Gerhard Voigt:
Die Türkei-Partnerschaft
der Bismarckschule Hannover
und ihre Konsequenzen für eine Interkulturelle Erziehung
1. Die Aufgaben der TÜRKEI-AG im UNESCO-Club
Über die Schülerpartnerschaften der Bismarckschule
Hannover im Rahmen der UNESCO-Schwerpunkte wurde schon in meinem ersten
Aufsatz in diesem Buch berichtet. Einen konkreten Arbeitsschwerpunkt, den
ich aufgebaut und bis 1991 betreut habe, möchte ich im Folgenden noch
etwas genauer vorstellen. Die traditionellen Schwerpunkte der
internationalen Kontakte waren „näherliegend“ in Polen, Finnland,
Großbritannien und unter anderen organisatorischen Voraussetzungen in den
USA. Doch fehlt im Weltmaßstab, dem sich die UNESCO verpflichtet fühlt,
eine weitere Dimension, die ungleich schwerere praktische Probleme
aufwirft: der Blick über Europa und die „westliche“ Industriewelt hinaus
in die Region der Armen, in die Dritte Welt. Nur vorsichtig können wir uns
in die Probleme dieser Länder einleben, ohne in den Verdacht neokolonialer
Einmischung zu geraten. Unbefangenheit ist hier noch schwerer zu erreichen
als in den Beziehungen zu Polen. Ein erster Versuch zum Kontakt mit dieser
Region ist die Aufnahme von Schulpatenschaften mit Schulen in
Cochabamba/Bolivien und bei Windhuk/Namibia, wobei die Bismarckschule
Hannover unmittelbare finanzielle Hilfe sowohl für die Gesundheitsfürsorge
für die Schülerinnen und Schüler als auch für die Beschaffung von
Lernmitteln leisten will. Doch ein persönlicher Kontakt zu diesen Schulen
wird über den Schriftwechsel hinaus nicht stattfinden können. Daher wollen
wir zunächst einmal Kontakte zu einem Land aufnehmen, das zwar einerseits
als Brücke zur Dritten Welt und auch zur islamischen Kultur dienen kann,
andererseits aber in vielfacher Weise noch mit der deutschen Geschichte
und Gegenwart verbunden ist: der Türkei.
In der Erkenntnis, daß die Türkei ungeachtet aller
inneren politischen und sozialen Probleme zu einem wichtigen Partner
Deutschlands und Mitteleuropas geworden ist - der beantragte und
verhandelte EG-Beitritt der Türkei bestätigt das ebenso wie die
Verbindungen durch Arbeitsmigration und Tourismus- und in der Beobachtung
vielfältiger Vorurteile und Ressentiments in der deutschen Bevölkerung,
die es zu bekämpfen gilt, ist es unser Ziel, durch dauerhafte Kontakte und
Partnerschaften zumindest im Rahmen der Schulöffentlichkeit aufklärerisch
und emotional entspannend zu wirken.
Zudem bieten enge Türkei-Kontakte (wobei Vorbehalte
gegen die aktuelle türkische Politik durchaus nicht unterdrückt und
verschwiegen werden müssen!) eine Klammer zu einem weiteren hochaktuellen
pädagogischen Aufgabenbereich, der nicht nur die UNESCO-Schule bedrängt
sondern nach meiner Einschätzung zur zentralen pädagogischen Aufgabe in
den deutschen Schulen in der nächsten Zeit werden wird: der
interkulturellen Erziehung, die den Blick über die Grenzen Europas hinaus
öffnet und der pädagogischen Integration und Förderung von Schülern
ausländischer Herkunft. Über diese Akkulturationsproblematik will ich
abschließend auch noch einige Sätze anfügen!
Die aktuellen Probleme, die eine ganze Generation in
der Türkei prägen werden und die damit auch für uns Deutsche Bedeutung
erlangen werden, lassen es umso wichtiger erscheinen, den ständigen
Kontakt zwischen beiden Völkern und Kulturen auch auf der unteren Ebene
der persönlichen Bekanntschaft nicht abreißen zu lassen, im Gegenteil: zu
fördern und auszubauen. Hier fühlen sich auch die UNESCO-Schulen
angesprochen. Auch das türkische Erziehungsministerium hat den Wert
solcher Kontakte erkannt und unterstützt Schulpartnerschaften mit
deutschen Schulen. Vor wenigen Jahren erst hat das türkische Ministerium
mit dem niedersächsischen Kultusminister ein Schwerpunktprogramm für
Schulpartnerschaften vereinbart, in das sich die Aktivitäten der
Bismarckschule einpassen lassen. Die TÜRKEI-AG im UNESCO-Club der
Bismarckschule Hannover versucht, sich mit den Möglichkeiten und Problemen
von Schulpartnerschaften auseinanderzusetzen, und will die Thematik
„Türkeikontakte“ einer breiteren Schulöffentlichkeit vermitteln. In Arbeit
mit Medien und Materialien werden die Grundzüge der Geschichte und
Landeskunde der Türkei erarbeitet
Darüber hinaus bietet die TÜRKEI-AG ihren Mitgliedern
die Möglichkeit, sich intensiv mit selbst gewählten Schwerpunktthemen aus
Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft oder Zeitgeschichte zu beschäftigen, um
daraus z.B. Berichte, Teile von Ausstellungen, Beiträge zu
Informationsveranstaltungen oder Erkundungsthemen für Türkeireisen
abzuleiten. Dabei wird der „Multiplikatorenfunktion“ der Türkei-AG beim
Abbau von Vorurteilen und bei der Vermittlung von Einsichten über die
Türkei und den Islamischen Kulturkreis ein großes Gewicht beigemessen.
