Gerhard Voigt
UNESCO-Schulen: Aufgaben
und Möglichkeiten
1. Wandlungen der Ziele der UNESCO-Arbeit
Die internationale Organisation der
"UNESCO-Modellschulen" ist eine typische Gründung der ersten
Nachkriegszeit und in vielerlei Beziehung von ihrer Entstehungszeit
geprägt worden. Sie steht neben den nationalen "Gesellschaften für die
Vereinten Nationen", neben der idealistischen Europabewegung und den
verschiedenen bilateralen Jugendwerken. Die Ziele waren direkt und
unmittelbar geprägt von der Erfahrung des Krieges und der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das "Nie Wieder" reichte
zunächst als Zielbestimmung aus, eine Zielbestimmung, die vor allem
ethisch und moralisch motiviert und in der praktischen Umsetzung eher
unpolitisch war.
Das soll nun nicht als fundamentale Kritik verstanden
werden; der moralische Anspruch war damals so richtig und wichtig, wie er
es heute noch ist. Doch stießen diese aus den frühen fünfziger Jahren
herrührenden internationalen politischen Initiativen schnell an die
Grenzen ihrer Wirksamkeit; "Kalter Krieg" und imperiale Großmachtpolitik
drängten die idealistischen Ansprüche bald an den Rand des öffentlichen
Interesses und der öffentlichen Wirksamkeit. Eine politisch wirksame
Massenbewegung wurde die UNESCO-Schularbeit nie, konnte sie nie werden,
und zwar gerade durch das seit der Gründung bestehende Defizit an
politischem Gehalt und politischer Institutionalisierung.
Die heutige Generation von Lehrern und Schülern in
den jetzt bestehenden UNESCO-Schulen kann kaum noch an unmittelbare
Erfahrung und Augenzeugenschaft der Kriegs- und ersten Nachkriegszeit
anknüpfen. Sie muß sich den heutigen gesellschaftlichen und politischen
Bedingungen und Problemlagen stellen, muß eine zeitgenössische
UNESCO-Arbeit betreiben und Ziele und Inhalte dieser Arbeit neu
überdenken.
Die erstaunlichen politischen Umwälzungen der letzten
Jahre, die Bewegung, die in das Ost-West-Verhältnis gekommen ist, das
wieder wachsende internationale Ansehen der Krisenlösungsbemühungen
der Vereinten Nationen in Namibia, Nahost, Angola
oder in Südost-Asien erleichtern es, den UNESCO Gedanken neu und nun auch
politisch zu fassen. Es ist ein günstiger Moment, UNESCO-Schulen zu
Erprobungsstätten einer neu überdachten politischen Bildung, zu
Multiplikatoren für die Erfahrungen mit interkulturellem Lernen zu machen.
Die UNESCO ist eine Sonderorganisation der UN, und die Abkürzung steht für
"United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization". Der
Sitz dieser internationalen Organisation ist Paris; sie hatte im Jahr 1984
bereits 161 Mitgliedsstaaten. Die UNESCO ist 1945 zum Zwecke der
internationalen Zusammenarbeit auf den Gebieten der Erziehung, der
Wissenschaft und Kultur gegründet wurde. Innerhalb dieser Organisation
haben sich nun Schulen zu sogenannten "UNESCO-Schulen"
zusammengeschlossen.
