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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
Interkulturelles Lernen - Schulpartnerschaften - Patenschaften - Studienfahrten - Projekte

 

 

Ulrich Wehking

Der „Dritte Welt“-Laden an der Bismarckschule

Im Herbst 1990 wurde von Frau Helms-Scholz und einigen Schülerinnen und Schülern verschiedener Jahrgänge ein „Dritte Welt“-Laden ins Leben gerufen, der sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt hat, so daß mittlerweile von einer festen Einrichtung, die den meisten Schülern bekannt ist, gesprochen werden kann. Wenn am Mittwoch in der ersten großen Pause geöffnet wird, ist der Raum 110 bald gut gefüllt mit sich unterhaltenden, Kaffee trinkenden oder im Warenangebot stöbernden Schülern; auch einige Lehrer besuchen hin und wieder den Laden.

In der AG „Dritte Welt-Laden“ arbeiten unter meiner Leitung zur Zeit etwa zehn Schülerinnen und Schüler des 10. und 11. Jahrgangs regelmäßig mit. Außerdem unterstützt auf Lehrerseite Herr Kronig unsere Aktivitäten, die für den Besucher an folgenden Angeboten erkennbar sind:

 Verkauf von Waren aus der sogenannten Dritten Welt, bei denen den Produzenten ein fairer Preis bezahlt wird und humane Arbeitsbedingungen vorliegen (z. Zt.: Handarbeiten aus Chile, Kaffee aus Mexiko);

 Verkauf von Papierwaren, die nach strengen Umweltschutzkriterien in deutschen Betrieben hergestellt worden sind;

 Verkauf von Waren, die AG-Mitglieder selbst hergestellt und unentgeltlich oder zum Selbstkostenpreis zur Verfügung gestellt haben (z. Zt.: Broschen, Seidentücher, Armbänder);

 Verkauf von Büchern und Aushang von Informationen zum Thema „Dritte-Welt“

 sporadische Werbeaktionen durch den Verkauf von Milchgetränken, Kuchen usw.

Um dieses breite Angebot sicherzustellen, trifft sich die Gruppe regelmäßig. Sie berät u.a. über die Organisation, die Art des Warenangebots und die Verwendung der erwirtschafteten Überschüsse. Diese sind zwar vergleichsweise bescheiden, aber von großem Vorteil ist es, daß dem Laden keine Personal- und Mietkosten entstehen. Für die Haupteinnahmen sorgen der Papierwarenverkauf und der Kaffeeausschank bzw. die Verkaufsaktionen mit Kuchen und Milchgetränken, wie z.B. beim Schulfest im November letzten Jahres. Die Waren aus Chile geben wir dagegen zum Einkaufspreis ab, um die Artikel nicht unnötig zu verteuern und damit unattraktiv zu machen. Fairer Produzentenpreis, Transportkosten, Zoll und Mehrwertsteuer führen bereits zu einem Verkaufspreis, den nicht jeder Schüler bezahlen kann oder will. Die Überschüsse haben wir bisher zu einem kleinen Teil für die Ladeneinrichtung verwandt (Regale, Pinnwände, Kaffeetassen); einen größeren Teil haben wir im Frühjahr letzten Jahres der Kurdenhilfe und für Bangladesch zur Verfügung gestellt; jetzt unterstützen wir ein Kinderdorfprojekt des Internationalen Verbandes westfälischer Kinderdörfer e.V. in Peru und wollen das auch weiterhin tun. Der Rest der Einnahmen dient als Rücklage, um z.B. die Papierwaren vorfinanzieren zu können.

