Lothar Nettelmann,
Günther Fuchs, Dr. Wolfgang Scholz, Rosemarie Jehnen
Schüleraustausch der
Bismarckschule Hannover
Die Partnerschaft der Bismarckschule und des V.
Liceum ist mehr als ein Schüleraustausch zwischen deutschen und polnischen
Schülern.
Sie ist einbezogen in die Städtepartnerschaft der
beiden Messestädte Hannover und Poznań. Übrigens ist die
Städtepartnerschaft entstanden aus dem Kontakt hannoverscher Besucher
(Aussteller, Vertreter der Stadtverwaltung und des Rates sowie
insbesondere des Oberbürgermeisters) in Posen und der entsprechenden
polnischen Gäste in Hannover. Aus geschäftlichen wurden freundschaftliche
Kontakte. Der Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurde damit durch
Bürger der Städte Hannover und Poznań umgesetzt und ein wichtiges Stück
Aussöhnung und Normalisierung praktiziert.
Zum entscheidenden Faktor wurde dann der Abschluß des
Partnerschaftsvertrages zwischen Hannover und Poznań sowie auch die
Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Hannover, der mehrere
Kolleginnen und Kollegen der Bismarckschule angehören. Es ist jetzt müßig,
all die Bemühungen und Ansätze nachzuzeichnen, die dann zum Abschluß des
Partnerschaftsvertrages der beiden Schulen führten. Wesentlich aber war -
und dies ist ein immer wieder zu beobachtender Faktor in der
Zusammenarbeit mit einem sozialistischen und in hohem Maße
bürokratisierten Land - ein außergewöhnliches Maß an Durchsetzungsvermögen
und Hartnäckigkeit andererseits.
Die bestehenden Hemmnisse waren im wesentlichen
politischer Art. Es waren sowohl innen- als auch außenpolitische Gründe,
die die polnischen Behörden bewegten, äußerst zurückhaltend in Fragen
eines Schüleraustausches zu sein. In den siebziger Jahren hatte es bereits
einige wenige Ansätze gegeben so daß auch polnische Schülergruppen die
Bundesrepublik besucht hatten. Zumeist handelte es sich aber um einmalige
Angelegenheiten.
Ein weiteres Hindernis war der offenkundige Druck auf
das polnische Volksministerium sowie das. Außenministerium, der durch die
DDR ausgeübt wurde.
In der polnischen Staats- und Parteiführung
dominierten damals die sogenannten „Betonköpfe“, die keinerlei Interesse
an den Kontakten Jugendlicher mit der Bundesrepublik hatten. Sie
fürchteten sicherlich um ihren Einfluß, ja Machterhalt; die Bestätigungen
haben sich in den vergangenen Jahren ergeben. Die Denkkategorien des
„Kalten Krieges“ dominierten noch.
Andererseits gab es in Polen Kräfte, die, als
Fachleute hochqualifiziert, aus unterschiedlichen Motiven heraus eine
Hinwendung zum Westen als notwendig erachteten. Es waren Technologen,
Ökonomen, Geisteswissenschaftler, Journalisten - vor allem diejenigen, die
an Reformentwürfen arbeiteten. Sie hatten die Reformdiskussionen in der
Bundesrepublik studiert und erkannt, daß nur durch qualitative Reformen
eine positive Entwicklung möglich sei. Der persönliche Kontakt zu diesen
Fachleuten, die an wichtigen Entscheidungsprozessen mitwirkten,
entwickelte sich sehr kollegial und zum Teil auch privat sehr herzlich.
Gleiches ist zum Beispiel auch von den Teilnehmern der
Schulbuchkonferenzen zu sagen.
Da sämtliche uns betreffenden Entscheidungen aber auf
höchste Ebene fielen, das heißt auf Politbüro und Parteispitze, konnten
sich die zuständigen Fachleute in den Ministerien und weiteren
nachgeordneten Behörden der Schulbürokratie nicht durchsetzen.
Es war für uns ein glücklicher Umstand, daß 1979 nach
Abschluß des Partnerschaftsvertrages Hannover-Poznań ein Austausch- und
gemeinsames Arbeitsprogramm der beiden Städte beschlossen wurde. In dieses
erste Programm wurde nun der Schüleraustausch der Bismarckschule mit dem
V. Liceum einbezogen. Dies geschah durch die besondere Unterstützung von
Oberbürgermeister Schmalstieg (Hannover) und des Stadtpräsidenten Sleboda
in Poznań. Vorausgegangen waren direkte Gespräche des Schulleiters der
Bismarckschule Hannover mit dem Leiter der Partnerschule und dem dortigen
Kurator (Oberschulrat) sowie dem Vizepräsidenten der Stadtverwaltung in
Poznań.
Ein gravierendes Problem war die Unterbringung. Es
wurde vereinbart, daß die Gruppen jeweils in einer Jugendherberge oder
einem Jugendheim wohnen sollten. Dies war damals unumgänglich, da die
Unterbringung der deutschen Schüler von der polnischen Seite als schwierig
angesehen wurde aufgrund der oft zu kleinen Wohnungen. Der eigentliche
Grund waren aber die starken grundsätzlichen Vorbehalte einiger Kreise in
Polen, die durch die Unterbringung im Jugendheim beschwichtigt wurden.
Unser Ziel war aber von Anfang an der echte Austausch, das heißt: auch das
Wohnen in den Familien der gastgebenden Schule.
Da dies vorerst flicht möglich war, reservierten wir
in Hannover in einem Jugendheim, in dem auch eine Beköstigung erfolgen
konnte, die entsprechende Anzahl Zimmer für den vorgesehenen Zeitraum im
Juni 1981. Ein Plan für den zwölftägigen Aufenthalt wurde erstellt. Wir
gingen dabei von folgenden Gesichtspunkten aus:
-
Die polnischen Schüler sollten so oft wie möglich
am Unterricht in der Bismarckschule teilnehmen.
Diese Schüler, die Deutsch als zweite Fremdsprache mit sechs
Wochenstunden erlernen, sollten natürlich in erster Linie Deutsch
sprechen und hören. Dies war der primäre Wunsch der polnischen Lehrer.
