Ulrich Bauermeister
Einleitung:
UNESCO ist eine Sonderorganisation der Vereinten
Nationen (UNO) für Erziehung (Education), Wissenschaft (Science) und
Kultur (Culture).
Sie wurde am 4. November 1946 gegründet und begann
mit 20 Mitgliedstaaten; heute zählt sie 172 Vollmitglieder, darunter seit
1951 die BRD und seit 1972 die DDR. In der Bundesrepublik Deutschland wird
sie von der deutschen UNESCO-Kommission (DUK) in Bonn vertreten und hat
ihren Hauptsitz in Paris. Ziel und Aufgabe der Organisation ist es, durch
Förderung internationaler Zusammenarbeit zur Völkerverständigung sowie zur
Sicherung der Menschenrechte und des Friedens beizutragen:
Das Kulturprogramm
umfaßt neben dem internationalen Kulturaustausch die
Erhaltung des Kultur- und Naturerbes der Menschheit (so die
Rettungskampagnen zu Gunsten vom Verfall bedrohter Kulturgüter wie Abu
Simbel, Borobudur, Venedig, Karthago und zum Schutz der Natur, z.B. des
Serengeti-Nationalpark; oder des Nationalparks Bayerischer Wald).
Das Wissenschaftsprogramm
umfaßt Entwicklungsprogramme der Natur- und
Sozialwissenschaften für ein Leben aller Nationen in menschengerechten
Verhältnissen, zum Schutz der Umwelt und zur Erforschung der
Lebensgrundlagen der Menschheit (z.B. Ozeanographie).
Das Erziehungsprogramm
Umfaßt Alphabetisierungs-, Bildungs- und
Ausbildungsprogramme (bes. für die Dritte Welt) sowie Aktionen zur
internationalen Verständigung und interkulturellen Erziehung (z.B. durch
UNESCO-Modellschulen und UNESCO-Klubs).
1953 riefen die Mitgliedstaaten der UNESCO ein
Modellschulprogramm (Associated Project for International Understanding,
Cooperation und Peace) ins Leben: ein Netzwerk von Schulen mit besonderem
Interesse an einer Erziehung zur internationalen Verständigung und
Zusammenarbeit. Aus kleinsten Anfängen hat sich bis heute ein Programm
entwickelt, an dem über 2000 Schulen in rund 100 Staaten mitwirken. In der
Bundesrepublik Deutschland sind heute etwa 60 Schulen am
UNESCO-Modellschulenprogramm beteiligt.
Die Bismarckschule Hannover ist eine der fünf
ältesten noch aktiven Schulen dieser Art in Deutschland und wurde bereits
1956 von der UNESCO in Paris als UNESCO-Modellschule anerkannt. Seit 1976
wird die Arbeit dieser Schule in der BRD durch sogenannte
Gemeinschaftsvorhaben charakterisiert. Die Konzeption ist bestimmt von der
Tatsache, daß sich Lehrer der deutschen UNESCO-Modellschulen einmal
jährlich zu einer Jahrestagung treffen und inhaltliche Kriterien und
didaktische Fragen erörtern; in den Folgejahren werden die Ergebnisse
vorgestellt und Erfahrungen ausgetauscht. Das erste derartige
Gemeinschaftsvorhaben hatte zum Thema:
Ausländer in unserer Stadt – 1976/1977!!!
Es folgten in den Jahren bis 1990 Themen wie:
- Kinder
in unserer Wert
- Wie wir
morgen leben wollen
- Der
Islam
-
Menschen ohne Heimat
- Wir
über uns – Ihr über Euch
- Umwelt
und Technik
- Mensch
und Biosphäre
-
Ausbreitung der Wüsten
- Ostsee
– ein interregionales Projekt, an dem Schulen fast aller Ostseestaaten in
Form des Informationsaustausches und von Seminaren und Camps
zusammenarbeiten.
