) Westeuropas. Ursprünglich war die Romantik eine ästhetische Revolution, ein
Zufluchtnehmen zu(r) (…) Phantasie. (...)
Doch die deutsche Romantik beschränkte sich nicht auf Poesie. Sie
nahm mit der Deutung von Leben, Natur und Geschichte philosophischen Charakter
an und darin unterschied sie sich von den romantischen Strömungen in anderen
Ländern. Den Rationalismus
des achtzehnten Jahrhunderts verachtend, beschwor sie den Zauber der
nationalen, ja sogar der germanischen Vergangenheit herauf, um dadurch das
Ansehen der Prinzipien von 1789 zu schmälern. (…) Die deutschen Romantiker (…)
entdeckten gerade im Mittelalter das Wunderland, das sie in der Gegenwart
vergeblich suchten. Von der zeitgenössischen Welt abgestoßen, ließen sie sich
von der Vergangenheit inspirieren. Immer wieder vermischten sie Dichtung mit
Geschichte und Politik.“
Die Romantik war es, die den ‚Historismus‛ von Anfang an in eine
Schieflage gebracht hat. Denn historische Forschung hat sehr oft ein Ergebnis,
das den romantisch angehauchten Vorstellungen nicht entspricht. Der Mensch jagt
auch bei der Betrachtung der Vergangenheit allerlei Wunschvorstellungen nach.
Das Nostalgiebedürfnis ist dabei der Motor. Die Vergangenheit wird verklärt,
weil man sich vor der Gegenwart mit dem Rückgriff auf sie rechtfertigen will.
Die Romantik artete aus zu einer Dauerfestlichkeit des Vergangenheitskultes. Die
‚Rettungsaktion Mittelalter‛ schien im Mythos von den Hohenstaufen
geglückt.
Die Mythenbildung unter dem Stichwort ‚Barbarossa‛ ist
allerdings nur der markanteste Fall derartiger Wunschvorstellungen. Bei näherem
Hinsehen wimmelt es von Mythen und Legendenbildungen in Bezug auf Geschichte.
Das aber nicht nur bei den Deutschen.
Die Verfremdung der Vergangenheit durch Wunschvorstellungen, also
Nostalgisierung hat etwas mit Eklektik (Auswahlverfahren, Herausdeuterei) zu
tun. Man sucht sich aus, was man möchte und wie man’s möchte. Mit sachbezogener
Forschung und deren Ergebnissen hat das dann nichts mehr zu tun. Also auch nicht
mit dem originären ‚Historismus‛.
In der Architektur vermittelt der so genannte Eklektizismus, ein
ausgesuchtes Sammelsurium von verschiedenen Stilarten, den oft schrecklichen
Eindruck, was alles möglich ist. Das wird dann auch noch als ‚Historismus‛ (in
der Architektur) ausgegeben.
Es ist also eine Anknüpfung an die Vermanschung der realen Geschichte durch
Nostalgieanfälle im Zuge der Romantik. Und deren poetisch-pathetische Attitüden
üben eine merkwürdige Herrschaft über alles Geschichtliche aus.
*
Nicht geschichtliche Sachkenntnis, sondern
‚Bilder aus deutscher Vergangenheit‛
beherrschten nachgerade das schmale historische Wissen der Öffentlichkeit und
damit der Gesellschaft. Die Romantik als Gegenbewegung zur Aufklärung schickte
sich an zum Liquidator des ursprünglichen ‚Historismus‛ zu werden. Ihre Wunsch
und Phantasiebilder wucherten oft weit über die einstige Realität hinaus, denn
hinter ihnen stand das Verlangen nach politischem Gewinn durch sie. Sie sollten
helfen, durch Hinweise auf einmal Gewesenes Erfolge in Gegenwart und Zukunft zu
erlangen. Wobei das ‚Gewesene‛ oft zur schlichten Behauptung verkümmerte, wenn
es galt, die Vergangenheit als Handlungs- und Erfolgsmuster zu bemühen.
Sichtverengung war angesagt, je nach Zielrichtung eigener Vorstellungen. Das
hatte mit den ursprünglichen Ansätzen des ‚Historismus‛ nichts mehr zu tun.
Geschichtsklitterung und -verfälschung waren das Ergebnis des romantischen
Aufstandes gegen die ernstzunehmende Geschichte und die Forschungsarbeit an ihr.
Napoleon hat einmal gesagt, Geschichte
sei „die Summe der Lügen, auf die sich die Mehrheit einigt“. Formulieren
wir es herabmildernd: Die Mythen, Legenden und die ‚Bilder‛
sind es, die über das Gewesene, also Vergangene entstehen, wenn Menschen sich
damit beschäftigen. Und solche Bilder gehen zurück auf Erzähltes, auf bildhaft
Gemaltes oder Gemeißeltes und auf kartographisch Dargestelltes. Alle Bilder, ob
erzählte, gedruckte oder gemalte und kartierte, sind Produkte von Vorstellungen,
die zwar auf Gewesenem basieren, aber allzu leicht Wünsche – ja, Absichten – für
die Gegenwart und Zukunft fördern.
Als alpdruckartiges Beispiel steht mir das Monstrum des
Kyffhäuser-Denkmals in der Goldenen Aue vor Augen. Über alles Mythenerzählen
hinaus ist hier das ‚Bild‛ in Steinquadern aufgeschichtet zum Gedenken an
Kaiser Barbarossa als Legendengestalt und als Aufforderung zur
Wiederherstellung seines Reiches bzw. zur Bewahrung des Hohenzollern-Reiches,
das mit dem des Hohenstaufen sich selbst identifizierte. Mochte
diese Verknüpfung auch an Haaren herbeigezogen sein. Der Anspruch geht wie eine
Drohung von ihm aus. Hinter ihm steht das so gedeutete Verständnis von einem
tausendjährigen ‚Heiligen (römisch-)Deutschen Reich‛, das dann in die
Tausendjahre-Anmaßung der Hitlerzeit übernommen wurde. Aber auch vielerorts
anderswo auf der Landkarte Europas drohen Wunschträume von ‚tausendjährigen
Reichen‛. So z.B. im russischen politischen Denken in Bezug auf die westliche
Grenze an Karpaten und Weichsel oder in Polen den alternativen Ideen der
piastischen oder jagiellonischen Konzeption
oder vom Großmährischen Gedanken (des Tschechoslowakismus) oder vom
‚tausendjährigen‛ Ungarn-Reich der Stephanskrone oder dem Groß-Serbischen (spätbyzantischen)
Reich des Stephan Duschan. Das sollen nur einige Beispiele sein. Die
Blütenträume der im neunzehnten Jahrhundert erwachten Völker bzw. Nationen
wuchern bis heute. Denn die von der Romantik verursachte Verfremdung und
Entstellung der Geschichte hat noch kein wirkliches Ende gefunden. Kann sie das
überhaupt? Solange Menschen von Kartenbildern, also historischen Landkarten
‚großer Reiche‛ fasziniert werden, gewiss nicht.
Solches Erbe der romantisch zurechtgebogenen Geschichtsbilder
wurde dann auch noch ‚kultiviert‛ durch das Aufkommen der so genannten
Geopolitik.
„Betrachtung politischer Zustände, Kräfte und Vorgänge unter
geographischen Gesichtspunkten“ – so die lexikale Auskunft im ‚Knauer‛ zu
dieser Manier, die der Schwede Rudolf Kjellén begründete und die der
deutsche Ex-General Karl Haushofer so richtig in Schwung brachte. Die
Nationalsozialisten bedienten sich freudig dieser Methoden, um ihr
‘Großdeutsches Reich’ und bald darauf auch ihr geplantes ‚Großgermanisches Reich
deutscher Nation‛ damit zu legitimieren, das im zweiten Weltkriege von Norwegen
bis zur Krim Gestalt anzunehmen begann.
Die romantischen Bildergeschichten und die geopolitischen
Begründungen haben eins gemeinsam gehabt: Sie waren ‚reinrassiger‛
Eklektizismus. Ihre Argumente waren durch selektive Sichtweise geprägt. Was
gefiel, wurde passend gemacht und so vereinnahmt zu eigenem (politischen)
Vorteil. Bei den ‚Bildern aus der Vergangenheit‛ zur vorwiegend moralischen
Erbauung, bei den geopolitischen Begründungen zum Zwecke materiellen Nutzens.
Das alles war zweifelsfrei mit dem Odium des Missbrauchs behaftet. Bilder aus
der Vergangenheit und geopolitisches Gerede sind die Absage an seriöse,
forschende Vergegenwärtigung des Einstmaligen.
Es ist der Mensch in seinem unaufhebbaren Selbstwiderspruch, der
als sinnvoll Erkanntes durch Verfälschung oder durch verbissene Ablehnung zu
stören, gar zu zerstören versucht. Joachim Fest (der Hitler- und
Speer-Biograph) sagt dazu: „Das von der Aufklärung verkündete Grundvertrauen in
eine Welt, die trotz aller Aufhaltungen und Rückschläge zunehmend humaneren
Zuständen entgegengeht, ist seither ans Ende gelangt.“ Das zielt aufs Scheitern
eben der Aufklärung (von der ‚Historismus‛ ein Teil war) dadurch, dass die
Romantik mit ihrem Anti-‚Historismus‛ zum Nährboden des Nationalismus und
Rassismus wurde.
Immer wieder und auf irgendeine Art geschieht der „Sündenfall“.
Fatum unter dem Diktat der Dialektik, ohne die das Leben gar nicht wäre!
*
Es ist längst zur Gewohnheit geworden, bewusst ausgewählte Fakten
der Vergangenheit, aber auch Wunschbilder von Gewesenem mit politischen
Ambitionen und Zielvorgaben zu vermengen um Letztere von der Tradition her zu
legitimieren. Eine Folge des Kultes um das Volkhafte, Völkische als besonderen
Wert zu verankern – letztlich das markanteste bzw. das makaberste ‚Geschenk‛ der
Romantik.
War die anfängliche Furcht mancher ‚erlauchten Geister‛ vor dem
‚Historismus‛ – wie eingangs erwähnt – auf die Gefahr der Veruntüchtigung der
Menschen angesichts ihrer Gegenwartsprobleme gerichtet, so erwies sich das als
unsinnig. Das Gegenteil trat ein: Der Missbrauch der historischen Forschung zu
politischen Zwecken der Gegenwart! Es verrät sogar ein Maß an
‚Lebenstüchtigkeit‛, wenn mit der Vergangenheit manipulatorisch umgesprungen
wird. Obendrein wird dadurch versucht, für die eigenen Absichten den Eindruck
der Seriosität zu erwecken. Erst angestrengter kritischer Einsatz vermag
derartige missbräuchliche Rückgriffe auf Geschichtlichkeiten in ihre
Gültigkeitsgrenzen zu verweisen.
