Patrick Barton
Zerreissprobe
Erfahrungen und Empfindungen eines Schülers
Zuerst wußte ich gar nicht, was davon zu halten war
UNESCO-Schule? Ist das so ähnlich wie Waldorfschule oder Abendschule? Ich
hatte keine Ahnung. Was sollte dieses unbekannte Kunst-Wort im Namen
„meiner“ Schule? In der siebten Klasse konnte ich mir darauf überhaupt
keinen Reim machen. Doch mit der Zeit lernte ich auf der Bismarckschule
nicht nur Rechnen und Rechtschreiben, sondern ich lernte auch, was eine
UNESCO-Projektschule für einen Schüler bedeutet.
Was das ist, kann ich schwer in Worte fassen. Es sind
mehrere und verschiedene Dinge, die für mich mit dem UNESCO-Gymnasium
Bismarckschule in Verbindung zu bringen sind.
Ganz prägnant brachte ein Lehrer es einmal auf den
Punkt: „Wir sind doch hier kein Reisebüro !“, rief dieser aus als ich ihm
von meiner Teilnahme an einem Schüleraustausch mit Polen erzählte. Für den
zählte wohl vor allem meine Fehlzeit von rund zehn Tagen, nicht jedoch die
auch noch aus heutiger Sicht faszinierende Dimension des Unternehmens.
Die Meinung dieses Lehrers ist gewiß und Gottseidank
nicht repräsentativ, doch ungewöhnlich ist sie auch nicht. Nicht alle
Menschen in der Bismarckschule ziehen in Sachen UNESCO an einem Strang.
Das hat mich immer betrübt, doch ein Weg zur Beseitigung dieser Situation
hat sich bislang nicht aufgetan.
Diesen Aspekt setzte ich bewußt an den Anfang meiner
Ausführungen, denn ich glaube, daß er immer mehr untergeht. Die
UNESCO-Arbeit der Schule droht immer mehr das Anliegen einiger weniger
(und deswegen sehr engagierter) Lehrer und Lehrerinnen und noch weniger
Schülerinnen und Schüler zu werden. Die Front der Passiven und Abgeneigten
wird größer und hindert den Elan, dem Projektschulengedanken Rechnung zu
tragen.
Die Komplexität der Sache bringt dieses Defizit
vermutlich unweigerlich mit sich. Nach meiner Meinung läßt sich der Erfolg
der UNESCO-Arbeit nicht ausschließlich an der Zahl der verschiedenen
Partnerschulen messen. Wichtig ist vielmehr der reelle Nutzen für alle
Beteiligten - und der ist, ich weiß es, nur schwer meßbar.
Unbedingter Teil der Verwirklichung des
UNESCO-Gedankens muß natürlich auch die konkrete Umsetzung im Unterricht
sein. Damit verhält es sich aber von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Für
den Schüler wird das dann eine bedauerliche Konsequenz deutlich: entweder
„UNESCO total“ oder „total tote Hose“.
Dabei scheint es fast, daß viele der Lehrer gar nicht
wissen, wie sie die Chance und Herausforderung, die der Status der
UNESCO-Projekt-schule bietet, im Unterricht nutzen können. Das ist schade.
Und schade ist es auch, daß nicht gerade die Mehrzahl der Schüler sich zu
einer UNESCO-Aktivität berufen fühlt. Davon gibt es auch zuwenige, das
UNESCO-Brett führt auch sein Schattendasein im unbeleuchteten
Treppenaufgang bei der Hausmeisterloge.
Irgendwo ist das Dilemma auch verständlich: Wer sich
ernsthaft und konkret einem Projekt widmet, merkt schnell, daß er dafür
sehr viel seiner Freizeit opfern muß. Da sind Anstrengungen für den neu
entstandenen „Dritte-Welt-Laden“ das beste Beispiel, und diese Initiative
verdient mehr Unterstützung, als ihr bislang zugekommen ist.
Natürlich gibt es auch das Gegenteil des bereits
zitierten Reisebüro-Vergleichs des unbekannten Lehrers. Im Rückblick kann
ich sagen, daß ich sehr viel davon profitiert habe, an den verschiedenen
Aktivitäten der UNESCO-Schule Bismarckschule teilgenommen zu haben. Am
prägendsten waren die Schüleraustausche mit Polen – der erste 1987 mit
Herrn Fuchs und Frau Goy, der zweite 1989 mit Herrn Dr. Scholz und Frau
Schulz. Damals war es noch jenseits des eisernen Vorhangs, heute ist Polen
unser Nachbarland. Es war gelebte Völkerverständigung – das mag
hochgestochen klingen, ist aber durchaus realistisch. Diese zehn-tägige
Erfahrung ist mehr wert als jede Werteerziehung oder das Predigen von
Weltoffenheit. Meine in Polen geknüpften Freundschaften bestehen noch
immer, meine Freundschaft zu Polen auch.
Die Konsequenz der Umsetzung- nicht nur durch die
Schüleraustausche und Schulpartnerschaften, sondern auch durch den
UNESCO-Club und den administrativen Unterbau – ist für mich als Schüler
lange gar nicht sichtbar geworden. Ich nehme an, daß es vielen ähnlich
geht. Mit einer stärkeren Integration des UNESCO-Bestandteils könnte man
viel mehr erreichen: Der UNESCO-Club müßte schülernaher sein, es könnte
einen UNESCO-Treffpunkt geben, mehr jahrgangsübergreifende Aktionen und
Exkursionen führten zu einem erhöhten Bewußtsein der Schüler – und dadurch
auch zu einer positiven Beeinflussung von Lehrern, die sich bisher etwas
zurückgehalten haben. Auch die Schülervertretung ist gefordert, in ihrer
Arbeit mehr umzusetzen. Wir alle können das zarte Pflänzchen UNESCO-Schule
(es blüht schon ein wenig) zu einem Baum mit vielen Früchten kultivieren.
Nur Mut! UNESCO muß nicht länger stehen für: „Die große Ungewißheit“.