An dem Modellprogramm der UNESCO sind über 1500
Schulen in über 80 Ländern beteiligt. UNESCO-Schulen sind Schulen, die
sich in besonderem Maße dem Erziehungsziel der internationalen
Zusammenarbeit und Verständigung verpflichtet fühlen. Das Engagement einer
UNESCO-Schule realisiert sich durch eine bevorzugte Behandlung
internationaler Themen und Problemstellungen im Unterricht sowie durch
zusätzliche Schulaktivitäten wie z.B. Ausstellungen, internationale
Veranstaltungen, Studienfahrten, Austauschprogramme, Partnerschaften und
ähnliche Aktionen. Darüber hinaus zeichnet sich die Arbeit der
UNESCO-Schulen dadurch aus, daß sie meist einmal jährlich ein
fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt durchführen, in dem ein
ausgewähltes internationales Thema schwerpunktmäßig erarbeitet wird. Über
diese Projekte werden Dokumentationen angefertigt, die anderen Lehrern als
Anregung für eigene Projekte dienen sollen. Mit der Erarbeitung derartiger
Unterrichtsprojekte wollen die UNESCO-Schulen, bewußt abhebend von einer
zu theoretischen Curriculumentwicklung, einen praxisnahen Beitrag zur
Behandlung internationaler Problemstellungen in der Schule leisten. In den
letzten Jahren waren dies beispielsweise die Themen "Ausländer in unserer
Stadt", "Kinder unserer Welt", "Wie wir morgen leben wollen", "Dritte
Welt", "Islam", "Gastarbeiter" und "Jahr des Friedens".
An den genannten Schwerpunktthemen ist zu erkennen,
wie stark UNESCO-Arbeit jetzt auch in aktuelle innen- und
gesellschaftspolitische Themen eingreifen muß, wenn sie sich weiter ihren
internationalen Zielen verpflichtet fühlen will. Die positive
Auseinandersetzung mit den heute innergesellschaftlich zum Problem
gewordenen Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationalität und
kultureller Herkunft in einer Gesellschaft, mit den Ansprüchen auf
kulturelle Identität von Minderheiten, mit dem Erkennen und Anerkennen von
erworbenen Wohn- und Heimatrechten ohne Rekurs auf traditionelle
Staatsangehörigkeiten, mit dem Begreifen von Akkulturationsproblemen und
Integrationsvorstellungen bestimmt nun die dominanten Inhalte, da
internationale Konflikte zumindest in Europa weniger auf dem
außenpolitischen Felde denn als innergesellschaftliche Problemlagen zu
verstehen sind. Das alte UNO-Konzept einer "Weltinnenpolitik" erlangt
dadurch problematische neue Aktualität, der sich die UNESCO-Schulen
stellen müssen.
2. Der Charakter der Arbeitsschwerpunkte
Praktische UNESCO-Schularbeit ist immer nur ein
Kompromiß mit den schulorganisatorischen Möglichkeiten, mit den
verschiedenen innerschulischen Auffassungen und Interessen, zwischen den
heterogenen Impulsen und Angeboten der UNESCO-Arbeit selbst, die sich im
Laufe der Jahre entwickelt haben.
Der Erprobungscharakter von UNESCO-Projekten sollte
dabei ganz deutlich in den Vordergrund gestellt werden. Es wäre vermessen
zu fordern, die UNESCO-Schulen sollten "völlig andere", vielleicht sogar
"bessere" oder gar "neue" Schulen sein. Das ist weder vom Ansatz her noch
im gegebenen Rahmen der Realisierung möglich. UNESCO-Schulen haben die
gleichen Probleme wie andere Schulen der entsprechenden Schulformen:
Konflikte zwischen Schülern und Lehrern, Auseinandersetzungen um
pädagogische Konzepte, Leistungsdruck und Schulangst, Einschränkungen
durch Schulverwaltung und Schulaufsicht, viele große Enttäuschungen und
Mißerfolge bei einigen kleinen Erfolgen, die die Schule erst
rechtfertigen. UNESCO-Arbeit ist eine zusätzliche Aufgabe, die aber die
Chance beinhaltet, in den Unterrichtsalltag auszustrahlen, neues Interesse
an schulischen Inhalten zu wecken und Ansätze einer sozialen Integration
der Schule zu sein. Kein einzelnes UNESCO-Projekt kann nur an einer
UNESCO-Schule durchgeführt werden; im Gegenteil, die auf öffentliche
Wirkung angelegte UNESCO-Schularbeit lebt ja gerade aus der Hoffnung,
Anstöße vermitteln zu können, die auch an anderen Schulen Wirkungen
zeigen, vielleicht sogar einmal zum allgemeinen Bestand von Schule zu
werden.