Gehe ich fehl in der Auffassung, dass der anfangs der sechziger
Jahre aufgekommene Historische Revisionismus ein später Nachkomme des
Aufstandes der Romantik gegen den ‚Historismus‛ ist? Er hatte sich zum Ziel
gesetzt, das Geschichtsbild, das sich aus den Nürnberger Prozessen
formte, in Frage zu stellen. Ihm ging es um Rehabilitierung Hitlers und
seiner Politik, zumindest um eine Abmilderung dieser unsäglichen deutschen
Epoche. Im Ergebnis entstand dabei ein Bild von Hitler als ein eigentlich
gutwilliger, geduldiger, immer wieder redlich um Frieden bemühter Staatsmann,
dem vom Anbeginn seiner Regierung unaufrichtige, verwerfliche Verhaltensweisen
der Anderen gegenüberstanden, die ihn dann mehr und mehr in die Enge trieben und
ihn in den Krieg zwangen. Fast durchweg gerieten diese Art Darstellungen zu
Reinwasch-Veranstaltungen mehr oder weniger fadenscheiniger Art, sodass dieser
‚Revisionismus‛ im geschichtlichen Forschungsbereich zur Randerscheinung wurde.
Er ist letztlich nichts anderes als ein neuerlicher Rettungsversuch der
Mythenfolge Bilder aus deutscher Vergangenheit, die das deutsche
Historienbild vom Sonderweg in der Geschichte (gegenüber allen Anderen)
rechtfertigen will. Deutsche Einmaligkeit, wie sie sich immer wieder zu
präsentieren trachtet.
Dieser Art Revisionismus geht es darum, die Kränkung der großen
Niederlage um die Mitte des zu Ende gehenden Jahrhunderts zu überwinden, um doch
noch etwas von den Visionen des ‚Reiches‛ und des Volkes für eine nationale
Wiedererweckung zu retten. Es sind also vor allem ideologische Kategorien, die
hier im Spiele sind und in Politik umgemünzt werden sollen.
*
Der ‚Historische Revisionismus‛ ist sehr stark gekennzeichnet
durch die Selektivität im Sinne einer Zweckauswahl der Dokumente, die im
Interesse seiner Absichten herangezogen oder ignoriert werden. Oft wird auch
das, was nicht in das beabsichtigte Bild passt, zur Fälschung erklärt oder es
werden raunend Zweifel an den nicht genehmen Dokumenten vorgetragen. Was bei
alledem entsteht ist schillernde Unklarheit für den um Klärung bemühten Leser.
So drängt sich der Eindruck auf, als solle das revisionistische
Bemühen, die Massentötungen durch Gas in Auschwitz als nicht geschehen, weil
technisch nicht eindeutig nachweisbar, hinzustellen, den Zweck haben: Durch
Herausbrechen dieser ‚Säule‛ eines verbrecherischen Geschehens die Gesamtheit
aller Vorwürfe gegen das NS-System wegzuhebeln. Nicht nachweisbare Vergasungen
in Auschwitz soll heißen, alle Anklagen gegen die Hitler-Epoche der deutschen
Geschichte seien ganz oder wenigstens weithin Phantasie-Gebilde böswilliger
Gegner. Der Revisionismus will helfen, dass man wieder ‚stolz‛ sein kann auf die
deutsche Geschichte in ihrer Gesamtheit. Die immer wieder gegen die Deutschen
geschwungene ‚Auschwitzkeule‛ soll eine positive Ganzheitsschau der
geschichtlichen Vergangenheit nicht mehr stören.
Die ‚Bilder aus deutscher Vergangenheit‛ sollen wieder ihren aus
der Romantik herrührenden Erbaulichkeitsgrad zurückerlangen! Der ‚Historismus‛
(im ursprünglichen gedachten Sinn) ist dem Bestreben nach nationaldeutschem
Wohlbefinden gewichen. Er ist über Bord geworfen. An dieser Feststellung ändert
sich nichts, auch wenn zu beobachten ist, dass die Revisionisten sich auf manche
Themen mit Akribie und verbissener Scheinsachlichkeit einlassen – eben um ihr
vorgegebenes Ziel, die Exkulpation, zu erreichen. Womit ihr Treiben der
Idyllisierung, der Beschönigung dient und sich nur vorgeblich auf Klärung
beruft. So ‚Wahrheit für Deutschland‛ von Udo Walendy und ‚Der erzwungene
Krieg‛ von David L. Hogggan, der von sich selber sagt, wäre er Deutscher,
wäre er Nationalist. Das sind zwei herausragende Beispiele für
Geschichtsdarstellung, die eine beredte Zweckpublizistik ist, drapiert mit dem
Umhang forschender Seriosität.
Übertreibung und Verzeichnung sind in der Geschichtsdarstellung
nie und nirgends auszuschließen. Der zähe Streit darum, ob sechs Millionen
Opfer der deutschen Exekutionen oder ‚nur‛ drei oder gar 1½ Millionen der
Wahrheit entsprechen, ist nicht das Gravamen, die große Beschwernis, sondern
das Wissen über die Ausrottung an sich. Nur, so von ‚ungefähr‛ ist das NS-Regime
nicht in den Ruch solcher Verbrechen geraten. Ob der Hauptanteil der Opfer dem
Gas zuzuschreiben ist, das ist nicht eine positiv oder negativ qualifikatorische
Frage.
Der Katalog der Vernichtungsarten ist umfassend genug, um eine hohe Zahl bei den
Ergebnissen der Vernichtung zu erreichen. Fünf Millionen, drei Millionen, eine
Million – das wird sich nie konkretisieren lassen. Und dass nicht gerade
zimperlich exekutiert wurde und dass Vernichtung durch Zwangsarbeit und Hunger
betrieben wurde, kann nicht ‚weg-bewiesen‛ werden. Die Mentalität, die sich
solcher Mittel bewusst gezielt oder auch nur in Kauf nehmend bediente, bleibt
das Kainsmal, das auf der deutschen Geschichte lastet – die Einführung der
Barbarei als Verneinung der ‚Aufklärung‛.
Der Revisionismus dieses Schlages ist die romantisch verkleidete
Lüge des deutschen Nationalismus. Oder anders, als Frage formuliert: Steht
hinter der Verbissenheit, die NS-Ära zu beschönigen, die Angst vor dem
Verlöschen des Nationalismus als der großen Idee der Selbstverherrlichung
überhaupt?
Der ‚Revisionismus‛ bringt sich, seit er Ende der Fünfziger /
Anfang der Sechziger entstand, um seine eigene Qualifikation, weil er seine oft
akribischen Bemühungen unnötigerweise in Häme bettet, mit Fälschungsvorwürfen
schnell hantiert, wenn ihm etwas nicht ins (Negierungs-) Konzept passt. Mit der
Polemik, die er zum Bestandteil seiner Darlegungen macht, trübt er selber das
Bild, das er von der Normalität und Schuldfreiheit des NS-Regimes zu malen
versucht. Er lässt bis heute nicht nach, sich selbst dem Odium einer
eigensinnig-beschränkten Sichtweise auszusetzen. Das hätte er vermutlich gar
nicht nötig, wenn seine Vertreter eine versachlichende Forschungsarbeit im
historistischen Sinn des ursprünglichen Ansatzes zum Umgang mit geschichtlichen
Fakten betreiben würden, die durch sich selbst wirken könnte, ohne die Beigabe
primitiver Polemik.
*
Es ist eine merkwürdige Verschrobenheit des Denkens, die bei den
‚Revisionisten‛ auffällt. Sie behaupten allen Ernstes: Weil Polen den
Forderungen und Drohungen Hitlers nicht nachgeben wollte, war es selber schuld
daran, dass es von Hitler im Herbst 1939 überfallen wurde. Mir drängt sich eine
Erinnerung auf: Preußen, das 1790 ein Bündnis mit dem durch die erste Teilung
1772 geschwächten Polen geschlossen hatte, griff Polen 1793 an, um ihm auch noch
Danzig und Thorn (die es auch noch haben wollte) wegzunehmen. Und es kassierte
dabei auch gleich noch Posen und die Landschaft Groß-Polen ein. Das ist der
schlichte Sachverhalt. Begründung dafür, dass man dem ohnehin unterlegenen
Bündnispartner ‚an die Gurgel ging‛, war: Der Bundesgenosse wollte die beiden
genannten Städte nicht hergeben.
Wie sich die Bilder ähneln? Vom Nichtangriffspakt Hitlers mit
Polen 1934 führte der Weg geradenwegs zum Überfall 1939. Der Überfallene hatte
selbst schuld dadurch, dass er, der polnische Staat, 1918/19 nach ca.
hundertzwanzigjähriger Teilung zwischen Preußen und Russland wieder
auferstanden war und von den Siegern des ersten Weltkrieges den größten Teil
seiner einstigen Gebiete, die Preußen annektiert hatte, in Versailles
wiedererhielt. Nicht das Deutsche Reich, das auf Preußens Grundlage 1871
errichtet wurde, war also nach Meinung der ‚Revisionisten‛ der Verursacher des
zweiten Weltkrieges, sondern Polen im Verein mit England. Und Hitler sei im
Recht gewesen, als er 1938 erst Österreich einverleibt hatte und dann die
Sudetengebiete, sowie im Frühjahr 1939 den Rest Tschechiens mit Prag. Wie
konnten die Polen so ‚renitent‛ sein und ihm seine Forderungen nach Danzig, dem
‚Korridor‛ und Oberschlesien nicht erfüllen? Stattdessen die Haltung zeigen ‚bis
hierher und nicht weiter‛.
Wie unseriös die ‚Revisionisten‛ argumentieren und welch
‚verfälschende Brillen‛ sie dem geschichtlichen Betrachter aufsetzen, hat Kurt
Glaser (USA) ihnen bescheinigt, obwohl er durchaus nicht die Positionen der
‚Nürnberger‛ Geschichtsperspektive vertritt.
Es sei nochmals auf das ‚revisionistische‛ Bild Hitlers
hingewiesen, das einen ‚Führer‛ ausweisen soll, der an der Ignoranz und den
Intrigen der Anderen – von Churchill und Roosevelt bis Stalin
– gescheitert sei, obwohl er doch seine Ziele friedlich habe erreichen
wollen. Und die seien nur die Aufhebung des ‚Diktats‛ von Versailles gewesen.
Alles Unglück resultierte nur aus dem schlechten Willen der Sieger beider
Weltkriege.
Der auf diese Weise nostalgisch verfremdete Hitler passt in den
auf und ab wogenden Reigen ‚bedeutender‛ Staatsmänner. Nicht einmal sein
Scheitern aufgrund seiner angeblichen Arglosigkeit, mit der er sich habe in den
Krieg drängen lassen, mindert seine Bedeutung.