Diesem Wunsch konnte aber nur durch Teilnahme auch an allen Fächern der
Aufgabenfelder B und C entsprochen werden. Gerade die sogenannten
Sachfächer eignen sich aufgrund ihrer in hohem Maße beschreibenden
Sprache sowie der Verwendung der - bekannten Symbolsprachen sehr gut. Da
in Polen Russisch erste Pflichtfremdsprache ist und diese Sprache auch
an der Bismarckschule als zweite Pflichtfremdsprache unterrichtet wird,
wurde auch dieser Unterricht (und teilweise auch der Englischunterricht)
besucht. Die polnischen Schüler nahmen dann an fast allen
Unterrichtsfächern teil.
-
Es sollte ein Programm erstellt werden, um nach
landeskundlichen Kriterien Hannover und seine Umgebung kennenzulernen.
Wir entschieden uns für die Besichtigung eines Industriebetriebes
(VW-Werk), den Besuch einiger Stadtteile sowie einen Ausflug in die
Nachbarstadt Hildesheim.
Ein Empfang beim Oberbürgermeister und ein Gespräch über die
Kommunalpolitik wurden ebenfalls eingeplant.
-
In weiteren Veranstaltungsbesuchen sollten die
Gäste Hannovers vielfältiges Kulturprogramm kennenlernen.
-
Es sollte - trotz der organisatorischen Hemmnisse -
ein intensiver Kontakt der Gäste mit den Schülerinnen und Schülern der
Bismarckschule und ihren Familien möglich sein.
Zu diesem Zweck erklärten sich interessierte Schülerinnen und Schüler
der Bismarckschule bereit, die Betreuung von jeweils einem polnischen
Schüler bzw. Schülerin zu übernehmen. Dies bedeutete, daß alle
außerschulischen Aktivitäten und Programmpunkte mit der polnischen
Gruppe und einigen Hannoverschen Schülern gemeinsam abliefen. Daneben
gab es ausreichend Freizeit, bei der die Schülerinnen und Schüler nach
eigenem Ermessen ein Programm erstellten, die Stadt besuchten oder die
Gäste einzeln oder in kleinen Gruppen privat einluden.
Letztere Aussagen beziehen sich aber noch nicht auf
das Jahr 1981. Nachdem nämlich im April 1981 bei einem Besuch in Poznań
zugesichert worden war, daß die Gruppe im Juni kommen könne, erfolgte
wenige Wochen vor dem Termin die Absage. Die Krise hatte sich in Polen
verschärft, und die mündlich zugesagten Genehmigungen wurden in Warschau
zurückgezogen.
Die Ausrufung des Kriegszustandes am 13. Dezember
1981 hieß für uns zunächst einmal, die Hoffnung aufgeben, in absehbarer
Zeit den Schüleraustausch zustande zu bringen. Nach wenigen Monaten
ergaben sich aber schon wieder einige Kontakte. Die Drähte zwischen den
beiden Stadtverwaltungen waren ohnehin nicht abgerissen sondern durch das
Kappen der Telefonleitungen nur erschwert. Auch der Kontakt zur polnischen
Botschaft in Köln war für die Hannoveraner weiterhin sehr gut. Es sei an
dieser Stelle die sehr kollegiale Zusammenarbeit mit der Botschaft der
Volksrepublik Polen hervorgehoben. Man bemühte sich dort in
außerordentlicher Weise, den eingeschlagenen Weg der Normalisierung
fortzuführen, und tat für uns alles, was im Rahmen der Situation möglich
war.
Im April 1982 bekamen wir bereits die Nachricht, daß
der 1981 um ein Jahr verschobene Schüleraustausch auch im Juni 1982
stattfinden könne. Die polnischen Schülerinnen und Schüler würden kommen.
Trotz gewisser Skepsis liefen alle Vorbereitungen an. Leider erfolgte
wieder eine Absage, deren Begründung mit den Schwierigkeiten der gegebenen
Situation von uns nachvollzogen werden konnte.
Während die Bedingungen des Kriegszustandes nach und
nach gelockert wurden – bis zur endgültigen Suspendierung am 22. Juli 1983
– nun polnischerseits die Voraussetzungen wieder gegeben waren,
verschlechterten sich jedoch die deutsch-polnischen Beziehungen im Laufe
des Jahres 1983. Die Kontakte der beiden Partnerstädte und der beiden
Partnerschulen blieben davon unberührt. In mehreren Gesprächen wurde ein
Vertrag zwischen den beiden Schulen geschlossen. Der Vertrag sieht dabei
einen Austausch von Schülern und Lehrern vor, aber auch die
kontinuierliche Förderung des Deutschunterrichts in Poznań durch
Lehrmittel und Medien, die aus einem Sozialfond des Fördervereins der
Elternschaft der Bismarckschule finanziert werden. Außerdem sollte die
Lehrerausbildung an beiden Schulen mit einbezogen werden.
Auch der Kontakt der Lehrer und Lehrerinnen von
Hannover und Poznań hat sich als sehr fruchtbar erwiesen.
Zunächst waren die Deutschlehrerinnen aus Poznań
beteiligt, dann aber auch die Fachlehrer für die Fremdsprachen Russisch,
Englisch und Französisch. Den Fremdsprachenlehrerinnen ging es vor allem
um die modernen Methodiken im Unterricht der deutschen Schulen. Aber auch
andere Fachlehrer aus Poznań haben von der Begegnung mit der
Bismarckschule profitiert. Andererseits haben gleich viele Kolleginnen und
Kollegen der Bismarckschule das V. Liceum besucht und ihrerseits vom
Meinungsaustausch hohen Gewinn gehabt. Zur Zeit unterrichtet erstmalig an
einer polnischen Schule eine Lehrerin aus der BRD durch unsere Vermittlung
an der Partnerschule in Poznań für mindestens zwei Jahre als „Assistent
Teacher“ das Fach Deutsch. Auch die Seite der UNESCO-Arbeit ist wesentlich
und muß hervorgehoben werden.
Eine weitere Ergänzung erfuhr die Schulpartnerschaft
zwischen dem Seminar für Deutsche Literatur und Sprache der Universität
Hannover und dem Institut für Germanische Philologie der
Adam-Mickiewicz-Universität (UAM) in Poznań. Dies war vor allem für die
polnischen Partner wichtig, da die Lehrerausbildung dort in der zweiten
Phase im Kontakt zwischen der Ausbildungsschule und der Universität
erfolgt.
Beim Zustandekommen des Austausches 1983 waren die
Germanisten der UAM sehr behilflich. Insbesondere der damalige
Institutsdirektor, Professor Orłowski, hat sich in entscheidender Weise
eingesetzt und organisatorisch geholfen.