2. Die Türkeifahrt der Bismarckschule Hannover
1985
Auftakt der Schulpartnerschaft mit der Istanbul
Lisesi
Ende Oktober 1985 wurde von der Bismarckschule
Hannover eine erste Studienfahrt in die Türkei durchgeführt. Diese
Studienfahrt trug einen ganz besonderen Charakter dadurch, daß sie nicht
als Unterrichtsveranstaltung eines Leistungskurses in einem fachlich
definierten Zusammenhang durchgeführt wurde, sondern von einer speziell
für den neuen Arbeitsschwerpunkt gegründeten Türkei-Arbeitsgemeinschaft
von der Gesamtkonferenz mit einem Erkundungsauftrag versehen wurde, der
durch vorbereitende Aktivitäten wie durch die Fahrt selbst erfüllt werden
sollte. Vierzehn Schüler und Schülerinnen der 12. und 13. Klasse und die
Lehrer Hans Glitte, Ulrike Schulz und Gerhard Voigt übernahmen diesen
Auftrag.
Konkret sollte während dieser ersten Studienfahrt in
die Türkei erkundet werden, ob trotz organisatorischer Probleme
Studienfahrten und Informationsreisen in dieses Land risikolos
durchgeführt werden können, ob sich in der Türkei
Informationsmöglichkeiten und Gesprächskontakte in unserem Sinne
herstellen lassen, ob dauerhafte Kontakte zu unterschiedlichen Kreisen in
der Türkei hergestellt werden können, auf die bei späteren Reisen
zurückgegriffen werden kann, und ob schließlich eine konkrete
Schulpartnerschaft, ggf. mit Schüleraustauschangeboten, mit einer Schule
in der Türkei eingeleitet werden kann. Das Resultat vorweg: Alle Fragen
konnten in hohem Maße und mehr als erwartet positiv beantwortet werden.
Die Beschäftigung mit der Türkei ist in der
derzeitigen Situation für deutsche Schüler in mehrfacher Hinsicht wichtig
und interessant. Ganz abgesehen von den historischen freundschaftlichen
Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei -die gleichwohl immer
etwas einseitig blieben-, auf die zurückzugreifen jedoch eine gute
Grundlage für gegenseitiges Verständnis schaffen könnte, sind heute einige
Probleme aufgetaucht, die einen gesellschaftlichen und politischen
„Handlungsbedarf' wecken, der sicher anders aussehen muß, als einige
politische Kreise in der BRD es sich heute vorstellen, und sicher anders,
als es die primitive Behandlung des „Ausländerthemas“ in Teilen der
Öffentlichkeit nahe legt
Die üblichen Studienfahrten greifen in ihrer
Konzeption zu kurz, um das anspruchsvolle Arbeitsprogramm des
Arbeitsschwerpunktes „Türkei“ an der Bismarckschule Hannover zu erfüllen;
eine längerfristige Einbindung in vielfältige Aktionen, Projekte und
Unterrichtsveranstaltungen ist ebenso notwendig wie die Perspektive eines
dauerhaften Kontaktes zu Personen und Schulen in der Türkei, der
längerfristig eine echte Schulpartnerschaft entwächst.
Die erste geplante Studienfahrt, die von den
Mitgliedern der Türkei-AG durchgeführt wurde, hatte damit Pilotfunktion
für die Schule, wobei vor allem die möglichen Fortsetzungen und
Vertiefungen der Kontakte und der Informationsmöglichkeiten geprüft werden
sollten. Durch Gespräche mit Schülern und Jugendlichen, nicht nur aus
unserer Partnerschule, sollte ein Eindruck von der sozialen und
ökonomischen Situation des Landes und den dadurch geformten
Lebensbedingungen der türkischen Jugendlichen vermittelt werden. Daß bei
diesem notwendigerweise auf zentrale Themenbereiche konzentrierten
Programm auch der Kontakt mit der reichen Kultur und Geschichte der Türkei
nicht fehlen darf, versteht sich, nach den einleitenden Ausführungen, von
selbst.
Dies kann und darf aber nicht zum touristischen
Selbstzweck werden, sondern soll die Basis zum Verständnis der heutigen
Situation des Landes sein. Um beide inhaltlichen Aspekte gleichermaßen
intensiv bearbeiten zu können, wurde die Reise in mehrere Abschnitte
unterteilt, die jeweils ein eigenes inhaltliches Profil gewannen. Istanbul
vermittelte zunächst den grundlegenden ersten Eindruck der Vielfältigkeit
der türkischen Lebensverhältnisse und ihrer tiefen historischen
Verankerung, geleitet durch die unmittelbaren Eindrücke des Besuchs in der
Istanbul Lisesi.
Ankara führte, auch durch das Gespräch im
Ministerium, in die Aktualität des türkischen Staatswesens ein; der
Schatten des Republikgründers Atatürk wird hier besonders mächtig. Konya
ist demgegenüber eine Art Gegenpol: islamische Tradition und Kultur werden
als auch heute wirksame Werte und bewundernswerte Kulturleistungen
erkennbar. Der letzte Teil der Reise entsprach dann eher üblichen
Türkeirundreisen -jetzt aber auf einer gefestigten Informationsbasis-,
indem bemerkenswerte Landschaften – Kappadokien, Pamukkale, Ägäisküste –
und weltberühmte historische Stätten, die durchaus auch für sich genommen
eine Studienreise wert sind – Pergamon, Troja –, in den Vordergrund
rückten. Als stärker erlebnisbetonte Phase, gleichzeitig mit deutlich
erholsamerem Ablauf, rundete dieser letzte Teil die Türkeireise iu einem
harmonischen Ganzen, das den Schülern wichtige und wertvolle Eindrücke und
Einsichten vermitteln konnte.
