Dr. Edgar Kalthoff
Schüleraustausch mit
England
Als ich 1949 anfing, Englisch zu studieren, hatte ich
durch die Besatzung schon Engländer kennengerlernt, die mir äußerst
sympathisch waren. Ihre „reeducation“ bestand weitgehend darin, die schier
unüberwindliche Mauer der Autorität einzureißen und in Diskussionen (auf
Englisch) unsere Schülerprobleme ernst zu nehmen. Es müßte doch wunderbar
sein, in ein Land zu fahren, wo alle Menschen so waren. Ich glaube, dieses
(nicht ganz falsche) Bild von Engländern bestimmte mich, das Fach Englisch
zu studieren. Daß die englische Sprache nicht ganz logisch, sondern
psychologisch aufgebaut war, erfreute mich bei der Abneigung gegen
Mathematik.
Nach England gekommen, war um 1950 noch fast
unmöglich: man mußte eine Einladung haben, um ein Visum zu bekommen. Die
DM hatte schon vor zwei Jahren die RM abgelöst, aber man bekam für sie
keines- die Bundesrepublik hatte nicht genügend Devisen. In Hannover waren
wir etwas später dran, denn seit 1947 gab es die Partnerschaft mit
Bristol, und jedes Jahr kamen Germanisten aus Bristol für ein Semester
nach Hannover. Auch sie konnten das nur, wenn sie bei deutschen Studenten
(bzw. deren Eltern) wohnten und von diesen ein Taschengeld bekamen (auch
in England fehlten Devisen). Sie nahmen deutsche Studenten auf, es war
also aus der 'Not heraus schon ein Studentenaustausch.
Ich bewarb mich für den Austausch 1950, war aber zu
spät gekommen: ich sei der erste auf der Warteliste (wurde mir gesagt),
aber der blieb ich auch. 1951 durfte ich dann fahren, lernte allerdings
meinen Austauschstudenten nicht kennen, weil der bei meinen Eltern, (bzw.
in Göttingen war). John Veale, mein Austauschstudent, war aber sehr
reisefreudig, besuchte mit seinen Eltern (die auch noch nie im Ausland
gewesen waren) uns schon 1952, ich ihn 1953, und es gibt seitdem nur
wenige Jahre, in denen wir uns nicht sahen.
Mein Freund - das war er - wollte Deutschlehrer
werden, und dann würden wir einst unsere Schüler austauschen. In England
wird man schneller fertiger Lehrer, und obwohl mein Freund Soldat werden
mußte und ich nicht, war er schon lange vor mir fertig, einen
Schüleraustausch auf der Basis Bristol-Hannover zu begründen, der zu
unserem Glück nicht so recht funktionierte. Ich gab noch kurze Gastspiele
an niedersächsischen Schulen, bis ich 1962 an die Bismarckschule versetzt
wurde und schon vorweg verkündete „ich möchte einen Schüleraustausch
machen.“
Noch 1962 nahm ich als begleitender Lahrer an dem
offiziellen Austausch von Hannover teil und konnte mir Tricks abgucken,
die mir
später die Fahrten preiswerter und praktischer
machten. Aber schon 1963 fuhren wir in den Osterferien nach Bristol und
bekamen in den Sommerferien den Gegenbesuch aus Bristol. Mit nur einer
Ausnahme fanden alle weiteren Fahrten Ostern nach England und im Sommer
nach Hannover statt.
Wir Bismärcker hatten noch ein Problem: wir waren
eine Jungenschule. Withywood, eine ganz neue „comprehensive school“
(Gesamtschule) in Bristol, eine Schule für Jungen und Mädchen. Wir luden
darauf die Sophienschule ein, bei uns teilzunehmen, und auch diese
Zusammenarbeit hielt die ganze Zeit des Austausches, weil auch später die
Mädchen der Bismarckschule zahlenmäßig nicht ausreichten.
Die Fahrt war recht mühsam: zunächst fuhren wir mit
der Bahn bis Ostende, mit der Fähre nach Dover, mit dem Zug nach London
(Victoria station), mit der U-Bahn nach Paddington station, dann mit dem
Zug nach Bristol. Fahrzeit waren etwa 30 Stunden.