Im September 1983 reiste nun eine Schülergruppe für
zwölf Tage nach Poznań. Die Unterbringung erfolgte im Studentenheim, die
Beköstigung aber in der Schule. Alles war kompliziert und für unsere
Verhältnisse mühevoll. Teilweise wurde es mit Humor, teilweise aber auch
mit Beklemmung aufgenommen – lernten wir doch, in Ansätzen zumindest, den
polnischen Alltag kennen.
Die Zielsetzungen der polnischen Kollegen waren nicht
deckungsgleich mit unseren. Beides stand aber in gewisser Beziehung
zueinander! Die polnischen Gastgeber stellten uns eine gut funktionierende
Schule vor. Daß der Unterricht dort in der Regel in zwei Schichten
abläuft, sei nur am Rande erwähnt. Schulraumknappheit wegen des starken
Bevölkerungswachstums erzwingt dies.
Wie üblich wurde uns die ganze Schule gezeigt, auch
das Zahnarztzimmer, um dessen Tür die polnischen Schülerinnen und Schüler
immer einen großen Bogen machten. Die Schule ist für polnische
Verhältnisse modern ausgestattet und bietet auch für die
Freizeitgestaltung sehr viel. Uns wurde nichts vorenthalten und wir nahmen
jeweils in kleinen Gruppen am Unterricht teil. Nachmittags war dann ein
umfangreiches Besuchsprogramm vorgesehen, das auch bei bester physischer
Konstitution nicht durchgehalten werden konnte. Hinzukamen nämlich die
Einladungen am Abend. Die Gastgeber rissen sich geradezu darum, die
deutschen Gäste, jeweils in kleinen Gruppen, privat einzuladen. Auch in
diesem Zusammenhang ergaben sich eine Fülle von Eindrücken und
Erfahrungen.
Posen wurde uns als Stadt der Kultur vorgestellt und
als eine Stätte. die zusammen mit Gnesen bis zu den historischen Wurzeln
des polnischen Staates zurückzuführen ist. Der gesamte Aufenthalt war
einschließlich seiner Vor- und Nachbereitung für Schüler und Lehrer die
praktische Umsetzung und Erfüllung des UNESCO-Gedankens.
Zur Problematik und Auswertung des Austausches
Es lassen sich verschiedene Problemebenen
herausarbeiten und zum Teil weiter untergliedern. Da sind zunächst einmal
die politischen Rahmenbedingungen, die bis dato eine wesentliche Rolle
spielten und deshalb auch zu Beginn der Skizzierung des Zustandekommens
dieser Partnerschaft erwähnt wurden. Für uns war es dabei ein wesentliches
Ziel, die Schüler zur Wahrnehmung solcher politischer Zusammenhänge und
ihrer sozialen Auswirkungen zu sensibilisieren. Ansatzpunkte ergaben sich
genügend und sind mit Sicherheit auch in Zukunft zu erwarten, wenn auch
mit gewissen Verlagerungen.
Es ergibt sich die Konfrontation mit der DDR, da sie
im Transit mit der Eisenbahn durchfahren werden muß. Die sich ergebenden
Fragen können aber nur skizziert werden. Gleichwohl war und ist es die
Aufgabe des Lehrers, dann beim Geschehen sozusagen vor Ort Erklärungen zu
geben oder Problematisierungen vorzunehmen.
Grenzkontrollen, Visa, die Spannungen angesichts der
„Kontrollorgane der DDR“, die damals zwar korrekt auftraten, aber noch
unangenehm wirkten. Man kann davon ausgehen, daß die Transitreisenden alle
schon diese Erfahrungen gemacht haben. Interessant waren trotzdem die
Fragen der „Kontrollorgane“, warum man denn nach Polen fahre. Im Tonfall
schwang unverkennbar eine gewisse Herablassung mit. Durchfahrt durch
Berlin mit langem Warten und Blick auf die Mauer und die weiteren
Grenzanlagen. Dann in Frankfurt/Oder wieder die bewachte Grenze seitens
der DDR.
In Polen ergaben sich Berührungspunkte zur Politik in
geringem Maße. Man muß aber sagen, daß in diesem Zusammenhang die
Sensibilisierung eine wesentliche Rolle spielt.
Die polnischen Schüler informierten uns natürlich
über die damals verbotene Solidarność und den wenige Monate zuvor
erfolgten Papstbesuch: ein Politikum ersten Ranges – gewollt und auch
verstanden.
Die Versorgungsmängel ergaben zwangsläufig
Diskussionen über die Wirtschaft beider Länder. Die oft neidlose
Anerkennung und Bewunderung durch junge Polen kann Beklemmungen
hervorrufen und muß in intensiven Gesprächen durch den Lehrer aufgefangen
werden.
Die politischen und sozioökonomischen Gesichtspunkte
sollten auf keinen Fall in der Erwartung des Lehrers überbewertet werden.
Bei allen Begegnungen stellt sich nämlich heraus, daß es sich bei den
Schülern und Schülerinnen dieser beiden Länder um Jugendliche handelt, die
völlig identische Probleme, Wünsche, Sorgen und Wertvorstellungen haben.
Dieser Gesichtspunkt aber, bei dem am Ende der Begegnung die Erkenntnis
der „Normalität“ steht und der individuellen Sympathie oder auch
Antipathie, ist doch das, was wir mit dem UNESCO-Gedanken als Allererstes
erreichen wollen. Der Versuch, politisch zu diskutieren, sollte von
begleitenden Lehrern sehr behutsam und zurückhaltend umgesetzt werden. Auf
der anderen Seite ergeben sich nämlich eine Fülle von
Individualerfahrungen, die ihrerseits durchaus gesellschaftspolitisch
interpretiert werden können. Es genügt dabei, die Summe der
Schülererfragungen zu sammeln und in Ruhe zu besprechen.
Die polnischen Schüler diskutierten nicht über die
Sowjetunion. Auf dieses brisante Thema ging man nur mit abfälligen Witzen,
aggressiven Bemerkungen ein oder man schwieg bewußt.
Über die innerpolnischen Probleme wurden aber
ungeniert die Meinungen ausgetauscht, und man erzählte ohne jegliche
Hemmungen. Ein Politikum erfuhren unsere Schüler über das Verhältnis der
polnischen Jugend zur Kirche. Eine Reflexion würde jetzt den Rahmen
sprengen. Es ist aber völlig anders als das oberflächliche oder
kritisch-distanzierte Verhältnis der großen Mehrheit unserer Schüler zu
den Kirchen.