Dieser Reise folgte 1989 eine weitere Studienfahrt
mit entsprechenden Schwerpunkten, die nur in Einzelheiten aus den
Erfahrungen der ersten Reiseverbesserungen im Programmablauf vornahm.
Begleitet wurde diese Reise von Gerhard Voigt und Günter Fuchs. Ein vom
UNESCO-Club herausgegebenes Berichtsheft der beiden Begleiter wurde
ergänzt durch eine großformatige „TÜRKEI-ZEITUNG“, die, von den
Reiseteilnehmern gemeinsam erstellt, in einer Auflage von 1000 Exemplaren
allen Schülern der Bismarckschule Hannover zur Verfügung gestellt wurde:
Ein schöner Beweis für das Engagement und die Lebensfähigkeit der
Türkei-Arbeit an unserer Schule!
Zwei Gegenbesuche von türkischen Schülern 1989 und
1990, jeweils begleitet vom stellvertretenden Direktor der Istanbul
Lisesi, Hamit Alkir, vertieften die Kontakte. Leider konnten wir die
gewünschte Einladung an unsere türkischen Freunde für das Jahr 1991 nicht
aussprechen, weil zu wenige Schüler und Eltern bereit sind, einmal für
zehn Tage einen ausländischen Schüler oder eine Schülerin zu beherbergen.
Ein beschämendes Zeichen mangelnder deutscher Gastfreundschaft! Dann
mußten wir unsere Partnerschule ein weiteres Mal enttäuschen, als wir
unseren dringend gewünschten Besuch in der Türkei 1991 aus schulinternen
Gründen absagen mußten. Ich habe darüber schon in meinem allgemeinen
Aufsatz zur UNESCO-Arbeit berichtet. Unter diesen Umständen noch einmal an
die erfahrene türkische Gastfreundschaft anknüpfen zu können, war
zweifelhaft.
Trotz erheblicher Probleme haben sich jedoch 1992
wieder einige Kollegen und Schülerinnen gefunden, die einen neuen Versuch
wagen wollen, die Türkei-Arbeit zu reaktivieren - hoffentlich adäquat
unterstützt von Kollegium und Schulleitung!
3. Organisatorische Erfahrungen und Tips
Türkeireisen werden von Schulen heute schon häufiger
organisiert. Die Aktualität dieses Themas und Reiseziels wird erfreulich
oft erkannt und richtig eingeschätzt. Besonders interessant sind dann
natürlich Veranstaltungen von Schulen mit hohem Anteil türkischer Schüler,
die im Rahmen einer solchen Studienfahrt den deutschen Mitschülern ihre
Heimat vorstellen können. Aber auch für Schulen des weiterführenden
Schulwesens, auch für Gymnasien, in denen der Ausländeranteil relativ
gering ist, bietet der Kontakt mit. der Türkei, wenn er entsprechend
sorgfältig vorbereitet und inhaltlich aufgefangen wird, wichtige
Lernanstöße; ist doch die sogenannte „Ausländerproblematik“, die oft
explicit Türkenfeindlichkeit hervorruft, ein gesamtgesellschaftliches
Phänomen, das weitgehend unabhängig von der tatsächlichen
Kontakthäufigkeit zwischen den Nationalitätengruppen ist.
Dies Thema muß an anderer Stelle intensiver und
umfassender ausgeführt und verbreitert werden; die
gesellschaftswissenschaftlichen Grundeinsichten, die bei der Konzeption
unserer Türkei-Kontakte eine Rolle gespielt haben, müssen hier
vorausgesetzt werden. Dies gilt auch für die vielfältigen kritischen
Ansätze über Rezeptionsweisen bei Fernreisen, die das Thema
Auslandsstudienfahrten doch noch schwieriger und differenzierter
erscheinen lassen, als es der auf die Individualpädagogik verengte
Lehrerblick gerne wahrhaben will. Nur so viel: Reisen allein beseitigt
noch keine Vorurteile, bekräftigt sie sogar oft. Eine sinnvolle
Studienreise bedarf der intensiven pädagogischen und sachinformativen
Einbettung, Vorbereitung und Auswertung!
Einige scheinbar recht banale Anmerkungen über das
Alltagsverhalten in der Türkei können den Schülern schon eine wertvolle
Hilfe sein, sich innerlich auf den Türkei-Besuch einzustimmen. Einige
solche Bemerkungen, die im konkreten Falle der Studienfahrtvorbereitung
der Bismarckschule Hannover mit den Schülern intensiv diskutiert wurden,
sollen hier kurz aufgeführt werden: Grundsätzlich ist zu sagen, daß die
Türkei sich, zunehmend stärker, den uns bekannten „westlichen“ Verhaltens-
und Umgangsformen anpaßt, so daß eine Reise kaum problematisch ist; das
wird unterstützt durch die immer häufigeren Kontakte mit Touristen, auch
uninformierten Reisenden aus Mitteleuropa, überall in der Türkei. Doch
gibt es doch noch einige Besonderheiten, auf die aufmerksam gemacht werden
soll, wenn wir nicht als Touristen, sondern als Gäste begrüßt werden
wollen. Wichtig ist vor allem die formbetonte Höflichkeit des
zwischenmenschlichen Umgangs, die Höflichkeitsfloskeln, Zurückhaltung,
Verzicht auf drängende Eile und Nötigung und Respekt mit einschließt. Mit
Höflichkeit können auch unbekannte Situationen gemeistert werden.
