| |
Deutschland:
Gesellschaft - Wirtschaft - Politische Kultur
Gerhard Voigt
Wirtschaft im Wandel –
Der Mensch in der Wirtschaft
Märkte
Druckversion [*]
Wie funktioniert das Marktgeschehen?
Das Wort Markt wird in vielerlei Bedeutungen und
Wortzusammensetzungen gebraucht. So sprechen wir beispielsweise vom
Marktgeschehen, von der Marktwirtschaft oder vom Wochenmarkt.

Berbermarkt in Tatawin (Tunesien)
Was wir uns üblicherweise unter einem Markt
vorstellen, ist der Wochenmarkt oder auch der orientalische Bazar.
Damit das Marktgeschehen sowohl im Interesse der
Käufer als auch der Verkäufer ablaufen kann, sind sowohl Vertrauen als
auch Kontrolle gleichermaßen notwendig.
Eine Basarszene im Orient
„Willkommen, mein Bruder, ich habe dich lange nicht gesehen.“
„Ach,
Bruder. Ich lebe weit von hier, im Süden.“
„Im
Süden? Dort habe ich Freunde unter den…“
„Auch
ich kenne einige aus dieser Familie.“
„Mein
Laden ist deiner. Befiehl mir.“
„Du
bist der Herr. Ich möchte einen Anzug kaufen. Wie viel macht dieser hier
ungefähr?“
„Zwischen uns, mein Bruder, herrscht Einigkeit. Mich interessiert nicht
der Profit, sondern nur, was dich erfreut. Brüder debattieren nicht über
Preise. Für dich kostet er nichts, ist ein Geschenk.“
„Ahmed
hat mir deinen Laden besonders empfohlen.“
„Ah,
Ahmed! Er ist dein Freund? Für dich macht der Anzug vierzig Dinar.“
„Bruder, hast du keine Furcht vor Gott?“
„Viele
Reiche aus dem Süden kaufen meine Anzüge und kommen wieder. Bei Allah,
dieser Preis gilt nur für dich…“
„Vierunddreißig.“
„Nimm
ihn für siebenunddreißig.“
„Fünfunddreißig.“
„Einverstanden. Ich gebe ihn dir, weil du es bist. Allah wird mich für den
Verlust entschädigen.“
[...] Fast
immer spricht der Verkäufer sein Gegenüber als Mitglied seiner Familie an,
nennt es – je nachdem – „Bruder“, „Mutter“, „Onkel“ oder „Vater“, um
emotionale Nähe zu suggerieren. Der Interessent wiederum deutet die
Möglichkeit an, Stammkunde zu werden, indem er vorgibt, bei der Wahl des
Ladens der Empfehlung eines gemeinsamen Bekannten gefolgt zu sein. [...]
Inzwischen hat der Verkäufer, Menschenkenner, der er
ist, – anhand des Namens und Dialekts, der Kleidung und mancher
Bemerkungen – den Status seines Klienten bestimmt. [...] Nach Abschluss
des Handels beteuert er, um seine Uneigennützigkeit zu unterstreichen,
dieser habe ihm nichts oder gar einen Verlust eingebracht.
Für Außenstehende liegt es nahe, dieses Ritual
ausschließlich mit dem Wesen der Beteiligten zu erklären. Ist doch
altbekannt, dass man im Orient blumige Worte und theatralische Gesten
liebt. Doch so einfach ist die Sache nicht. Erstens wird auch in
westlichen Industrieländern um manche Güter, deren Wert nicht von
vornherein feststeht, gefeilscht. Um Löhne zum Beispiel, Immobilien oder
Antiquitäten, Und überhaupt um alles mit dem Prädikat „Second hand“.
Zweitens werden auch im Basar viele Dinge – Grundnahrungsmittel etwa und
billige Gebrauchsgegenstände – zu Fixpreisen gehandelt. [...]
Die hauptsächlichen Gründe für diese Form des
Handelns liegen in den sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen,
Ein wesentliches Merkmal der Basar‑Ökonomie ist der chronische Mangel an
objektiver Information. Es existieren weder Massenmedien, die über Angebot
und Nachfrage, über Qualität und Preis von Waren berichten, noch
Organisationen zur Marktforschung und zum Konsumentenschutz. Im
traditionellen Einzelhandel sind Tradernarks oder Güteklassen unbekannt
und Maße und Gewichte nur unzureichend vereinheitlicht.
(Walter. M. Weiß / Kurt-Michael Westermann / E. T.
Balic: Der Basar. Mittelpunkt des Lebens in der Islamischen Welt.
Verlag Christian Brandstätter, Wien 1994, S. 47)
-
Überlegen Sie, worin die Voraussetzungen bestehen,
damit ein Kauf auf einem Markt stattfinden kann, unabhängig davon, ob
es sich um einen Basar, ein europäisches Kaufhaus oder um einen
Internet‑Verkauf handelt.
-
Wie funktioniert in einer Industriegesellschaft die
Information über die Marktbedingungen? Vergleichen Sie dies mit einer
orientalischen Gesellschaft.
-
Wie wird das Vertrauen in die Seriosität von Käufer
und Verkäufer in einer Industriegesellschaft hergestellt und gesichert?
Erläutern Sie dabei die Rolle des Staates und seiner Institutionen.
Der
Kauf‑Park – einer der Märkte unserer Zeit

Wir unterscheiden:
-
den
Markt als konkreten Ort des Handelns;
-
den
Markt als spezifische Form menschlichen Verhaltens, durch
Interessenausgleich zu einem beide (alle) Seiten befriedigenden Kauf und
Verkauf von Waren und Diensten zu gelangen;
-
den
Markt als abstrakte Kategorie, in der Volkswirtschaft eines Landes zu
eben diiesem Interessenausgleich zu kommen.
Wir halten fest:
Voraussetzung von marktwirtschaftlichem Verhalten ist
der Aufbau von Vertrauen zwischen Käufer und Verkäufer. Dies kann
individuell durch das Geschick der Verhandelnden oder gesellschaftlich
durch garantierte Normen und gesetzliche und staatliche Kontrollen
geschehen. In beiden Fällen sind Information und Kommunikation
Voraussetzungen für das Funktionieren des Marktes.
Marktordnungen
Zur Charakterisierung der Wirtschaftsordnung eines
Landes stellen sich folgende Fragen:
|
1.
Wer bestimmt, was, wann, wo und wie
produziert wird? |
Grundeigentümer |
Feudalismus |
|
Kapitaleigner (Privateigentum) |
Kapitalismus |
|
Staat |
Staatskapitalismus |
|
Arbeiter |
Sozialismus |
|
2.
Wie wird die Wirtschaft reguliert? |
durch Traditionen und Selbstversorgung |
traditionale und rurale (ackerbäuerliche)
Gesellschaften |
|
durch Marktverhalten |
Marktwirtschaft (orientalische
Handelsgesellschaften, bürgerliche Gesellschaften) |
|
durch den Staat oder
Planungsorganisationen |
z. B. sozialistische Planwirtschaften
(DDR, RGW-Staaten bis 1989), auch genannt:
Zentralverwaltungswirtschaften |
|
Planung, Verwaltung |
Planwirtschaft |
|
3.
Welche Rolle nimmt der Staat in der
Wirtschaft ein? |
Konjunkturpolitik: Der Staat greift
regulierend in die Marktwirtschaft ein (Staatsinterventionismus).
Deregulierungspolitik: Der Staat zieht
sich aus der Wirtschaft zurück und beschränkt sich auf die Schaffung
und Kontrolle gesetzlicher Rahmenbedingungen.
Geldmengenpolitik (Monetarismus): Der
Staat sorgt durch fiskalische Maßnahmen für eine stabile Währung. |
verschiedene Ausprägungen der
Marktwirtschaft |
-
Wenden Sie diese Fragestellungen auf die Bestimmung
von ausgewählten Wirtschaftsordnungen in Vergangenheit und Gegenwart
an.
-
Erörtern Sie, weiche der genannten Kriterien auf
die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland zutreffen.
Marktwirtschaft und Planwirtschaft
In der Zeit von 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg bis
etwa 1990 existierten in den Staaten des „Rates für gegenseitige
Wirtschaftshilfe“ (RGW), zu dem u. a. die UdSSR als Führungsmacht und die
DDR, Polen, Ungarn, die CSSR gehörten, einerseits, und in den westlichen
Industriestaaten mit der Führungsmacht USA andererseits grundsätzlich
unterschiedliche Wirtschaftssysteme, die als Planwirtschaft oder
„Zentralverwaltungswirtschaft“ und als Marktwirtschaft bezeichnet werden.
In dem Teil Deutschlands, den die Sowjetunion
verwaltete, wurden schon ab 1945 [...] systematisch die Voraussetzungen
für eine zentrale Planung und Lenkung des Wirtschaftsprozesses nach
sowjetischem Vorbild geschaffen. Anders verlief die Entwicklung in den
drei westlichen Besatzungszonen. [...] Für die amerikanische und englische
Besatzungszone wurde im Mai 1947 ein vereinigtes Wirtschaftsgebiet
geschaffen, das von dem „Wirtschaftsrat“, dem „Länderrat“ und dem
„Direktorium“ verwaltet wurde. Erstmals seit Kriegsende waren damit
deutsche Persönlichkeiten an der Regelung wirtschaftlicher und sozialer
Belange beteiligt.
(Jörg H. Thieme: Wirtschaftspolitik in der Sozialen
Marktwirtschaft. 2. überarb. Aufl., Hamburg 1976, S. 41 f.)
Fächerübergreifender Arbeitsauftrag:
|
 |
Abbau der Berliner Mauer im November 1989 |
Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des
RGW und der darauf folgenden Vereinigung von DDR und BRD setzte sich die
Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung der Industrieländer im größten Teil
der Welt durch. Dieser Prozess wird als Systemtransformation bezeichnet.
Polen, Tschechien und Ungarn sind typische Transformationsländer, die
durch die Einführung einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung den
möglichst baldigen Beitritt zur Europäischen Union anstreben.
-
Diskutieren Sie, warum marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnungen in der
Regel mit demokratischen politischen Systemen verbunden sind.
-
Wie
beurteilen Sie das Verhältnis zwischen staatlich‑zentralistischer
Planwirtschaft und demokratischen Freiheitsrechten der Bürgerinnen und
Bürger, wie sie beispielsweise im Grundgesetz der Bundesrepublik
Deutschland garantiert sind?
Wirtschaftliches Handeln und Verhalten
Die Volkswirtschaftslehre, die sich als Wissenschaft
aus der Analyse und Erklärung des Verhaltens des wirtschaftenden Menschen
und des Funktionierens der Märkte entwickelte, hat für das
wirtschaftliche Handeln und Verhalten einige Regelmäßigkeiten und
Gesetzmäßigkeiten gefunden, die es leichter machen, die Wirtschaft zu
verstehen.