Mein Freund und ich hatten uns geeinigt, die Schüler
nicht auszusuchen, d.h. „ungeeignete“ Schüler nicht abzuweisen.
Regelmäßig Ende August kam eine Studentengruppe der
Doshisha Universität, Kyoto an die Bismarckschule. Wie für alle Gruppen
gibt es auch hier ein Besichtigungsprogramm, Unterrichtsbesuch und
gemeinsame Veranstaltungen
mit den gastgebenden Schülern und Eltern hatte ich
Ärger, als ich einer Sophienschülerin Name und Adresse mitteilte und
hinzusetzte „Angela ist ein farbiges Mädchen“. Ein zorniger Vater
telephonierte mich an „die kommt nicht in mein Haus“ (es hätte ihm aber
wohl nichts ausgemacht, seine Tochter in das „farbige“ Haus zu schicken).
Er verstand nicht, warum ihm nicht eine andere Partnerin zugewiesen wurde;
„ich kann ein englisches Mädchen nicht in das Haus eines Rassisten
schicken“, war meine Begründung.
Schon bald bildete sich eine Routine heraus, die wohl
recht gut war. Nach den Herbstferien lud ich die Schülerinnen und Schüler
zum Austausch ein, und zwar in den 9. Klassen. Ausnahmsweise wurden welche
aus der Klasse 8 angenommen, wenn sie zur Zeit der Fahrt etwa 14 Jahre alt
waren. Die Zahl der interessierten Schüler war meist recht groß. Es gelang
nie (was wir mehrfach versuchten) Schüler mitzunehmen, die keinen Partner
aufnehmen und für ihren Aufenthalt bezahlen wollten. Übrigens auf beiden
Seiten. Um Weihnachten waren Briefe der Engländer eingegangen (Meldung an
mich) und die Antwort abgeschickt (Meldung aus England von meinem
Kollegen, wenn sie noch nicht eingegangen war). Nicht alle deutschen
Schüler hatten gleich einen Partner gefunden, aber Meldungen in England,
Rücktritt auf unserer Seite (Meldung an mich) half hier oft noch. Am
Schluß verloren manche Schüler doch häufiger den Mut (oder fuhren lieber
mit den Eltern, als ganz zu Hause zu bleiben). Ich erinnere mich aber an
ein Mädchen, das 48 Stunden vor der Abfahrt eine Partnerin bekam (die
ursprüngliche Partnerin haue Blinddarmentzündung bekommen). Dieser
Austausch von völlig Unbekannten war übrigens recht erfolgreich.
Der einzige Fall, wo ich einen deutschen Jungen mit
einem englischen Mädchen austauschte, klappte recht gut, war aber ein
Ausnahmefall.
Recht häufig hatte unseren Schülern der Besuch so gut
gefallen, daß sie ihre Freunde wieder besuchen wollten. Das war natürlich
mit dem Austausch möglich – oder privat (aber der Austausch war
preiswerter). Theoretisch hätten Schüler von KI. 10-13 viermal mitfahren
können. Das geschah wohl kaum (der Altersunterschied mit den Anfängern
wurde auch recht groß), aber zwei- bis dreimal kam es schon vor. Für mich
war ihre Teilnahem sehr angenehm: die Anfänger waren doch recht nervös
wenn die Schiffskabinen zugeteilt wurden, wir durch die Paßkontrolle
gingen, die „ganz fremden“ englischen Familien trafen. Die alterfahrenen
Mehrfachfahrer beruhigten und halfen mit.
Unpraktisch erwiesen sich die Eisenbahnfahrten.
Einmal wurden sie deutlich teurer - und von Jahr zu Jahr. Ich versuchte es
mit Liegewagen (da die Fahrt bei Nacht doch recht schlimm gewesen war).