Zwiespältig sind die Verkehrsformen im Handel.
Während bei Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfs Handeln
um den Preis unüblich, bei geringwertigen Gegenständen ungehörig ist,
sollte mit steigendem Wert der angebotenen Ware zunehmend intensiver auch
über den Preis verhandelt werden. Feilschen um des Feilschens willen ist
jedoch nicht angebracht; es ist auch nicht angebracht, um minimale
Preisdifferenzen übermäßig lange zu verhandeln. Preisverhandlungen dienen
der gegenseitigen Information über die derzeitigen Marktbedingungen, der
Information über die Ware und der Vertrauensbildung zwischen Käufer und
Verkäufer. Wer gar nicht ernsthaft kaufen will, sollte mit dem Handeln
erst gar nicht anfangen, um nicht in ernsthaften moralischen Kaufzwang zu
geraten.
Zur Höflichkeit gehört auch das Respektieren
bestimmter Kleidungsgewohnheiten. Dabei sind in der Türkei zwischen Stadt
und Land heute auffallende Unterschiede zu beobachten. Die etwas besser
situierten Kreise der Großstadt kleiden sich modisch und elegant, z.T.
auffällig vornehm. Die traditionelle Kleidung ist schlicht, verhüllend und
Körperformen eher kaschierend. Für den Besucher ergeben sich so nur einige
Grundregeln: den „üblichen Grad“ der Körperbedeckung auch bei Hitze
einhalten (nicht in Badehose etc. durch die Straßen laufen!), in
ländlichen Gebieten besser auch Oberarme und Oberschenkel bedeckt halten
(keine Bermudashorts oder Miniröcke). Verstärkt gilt das beim Besuch von
Dienststellen, Behörden, Ministerien, Schulen etc. und ohne Ausnahme
natürlich bei der Besichtigung von Moscheen, bei denen Frauen
Kopfbedeckung tragen sollten. In Privatwohnungen zieht man übrigens seine
Straßenschuhe aus.
Der Umgang zwischen Mann und Frau ist in der
Öffentlichkeit traditioneller und distanzierter als bei uns.
„Knutschereien“ in der Öffentlichkeit sind z.B. strikt verpönt. Es ist in
der Türkei oft noch unüblich, daß Frauen allein ausgehen oder in
Restaurants gehen. Das kann u.U. zu Mißverständnissen unangenehmer Art
oder zu Gefährdungen führen, so daß wir empfehlen, zum einen grundsätzlich
auch in der Freizeit nur in Gruppen unterwegs zu sein und zweitens
„gemischte“ Gruppen zu bilden. Die Reiseteilnehmer sollten gegenseitig
aufeinander achten und gegenseitiges Verantwortungsgefühl zeigen: dann
sind ernsthafte Risiken nicht zu erwarten. Man spricht übrigens auf der
Straße Personen des jeweils anderen Geschlechts nicht an.
Abschließend noch ein paar praktische Hinweise, wie
wir mit Erfolg unsere Studienreisen organisiert haben: Zunächst haben wir
ein Reisebüro nur für eine Flugbuchung nach Istanbul und zurück in
Anspruch genommen. Unsere Programm- und Routenwünsche sind ohne
Schwierigkeiten und wesentlich billiger selbst zu organisieren, wenn kein
allzu großer Wert auf Unterbringungskomfort gelegt wird und die
Bereitschaft besteht, im Lande selbst zu improvisieren und
Programmänderungen zu akzeptieren. Mir scheint das eine für die Türkei
angemessene, landesnahe Form des Reisens zu sein. Wege im Lande selbst
sind ohne Probleme mit den Linienbussen zurückzulegen.
Am „Otogar“ jeder Großstadt ist das Gruppenticket
einen Tag vor der Weiterreise zu sehr günstigen Preisen zu erhalten (z.B.
Istanbul-Ankara pro Person ca. 20.- DM umgerechnet). Ausflüge können auch
mit Mietbussen (Kleinbusse der „Dolmus-“ d.h. Sammeltaxen-Betriebe)
unternommen werden. Für eine Tagestour mit zwei Kleinbussen ist etwa mit
Kosten von insgesamt 300.- DM zu rechnen.
Hilfreich ist es, wenn man sich von Ort zu Ort durch
persönliche Empfehlungen weiterleiten läßt; das hilft über viele
Unsicherheiten und Mißverständnisse hinweg. So können auch Hotelbuchungen
an Ort und Stelle durch Bekannte vorgenommen werden. Für uns ist das
besonders leicht, da wir zunächst unsere Partnerschule in Istanbul
besuchen, wo wir jetzt schon viele Bekannte und Freunde antreffen werden.
Sehr hilfreich ist es -und bei offiziellen
Schulkontakten ebenso wie bei Informationswünschen an Ministerien und
Dienststellen in der Türkei rechtlich sogar notwendig-, rechtzeitig etwa
ein halbes Jahr vor Reiseantritt Kontakt beim Erziehungsattach6 des
zuständigen türkischen Generalkonsulats zu suchen und mit ihm die
Reiseplanung durchzusprechen.
Er veranlaßt dann die notwendigen Genehmigungen in
der Türkei und gibt der Gruppe ein offizielles Empfehlungsschreiben mit,
das bei allen Behördenkontakten in der Türkei, bis hin beim Besuch von
Museen und Gedenkstätten, sehr hilfreich ist.
