Inga Goy-Chales de
Beaulieu
Über die Arbeit an einem
Kinderbuch
in einem Tutorium der Bismarckschule Hannover
Schon lange hatte sich in meinem Tutorium – zu Beginn
des Jahres 1979 bestehend aus drei Schülern der Klassenstufe 12 und 7
Schülern der Klassenstufe 11 – die Auffassung bewährt, eine solche
Einrichtung nicht nur zur Aufarbeitung der Probleme des Schulalltags zu
benutzen, sondern in dieser Gruppe auch nach Interessen und
Verständigungsebenen zu suchen, durch die sich über die schulischen
Angelegenheiten hin ausgehende Gemeinsamkeiten entwickeln ließen.
So erschien es mir ganz sicher, daß meine
Vorstellung, innerhalb eines Tutoriums einen – wie auch immer gearteten –
Beitrag zum Jahr das Kindes zu leisten, Zustimmung finden würde.
Skepsis und äußerstes Engagement zugleich löste meine Idee bei allen aus.
An zwei Abenden redete man sich die Köpfe heiß: Was hat es denn mit der
Situation der Kinder auf sich, daß man ihnen ein ganzes Jahr widmet? Soll
etwas geändert werden? Wird sich etwas ändern – wenn man einmal an die
kümmerlichen oder gar zweifelhaften Erfolge im Jahr der Frau denkt?
Was bringt es, wenn wir Schüler – ohne jeden Einfluß – unseren Beitrag zum
Jahr des Kindes leisten?
Und man merkte nicht, daß man bereits drauf und dran
war.
Aber man gestand sich ein, daß man bisher mit Kindern
nicht viel zu tun gehabt habe, ja, daß man sie eigentlich nicht so recht
bemerkte, geschweige denn über sie nachgedacht hätte.
Man beschloß, sich über die Rolle des Kindes in
unserer Gesellschaft Klarheit zu verschaffen und ging auseinander, um
darüber weiter nachzudenken, Beobachtungen anzustellen, einschlägige
Literatur zu lesen.
Wir hatten also begonnen, die Notwendigkeit eines
Jahres des KW, anzuerkennen, auch wenn wir uns kaum vorstellen konnten,
daß es sichtbare Erfolge zeitigen würde.
Kind und Konsum nannten wir unser Thema, denn
mittlerweile war der Verdacht aufgekommen, daß es viele Interessengruppen
gibt, die die Kinder als Konsumenten umwerben, oft mit Erfolg und
gewinnbringend, denn Kinder können sich dem Konsum nicht entziehen, und
die Erwachsenen schützen sie nicht genügend. Fernsehsendungen,
Kinderbücher, Werbemethoden, Produkte der Spielzeug- und der
Konfektionsindustrie sollten unter die Lupe genommen werden.
Die Euphorie wich jedoch bald einer allgemeinen
Ratlosigkeit. Weitaus berufenere Leute haben sich schon lange vor uns mit
den Problemen befaßt, wir hätten nur einen lächerlichen Abklatsch
fabriziert.
Neue Diskussionen begannen – inzwischen hatte sich
die Gruppe um interessierte Mitschüler meiner Tutanden vergrößert –
zwischen dem Vorschlag, alles fallenzulassen, und dem Ehrgeiz, für Kinder
etwas Sinnvolles zu tun. So wurden viele Möglichkeiten erörtert, doch
keine schien in Betracht zu kommen.
Aber vielleicht sollte man sich weniger hohe Ziele
stecken, nicht also gleich die Lage der Kinder verändern wollen, sondern
sich einfach mal an die Kinder wenden, wie etwas erzählen lassen, ihnen
etwas erzählen.
Bei Schülern, die zum großen Teil identisch sind mit
den Redakteuren und Autoren unserer Schülerzeitungen, lag daher im Grunde
nichts näher, als für Kinder zu schreiben, mit ihnen ins Gespräch zu
kommen. Warum war uns das nicht schon eher eingefallen?
Es stießen weitere Interessierte zu unserer Gruppe,
darunter eine Schülerin eines benachbarten Gymnasiums und eine Schülerin
der Klassenstufe 9 der Bismarckschule. Kindergeschichten zu schreiben war
auch ihre Sache. Wir müssen uns auf eine bestimmte Altersgruppe einigen,
beschloß man, Kindern die Geschichten einmal vorlesen, z.B. um zu
erfahren, ob man die richtige Sprache spricht.
Den Kontakt zu einer 2. Grundschulklasse bekamen wir
durch eine befreundete Lehrerin, die es uns ermöglichte, den Kindern ihrer
Klasse unsere ersten Geschichten vorzulesen, sie um ihre Meinung zu
fragen, mit ihnen über ihre Wünsche über weitere Geschichten zu sprechen.
Über die Frage, was sie zu den vorgelesenen
Geschichten malen würden, war zuu erfahren, wie weit die Kinder sie
verstanden hatten. Die Autoren mußten feststellen, daß sie ihre Texte
teilweise zu anspruchsvoll geschrieben hatten, zu vielschichtig.