Das Elend der Deutschen habe er nicht gewollt und deshalb auch nicht
verschuldet. Die Romantik aus dem deutschen Schatzkämmerlein lässt grüßen.
Ich meine, ein Revisionismus ist grundsätzlich nicht illegitim.
Er hat seine Berechtigung zum Widerspruch gegen irgendwelche Lehrmeinungen und
ihre Festschreibungen, die nicht frei von Überzeichnungen sind. So hat er ein
Anrecht darauf, sich gegen die Schablonen der ‚Nürnberger Geschichtsschau‛ zu
wenden und sie zu kritisieren. Doch die Art des Auftretens der
Revisionismus-Anhänger nimmt ihnen das Recht zu behaupten, dass ihr
verniedlichtes Hitlerbild die ‚Wahrheit‛ sei. Der Revisionismus, wie wir ihn
erleben, ist gezielte Verfremdung durch eine Historienmalerei, die im Dienst
politischer Absichten steht, nämlich der Freisprechung des Hitler-Systems mit
seiner ganzen Maßlosigkeit und Brutalität. Schwankend zwischen Anmaßung und
Dümmlichkeit diskreditiert sich diese Art von Revisionismus durch sich selbst.
*
Vor mir liegt eine Schrift, die in dem hier gegebenen
Zusammenhang Beachtung verdient. Sie ist ein weiteres Beispiel für die
Verschrobenheit ‚revisionistischer‛ Gedankengänge. Ein Franz Biese hat
sie verfasst mit der Absicht die ‚Rechtslage der deutschen Ostgebiete‛
nach dem zweiten Weltkrieg klarzustellen.
Biese führt als Hauptargument an, dass die Gebiete zwischen Elbe und Weichsel
nie eine slawische Bevölkerung gehabt hätten, sondern dort ununterbrochen
germanische Stämme gesessen haben. Eine slawische Ausdehnung nach Westen
(Elbe-Saale) habe es nie gegeben. Er beruft sich auf die Thesen, also
Behauptungen, eines Walther Steller, der anhand der Aufzeichnungen
einiger mittelalterlicher Schreiber zu der Meinung kommt, die von ihnen
genannten Sclaveni bzw. Sclavi (auch als Wenden bezeichnet)
seien Germanen gewesen – nur im Gegensatz zu den germanischen Stämmen
westlich der Elbe – keine freien, sondern unfreie, wie aus dem Namen ‚Sclavi‛
hervorginge. Das Vorhandensein dieser ‚unfreien‛ Sklaven-Germanen sichert den
germanisch-deutschen Rechtsanspruch auf die Gebiete zwischen Elbe und Weichsel
bis zum heutigen Tage.
Übrigens: Die Chronisten des Mittelalters, die beschworen werden,
um diese These zu stützen, haben Lateinisch geschrieben (Einhard zur Zeit
Karls des Großen, Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen,
beide im 11. Jahrhundert, und Helmond von Bosau im 12. Jahrhundert). Im Lateinischen heißt Sklave ja wohl Servus und nicht
Sclavus?
W. Stellers Folgerung: Wenn Sclaveni
nicht Sklaven sind, sondern unfreie, noch nicht christlich erlöste Helden, dann
sind sie Germanen gewesen! Es gibt für diese Sichtweise nur ein entweder – oder,
Wander- und Vermischungsbewegungen hat es in der Völkerwanderung hier im
Mitteleuropa zwischen Elbe und Weichsel nicht gegeben. Das würde die
germanisch-deutsche Kontinuität in diesem Raum infrage stellen und die
nationaldeutschen territorial-politischen Ansprüche im Osten erschüttern. Und
so werden aus einstmals germanischen Stämmen und solchen, die zu Germanen
erklärt wurden, deutsche Rechtsansprüche, wo auch immer im Osten.
Am Rande: W. Stellers ‚unfreie‛ Sklaven-Germanen müssen
dann wohl irgendwann durch eine Art Sprach-Infektion zu ihren slawischen Idiomen
gekommen sein. Und wann war das? Wie konnte so etwas geschehen? Und weiter:
Waren dann die während der Völkerwanderungsepoche bis in den Süden des Balkans
(Peloponnes) vorgedrungenen ‚Sclaveni‛ etwa irrtümlich als Sklaven gedeutete
‚unfreie‛ Germanen?
Ganz abgesehen davon, dass Steller-Biese in schöpferischer
Kühnheit sämtliche in der mittelalterlichen Geschichte verfügbaren germanische
Stämme wie Goten, Vandalen, Burgunder und andere kurzerhand
zu Deutschen erklären – bauen die beiden unkonventionellen Geschichtsdeuter das
angebliche Recht des Ersitzens (und Aussitzens) aus, das durch nichts erlöscht.
So ist ihre Deklaration zu verstehen, dass unter anderen die
Pomoranen (slawisch: Pomorzanie, zu deutsch: Meeranwohner) ein
germanischer Stamm gewesen seien, der das Recht Deutschlands auf das Land
zwischen Oder und Weichselmündung begründet.
Man wähnt sich historisierenden Scherzbolden ausgeliefert. Aber
hier marschiert der Revisionismus, der die Geschichte zur Magd seiner
politischen Absichten macht.
Unter dieser Perspektive hat es dann im Mittelalter und danach
gar nicht die Notwendigkeit zu einer Kolonisation des Ostens durch die Deutschen
gegeben. Denn die Germanen der Ostlande seien bodenständig geblieben – nun dem
Deutschtum als Unterfutter für den neuen, zeitgemäßen nationalen Rock dienend.
So entstand dann der Begriff des deutschen Kulturbodens im
Osten überall dort, wo politische Ambitionen ihn erforderlich machten: Im
Baltikum, in großen Teilen Polens, im Innern Böhmens usw., wo eben deutsches
Volkstum sporadisch anzutreffen war, aber andersnationale Kulturen und Sprachen
das Übergewicht hatten. Auf diese Weise soll das großartige Gemälde einer
europäischen Mitte, in der deutsch-germanisches Volkstum dominiert, allen
entgegenstehenden politischen Widrigkeiten zum Trotz behauptet und bewahrt
werden.
Eine Deklarierung zum ‚Kulturboden‛ jedweder Art lässt sich ohne
Schwierigkeiten vornehmen, wo eigene Interessen im Spiel sind. ‚Kulturboden‛ ist
ein Allzweckinstrument für ‘moralische’ Ansprüche, die in Politik umgesetzt
werden können und sollen: Entsprossen dem Humus der so genannten Geopolitik.
Diese wiederum war ursprünglich eine Lehre über die Zusammenhänge von
geographischen Gegebenheiten und politischen Reaktionen auf sie. Sie entwickelte
sich sehr schnell zum Instrument politischer Ansprüche, ganz nach den Vorgaben
von Interessenspolitik.
Das NS-System hat im hohen Maße zu dieser Degeneration der Geopolitik
beigetragen.
Das geschah dadurch, dass die Zunft derer, die sich mit dieser
Materie beschäftigte, den Wesensgehalt ihrer selbst gewählten Aufgabe
verfälschte. Es ist nicht einmal zu viel gesagt, wenn hier von Pervertierung
gesprochen wird. Anfangs ging es darum, erwiesene und vermutete Zusammenhänge
bzw. Wechselwirkungen zwischen geographischen Gegebenheiten und den reaktiven
Verhaltensweisen der Menschen zu erkennen und zu beschreiben. Sich also
forschend, erkennend und feststellend/artikulierend zu betätigen. Das war ein
durchaus ernst zu nehmendes, seriöses Bestreben. Womit allerdings noch nichts
ausgesagt ist über die Stichhaltigkeit der Einzelergebnisse dieser ‚Politischen
Geographie‛. Ganz abgesehen von den Schwierigkeiten bei der Ab- und Eingrenzung
dieser sich um die letzte Jahrhundertwende entwickelten Wissenschaft, die mit
Recht viel Aufmerksamkeit auf sich zog.
Doch die ursprüngliche Deskriptivität wandelte sich sehr bald –
bewusst und gewollt – in eine Deutungs und Wegweisungstätigkeit, die von ihren
Verfechtern, also den Geopolitikern, der Politik angedient wurde. Nicht mehr
Erklärung durch Forschung wurde von ihnen als Aufgabe gesehen, sondern es galt
ihnen, Vorgaben und Ratschläge für Scheinerklärungen und Rechtfertigung von
politischen Absichten und Handlungen anzubieten. Unter dem Stichwort
‚Geopolitik‛ ließ sich alles Tun und Treiben aus politischen Motiven, welcher
Art auch immer, begründen und für die Öffentlichkeit plausibel machen. Solche
‚Geopolitik‛ ist Jongleurkunst mit dem Anspruch, Wissenschaft zu sein. Und das
mit dem Ergebnis der Selbsttäuschung und der Einschüchterung anderer.
Die ‚Apologie der deutschen Geopolitik‛, also ihre
Rechtfertigung, letzte Äußerung des Geopolitikers Karl Haushofer vor
seinem Freitod, spricht in ihrer Dünnheit der Argumentation, man sei falsch
verstanden und missbraucht worden, für sich. Ausdruck nicht nur einer
menschlichen Tragödie, sondern auch einer gewollten Verfremdung, die zur
Verirrung wurde.
Ein Beispiel zur Charakterisierung des Dilemmas drängt sich auf:
Wenn man die Lage Deutschlands in der Mitte Europas nennt, umgeben von
zahlreichen anderen Ländern bzw. Ethnien, dann ist das eine
politisch-geographische Feststellung. Wenn aber wer daraus die Folgerung zieht,
die anderen Länder ganz oder teilweise zu unterwerfen, um der ‚Einkreisung‛ zu
entgehen, der betreibt nicht etwa schlüssige Geopolitik – sondern mechanistisch
– einseitige Gewaltpolitik, die alle anderen Möglichkeiten (Alternativen) in den
Wind schlägt. Geopolitik als Folgerung aus politisch-geographischen
Gegebenheiten ist kein Zwangssystem für bestimmte Handlungsweisen, sondern sie
ist nur eine Art Feststellungs-Katalog, mehr nicht! Und gewiss nicht sind weit
verstreute deutsche Sprachminoritäten zwingende Anlässe zu ihrer Einbeziehung in
einen deutschen Nationalstaat – und das unter Hinweis auf ‚deutschen
Kulturboden‛.
Die Komponenten, aus denen sich die Denk-Konstruktion ‚deutscher
Kulturboden‛ zusammenfügt, sind
 |
die Stadtrechtsverfassungen des Hochmittelalters und |
 |
die bäuerlichen Streusiedlungen der Kolonisten in der gleichen
Zeit. |
Soweit die Sachverhalte, in die als Geschehnisse der Geschichte
keine Zweifel zu setzen sind! Stadtrechtsverfassungen und Kolonisten-Siedlungen
hatten ihre Ausgangspunkte vor allem im deutschen Raum.