Wir mußten dafür in Osnabrück vier Stunden warten und einmal mehr
umsteigen. Einmal sahen wir vom Boot schon die weißen Klippen von Dover,
als plötzlich Nebelaufstieg und die Fähre eine halbe Stunde zu spät
anlegte. Der Zug in Dover hatte auf uns gewartet, aber in London verpaßten
wir den Zug nach Bristol und kamen zwei Stundenspäter an. Dazu kam, daß
die britische Eisenbahn nicht sehr zuverlässig war. Jedes Jahr beschwerte
ich mich, bekam manchmal einen netten Entschuldigungsbrief und manchmal
ein bißchen Geld zurück, sah aber keine Besserung. Damals begann die Zeit
der vielen privaten Fährlinien. Eine, die Prinzenlinie, nahm einen
Fährbetrieb von Bremerhaven nach Harwich auf, und nun lohnte es sich, mit
einem deutschen Bus nach Bremerhaven und in einem englischen Bus nach
Bristol zu fahren. Auf dem Schiff gab es Mahlzeiten und Kabinen, die Fahrt
war schön lang, erholsam, wenn wir keinen Sturm bekamen. Zweimal ist das
passiert, was manche Schüler herrlich, andere nicht so gut fanden. Wir
verteilten schon im Hafen Seekrankheitstabletten (die machen auch müde).
Bei dieser Fähre konnte ich auch meinen Wagen
mitnehmen. Er und das Telefon waren für den Betreuer wichtig. Es ist zwar
niemals ganz Dramatisches passiert, aber schon das Bewußtsein, daß der
Lehrer von Schülern und Eltern jederzeit erreicht werden konnte und dann
den Schüler ganz schnell besuchen könnte, hat sehr beruhigt. Natürlich war
ich auch sonst zu sehen. Am ersten Schultag (wir kamen meist an einem
Sonnabend an) wurden wir vom Headmaster begrüßt, und vorher war ich auf
dem Schulhof zu sehen. Meist kam ich noch ein- bis zweimal, danach gab es
in England Osterferien. In den Wochen machten wir drei Ausflüge, die (ich
kann es nicht lassen) Historisches, aber auch Kurioses und Modernes
zeigten. Also nicht nur Kathedralen und Burgen, sondern z.B. den
Fußgängerbereich in Coventry (damals eine Sensation) oder das erste
englische Atomkraftwerk in Berkeley. Bei der Fahrt (nur Deutsche, die
Engländer gingen ja zur Schule) konnte mir vertraulich Unangenehmes gesagt
werden (das kam selten vor), wurden Eindrücke aus den englischen Familien
verglichen aber auch einfach einen ganzen Tag lang deutsch gesprochen, was
doch auch erholsam war.
Bei meinen 40-50 Schülern rechnete ich mit weniger
als einem Problemfall pro Jahr, durchweg leichte. „He/She doesn't
appreciate things“ war die Beschwerde. Was war geschehen? Sie hatten
vergessen „thank you“ zu sagen, ein taktvoller Hinweis beim nächsten
Ausflug (in späteren Jahren schon vor der Abfahrt), und bei einer
Nachfrage bei den Engländern zeigte, daß diese schon alles vergessen
hatten. Bei einer Abfahrt mit dem Bus blieb ich noch etwas länger und
fragte „hat jemand etwas zurückgelassen“ (Paß/Koffer). „Only their hearts“
sagte eine englische Mutter. Mit den englischen Schülern war es ähnlich.
Sie kannten ihre Partner schon (sprachen nur englisch, was für unsere
Schüler zum Vorteil war). Nur als einmal die Engländer zu Ostern
hierherkamen, brach eine Katastrophe los: reihenweise bekamen englische
Mädchen Heimweh, mehrfach beschwerten sich deutsche Eltern über Dinge, die
wir nicht schlimm fanden („Dawn wäscht sich jeden Tag die Haare, das tun
wir doch auch nicht!“). Unsere Folgerung: deutsche Schüler und englische
Eltern sind (waren damals) anpassungsfähiger als englische Schüler und
deutsche Eltern.
Noch ein Unterschied fiel uns auf: englische Schüler
waren kleiner und kindlicher als deutsche 14jährige; da uns viele treu
blieben, stellten wir fest, daß sich beide Unterschiede etwa zwei bis drei
Jahre später ausgewachsen hatten.
