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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
Interkulturelles Lernen - Schulpartnerschaften - Patenschaften - Studienfahrten - Projekte

 

 

Till Büthe

Eine Schulpatenschaft mit Bolivien
Schwierigkeiten mit „Betroffenheitspädagogik“

Innerhalb einer Zielvorstellung, UNESCO-Arbeit im Rahmen der Schule konkret ah die Schüler heranzutragen, ergab sich der Gedanke einer Patenschaft für ein Projekt in der Dritten Welt, initiiert durch Herrn Dr. Kalthoff, den ehemaligen UNESCO-Lehrer der Bismarckschule, in Gesprächen dann genauer erarbeitet und für den Unterricht vorbereitet durch den jetzigen UNESCO-Obmann, Herrn Waßmann.

Auch in der Frühzeit der UNESCO-Mitgliedschaft der Schule hatte sich ein Schwerpunkt in der Betreuung der Patenschaften gebildet, nach meiner Erinnerung in den 60er Jahren, allerdings mit anderem Konzept: statt einer Schulträgerschaft wie heute betreute jeweils eine Lerngruppe ein solches Projekt über mehrere Jahre, so daß über entsprechende Briefwechsel, Fotos von beteiligten Personen ein z.T. sehr intensiver menschlicher Kontakt zustande kam. Eine Schülergruppe hatte, in der Betreuung von Kollege zu Kollege weitergereicht, die Möglichkeit, von Veränderungen, Verbesserungen und Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu erfahren, Anregungen zu spezifischen Hilfeleistungen umzusetzen, auch, und das darf nicht unterschätzt werden, direkt ¬zumindest schriftlich - zu erfahren, was Spenden bewirken, wie Beiträge in Hilfen umgesetzt werden.

Die so geschaffene „Nähe“ zum Projekt erscheint zunächst auch heute noch nachahmenswert; allerdings haben sich ganz wesentlich die Rahmenbedingungen geändert:

•  die Problematik der Drittweltländer hat sich tatsächlich und auch in der Bewußtseinslage unserer Schüler verschärft

•  durch Grundschule und Orientierungsstufe sind die Schüler wesentlich eher mit der Problemlage bekannt gemacht worden

•  damit haben Schüler weitgehend eine Phase der direkten „Betroffenheit“ durch die Konfrontation mit neuen Sachverhalten erlebt

•  das Unternehmen steht in weitaus größerer Konkurrenz zu anderen Projekten, die fatale Möglichkeit einer abstumpfenden Generalisierung in einem auch durch Medien entsprechend dargebotenen Katastrophenszenario liegt nahe

•  Generalisierung in einem auch durch Medien entsprechend dargebotenen Katastrophenszenario liegt nahe

•  die Konkurrenzsituation auch zu anderen schulinternen Unternehmungen (vgl. Dritte-Welt-Laden) muß gesehen werden, wenngleich sie in der Projektplanung als Gefahr erkannt und organisatorisch berücksichtigt wurde

Im Vorverlauf des Patenschaftsvorhabens ergaben sich auch unter Berücksichtigung dieser Faktoren vor allem drei kritische Ansätze:

  Wie entgegnen wir der Gefahr der Verzettelung von Initiativen

  Ist die Integration in den Unterricht / die organisatorische Bindung an zwei Fachgruppen (Erdkunde/Religion) notwendig oder behindert sie eher einen angestrebten besonderen Zugang zum Problem durch die Schüler

  Wie verbinden wir sinnvoll die notwendige Information und Aufklärung über die Situation in einem konkreten Land der Dritten Welt und die (schon der Begriff davon ist abgenutzt) „Betroffenheit“ der Schüler mit einem - und das macht das Unternehmen schwierig - vorab geplanten Spendenaufruf für ein vorab ausgewähltes Projekt

Im ersten Versuch mit einem Gesamtprojekt Schulpatenschaft hatten wir mit den üblichen Schwierigkeiten zu kämpfen: der Integration in den Schulalltag/Fächeralltag und der Materiallage.