Die Verfremdung aber beginnt mit Deutung dieser Fakten zum Zwecke
politischer Ambitionen. Das gilt für die Epoche der erstrebten und vollendeten
deutschen Nationalstaats-Bildung, also in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts. Seither wird den genannten Geschehnissen im Mittelalter ein neuer
‚nationaler‛ Sinn unterlegt. ‚Stadtrechte‛ und ‚Kolonisation‛ werden zu Wurzeln
moderner politischer Vorstellungen für nationales Streben zurechtfunktioniert.
Aber es „darf aus einer Dorfgründung zu deutschem Recht nicht ohne weiteres auf
deutsche Siedler geschlossen werden.“ So Gotthold Rhode in seiner
‚Geschichte Polens‛.
Sachlich gesehen geschah Folgendes: „Die
Kaufmannssuburbien
wurden (…) spätestens seit dem 11. Jahrhundert zu neuen Kristallisationspunkten
städtischen Lebens. Sie leiteten unmittelbar den Prozess des Werdens der
hochmittelalterlichen Stadt ein. Begreiflicherweise konnte das nur an besonders
entwickelten Orten geschehen, wie Poznań, Gniezno, Kraków, Wrocław, Prag,
Brandenburg, Altlilbeck, Szczecin oder Gdańsk. Der gleiche Prozess vollzog sich
auch in Westeuropa, dort jedoch beschleunigt durch verschiedene Faktoren, nicht
zuletzt durch die stärkere Wirkung antiker Traditionen im Wirtschafts und
Rechtsleben. Daher bildete sich in Westeuropa im späten 11. und 12. Jahrhundert
in teilweise hartem Kampf in den frühstädtischen Gemeinwesen ein entwickeltes
Recht heraus, das die städtische Selbstverwaltung und gleichzeitig die
politische Vorrangstellung des Kaufmanns und Patriziers in diesen Gemeinwesen
sicherte. Seit 1080 stritten die oberitalienischen Städte darum, 1112 erhoben
sich die Bürger von Laonxiii
in Frankreich (…). In dem ersten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts erkämpften sich
die Städte am Rhein Selbstverwaltung, Selbstbesteuerung und eigens
Gerichtswesen. In der Periode feudalstaatlicher Zersplitterung in Westeuropa
und Deutschland im 11. Jahrhundert und am Beginn des 12. Jahrhunderts konnten
sich die Frühstädte einen selbstständigen Platz in der Feudalgesellschaft nicht
nur in ökonomischer, sondern auch in politischer Hinsicht erringen. Im
slawischen Gebiet kamen einer solchen Entwicklung die Städte an der Ostsee am
nächsten.“
Und um das Bild der Vorgänge in den Ländern östlich der Elbe
abzurunden heißt es: „Auch in den slawischen Ländern konnte die Feudalklasse
nicht ohne die ökonomischen und kulturellen Potenzen der Frühstädte auskommen,
um so weniger während des wirtschaftlichen Aufschwungs in diesen Ländern im 11.
und 12. Jahrhundert. Daher fand sie sich zu Privilegien bereit, um Siedler und
Spezialisten ins Land zu holen und zur Ansiedlung zu gewinnen. Diese
Bereitschaft ging bis zur Übertragung von Stadtrechten, die im 12.
Jahrhundert in Mitteleuropa kodifiziert worden waren. In Lübeck wurde ein
solches Recht unter Anlehnung an Köln und Soest im Jahre 1158
geboren, wenig später entstand das Magdeburger Stadtrecht. Lübecker
und Magdeburger Stadtrecht wurden zum Vorbild für zahlreiche Orte
östlich der Elbe bei der Beseitigung enger feudaler Bindungen.“
Der Kern dieser Aussage: Die ‚deutsche Ostsiedlung‛ war eine
sozial-ökonomische Angelegenheit, nicht aber eine
nationale!
Damals gab es noch gar keine Nationen, die sich mit
politisch-moralischem Anspruch hätten bedienen können. Das in verfremdeter Form
überhaupt zu versuchen, blieb den Volksnationen des 19. Jahrhunderts
vorbehalten. Die Ostkolonisation war damals für die relative Überbevölkerung des
deutschen Raumes, also westlich der Elbe-Saale, ein willkommenes Ventil, zumal
die östlichen Länder erheblich dünner bevölkert waren. Und die in ihrem Zuge
verliehenen Stadtrechte hatten den Charakter einer hilfreichen Innovation in die
sich langsamer (als im Westen) entwickelnden Frühstädte im Osten. Wenn die
deutsche National-Historiographie den Eindruck zu erwecken versucht, die
Einführung der Stadtrechtsverfassungen sei überall im Osten das Signum für
‚deutsche‛ Städte gewesen, so ist das gezielte Verfremdung mit der Absicht einer
Vortäuschung. Vor diesem Hintergrund geistert der ‚deutsche Kulturboden‛ durch
unsere heutige Zeit, um moderne nationaldeutsche Ansprüche zu untermauern. Und
das Verständnis, mit dem die ‚ostdeutsche Heimat‛ beschrieben wird und das
Verhältnis zu Polen, lesen sich dann so wie bei Wolfgang Höpker.
Hier einige Passagen aus seinen Jugenderinnerungen. Höpker verstand sich selber
als liberal, hatte aber ein ausgeprägt deutschnationales Heimatbild. Er nennt
seinen Geburtsort Bromberg (Bydgość) eine „alte deutsche Kolonialstadt, die 1346
Magdeburgisches Stadtrecht erhielt“ und bewegt sich damit bereits auf ‚deutschem
Kulturboden‛. Ein besonderes Ereignis sieht er, „als bei der ersten Teilung
Polens im Jahre 1772 der Netzedistrikt mit Bromberg an Preußen fiel.“ Die
Diktion ist bemerkenswert: Die Stadt „fiel“ an Preußen (bei der ersten
Dreimächte-Annexion), wie eben dieser Auftakt zur Gesamtvernichtung Polens als
Staat euphemistisch bezeichnet wird. Das erweckt den Eindruck, dass Bromberg von
irgendeinem anonymen Schicksal gewollt unter Preußens Hoheit wiederum irgendwie
geriet, Verniedlichungstendenz im Hinblick auf den preußisch initiierten
Untergang Polens. Dahinter steht, immer wieder von der deutschen Argumentation
hervorgehoben, die wesentlich deutsche Bevölkerung der Stadt, die allerdings
erst unter preußischer Hoheit markant wurde.
Und auch in dieser Jugenderinnerung taucht etwas auf, was selten
beim bewusst deutschen Blick auf den Osten fehlt: „Die Kaschuben sprechen
ähnlich wie die Sorben eine slawische Sprache, die nicht mit dem Polnischen
identisch ist.“ Das klingt nach sachlicher Richtigstellung gegenüber anders
lautenden Behauptungen.
Es gehört zum Katalog deutscher Feststellungen, dass polnische
Ansprüche im heutigen Zeitalter des Nationalismus abzuweisen sind, da die
slawisch sprechenden Splittergruppen (nicht nur die Kaschuben) wie auch Sorben,
Masuren und Wasserpolen (in Oberschlesien) keine Identität mit den Polen, vom
Sprachlichen her gesehen, hätten. Wobei auch noch die Tatsache zählt, dass bei
diesen Gruppen auch noch eine starke Eindeutschungstendenz hinzukäme. Wie das in
Grenzlanden nahe liegend ist.
Alle vier genannten sprachlichen Gruppen sprechen slawische
Idiome, die sich auf der Grundlage des Polabisch-Polnischen
entwickelt haben, also nächsten Verwandtschaftsgrad besitzen. Im Übrigen: Gibt
es nicht auch im deutschen Sprachraum Probleme mit der Identität der Idiome?
Doch hier soll das alles nicht im Detail abgehandelt werden. Es galt das
unverkennbare Interesse der ‚deutschen Kulturboden‛-These zu zeigen, wie im
slawischen Sprachbereich Differenzierungen zu finden sind, die der deutschen
Anspruchs-Argumentation hilfreich sein können.
In Höpkers Jugenderinnerungen heißt es dann auch, die deutsche
Sicht rechtfertigend: „Die Hoffnungen der Polen auf einen eigenen Staat waren
ungebrochen, der nationale Gedanke war unter ihnen höchst virulent, weit
ausgreifende Erwartungen polnischer Historiker machten auch vor Regionen nicht
halt, die seit Jahrhunderten zu Preußen gehörten.“
Das spricht im Angesicht des vorher Angeführten für sich.
Preußisches Staatsgebiet sakrosankt! Selbst die politische Bilanz, die Höpker in
seinen Erinnerungen zieht und die als ersten Eindruck eine versöhnliche Note
suggeriert, ist irgendwie makaber. „Der Zusammenbruch des Hohenzollern-Reiches
bedeutete, ausmündend in das Versailles Diktat,
den Verlust weiter Ostgebiete. Anstelle des preußischen Landrats rückte in
Schmiegel ein polnischer Starost ein. Wenn auch die Polen meinen Vater in ein
Internierungslager gebracht hatten,
so war der Wechsel doch der einer Wachablösung – ein Vergleich mit der Barbarei
der Massenaustreibung aus den deutschen Ostgebieten bei Ende des zweiten
Weltkrieges wäre vermessen.“
Das Versailler Diktat, in deutschnationaler Sicht das
Grundübel überhaupt, taucht auch hier auf. Jenes ‚Diktat‛, dessen
Grenzregelungen nach dem zweiten Weltkrieg zu Zielvorstellungen (vom
Rechtsstatus und der Ertragbarkeit, also Akzeptanz her) bei den Deutschen
wurden. Wer kann solchen Sinneswandel noch in eine vernünftige, plausible Kette
der Logik einbetten? Das Diktat von einst als Wünschbarkeit von
heute! Doch nicht nur derartiges klingt hier an in einer Arglosigkeit, die
Verwunderung auslösen muss.
Höpkers Bilanz, mit der er den Unterschied, die
Nichtvergleichbarkeit des politischen Geschehens nach dem ersten und nach dem
zweiten Weltkrieg, ausdrücklich benennt, sie klammert schlichtweg aus, was
zwischen dem einst und später im Osten an Schrecken geschah. Beginnend am 1.
September 1939. Es ist eine Bilanz mit einem riesigen weißen Fleck der
Ausklammerung. Noch einmal: Es ist eine Arglosigkeit, die fassungslos machen
kann! Entstanden aus deutschen Eigenwertigkeitsgefühlen, die wiederum aus der
Selbstbezogenheit der romantischen Geschichts-Schule des neunzehnten
Jahrhunderts herzuleiten sind.