In den 60er Jahren sahen unsere Schüler äußerlich so
aus, daß die Erwachsenen sie „adrett“ nannten und für heutige Schüler fast
unglaublich ist. Die englischen Schüler taten das nicht: ihre Haare waren
(relativ) lang, die Kleidung (für unsere Begriffe) ungewöhnlich. Die
englische Notbremse bei Empfängen – z.B. beim Oberbürgermeister – war die
Anordnung „school uniform“. Die englischen Schüler hielten sich verläßlich
daran. Mir fielen Mitte der 60erJahre auf, daß unsere Schüler – aber
zunächst nur die älteren – auf Flohmärkten Uniformmäntel kauften und dann
nicht mehr ganz so „adrett“ aussahen. Hatten wir die deutschen Eltern
beruhigen müssen, (englische Schüler sehen etwas wild aus, sind aber ganz
nett), so mußten wir in den 70er Jahren die englischen Eltern mit den
gleichen Worten beruhigen. Ganz schlimm wurde es für unsere Mädchen, wenn
ich ihnen sagte, daß englische Mädchen in der Schule Röcke trügen. „Ich
trage nie einen Rock“, oder „ich habe keinen Rock“ wurde mir unter Tränen
gesagt. „Na gut, Ihr seid dazu auch nicht gezwungen, aber wundert Euch
nicht, wenn unter 500 Mädchen 3 in Hose auffallen. Am besten wäre ein
dunkelblauer Rock.“ Es war unfaßbar, aber wenn wir uns (damals schon fast
täglich) auf dem Schulhof trafen, fielen sie wirklich in Hosen auf; ich
hatte danach den Verdacht, daß Röcke gekauft wurden.
Die 18 Jahre des Austausches waren in England eine
Zeit des wirtschaftlichen Abstiegs. Die häufigen Streiks waren schon
schwierig (einmal gab es im Januar und Februar einen Poststreik, den mein
Freund und ich durch Telefon, dann, als auch das schwieg, durch einen
„persönlichen Kurier“ – eine Journalistin, die einen Aufsatz über Hannover
schrieb – unterlaufen konnten). Ein Eisenbahnstreik konnte nur durch Hilfe
der Stadt Bristol überwunden werden: wir fuhren mit dem Bus nach London,
aber der Fahrer durfte nicht erfahren, daß er den Streik gebrochen hatte.
Schlimmer war der Verfall des £, das am Anfang des
Austausches noch etwa DM 10,-, am Schluß nur wenig über DM 3,- lag. Für
uns war diese Entwicklung fast angenehm, England war ein „billiges“ Land.
Einmal ließen wir sogar einen Bus leer von Bristol nach Hannover kommen
und mit unserer Gruppe zurückfahren und uns wieder zurückbringen – das war
am billigsten. Bei den Kosten war ein Taschengeld von DM 50,-
einkalkuliert; das waren zunächst £ 5/-, am Schluß £ 15/- (aber nicht mit
höherer Kaufkraft). Für die Engländer bedeutete es fast das Ende des
Austausches, denn die Gehälter kamen nicht mit dem Verfall mit. Ein
Zuschuß „The Queen's Boünty“ von £ 2/- half da auch nicht.
Deutsche Eltern schlugen vor, den Engländern zu
helfen, aber das ging nicht: Bettler wollten die Engländer nicht sein. Vor
allem Ausflüge (eigentlich ganz preiswert und von den englischen Kollegen
so wichtig angesehen wie von mir) waren der Tropfen, der das Faß zum
Überlaufen brachte. Helfer in der Not war die Hauptstadt Hannover, die uns
liebevoll und großzügig unterstützte. Da gab es zunächst einen Empfang
beim Oberbürgermeister: bei dem Oberbürgermeister Holweg war das ein „calenbergisches
Frühstück“ mit vielen Wurstbroten (die die Engländer nicht mochten). ein
freundliches Willkommen, ein Bildheft über Hannover ließen die Schüler
sich wirklich als Gäste fühlen, und als Herr Schmalstieg Kaffee und Kekse
anbot, waren auch die Wurstbrote vergessen.
Weiter schenkte die Stadt eine Rundfahrt durch
Hannover. Diese Busfahrt war nicht sehr interessant (meinten die Schüler),
am enttäuschendsten, wenn gesagt wurde „and now we go to the Hanover
Fair“. Statt eines Jahrmarkts war das dann das Messegelände...