Die Festlegung und Konzentration des Projektes auf die Klassen 8 erwies sich als richtig, geht man von der konkreten Darstellung und der Anschaulichkeit aus, mit der das Projekt der Fundacion San Gabriel in einem Brief an die Schule (der allen Schülern vorlag) ihre Situation dargestellt hat

Trotz einer anders gewichteten Intention, hier integriert in das Fach Erdkunde, in den Mittelpunkt die Information über ein konkretes Drittweltland zu stellen und das Projekt im nachhinein als „Illustration“ (und natürlich Ziel des Engagements) zu behandeln, erwies sich die fast aus der Not der Materiallage geborene Entscheidung, von dem Brief auszugehen, als fruchtbar und in Maßen sinnvoll. So ergaben sich aus der Aufbereitung des Briefes Fragestellungen, die die Situation Boliviens betrafen und, weitergehend, auch die grundlegende Frage nach konkreten Hilfsmöglichkeiten.

Andererseits hatte gerade der Wunsch nach weiterer Information über die Situation des Landes der Einheit eine Eigendynamik verliehen, die mit dem von einem Schüler aus einem Computerprogramm für die Klassen zur Verfügung gestellten Material sehr schnell wieder in konventionellen Unterricht mündete. Das ausschließlich auf kognitive Rezeption ausgelegte Material und das Interesse der Schüler am Computerprogramm hatten zur Folge, daß der Anlaß, der durch Rückbindung wieder zum Ziel werden sollte, aus dem Blick geriet. Der Spendenaufruf erschien so im Rückblick etwas disfunktional.

In diesem Jahr gestaltet sich die Situation einfacher: zum einen finden die Schüler an zentraler Stelle im Schulgebäude, zudem in unmittelbarer Nähe des Dritte-Welt-Ladens, anschauliches Material, Fotos und schriftliche Rückmeldungen auf die Aktion im Jahre 1991, andererseits ist die Spendenaktion institutionell verankert, so daß das Bewußtsein der Schüler, es geht um „unsere“ Patenschaft, wesentlich deutlicher akzentuiert sein dürfte.

Zu überlegen wäre, ob die deutliche Trennung der Projekte Dritte-Welt-Laden und Patenschaft in dieser Form beibehalten werden sollte. Da die organisatorische – und affektive! – Bindung der Patenschaft an eine konkrete Schülergruppe über einen längeren Zeitraum (bisher) fehlt, könnte hier der Dritte-Welt-Laden die notwendige Kontinuität, auch die der Information und Rückmeldungsvermittlung, gewährleisten.

Auszug aus einem Brief der Generaldirektion der San-Gabriel-Stiftung  in La Paz - Bolivien

La Paz, 27 de Diciembre 1990

An die Bismarckschule Hannover!

Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 12. Dezember, in dem Sie uns über Ihre Pläne für ein Hilfsprojekt informieren, mit dem Sie unsere Arbeit unterstützen wollen.

Die Skala unserer Bedürfnisse ist, da sich Bolivien in einer besonderen Situation befindet, sehr groß. Wir müssen davon ausgehen, daß weder die San-Gabriel Stiftung noch Sie als UNESCO-Schule etwas entscheidendes daran ändern können. Dennoch glaube ich, daß für die Zukunft und dafür wie die Welt künftiger Generationen einmal aussehen wird, die sehr konkrete Solidarität zwischen Kindern und Jugendlichen ganz wesentlich ist.

In diesem Augenblick nehmen wir ein ernstes Problem in Angriff mit der Dezentralisierung der Gesundheitsversorgung im Lande, weil das Gesundheitsministerium sich wegen fehlender Finanzmittel nicht die Kosten aufbürden kann, die diese Dienste auf nationaler Ebene verursachen. Deshalb hat die San-Gabriel Stiftung die Versorgung eines Distriktes übernommen, der ungefähr 120.000 Einwohner zählt, von denen mehr als die Hälfte Kinder und Jugendliche bis 15 Jahre sind. Für uns sind Verpflichtung und Verantwortung jetzt sehr groß, denn wir müssen den Erwartungen der Bevölkerung gerecht werden, und die beste Form, dies zu erreichen, ist mittels konkreter und vermittelbarer Programme.

Wenn es möglich wäre, würden wir es begrüßen, wenn wir zusammenarbeiteten bei einem Programm der gesundheitlichen Versorgung von Kindern, die genau in dem Alter sind wie die an ihrem Vorhaben beteiligten, d.h. zwischen 10 und 15 Jahren. Es handelt sich dabei um folgendes: Der Verzicht auf Schulausbildung wegen Armut. Die Kinder gebenden Schulbesuch auf, weil sie arbeiten müssen. Aber es gibst viele von ihnen, die auf der Schule bleiben wollen, obwohl sie arbeiten. Sie verlieren jedoch den Mut, wenn sie - als Folge davon - den geringen schulischen Erfolg sehen.

