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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
Interkulturelles Lernen - Schulpartnerschaften - Patenschaften - Studienfahrten - Projekte

 

 

Gerhard Stünkel

Als ob die Wahrheit Münze wäre ...

Da soll der Beitrag benannt werden, den die Religion zum Thema Frieden und Erziehung zur Verständigung leisten kann. Das ist natürlich das Thema der Religion. Der Religion! Aber welcher? Ich schreibe als evangelischer Christ. – Haben Katholiken etwa schon anderes dazu zu sagen?

Wir nehmen mal an, alle konfessionellen Unterschiede wären im Blick auf dieses Thema schließlich hinfällig, alle Richtungskämpfe unerheblich, was das größere Wunder wäre. Dann hätten wir vielleicht ein schönes christliches Bekenntnis zum Frieden, wie es gerade der Papst mitten im Bürgerkrieg Jugoslawiens unter allgemeiner Zustimmung abgab. Also: Besinnung auf Liebe, Menschlichkeit und Frieden als christliche Grundwerte.

Ich will mein Bekenntnis dazu nicht zynisch entwerten. Aber das Beispiel zeigt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Und in der Umsetzung von als gut erkannten Standpunkten liegt in jedem konkreten Fall ja erst das entscheidende Problem. Immerhin sind die Konflikte, von denen hier die Rede ist, elementar, das heißt: Begeisterung für die gerechte Sache und Empörung über schreiendes Unrecht, die Solidarität mit leidenden und getöteten Opfern und die eigene Opferbereitschaft werden auf beiden Seiten mit subjektiv gleichem Recht erlebt! Was liegt näher, als daß in dieser Situation alle Register der Rechtfertigung des eigenen Standpunktes gezogen werden! So segnen Geistliche auf beiden Seiten die Waffen mit Weihwasser und Argumenten, denn auch Geistliche leben auf dem Boden ihrer Nation und Gesellschaft, Küchen verschmelzen mit Staaten. Auf beiden Seiten haben sich in der Vergangenheit gegnerische Kriegsparteien auf die Tradition vermeintlich gerechter Kriege gestützt

Am schlimmsten ist es, wenn die Religion womöglich selber Kriege ausgelöst hat. Opfer leiden zwar immer, aber nicht immer sind Opfer so offensichtlich vermeidbar! Um den richtigen Glauben kann man nun einmal nicht mit Waffen kämpfen, wie es selbst der Verbrecher und mancher Staat noch um seine Beute tun kann, wenn er auf seine Art das Recht des Stärkeren herstellt.

Schlimm ist Gewalt immer um der Opfer willen. Und Religion ist pervertiert, wenn sie der Gewalt das Mäntelchen der göttlichen Gerechtigkeit umhängt. Das ist im Golfkrieg des Jahres 1991 auf beiden Seiten geschehen. Und mit Beschämung haben wir erlebt, was anstelle der neuen Weltordnung im Schatten der Ölbrände und in Kurdistan geschieht, während New York die größte Konfettiparade feiert.

Ich behaupte, daß ein Stehenbleiben in dieser resignativen Bestandsaufnahme unchristlich ist. Das gilt auch dann, wenn jemand den weiterführenden Weg erst sucht. Der kann auch einmal darin bestehen, daß jemand nur sagt: Diesen Weg der militärischen Gewalt gehe ich jedenfalls nicht mit! Das unbedingte Nein ist noch kein Fanatismus und religiöse oder sonst wie motivierte Besserwisserei, wie sie uns Demonstranten während des Golfkrieges auch in der Bismarckschule vorgeworfen worden ist.

Noch habe ich keine Begründungen für eine positive Rolle der Religion genannt, und vor allem war ausdrücklich erst von der christlichen Religion die Rede. Im Blick auf den heiligen Krieg der Muslime und das vermeintlich göttliche Recht auf Davids Land als das des auserwählten Volkes Israel dürfen wir die gleiche Einschränkung machen, wie wir sie unseren christlichen Lehren vom gerechten Krieg zumuten: Überprüfen wir, wo Machthunger sich statt mit einem Diskurs über Recht und Unrecht unter den Menschen mit einem Heiligenschein ziert. Das heißt, jeder religiöse Standpunkt bedarf zumindest einer moralischen Überprüfung im Sinn der Menschenrechte, wenn schon nicht die Nächstenliebe erkennbar ist. Wie sonst sollte das Nebeneinander der Völker mit ihren Religionen denkbar sein? Wenn die Religionen nicht Rechte für alle Menschen umsetzten als das positive, also auch juristisch gesicherte Recht, haben sie ihren Anspruch, Spiegel der Liebe Gottes zu den Menschen zu sein, verfehlt.