Das wichtigste Charakteristikum einer UNESCO-Schule
ist, daß sie sich Gedanken über die UNESCO-Arbeit macht, daß sie die
vielfältigen möglichen Initiativen und Projekte als Schule diskutiert,
verantwortet und auch in der Öffentlichkeit vertritt.
3. Die Realisierung von UNESCO-Projekten
Den Anstoß zu konkreten UNESCO-Projekten sollten nach
der Idee der UNESCO-Schulen die jährlichen Tagungen auf Bundesebene geben.
Darüber hinaus bieten diese Treffen von Vertretern möglichst aller
bundesdeutscher UNESCO-Schulen die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und
zur Weiterentwicklung des UNESCO-Gedankens. In den letzten Jahren wurde
vor allem versucht, über die traditionellen Fachbezüge der politischen
Bildung hinaus, die zunächst einmal vorrangiger Träger der UNESCO-Arbeit
ist und war, andere, in ihrem Selbstverständnis nicht so ohne weiteres
angesprochene Fachbereiche wie die künstlerischen und besonders die
mathematisch-naturwissenschaftlichen Aufgabenfelder enger in die
UNESCO-Arbeit mit einzubeziehen, um den einheitlichen ganzheitlichen
pädagogischen Anspruch stärker zu betonen.
Wie nimmt die einzelne Schule die Anstöße auf, die
von der UNESCO-Schul-Organisation ausgehen? Feste Regeln existieren nicht.
Projektveranstaltungen und Projekttage müssen von der Gesamtkonferenz
beschlossen und strukturiert werden. Die inhaltliche Umsetzung fordert
dann aber sicher delegierte Arbeit von einzelnen Kolleginnen und Kollegen
in ihren Fachgruppen oder in Projektausschüssen. Besonders wichtig ist es,
schon hier Schüler und Eltern in die inhaltliche Konzeption mit
einzubeziehen, denn es ist eine verbreitete Erfahrung, daß es Schülern aus
deren gesellschaftlichem Hintergrund heraus an unmittelbarer Affinität zur
UNESCO-Arbeit oft mangelt. Das ist kein Widerspruch zum
schülerorientierten Anspruch der UNESCO-Arbeit, sondern nur Zeichen für
die Bedeutung des Erziehungszieles "interkulturelles Lernen"; wenn dies
bei Schülerinnen und Schülern ohnehin selbstverständliches Verhalten und
positive Einstellung wäre, würde eine aktive UNESCO-Schul-Arbeit "offene
Türen einrennen" und eher eine attraktive "Verzierung" eines ohnehin in
internationalen und interkulturellen Perspektiven sich ausdrückenden
Unterrichtsalltages sein. Daß dem so nicht ist, dürfte jedem Kenner der
innerschulischen Situation und jedem, der sich mit Haltungen und
Vorurteilen Jugendlicher in den letzten Jahren beschäftigt hat, klar sein.
Häufigster aktueller Konfliktpunkt mit Schülern ist
die Planung von Projektveranstaltungen mit UNESCO-Zielsetzungen, denen von
Schülerseite her die Forderung nach einer thematisch "freien"
Projektarbeit entgegengehalten wird. Hier liegt oft ein Mißverständnis
über den Stellenwert von Projekttagen und Projektwochen im Schulalltag
zugrunde, das auch von Lehrerseite häufig durch unernste Haltung gegenüber
jeglicher Projektarbeit gefördert wird: Projektwochen wären bestenfalls
geruhsame Zusätze zum eigentlich wichtigen Schulalltag und Fachunterricht.
Dem ist aber entgegenzuhalten: Projektveranstaltungen sind kein
"außerschulischer" Zeitraum in der Schule, sondern pädagogisch von der
Schule zu verantwortende Veranstaltung von mindestens gleichem Rang wie
der "normale" Unterricht. Ein Herangehen an Projekte in der üblichen
Konsumhaltung − "jetzt bietet uns die Schule einmal Spaß und Spiel an, und
wir machen, was wir wollen (vielleicht auch gar nichts)" − ist
unvertretbar. Auch "freie Handlungsformen" müssen pädagogisch reflektiert
werden und den Zielen der Schule auch im Sinne des sozialen Lernens oder
der Selbsterfahrung dienen. Daher kann und soll die Schule auch über die
regelmäßige thematische Bindung von Projektzeiträumen nach denken und
diese Bindung den Schülern verständlich machen. Für UNESCO-Schulen sind
Projektthemen aus den jeweiligen Schwerpunktthemen der UNESCO
Schul-Organisation, die ja international ausgeschrieben werden, vorrangige
Arbeitsmöglichkeiten, die Schüleraktivitäten breiten Raum lassen.