Ein einziger Busausflug war weiter geboten, einzige
Bedingung: die Zonengrenze mußte dabei sein. So fuhren wir in den Harz
oder Braunschweig-Helmstedt.
Der Kalte Krieg bescherte in den 60er und 70er Jahren
noch Zuschüsse, die wir gern annahmen: nur ein Teil der englischen Schüler
(aber die meisten) und ihre deutschen Gastgeber fuhren während des
Austausches nach Berlin. Um die Zuschüsse zu bekommen, mußten wir ein
Programm mitmachen, das ich aber auch nützlich fand: Vortrag mit
Diskussion über die DDR, ein weiterer über die Lage Berlins, eine
Stadtrundfahrt, die wesentlich interessanter war als die zur „Hanover
Fair“ (einmal fuhren wir unter anderem auf der Havel von der Treptower
Brücke bis Tegel). Ein Tagesaufenthalt in Berlin war auch erwünscht
(Zwangsumtausch war damals DM 5,-, für die man ein Mittagessen bekommen
hätte, wenn Ostberlin auf Horden von 70-80 Schülern vorbereitet gewesen
wäre). Pflastermüde stiegen wir in ein Schiff (ich hatte uns schon zwei
Tage eher angemeldet) und fuhren über den Müggelsee – Würstchen gab es an
Bord. In dem Jahr mit der Havelfahrt fanden die Schüler das doch ein
bißchen viel (ich nicht). Haarsträubende Abenteuer gab es, und mit der DDR
war ja nicht zu spaßen. Daß ich das Geld für die Fahrt auf dem Müggelsee
geschmuggelt hatte (sie kostete dadurch nur DM 0,20), war noch harmlos.
Aber einmal verlor der Bus mit den englischen Schülern (sie durften nicht
mit Deutschen in einem Bus fahren) ein Rad (beide, es waren Doppelräder);
„und er hat sich nicht überschlagen“ erzählten begeisterte Engländer.
Nur mit Hilfe der Volkspolizei und mit Deutschen in
einem Bus (alle Lauflisten stimmten nicht mehr) konnten sie überhaupt nach
Berlin kommen. 1968 waren wir in Berlin, als die Ostblockländer in die
Tschechoslowakei einmarschierten: würde es Krieg geben? Würde Berlin
blockiert werden? Aber alles ging gut.
Engländer können nicht viel mit Pässen anfangen und
hatten sie nur für Berlin angeschafft. Immer gingen welche verloren;
einmal erwischten wir einen englischen Schüler, der in der S-Bahn seinen
an einen Ostberliner verschenken wollte, einmal ließ ein englischer
Kollege seinen mit dem Sammelvisum für die englischen Schüler in der
S-Bahn liegen. Es geschah Stunden vor der Abfahrt unserer Busse, aber bis
dann hatte ihn ein ehrlicher Finder abgegeben. Ein englisches Mädchen
mußte schnell in Berlin am Blinddarm operiert werden, was sie nicht sehr
wunderte, denn ihr Arzt zu Hause hatte schon gesagt: entweder in
Deutschland, oder gleich, wenn ihr zurück seid.
Finanziell war die Fahrt interessant – oder
schwierig: ich rechnete ein Drittel von deutschen Schülern (ganz sicher),
ein Drittel von englischen Schülern (unsicher, denn das £ schwankte, meist
nach unten), ein Drittel Zuschuß. Als aber einmal ein Brief nach Berlin
verloren ging, hätte ich ihn beinahe nicht bekommen, wenn ich (in den
Sommerferien) nicht bemerkt hätte, daß ein unscheinbares Formular noch
immer fehlte.
Die Anschauung der Trennung Berlins, das Aussehen der
Stadt, die einmalige Furcht bei den Grnzübertritten sind für Lehrer und
Schüler, vor allem die englischen unvergeßlich geblieben.
Nach einigen Jahren half uns die Stadt, in den
Bundesjugendplan aufgenommen zu werden. Aus dem ansehnlichen Zuschuß
sollten auch sozial schwächere Schüler unterstützt werden, und die
großzügige Art, in der mir freigestellt wurde, diese zu finden, half, daß
Eltern sich ein Herz faßten, darum zu bitten: Es gab auch bei der
Bismarck- und Sophienschule einige Schüler, die einen Zuschuß gut
gebrauchen konnten.