Schulstudienfahrten müssen, das sei hier nur am Rande
erwähnt, natürlich auch von den deutschen Dienststellen (in Niedersachsen
bei der zuständigen Bezirksregierung) genehmigt werden, was bei den recht
teuren Türkeireisen einen sehr eingehenden Begründungsaufwand verlangt.
Hier ist der Status einer UNESCO-Schule sehr hilfreich. Wer eine solche
Reise zum ersten Male beantragt, sollte sich bei Schulen mit
Türkei-Erfahrungen näher über das Procedere und über die inhaltlichen
Begründungen informieren. Auch die Ausführungen zu den Gründen der
Türkei-Kontakte im vorliegenden Text können dabei hilfreich sein.
Die Kosten sind zwar absolut gesehen relativ hoch, im
Verhältnis zu den Leistungen jedoch sehr günstig. Flugreisen nach Istanbul
werden von Hannover aus derzeit bei türkischen Reisebüros wie z.B.
Öger-Tours oder Türk-Tur für ca. 450.- bis 550.- DM angeboten. Für den
Aufenthalt im Lande einschließlich Busfahrten, (einheimischer) Verpflegung
und Programmkosten sind dann noch einmal bei einer Gesamtreisedauer von
zwei Wochen ca. 500.- bis 600.-DM hinzuzurechnen. Wer natürlich
Sonderwünsche in Bezug auf Unterkunft und Verpflegung hat und z.B. Kebab
und Brot als Grundnahrungsmittel nicht akzeptieren will, muß sehr schnell
erheblich mehr ausgeben.
Ein ausreichender Versicherungsschutz –
Reiseausfallversicherung für die Flugbuchung, Kranken- und
Unfallversicherung (besonders wichtig, seitdem die gesetzlichen
Krankenversicherungen für Krankenkosten in der Türkei i.d.R. nicht mehr
zahlen), für Begleitpersonen auch Haftpflichtversicherung – sollte in
jedem Falle gewährleistet sein.
4. Konsequenzen für die Interkulturelle Erziehung
in unserer Schule
Die Anmerkungen zu den soziokulturellen Wahrnehmungen
in der Türkei, die Anmerkungen zu den Zielen und Programmen unserer
Türkei-Arbeit deuten darauf hin, daß sie hinzielen auf die
Auseinander-setzung mit den vielfach noch wenig erprobten und diskutierten
Möglichkeiten des interkulturellen Lernens und einer auf dieser Grundlage
auftauenden Ausländerpädagogik.
Wir sehen mit Sorge, daß auf die schulpolitische
Ausgrenzung des Politikunterrichtes und seine Fesselung in einer
konservativen Staatsdidaktik eine Krise des Selbstverständnisses der
Politikdidaktik gefolgt ist. An den Schulen findet eine politikdidaktisch
verantwortete Gestaltung von „Politischer Bildung“ nicht mehr statt. Die
Folgen des Verdrängen“ eines kritischen Politikunterrichtes aus den
Schulen, vor denen schon vor einem Jahrzehnt eindringlich in der
Öffentlichkeit gewarnt worden ist, sind nun in bestürzendem Maße
eingetreten: Neonazis und gewalttätige „Skinheads“ nicht nur in den neuen
Bundesländern, Ausländerhatz und körperliche Bedrohung von bei uns
lebenden Ausländern aber auch von Deutschen, die für die Integration
unserer Mitbürger ausländischer Herkunft eintreten, insgesamt der Verlust
an Liberalität und Rechtsstaatlichkeit auch in manchen staatlichen
Handlungen und Verwaltungsmaßnahmen gehören zum Alltag unserer
„politischen Unkultur“. Hier Einhalt zu gebieten, Umkehr zu fordern und zu
einer positiven Neubewertung der politischen Bildung als Grundlage von
Demokratie und sozialem Rechtsstaat zu gelangen, sollte zu den
vordringlichsten Zielen der UNESCO-Schularbeit und dabei vor allem einer
inhaltlich neu überdachten und bestimmten interkulturellen Erziehung sein.
Politische Bildung und Politikdidaktik müssen sich in
der konkreten gesellschaftlichen Situation und an den aktuellen
gesellschaftlichen Konflikten bewähren und beweisen, daß sie dazu
beitragen, den Schülern in der Gesellschaft die notwendige Orientierung
und rationale Konfliktfähigkeit zu vermitteln und sie politisch
handlungsfähig zu machen. Zum Prüfstein unserer „politischen Kultur“ wird
in zunehmendem Maße unsere gesellschaftliche Fähigkeit, die sogenannte
„Ausländerproblematik“ als unsere eigene „deutsche Problematik“ des
Umgangs mit Vorurteilen, Stereotypen und sozialen Problemlagen zu
begreifen.
„Ausländerpädagogik“ bekommt aus der Sicht der
Politikdidaktik unterschiedliche Dimensionen, deren Kontext erkannt und
unterrichtspraktisch umgesetzt werden muß:
„Ausländerpädagogik“ konfrontiert mit den sozialen
Bedürfnissen und den Akkulturationsproblemen ausländischer Schüler in der
Schule, wobei das Kriterium „Ausländer“ nicht als staatsrechtliches,
sondern als sozialpsychologisches Agens zu werten ist. In dieser Dimension
wird der fundamentale Perspektivunterschied deutlich zwischen
individualpsychologisch orientierter Pädagogik, die Probleme vor allem als
individuell bedingt definiert und auf dieser Basis lösen will, und den
sozialkollektiv argumentierenden Politik- und Gesellschaftswissenschaften.