Wir haben die Ursachen dieses Versagens untersucht. Zu den haupt-sächlichsten zählen die chronische Unterernährung und das Fehlen eines materiellen und familiären Umfeldes, das für das Lernen günstig wäre. Aber es gibt auch eine wichtige Gruppe von Kindern, die Probleme mit dem Sehvermögen haben. Wegen einer Sehschwäche können sie ganz einfach das an die Wandtafel Geschriebene nicht erkennen und sie haben nicht die Möglichkeit, sich von einem Auge-narzt, der ihnen eine Brille verschreiben könnte, untersuchen zu lassen. Eine andere Gruppe hört schwer; die Fälle von Mittelohrentzündung sind hier bei kleinen Kindern extrem häufig. Man hat die Krankheit nicht auskuriert, weil die Eltern nicht das nötige Geld hatten und weil der Ohrenschmerz wieder verschwand auf Grund der Perforierung des Trommelfells und des Entweichens der Absonderungen. Jedoch blieb die Hörschwäche. Andere Gruppen haben Probleme, weil ihre Zähne in so schlechtem Zustand sind, daß sie beim Kauen der wenigen Nahrung, die sie erhalten, Schmerz empfinden und daher weniger und schlechter essen. Faule Zähne verursachen Sekretionen von Eiter, den die Kinder ständig schlucken und der bei ihnen Darmstörungen hervorruft. Und viele kratzen sich dauernd, weil sie die Krätze haben, die ansteckend und lästig ist. Und weil sich wegen des Kratzens und der fehlenden Hygiene die Haut infiziert, führt diese Krankheit nicht nur zu Hautausschlag, sondern oft zu Komplikationen bei den Nierenfunktionen (Nefritis). All diese uns bekannten Leiden lassen sich zusammenfassen unter der Bezeichnung „Krankheiten der Armut“. In Europa waren diese ebenfalls bekannt ungefähr bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts. Dann später wurden sie durch die Verbesserung der Lebensbedingungen stark reduziert. Es gibt hier auch viele Kinder, die Tuberkulose haben.

Was wir machen wollen ist, wenn das Schuljahr im Februar oder März 91 beginnt, daß wir damit beginnen, Klasse für Klasse die Schüler der verschiedenen Schulen des Distriktes (es sind 16 Schulen) zu untersuchen. Natürlich ist die Zahl der Kinder zu groß, um alle auf einmal erfassen zu können (wir rechnen mit ungefähr 16.000 Kindern, die auf diese Weise untersucht werden müßten).

Aber wie sagt ein chinesisches Sprichwort – jeder Weg von tausend Kilometern beginnt mit dem ersten Schritt, und dann folgt ein anderer und ein anderer und immer so weiter.

Wir würden mit der ärmsten Schule beginnen. Und die Kinder Ihrer Schule könnten mit uns zusammenarbeiten beim Kauf von Medikamenten, Zahnersatz, Brillen usw. Die Ärzte, Krankenschwestern und Sozialarbeiter gehören zur San-Gabriel Stiftung, so daß dieser Teil der Aktion kein Problem darstellt. Die Schwierigkeit ist, „womit“ können wir das Problem jedes einzelnen Kindes, wenigstens der Ärmsten von ihnen, lösen.

Die direkte Reaktion auf ihre Hilfe wäre sehr einfach: Wir könnten Ihnen Fotografien von den Kindern und Schulen schicken (damit man mal den Zustand der Schulen hier mit dem der deutschen vergleichen kann!) und von den medizinischen Untersuchungen. Sie würden für Ihre Schüler und deren Eltern verständliche Informationen darüber bekommen, was wir bei unseren Kindern gefunden und wie wir die Fälle gelöst haben. In dem einen oder anderen Fall könnten wir die „Lebensgeschichte“ eines bestimmten Schülers schreiben, damit man etwas besser versteht, wie ein Kind mit solchen Problemen mit seinem täglichen Leben zurecht kommt.

Direktorin Lieselotte de Barragán

Internationale Herausforderungen. Herausgegeben. von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt -
Hannover: UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V. (An der Bismarckschule 5, Hannover) (Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover e.V.)

Internetausgabe: 14.11.2011

 

 

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Gerhard Voigt, OStR i.R. - Kontakt vgl. Impressum

bismarckschule.voigt@gmx.de

Bearbeitungsstand: 25. 07 2005.

Letzte Bearbeitung: 06.01.2011

 

 

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