Ein wichtiges Politikum ist die Begegnung mit der
Geschichte, und zwar mit der eigenen, deutsch-polnischen Vergangenheit
Es sind zwei Epochen der gemeinsamen Geschichte, die
von wesentlicher Bedeutung sind: Die Zeit der Teilungen, also der
Nichtexistenz des polnischen Staates von 1795 bis 1919, und die Zeit der
Okkupation von 1939 bis 1945. Beide stehen in einem inneren Zusammenhang,
bedeuteten sie doch den Abwehrkampf der Polen um die Existenz ihres
Staates und ihrer Nation.
Es ist nun unbedingt nötig, in einer
Vorbereitungsphase die Rolle und Praxis der preußisch-deutschen Politik,
vor allem nach der Reichsgründung 1871, zu klären.
Es sei hier erinnert an die Germanisierungspolitik
unter Bismarck, die Ansiedlung und Privilegierung von Deutschen und die
Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den Polen in ihrer eigenen Heimat.
All diese Dinge sind den polnischen Schülern sehr
wohl bekannt. Sie reagieren mit völligem Unverständnis, wenn sich in
Gesprächen auch historische Bezüge im Spannungsfeld zwischen Polen und
Deutschen ergeben und manche unserer Schüler kaum wissen, wer Friedrich
der Große war, oder wenn sie die ehemaligen preußischen Provinzen mangels
ausreichender Kenntnisse nicht bezüglich dieses deutsch-polnischen
Problems sehen.
Zeugen des Abwehrkampfes des polnischen Bürgertums
gegenüber Preußen kann man in Posen ausreichend finden: Das Meine, damals
polnische Theater in der Nähe des größeren, ehemals deutschen Theaters;
die Raczyński-Bibliothek, ein schöner, im klassizistischen Stil
errichteter Bau; dann die Cegielski-Werke, die von dem damaligen
Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein Cegielski als Konkurrenz zu den
deutschen und jüdischen Firmen gegründet worden waren; ferner das frühere
Palais des Kronprinzen und dann die vielen Villen und zum Teil protzigen
Häuser aus der preußischen Zeit.
Neben diesem Abwehrkampf, der zur Jahreswende 1918/19
zum sogenannten „Großpolnischen Aufstand“ führte, ist der Widerstandskampf
während der Okkupationszeit hervorzuheben. Es war ein Kampf gegen die
physische und psychische Vernichtung des polnischen Volkes. Leider sind
die Kenntnisse unserer Schüler über den begonnenen polnischen „Holocaust“
zumeist sehr gering.
In jeder Stadt gibt es Gedenktafeln für ermordete
Bürger und Widerstandskämpfer. Man muß die Schüler unbedingt auf diese
Dinge vorbereiten. Sie müssen vorher Zeit haben, über die Begriffe Schuld
Verantwortung und Versöhnung nachzudenken und zu sprechen. Die gesamte
Problematik kann unseren Schülern erst bewußt werden, wenn sie in Posen
auf dem Gelände der ehemaligen Festung stehen und von den Tausenden
Gefallenen erfahren und die Grabreihen sehen.
Diese schockartige Konfrontation mit der Geschichte
ist zugleich, so makabres klingt, ein didaktisch sinnvoller Ansatz, über
die Problematik der Geschichte und auch über Geschichtsbewußtsein zu
sprechen. Zusammen mit der Nachbereitung ergeben sich dann erst die
tiefergehenden Eindrücke und der Lernerfolg.
Wir haben bezüglich der Begegnung mit der Geschichte
die günstige Möglichkeit, weite Bereiche der deutschen und polnischen
Geschichte deutlich zu machen. Gleichzeitig ergibt sich aber auch die
zwingende Notwendigkeit zur intensiven Vor- und Nachbereitung.
Es wären nicht nur vertane Chancen: es wäre eine
Brüskierung von Gastgebern, mit unvorbereiteten Jugendgruppen nach Polen
zu reisen.
Gerade in den Berührungspunkten zur Geschichte wird
deutlich, daß die UNESCO nach dem Kriege gegründet wurde, um im
internationalen Erziehungsprozeß der Jugend mit Hilfe von Begegnungen die
Probleme der Völkervernichtung und des Hasses zu bewältigen und die
Weichen für die Zukunft eines friedlichen Miteinanders zu stellen. Diesem
zentralen Anliegen der UNESCO kann in Polen vor allem auch für uns
Deutsche wie kaum in einem anderen Lande, vielleicht mit Ausnahme noch von
Israel und der Sowjetunion, Rechnung getragen werden.
Die pädagogische Situation in polnischen Schulen
Die pädagogischen Probleme, die im Bereich einer
polnischen Schule sichtbar werden, sollen nur kurz angesprochen - werden.
Das Schüler-Lehrer-Verhältnis ist eher als traditionell anzusehen.
Direktor, Lehrer und Lehrerinnen gelten als Respektspersonen und werden
auch mit „Herr Direktor“ oder „Frau Professor“ angeredet. Der Unterricht
läuft in hohem Maße als Frontalunterricht ab. Ansätze zu einer
Mitbeteiligung der Schüler an der Unterrichtsplanung und -gestaltung gibt
es kaum. Die Reformdiskussion der 60er und 70er Jahre in Westeuropa sind
an der Schulwirklichkeit in Polen spurlos vorübergegangen, und es hat
keine Versuche zu einer entsprechenden Reform gegeben. Gleichwohl wurden
alle Reformen von Expertengremien beobachtet und ausgewertet. Das Problem
der Nichtumsetzung lag in der Starrheit des bürokratischen Systems, des
politischen Dogmatismus bzw. der eindeutigen Reformunfähigkeit des realen
Sozialismus. Alle wesentlichen politischen und sozialen Reformen in Polen
mußten ertrotzt werden, und das gelang nur in Schwächephasen des Staates.
Andererseits muß man die ungeheuer schwierigen Aufbauphasen nach dem
Kriege sehen. Polen hatte das Problem, überhaupt ein leistungsfähiges
Bildungssystem zu entwickeln, und das ist im wesentlichen gelungen! Die
Fragen nach Reformen werden dann auch nicht als so gravierend angesehen.
Hinzu kommt, daß die einzige wesentliche oppositionelle Kraft, die
Katholische Kirche, in ihrem Wesen als stockkonservativ gilt und unter
allen Katholischen Kirchen in Europa wohl eher als „reformresistent“
einzustufen ist. Aber auch dieses hat wiederum Gründe, die aus der
spezifischen Geschichte des Landes abzuleiten sind.