Wirtschaft ist eine zielgerichtete,
vernunftgeleitete gesellschaftliche Tätigkeit, die auf die Befriedigung
vorhandener Bedürfnisse durch Produktion und Distribution knapper Güter
gerichtet ist. Die Wirtschaftswissenschaften untersuchen daher
diejenigen Voraussetzungen und Tätigkeiten, die ein möglichst
erfolgreiches, und das heißt vernünftiges, Funktionieren der Wirtschaft
ermöglichen.
Selbstverständlich weiß auch der
Wirtschaftswissenschaftler, dass menschliches Verhalten nicht immer
vernünftig ist, dass Emotionen und Zufälle ganz anderen Regeln folgen, die
der Optimierung der wirtschaftlichen Abläufe oft entgegenstehen.
Wirtschaftliche Vernunft bedeutet ein Verhalten,
-
das mit gegebenen Mitteln den größtmöglichen
Erfolg oder Nutzen erreicht, oder
-
das ein gewünschtes Ergebnis (Nutzen, Ertrag,
Erfolg) mit geringstmöglichen Mitteln (Aufwand) zu erreichen sucht.
Unterschiedliches Verhalten. Eine Übung
-
Igor möchte ein neues T‑Shirt kaufen. Ergeht
in die Stadt und vergleicht die Preise, um das günstigste Angebot in der
von ihm gewünschten Qualität zu erwerben.
-
Marion möchte nun unbedingt ein Handy der
Marke „Sorglos“ haben, da alle ihre Freundinnen so eins besitzen. Sie
verspricht sich davon Ansehen und Erfolg, auch wenn das Handy eigentlich
ständig in Reparatur ist.
-
Kerstin findet DJ „Pitch“ ganz cool; sie geht
in jedes seiner Konzerte und hat alle seine CDs, auch wenn sie dafür
Schulden machen muss.
-
Florian fährt Auto. Er ist stolz auf seine
Fahrkünste. hat aber schon seinen dritten Unfall mit Blechschaden gemacht
und hat drei Punkte in Flensburg.
-
Wer verhält sich in diesen Beispielen
wirtschaftlich vernünftig? Begründen Sie Ihre Meinung.
-
Kann man rationales, vernunftgeleitetes
Handeln mit wirtschaftlicher Vernunft gleichsetzen?
-
Diskutieren Sie, wann Sie selbst sich
„wirtschaftlich rational“ (vernünftig) verhaften und in welchen
Lebensbereichen ein solches Verhalten eher problematisch ist. Ist der
immer ökonomisch vernünftig handelnde „homo oeconomicus“, den die
Volkswirtschaftslehre ihren Modellen zugrunde legt, ein Mensch, wie wir
ihn in der Realität kennen oder wie er in der Realität sein sollte? Wenn
daran Zweifel bestehen, sollte diskutiert werden, warum die Wissenschaft
einen solchen „modellhaften Menschen“ überhaupt benötigt.
Bedürfnisse
Der Mensch hat Bedürfnisse, die er nicht immer und
überall befriedigen kann. Zu unterscheiden sind:
-
grundlegende biologische Bedürfnisse;
-
Bedürfnisse im Zusammenleben mit anderen
Menschen;
-
Bedürfnisse nach Glück und Wohlbefinden, die
weitgehend von Erziehung, Erfahrung und Gewohnheit abhängig sind;
-
zeitweilige, situationsbedingte Bedürfnisse.
Bedürfnisse können durch materielle Dinge (Essen und
Trinken) oder durch Tätigkeiten (Dienstleistungen) befriedigt werden.
|
Auch solch ein Wunsch kann ein Bedürfnis sein
|
 |
-
Versuchen Sie, Ihre Bedürfnisse in
verschiedenen Kategorien zu ordnen (z. B. materielle und immaterielle
Bedürfnisse, Grundbedürfnisse, soziale Bedürfnisse ... ), und überlegen
Sie, was Sie bereit wären, zur Befriedigung dieser Bedürfnisse aufzuwenden
bzw. zu tun.
Die
Güter und das Knappheitspostulat
|
Freie Güter |
Knappe Güter |
|
sind am Nutzungsort zu jeder gewünschten Zeit
grundsätzlich in größerer Menge verfügbar, als sie benötigt werden,
·
entweder weil sie nicht nutzbar sind
(nicht gebraucht werden)
·
oder weil sie von Natur aus in sehr großer
Menge vorhanden sind (z. B. in der Regel Luft). |
sind als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, nicht
„hier und jetzt“ verfügbar. Es muss etwas getan und aufgewendet
werden, um sie zu erlangen. |
-
Überlegen Sie, unter welchen Umständen „freie
Güter“ zu „knappen Gütern“ werden, und finden Sie Beispiele für solche
Wandlungen.
-
Beachten Sie bei Ihren Überlegungen u. a.,
dass sich die Art der Nutzung von Gütern, die Häufigkeit ihres Gebrauchs,
die Menge ihres natürlichen Vorhandenseins, der Ort der Nutzung verändern
können.
-
Welche heute knappen Güter waren
(a) in der Zeit der Jäger und Sammler und
(b) in der Siedlungsphase im frühen Mittelalter noch
freie Güter und warum wurden sie später zu knappen Gütern?
Woher bekommen wir die knappen Güter?
Einige knappe Güter kann man durch eigene Tätigkeit
erwerben und herstellen, z. B. eine Pilzsuppe aus selbst im Wald
gesammelten Pilzen, Kräutern und aus Quellwasser auf einem Holzfeuer. Doch
das ist die Ausnahme. In fast allen Fällen werden die knappen Güter von
anderen Menschen erworben oder arbeitsteilig produziert und vertrieben.
Erst diese gemeinsame Tätigkeit bezeichnen wir als Wirtschaft.
|
*
Wirtschaft ist eine gesellschaftliche
Tätigkeit zwischen mindestens zwei Personen.
*
Wirtschaft dient der Herstellung und
Vertreibung von knappen Gütern (Knappheitspostulat).
*
Herstellung von Gütern bedeutet, aus
Rohstoffen oder Gütern geringeren Gebrauchsnutzens durch menschliche
Tätigkeit – heute zumeist mit Hilfe von Werkzeugen und Maschinen –
Güter größeren Nutzens herzustellen.
Was dem einzelnen Menschen inhaltlich als Nutzen
erscheint, für den er wirtschaftlich tätig wird, kann aus dem Begriff
des Gutes selbst nicht abgeleitet werden, so z. B. der Sammlerwert,
der Spekulationswert etc. Es muss aber vorausgesetzt werden, dass es
Menschen gibt, die in einem knappen Gut einen Wert sehen. Für die
Volkswirtschaft wird dieser Wert interessant, wenn er regelmäßig und
häufig auftritt.
Knappe Güter im übertragenen Sinne können
natürlich auch Dienstleistungen (z. B. Haare schneiden) oder
immaterielle Güter (z. B. Bildung) sein, die produziert und
verbreitet werden können.
|
 |
-
Nennen Sie Beispiele für materielle und
immaterielle Güter und bestimmen Sie, wie diese zu erwerben, herzustellen
oder zu erlangen sind. Welche dieser Güter werden durch wirtschaftliche
Tätigkeit hergestellt und vertrieben? Wodurch wird der Wert dieser Güter
bestimmt?
Eine Übung:
Angebot und Nachfrage
Von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung ist der
Preis. Die beiden handelnden Gruppen/Personen, die sich auf den Märkten
gegenüberstehen: der Anbieter, der ein Gut verkaufen, und der Nachfrager,
der ein Gut kaufen will, haben diesbezüglich unterschiedliche Interessen.
Natürlich kann eine Gruppe/ Person auf dem einen Markt Anbieter und
zugleich auf einem anderen Markt Nachfrager (Käufer) sein.
Der Anbieter ist daran interessiert, einen möglichst
hohen Preis bei möglichst niedrigen Kosten für seine Waren und
Dienstleistungen zu erzielen. Dieses Ziel ist der wichtigste Anhaltspunkt
für die Entscheidungen und das Handeln der Anbietet.
Das Schaubild der Angebotskurve
(Preis‑Mengen‑Diagramm) zeigt – vereinfachend und verallgemeinernd – das
Verhalten der Anbietet:

Auf der Preisgeraden im Schaubild sind die jeweiligen
Preise in Euro für das betreffende Gut angegeben; auf der Mengengeraden
die Menge in Stück. Steigt aus irgendeinem Anlass der Preis für (las Gut,
so erhöhen sich für die Anbieter gleichzeitig die Einnahmen. Das führt
dazu, dass ihre Bereitschaft, diese Ware zu verkaufen, gleichfalls
steigt. Also werden sie mehr von diesen Waren anbieten, sei es, dass sie
ihre Lager abbauen oder die Produktion erhöhen. [...]
Es zeigt sich, dass steigende Preise für ein Gut
infolge der höheren Einnahmen und Gewinne in der Regel zu einer Ausweitung
des Angebots führen. Andererseits bedeuten sinkende Preise gleichzeitig
Rückgang des Angebots. [...]
Das Verhalten der Nachfrage ist dem des Angebots
entgegengesetzt. Bei hohen Preisen sind grundsätzlich nur wenige Personen
bereit, eine Ware abzunehmen, also nachzufragen. Bei niedrigen Preisen
können sich dagegen mehr Personen den Kauf der betreffenden Ware leisten,
die Nachfrage steigt.
Von der hier aufgezeigten Tendenz im Verhalten der
Anbieter und Nachfrager gibt es jedoch viele Ausnahmen. So wird
beispielsweise die Nachfrage nach lebensnotwendigen Waren bei steigenden
Preisen kaum oder gar nicht zurückgehen.
Sinkende Preise führen also in der Regel zu einem
Ansteigen der Nachfrage, steigende Preise dagegen zu einem Rückgang der
Nachfrage.
(Georg Blaß / Franz J. Lämmert: Allgemeine
Wirtschaftslehre.
Luchterhand-Arbeitsmittel für Erziehungswissenschaft und –praxis. 2. Aufl.
Neuwied/Berlin 1974. S. 23-25)

Welches ist nun der tatsächlich erzielte Preis? Es
kann nur einen Preis geben, bei dem der Anbieter bereit ist, die gleiche
Menge zu verkaufen, wie der Nachfrager bereit ist, eben diese Menge auch
abzunehmen: dies ist der Schnittpunkt der Angebots‑ und der
Nachfragekurven, der Gleichgewichtspreis. Nur diese Menge zu diesem Preis
wird nun tatsächlich verkauft.