Die Projekte bieten nicht nur Gelegenheit, aktuelle
Themen aufzugreifen, sondern sind in den meisten Fällen für die
beteiligten Lehrer und Schüler Anlaß, innovative Unterrichtsmethoden zu
erproben und ein Thema sowohl inhaltlich wie auch methodisch gründlicher
vorzubereiten, als dies im normalen Unterricht möglich ist; die Projekte
haben ein Thema zum Gegenstand, das aus dem Erziehungsziel der
internationalen Verständigung, Zusammenarbeit und Friedenssicherung
abgeleitet ist und das die Kooperation zwischen Lehrkräften verschiedener
Fächer sowie zwischen Schülern verschiedener Schulstufen und zwischen
Schule und Elternhaus zu fördern versucht.
Beispiel: eine Unterrichtseinheit über den Islam im
Religionsunterricht ist nicht typisch für eine Modellschularbeit. Ein
Unterrichtsprojekt über den Islam, in dem darüber hinaus im
Deutschunterricht die Märchen aus 1001 Nacht erzählt werden, im
Kunstunterricht die Bedeutung der blauen Farbe für den Muslim behandelt
wird, mit Eltern türkischer Kinder ein Besuch in einer Moschee arrangiert
wird: das wäre ein typisches Projekt einer UNESCO-Modellschule.
UNESCO-Modellschulen sollen Einrichtungen sein, die sich der Erziehung zu
internationaler Verständigung und zum Frieden in umfassender Weise
verpflichtet fühlen. Sie machen dieses Erziehungsziel zu einem Schwerpunkt
ihrer pädagogischen Arbeit.
Was heißt das konkret und wie realisiert sich dieser
Anspruch in der täglichen Arbeit der Schule? Es heißt zunächst, daß die
Schule sich bewußt um eine bevorzugte Behandlung internationaler Themen in
allen Unterrichtsfächern bemüht, daß sie eine aufgeschlossene
Schulatmosphäre schafft und daß sie die vielen Aktivitäten, die das Leben
einer Schule ausmachen (z.B. Arbeitsgemeinschaften , Klassenfahrten,
Schulfeste und Partnerschaften), dem Ziel der internationalen
Verständigung zuordnet. UNESCO-Modellschulen – so die Idee des Programms –
sollen ein Ort sein, an dem man offen ist für die Begegnung und
Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, anderen politischen Systemen und
Problemen der internationalen Entwicklung, an dem verstärkt über die Ziele
und Programme der Vereinten Nationen und ihrer Sonderorganisationen
gesprochen wird, an dem internationale Themen keine Exotik, sondern
natürlicher Alltagsumgang sind, kurz: ein Ort, an dem die Schüler durch
das Bildungsangebot wie durch die Atmosphäre darauf vorbereitet werden,
daß sie in der Welt nicht allein, sondern als Teil einer internationalen
Gemeinschaft leben. Die Mitarbeit am UNESCO-Modellschulenprogramm eröffnet
die Möglichkeit, die vielfältigen internationalen Einzelmaßnahmen einer
Schule, die häufig isoliert bleiben, zu einem übergreifenden pädagogischen
Konzept zusammenzuführen.
UNESCO-Modellschulen beteiligen sich an
Schulaustauschprogrammen, unterhalten Partnerschaften mit ausländischen
Schulen und Patenschaften für Entwicklungsprojekte. Die sich aus der
Bezeichnung "Modellschule" ergebenden Verpflichtung, über den internen
Kreis der Schule hinaus wirkende Impulse zu vermitteln, gehört gewiß zu
den schwierigsten Aufgaben einer jeden UNESCO-Schule. Ihre Arbeit ist
nicht auf Öffentlichkeitswirkung oder gar Show und Werbung ausgelegt, sie
sollte aber auch nicht im Verborgenen geschehen. Die Information der
Lehrer- und Schülerschaft, der Eltern, sowie der Presse und Medien ist
erwünscht. Diesem Ziel dient auch diese Veröffentlichung, in der ein
Einblick gewährt wird in die Arbeit der Bismarckschule als Modellschule in
den letzten 35 Jahren. Ich wünsche mir, daß unsere Erfahrungen ein wenig
in die lokale Umwelt der Schule wie auch in die pädagogische Fachwelt
hineinwirken.
Hannover im April 1992