Man hat gelernt, mit der Vergangenheit manipulatorisch umzugehen,
um Gegenwartsvorstellungen umso erfolgreicher durchsetzen zu können. Nicht
Untüchtigkeit beim Umgang mit Gegenwartsproblemen ist aus der Beschäftigung mit
Geschichte entstanden, sondern eine oft bedenkenlose Kreativität an Phantasie
zur Zurechtdeutung des einst Gewesenen für aktuelle Ambitionen.
*
Aber nicht nur in Deutschland hat man als Antwort auf den
‚Historismus‛ und im Zuge der romantischen Geschichtsdeutung die Manipulation
erlernt, wie sich Vergangenheit zugunsten eigener Wünsche und Absichten
zurechtbiegen lässt. Der Romantik in Deutschland fällt eine Art Vorbildrolle zu,
gemessen an den romantischen Ausblühungen, die sich andere Völker bzw. Nationen
vor allem in Ost- und Südeuropa geleistet haben und noch immer leisten. Dazu ein
Beispiel:
„Polen war schon immer hier“ –
„Polska zawsze już tu była.“
So eine herhausgehobene Zeile in einem Stadtprospekt des heutigen
Szczecin/Stettin, der bedeutenden Hafenstadt an der Odermündung
Das erweckt den Eindruck einer auf geschichtlichen Tatsachen
beruhenden Feststellung, ist jedoch eine Manifestation anderer Art: der
vorsätzlichen Sichtweise im Sinne einer politischen Willensbekundung. Es täuscht
vor, eine historisch erwiesene, da faktisch abgesicherte Aussage zu sein und ist
doch nur ein Versuch, die Zusprechung Stettins durch die Siegermächte 1945 an
Polen als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Ein selektives Geschichtsbild,
das episodische Zustände von einst zu perpetuieren, also von jeher als
andauernd darzustellen, trachtet. Teilblindheit ist angesagt, bzw. Verdrängung
in Gestalt von Nichtwahrnehmung jener Geschichtsabschnitte, in denen die
Aussage von der Präsenz Polens nicht zutraf.
Zur Schon-immer-Anwesenheit Polens an der Odermündung heißt es
dann: „Als Mieszko I. seinen Staat unter die Schirmherrschaft von
Papst Johannes IV. stellte (etwa 990), erwähnte er in der bekannten Urkunde
‚Dagome iudex‛ ebenfalls das ihm unterstehende Szczecin. Die Verbundenheit der
Stadt mit Polen wurde später durch seinen Sohn König Bolesław Chrobry
vertieft und von Bolesław Krzywousty weiter gefestigt, der die Bedeutung
der See für Polen zu schätzen wusste.“
Mehr als eine historische Akzent-Skizze ist das nicht. Sie will
auf ihre Weise die ‚schon-immer-Präsenz‛ Polens an der Odermündung andeuten im
Sinne von begründen. Und sie fügt diesem Geschichtsbild noch weitere Akzente
hinzu: „Einer der glühendsten Verfechter der engen Verbundenheit von Pomorze
mit Polen und sogar seiner Eingliederung in das Königreich Polen war Bolesław
X. der Große (1454-1523), der mit Anna, einer Tochter des polnischen Königs
Każiemierz Jagiełłonczyk, verheiratet war.“
Und zur neueren Zeit heißt es: „Im 18. Jahrhundert bezog Szczecin
in der Auseinandersetzung um den polnischen Thron zwischen Stanisław
Leszczyński und dem sächsischen Kurfürsten August II., dem Starken,
der von fremden Großmächten unterstützt wurde, entschieden für den polnischen
Kandidaten Stellung. In den Jahren 1705-1710 war die Stadt der Greifs das
Zentrum der Tätigkeit der Anhänger König Stanisław Leszczyńskis, der 1709
sogar im Schloss von Szczecin residierte.“ Soweit die angeführten Belege für die
polnische Präsenz.
Nicht angeführt in dieser Aufzählung ist indessen die
Zugehörigkeit des pommerschen Herzogtums an der Odermündung zum Bereich der
Oberhoheit des Senior-Herzogs in Krakau während der feudalen
Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den
polnischen Piastenfürsten.
Und es ist auch noch hinzuweisen auf eine weitere interessante
Konstellation in der polnischen und pommerschen Geschichte.
Dazu der wohl bestorientierte deutsche Geschichtskenner Polens, Gotthold Rhode:
„Die vereinbarte Nachfolge Ludwigs von Ungarn wurde (…) erneut bestätigt
[betr. die Nachfolge König Kazimierz d. Großen von Polen. Anm. d. Verf.].
Da aber Ludwig keine Söhne und bis zu Kasimirs Tode auch keine Töchter hatte,
designierte Kasimir in seinem Enkel Kasimir von Pommern-Stolp einen Nachfolger
für Ludwig. 1368 adoptierte er den jungen Fürsten.“
Das Vorhaben wurde infolge des vorzeitigen Todes des polnischen
Königs (1370) nicht mehr in die Tat umgesetzt. Gewiss ist es faszinierend
darüber nachzudenken, was aus dem Konzept dieser polnisch-pommerschen
Vereinigung geworden wäre.
Lässt sich aus alledem die Aussage rechtfertigen, dass „Polen
schon immer hier“, an der Odermündung, gewesen sei? Wohl nur mit einer
überquellenden Phantasie, die aus einer späten Rückschau zusammenträgt, um ein
gewünschtes Bild von der Vergangenheit zu erzeugen, das den Zustand nach dem
zweiten Weltkrieg begründen und rechtfertigen soll. Geschichte á la
Schnittmusterbogen.
Der nachträglich forschende Betrachter der Geschichte sieht sich
vor einem Dschungel der Verflechtungen und Beziehungen dynastischer,
lehensstaatlicher, stammes- und landschaftlicher Verbindungen und Bindungen, die
sich den modernen politischen Begriffen entziehen. Schöne anschauliche, bunte
Bilder und Vorstellungen kommen auf, bieten sich an, werden beschworen.
Speziell zu der (bewusst) irreführenden Formulierung „Polen war
schon immer hier“. Sie wäre sachlich vertretbar, wenn sie lautete „Polen war
schon früher (im Sinne von einstmals) hier“ oder „Polen war schon einmal
(wiederholt) hier“. Aber offensichtlich geht es gar nicht um möglichst objektive
Feststellung, sondern um das Erwecken eines Eindruckes. Nämlich den der
‚historisch‛ begründeten Rechtmäßigkeit im hier und heute. Es sei erinnert an
die konträre prodeutsche These, die Pomoranen seien keine Slawen, sondern
‚unfrei‛ (also noch nicht christliche) Germanen gewesen, wie das Steller/Biese
behauptet haben
vor dem Hintergrund, die deutschen Ansprüche auf Pommern politisch abzusichern.
*
Wenn hier von ‚Bildern der Vergangenheit‛ immer wieder die Rede
ist, bei denen kritische Distanz geraten scheint, dann sind auch die
Kartenbilder der historischen Atlanten gemeint. Waren bis ins 17. Jahrhundert
Landkarten noch mehr oder weniger präzise Darstellungen von oft fabulierendem
Charakter, so begann sich das im 18. Jahrhundert zu ändern. Im 19. Jahrhundert
sodann ging es mehr und mehr um Genauigkeit gemäß dem Verständnis, das dem
‚Historismus‛ zugrunde lag: Klärung der geographisch-geschichtlichen
Sachverhalte. Aber der Versuch mithilfe von Karten einstige Zustände anschaulich
darzustellen, erlag sehr bald der Verführung, mit kartographischen Mitteln zum
Ausdruck zu bringen, was einer späteren, also nachträglichen Perspektive
entsprach. Man projizierte mancherlei in die Karten auf diese Weise hinein, was
als Erklärungshilfe verstanden sein sollte, aber offenbar den Auffassungen,
Maßstäben und Absichten einer späteren Zeit entsprach. Mehr noch: Es wurden
zunehmend sogenannte historische Karten produziert, die ein modernes Verständnis
mitsamt seinen Problemen und Verflechtungen (z. B. Nationalismus-Epoche) in die
Vergangenheit zurückprojizierten. Sie machten dadurch historische Tatbestände
zu Spiegelbildern gegenwärtiger Überlegungen. Das gab sich als hilfreiche
Vereinfachung, war aber oft Verfremdung – gewollt oder nicht gewollt.
Das mittelalterliche Personenstandsdenken im staatlichen Leben
mit seinen vielfältigen Privilegien, Gerechtsamen und Teilgerechtsamen, sowie
seinen Lehensgeber- und Lehensnehmerstrukturen lässt eine kartographische
Darstellung wie in den historischen Atlanten der Nationalstaats-Epoche
schwerlich zu. Die Kompliziertheit eines derartigen Unterfangens würde zum
Scheitern führen und steht in einem nicht auflösbaren Grundwiderspruch zu den
Anliegen historiographischer Kartenbilder, der übersichtlichen Vereinfachung für
den späteren Betrachter.
Ein eklatantes Beispiel für ein solches Scheitern wird sichtbar
in dem Bemühen, die deutschen Grenzen bzw. Grenzen Deutschlands seit dem 10.
bzw. 11. Jahrhundert kartographisch darzustellen.
Das ‚Heilige Römische Reich‛ der damaligen Zeit (ebenso wie das ‚Heilige
Römische Reicht deutscher Nation‛ seit Ende des 15. Jahrhunderts) ging auf eine
Trias dreier Königreiche in einer Kron-Union zurück: Germania (d. i.
Deutschland), Italien und Burgund. Und periodisch war auch das Sizilische
Königreich (mit Unteritalien) ihm kronrechtlich, wenn auch schwer definierbar
für die staatsrechtliche Moderne, verbunden. Der allmähliche Schrumpfungsprozess
dieses Konglomerats an Königreichen beließ dann bis zur Zeit Kaiser Karls V.
(und Luthers) vom Königreich Italien die Territorien am oberen Po (um Mailand)
und die Toskana (Florenz) beim Reich. Und vom Königreich Burgund eben noch
Savoyen südlich des Genfer Sees; waren dann also die Außengrenzen dieser Gebiete
die ‚Südgrenzen Deutschlands‛?
Und waren die Außengrenzen des Deutsch-Ordenstaates (bei Narwa am
Finnischen Meerbusen) die ‚Ostgrenze Deutschlands‛ im 15. Jahrhundert? Es gibt
derartige Deutungen. Erinnern wir uns der sehr nützlichen These vom ‚deutschen
Kulturboden‛. Jedoch zum Reich des römisch-deutschen Kaisers hat der Ordenstaat
nie gehört. Der Kaiser übte im Anfangsstadium dieses neuen Staates eine Art
Patronatschaft aus und stellte den Hochmeister den Fürsten im Reiche ‚gleich‛.