Es müßte nun einerseits kritisch gefragt werden, ob sich dieser „Dritte Welt“-Laden von einer normalen Cafeteria oder Papeterie nur durch seinen karitativen Akzent unterscheidet, oder ob darüber hinaus eine strukturverändernde Perspektive, ein weltpolitischer Akzent erkennbar ist. Andererseits könnte das Konzept des alternativen „Dritte Welt“-Handels, das hinter den „Dritte Welt“-Läden steht, grundsätzlich in Frage gestellt werden, denn dieser Handel, den es in nennenswertem Umfang seit den 70er Jahren gibt, hat es bisher aus verschiedenen Gründen, die hier nicht aufzuzählen sind, nicht vermocht, Strukturen in der sog. Dritten Welt und in den Industriestaaten merklich zu verändern und wird dies auch in absehbarer Zeit nicht leisten können. Trotzdem scheinen mir die „Dritte Welt“-Läden insgesamt wie auch der Laden an der Bismarckschule weiterhin eine Existenzberechtigung zu haben und mehr zu sein, als nur ein Ventil für die Entlastung unseres Gewissens angesichts der Hilflosigkeit gegenüber den übermächtig erscheinenden Marktmechanismen mit ihren unheilvollen Folgen, also mehr zu leisten als nur das Gefühl zu vermitteln: ich habe wenigstens etwas versucht.

Ich sehe in dem „Dritte Welt“-Laden auch ein pädagogisches Medium. Bei den Mitarbeitern kann man eine soziale Sensibilität voraussetzen; sie möchten sich sinnvoll engagieren, Hilfe leisten und bringen für Schüler z.T. schon recht differenzierte Kenntnisse mit, z.B. über die Ursachen von Unterentwicklung. Meine Vorstellung geht dahin, diese Voraussetzungen zu nutzen und mit den AG-Mitgliedern neben der Ladenarbeit Themen zu vertiefen, die die „Dritte Welt“ betreffen, und die Ergebnisse dieser Arbeit den Ladenbesuchern in verschiedenen Formen zugänglich zu machen. Die Bandbreite der möglichen Schwerpunkte ist groß. Woher kommt und was heißt „Unterentwicklung“? Was für eine Entwicklung ist wünschenswert? Entwicklungshilfe und wirtschaftliche Interessen, koloniales Erbe, Dependenztheorie, Schuldenkrise, der IWF, Rohstoffpreise, Agrarprotektionismus, Rüstungsexporte, ökologische Krise, Menschenrechte usw. Dabei ist es für die Schüler ebenso wie für mich wichtig, der Gefahr folgender Überforderungen auszuweichen:

 der kognitiven Überforderung (die Kompliziertheit und Vielschichtigkeit der Materie führt zur Resignation)

• der emotionalen Überforderung (das erkannte Unrecht erscheint übermächtig und unüberwindbar groß)

• der moralischen Überforderung (die Erkenntnis des eigenen Verstricktseins fördert Schuldgefühle, die letztlich zu Resignation und Gewissensabstumpfung führen) (Vgl. M. Kunz, Dritte Welt-Läden. Einordnung und Überprüfung eines entwicklungspolitischen Bildungsmodells, Darmstadt 1987, S. 230).

Gerade deshalb ist die Verknüpfung dieser Theoriearbeit mit wirklichkeitsbezogenen Handlungsperspektiven wichtig, und hier bietet diese AG mehr Möglichkeiten als der normale Schulunterricht.

Der Verkauf von Handarbeiten aus Chile verändert zwar keine Strukturen im Welthandel, aber er kann ein – wenn auch unvollkommenes – Modell für einen gerechteren Handel sein, er verringert – wenigstens punktuell – die negativen Auswirkungen ungerechter Handelsstrukturen und einer jahrelangen verfehlten Wirtschaftspolitik der chilenischen Militärjunta, schafft Arbeitsplätze in den Elendsvierteln von Santiago v. a. für Frauen und ermöglicht diesen, unabhängiger und selbstbewußter zu werden. Darin sehen wir schon einen großen Erfolg und halten den Verkauf dieser Waren deshalb für sinnvoll.