„Ausländerpädagogik“ ist aber gleichermaßen
Bestandteil einer umfassenderen „interkulturellen Erziehung“, die sich an
alle Schüler unabhängig von ihrer Herkunft wendet und den interkulturellen
Kontakt selbst unterrichtlich thematisiert.
Es fällt dabei auf – und das ist eine weitere Klammer
zu unserer Arbeit in der Türkei-AG des UNESCO-Clubs –, daß Türken
gegenüber anderen Ausländergruppen noch deutlich benachteiligt sind. Das
hat vor allem zwei Ursachen:
-
Das Verhalten der deutschen Gesellschaft gegenüber
ihrer türkischen Minderheit ist stärker diskriminierend als gegenüber
anderen Ausländergruppen; das oft zu beobachtende „Sich-Absondern“
türkischer Familien ist auch eine unmittelbare Reaktion auf das „Abgesondert-Werden“
durch die deutsche Mehrheit; dies beeinträchtigt in doppelter Weise die
Teilhabe z.B. an den Bildungsangeboten des Schulwesens.
-
Kinder aus Familien Asiens oder Afrikas, die bei
uns politisches Asyl gefunden haben, stammen, im Gegensatz zur Mehrzahl
der bei uns lebenden türkischen Familien, überwiegend aus den
Oberschichten ihrer Heimatländer. Sie haben oft schon in ihrer alten
Heimat trotz aller politischen Bedrohung und Repression das
Selbstbewußtsein kultureller Eliten verinnerlicht und verfügen damit
über die international schon rechtnivellierten Symbole und
Verhaltensweisen einer Bildungsschicht, durch die eine Integration in
unser bürgerliches Gymnasium trotz aller Sprachanpassungsprobleme
erheblich erleichtert wird.
Von der Häufigkeit ihres Auftretens wie von der
Gewichtigkeit der Problemlage her konzentriert sich unser Thema daher
schwerpunktmäßig auf folgende Aspekte:
-
Wie
kann die Anzahl türkischer Jugendlicher am Gymnasium erhöht werden, um
unter anderem auch diese „Bildungsreserve“ auszuschöpfen und um dabei
fruchtbare Ansätze kultureller Erziehung zu finden, die auch das
Gymnasium selbst inhaltlich positiv verändern könnten?
-
Wie
ist der türkischen Minderheit ein gleicher Anteil an Bildungschancen,
wie sie von deutschen Kindern selbstverständlich in Anspruch genommen
werden, zu sichern?
-
Wie
können die innerschulischen strukturellen Barrieren überwunden werden,
die sich vor allem im Vorhandensein typischer „Hürdenfächer“ am
Gymnasium ausdrücken?
-
Wie
können Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei Mitschülern abgebaut
werden, und wie kann ein fruchtbarer interkultureller Austausch, als
Bereicherung des Schullebens, in die Institution Gymnasium fest
integriert werden?
Ausländische Schüler am Gymnasium sollten nicht in
erster Linie als Problem, sondern als Chance und Selbstverständlichkeit
verstanden werden!
Im nächsten und abschließenden Abschnitt sollen
einige ganz konkrete Forderungen an unsere Schule gestellt werden, die
sich einerseits aus der UNESCO-Arbeit der Schule einschließlich der
Aktivitäten der Türkei-AG ableiten lassen, zum anderen aus der Sichtung
der neueren Literatur über Interkulturelle Erziehung und
Akkulturationsprobleme ergeben, wie sie in einer Tagung des Verbandes der
Politiklehrer e.V. in Loccum im November 1990 vorgenommen wurde. Es mag in
diesem Zusammenhang von Interesse sein, daß diese Tagung – mit Beiträgen
der in diesem Fachbereich aktiven Professoren Treuheit (Mannheim), Claußen
(Hamburg) und Sandfuchs (Hildesheim) – ausdrücklich als Fortsetzung einer
praxisorientierten Tagung in der Bismarckschule Hannover, die vom
UNESCO-Club 1988 veranstaltet wurde, angelegt war. Bezeichnend war und ist
es, daß diese erste Tagung, die in Hannover einige Resonanz hatte, in der
Schule nur von Schülern, kaum aber von den Kolleginnen und Kollegen
wahrgenommen wurde und daß ihre rechtkonkreten Ergebnisse nicht einmal in
Ansätzen diskutiert oder gar in die Praxis umgesetzt wurden. So ist auch
zu befürchten, daß die Ergebnisse der Tagung 1990, die in Kürze
veröffentlich werden, in der UNESCO-Schule Bismarckschule kaum zur
Kenntnis genommen werden. UNESCO-Schule bedeutet an dieser Schule, so mein
resigniertes R6sum6, zu 90% Etikettenschwindel, Schmuck für die Werbung
von Schillern und die Außenrepräsentanz − daraus aber inhaltliche
Konsequenzen, die den Unterricht, den Umgang mit den Schülerinnen und
Schülern, die sakrosankten Fachinhalte auch nur ansatzweise berühren
könnten, zu ziehen − das ginge nun wirklich zu weit. Die Bismarckschule
ist eine Phantom-UNESCO-Schule! Aber machen wir doch mit den folgenden
Forderungen die Probe auf's Exempel:
5. Thesen und Vorschläge zur Förderung und
Integration ausländischer Schüler und Schülerinnen an der Bismarckschule
Hannover
- Die Förderung „ausländischer“ Schülerinnen und
Schüler darf nicht nach einem Nationalitätenkriterium sondern nach
bestimmten Defizittypen organisiert werden, was eine individuelle
Beurteilung der Bildungsvoraussetzungen voraussetzt, bei der auch
Selbsteinschätzung, Bildungswunsch und Motivationsrichtung angemessen
berücksichtigt werden müssen. (Förderung z.B. auch bei Bildungsdefiziten
wegen des individuellen sozialen Hintergrundes unabhängig von nationaler
Zuordnung; Berücksichtigung von Mehrfachbenachteiligungen, wie sie sich
aus der schwierigen „Muttersprachssituation“ z.B. von Kurden türkischer
Nationalität, die in Deutschland aufwachsen, beobachten lassen.)