In langen Redaktionssitzungen wurden schließlich die
vorliegenden Geschichten ausgewählt und gründlich überarbeitet. Zur
Erstellung der Illustrationen reichte die Zeit kaum noch – ständig eine so
große Gruppe auf gemeinsame Termine zu verpflichten, war oft ein fast
unlösbares Problem. Ob nicht die uns schon bekannten Kinder selbst zu den
Geschichten bilder malen könnten? Ihre Klassenlehrerin ging auch auf diese
Idee sofort ein und baute einige kreative Stunden, in denen nur gemalt
wurde, in den Unterricht der letzten Tage vor den Sommerferien ein.
Nur eine Zeichnung pro Geschichte wurde ins
Kinderbuch aufgenommen, weit mehr Bildmaterial haben die Kinder zu den
Geschichten beigetragen, mit viel Spaß und Begeisterung. Die Fotografien
geben Zeugnis davon. Sie stellen eine kleine Auswahl von Fotos dar, die
ein Schüler bei den Kindern während einer Vorlese- und Malstunde aufnahm.
Unser Buch wird sicher nie im Schaufenstereines
Buchladens liegen. Es ist eher gedacht als Geschenk für Kinder und
Erwachsene. Die Autoren und anderen Mitwirkenden heben weder Welten
verändert noch die tägliche Misere von Millionen Kindern, ob sie in Asien
hungern oder vor unserer Tür geschlagen werden. Sie wissen nur ein klein
wenig mehr über Kinder und werden das möglichst vielen Menschen
weitersagen.
Aus dem Vorwort des Koordinators des
UNESCO-Modellschulprogramms:
Aus Anlaß des „Internationalen Jahr des Kindes“
wurden die an dem UNESCO-Modellschulprogramm beteiligten Schulen in der
Bundesrepublik Deutschland eingeladen, unter dem Rahmenthema „Kinder in
unserer Welt“ Unterrichtprojekte durchzuführen, die sich mit der Situation
des Kindes befassen – insbesondere mit den Internationalen Aspekten dieses
Themas.
Die Berichte und Dokumentationen der etwa 20
Unterrichtsprojekte, die in diesem Zusammenhang entstanden sind, werden in
einem Sammelband veröffentlicht. Eines dieser Vorhaben, das an der
Bismarckschule in Hannover durchgeführt wurde, verdient, gesondert
publiziert zu werden, da der Bericht nicht nur Pädagogen, sondern vor
allem auch Kinder anspricht Eine Gruppe von Schillernder 11. und 12.
Klasse, die begleitend zum Fachunterricht der gymnasialen Oberstufe in
einem Tutorium zusammengefaßt waren, stellte sich die Aufgabe, Geschichten
für Kinder zu schreiben. Die Textentwürfe der Jugendlichen wurden mit
Kindern einer 2. Grundschulklasse erörtert und anschließend überarbeitet.
Die Kinder des 2. Schuljahres fertigten ihrerseits die Illustrationen zu
den Geschichten an. Das Ergebnis dieses Projektes ist eine Sammlung von
Kindergeschichten, die in der vorliegenden Broschüre einer größeren
Öffentlichkeit bekanntgemacht werden sollen. Das Vorhaben ist in unseren
Augen deshalb gelungen und nachahmenswert, weil es versucht, zwischen den
Welten der Jugendlichen und der Kinder Brücken zu schlagen. Auf
natürliche, unaufdringliche Weise wurden die Jugendlichen in die Denk- und
Empfindungswelt von Kindern eingeführt und konnten sich auf ihre spätere
Rolle als Erwachsene und Eltern vorbereiten.
Die auf private Initiative zustande gekommene
Kooperation zwischen Gymnasium und Grundschule gehört ebenfalls nicht zu
den Selbstverständlichkeiten des Schulalltags. In den Projekten der
UNESCO-Modellschulen wird nicht allein der internationale Aspekt im
Unterricht betont, sondern stets auch der Versuch gemacht. die Grenzen der
eigenen Schule zu überwinden. Das Projekt der Schülergruppe in Hannover,
die Kontakte zu einer Gruppe jüngerer Kinder einer anderen Schule aufnahm,
mag als kleines, aber konkretes Beispiel für dieses Anliegen gehen.
Aus Kostengründen konnten in der vorliegenden
Broschüre nicht alle Illustrationen aufgenommen werden. Der Intention des
Projektes entsprechend ist stattdessen neben jeder Geschichte eine freie
Stelle eingefügt. auf der das Kind, dem die Geschichten vorgelesen werden,
seine eigene Illustration malen kann.
Dr. Hans-Wolf Rissom
Noch immer hat das KINDERBUCH seinen Reiz und gehört
zu einer der wichtigsten Schulerfahrungen der beteiligten „Schrifsteller“.
Januar 1992
Der Text von Inga Goy-Chales de Beaulieu
(unter dem Namen Inga Kurlbaum-Goy) erschien auf den Seiten 22-23
als Nachwort zu dem Kinderbuch selbst. Einige Fotos von Schülern der
Klasse 2b der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule, Hannover, während der Malarbeit
an den Illustrationen des Kinderbuches waren in stark verkleinerter Form
einbezogen. Bilder aus dieser Arbeit sind auf den freien Seiten zwischen
den Aufsätzen dieses Buches wiedergegeben.
(Red.)