Bei aller berechtigten Kritik muß man in Polen mit
Werturteilen sehr vorsichtig sein, die wesentliche Maßstäbe zum Vergleich
anlegen! Aber auch dies gehört zu den Erfahrungen, die in Polen gemacht
werden. Das bedeutet bei Schülerreisen nach Polen für den begleitenden
Lehrer ein hohes Maß an Aufnahmebereitschaft und sehr viel Geschick, die
Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren. Man sollte das intensive
Gespräch mit polnischen Kolleginnen und Kollegen suchen. Übrigens
unterrichten kaum Männer in den Schulen. Bei den Gesprächen sind die
gegenseitigen Erwartungen und Wünsche nicht deckungsgleich. Für die
polnischen Lehrerinnen und Lehrer steht die Information im Vordergrund.
Sie möchten von der modernen Methodik und den Erfahrungen in unseren
Schulen profitieren. Dem sollte man unbedingt durch Bücher über Didaktik
und Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer als mitzubringende Geschenke
Rechnung tragen. Für uns bundesdeutsche Lehrer steht dann oft die
Diskussion über eine bestimmte uns sichtbare Problematik im Vordergrund.
Dieser Ansatz zu einer kritischen Reflexion hat aber in der Ausbildung und
Praxis des Lehrerberufes in Polen nicht den gleichen Stellenwert wie bei
uns. Konkret: Über die Anweisung des Herrn Direktors wird nicht
diskutiert, sondern im Lehrerzimmer geschimpft. Einen Personalrat gibt es
natürlich auch nicht
In den Jahren 1980/81 hatte die Solidarnośćgruppe
einer Schule eine gewisse Kontrollfunktion wahrgenommen. Nach Zerschlagung
dieser unabhängigen Gewerkschaft blieb alles wieder beim alten. Es ist
ungeheuerlich, welche Chancen das kommunistische System stalinistischer
Ausprägung in diesem Zusammenhang nicht nur vertan, sondern sogar
zerschlagen hat. Diese Zerstörung einer politischen Kultur die in der Zeit
der Aufklärung begann und neu in den sozialen und politischen Bewegungen
des 19. und 20. Jahrhunderts weiterentwickelt wurde, wird erst jetzt
wieder durch Basisbewegungen reaktiviert. Die Chancen, die der reale
Sozialismus gehabt hat, sind auf Generationen vertan. Dies muß man wissen,
um Reaktionen von Lehrern und Schülern, Meinungsänderungen etc. richtig
verstehen zu können. In diesem Zusammenhang steht auch die geradezu
verklärte Betrachtung des Westens und die totale Verdammung alles Eigenen.
Jahrelange, zum Teil primitive Propaganda hat das genaue Gegenteil dessen
bewirkt, was sie eigentlich hafereichen wollen. Dies führte aber nicht nur
zu einer Nichtreflexion, sondern sogar zu einer Ablehnung all dessen, was
irgendwie mit dem Staat und dem politischen System zusammenhängt. Das hat
zur Konsequenz, daß auch unbestritten positive Leistungen, die
Aufbauleistungen in diesem am schwersten durch den Krieg betroffenen Land,
von den Bürgern nicht mehr wahrgenommen oder gar „in Grund und Boden
verdammt“ werden. All diese Irrationalitäten sind Ausdruck und
Mitverursacher der Sozialpathologie. Die Verfahrenheit der gesamten
Situation, die nach ökonomischen Kriterien totale Hoffnungslosigkeit und
andererseits die gegenwärtig völlig irrationale Euphorie machen dieses
Land immer wieder interessant.
Es ist zu empfehlen, in Auswertungsgesprächen die
Schüler längere Phasen erzählen zu lassen. Nicht nur, um manche
Sachverhalte zu klären, sondern auch, um den Hang unserer Schüler zur
Überheblichkeit – ein seit Jahren sich entwickelndes bundesdeutsches
Phänomen – einzudämmen. Die Überheblichkeit aufgrund der westdeutschen
ökonomischen Stärke erscheint uns zusammen mit der neuen Reproduktion
klassischer deutscher Vorurteile gegenüber Polen das entscheidende Problem
der gegenwärtigen jungen Generation im Zusammenhang mit den östlichen
Nachbarländern der BRD, vor allem Polen, zu sein. Übrigens gibt es bei
Jugendlichen aus der DDR gegenüber Polen ähnliche Erscheinungen. Wir
können jedoch aufgrund unserer langjährigen Erfahrung in diesen
skizzierten Problembereichen von positiven Ergebnissen sprechen – aber:
die Problematik muß uns Lehrern bewußt sein.
Der Gegenbesuch der polnischen Schüler
Nun zum Gegenbesuch der polnischen Schüler: Vorab
müssen wir festhalten, daß uns ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel, als
wir hannoverschen Kollegen die polnischen Schüler und Lehrer und den Herrn
Direktor am Bahnhof in Helmstedt in Empfang nahmen, um gemeinsam mit dem
Bus nach Hannover zu fahren.
Die polnischen Gäste konnten nämlich nicht, wie
geplant und abgesprochen, ein Jahr später – im September 1984 – nach
Hannover kommen! Zunächst schlug die sogenannte „Wende“ in Bonn aufgrund
gewisser Sonntagsreden voll durch. Die politischen Fronten verhärteten
sich, obgleich die innenpolitischen Voraussetzungen in Polen durch den
zunehmenden Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozeß an sich sehr
positiv waren für unsere gemeinsame UNESCO-Arbeit.
Die vorläufig zugesagten Genehmigungen wurden in
Warschau zurückgezogen, obwohl das Volksbildungsministerium sich für die
Fahrt ausgesprochen hatte; dort saßen viele Reformer, die die gemeinsame
Arbeit weiterhin selbstverständlich unterstützen wollten. Im
Außenministerium gab es eine positiv eingestellte, starke Fraktion, vor
allem im Bereich der Westexperten. Verhindert hat dann die Fortführung des
Schüleraustausches das sogenannte Administrationsministerium, das während
des Kriegszustandes gebildet worden war und in dem die „Betonfraktion“
dominierte.
Ab 1985 haben dann alle am Zustandekommen Beteiligten
politisch gekämpft, um diesen Schüleraustausch nicht durch das
unverantwortliche Gerede gewisser Sonntagspolitiker in der Bundesrepublik
und der Betonfraktion in Warschau kaputtgehen zu lassen.