Die Vorbereitung und Durchführung von
Projektveranstaltungen detaillierter zu schildern, ist hier nicht der Ort.
So sollen an dieser Stelle nur die wichtigsten Kriterien genannt werden,
die eine pädagogisch und inhaltlich erfolgreiche Projektveranstaltung
einer UNESCO-Schule auszeichnen:
1. Projektveranstaltungen werden
fächerübergreifend von den Gremien der Schule vorbereitet und
strukturiert; Sinn und Gehalt des gewählten Rahmenthemas sind schon hier
zu reflektieren; eventuell ist vorbereitendes schriftliches
Informationsmaterial bereitzustellen bzw. ein Einführungsreferat eines
externen Referenten in der Konferenz zu hören.
2. Lehrer, Eltern und Schüler sind an der
inhaltlichen wie organisatorischen Vorbereitung der Projektveranstaltung
zu beteiligen; neben der Beteiligung der formalen Gremien sind freie,
informelle Mitwirkungsmöglichkeiten zu eröffnen.
3. Das Veranstaltungsprogramm soll nicht nach
Fächern strukturiert werden; dagegen steht eine problem-, aufgaben- und
tätigkeitsbezogene Programmgestalt.
4. Projektarbeit bedeutet ergebnisorientiertes
Arbeiten. Nicht der Nachvollzug vorgedachter und vorerprobter
Lernprogramme mit planerisch definierten Freiheitsspielräumen ist für die
Projektarbeit typisch, sie erhält ihren pädagogischen Wert dadurch, daß
die Überlegung, auf welchem Wege eine Aufgabe zu lösen ist, im Mittelpunkt
der Arbeit steht [was auch das Risiko des Scheiterns beinhaltet].
5. Ergebnisorientiertes Arbeiten bedeutet auch,
daß von Anfang an die Ergebnissicherung und Ergebnisvermittlung mit
bedacht werden muß. Hier können materielle Produkte (Kunstgegenstände,
Plakate, Gerätschaften), Ausstellungen und Berichthefte (Publikationen)
erstellt werden. Dies geschieht zunächst schulintern; aus der
Multiplikatorenfunktion der UNESCO-Arbeit heraus sollte aber auch eine
breitere Öffentlichkeit z.B. durch Einbeziehung der lokalen Medien
(Zeitung, Funk) informiert werden.
6. Der letzte Schritt in der UNESCO-Arbeit ist
dann die Gesamtdokumentation der Arbeiten zum gewählten UNESCO-Thema, was
eine kritische Reflexion der gewählten Veranstaltungsform wie der
erzielten Ergebnisse mit einschließt. Diese Dokumentation dient dem
Erfahrungsaustausch mit anderen UNESCO-Schulen ebenso wie schließlich
einer möglichen Wirkung auf schul- und bildungspolitische Veränderungen
und Entscheidungen.
Projektorientiertes Arbeiten, erfahrungsorientierte
Pädagogik, handlungszentriertes Lernen, interkulturelle
Erfahrungsmöglichkeiten sind pädagogische Paradigmen der
UNESCO-Schularbeit. Schule wird hier als öffentlicher Handlungsraum
verstanden, der sich in seinen Arbeitsformen, Zielen und Ergebnissen
öffentlich zu verantworten hat und so auch öffentlich wirksam werden kann.
Die Schule ist angesichts der bedrückenden Problemlagen der heutigen
politischen Kultur stärker als bisher wieder in die Gesellschaft zu
integrieren; das Konzept einer gesellschafts- und politikfreien Schule
halten wir nicht nur für gescheitert, sondern den pädagogischen Zielen
einer heutigen, weltoffenen Schule geradezu entgegengesetzt.