Im Diagramm sieht das folgendermaßen aus:

-
Verfolgen Sie Zeitungsmeldungen über
Preisschwankungen auf dem Erdölmarkt (z. B. wenn die Organisation der
erdölexportierenden Länder [OPEC] neue Fördermengen beschließt) oder
Meldungen über Preisschwankungen auf dem Heizölmarkt in Deutschland (z. B.
Sommer‑Winter-Schwankung des Preises) und entwickeln Sie daraus ein
Angebot‑Nachfrage‑Modell.
-
Organisieren Sie in der Lerngruppe einen
„Flohmarkt“ und beobachten Sie, wie sich die erzielten Preise im Laufe
des Spieles entwickeln. Interpretieren Sie dies mit einem
Preis‑Menge‑Modell.
3.2
Wirtschaftskrisen und Wirtschaftszyklen: Modelle und Erklärungskonzepte
3.2.1 Krisenzyklen
Die Weltwirtschaftskrise von 1929‑1932 stellte die
Volkswirtschaftslehre und die Markttheorie vor neue Probleme. Das
Vertrauen darauf, dass es reicht, sich darauf zu verlassen, dass die
„Kräfte des Marktes“ langfristig immer wieder ein wirtschaftliches
Gleichgewicht zustande bringen, wurde tiefgreifend erschüttert. Not und
Elend wurden zu einem Thema der Wirtschaftspolitiker, wie sie es heute für
die Außen‑ und Entwicklungspolitik geworden sind. Empirisch wurde nun
festgestellt, dass die wirtschaftliche Lage, die Konjunktur, periodischen
Schwankungen unterworfen ist.
Konjunkturschwankungen und Wirtschaftskrisen
Mehr oder weniger regelmäßige Konjunkturschwankungen,
gekennzeichnet vor allem durch wiederkehrende Verhältnisse einer
weitverbreiteten Überproduktion – genauer: der Überakkumulation vom
Kapital –, kennt unter allen uns geschichtlich vertrauten
Wirtschaftsformationen nur die moderne Erwerbsgesellschaft. Die
Konjunkturvorschläge müssen daher aus der besonderen Natur unseres
Wirtschaftssystems erklärt werden. Keine Konjunkturdeutung kann
befriedigen, die von der Triebkraft und eigentlichen Motivation der
kapitalistischen Wirtschaftstätigkeit absieht: vom Gewinn.
Der Inhalt der Konjunkturbewegungen ist der
periodische (u. U. heftige) Verfall der Rendite (Krise) Und deren erneutes
Steigen (Wiederaufschwung).
In Zeiten steigender Gewinne beschleunigt sich die
Kapitalbildung, unterstützt durch Ausdehnung des Kreditvolumens. Besonders
nachhaltig pflegt hierbei die Zunahme der Produktion von
Investitionsgütern zu sein. Der Aufschwung ist ferner gekennzeichnet
durch einen allgemeinen Anstieg des Preisniveaus. Aber nicht alle Preise
werden gleichmäßig erhöht. Steigen in wichtigen Wirtschaftsbereichen die
Preise der über Märkte bezogenen Waren stärker als die Preise auf der
Seite des eigenen Absatzes dieser Wirtschaftsbereiche und werden hierdurch
die Kosten mehr erhöht als die Erlöse, so wird die Rendite in den
betreffenden Wirtschaftszweigen zusammengedrückt. Die Kauf‑ und
Akkumulationskraft dieser Sektoren sinkt; was sich auf die Vorlieferanten
auswirkt und schließlich Kettenreaktion auslösen kann. Die vorausgegangene
Überakkumulation hat die Gewinnrate (bezogen auf das Einsatzkapital)
gesenkt (Krise).
Dauert der Konjunkturverfall an, so sinken (unter
Voraussetzung elastischer Preise) die Kosten entsprechend tief, es
verringert sich der Wert des eingesetzten Produktivkapitals aller Art. Die
Kapitalentwertung bedeutet Wiederaufwertung der Rendite für alle die
Wirtschaftsbereiche, deren Verkaufiserlöse relativ stabil bleiben. (Dies
pflegt vor allem bei den konsumnahen Wirtschaftszweigen der Fall zu sein.)
Die Wiederaufwertung der Rendite, die eine
entsprechende Nachfrage der konjunkturstabileren Wirtschaftszweige nach
Vorproduktion bedeutet, kann vermöge eines positiven rückwirkenden
Impulses zum Wiederaufschwung auch in anderen Wirtschaftssektoren führen.
(Werner Hofmann: Grundelemente der
Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek, (rororo aktuell 1149) 1969, S. 90 ff.)
Der Krisenzyklus
|
Belebung |
Aufschwung

Depression |
Arbeitslosenzahlen?
Nachfrage/Kaufkraft?
Einkommen?
Investitionen?
Kreditvolumen?
Warenabsatz?
Produktion?
Krise
Verfolgen Sie die
Veränderungen z. B.
dieser Faktoren im
Krisenzyklus
|
Fächerübergreifende Aufgabe:
Produktionsentwicklung in Deutschland von 1900 bis 1939

(Quelle: Politische Ökonomie. 1974, S. 91,
vereinfacht)
3.2.2 Kondratieff’sche Wellen
Der russische Wirtschaftswissenschaftler N. D.
Kondratieff (1892‑1938) erkannte, dass wirtschaftliche Entwicklungen
in Wellen verlaufen, die jeweils durch einschneidende technologische
Innovationen und entsprechende Investitionen in Kapitalgüter ausgelöst und
bestimmt werden (Kondratieff-Zyklen, Kondratieff’sche Wellen).
Technische Neuerungen und Wirtschaftsentwicklung
Die wirtschaftliche Bedeutung neuer Produkte, neuer
Dienstleistungen, neuer Produktionsverfahren und neuer Organisationsformen
kann sehr unterschiedlich sein. Grundlegende technische Neuerungen werden
als Basisinnovation bezeichnet. Nach heute vorherrschender Meinung treten
diese Basisinnovationen in zyklischen Abständen gehäuft („in Schwärmen“)
auf und können lange Wachstumsschübe („Lange Wellen“) auslösen. Die
Basisinnovationen schaffen nach G. Mensch (1975) als
Produktinnovationen neue Märkte und Wachstumsindustrien Und verändern als
Prozessinnovationen auch bereits bestehende Wirtschaftszweige
tiefgreifend (z. B. Mikroelektronik). [...]
Es war N. D. Kondratieff (nach ihm werden die
langen Wellen auch Kondratieff-Zyklen genannt), der technologische
Innovationen und Investitionen in Kapitalgüter als wichtige
Theorieelemente identifizierte. Den entscheidenden Beitrag zur Entwicklung
einer Theorie der langen Wellen leistete jedoch J. A. Schumpeter
(1939). [...]
Die Kondratieff’schen Wellen gliedern die
Wirtschaftsentwicklung in durch den technischen Fortschritt verursachte
Phasen, erklären aber auch die regionalen Verschiebungen der Innovations‑
und Entwicklungszentren: Der jeweilige Aufschwung wird durch
Basisinnovationen ausgelöst, der Abschwung tritt ein, wenn sich die
Innovationskraft der neuen Technologie erschöpft. Zu den herausragenden
Innovationen zählten bei der ersten langen Welle (auch industrielle
Revolution genannt) die Dampfkraft und Fortschritte in der Textil‑ und
Eisenindustrie, bei der zweiten langen Welle Neuerungen im Verkehrswesen
(Eisenbahn, Dampfschiffe) und in der Eisen‑ und Stahlindustrie, im dritten
Zyklus u. a. der Einsatz von Benzin‑ und Elektromotoren und im vierten
Zyklus der Einsatz von Elektronik im Produktionsprozess sowie Erfindungen
in der Petrochemie. Als Basisinnovationen für eine künftige (fünfte)
lange Welle werden neben der Mikroelektronik, einer Steuerungs‑ und
Kommunikationstechnologie, die in allen Bereichen der Wirtschaft Anwendung
finden kann, die Bio‑ und Gentechnologie angesehen. [...]
(Ludwig Schätzl: Wirtschaftsgeographie I: Theorie.
4., überarb. u. erw. Auflage. Paderborn/München/Wien/Zürich 1992)
Die
langen Wellen der Weltkonjunktur

Mit jeder neuen „Langen Welle“ verlagerte sich der
Wachstumspol der wirtschaftlichen Entwicklung (Aktivraum): von England
(erste Welle), Mitteleuropa (zweite und dritte Welle) in die USA (seit der
Weltwirtschaftskrise).
Ein
Gespräch über die Veränderungen der Arbeitsweit
Kürzlich traf ich mit zwei ehemaligen
Klassenkameraden zusammen, die völlig unterschiedliche Berufswege
eingeschlagen hatten: Inge war EDV‑Spezialistin in einer Softwarefirma
geworden, Horst ist Straßenbahnfahrer. Als Lehrer, der gelernt hat, den PC
und das Internet in den Unterricht einzubeziehen, interessierte ich mich
sehr dafür, wie die Elektronik die Berufsbilder der anderen verändert hat.
Zunächst berichtete Inge: „Dass ich nicht lache! Das
ist doch schließlich mein Beruf. Ursprünglich hatte ich Elektrotechnik in
der Fachhochschule studiert und mich später in Informatik weitergebildet.
Das war für mich als Frau nicht leicht und da ich jetzt älter werde, wird
meine Arbeit unter all den jungen Schulabgängern nicht gerade leichter.
Individualismus, hohe Fachkompetenz und Konkurrenzdenken sind
Voraussetzung für den Erfolg. Als Kunden haben wir eigentlich alle
Branchen der Industrie und des Bürowesens: Steuerungs‑ und
Kontrollprogramme, Buchhaltung, Zahlungsverkehr und Statistik werden
überall eingesetzt und erfordern höher qualifizierte Arbeitnehmer, auch
wenn viele einfache Arbeitsplätze damit abgebaut werden.“
Horst ist nicht ganz so begeistert: „Diese Folgen
hatten wir schon früher in den 60er Jahren bei der Rationalisierung der
Straßenbahntechnik gespürt, als die Schaffner abgeschafft wurden und durch
größere und schnellere Wagen die Zugfolge verringert werden konnte. Nicht
nur die Elektronik vernichtet Arbeitsplätze. Heute läuft in unseren Wagen
nichts mehr ohne EDV: Wo ich früher mit dem Fahrschalter direkt auf das
Fahrzeug einwirkte, steuern heute elektronische ‚Sollwertgeber‘ Anfahrt‑
und Bremsverläufe. Aber die Wagen sparen auch Strom, weil der
vorgeschaltete Anfahrtwiderstand durch die Thyristoren‑ (Chopper‑)‑Steuerung
wegfällt und der Bremsstrom nicht mehr durch Widerstände vernichtet,
sondern in das Netz zurückgespeist wird. Außerdem ist die
Fahrgastinformation heute in die zentrale Datenverarbeitung eingebunden;
sogar Informationsbildschirme haben wir im Fahrgastraum ...“
Ich war erstaunt darüber, welche technischen
Qualifikationen ein Straßenbahnfahrer heute besitzen muss.