- Motivation und Bildungszielorientierung sind für
den Schul(Ausbildungs- und Berufs-)erfolg wichtiger als festgestellte
„objektivierbare“ Wissensdefizite. Hier darf keinenfalls ein starrer,
summativer Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden! Allgemeinbildung und
Studierfähigkeit lassen sich nicht durch einen festgeschriebenen Kanon von
Kenntnissen und instrumentellen Fähigkeiten bestimmen, sondern ergeben
sich aus einer pädagogischen Gesamtbeurteilung, die individuell sehr
unterschiedlich inhaltlich untermauert sein kann.
- Förderung darf nicht zur Aussonderung und
Stigmatisierung führen, d.h.: es müssen fließende Grenzen zwischen
geförderten und „normalen“ Lerngruppen gefordert werden; Förderung hat das
Ziel, dem persönlichen Charakter- und Begabungsbild des Schülers bzw. der
Schülerin angemessene Chancengleichheit für die Existenz in der deutschen
Gesellschaft zu sichern.
- Integration und Chancengleichheit beziehen sich auf
die Rechte und die tatsächlichen Chancen, alle soziale Positionen in
unserer Gesellschaft anstreben und einnehmen zu können; Integration
bedeutet aber nicht, die eigene kulturelle und religiöse Herkunft
verleugnen oder aufgeben zu müssen: Niemand darf zu einem
„Zwangsdeutschen“ erzogen werden! Das Bewahren der eigenen
herkunftsmäßigen kulturellen Identität gehört zu den verfassungsmäßigen
Grundrechten jedes Menschen in unserer offenen und pluralistischen
Demokratie.
- Aus dieser notwendigen Pluralität der individuellen
Lebensentwürfe, die von unserer Gesellschaft und Verfassung gleichwertig
nebeneinander akzeptiert werden, geht die – für den Gymnasialunterricht
bislang noch nicht allgemein akzeptierte – Forderung hervor, daß es nicht
primäres Ziel des Fachunterrichtes sein darf, daß die Schülerinnen und
Schüler inhaltlich unbedingt das Gleiche zu lernen haben, sondern, allein
gemessen am gesamtcurricularen Stellenwert: Vergleichbares und
Gleichwertiges, daß also eine viel stärkere inhaltliche
Binnendifferenzierung in allen Fächern notwendig wird.
- Das hat fundamentale Folgen für die
Bewertungsschemata, in denen Leistungsalternativen eingebaut werden
müssen, und eine Substitution üblicher sprachlicher Ausdruckskriterien
durch vergleichbare formale, fachsprachliche, nonverbale oder in anderen
verbal-strukturellen Kontexten stehende Äußerungsformen ermöglicht werden
muß.
Mögliche Grundtypen der praktischen Förderung
- „Förderband“: Eine Folge von fördernden Maßnahmen
über einen längeren Zeitraum hinweg, wobei am Anfang sicher das
Sprachtraining steht, dem dann eine spezialisiertere fachliche und
individualisierte Förderung folgt. Hier sollten prinzipiell alle Fächer
über ihre Fachbereiche angesprochen werden. Fachliche Förderung wird
vorzugsweise interdisziplinär-aufgabenfeldbezogen z T. mit wechselnder
Lehrerbetreuung zu unterrichten sein. Die beteiligten Lehrer sollten in
einer speziellen Förderkonferenz ihre Ziele erarbeiten und den Erfolg
überprüfen. Dabei ist die Teilnahme an speziellen
Lehrerfortbildungsmaßnahmen empfehlenswert.
- Wenn ein entsprechender Versuch genehmigt und durch
die Zuteilung entsprechender Lehrkräfte ermöglicht werden sollte, wäre ein
Einstieg in die Bilingualität in einer ausgewählten Sprache (z.B. Polnisch
an der BS und Türkisch an der TKS) sinnvoll, wobei z.B. Mathematik und
eine Naturwissenschaft – selbstverständlich im Rahmen der
niedersächsischen RRL -in der betreffenden Fremdsprache erteilt werden. An
diesem Unterricht sollten auch deutsche Schüler teilnehmen können. Das
setzt die vorherige Einführung der betreffenden Sprache als Fremdsprache
wie, in einem begrenzten Rahmen in den unteren Klassen, für den
muttersprachlichen Unterricht voraus.