Die Anzahl der UNESCO-Schulen ist begrenzt und wird
begrenzt bleiben. Umso stärker wird dadurch die Aufgabe sichtbar,
exemplarisch zu wirken. Dafür gibt es, in den einzelnen Bundesländern
unterschiedliche, Vorteile, die eine UNESCO-Schule nutzen kann und nutzen
sollte. In erster Linie können zusätzliche Stundenkontingente für die
UNESCO-Schularbeit abgerufen werden. Darüber hinaus sind experimentelle
Projektveranstaltungen, Studienfahrten und Schulpartnerschaften für eine
UNESCO-Schule leichter zu begründen und damit häufiger genehmigungsfähig.
Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, als UNESCO-Schule zusätzliche
Informationen und Kommunikationsbeziehungen zu nutzen und eigene
Erfahrungen z.B. bei Entscheidungen im Kultusministerium mit einzubringen.
Die Bismarckschule Hannover hat, um nur ein Beispiel zu nennen, ihre
Türkei-Beziehungen in eine entsprechenden Türkei-Arbeitsgruppe beim
niedersächsischen Kultusministerium einbringen können.
Doch immer wieder stoßen sich weiterreichende
UNESCO-Projekte mit den gegebenen organisatorischen und rechtlichen
Rahmenbedingungen einer staatlichen Schule mit ihrem
Dienststellencharakter. Das betrifft Veranstaltungen, die in die
Ferienzeit hineinreichen oder die in Zusammenarbeit mit anderen Trägern
interkulturellen Lernens außerhalb des Schulgebäudes, z.B. in städtischen
Freizeitheimen, stattfinden sollen, ebenso wie Vorhaben, die über den
offiziellen Schuletat hinaus eine eigene finanzielle Abrechnung
erforderlich machen. Die Organisation der UNESCO-Schulen in Deutschland
schlug deshalb nach positiven Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen vor, von
der Schule unabhängige Träger der UNESCO-Arbeit als eingetragene
gemeinnützige Vereine zu gründen, die im Sinne der schulischen
Zielsetzungen, kontrolliert von den jeweiligen Schulen, aber in eigener
vereinsrechtlicher Verantwortung, die Arbeitsmöglichkeiten einer
UNESCO-Schule erweitern. Auch an der hier immer wieder als Beispiel
herangezogenen Bismarckschule Hannover wurde ein solcher Verein gegründet
4. Der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
Am 29. Oktober 1986 fand in der Bismarckschule
Hannover die Gründungsversammlung des UNESCO-Clubs statt. Heute zählt der
UNESCO-Club mehr als 50 Mitglieder, Schüler und Lehrer der Bismarckschule
und sowohl ehemalige Bismarckschüler oder Eltern und Freunde der Schule.
Neben diesen offiziellen Mitgliedern gibt es noch ca. 50 Personen, die,
ohne Mitglied zu sein, dem Club sehr nahe stehen, sich für seine Arbeit
interessieren und an der einen oder anderen Veranstaltung teilnehmen.
Schulleitung, Eltern- und Schülervertretung der Bismarckschule haben nach
der Satzung korporative Vertretungsrechte im Vereinsvorstand. Vorsitzende
ist 1991 die ehemalige Schülerin Sehnaz Çelik, Beisitzer im Vorstand sind
die Lehrer Günter Fuchs und Ulrich Wehking. Der Club ist in das
Vereinsregister des Amtsgerichts eingetragen und wird vom Finanzamt als
gemeinnützig anerkannt.
