Ulrich Wehking
Der UNESCO-Gedanke im
Religionsunterricht der Bismarckschule
Die konfessionsübergreifend organisierte Fachgruppe
Religion der Bismarckschule hat sich mit der Frage nach der Verknüpfung
von Zielsetzungen der UNESCO mit Inhalten des Religionsunterrichts bereits
1985 eingehend befaßt und damals folgende Gedanken schriftlich
niedergelegt:
* Wir bemühen uns um einen am Evangelium orientierten
Religionsunterricht (RU).
* Das Evangelium ist Botschaft vom Frieden, es hat
eine universale Perspektive und zielt auf Versöhnung. Es ruft mündige
Menschen in eine Entscheidung, deren Glaubwürdigkeit sich durch die
Verwirklichung von Nächstenliebe erweist.
* Ein am Evangelium orientierter RU will die
Toleranz, Fairneß und Partnerschaft der Schüler(innen) untereinander
fördern.
* Ein am Evangelium orientierter RU ist offen für den
interkonfessionellen Dialog.
* Ein am Evangelium orientierter RU will das Versagen
der Christen im Hinblick auf den Anspruch des Evangeliums aufarbeiten.
Daraus folgt:
* Ein am Evangelium orientierter RU umgreift mit
seinen Zielen auch die Ziele der UNESCO, wie sie z B in der Präambel ihrer
Satzung formuliert sind.
Um den Beitrag des evangelischen und des katholischen
RU im Sinne der UNESCO-Arbeit deutlich werden zu lassen, sollen im RU an
der Bismarckschule Themen als Unterrichtseinheiten in der Mittelstufe oder
in den Kursen der Oberstufe - wie bereits geschehen - auch in Zukunft
angeboten werden, welche die Intentionen der UNESCO-Arbeit einbeziehen,
z.B.:
- Der
Friedensanspruch Jesu
- Der
Beitrag des Christentums zur Verwirklichung von Menschenrechten und
Menschenwürde
-
Ökumene
-
Mission und kulturelle Identität
-
Kirche in der „Dritten Welt“
-
Europäisches Christentum und „Dritte Welt“
-
Fremdreligionen und christlicher Glaube im Dialog
-
Jüdischer und christlicher Glaube im Dialog
-
Marxismus und christlicher Glaube im Dialog
Diese Absichtserklärung erfaßt den Rahmen der
Möglichkeiten, die der Religionsunterricht hat, um UNESCO-Gedanken zur
Sprache zu bringen. Zwar sagt eine solche Absichtserklärung noch nichts
über die tatsächliche Realisierung im Unterricht und das Echo bei den
Schülern aus, sie zeigt aber den Willen der Fachgruppe, die zahlreichen
Möglichkeiten zu erkennen und zu nutzen.
Zwei Beispiele: In der Präambel der UNESCO-Satzung
heißt es u.a., „daß, da Kriege im Geist der Menschen entstehen, auch die
Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden müssen“. Als
plötzlich im Zusammenhang mit dem Golfkrieg die Vorstellung, es könne
einen „gerechten Krieg“ geben, fröhliche Urständ feierte und u.a. der
anglikanische Erzbischof im britischen Parlament die alliierte
Kriegführung für „gerecht“ erklärte, habe ich in einem Kurs versucht,
durch eine schwerpunktmäßige Aufarbeitung der christlichen Tradition
dieser Lehre den Schülern eine fundierte Auseinandersetzung zu
ermöglichen. Es zeigte sich, daß der Erzbischof die Kirchenväter nicht
genau genug gelesen hatte. Aber der Lehre vom „gerechten Krieg“ ist es nie
gelungen, ein „Bollwerk“ gegen den Krieg zu bilden. Sie wurde verkürzt,
mit ihr fremden Motiven vermengt und der Interessenlage angepaßt oder die
Sicht der Wirklichkeit wurde so verändert, daß diese schließlich zur Lehre
paßte. Der Golfkrieg kann schon jetzt als klassisches Beispiel dafür
gelten. Eine andere Möglichkeit der Realisierung von UNESCO-Arbeit im
Religionsunterricht bietet das kommende Jahr: Anläßlich des 500.
Jahrestages der Entdeckung Amerikas wird es vielerorts Jubelfeiern geben.
Der Religionsunterricht kann hier eigene Akzente setzen, z.B. mit den
Themen „Alternative Modelle von Mission und christlicher Gemeinschaft (Las
Casas, Jesuitenstaat in Paraguay, Basisgemeinden der Gegenwart u.a.m.)“
oder „Lateinamerikanische Befreiungstheologie als Anfrage an unsere
eurozentrische Weltsicht“.
Abgesehen von diesen beiden sich durch aktuelle
Bezüge anbietenden Möglichkeiten – ich wäre schon zufrieden, wenn es
gelänge, hier und da bei den Schülern den Blick für Problemfelder in
unserer Gesellschaft und der Weltgesellschaft zu schärfen. Dabei sollte
der Blickwinkel so korrigiert werden, daß er wenigstens für einen Moment
der Blickwinkel der Zu-kurz-Gekommenen, der z.B. durch ungerechte
Welthandelsstrukturen oder durch Rassismus ihrer Lebens- und
Bildungsmöglichkeiten Beraubten wird. Viel mehr kann schulischer
Unterricht m.E. nicht leisten. Projekte des UNESCO-Clubs und des „Dritte
Welt“-Ladens können hierzu beitragen und sollten auch im
Religionsunterricht an geeigneter Stelle thematisiert werden.
Zum Schluß ein paar „UNESCO-Gedanken“ zur Rolle des
Religionslehrers: Der Religionslehrer ist kein Prediger des Evangeliums.
Nicht nur, weil Religion ein ordentliches Lehrfach an einer für alle die
Menschenwürde achtenden Bekenntnisse und Weltanschauungen offenen Schule
ist, ist dieser Unterricht kein Betätigungsfeld für missionarischen Eifer.
Auch ist der Religionslehrer, so sehr er an der Kirche, ihrer Lehre und
ihrem Handeln interessiert sein sollte, keinesfalls der verlängerte Arm
dieser Institution. Es geht nicht darum, die Schüler nur „Wahrheiten“ der
katholischen oder evangelischen Lehrtradition lernen zu lassen, sondern
immer wieder darum zu streiten, was als „wahr“ gelten kann. Dabei wird der
Religionslehrer in freier Auswahl (und im Blick auf die RRL) biblische
bzw. christliche Traditionen erarbeiten lassen, zur Diskussion stellen,
mit anderen religiösen oder säkularen Entwürfen vergleichen lassen und
dabei auch selbst Position beziehen. Es ist bedauerlich, daß für diesen
Meinungsstreit und „freien Austausch von Gedanken“ (UNESCO-Präambel) oft
gerade die Schüler fehlen, die besonders kirchen- und religionskritisch
eingestellt sind, da sie am WuN- oder Philosophieunterricht teilnehmen.