„... aber im Störungsfalle kann das Fahrpersonal kaum
noch etwas selbst tun und muss die Techniker ggf. über Funk rufen. Der
Wagen muss dann in die Werkstatt“, fügte Horst hinzu.
Elektronik auch beim Auto fahren
Ø
Informieren Sie sich über Veränderungen der
Berufswelt und die damit verbundenen Anforderungen an die einzelnen
Arbeitnehmer (Arbeiter, Angestellte) in der neuen technologischen Welle.
Welche Konsequenzen sehen Sie für Ihre eigene berufliche Perspektive?
Nach Meinung von Experten könnte die neue
technologische Revolution einige gesamtwirtschaftliche Folgen
ermöglichen:
|
 |
·
Die kritische ökonomische Stagnation des
letzten Jahrzehnts in den Industrieländern, verbunden mit der
weiteren Verelendung der Länder der „Dritten Welt“ (oder wie heute
besser zu formulieren ist: der „globalen Peripherien“) und den daraus
resultierenden Konflikten und sozialen Spannungen könnte in absehbarer
Zeit überwunden werden.
·
Die wirtschaftlichen Wachstumspole in der
„Fünften Welle“ könnten sich von den so genannten Altindustrieräumen
hin zu den bisherigen „Semiperipherien“ (Schwellenländer,
„Tigerstaaten“ in Ost‑ und Südostasien) verschieben.
Begründet wird diese These damit, dass der
heutige Entwicklungsrückstand gerade einen Anreiz für zukünftige
Investitionen darstellt. Neuinvestitionen können hier auf modernstem
Niveau stattfinden. Günstige Arbeitsmarktbedingungen, relativ
günstige Rohstoff‑ und Vorproduktmärkte, entwicklungsfähige, noch
nicht gesättigte neue Binnenmärkte für den Produktabsatz könnten eine
solche Verlagerung wirtschaftlicher Wachstumspole stimulieren.
Dies trifft nun sicher nicht auf die „Dritte
Welt“ mit ihren fundamentalen Strukturproblemen zu, aber in hohem Maße
auf die sich rasant entwickelnden Länder am Rande der industriellen
Zentren, wie z. B. die Türkei, Südamerika oder auch die
Transformationsländer Ost‑ und Südosteuropas, die teilweise schon den
Schritt in die Region der industriellen Zentren selbst vor Augen
haben. Für Deutschland würde diese Prognose bedeuten, dass sich die
zukünftige industrielle Entwicklung zunehmend in die Neuen
Bundesländer verlagert. Die modernen Automobil‑ und Elektronikfirmen
in Thüringen und Sachsen wären Indikator für eine generelle
Entwicklung in naher Zukunft. |
-
Diskutieren Sie darüber, welche Chancen
Mitteleuropa in der zukünftigen technologischen Entwicklung haben wird
und zu welchen Konsequenzen die „Langen Wellen“ für die heutige
Wirtschaftspolitik führen könnten,
-
Beschaffen Sie sich aktuelle Daten über
Wirtschaftswachstum, Zahl der Patentanmeldungen und Branchenwachstum in
den einzelnen Weltregionen und stellen Sie diese in einer Tabelle
zusammen.
Nutzen Sie dazu:
-
Fischer Weltalmanach (CD‑ROM),
Internet‑Adressen der Europäischen Zentralbank (www.ech.org), des
Deutschen Patentamtes, der Bundesregierung und der UNO. Die jeweils
aktuellsten Adressen sind über die „Suchmaschinen“ (www.lycos.de,
www.altavista.com, www.metager.de u. a.) zu erhalten, ebenso direkte
Suchstichworte zum Thema.
Gruppenarbeit:
-
Zeichnen Sie einen Kartensatz aus Weltkarten
mit den Wachstums‑ und Wirtschaftsregionen 1900, 1950, 1980, 2000 und
erörtern Sie die Entwicklungen und Veränderungen.
3.3
Der Staat und die Wirtschaft
3.3.1 Aktive Wirtschaftspolitik
In dem Maße, wie sich das vom Großkapital bestimmte
Markt‑ und Produktionsverhalten der Wirtschaft gegenüber den
Verhältnissen der freien Konkurrenz ändert, büßt das
erwerbswirtschaftliche System seine Mechanismen der Selbststeuerung ein;
es wird labiler und krisenanfälliger. Seit der Weltwirtschaftskrise ist
offenbar geworden, dass die Kapitalakkumulation und die
„Vollbeschäftigung“ – nicht nur der Arbeitskräfte, sondern auch des
stehenden Anlagekapitals – nur noch mit Hilfe des Staates gesichert werden
kann. Der Staatseintritt in den Wirtschaftsprozess – öffentliche Aufträge,
Stützung schwacher Wirtschaftsbereiche, Korrektur von ungleichen
Akkumulationschancen, Subventionen – kann nicht mehr als „Intervention“
betrachtet werden: Der Staat greift nicht mehr gelegentlich als
Außenseiter ein, er ist vielmehr ein wesentlicher und unverzichtbarer
Mitträger des Wirtschaftsprozesses selbst geworden.
Auch die Fiktion der „Neutralität“ des Staates
gegenüber den divergierenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Interessen ist unter diesen Umständen nicht mehr aufrechtzuerhalten. [...]
In dem Maße vielmehr, in dem der Staat durch Einwirkung auf die
Wirtschaftsbedingungen die Chancen der Beteiligten unmittelbar beeinflusst
und bestimmt, unterliegt er selbst wiederum der direkten Beeinflussung
durch die mächtigen und organisierten wirtschaftlichen Interessen, die ihn
in Dienst nehmen. Im Zeichen einer unverkennbaren „Herrschaft der
Verbände“ zeigt sich die durchgehende Tendenz zum Interessentenstaat.
(Werner Hofmann: Grundelemente der
Wirtschaftsgesellschaft. Reinbek, (rororo aktuell 1149) 1969, S. 90 ff.)
Seit der Weltwirtschaftskrise betreibt auch in den
marktwirtschaftlich gesteuerten Staaten der Staat eine aktive
Wirtschaftspolitik und ein entsprechendes Krisenmanagement. Dieser
Staatsinterventionismus ist in seiner Wirksamkeit heute umstritten.

Butterberg der EU als Teil des Krisenmanagements
auf dem europäischen Agrarmarkt
Machen Sie sich mit dem aktuellen Stand der
Diskussion Über Notwendigkeit und Umfang des Eingreifens des Staates in
die Wirtschaft vertraut. Formulieren Sie einen eigenen Standpunkt.
„New Deal“ und Keynesianismus
Die Weltwirtschaftskrise, welche die Weltwirtschaft
nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse (Wallstreet) am „Schwarzen
Freitag“ (25. Oktober 1929) in ihre bisher schwerste Krise stürzte, führte
zunächst in den USA zu einer Umorientierung der staatlichen
Wirtschaftspolitik, die unter dem neugewählten Präsidenten Franklin Delano
Roosevelt (Regierungszeit 1933‑1945) mit einem verstärkten Eingreifen des
Staates zur Regulierung der Wirtschaft („Staatsinterventionismus“) unter
grundsätzlicher Beibehaltung der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung
nach den Konzepten des englischen Wirtschaftswissenschaftlers John Maynard
Keynes (1883‑1946) als „New Deal“ („Neuer Handel“, „neue Verteilung“)
bekannt geworden ist und die Folgen der Weltwirtschaftskrise zu
bewältigen half. Dieser „Keynesianismus“ wurde bis etwa 1975 in den
westlichen Industrieländern, auch in der BRD, zur führenden
wirtschaftspolitischen Leitlinie.
Zu den Rezepten des „New Deal“ in den USA gehörten
vor allem:
*
Verstärkung der binnenwirtschaftlichen
Nachfrage durch staatliche Aufträge und Stärkung der Kaufkraft
(nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik, soziale Unterstützungen,
Arbeitsmarktpolitik) und damit „Ankurbelung“ der Wirtschaft;
*
Investitionen des Staates im
Infrastrukturbereich (Straßen‑ und Eisenbahnbau, Staudämme zur
Flussregulierung und Stromerzeugung, Investitionshilfen für
strukturschwache Gebiete);
*
Kartellpolitik, um die Schwächung der
Marktkräfte (Konkurrenz) durch Monopolbildungen zu vermeiden (z. B.
Zerschlagung des „Rockefeller‑Ölimperiums“ Standard Oil [ESSO] in fünf
unabhängige regionale Einzelfirmen).

Protestmarsch gegen die sozialen Folgen der
Weltwirtschaftskrise in den USA
Seit der Weltwirtschaftskrise gilt die Grundeinsicht,
dass Staat und Gesellschaft gemeinsam die Verantwortung für die
wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes tragen. Die von
Keynes im »New Deal« für die USA entworfenen Instrumentarien des
Staatsinterventionismus (Nachfragebelebung, staatliche Investitionen,
Struktur‑ und Sozialpolitik, Kartellaufsicht) sind nach dem Zweiten
Weltkrieg parteiübergreifend Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs in
der Bundesrepublik Deutschland, aber auch in den anderen westeuropäischen
Ländern geworden.
Argumente für eine aktive Wirtschaftspolitik des Staates
Der deutsche Staat hat nicht nur nach dem
Grundgesetz, sondern auch aus Vernunftgründen die Pflicht, Verantwortung
für die Volkswirtschaft zu übernehmen:
*
Die Arbeitslosigkeit ist die größte politische
Gefahr für Deutschland; sie wird nicht von selbst durch die Kräfte des
Marktes abgebaut werden, da die Wirtschaft über Rationalisierung und
Auslagerung von Produktionen ins Ausland ihre Lohnkosten gering halten
muss.
*
Die regionale Auseinanderentwicklung, z. B.
von West‑ und Ostdeutschland, birgt politischen Sprengstoff, der zur
Staatskrise werden kann.
*
Nur eine koordinierte Modernisierung und
Stärkung der Wirtschaft kann Deutschland international konkurrenzfähig
halten und eine stabile Währung sichern. Dazu gehören neben der
Wirtschaftspolitik die regionale Strukturpolitik und die Bildungspolitik.