Die bisherigen Erfahrungen zeigen, wie wichtig und
richtig es war, diesen Club zu gründen, vor allem in Phasen, in denen aus
verschiedenen Anlässen die UNESCO-Arbeit in der Schule in die Krise geriet
und vor allem bei den Schülern sehr umstritten war - einige Gründe haben
wir ja schon weiter oben angedeutet. Vor allem die aktive Einbeziehung
ehemaliger Schüler ist hier ein kaum zu unterschätzender Aktivposten, der
sich in den vergangenen Jahren zeitweilig sogar darin äußerte, daß alle
drei Vorstandsmitglieder ehemalige Schüler waren. Ein Auszug aus dem
Rechenschaftsbericht des UNESCO-Clubs der Bismarckschule Hannover zeigt
die Spannweite der Vereinsaktivitäten:
"Die drei Hauptziele des UNESCO-Clubs als Organ der
Intentionen und Aktivitäten der Bismarckschule Hannover im Bereich der
internationalen Kontakte sind:
* Fortführung der Schulpartnerschaften zu Polen,
Finnland und der Türkei;
* Verknüpfung dieser Kontakte, um letztlich einen
multilateralen Meinungs- und Informationsaustausch zumindest in Ansätzen
erreichen zu können;
• Umsetzung der Erfahrungen im Schüleraustausch
und in den Schulpartnerschaften in innerschulische Aktionen und
unterrichtliche Schwerpunkte.
Wir halten im Vorfeld der Umsetzung der genannten
Ziele folgende Voraussetzungen innerhalb der Schule für notwendig und
bitten um Unterstützung, sie zu verwirklichen:
* Information der Gesamtkonferenz
über die UNESCO-Aktivitäten;
* stärkere Einbeziehung und Information der
Elternschaft;
* Beschlußfassung über ein längerfristiges
Programm;
* bessere materielle Ausstattung bei
Veranstaltungen;
* mehr Aktivität der Kollegen bei
der Unterstützung dieser Arbeit!
Schwerpunktveranstaltungen im Berichtszeitraum 1987
bis 1989:
Osterferien 1987: Studienreise nach Polen:
Posen, Danzig, Warschau, Krakau; politische Gespräche, Besichtigungen,
zeitgeschichtliche Informationen; im Zusammenhang mit dem Besuch einer
polnischen Schülergruppe in der Bismarckschule ein Berichtabend über die
Polenkontakte und Herausgabe eines Reiseberichtes in der Schriftenreihe
des UNESCO-Clubs.
Sommerferien 1987: Studienreise in die Türkei,
nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel; anschließend Berichtabend in
der Schule und Herausgabe eines umfangreichen Reiseberichtes in der
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs.
Die Herausgabe eines Reiseberichtes einer schulischen
Studienfahrt nach Ungarn im Herbst 1987 wird ebenfalls vom
UNESCO-Club übernommen.
Herbst/Winter 1988: Beginn der Arbeit der
neuen TÜRKEI-AG. Januar 1989: Finnlandreise; anschließend Berichtabend mit
finnischem Imbiß.
Im Mai 1989 findet aus Anlaß ihres
zehnjährigen Bestehens in Hannover die Deutsch-Polnische Woche 1989 der
Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hannover e.V. statt, der sich die
intensiven Polenkontakte der Bismarckschule Hannover eng verbunden wissen.
Auch personell besteht eine Verflechtung zwischen Bismarckschule Hannover,
Deutsch-Polnischer Gesellschaft und UNESCO-Club, die positive Anregungen
für diesen Teil der UNESCO-Aktivitäten gewährt. Daher ist es
selbstverständlich, daß sich die Bismarckschule Hannover auch an den
Veranstaltungen der Deutsch-Polnischen Woche aktiv beteiligt und daß der
UNESCO-Club ein Informations- und Ratgeberheft für Schulpartnerschaften
mit Polen und für Polenreisen mit Schülern herausgeben wird."
Das ist im Frühjahr 1990 auch geschehen; als
neues Heft in der "Schriftenreihe des UNESCO-Clubs" liegt nun,
herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt, der Berichtsband
"Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und
Studienreisen" [mit einem Vorwort des Hannoverschen Oberbürgermeisters
Herbert Schmalstieg] vor und findet vielfaches Interesse. - Doch weiter
zum zitierten Rechenschaftsbericht:
"Im Juni 1989 betreut die Bismarckschule
Hannover mit Unterstützung des UNESCO-Clubs drei Gruppen ausländischer
Schüler, die jeweils für zehn Tage im Rahmen bestehender
Schulpartnerschaften nach Hannover gekommen sind und neben einem
umfangreichen Reise und Informationsprogramm in Hannover und Umgebung die
Schule kennen lernen, zeitweilig am Unterricht teilnehmen und vor allem im
Rahmen der privaten Unterbringung Kontakt zu unseren Bismarckschülern und
-schülerinnen knüpfen konnten.