Aber das war keine Einbeziehung ins Heilige Römische Reich.
Mit eben diesem Reich ist Schindluder getrieben worden als es im
Nachhinein, nämlich im 19. Jahrhundert im Zuge der Romantik und des deutschen
Nationalfrühlings zum Richtwert politischer Wünsche für den ersehnten
Nationalstaat gemacht wurde. Nannte doch Bismarck seinen großpreußisch geprägten
‚Nationalstaat‛ in berechnender Simplifizierung der Geschichte ‚Deutsches
Reich‛! Verfremdung, Sinnverfälschung sollte den deutschen Nationalstaat in die
Tradition des Heiligen Römischen Reiches stellen zur Plakatierung des Neuen
durch Gleichsetzung mit dem ehrwürdigen Alten. Plakatierung im Sinne der
Genugtuung und Bestätigung der Herausgehobenheit über die anderen Staaten im
europäischen Umfeld. Das 1806 aufgelöste ‚Heilige Römische Reich‛ wurde auf
diese Weise in die deutsche Nationalstaatsidee als eine Art Ankergrund
vereinnahmt. Seither nennen Geschichtsatlanten in Deutschland das einstige
sakrale und universale Kaiserreich (von 960 bis 1806) in bewusst nationaler
Umdeutung ‚Deutsches Reich‛. Das aber ist das zweideutige Erbe der Romantik mit
ihrer Idealisierung und Idyllisierung einzelner Abschnitte der Geschichte.
Es hat gewiss auch bei anderen Völkern und in anderen Regionen
Europas solche Verfremdungen im Sinne von Überzeichnungen gegeben (d.h., es
gibt sie noch). So die Mythenbildung vom ‚dritten Rom‛ in Russland oder dass
Polen schon ‚immer hier‛ war oder gar der Mythos vom Amselfeld (der den jetzigen
Jahrhundertwechsel überschattet) und der behauptet, Serbien habe sich 1389 für
Europa geopfert, indem es den Türken zu widerstehen versuchte, aber bis heute
keinen Dank dafür geerntet hat. Auch die hochstilisierte Tat des Schäfermädchens
Jeanne d’Arc (‚Jungfrau von Orleans‛), die Frankreichs Krone (also
Staatlichkeit) im sog. ‚Hundertjährigen Krieg‛ rettete. Aber sie alle, so meine
ich, haben nicht die überragende Bedeutung erlangt im Hinblick auf den
Verfremdungseffekt, der die deutsche Geschichte so nachhaltig geprägt hat. Das
hängt zweifellos mit der Größenordnung zusammen, die der deutschen Rolle schon
immer eine besondere Bedeutung verliehen hat.
Nicht nur auf die Größenordnung der deutschen Position kommt es
dabei allein an, sondern auch auf den geographischen Ort just in der Mitte
Europas. Das stärkste Gewicht aber liegt in dem Ausmaß der geschichtsklitternden
Verfremdung, die in Deutschland praktiziert wurde und zum Teil noch wird. Wobei
die Macht und der Glanz der Hohenstaufen mitsamt ihren Königreichen und ihren
sonstigen Territorien zum Vorhof der deutschen Nationalgeschichte gemacht
werden. Alle deutsche Historie läuft in dieser selektiven Sicht auf das Werk
Bismarcks zu und erfährt in der wilhelminischen Epoche, also den letzten
Hohenzollern, bis hin zu Hitlers großdeutscher Volksgemeinschaft seine
Verlängerung.
*
Es war nicht nur ‚ein Schritt vom Wege‛ – es war eine
Entgleisung, welche die geschichtsklitternde Romantik in Deutschland
herbeigeführt, wenn man von Sinn und Ziel der Aufklärung ausgeht, die den
forschenden ‚Historismus‛ hervorbrachte. Wie schleichend das begann, sei hier in
der Diktion aus schöngeistiger Feder zitiert.
„Erfindungen waren dabei im allgemeinen nicht nötig. Man brauchte
nur die passenden historischen Fakten hervorzuheben oder als wesentlich zu
erklären und die unpassenden zu verharmlosen oder nicht zu erwähnen – also
Geschichtsschreibung so zu betreiben, wie man sie auch heute vorwiegend
betreibt.“
Und das durchaus zutreffende Fazit lautet dann so:
„Geschichte ist also, so oder so, für die Gegenwart nutzbar. Man
sollte deshalb ihre Betrachtung immer mit Vorsicht genießen, doch kommt keine
Zeit ohne das Nachdenken über Geschichte und die eigene Geschichtlichkeit aus.“
Aber, wer wüsste es nicht: keine Schau der Geschichte kann die
Wahrheit schlechthin für sich in Anspruch nehmen, nicht die
idealistisch-romantische, die so viel Jammer und Elend verursacht hat, aber auch
nicht die historisch-objektivierende, die allzu leicht in Gefahr läuft, der
Mythensehnsucht irgendwelcher Kollektive zum Opfer zu fallen. Die Gefahr lauert
schon dort, wo man der Meinung ist, dass in jeder Generation die Geschichte neu
geschrieben werden müsse.
Dieser Hinweis soll nicht als Ablehnung geschichtlicher
Nachbetrachtung zu verstehen sein. Anpassungen an zeitgegebene Stilarten und
auch Perspektiven sind unvermeidbar notwendig. Die Gefahr liegt darin, dass aus
später Retroperspektive, also Rückschau, Wertungen vorgenommen werden, die auf
frühere Epochen nicht zutreffen.
Das aber „führt zu Fragen was Geschichte ist und was
Geschichtsschreibung soll. Gibt es einen Geschichtsprozess mit kausalen
Verknüpfungen der Ereignisse, oder werden diese erst von Historikern
nachträglich hergestellt? Ist es Aufgabe der Historiker, nur zu zeigen, ‚wie es
eigentlich gewesen‛ (Leopold von Ranke), können Historiker diese Aufgabe
in hinreichender Objektivität lösen, entwerten sie ihre Autorität durch
subjektive Einlassungen, indem sie – bewusst oder unbewusst – aus dem Geist
ihrer eigenen Zeit in die Zeit hineinschreiben, die sie darstellen wollen, in
der sich also (…) ihr Geist bespiegelt? Oder gewinnt erst durch diese
Subjektivität die Geschichtsschreibung an Farbe, werden so erst die Zeiten der
Vergangenheit lebendig und Lehren für die Gegenwart möglich?“
Die gleichsam als Kernfrage zu unserer Betrachtung denkbare
Darlegung sollte noch weitergeführt werden, nämlich:
„Ohne solche Grundfragen der Geschichtsschreibung und
Geschichtsphilosophie zu vertiefen, lässt sich feststellen, dass die Bemühungen
der Historiker, Politiker u.a., den Geist der Zeiten sich in ihrem eigenen Geist
bespiegeln zu lassen, insofern sehr nützlich sind, als dabei Einblicke in die
psychischen Strukturen von Völkern möglich werden, auch in die tatsächlichen
oder möglichen Verbiegungen dieser Strukturen. Denn solche Bespiegelungen sind
nichts anderes als Auseinandersetzungen um Vergangenheit und Zukunft vornehmlich
der eigenen Nation, die öffentlich geführt werden müssen, wenn sie Wirkung haben
sollen; zumal in einer modernen Mediengesellschaft.“
Die psychischen Strukturen, auf die hier gezielt wird, meinen
das, was früher reichlich schematisch als Nationalcharakter bezeichnet
wurde; dessen Skizze aber zu holzschnittartig geriet. Die diversen, aber
verflochtenen psychischen Strukturen, in Verbindung gebracht mit den
Erkenntnissen der geographischen Existenz der Deutschen in der Mitte Europas,
gerinnen dann zur Geopsychologie. Sie wird nun zum Kriterium geschichtlicher
Erklärungsversuche.
Ist das die Rückkehr der Geopolitik mit Hilfe der
Psychologie? Die Frage verrät eine berechtigte Besorgnis. Schließlich hat man in
Deutschland nach dem Desaster von 1945 die zuvor betriebene Art und Weise der
Geopolitik geächtet, sie mit Tabu belegt. Die Tabuisierung war umfassend, obwohl
doch nur die geostrategische (also militärpolitische) Ausgestaltung gemeint war,
der es als Leitziel um Raumgewinn im Sinne von Landnahme ging. Siehe das Gewese
um den deutschen ‚Kulturboden‛ als Hilfsmittel zur Expansion! Wen lässt das
geopolitisch ‚gerechtfertigte‛ Expansivstreben nicht an die Verhaltensweisen in
der Tierwelt denken, wo Reviergrenzen eine fundamentale Rolle spielen?
Territoriale Markierungen mit Hilfe von Duftmarken und Dominanzstreben in fremde
Reviere hinein lassen sich im geopolitischen Gehabe des Menschen wieder
erkennen. Geopolitik dieser Art: also nur ein ins menschliche Verhalten
hineinreichender Faktor aus vormenschlicher Zeit – allem aufklärerischen Bemühen
zum Trotz!
Die nun anstehende Geo-Psychologie dürfte sich vermutlich
freihalten von einem solchen Rückfall ins Archaische. Aber möglicherweise ist
diese Annahme auch wieder nur ein ‚aufklärerischer Irrtum‛?
„Deterministische Auffassungen von Politik und historischer
Entwicklung aufgrund geographischer Vorgaben können dem Verständnis für
sinnvolle geopolitische Analysen nur abträglich sein. Geographie ist Schicksal,
insofern sie einem Volk, einer Nation, einem Staat, vorgegeben ist, aber nicht
Schicksal in dem Sinne, dass sich Volk, Nation oder Staat ohne Wahlmöglichkeiten
in diese Vorgaben schicken müssten.“
Es soll also bei der Wiederkehr der Geopolitik nicht mehr
vorrangig um Raum und Macht gehen – wie in Deutschland vordem praktiziert. Das,
so wird erwartet, soll durch die Inanspruchnahme von ‚psychologischen
Strukturen‛ eingeschränkt werden. Es lässt sich wohl auch anders ausdrücken:
Nationaltypen bildende Verkrustungen gilt es aufzubrechen zugunsten eines
allseitigen Verstehens durch Einfühlsamkeit und gegenseitiger Respektierung. So
stellt er sich vor, der neue Schwerpunkt der Geopolitik als Geo-Psychologie!
Aber wird die ganze geopolitische Thematik dadurch wirklich durchschaubarer:
Zweifel bleiben, zumal eine erkenntnismäßige Durchdringung mit Hilfe
wissenschaftlicher Normen noch nicht überzeugend gelungen ist?