Argumente gegen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft
Die Wirtschaft weiß am besten selbst, was gut für sie
ist. Staatliche Wirtschaftspolitik ist ineffizient und durch ihren
Zentralismus schwerfällig und bürokratisch. Sie kann die schnell
wechselnden wirtschaftlichen Bedürfnisse nicht flexibel genug erfassen.
Der Staat sollte sich aus der Wirtschaft so weit wie möglich heraushalten.
*
Technische Innovationen, z. B. im Bereich der
EDV, realisieren sich nur durch private Initiative oft kleiner Betriebe
und durch ungehinderte Konkurrenz.
*
Langfristig können neue Arbeitsplätze nur
geschaffen und gesichert werden über wirtschaftliches Wachstum in
innovativen Branchen, für die der Staat selbst noch keine Kompetenz
besitzt.
*
Staatliche Subventionen für Krisenbranchen und
Krisenregionen verhindern notwendige Anpassungsprozesse und bewirken im
Ergebnis genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen sollen.
*
Staatliche Reglementierungen behindern
internationale Kooperation und Verflechtung im Rahmen der Globalisierung.
Die Aufgabe des Staates sollte sich darauf
beschränken, Über internationale Verträge den freien Handel zu
gewährleisten, überschaubare Rahmengesetze im Innern zu schaffen und die
Geldwertstabilität durch Geldmengenkontrolle zu garantieren.
3.3.2 Soziale Marktwirtschaft
Die Auffassung von der grundsätzlichen
Verantwortlichkeit des Staates für die wirtschaftliche und soziale
Entwicklung Deutschlands fand nach dem Zweiten Weltkrieg Ausdruck in dem
Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, das sich am Sozialstaatspostulat des
Art. 20 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland orientiert. Die
soziale Marktwirtschaft will auf marktwirtschaftlicher Grundlage das
Prinzip der Freiheit mit dem des sozialen Ausgleichs und der sozialen
Gerechtigkeit verbinden. Auch wenn der Staat im Gegensatz zur
planwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung keine eigenen ökonomischen
Interessen vertreten, also prinzipiell neutral bleiben soll, hat er dafür
zu sorgen, dass die grundlegenden sozialen Ansprüche auf ein Leben ohne
existenzielle Not und bei Wahrung von grundlegender Chancengleichheit
durch aktive Wirtschafts‑ und Sozialpolitik gesichert werden. Dazu gehört
auch die Forderung nach prinzipieller Gleichheit der Lebenschancen in
allen Teilen Deutschlands. Als Instrumente stehen dem Staat in erster
Linie die marktwirtschaftliche Intervention und die gesetzliche Sicherung
sozialer Mindeststandards (Arbeitsrecht, Kartellrecht, Wirtschaftsrecht)
zur Verfügung.
|
 |
Die Konzeption von der Sozialen Marktwirtschaft
(im Gegensatz zur freien Marktwirtschaft) wurde von dem
Wirtschaftswissenschaftler Alfred Müller-Armack (28.6.1901 ‑
16.3.1978) entwickelt. Sie wurde vom ersten Wirtschaftsminister
der BRD, Ludwig Erhard, zum Leitgedanken des wirtschaftlichen
Wiederaufbaus erhoben. |
 |
|
Alfred Müller‑Armack |
Ludwig Erhardt |
|
|
|
|
|
1.
Die Soziale Marktwirtschaft basiert auf der
Funktion eines beweglichen und sich dynamisch entwickelnden Marktes.
Wenigstens in dieser Hinsicht besteht eine gemeinsame Auffassung sehr
vieler Wirtschaftspolitiker, dass die Marktwirtschaft ein wirtschaftlich
effizientes, ja den anderen Ordnungen überlegenes System sei.
2.
Die Soziale Marktwirtschaft ist angetreten
mit dem Anspruch, durch den marktwirtschaftlichen Prozess nicht nur
die Gütererzeugung anzuheben, den Bereich persönlicher freier
Gestaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen zu erweitern, sondern auch
soziale Fortschritte zu bringen. Der marktwirtschaftliche Prozess hat
fraglos eine unvergleichliche Erweiterung der Konsumkaufkraft breitester
Schichten ermöglicht und durch sein von Jahr zu .Jahr vorrückendes
Wachstum Arbeitsplätze neu geschaffen, die Vollbeschäftigung gesichert und
die Voraussetzung für steigende Löhne und Einkommen aller Schichten
begründet.
3.
Die Soziale Marktwirtschaft fordert keinen
schwachen Staat, sondern sieht in einem starken demokratischen Staat die
Voraussetzung für das Funktionieren dieser Ordnung. Der Staat hat
nicht nur der Sicherung der Privatrechtsordnung zu dienen, er ist gerade
durch die marktwirtschaftliche Theorie in einer wesentlichen Aufgabe
bestärkt worden, sich für die Erhaltung eines echten Wettbewerbs als einer
politischen Funktion (im Sinne von Eucken, Franz Böhm und Miksch)
einzusetzen Die vom Staate zu sichernde Wettbewerbsordnung wehrt zugleich
Machteinflüsse auf den Markt ab.
4.
Garant des sozialen Anspruchs der
Marktwirtschaft ist nicht nur der Markt, dessen wirtschaftliche
Leistungen sehr oft schon sozialen Fortschritt bedeuten. Der Staat hat
vielmehr die unbestrittene Aufgabe, über den Staatshaushalt und die
öffentlichen Versicherungen die aus dem Marktprozess resultierenden
Einkommensströme umzuleiten und soziale Leistungen, wie Kindergeld,
Mietbeihilfen, Renten, Pensionen, Sozialsubventionen usw., zu ermöglichen.
Das alles gehört zum Wesen dieser Ordnung, und es wäre eine Farce, nur den
unbeeinflussten Marktprozess zu sehen, ohne seine vielfältige Einbettung
in unsere staatliche Ordnung zu beachten. Das bedeutet keineswegs ein
Hinüberwechseln aus dem Markt in den staatlichen Bereich, sofern man sich
dabei bewusst ist, dass Mittel, die der Staatshaushalt transformiert, von
der wirtschaftlichen Leistung des Marktes abhängig bleiben und
„marktkonform“ sein müssen. Es muss die Grenze eingehalten werden, deren
Oberschreitung eine Störung der Marktvorgänge bewirkt.
5.
Neben den engeren Aufgaben der
Wettbewerbssicherung und den weiteren Aufgaben des sozialen Schutzes
steht der Staat seit je und beute bewusster als früher vor Aufgaben der
Gesellschaftspolitik, um die beute so gern zitierte „Qualität des
Lebens“, d. h. die Lebensumstände für alle, zu verbessern. Es gibt
eben neben den Leistungen, die sich der Einzelne im Markte zu beschaffen
hat oder die er aus den Sozialfonds des Staates erhält, eine Fülle von
gesellschaftspolitischen Aufgaben. Ich nenne die Erweiterung der
Vermögensbildung, Verbesserungen der Investitionen im Bereiche des
Verkehrs, des Gesundheitswesens, Aufwendungen für Bildung und Forschung,
Schutz gegen die wachsende Verschlechterung vieler Umweltbedingungen,
Städtebauförderung und eine verbesserte Gliederung des Wohn, Arbeits‑ und
Erholungsraumes der gesamten Bevölkerung. Dies alles sind legitime
Aufgaben, die erst das System der Sozialen Marktwirtschaft vollständig
machen. [...] Diese Aufgaben, mit denen schon bei der Wettbewerbspolitik
und der sozialen Sicherung ein planerisches Element ins Spiel kommt,
bedeuten keine Grenze, an der die Soziale Marktwirtschaft gezwungen wäre,
ihren marktwirtschaftlichen Charakter einzubüßen. Gerade darin liegen die
besten Voraussetzungen, um die aus dem Wachstumsprozess herrührenden
Mittel über die Betriebe oder über den Staat zur Verbesserung der
öffentlichen Umweltbedingungen zu nutzen.
6.
Die Ordnung der Sozialen Marktwirtschaft
schließt also alle Ziele, die wir auch für eine weitere Zukunft ins Auge
zu fassen haben, ein. Sie bleibt insofern Marktwirtschaft, als sie darauf
besteht, dass das durch freie Betätigung aller Gruppen gesicherte
Privateigentum, eine gesicherte Rechtsordnung und stetes
Wirtschaftswachstum auch in der Gegenwart und in der Zukunft die besten
Grundlagen bieten, um die Fülle der vor uns stehenden Aufgaben im
staatlichen und privaten Bereich zu fördern. [...]
Die Soziale Marktwirtschaft ist ein Stil, der ein
festes Formprinzip mit der Fülle der Gestaltungsmöglichkeiten im
Einzelnen verbindet.
(Alfred Müller‑Armack: Genealogie der Sozialen
Marktwirtschaft.
Frühschriften und weiterführende Konzepte, Bern/Stuttgart 1981, S. 150 f.)
-
Analysieren Sie den Textauszug von
Müller‑Armack und charakterisieren Sie in eigenen Worten die wichtigsten
Merkmale der Konzeption von der Sozialen Marktwirtschaft.
-
Gehen Sie unter Verwendung der Darstellung im
Abschnitt 2.2 „Perspektiven und Probleme des Sozialstaats“ darauf ein,
welchen Belastungsproben die Soziale Marktwirtschaft unter den heutigen
Bedingungen der Globalisierung ausgesetzt ist.
3.3.3 Wirtschaftspolitische Ziele
Das
„magische Viereck“
|
Die Wirtschaftspolitik in der Bundesrepublik
Deutschland ist vier zentralen Zielen verpflichtet, die als „magisches
Viereck“ bezeichnet werden:
Diese vier Ziele stehen in einem komplexen
Funktionszusammenhang zueinander. Weder kann eines dieser Ziele
erreicht werden, ohne die anderen zu beeinflussen, noch ist es
möglich, alle Ziele gleichmäßig durchzusetzen. Also muss sich
Wirtschaftspolitik immer auf Prioritäten ausrichten, die natürlich je
nach politischer Richtung unterschiedlich gesetzt werden. Viel hängt
von der Fähigkeit ab, einen politischen Konsens zu den gesetzten
Prioritäten zu erreichen. Die Problematik des „magischen Vierecks“
besteht darin, dass man ein Ziel umso leichter erreichen kann, je
mehr man ein oder zwei andere Ziele vernachlässigt. |

(Die Pfeile bedeuten Zielkonflikte) |
Das
„magische Sechseck“
Das „magische Viereck“ ist von
Wirtschaftswissenschaftlern zum „magischen Sechseck“ weiterentwickelt
worden. Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass in das Ensemble
wirtschaftspolitischer Zielstellungen mit einer gerechten Einkommens‑ und
Vermögensverteilung sowie der Erhaltung einer lebenswerten Umwelt zwei
weitere Ziele einbezogen werden müssen.