Politische Amts- und Funktionsträger, vor allem in
der Sozialdemokratischen Partei und der F.D.P., setzten sich für uns ein.
Auf polnischer Seite verdanken wir eine wichtige Unterstützung dem
damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Rakowski. Der
Oberbürgermeister von Hannover und der Stadtpräsident von Poznań setzten
sich ebenfalls nachdrücklich ein. Die Botschaft der Volksrepublik Polen
hat unser Bemühen ebenfalls sehr wohlwollend unterstützt. Den
entscheidenden Durchbruch hat dann aber eine Intervention des ehemaligen
Bremer Bürgermeisters Hans Koschnik als Vorsitzender des
interfraktionellen Polenausschusses im Bundestag beim ZK-Sekretär für
Auswärtiges im Politbüro im Dezember 1985 während der Brandt-Reise nach
Warschau zu unseren Gunsten verursacht.
Mit zwei Jahren Verspätung – das deutsch-polnische
Verhältnis hatte sich nach der Rede des Bundespräsidenten zum Gedenktag
des 8. Mai 1945 und dank der Bemühungen des deutschen Außenministers und
jetzt auch aller im Bundestag vertretenen Parteien merklich entspannt –
konnten wir die polnischen Gäste im September 1986 empfangen. Kleinere
Pannen bei der Vorbereitung gehören zum polnischen Alltag und sollten
nicht extra erwähnt werden. Die politische Hintergrundproblematik wurde
aber skizziert, um deutlich zu machen, daß fruchtbare UNESCO-Arbeit in
diesem europäischen Entspannungsprozeß mit deutschen und polnischen
Jugendlichen nur innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen ablaufen kann.
Man muß aber sagen, daß alle anstehenden Probleme einvernehmlich in
sinnvollen Kompromissen geklärt werden konnten.
Der Schüleraustausch von 1986 nur kann kurz skizziert
werden: An mehreren Tagen erfolgte vormittags gemeinsamer Unterricht in
der Bismarckschule. Daneben wurde ein gemeinsames Besichtigungsprogramm
abgewickelt. Zum offiziellen Teil gehörte auch ein Empfang beim
Oberbürgermeister, der unsere gemeinsame Arbeit würdigte. Die Kultur kam
ebenfalls nicht zu kurz, und außerdem gab es intensive persönliche
Kontakte. Am Abschluß der zwölf Tage waren alle Beteiligten erschöpft aber
glücklich. Wir hatten die Hoffnung, den Besuch 1987 ohne Probleme erwidern
zu können. Plötzlich kam aber von polnischer Seite der Vorschlag, aus dem
Schüleraustausch eine gemeinsame Ferienaktion deutscher und polnischer
Schüler an der Ostsee zu machen. Offensichtlich hatten die gemeinsamen
Gegner in der polnischen Politik wieder den Versuch gestartet, uns aus der
Schule herauszudrängen und damit die langjährige Arbeit zu blockieren. Wir
sahen es so! Gemeinsam mit den polnischen Partnern fanden wir einen
sinnvollen Kompromiß: Wir vereinbarten, daß der Schüleraustausch fortan
themenorientiert ablaufen sollte, und zwar bei Besuch und Gegenbesuch. Die
Details des Gegenbesuchs sind noch nicht konzipiert. An dieser Stelle sei
auch die hohe Unterstützung durch die Stadt Hannover erwähnt, ohne die
unter den gegebenen Umständen der Schüleraustausch nicht hätte
durchgeführt werden können. Dank gebührt insbesondere dem
Oberbürgermeister und den Kollegen im Kulturamt der Stadt Hannover, das
für die Kontakte mit Poznań zuständig ist.
Außerdem haben wir wesentliche Hilfe und
Unterstützung vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt erhalten: Herr
Dedecius hat sich persönlich dafür eingesetzt, daß wir aus dem Fond des
Herrn Bundespräsidenten von Weizsäcker erhebliche Mittel für Ausflüge,
Konzerte und Lehrmaterial als Starthilfe zur Verfügung gestellt bekamen.
Nachbemerkungen für begleitende Lehrkräfte
Man sollte möglichst jede nach Polen reisende
Jugendgruppe gut vorbereiten; für Schüleraustauschgruppen ist dies aber
unabdingbar. Wesentliche Punkte sind die Sensibilisierung für das
Alltägliche sowie die Bewußtmachung des „bei uns“ Selbstverständlichen. Es
ist wichtig, bekanntes Wissen über Polen aus dem Geschichts- und
Erdkundeunterricht zu wiederholen. Weiterhin muß vorher und nachher über
die Problematik des vorurteilsbesetzten Wissens gesprochen werden. Da in
Polen „alles anders ist als in der DDR“, sollte man versuchen, die Schüler
zur Aufnahme des Neuen aufzuschließen bzw. spontane Schüleräußerungen
während des Aufenthalts zu sammeln und möglichst darüber zu sprechen.
Ein delikates Problem sind die Fragen nach den
Gastgeschenken. Schüler weigern sich oft, Schokolade und Kaffee
mitzunehmen, da sie nicht „Weihnachtsmann“ spielen wollen. Man muß ihnen
dann sagen, daß jemand sich riesig und auch echt über ein solches
Mitbringsel freut, weil er es sich gegen Landeswährung nicht kaufen kann
und gegen US-Dollar nur zu horrenden Preisen! Wenn demnächst alle Waren,
abgesehen von den allernötigsten Grundnahrungsmitteln, nicht mehr
subventioniert werden und der Verkauf auch in der Landeswährung möglich
ist, dann werden mit Sicherheit alle Preise über dem bundesdeutschen
Niveau liegen. Auch an diesen Beispielen kann man die Bitternis des völlig
abgesunkenen Lebensstandards deutlich machen.
Beim Besuch polnischer Jugendlicher sollte man
versuchen, z.B. im Rahmen einer alternativen Stadtführung wie in Hannover,
bei der auch die Stätten der KZ und die Gräber ermordeter polnischer und
russischer Zwangsarbeiter besucht werden, oder auch durch eine gemeinsame
Fahrt zur Gedenkstätte Bergen-Belsen, eine spezifische Form der
Betroffenheit der Teilnahme von Angehörigen der Opfernation zu erreichen.