So freundlich, großzügig und unbürokratisch die Stadt
vorging, so kleinlich und bürokratisch war meine Behörde. Ich mußte (nicht
zu früh, nicht zu spät) einen Antrag mit Plan der Unternehmungen (konnte
ich gar nicht wissen, machte zum Teil die englische Schule) mit Namen der
Teilnehmer (änderte sich immer noch) und vieles anderes einreichen. Geld
gab es nicht (doch, zwei Begleiter nur auf der Fähre, weil die ja mit Bus
und Wagen fuhren). Einziger Vorteil war die Übernahme bei der Haftpflicht.
Da nie etwas passierte und ich sowieso eine private Versicherung hatte,
konnte ich darauf auch verzichten. Das geschah noch bei der letzten Fahrt,
als mir die Genehmigung verweigert wurde, weil meine Fahrt 23 Tage
dauerte, im Erlaß aber stand „in der Regel drei Wochen“. Ich wies darauf
hin, daß Ab- und Rückfahrt einen Tag zählten, und daß ich bei den Kabinen
nicht mehr umbuchen konnte. Umsonst. Da verzichtete ich darauf, die Fahrt
genehmigen zu lassen, die sowieso nur in den Ferien stattfand. Das letzte
Wort hatte die Behörde: „Falls Sie durch die Fahrt Unterricht versäumen
(wie geht das in den Ferien?), werden wir sie disziplinarisch belangen.“
Meine Behörde hat mir das Ende der Austauschfahrten erleichtert.
Unser Austausch blieb nicht bei dem Partner Withywood.
Mein Freund wurde Deputy Headmaster (Studiendirektor) im Großraum London (Enfield)
und später Schulleiter einer Schule außerhalb von Reading (Ryeish Green
School), beides auch Gesamtschulen.
Natürlich hätte der Austausch bei der Schule bleiben
können, die mein Freund verlassen hatte. Das geschah auch, aber nach zwei
bis drei Jahren brach der Austausch zusammen: seine Nachfolger fanden die
Organisation doch sehr mühsam, es gelang nicht, die englischen Schüler
weiter zu begeistern, in einem Falle fand der gleichfalls neue Headmaster,
daß an der Schule Französisch statt Deutsch die wichtigste Fremdsprache
sein sollte. Mein Freund war in beiden Fällen an neue, einmal ganz neu
gegründete Schulen versetzt worden und war ein überzeugter Fürsprecher für
die deutsche Sprache.
Immerhin gab es einige Jahre, in denen der Austausch
mit zwei Schulen lief. Das ergab die weitere Schwierigkeit, daß ich
keinesfalls beide Gruppen betreuen konnte. Wir machten manchmal Ausflüge
von beiden Schulen aus, so daß die deutschen Schüler sich einmal trafen,
aber Betreuer mußten für beide Schulen gefunden werden. Das gelang von
Fall zu Fall und mit Mühe und Not, aber für mich war es doch ein Segen,
als eine und dann die andere Schule absagte. Und mich machte es
nachdenklich, wer diesen Austausch später betreuen sollte.
Die Begleiter sind die wichtigsten und schwierigsten
Teilnehmer eines Austausches. Sie müssen die Vorbereitungen, vor allem
schriftlich machen. Ich rechnete damit, daß ich von Beginn des neuen
Schuljahres an bis zu den Herbstferien (also nur sechs bis acht Wochen)
Ruhe hatte. Ich mußte die Finanzen auf eigene Gefahr regeln: Fahrtkosten,
Taschengeld plus Eintrittsgelder für die Schüler, Kosten für die
englischen Begleiter (unsere wurden von der englischen Seite übernommen –
falls die Zahl ähnlich war; als wir zwei Schulen betreuten, mußte ich die
Kosten für ein Paar in einer Pension übernehmen). „Fahrtkosten“ klingt
relativ einfach, umfaßte aber deutsche und englische Busfirmen (natürlich
in £ und auch für die Ausflüge) und mir einer Reederei. Soweit ich mich
erinnere, geriet ich nur einmal in die roten Zahlen. Ein Appell an
deutsche Eltern, mir zu helfen (freiwillig natürlich) war zum Glück
erfolgreich.