Auch die Geo-Psychologie ist Spekulation, angewiesen auf
Mutmaßlichkeiten. Und was diese aussagen (lehren) können, war auch schon zur
‚alten‛ Geopolitik bemerkt worden; sie operiert mit Binsenweisheiten. Die daraus
resultierenden Erkenntnisse sind Plattitüden!
Die einstige deutsche Geopolitik, die auf militärische und
machtorientierte Gestaltung aus war, erbrachte die frappante Erkenntnis:
Deutschland in seiner geopolitischen Mittellage hat viele Nachbarn – also muss
Deutschland an die Nachbarn ‚austeilen‛, damit diese es nicht umgekehrt tun!
Welchen Wert hat diese Feststellung? Vergleichsweise den: Wenn man Butter in die
Sonne stellt, wird sie weich, im Kühlschrank aber wird sie hart!
Ins Geo-Psychologische verlängert, ergibt sich dann etwa – bleibt
man bei der Ironie – die Einsicht: Wenn zwei Nachbarnationen unterschiedliche
psychische Strukturen aufweisen, dann muss man sie zu unterscheiden lernen und
darauf Rücksicht nehmen! Ist das alles? Natürlich nicht, aber es ist wohl
begreiflich, dass Zweifel ob der Wiederkehr der Geopolitik sich melden, wenn die
Geschichte ihrer Entartung in Deutschland dem davon Betroffenen vor Augen steht.
Eben diese Geopolitik ist – vereinfacht gesagt – entweder eine
Sammlung von Plattitüden oder eine Rechtfertigungsmaschinerie für
machtpolitische Ambitionen gewesen. Eine wahrlich deprimierende Bilanz, wenn
ich die langjährige Beobachtung der damals geläufigen Geopolitik und die
zeitweise Beschäftigung mit ihr bedenke. Und die Erwartung, die an die
wiederkehrende Geopolitik unter dem Signum der Psychologie geknüpft ist, bleibt
zwiespältig.
Vielleicht lassen sich die Irrungen um die hier dargestellten
Verfremdungen dadurch auflösen, dass man die Geopolitik reduziert auf die reine
Beschreibung der ursprünglichen politischen Geographie und sie entlässt aus der
hypertrophen Vorstellung, sie sei eine unausweichliche Handlungsanweisung – also
ein Zwang – für die politisch Verantwortlichen. Und was den ‚Historismus‛
betrifft, ist in ihm dann nur die Erkenntnis zu sehen, dass Beschäftigung mit
der Vergangenheit (im forschenden Sinne) nützliche Einsichten vermitteln kann,
aber nicht muss? Alle zusätzlichen Betrachtungen mit moralischer Verpflichtung
unter nationalen bzw. ideologischen Vorzeichen sind Falschmünzerei.
Bescheidener werden ist angesagt.
Die Bilanz, die sich zu unsrem Thema auftut, ist trostlos. Das
hat seinen Grund. Vom Ansatz des aufklärerischen ‚Historismus‛ bis zur
entarteten Geopolitik zieht sich eine Spur der Manipulation durch die
Geschichte; denn alles, dessen sich der Mensch bemächtigt, das verfremdet er.
Diese Handlungsweise entspringt dem Naturgesetz des Zugreifens, des Erbeutens,
des Verfügens zum schnellen Vorteil. Ebenso wie im physisch-biologischen
Bereich, geschieht das auf geistiger Ebene, also in der Sphäre des Denkens. Eine
derartige schreckliche Patenschaft, die das menschliche Lebensprogramm
überschattet, muss immer im Auge behalten werden – zu welchem Zweck aber? Um der
rechten Relativierung willen; also wegen der Bescheidenheit, von der die Rede
war.
Es gibt so viele historische Wahrheiten, wie es Standpunkte gibt,
deren jeder anders ist. Und es gibt keine ‚Gerechtigkeit der Geschichte‛, so oft
sie, aus welchen Gründen (d.h. Absichten) auch immer, beschworen wird. Darf
Geschichte eigentlich so missbraucht werden, wie es leichthändig geschieht, um
Gegenwartsprobleme besser bewältigen zu können? So gesehen ist die Sorge der
einstmaligen Kritiker des ‚Historismus‛, die Fähigkeit des Menschen, seine
aktuellen Probleme zu bewältigen, ginge verloren, in ihr Gegenteil umgeschlagen:
Der Mensch handhabt die Geschichte (bzw. ausgesuchte Teile von ihr) als
Instrumente für die Durchsetzung seiner Wunschvorstellungen in der Gegenwart.
Als Beispiel sei hier gedacht des lamentösen Polit-Spiels in den ersten
Jahrzehnten nach der Gründung der Bundesrepublik in Bonn 1949. Die Posse – um
eine solche handelt es sich nach meiner Meinung – war eingebettet in die
Szenerie des so genannten Kalten Krieges; das heißt, durch ihn ermöglicht. Fast
schwärmerisch wurde behauptet, Deutschlands gültige Grenzen seien die vom 31.
Dezember 1937, also diejenigen, die vor Hitlers großdeutscher Expansion im März
1938 festgeschrieben waren. (Doch schon die Frage, ob nun Danzig eigentlich
dazugehöre, das erst am 1. September 1939 durch Eroberung angeschlossen wurde,
führte zu widersprüchlichen Auffassungen.) Die Grenzen von 1937 waren reine
Beschwörungen, Hilfsmittel zur Rekonstruktion einer zerborstenen Realität seit
1945. Unter Berufung aufs (geschriebene) Recht – denn ‚Recht muss doch Recht
bleiben‛ – wurde der Zustand deutscher Grenzen eingefordert, der von deutschen
Waffen 1939 gewaltsam aus den Angeln gehoben worden war. Und dieses Recht, das
voller moralischer Entrüstung verlangt, ja beschworen wurde, war das Recht von
Versailles 1919, das in deutschen Landen immer als ein ‚Schanddiktat‛
bezeichnet wurde. Aber nun galt das nicht mehr, nun wurde das Ergebnis der
einstigen Schande zum Ideal und Wunschzustand stilisiert. Nicht nur von
nationalistischen Außenseitern, ebenso von staatstragenden Institutionen und
Organisationen, auch von der Staatsführung in Bonn. Das war ein Weg an der
Grenze der politischen Schizophrenie entlang. Die Schatten, die dieses Gebaren
hervorrief, fallen bis heute auf die politische Landschaft Europas.
Unter Vermeidung der Frage nach Verursachung und Auswirkung wurde
die Fixierung auf das Stichjahr 1937 vorgenommen in dem Drang so zu tun, als sei
zwischen Versailles 1919 und Potsdam 1945 nichts geschehen. Als sei die
Geschichte in Urlaub gewesen; eine selektive Betrachtungsweise der
Vergangenheit, die nur Erschütterung und Staunen auslösen kann! Hier ist der
überzeugendste Beweis erbracht, dass die sorgenvollen Kritiker des ‚Historismus‛
sich irren, als sie meinten, der Mensch verlöre durch sachliche Beschäftigung
mit Geschichte die Fähigkeit, mit den Problemen seiner eigenen Zeit erfolgreich
umzugehen.
Vielleicht darf seit der Wiedervereinigung der beiden deutschen
Staatlichkeiten 1989/90 die Hoffnung gepflegt werden, dass die beschriebene
geschichtlich-politische Schizophrenie in Deutschland allmählich abklingt? Die
Betrachtung, die eine solche Bewältigung als Leistung verdient, wird ihr
erhalten bleiben. Und die erlauchten Geister, die sich Sorge machten um den
‚Historismus‛, weil sie die von ihm ausgehende Gefahr erkannten, den Menschen in
seiner Lebenstüchtigkeit zu beeinträchtigen – sie sind widerlegt. Der Triumph
der Historienbilderei ist perfekt. Und die Geschichte bleibt die Magd der
Nachkommenden!
Feo Jernsson – Der Jammer ...
... anstelle einer Einleitung: Nachgedanken
Franz Eberhard Otto Jerzykiewicz, so der Taufname des Autors,
wurde in einem Jahr großer Umwälzungen in Nowy Tomyśł (dt.: Neu Tomischel) in
der damaligen Provinz Posen geboren. Im gleichen Ort hatte Paul von Hindenburg
das Licht der Welt erblickt, der dann in der Stadt Posen aufgewachsen ist. Diese
alte polnische Stadt
Poznań, deren Region als die Wiege Polens gilt, ist seit 1979 mit Hannover als
Partnerstadt eng verbunden.
Der kleine Franz E.O. wuchs auf im Hause der deutschen Großeltern
in Pniewy.
Als Zweijähriger erlebte er den Einmarsch der polnischen Truppen im ‚Polnischen
Aufstand‛ in Wielkopolska (Großpolen). Er soll dabei, aus dem Erkerfenster des
großelterlichen Hauses auf den Marktplatz blickend, gesagt haben: „Jetzt kommen
die Kohlen.“
Von Anbeginn seines Lebens prägte ihn das, was man als etwas
‚Doppeltes‛, ‚Widersprüchliches‛, etwas ‚Trennendes‛ und gleichzeitig wieder
‚Überbrückendes‛ das ‚Miteinander‛ suchende vielleicht auch als einen ‚Spagat‛
bezeichnen könnte. Die komplizierten Zusammenhänge, das oftmals in sich
‚Widerspüchliche‛, wird im Titel in einer seiner Publikationen deutlich.
Seine Vita spielt für das spätere Leben eine erhebliche Rolle.
Der Vater war polnischer Nationalität, ein Pole aus dem Posener Land, Jurist und
preußischer Beamter. Die Mutter verfügte über eine ausschließlich deutsche
Identität, sie war deutschnational gesinnt. Auf Drängen der Mutter lehnte es der
Vater ab, 1919 in den polnischen Staatsdienst einzutreten. Stattdessen ging die
Familie nach Stettin. Der Vater änderte den Familiennamen
und verblieb im preußischen Staatsdienst.
Franz E.O. ‚genoss‛ die humanistische Bildung eines Stettiner
Gymnasiums. Sicherlich nicht ohne die Intention einer Suche nach den Wurzeln und
Dimensionen seiner doppelten Identität begann er ein Studium der Geschichte und
Slawistik an der Leopoldina in Breslau. Ein ihn prägender Lehrer war Haushofer.
Aufgrund seiner polnischen Abstammung ‚durfte‛ er nicht Soldat
werden. Es gab dafür den zynischen Ausdruck ‚wehrunwürdig‛. Jagemanns Vorteil
war, dass er bis 1941 sein Studium in Kleingruppen vertiefend betreiben konnte.
Der Abschluss wurde ihm später zuerkannt.
Die Kriegslage ‚erforderte‛ es 1941, alle jungen Männer zur
Wehrmacht einzuziehen, deren man habhaft werden konnte, so auch Franz E.O.