Gerade am Beispiel der drei genetisch verwandten Religionen mit dem Gott Abrahams sollte der Weg zum Frieden wieder einsehbar werden, wie ihn Lessings Nathan in einem für mich noch unüberbotenen Ratschlag beschreibt: „Es eifre jeder seiner unbestochenen von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe jeder von Euch um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag zu legen!“ Der Stein im Ring aber ist „die Kraft bei Gott und Menschen angenehm zu machen.“ Das ist die Menschlichkeit derer, die sich als Menschen nur im Gegenüber zu Gott verstehen können. Diese Verpflichtung auf etwas Absolutes hat nichts mit Anmaßung zu tun, sondern nur manchmal mit – in ihrem Versagen vor dem hohen Maßstab – anmaßenden Menschen, egal welchen Glaubens.

Wichtig ist allerdings auch die Feststellung, daß Liebe als Motiv die Entscheidung zwar prägen muß, daß damit Entscheidungen aber immer noch konträr gefällt werden können. Glaubwürdigkeit ist an Personen gebunden, nicht an Dogmen. Glaubwürdige Standpunkte sind kaum ohne weiteres übertragbar, sie erweisen sich erst im Konflikt mit gegnerischen und fremden Standpunkten als überzeugend: Nathan, der Jude, überzeugt den muslimischen Herrscher davon, daß nicht wir Gläubigen die Richter zwischen unseren Religionen sind, sondern nur im Vertrauen auf die Wahrheit im eigenen Glauben diese Wahrheit erweisen können. Die Perspektive, daß sich unter solchen Voraussetzungen das Urteil am Ende erübrigt, kann ich gut ertragen. Das stelle ich aber dem Jüngsten Gericht anheim.

Bei dem, worum aber nun „um die Wette“ gestrebt werden soll, ist ja viel wichtiger das Nächstliegende: Die Welt schreit nach Brot, während wir vom Kuchen Speck ansetzen. Die Verteilungskämpfe rücken uns mit Recht näher, an der Meerenge von Bari, an der Oder, in Form von Asylbewerbungen, die letzten Endes auf materielle Not zurückgehen. Menschen haben durch unsere Form der Weltwirtschaft Gewalt erlitten, ehe die Kriege angeblich unvermeidbar werden. Wer Nächstenliebe von soziologischen Kriterien abkoppelt, hat sich aus dem positiven Wettstreit um die Wahrheit überhaupt abgemeldet und kultiviert vielleicht seine innseelische Hygiene, deren Sterilität aber meinem Glauben nach weder Gott noch Menschen erreicht

Die pädagogische Wirklichkeit an der Bismarckschule bot und bietet vielerlei Gelegenheit, die Erörterung kulturspezifischer Standpunkte und Erlebensformen in einen interkulturellen Rahmen zu überführen. Der Besuch von Moschee und Synagoge ist mittlerweile selbstverständlich und gehört zu den schönen und aufschlußreichen Erfahrungen. Daß Studienfahrten sich speziellen Fragen und Erfahrungen noch intensiver widmen, ist klar, daneben gab es durchgehend Schüleraustauschaktionen mit vielen Ländern und gemeinsame große Reisen von Schüler-Lehrer-Gruppen. Neben der faszinierenden Orientfahrt mit vier VW-Bussen bis Kairo und Jerusalem haben die häufigen Reisen hinter den seinerzeit noch existierenden Eisernen Vorhang, besonders die Partnerschaft mit einer polnischen Schule, viele unserer Schüler in die Lage gebracht, den eigenen Standort sehr authentisch als privilegierten zu erkennen. Die weltanschauliche, religiöse und persönliche Herausforderung durch die Kontakte erleben wir als Bereicherung. Mit diesen Erfahrungen im Hintergrund und der Hoffnung, auch mit den Gästen und Einwanderern ein gutes Neben- und Miteinander zu erreichen, begrüßen wir alle die als Um- und Aussiedler, auch die, die als Flüchtlinge zu uns stoßen. Wir erhoffen uns von denen, die atheistisch erzogen worden sind, echte Fragen, von denen, die eine uns fremde christliche Tradition kennen, eine Bereicherung unserer religiösen Welt und von den Angehörigen uns noch im Wesentlichen noch fremden Religionen, daß sie uns vom Wesen ihres Glaubens etwas jenseits von vordergründigen Faktenwissen vermitteln. Wir versuchen, die individuell schweren Wege all dieser Schüler und Schülerinnen mit Verständnis zu begleiten und hoffen, daß jeder auch bei uns nach seiner Façon selig werden kann. Alle eigenen Standpunkte sollen mit Respekt wahrgenommen, also nicht der Beliebigkeit anheimgegeben werden.

Internationale Herausforderungen. Herausgegeben. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt -
Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V. (An der Bismarckschule 5, Hannover) (Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V.)

Internetausgabe: 14.11.2011

 

 

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

 

 

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Bearbeitungsstand: 05.12.2011