Einkommen und Vermögen sollten künftig gleichmäßiger
unter den großen sozialen Gruppen (Arbeitnehmer, Unternehmer und sonstige
Vermögende) verteilt sein. Für die staatliche Einkommenspolitik ergibt
sich daraus die Aufgabe, den Anteil der Arbeitnehmer am Gesamteinkommen
(die Lohnquote) zu vergrößern. Die staatlichen Mittel zur Durchsetzung
einer gerechteren Einkommensverteilung sind in Deutschland allerdings
beschränkt. Die Tarifautonomie nimmt dem Staat jede Möglichkeit der
direkten Einwirkung auf das Niveau der Arbeitseinkommen. Dem Staat
verbleiben nur bestimmte wirtschafts‑ und sozialpolitische Maßnahmen zur
Einflussnahme auf die Vermögensbildung, etwa Maßnahmen zur Sparförderung
für Arbeitnehmer mit geringem Einkommen. Im Übrigen kann der Staat auf
eine Umverteilung von Einkommen hinwirken, indem er hohe Einkommen
stärker und niedrige Einkommen geringer besteuert (Steuerprogression).
-
Tauschen Sie in der Klasse Ihre Meinungen
darüber aus, wie gerecht die in Deutschland bestehende Einkommens‑ und
Vermögensverteilung ist. Nennen Sie gegebenenfalls Maßnahmen, die Sie für
notwendig und zugleich für möglich halten, um eine gerechtere Einkommens‑
und Vermögensverteilung zu erzielen. Begründen Sie Ihre Position durch
Argumente.
|
Zunehmende Bedeutung gewinnt das wirtschafts‑ und
sozialpolitische Ziel, eine lebenswerte Umwelt zu erhalten
(Umweltschutz). Das industrielle Wachstum hat bisher eine zunehmende
Belastung der Umwelt („Umweltverschmutzung“) mit sich gebracht. Die
Folgen sind u. a. Auswirkungen auf die Lebenserwartung, Vernichtung
von Erholungsgebieten, schwerwiegende Störungen im ökologischen
Gleichgewicht. Zwischen den Zielen „Erhaltung einer lebenswerten
Umwelt“ und „stetiges Wachstum“ besteht ein geradezu unüberbrückbarer
Zielkonflikt, soweit Wachstum nahezu ausschließlich Wachstum der
Produktion und des Konsums materieller Güter betrifft. Wird dieses
Wachstum jedoch gedrosselt, um die Umwelt zu schonen, droht dem Ziel
„Vollbeschäftigung“ und gegebenenfalls auch dem Ziel
„außenwirtschaftliches Gleichgewicht“ Gefahr.
|
 |
-
Erläutern Sie die Zielkonflikte zwischen den
im „magischen Sechseck“ zusammengefassten wirtschaftspolitischen
Zielstellungen. Inwieweit müssen von ihnen ausgehend in der
Wirtschaftspolitik Prioritäten gesetzt und Kompromisse geschlossen
werden? Erläutern Sie dies anhand aktueller wirtschaftspolitischer
Entscheidungen.
-
Diskutieren Sie in der Klasse darüber, welches
wirtschafts‑ und sozialpolitische Ziel Ihrer Meinung nach in Deutschland
gegenwärtig oberste Priorität haben muss. Begründen Sie Ihre Meinung.
Die
gesamtwirtschaftlichen Ziele
Als gesellschaftspolitische Finalziele werden in den
westlichen Industriegesellschaften in der Regel Freiheit, Gerechtigkeit,
Sicherheit, Wohlstand, Demokratie, Fortschritt, subjektive Gleichheit,
Stabilität des politischen Systems etc. angeführt. Bei genauerer Analyse
ist zu konstatieren, dass die gesellschaftspolitischen Finalziele
Freiheit, Gleichheit etc. inhaltsleer sind. Was heißt z. B. Freiheit?
Diese werden Individuen, gesellschaftliche Gruppen und Parteien je nach
politischem Standort unterschiedlich interpretieren. [...]
Von Kritikern der
marktwirtschaftlich‑kapitalistischen Wirtschaftsordnung wird die
pluralistische Interpretation der Zielbeziehungen abgelehnt. Nach deren
Auffassung dient die ökonomische Stabilität zur Absicherung der
bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Über eine Stabilisierung der
Wirtschaft durch die staatlichen Instanzen – in der Bundesrepublik ist
der Staat per Gesetz auf die Erreichung der wirtschaftlichen Stabilität
verpflichtet – werde die Stabilisierung der bestehenden
Über-Unterordnungsverhältnisse angestrebt. Zentraler Ansatzpunkt ist
hierbei die Rolle des Staates. Nach Ansicht der Kritiker verfolgen die
staatlichen Instanzen nicht deshalb die gesamtwirtschaftlichen Ziele, um
Finalziele wie Freiheit, Gerechtigkeit etc. zu erreichen. Vielmehr richtet
sich die auf die ökonomische Stabilität ausgerichtete Aktivität des
Staates darauf, das kapitalistische Herrschaftssystem zu erhalten und zu
sichern.
(Bembard Gahlen u. a.: Volkswirtschaftslehre. Eine
problemorientierte Einführung. 13., verb. Aufl. Tübingen 1982, S.
113‑117)
Die Wirtschaftspolitik steht immer wieder in der
politischen Kontroverse. Nach dem Zweiten Weltkrieg können in den
westlichen Ländern und vor allem in der Bundesrepublik Deutschland
deutliche Veränderungen in der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik
festgestellt werden.
Gesamtwirtschaftlicher Zielwandel in der Bundesrepublik seit dem Zweiten
Weltkrieg
Unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Entwicklung,
veränderter Problernsituationen und wirtschaftspolitischer Ideen, aber
auch bedingt durch Verlagerungen der Wertvorstellungen und die Zunahme
des Anspruchsniveaus haben sich Zielinhalte und Zielprioritäten der
praktischen Wirtschaftspolitik gewandelt:
*
Primärziel der Wirtschaftspolitik in der
Nachkriegsphase war die Expansion der Produktion, denn nur mit ihrer Hilfe
konnte der Wiederaufbau erreicht werden und eine hohe Arbeitslosigkeit
abgebaut werden.
*
Gegen Ende der 50er Jahre traten
sozialpolitische Ziele, die sich im Rahmen des Wiederaufbaus auf die
Minderung der Kriegsfolgelasten für besonders betroffene
Bevölkerungsgruppen beschränkt hatten, stärker in den Vordergrund. Das
Ziel Verteilungsgerechtigkeit, konkretisiert durch die Komponenten:
Entlastung einkommensschwacher Bevölkerungsschichten, Verbesserung der
Altersversorgung und breitere Streuung der Vermögensbildung, erhielt einen
hohen Stellenwert.
*
Bedingt durch die höchste Inflationsrate seit
der Währungsreform 1948 und die wirtschaftliche Rezessionsphase 1966/67
erlangten in der zweiten Hälfte der 60er Jahre die Ziele
Preisniveaustabilität und Vollbeschäftigung wesentliche Bedeutung, wobei
das Letztere auch in der Folgezeit Priorität seitens der Bundesregierung
genoss. Kennzeichnend für diese waren zudem das Vordringen struktureller
Ziele und des qualitativen Wachstumszieles sowie Verstärkung und Ausbau
sozialpolitischer Elemente im wirtschaftspolitischen Zielkatalog.
*
Mit der Einsicht, dass Inflation bestenfalls
kurzfristig Arbeitslosigkeit verringern kann, ist Inflationsbekämpfung
seit einigen Jahren wieder zu einem vordringlichen Stabilitätsziel
geworden. Da zudem die ökonomischen Probleme der 70er Jahre vorwiegend
auf strukturelle Faktoren zurückgeführt und sozialer Fortschritt sowie ein
langfristiger Abbau der Unterbeschäftigung nur unter der Bedingung eines
anhaltenden realen Wirtschaftswachstums als möglich betrachtet werden,
hat sich in der Gegenwart wieder eine Prioritätenverschiebung zugunsten
des quantitativen Wachstumszieles ergeben.
Einen durchgängig hohen Stellenwert genießen die
Ziele Verbesserung des Wettbewerbs, europäische Integration und […]
außenwirtschaftliches Gleichgewicht.
(Karl‑Hans Hartwig: Bundesrepublik Deutschland:
Wirtschaftspolitik in der Sozialen Marktwirtschaft. In: Wirtschaftspolitik
im Systemvergleich. Hg. v. Dieter Cassel. München 1984, S. 185 f.)
Konjunkturentwicklung in Wachstumszyklen in Deutschland. Die aktuellen
Trends
1. Exportorientierung: in der Bundesrepublik
Deutschland wurde die Aufschwungphase wiederholt durch eine Zunahme der
Auslandsnachfrage eingeleitet. Diese Exportsteigerung war vor allem
darauf zurückzuführen, dass sich die Unternehmen in der Abschwungphase
vermehrt um Absatzmärkte im Ausland bemühten und Wettbewerbsvorteile der
deutschen Exporteure auf dein Weltmarkt durch einen niedrigeren
Inflationsgrad in der Bundesrepublik gegeben waren. Hinzu trat als Anstoß
für den Aufschwung die staatliche Konjunkturankurbelung. im Aufschwung
treten Faktoren der Selbstverstärkung auf, die an einem einfachen
Beispiel beschrieben werden können: Wenn vom Ausland zusätzliche Aufträge
an die Exportgüterindustrie vergeben werden, steigen Produktion und
Beschäftigung in der Exportgüterindustrie.
2. Soziale Sicherung und Kosten der Arbeit:
Besonders die Verknappung des Arbeitskräfteangebots in der Hochkonjunktur
bewirkt eine Verbesserung der Verhandlungsposition der Gewerkschaften, und
durch eine „nachholende Lohnanpassung ergeben sich Lohnkostensteigerungen.
Die Lohnsatzerhöhungen überschreiten in dieser Phase deutlich den
Produktivitätszuwachs und bewirken eine Erhöhung der Lohnkosten pro
Produkteinheit. Weitere Kostenerhöhungen können dadurch eintreten, dass
die Finanzierung von Investitionen bei steigenden Zinsen am Kreditmarkt
teurer wird.
3. Wirtschaftspolitik: Aufgrund der
Erfahrungen mit der Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise von
1929 bis 1932 ist die praktische Wirtschaftspolitik dazu übergegangen, in
Krisensituationen einzugreifen. Bereits durch Arbeitslosengeldzahlungen
wird verhindert, dass die Konsumausgaben der privaten Haushalte in der
Krise zu stark absinken. Zum anderen kann der Staat selbst über staatliche
Aufträge einen Teil des Ausfalls der privaten Nachfrage wettmachen und
durch Subventionen und steuerliche Anreize der Privatwirtschaft Anstöße zu
einer vermehrten wirtschaftlichen Aktivität geben. Hinzu kommen
geldpolitische Maßnahmen wie die Senkung der Zinssätze, durch die
günstige Kreditbedingungen geschaffen werden sollen, damit die
Privatwirtschaft über zusätzliche Kredite eine Nachfrageausweitung
finanziert.