Schließlich führte die Türkei-AG der Bismarckschule
Hannover und des UNESCO-Clubs für den Herbst 1989 eine Studienreise
in die Türkei durch, in deren Mittelpunkt ein Besuch bei der türkischen
Partnerschule, der Istanbul Lisesi, stand." Dies institutionalisiert einen
Kontakt, der seit 1984 besteht, 1985 von unserer Seite zu einem ersten
Besuch der Türkei führte, mit der Orientreise 1987 und mehreren privaten
Kontakten fortgeführt wurde und im Juni 1989, wie schon erwähnt, sowie
ebenfalls im Mai 1990 jeweils einer türkischen Schülergruppe den Besuch in
der Bismarckschule Hannover ermöglichte. Aus diesen Kontakten sind
Freundschaften über den konkreten Besuchsanlaß hinaus entstanden.
Leider ist für den gegenwärtigen Zeitpunkt bezüglich
der Türkei-Kontakte wie auch in Hinblick auf andere herausragende
Aktivitäten eher Negatives zu vermelden. Für den Herbst 1991 war, mit
beträchtlichem Interesse aus allen Klassenstufen der Schülerschaft, eine
weitere Türkei-Reise geplant, die neben dem Besuch der Partnerschule auch
eine intensivem Beschäftigung mit den Problemen Inneranatoliens
vorbereitet hatte.
Schulorganisatorische zusätzliche Belastungen, der
planerische Zusammenbruch des Stundenplanes für die Kursstufe 1991/92, die
unflexible Haltung der Schulleitung gegenüber den Erfordernissen der
UNESCO-Arbeit und der mangelnde Rückhalt im Kollegium veranlaßten den
AG-Leiter Gerhard Voigt im Sommer 1991, sich aus der von ihm initiierten
Türkei-Arbeit enttäuscht zurückzuziehen. Rettungsversuche von den Kollegen
Büthe und Wehking schlugen fehl; auch war von den Verantwortlichen niemand
bereit, auch nur für ein Mindestmaß an gegenseitiger Information und
Kommunikation zu sorgen. Das schlägt sich natürlich sehr negativ in der
Motivation derjenigen Kolleginnen und Kollegen nieder, die schon bisher
den Großteil der Arbeit, meist ohne adäquate Anerkennung, geleistet haben.
Der UNESCO-Club ist nicht dafür gegründet worden,
damit er für die Bismarckschule die UNESCO-Arbeit übernimmt und sie sich
UNESCO-Schule nennen darf. Der UNESCO-Club ist ein selbständiger Verein,
der von dem oben beschriebenen UNESCO-Gedanken bestimmt wird. Da der Club
ein Teil der Bismarckschule ist und bleiben will, wird er versuchen, den
UNESCO-Gedanken in die Schule zu tragen, um Interesse bei den jungen
Schülern zu wecken. Der Club wird alle diejenigen Lehrer der
Bismarckschule, für die die Arbeit der UNESCO wichtig ist und sie deshalb
in ihren Unterricht einfließen lassen wollen, tatkräftig unterstützen.
Der UNESCO-Club ist kein Aushängeschild der
Bismarckschule. Er wird sich dafür einsetzen, daß im Sinne der UNESCO
etwas bewegt wird. Die Unterstützung von völkerverbindenden Maßnahmen und
die damit einhergehende Friedenssicherung sind dem Club sehr wichtig, und
er wird bei seiner Arbeit versuchen, dieses Bewußtsein gerade bei den
Schülern zu wecken. Gerade in der heutigen Zeit müssen bei jungen Menschen
Interessen geweckt werden, die über das bloße Konsumdenken hinaus gehen.