Kritische Zeitgenossen meinen nun, bei diesem alternativen Welthandel würden alte Abhängigkeiten durch neue ersetzt. Und es ist sicher richtig, daß die Abhängigkeit von einem Abnehmer oder vom Verkauf eines Produkts eine Situation ist, die gerechtem Handel entgegensteht und überwunden werden muß. Aber was soll im konkreten Fall die Alternative zum Verkauf dieser Waren in „Dritte Welt“-Läden sein? Im übrigen wird schon versucht, den Verkauf der Handarbeiten auf den heimischen chilenischen Markt auszudehnen und damit u.a. diese Abhängigkeit zu reduzieren.

Ähnliches läßt sich zum Kaffee aus Mexiko sagen, der zwar vielleicht etwas weniger „Verwöhnaroma“ entfaltet, den aber indianische Kleinbauern anbauen, ohne dabei ihre Gesundheit und Umwelt durch Pestizide zu ruinieren, und den sie mittlerweile auch selbst verarbeiten und vermarkten.

Die Unterstützung des Aufbaus eines Kinderdorfes in Peru, die von einem Mitglied der AG angeregt worden ist und über das wir uns durch einen Referenten haben berichten lassen, bedeutet mitzuhelfen, daß 200 Straßenkinder aus Limamenschenwürdige Lebensverhältnisse erhalten und sich schließlich zusammen mit ihren einheimischen Pflegeeltern selbst versorgen können (ein wichtiges Kriterium für unsere Entscheidung zugunsten dieses Projekts). Ebensoviele Kinder sterben in Peru täglich an den Folgen der Armut. Eine entmutigende Relation. Aber die Aussicht, 200 Kinder vor Kriminalität, Prostitution und Obdachlosigkeit bewahren zu können, bewahrt uns immer wieder davor, zu resignieren, motiviert die Schüler, Kaffee zu kochen und Kuchen zu backen, Plakate zu malen und Geld zu zählen, kurzum: den Laden so zu führen, daß er Überschüsse für dieses Projekt erwirtschaftet. Dieses Engagement führt dann auch dazu, daß gefragt wird, warum die Verhältnisse in Peru so sind, wie sie sind, und daß Perspektiven über diese Form einer Projektunterstützung hinaus gesucht werden.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß ein ganz entscheidender Faktor für die Motivation der Mitarbeiter natürlich der Grad der Akzeptanz ist, den der Laden an der Schule besitzt. Es scheint mir neben der Anwesenheit der Mitschüler ebenso wichtig zu sein, daß Lehrer durch den Besuch des Ladens signalisieren, daß sie das Engagement der Ladenmitarbeiter gutheißen. Ein weiterer Motivationsschub entsteht ganz einfach dadurch, daß die AG-Mitglieder das Gefühl haben, daß der Laden ihr Laden ist. Sie können etwas beeinflussen und gestalten, was in vielen Bereichen ihres Lebens so nicht möglich ist. Auch deshalb bemühe ich mich, sie tatsächlich mitbestimmen zu lassen und ihre Ideen aufzugreifen.

Abschließend eine notwendige Anmerkung zum Verkauf von Papierwaren: Daß derzeit der Verkauf dieser Artikel dominiert, scheint mir für einen „Dritte Welt“-Laden an einer Schule mit ganz spezifischen Kundeninteressen legitim zu sein:

 Die Ware kann den Umweltschutzgedanken transportieren, der einen Aspekt der notwendigen politischen Veränderung bei uns verdeutlicht;

 die Ware lockt Besucher an, die sich dann vielleicht weiter im Laden umsehen;

• die Ware erbringt Überschüsse u.a. für das Peru-Projekt.

Ein wichtiges Ziel bleibt es aber, das Warenangebot des alternativen „Dritte Welt“-Handels zu erweitern und die Informationsarbeit zu verbessern, um noch deutlicher herauszustellen, daß der Laden mehr ist als eine Cafeteria und Papeterie.

Internationale Herausforderungen. Herausgegeben. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt -
Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V. (An der Bismarckschule 5, Hannover) (Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V.)

Internetausgabe: 14.11.2011

 

 

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

 

 

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Bearbeitungsstand: 05.12.2011