(Horst Friedrich: Wirtschaft. 3: Konjunktur –
Wachstum – Strukturwandel. Informationen zur politischen Bildung. Heft
177. Neudruck, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1997 S. 11 f.)
Die Wirtschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland
ist Kontroversen unterworfen, die einerseits mit dem inneren Funktionieren
des „magischen Sechsecks“ zu tun haben, andererseits aber auch die starken
politischen Abhängigkeiten der Wirtschaft nachzeichnen. Ziele des Staates
sind neben den klassischen Zielen der Wirtschaftspolitik auch der soziale
Frieden und der soziale Ausgleich (nach dem Sozialstaatsgebot des GG Art.
20), die internationalen politischen Verpflichtungen und die zunehmende
Einflussnahme der Politik der Europäischen Union auf die Politik
Deutschlands. Darüber hinaus hat Deutschland die Aufgabe, die inneren
Disparitäten zwischen West und Ost zu überwinden, eine Aufgabe, die sich
nach der Ost‑Erweiterung der Europäischen Union auch auf den europäischen
Osten beziehen wird. Die Volkswirtschaft ist somit kein geschlossenes
System, sondern eingebunden in vielfältige internationale Verflechtungen.
-
Erörtern Sie anhand des Materials. wie sich
die starke Exportorientierung auf die wirtschaftliche Entwicklung
auswirkt (suchen Sie zusätzlich Beispiele internationaler Verflechtungen
in der Großindustrie); welche ökonomischen Interessengegensätze sich aus
dem Anspruch auf soziale Sicherheit ergeben können (Lohnnebenkosten der
Unternehmen sind gleichzeitig Einkommen und Nachfragepotential),welche
Optionen für staatliches Handeln die starke internationale
wirtschaftliche Verflechtung offen lässt.
Aktuelle Daten über die Wirtschaftssituation
Deutschlands und der EU finden sich im Fischer Weltalmanach (auch auf
CD‑ROM) und bei den Internet‑Adressen der Europäischen Zentralbank (www.ecb.int),
der Bundesregierung (www.bundesregierung.de) und der Deutschen Bundesbank
(www.bundesbank. de).
Maßnahmen gegen Beschränkungen des Wettbewerbs
Wirtschaftspolitik kann nur dann wirksam werden, wenn
ihre Ziele und Maßnahmen nicht von anderen wirtschaftlichen Mächten oder
durch den Außenhandel durchkreuzt werden. Für den ersten Zusammenhang ist
die Zielsetzung maßgeblich, Monopole und Kartelle zu verhindern.
Marktmacht muss also kontrolliert werden, um das Funktionieren des Marktes
zu sichern. Dem dient das Kartellamt, dem größere Firmenzusammenschlüsse
oder der Aufkauf von Konkurrenzunternehmen zur Genehmigung vorgelegt
werden müssen. Im internationalen Bereich ist dafür das Europäische
Kartellamt zuständig.
Informationen in www.bundeskartellamt.de
Seit dem „New Deal“ Anfang der 30er Jahre gibt es
auch in den USA eine sehr mächtige Kartellaufsicht und ein strenges
Kartellrecht, nach dem marktbeherrschende Unternehmen sogar aufgeteilt
werden können. Heute prozessiert die Kartellbehörde der USA gegen die
marktbeherrschende Softwarefirma Microsoft mit dem Ziel, sie in
unabhängige Firmen zu zerteilen. Diese Marktpolitik soll garantieren, dass
über die Marktpreise jeder Anbieter und Nachfrager die Chance behält, sich
am Wirtschaftsprozess zu beteiligen, und dass der Markt Garant für das
Funktionieren der Wirtschaft bleibt.
Wettbewerbssicherung und Wettbewerbspolitik
bedeuten, wirtschaftliche Macht, die freie Konkurrenz und damit die
Bildung der Preise auf dem Markt über Angebot und Nachfrage be‑ und
verhindern können, zu begrenzen und zu kontrollieren.

„Halt, erst müssen wir klären, ob ihr das
überhaupt dürft!“
Formen organisierter wirtschaftlicher Macht, die staatlicher Kontrolle
unterliegen und gegebenenfalls verboten werden können
Kartelle
Absprachen und Vereinbarungen (Verträge) zwischen
unabhängigen Unternehmen, um sich den Markt (regional oder sektoral)
aufzuteilen oder um Angebotspreise vorab gegen Unterbietung zu schützen.
Solche Kartelle wurden in der Bundesrepublik
Deutschland vor allem zwischen Baufirmen z. B. bei Angeboten für
öffentliche Bauvorhaben (U‑Bahn in Frankfurt, Flughafenneubau bei
Berlin) mehrfach gerichtlich verfolgt und geahndet.
Oligopole
Wenige große Firmen beherrschen den Markt und sind
damit in der Lage zu verhindern, dass neue, kleinere Anbieter sich auf dem
Markt durchsetzen können.
In den USA war z. B. der Automobilmarkt lange Zeit
von den Konzernen General Motors und Ford im Sinne eines Oligopols
beherrscht. Erst als ausländische, vor allem japanische und deutsche
Automobilmarken auf dem amerikanischen Markt eine größere Bedeutung
erlangten – ein Prozess, der unter die Kategorie der „Globalisierung“
fällt –, schwand die Macht dieses Oligopols.
Gesetzliche Monopole
Sie entstehen, weil der Staat sich bestimmte
wirtschaftliche Aktivitäten entweder selbst vorbehält oder sie
ausgewählten Monopolisten aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen
ausschließlich zugesteht.
Beispiele sind das Briefmonopol der Post, das
Branntweinmonopol zur zollrechtlichen Kontrolle der Alkoholproduktion,
das Tabakmonopol zum Schutz der privilegierten Tabakbauern in
Süddeutschland. Diese Monopole verstoßen allerdings gegen neueres
EU‑Recht und werden in den nächsten Jahren völlig verschwinden wie
vorher schon das Transportmonopol der Bahn oder das frühere
Telefon‑Kommunikationsmonopol des Staates.
Wirtschaftliche Monopole
Sie entstehen durch Marktbeherrschung einer Firma,
die technisch begründet sein kann (Quasi‑Monopol bei PC‑Betriebssystemen
der Firma Microsoft, gegen die deswegen in den USA Kartellverfahren
anhängig sind). In der Regel entstehen sie durch Firmenkäufe,
Kapitalverflechtungen und Fusionen.
-
Diskutieren Sie, ob die „Marktbeherrschung“
einer Sparkassenfiliale in einem kleinen Ort in gleicher Weise zu
beurteilen ist wie die Fusion von Vodafone und Mannesmann auf dem
Telekommunikationsmarkt. Zu welchen Schlussfolgerungen gelangen Sie
bezüglich unterschiedlicher regionaler Sichtweisen bei der Beurteilung
von Marktschädlichkeit wirtschaftlicher Konzentrationsprozesse?
Auf internationaler Ebene werden Kartelle oft anders
beurteilt als im nationalstaatlichen Bereich. Kartellvereinbarungen
zwischen ansonsten wirtschaftlich schwächeren Staaten im Bereich der
Rohstoffmärkte sollen der wirtschaftlichen Macht der Industriestaaten ein
Gegengewicht entgegensetzen. Viele dieser Versuche, die von der
UN‑Unterorganisation UNCTAD (United Nations Conference on Trade and
Development) vorgeschlagen wurden (Zinn‑Kartell, Kakao‑Kartell etc.),
scheiterten, weil sie nicht genügend wirtschaftliche Potentiale sammeln
konnten. Große internationale Bedeutung erhielt jedoch die OPEC
(Organisation der Erdöl exportierenden Länder), die zu einem Gegenspieler
der großen erdölverbrauchenden Industriestaaten, vor allem der EU und
Japans, geworden ist.

Erdölförderanlage in Saudi‑Arabien
Rohöl und Benzin deutlich billiger
Die Preise für Rohöl und Benzin rutschen weiter. Wie
die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) mitteilte, kostete ein
Fass (Barrel) von 159 Litern aus ihrer Produktion zuletzt
durchschnittlich gut 27 Dollar, rund zehn Prozent weniger als in der
Woche zuvor. Das Kartell führt: den Rückgang auf ein überreiches Angebot
zurück. Dem kuwaitischen Ölminister Sheik Saud Nasser Al‑Sabah Zufolge
werde die OPEC deshalb vermutlich die tägliche Förderung um eine Million
Fass kürzen, falls die Preise weiter fallen. Sie strebt eine Bandbreite
von 22 bis 28 Dollar je Fass an.
(dpa-Meldung in der Frankfurter Rundschau vom
12.12.2000)
-
Erläutern Sie, welche Ziele der OPEC in dem
Text erkennbar werden und über welche marktwirtschaftlichen Mittel sie
gegenüber dem Weltmarkt verfügt, diese Ziele durchzusetzen. Erörtern Sie
die ökonomische und politische Bedeutung der OPEC unter dem Gesichtspunkt
der Kartellpolitik.
Ist
RTL ein Fall für das Europäische Kartellamt?
Gütersloh (rtr/dpa). Mit einem Aktientausch hat die
Bertelsmann AG die Mehrheit an der internationalen Fernsehgruppe RTL
übernommen und gleichzeitig den Weg für eine Börsennotierung von
Bertelsmann‑Anteilen freigemacht.
Bertelsmann hat die 30 Prozent Anteile übernommen,
die die belgische Investmentgesellschaft Groupe Bruxelles Lambert SA (GBL)
an der RTL Group hält. Damit verfügt der Medienkonzern nun über eine
Beteiligung von 67 Prozent an Europas größter Fernsehgruppe, wie der
Gütersloher Konzern am Montag mitteilte. Dafür bekommt die GBL 25,1
Prozent der Anteile an Bertelsmann, die sie in drei bis vier Jahren an die
Börse bringen könne. (...)
Die RTL Group war im vergangenen Jahr aus dem
Zusammenschluss des Bertelsmann‑Fernsehgeschäfts CLT‑UFA mit der
Fernsehsparte des britischen Medienkonzerns Pearson hervorgegangen. Die
GBL war bereits seit 1997 über die Zwischen‑Holding Audiofina an CLT‑UFA
beteiligt und hielt nach der Fusion mit Pearson noch 30 Prozent an der RTL
Group.