Jagemann. Nach den üblichen Stationen versetzte man ihn nach Lódż.
Er wurde dort bei Vernehmungen von irgendwie Verdächtigten durch Polizei,
Gestapo, Wehrmacht und SS als Dolmetscher eingesetzt. Das dabei Vernommene und
Gesehene führte zu erheblichen inneren Konflikten, die zeitweilig medizinisch
behandelt wurden.
Seine doppelte Identität führte zu der Gewissensentscheidung,
Kontakt mit dem polnischen Widerstand aufzunehmen; das bedeutete zugleich um den
Preis des eigenen Lebens bei Entdeckung. Sein Wissen um bevorstehende Maßnahmen
– auch als Ordonanz im Offiziersheim (das späteres Grand-Hotel) – führte dazu,
dass er viele Menschen vor deren drohender Verhaftung warnen und dadurch zur
Flucht, zum ‚Untertauchen‛ verhelfen konnte. Bei einer Studienreise zeigte er
mir (L.N.) zwei miteinander über die Dächer verbundene Wohnhäuser, in denen sich
damals die konspirative Wohnung befand, in der er sich mit den polnischen
Widerstandskämpfern traf. Einer junger Frau, die ihm damals sehr nahe stand,
konnte er nicht mehr helfen. Sie ‚verschwand‛ ungeklärt.
Ein diesen Hintergrund ahnender vorgesetzter Kamerad gab ihm
einen Hinweis auf einen bestehenden Verdacht gegen ihn. Er konnte sich
dadurch entziehen, dass er sich zur ‚Front‛ meldete, in diesem Falle zur
‚Bandenbekämpfung‛ ins besetzte Jugoslawien, genauer: den von der deutschen
Wehrmacht besetzten Teil Sloweniens.
Auch dort setzte man ihn, den Slawisten mit dem Zweitfach
Slowenisch, als Dolmetscher ein. Inzwischen zum Feldwebel befördert, nahm er
auch dort Kontakt zu den Partisanen auf. Er hielt sich zugute, private
Waffenstillstandsvereinbarungen zu erreichen. Man patrouillierte aneinander
vorbei und vergoss dadurch kein Blut. Auch hier geriet er bald in Verdacht zu
konspirieren. Ein ehemaliger K.u.K.-Offizier gab ihm den Tip, sich wegzumelden,
diesmal zur ‚Ostfront‛. Das Kriegsende erlebte er in Schlesien, konkret in den
Abwehrkämpfen in und um Breslau. Hier wurde dem Antimilitaristen, der anderen
geistigen Dimensionen zugetane und im Herzen Zivilist gebliebene, nach Abschuss
von Feindpanzern das ‚EK I‛ verliehen, verbunden mit der Beförderung zum
Leutnant. Zuvor hatte ihn bereits nach Kontaktaufnahme zum polnischen
Widerstand, die ‚Heimatarmee‛
zum Kapitan der ‚AK‛ ernannt.
Auf Grund seiner Sprachkenntnisse konnte er sich durch die
Tschechoslowakei bis nach Wien durchschlagen, wo seine Familie wohnte. Die
Österreicher wiesen ihn als ‚Reichsdeutschen‛ in die amerikanische Zone nach
Bayern aus. Er gelangte danach in den Raum Hannover. Dort ‚interessierte‛ sich
der britische Geheimdienst für ihn. Als Unbelasteter erhielt er die Lizenz, als
Journalist arbeiten zu dürfen. Diese berufliche Tätigkeit übte er in
verschiedenen Stationen in Funk und Presse als Redakteur und Chefredakteur aus.
Danach war er bis zu seinem Ruhestand in der Erwachsenenbildung leitend tätig.
Von Anfang an hat er sich publizistisch mit Polen befasst. Die
neuen Ziele waren die Beschäftigung mit der Historie, die Bewältigung der
Vergangenheit in Deutschland und insbesondere die Initiierung und Mitgestaltung
des Versöhnungsprozesses mit Polen.
Ein Angebot der neuen polnischen Regierung Anfang der 50er
Jahren, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen und an verantwortlicher
Stelle im Funk zu arbeiten, lehnte er ab.
Politisch war er nicht meinungslos, dieses auch um den Preis des
Dissenses mit einem Chefredakteur oder Verleger. Auch in den Hochphasen des
‚Kalten Krieges‛ blieb er seinen Grundsätzen treu und seinen Zielen verbunden.
Sein organisatorischer Rahmen war das Engagement in deutsch-polnischen
Verbänden.
Die Herausgeber haben F.E.O. Jagemann viel zu verdanken in ihrer
eigenen fachlichen wie mentalen Hinwendung zu dem Spannungsfeld Deutsche und
Polen. Er ist für sie ein Vorbild in der Verknüpfung von engagierter Arbeit und
kritischer wissenschaftlicher sowie der didaktischen Umsetzung in den Feldern
der Bildung.
Die Vita vieler Menschen, die durch Krieg und Nachkriegswirren
geprägt sind, mag als ‚Schicksal‛ oder ‚tragische Verstrickung‛ angesehen
werden. Es war immer schwer, ‚Menschlichkeit‛, ‚Würde‛ und ‚Anstand‛ zu
bewahren. F.E.O. Jagemann hat dieses in hohem Maße geleistet.
Das erstrebte Lebensziel des jungen Franz, Historiker und
Universitätslehrer zu werden, blieb ihm versagt. Gleichwohl, er war als
Journalist und Publizist der Geschichtswissenschaft im weitesten Sinne, also
der Nations- und Gesellschaftsgeschichte, verbunden.
Leider hat es keine polnische Universität vermocht, seine
Lebensleistung, sein vielfältiges qualifiziertes Wirken, mit dem Doktor honoris
causa zu würdigen.
Vielleicht soll dies eher geschwätzigen Politikern vorbehalten bleiben.
F.E.O. Jagemann verbringt seinen Lebensabend hoch betagt in
Norddeutschland.
Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt
Anmerkungen
iAnmerkungen
des Herausgebers, zum größten Teil nach Wikipedia:
Burckhardt, Jacob Christoph, * 25. Mai 1818 in Basel; † 8. August 1897
ebenda), bedeutender Schweizer Kulturhistoriker mit Schwerpunkt in Europas
Kunstgeschichte.
ii Droysen,
Johann Gustav Bernhard, * 6.4. 1808 in Treptow an der Rega (Pommern), † 19.6.
1884 in Berlin., Historiker, Philologe.
iii Dilthey,
Wilhelm, * 19. November 1833 in Wiesbaden-Biebrich; † 1. Oktober 1911 in Seis
am Schlern, Südtirol, deutscher Philosoph, Psychologe und Pädagoge.
iv Troeltsch,
Ernst, * 17. Februar 1865 in Augsburg-Haunstetten; † 1. Februar 1923 in
Berlin, deutscher Theologe und Politiker (DDP).
v Weber,
Maximilian Carl Emil, * 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München,
deutscher Jurist, Nationalökonom und Soziologe.
vi Heussi,
Karl, * 16.6. 1877 in Leipzig als Sohn eines Kaufmanns, † 25.1. 1961 in Jena,
ev. Kirchenhistoriker.
vii Meinecke,
Friedrich, * 20. Oktober 1862 in Salzwedel; † 6. Februar 1954 in Berlin,
deutscher Historiker und Universitätsprofessor, „der in der Zeit der Weimarer
Republik und den ersten Jahren der nach dem Zweiten Weltkrieg in der
Bundesrepublik und wohl noch mehr im westlichen Ausland als der führende
Repräsentant der deutschen Geschichtswissenschaft angesehen wurde“ (Gerhard A.
Ritter).
viii
Schweitzer, Albert, * 14. Januar 1875 in Kaysersberg im Oberelsass bei Colmar,
damals Deutsches Reich; † 4. September 1965 in Lambaréné, Gabun,
evangelischer Theologe, Orgelkünstler, Musikforscher, Philosoph und Arzt. In
der Evangelischen Kirche ist sein Gedenktag am 4. September.
ix Overbeck,
Franz Camille, * 16. November 1837 in Sankt Petersburg; † 26. Juni 1905 in
Basel, Kirchenhistoriker und Professor für evangelische Theologie. Er
publizierte nur wenig und blieb mit seinen kritischen Gedanken zur Theologie
in der Fachwelt ein Außenseiter. Bekannt ist er vor allem als Freund und
Briefpartner von Friedrich Nietzsche.
x Bultmann,
Rudolf Karl, * 20. August 1884 in Wiefelstede, † 30. Juli 1976 in Marburg,
evangelischer Theologe. Er wurde bekannt durch sein Programm der
Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung. Er war Professor für
Neues Testament. Seine Auffassungen wurden von der Systematischen Theologie
und der Philosophie aufgegriffen.
xi Nipperdey,
Thomas, * 27. Oktober 1927 in Köln; † 14. Juni 1992 in München, bedeutender
deutscher Historiker. Sein dreibändiges Werk Deutsche Geschichte 1800–1918
gilt als Standardwerk der neueren Geschichte.
xii Troeltsch,
Ernst, * 17. Februar 1865 in Augsburg-Haunstetten; † 1. Februar 1923 in
Berlin, deutscher Theologe und Politiker (DDP). Professor für Systematische
Theologie in Bonn und 1894 in Heidelberg. 1912 Ernennung zum
korrespondierenden Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1914
Professor für Philosophie in Berlin.
xiii Die französische Stadt Laon
[lɑ̃] ist die Hauptstadt
(préfecture) des Départements Aisne. Die Stadt verfügt über viele
mittelalterliche Bauwerke, darunter die berühmte Kathedrale von Laon. – Der
Mord an Bischof Gaudri von Laon 1112 wird überliefert von Guibert de Nogent.
„Der Mord, der innerhalb der Chronistik des westeuropäischen Raums breit
referiert wird, ist nur vor dem Hintergrund der gewaltsamen Kommunebildung in
Laon zu verstehen.“ Vgl. Fryde, Natalie; Reitz, Dirk: Bischofsmord im
Mittelalter – Murder of Bishops. Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts
für Geschichte 191, Göttingen 2003.
Impressum:
Feo Jernsson:
Der Jammer mit dem ‚Historismus‛ und seine Verfremdungen.
Unsystematische Gedanken.
Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt
Hannover 2008
Verlag der Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die
UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.
An der Bismarckschule 5, D 30173 Hannover
Sonderband S 2/08
Herausgegeben von Gerhard Voigt
bismarckschule.voigt@gmx.de
ISBN-10: 3-930307-18-9, ISBN-13:
978-3-930307-18-0, EAN: 9783930307180
Alle Rechte vorbehalten
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Bearbeitungsstand:
25. 07 2005.
Letzte Bearbeitung:
06.01.2011 |
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