Wir haben z.B. 1986 zusammen mit den polnischen Austauschschülern und
gleichzeitig anwesenden amerikanischen Austauschschülern Bergen-Belsen
besucht; eine vollständige Darstellung und Auswertung kann jetzt nicht
vorgenommen werden. Nur eines: Wir waren am Ende des Rundganges, als wir
uns vor der Gedenkstätte trafen, völlig unfähig, Worte für die Eindrücke
und Gedanken zu finden. Wir haben geschwiegen. Hier mußte dann der Lehrer
das Schweigen angemessen durch wenige Sätze beenden. Ich muß sagen, daß
ich selten unter einer solchen Spannung schweigend verharrt habe.
Ein Anfangsproblem sollte noch erwähnt werden: Für
die polnischen Schüler bedeutet es eine hohe Auszeichnung, in die
Bundesrepublik fahren zu dürfen. Die Auswahl stellt in der Regel eine
Belohnung für sehr gute Leistungen dar. Alle Schülerinnen und Schüler
werden aber vorher eindrücklich ermahnt, ihre Schule, ihre Stadt und ihr
Land würdevoll zu vertreten. Die polnischen Lehrerinnen legen dann –
zumindest solange man sich noch nicht so gut kennt – sehr viel Wert auf
vorbildliches und diszipliniertes Verhalten ihrer „Zöglinge“. Man sollte
also bei gemeinsamen Veranstaltungen, bei denen es darum geht, gemeinsame
Regeln aufzustellen und einzuhalten oder auch das Ende einer abendlichen
Veranstaltung festzulegen, recht behutsam umgehen.
Wir hannoverschen Lehrer haben in solchen Fällen
vorgelebt, wie wir kollegiale Entscheidungsprozesse, auch zusammen mit dem
Schulleiter, durchführen und umsetzen. Hier hat sich aber inzwischen ein
völlig problemloses kollegiales Miteinander und Lernen voneinander
ergeben.
Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt ist der Konsens im
eigenen Kollegium. Ein Schüleraustausch, vor allem in diesem sensiblen
Bereich, ist nur möglich, wenn er von einer breiten Mehrheit des
Kollegiums und auch der Elternschaft getragen wird. Außerdem gibt es an
der Bismarckschule den Konsens, den Schüleraustausch auf möglichst viele
„Schultern“ zu verteilen. Bisher sind jeweils andere Kolleginnen und ein
anderer Kollege zur Begleitung mitgefahren. Gleiches gilt für den parallel
ablaufenden Lehreraustausch, durch den pro Jahr eine kleine Delegation von
Lehrerinnen und Lehrern fährt oder bei uns zu Gast ist. Diese wenige Tage
dauernden Besuche dienen außerdem jeweils der Vorbereitung des dann
folgenden Besuches mit der Schülergruppe.
L.N.
1987 und 1989...
Der Austausch zwischen unseren beiden Schulen besteht
schon seit fast zehn Jahren – auch wenn er durch die Verhängung des
Kriegsrechts zeitweilig unterbrochen war. Seit 1987 versuchen wir den
Austausch unter einen themenbezogenen Schwerpunkt zu stellen. Ausgang war
wohl der Wunsch von polnischer Seite, die Schüler außerhalb der Schulzeit
in einem Ferienlager unterzubringen (geringere Unterbringungs- und
Verpflegungsprobleme, keine Belastung des Schulalltags?). Da das überhaupt
nicht unseren Vorstellungen entsprach, schlugen wir eine sinnvolle
Verknüpfung gemeinsamer Aktivitäten in den Ferien mit einem mehrtägigen
Schulbesuch vor. Angereichert werden sollte die Fahrt durch kulturelle und
touristische Programme und die Möglichkeit zu vielfältigen persönlichen
Begegnungen.
Langfristig sollen die Schwerpunkte der gemeinsamen
Aktivitäten verschiedenen Unterrichtsfächern im weiteren Sinne zugeordnet
werden. Dadurch können u.a.:
• Schule und Freizeit in unterschiedlichen Bereichen,
Möglichkeiten und Arbeitsweisen erlebt werden;
• Schüler und Lehrer mit unterschiedlichen
Schwerpunkten in den Austausch einbezogen werden.
Bisher wurde jeweils ein Besuch bei der Partnerschule
unter dem Schwerpunkt Sport durchgeführt. In diesem und dem nächsten Jahr
werden geographische Themen behandelt, für die Zukunft bieten sich
Biologie/Chemie/Ökologie und Geschichte an.
In organisatorischer Hinsicht lassen sich
stichwortartig folgende Erfahrungen nach den ersten beiden Begegnungen
festhalten: der Vorlauf bei der Terminabsprache war sehr langwierig;
Informationsfluß ist schwierig (3-4 Wochen); oft Telefonate und Telegramme
(teilweise entstellt) zusätzlich nötig; eigene Planung muß frühzeitig
einsetzen (z.B. Pässe einsammeln – führt teilweise zu Überschneidungen in
der Urlaubszeit – wenn nötig Zweitpaß ausstellen lassen); finanzielle
Abwicklung frühzeitig planen und Zuschüsse beantragen (s.a. unter 4.1.);
Unterbringung klären – privat oder in JH o.ä.; Besuchsprogramme erstellen,
gern besuchte Firmen wie VW sehr früh anschreiben; während der Schulzeit
sollten möglichst viele Schüler als Betreuer freigestellt werden
(Klausurpläne, Arbeiten); für das gemeinsame Programm reichen vier Tage,
Besuch in der Schule mit weiteren Veranstaltungen 5 bis 6 Tage.
Hinsichtlich der inhaltlichen Beobachtungen können
ebenfalls nur die beiden letzten Besuche mit dem Schwerpunkt Sport
herangezogen werden, sie lassen sich aber wohl verallgemeinern: wegen der
einfachen Ausstattung der Schulen und der geringen Erfahrungen bei
außerschulischen Aktivitäten (Ausnahme die Ferienmaßnahmen) bleiben die
Möglichkeiten für die Durchführung außerunterrichtlicher Maßnahmen, wie
Exkursionen, Besichtigungen Projekte u.ä. deutlich eingeschränkt beim
Sportlager hieße das konkret: es bestand nur ein Angebotscharakter für die
unterschiedlichen Wassersportgeräte, die z.T. in schlechtem Zustand waren,
das Lagerleben hingegen war straff organisiert; die Interessenlage der
Schüler wird durch vorgegebene Themen nicht immer getroffen;
Auswahlkriterien für die Schüler in Polen sind z.B. gute Leistungen
allgemein oder im Fach Deutsch; von polnischer Seite bestehen teilweise
Probleme bei der Formulierung von Inhalten und Arbeitsmöglichkeiten;
Hilfestellungen sind möglich, z.B. bei der Bereitstellungen von
Arbeitsmaterialien, die von hier aus mitgenommen werden.