Schon dieser vorbereitende Teil des Austausches ließ
sich wohl nur mit Routine bewältigen. Meine Frau als Begleiterin (und
später meine Kinder) machten zu den Fahrten gute Miene zum bösen Spiel,
denn jedes Jahr zu Ostern mußten sie mit nach England (wo wir bei meinem
Freund wohnten), und jedes Jahr in den Sommerferien hatten wir englische
Gäste im Haus. Das war recht lebendig, aber für meine Frau und mich was
das recht harte Arbeit, und unsere Kinder mußten Rücksicht nehmen. Auch
meine Schularbeit mußte in den Osterferien weitergehen, z.B. mußte ich
Abiturarbeiten korrigieren. Der „genius loci“ half da vielleicht bei
Englischarbeiten, aber viel machte das auch nicht. Wo ich profitierte, war
ein jährlicher Auffrischungskurs von zweimal drei Wochen Englisch sprechen
und -lesen. Und da ich an Politik und Geschichte interessiert bin, waren
es gute Wochen für die Kenntnisse in Landeskunde. Da mein Freund mich auf
neue Literatur aufmerksam machte, mir manchmal auch die Bücher schenkte,
blieb ich hier auf dem laufenden, erzählte meinen Kollegen, so daß –
glaube ich – der Englischunterricht an der Bismarckschule davon
profilierte. Meine Kinder fanden oft, daß sie Opfer bringen mußten.
England war zwar immer interessant, aber wenn man immer an denselben Ort
ging und immer dieselben Leute traf, hätte man gern einmal etwas Anderes
gemacht. Heute sind sie froh, daß sie sich im Englischen wie zu Hause
bewegen können (das ist ja etwas anderes, als Englisch sprechen zu
können). Meine Frau hatte viel Arbeit und den wenigsten Nutzen.
Wichtiger ist die Frage, was denn die Schüler
profitiert haben. Etwa 500, schätze ich, sind mit diesem Austausch nach
England gefahren. Eine Antwort kann ich hier nicht geben, kann sie
höchstens andeuten. Sicher haben sie gelernt, die Fremdsprache besser zu
beherrschen, vor allem die Scheu verloren, sie zu benutzen, denn sie waren
ja verstanden worden. Nachweisen aber läßt sich nicht einmal dies.
Gelegentlich höre ich von deutsch-englischen Freundschaften, die nun schon
20 Jahre oder länger bestanden haben; in einigen Fällen gab es schon den
Austausch in der zweiten Generation. Manche deutschen Austauschschüler
wurden Englischlehrer, englische Austauschschüler wurden Deutschlehrer.
Das hätten sie natürlich ohne Austausch werden können, aber wenn sie - wie
ich- Englischlehrer wurden, weil ihnen England und die Engländer so
sympathisch sind, scheint mir dies ein guter Grund für die Berufswahl zu
sein. Und wenn sie dann wieder an einem Austausch teilnehmen, schließt
sich der Kreis.
Zu Weihnachten 1989 bekam ich viel Post aus England
von Freunden, die mir gratulierten, daß wir nun unsere Einheit endlich
erreicht hatten. Einige waren mit in Berlin gewesen und wußten, wovon sie
sprachen, während der Premierminister, Mrs. Thatcher, noch immer nicht
begriffen hatte, daß Deutschland sehr wohl „auf der Tagesordnung“ stand.
Das Ende des Austausches kam für mich 1980 sehr
unerwartet. Die Deutschlehrer der Ryeish Green fanden es immer
schwieriger, Begleiter in genügender Zahl (die war in England
vorgeschrieben) in den Sommerferien zu finden. Ryeish Green ist kein Ort,
sondern wird von Reading betreut, das eine Partnerschaft (mit
Schüleraustausch) mit Düsseldorf hat; Unterstützung von der Stadt war also
dort nicht zu erwarten. Während ich mir Gedanken machte, wie es nach mir
weitergehen sollte (zwei Jahre wollte ich wohl noch weitermachen), löste
sich dieses Problem, wie auch mein Dauerkonflikt mit der Behörde. Die
Begleiter sind die schwierigsten Begleiter eines Austausches.