- Die fachliche Binnendifferenzierung verlangt von
den Fachkonferenzen eine Sichtung des Lehrstoffes in Hinblick auf variable
Schwerpunktsetzungen, parallele Lernwege und Einbeziehung fremdkultureller
Unterrichtsstoffe und Erfahrungshintergründe in den eigenen Unterricht
(fallbezogene Themenschwerpunkte z.B. in türkischer/polnischer Geschichte,
Politik und Länderkunde, oder auch entsprechender literarischer,
künstlerischer oder philosophischer Inhalte unter strikter Einbeziehung
der davon direkt betroffenen Schülerinnen und Schüler). Die
Flexibilisierung der Bewertungsschemata (die in der Mittelstufe durch die
erlaßmäßige pädagogische Zensierung ohnehin gefordert ist) muß in den
Fachkonferenzen auch inhaltlich besprochen werden (Vergleichbarkeit statt
Gleichheit der Anforderungen). Über spezifische fachliche Hilfen
(Sprachglossare, Übersetzungs- und Verständnishilfen, Veranschaulichungen)
sollte Einverständnis erzielt werden. Dazu zum Beispiel: Mathematik und
Naturwissenschaften können gerade durch ihre formalisierten „Sprachen“ -
wenn sie auf ein elitäres Fachbewußtsein verzichten - zu „Rettungsankern“
für Schüler mit Sprachdefiziten werden; das erfordert aber den
weitgehenden Verzicht auf umgangssprachliche „Einkleidung“ der
Anforderungen und Aufgaben. Auch in den deutschsprachlichen Fächern ist
beim Umgang mit älteren Quellen ein Umdenken erforderlich. Viele heute
nicht mehr gebräuchliche Ausdrücke (die auch deutschen Schülern und
Lehrern fallweise Verständnisschwierigkeiten bereiten) gehören sicher
nicht zum unbedingt erforderlichen Grund- und Fachwissen (und sind gerade
ausländischen Schülerinnen und Schülern, wenn sie noch so begabt und
intensiv Deutsch gelernt haben, niemals begegnet, daher auch von ihnen
keinesfalls zu verlangen (auch wenn sie im Unterricht eventuell einmal
beiläufig aufgetaucht sind!); sie sind fallweise oder auf Nachfrage auch
im Rahmen einer Klausur (!) vom Lehrer zu erläutern. Auch alte, gebrochene
Schrifttypen können nicht ohne weitere Vorübungen verstanden werden.
- Ein inhaltlicher Schwerpunkt der sprachlichen
Integrationsbemühungen ist nicht nur das Sprachtraining, sondern vor allem
das „Sprechen über das Sprechen“ (metasprachlicher Diskurs) mit der
besonderen Betonung des sprachlichen Umganges zwischen Deutschen und
Ausländern. Vorurteilshaltungen, Mißverständnisse und die eigene
spachliche Identität werden hierbei deutschen wie bei ausländischen
Schülern bewußt gemacht (z B in den Fächern Deutsch, Sozialkunde und in
den Wertfächern).
In Zusammenarbeit mit dem Schulträger (massive
Forderungen werden dabei wohl notwendig sein!) sind spezielle Hilfsmittel
anzuschaffen:
* Wörterbücher und Fachwörterbücher für alle
vertretenen Sprachen
* ausländische Schulatlanten
* ausländische Schulbücher
* ausländische Handlexika
* länderkundliche und populärgeschichtliche Bücher
für alle Regionen, aus denen Schüler an der BS vertreten sind.
Diese Werke können als Hilfsmittel im Unterricht, für
Hausaufgaben undin Klausuren von den Schülern verwendet werden.
Was ist konkret und schnell zu tun?
- Eine fächerübergreifende Arbeitsgruppe sollte das
Konzept des Förderunterrichtes inhaltlich und organisatorisch neu
diskutieren, eventuell in Hinblick auf ein komplexeres Förderungssystem
unter Berücksichtigung der zu erwartenden neuen Erlaßbedingungen. Dabei
ist zu erörtern, ob eine Beziehung hergestellt werden kann zu
Fördermaßnahmen gegen geschlechtsrollenspezifische Benachteiligungen.
- Die Fachkonferenzen sollten gebeten werden,
zunächst fachbereichsbezogene Gesprächskreise (Naturwissenschaften,
Fremdsprachen, Deutsch, Gesellschaftswissenschaften, künstlerische Fächer,
Wertfächer) zu initiieren, in denen die fachlichen Umsetzungsmöglichkeiten
(noch ohne definitive Beschlußfassung) geprüft
werden, ggf. unter Beteiligung betroffener und interessierter Schüler und
Eltern.
- Bilingualität als Schulversuch und
Sonderanschaffungsprogramme sollten zunächst von der Schulleitung auf ihre
prinzipielle Realisierbarkeit hinüberprüft werden.
- Die verschiedenen Vorarbeiten werden in der
Konferenz zur Diskussion gestellt
- Zu diesem Thema wären differenzierte
Lehrerfortbildungsmaßnahmen sicher sinnvoll. Erfahrungen anderer Schulen
und Schulformen sollten aufgenommen und in die Willensbildung mit
aufgenommen werden.
Ich wiederhole hier noch einmal meine Auffassung, daß
(ähnlich dem UNESCO-Obmann) ein gewählter Beauftragter bzw. eine gewählte
Beauftragte zur Betreuung ausländischer Schülerinnen und Schüler sinnvoll
wäre.
Für diejenigen, die sich noch intensiver mit diesem
Themenbereich beschäftigen wollen, hat der UNESCO-Club Ende vergangenen
Jahres in Zusammenarbeit mit dem Verband der Politiklehrer e.V. einen
Bericht über das gemeinsam veranstaltete Symposium in der Bismarckschule
Hannover 1988 und ein schmales Materialheft zum Thema vorgelegt. Bei
Interesse können auf Anforderung weitere Exemplare vervielfältigt werden.
In absehbarer Zeit wird ergänzend dazu als Verlagspublikation ein Bericht
über die schon oben genannte Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum
zum Thema Ausländerpädagogik/Interkulturelle Erziehung, herausgegeben vom
Verband der Politiklehrer e.V., vorgelegt werden. Interessenten melden
sich bitte beim UNESCO-Club.