Für die weiteren Planungen läßt sich aus unserer
Sicht festhalten:
• bei
Austausch von mehr als sechs Tagen sollte ein zusätzlicher Schwerpunkt
enthalten sein;
• diese
zusätzlichen Aktivitäten sollten zu Beginn des Aufenthalts stehen und wenn
möglich außerhalb der Heimatstadt stattfinden;
• alle
Vorstellungen und Planungen müssen sehr deutlich formuliert werden;
• Hilfsmittel
sollten möglichst frühzeitig angeboten und bereitgestellt werden;
• Lehrer
und Schüler sollten nicht als ganze Gruppe wechseln, sondern jeweils immer
nur zur Hälfte pro Austausch, dadurch können Erfahrungen besser
weitergegeben werden und die Warmlaufzeit“ verringert sich.
G.F.
In Fortsetzung eines seit 1983 initiierten
Austausches zwischen dem V. Liceum in Poznań und der Bismarckschule
Hannover reiste eine Gruppe von 16 Schülern und zwei begleitenden Lehrern
vom 11.-22.09.89 nach Polen.
Bei unseren Schülern handelte es sich um eine
jahrgangsübergreifende Gruppe, die Schülerinnen der Klassenstufen 9-13
umfaßte, zu einem kleinen Teil auch solche, die schon früher an einer
Austauschaktion beteiligt waren.
Eine völlig neue Qualität hatte der Austausch für
diesmal dadurch gewonnen, daß mit den polnischen Gastgebern eine private
Unterbringung hatte vereinbart werden können. Uns war bewußt, daß dies
angesichts der wirtschaftlichen bzw. versorgungsmäßigen Probleme ein
großherziges Angebot war, und so haben wir versucht, unsere Schüler vorab
auf mögliche sensible Situationen, gerade vor dem Hintergrund unserer
früheren Erfahrungen mit einer überwältigenden polnischen
Gastfreundschaft, einzustimmen.
Nicht ganz einfach einzuschätzen war, auch im
Nachhinein gesehen, die Frage unserer Gastgeschenke bzw. Mitbringsel. Da
die individuellen Lebensbedingungen der gastgebenden Familien natürlich
nicht vorab bekannt waren, kam es durchaus vor, daß Mitbringsel einer
bestimmten Kategorie hier gern gesehen wurden, dort eher Befremden, in
einer bestimmten Familie gar leichtes Mißfallen auslösten. Diese Klippe
dürfte allenfalls durch phantasievolle Vielfalt umschifft werden können.
Das Problem wird sich vor dem Hintergrund der jetzt rapide verschärften
Wirtschaftslage in Polen auf absehbare Zeit nicht kleiner gestalten.
Auf jeden Fall war das neue Modell einer privaten
Unterbringung der Austauschgruppe ein von allen Teilnehmern
unterstrichener Erfolg.
Einer unserer Schüler schrieb uns auf:
„Um 9.15 Wir erreichten wir Hannover, warb und
geschafft, aber mit der Gewißheit, eine wohl einmalige Erfahrung gemacht
zu haben. Die Chance, so intensiv mit polnischen Menschen in Kontakt zu
kommen und so die Lebensweise, Kultur und Probleme der Menschen
kennenzulernen ist sicher nur innerhalb eines Schüleraustausches gegeben.
In diesem Sinne hoffe ich, daß dieser Dialog weiterhin bestehen bleibt“
(B. Kiersch)
Jedenfalls finden wir, daß es kein schlechter Zufall
ist, wenn unsere Begegnung in das Jahr eines allgemeinen europäischen
Aufbruchs fiel.
W.S.
Vorplanungen zum diesjährigen Besuch einer
polnischen Schülergruppe
Vom 24.08. bis 05.09. 92 werden fünfzehn Schülerinnen
und zwei Begleiterinnen Gäste unserer Schule sein.
In der ersten Woche werden die Schülerinnen im Rahmen
der Projektwoche Schulalltag aus einer ganz anderen Sicht erleben können.
Da dieser Austausch von der Fachgruppe Biologie betreut wird, haben
wir für die folgende Woche als Kernprogramm eine
dreitägige ökologische Exkursion in die Umgebung von Celle vorgesehen, die
durch die Fachkollegen betreut wird. Ziel dieser Unternehmung ist es, den
Schülerinnen und Kolleginnen ökologische Freilandarbeit am Beispiel der
Wassergütebestimmungen von Fließgewässern vorzuführen. Damit diese
Unternehmung auch eine spaßige und sportliche Seite bekommt, werden wir an
zwei Tagen mit Kanus und Großkanadiern verschiedene Heidegewässer
„bevölkern“, das Örtze- und das Allertal aus einer ganz anderen
Perspektive erleben, untersuchen und hoffentlich nicht kentern. Dabei
kommt auch ein Wasseruntersuchungskoffer zum Einsatz, wie er im letzten
Jahr der Schule als Gastgeschenk überreicht wurde, und dessen Vorführung
möglicherweise erst dazu reizt, ihn auch in Zukunft zu nutzen. Die
Unterbringung erfolgt in einer Blockhütte des CVJM, wo wir
Selbstverpflegung betreiben werden, was hoffentlich die Kommunikation und
den Erlebnisaustausch über das gemeinsame Paddeln („und in einem Boot
sitzen“) hinaus fördern wird.
Nach der Rückkehr haben die Schülerinnen dann noch
drei Tage Zeit, den „normalen“ Schulbetrieb zu erfahren und Hannover
unsicher zu machen.
Wir hoffen, mit diesem Programm eine neue Dimension
für das fachgruppenorientierte Austauschprogramm zu eröffnen, das
zukünftig dazu führt, daß die Fachkollegen in höherem Maße zu einem echten
Erfahrungsaustausch kommen und nicht nur als Reisebegleiter und
Aufsichtspersonen fungieren.
R.J.
Der vorliegende Aufsatz ist eine überarbeitete
Kurzfassung aus G. Voigt / L. Nettelmann Die Arbeit einer
UNESCO-Schule. Oldenburg 1990 (Oldenburger Vor-Drucke; Heft 98/90).
Formulierungen aus dem Jahre des Manuskripts aus dem Jahre 1989 wurden
beibehalten. um die Einschätzung der Situation aus der damaligen Sicht
zu dokumentieren.