Der Pearson‑Anteil an RTL bleibt den Angaben zufolge
auch nach der Mehrheitsübernahme von Bertelsmann bei 22 Prozent. Rund 11
Prozent werden an den Börsen von London, Brüssel und Luxemburg frei
gehandelt. Beim Börsengang der RTL Group im Sommer 2000 war angekündigt
worden, diesen Anteil mittelfristig zu erhöhen. Zu der in Luxemburg
ansässigen Sendergruppe gehören 23 Fernseh‑ und 17 Radiosender, die 2000
einen Umsatz von rund 4,2 Mrd. Euro erwirtschafteten. [...]
Die in Brüssel notierte Investmentgesellschaft GBL
ist Bertelsmann zufolge an Unternehmen unterschiedlicher Branchen
beteiligt, darunter auch an dem französischen Mineralölkonzern
TotalFinaElf und dem französischen Mischkonzern Suez Lyonnaise des Eaux.
[...]
Der Bertelsmann‑Konzern ist mit einem Jahresumsatz
von 32,4 Mrd. DM im Jahr 1999/2000 der viertgrößte Medienkonzern der Welt.
Bertelsmann behält auch nach dem Aktientausch die
Kontrolle über das Unternehmen. 57,6 Prozent befinden sich dann noch im
Besitz der Bertelsmann Stiftung und 17,3 Prozent im Besitz der Familie
Mohn. Vor dem Aktientausch hatte die Bertelsmann Stiftung 71,2 Prozent,
die Familie Mohn 21,4 Prozent und die Zeit‑Stiftung 7,4 Prozent. [...]
Die Übernahme der Mehrheit an RTL durch die
Bertelsmann AG könnte nach Angaben aus EU‑Kreisen ein Fall für die
EU‑Kommission werden. Angesichts der Größe der beteiligten Unternehmen
sei es wahrscheinlich, dass die Firmen die Pläne bei der
EU‑Wettbewerbsbehörde vorlegen müssten, hieß es am Montag in Brüssel.
(Der Weg ist frei für einen neuen Börsenriesen. In:
Hannoversche Allgemeine Zeitung .6.2.2001. S. 11)
-
Stellen Sie anhand des Textes die
Kapital‑Verflechtungen von Bertelsmann/RTL dar und zeichnen Sie dies in
ein graphisches Schema.
-
Erläutern Sie, in welchen Wirtschaftsbereichen
durch die Fusion kartellrechtlich relevante Machtzusammenballungen
vermutet werden können.
-
Erörtern Sie die Interessenabwägungen, die bei
einer kartellrechtlichen Kontrolle für und gegen diesen Zusammenschluss
sprechen, und berücksichtigen Sie dabei auch die globalen
Konkurrenzverhältnisse auf den Medienmärkten.
-
Diskutieren Sie die gesellschaftlichen und
politischen Probleme, die sich bei einer weiteren Konzentration der
Kommunikations‑Märkte (TV, Film, Presse) ergeben können, und nehmen Sie
Stellung zu der Frage nach der Kontrolle der Medienmacht.
3.3.4 Der Weg zur wirtschaftlichen Einheit Deutschlands
Ein besonders wichtiges Ziel der Wirtschaftspolitik
in Deutschland besteht darin, die nach wie vor bestehenden
wirtschaftlichen Disparitäten zwischen den „alten“ und den „neuen“
Bundesländern zu überwinden. Diese Disparitäten weisen auf den schwierigen
Prozess der „Systemtransformation“ von der zentralen
Verwaltungswirtschaft/Planwirtschaft in der ehemaligen DDR zur
marktwirtschaftlichen Ordnung im heutigen Deutschland hin.
Die
Krise der DDR aus sozialwissenschaftlicher Perspektive
Die Organisation der Volkswirtschaft wurde nicht nach
Kriterien wie Effizienz, Rationalisierung, Knappheits-Prinzip, technischer
Qualitätsoptimierung strukturiert, ausgenommen der von der UdSSR
dominierte Rüstungssektor, der aber bedingt durch intensive
„Blaupausen“‑Spionage mögliches Investiv‑Kapital in erheblichem Maße
band. Der Wechsel von extensiver Ausbeutung der Arbeitskraft zur
intensiven und letztlich intelligenten Ausnutzung von human capital wurde
nicht erreicht. Er war durch Zementierung geltender Staatsdoktrinen
blockiert und dadurch verhindert worden. So erfolgte mit dem Ende der DDR
die „Demaskierung“ einer bislang in der Rangfolge der Industrie‑Länder
hoch eingeordneten Volkswirtschaft, was vor allem auch bewirkt worden war
durch nicht vergleichbare (statistische) Bewertungsmaßstäbe, manipulierte
Statistiken, eine verschleierte Außenverschuldung (ca. 80 Mrd.
DDR‑Staatsschulden) und das zwar als positiv eingeschätzte, aber nur unter
den spezifischen Bedingungen (scheinbar) wirtschaftlich funktionierende
Binnensystem, das, wie die Ereignisse von 1989 zeigen, strukturell
instabil und nicht hinreichend legitimiert war. Auch in den neuen
Bundesländern ist das Aufeinanderstoßen antagonistischer wirtschaftlicher
Paradigmen zu einem Entwicklungshemmnis geworden, was eben gerade nicht
eine Auseinandersetzung von Sozialismus und Kapitalismus bedeutet, sondern
sich auf die Bewertung der Produktionsfaktoren – Arbeit,
Produktionskapital, Flächenverbrauch und auch auf die Verwendung und
rationelle Nutzung von Rohstoffen und Energie bezieht und die Konsequenzen
ans dem Knappheitspostulat ziehen muss.
(Lothar Nettelmann / Gerhard Voigt: Thesen zur
„Wende“. Probleme der Wahrnehmung, Bewertung und Bewältigung sozio‑ökonomischer
Transformationsprozesse. In: „politik unterricht aktuell“, Heft 2000/1, S.
46 f.)
Der
Kollaps der DDR‑Ökonomie 1989 –1991
*
Verringerung der industriellen Warenproduktion
in der DDR bzw. in Ostdeutschland von 1989 bis 1990 ca. 50 %, bis Anfang
1991 fast 70 %.
*
Zahl der Erwerbstätigen zum Zeitpunkt der
Vereinigung von DDR und BRD: über 9 Millionen, 1991: 6,2 Millionen.
*
Arbeitslosigkeit 1991: 1,2 Mio. Menschen waren
1992 offiziell als arbeitslos registriert, weitere knapp 2 Millionen
befanden sich zum gleichen Zeitpunkt in arbeitsmarktpolitischen
Maßnahmen.
Die wirtschaftliche Entwicklung in den neuen
Bundesländern ist auf den Systemunterschied zwischen der ehemaligen DDR
und der Bundesrepublik Deutschland ebenso zurückzuführen wie auf
strukturelle ökonomische Defizite der damaligen DDR selbst, die in ihren
Folgen noch heute nachwirken. Über die Gründe des Zusammenbruchs gibt es
verschiedene Hypothesen. Vor allem die Einführung der D‑Mark zu einem –
gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit – stark überbewerteten
Kurs war ausschlaggebend. Obwohl die Währungs‑ und Wirtschaftsunion zu
einem frühen Zeitpunkt für das Ziel der Vereinigung politisch notwendig
war und von den Menschen auch erwartet wurde, überforderte sie die
Anpassungsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft. Als Strukturdefizite der
DDR‑Ökonomie werden genannt:
*
veraltetes Anlagekapital (Maschinen, Anlagen);
*
zu geringe Produktivität (weniger als 30 % des
westdeutschen Niveaus);
*
wenig wettbewerbsfähige Produktpalette.
Aus dem Jahresbericht 2000 der Bundesregierung zum
Stand der Deutschen Einheit
Insbesondere in den neuen Ländern haben die Bürger
einen Neuanfang geschaffen. Gleichwohl ist der Weg der wirtschaftlichen
und sozialen Angleichung zwischen Ost und West noch nicht abgeschlossen.
insbesondere die hohe Arbeitslosigkeit stellt ein gravierendes Problem in
den neuen Ländern dar, Deshalb sind die wichtigsten Ziele [...] die
Schaffung von ausreichend Arbeitsplätzen und die Angleichung der
Lebensverhältnisse in ganz Deutschland. [...] mit dem Wachstum des
Verarbeitenden Gewerbes bildet sich eine wettbewerbsfähige industrielle
Basis in den neuen Ländern heraus. Erste Lichtblicke gibt es auch auf den
Arbeitsmärkten. insgesamt werden die neuen Länder aber auch in Zukunft auf
die Unterstützung und den solidarischen Beitrag des ganzen Landes
angewiesen sein.
Die volkswirtschaftlichen Daten zeigen, dass ein
langsamer Anpassungsprozess in den neuen Bundesländern stattfindet, dass
aber die wirtschaftliche Situation hinsichtlich Produktivität,
Investitionsverhalten, Arbeitslohnniveau und Arbeitslosigkeit zwischen
West‑ und Ostdeutschland noch deutliche Disparitäten aufweist.
Entwicklung der Produktion im produzierenden Gewerbe in den neuen Ländern
(Index 1995 = 100)
|
|
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
|
Verarbeitendes Gewerbe |
105,9 |
115,6 |
127,6 |
135,3 |
|
davon: |
|
|
|
|
|
Büromaschinen |
116,3 |
140,3 |
158,0 |
183,0 |
|
Fahrzeugbau |
94,3 |
100,7 |
129,2 |
137,9 |
|
Chemische Industrie |
98,2 |
99,9 |
114,8 |
126,9 |
|
Ernährung |
112,8 |
123,6 |
126,0 |
128,7 |
|
Möbel |
104,6 |
116,0 |
128,1 |
128,2 |
|
Bau |
96,6 |
92,2 |
85,3 |
|
-
Erläutern Sie die unterschiedlichen
Produktionsbedingungen der einzelnen Branchen im Hinblick auf Rohstoffe,
Produktionsform, Arbeitsmarkt und Absatz und erörtern Sie daraufhin die
oben stehende Tabelle.
Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts nach neuen und alten Ländern
199S‑1998
(Berechnung des
Bruttoinlandsprodukts auf Preisbasis 1991)
|
|
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
|
alte Länder |
0,9 |
1,1 |
2,3 |
2,8 |
* 2,7 |
|
neue Länder |
4,4 |
3,2 |
1,7 |
2,0 |
* 2,2 |
* Schätzung 1999,
vorläufige Daten (Quelle: Statistisches Bundesamt)
Entwicklung der Arbeitsproduktivität in den neuen Ländern
|
|
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
|
AP (BIP/Beschäftigten) in DM |
62.300 |
66.000 |
69.700 |
70.900 |
* 71.000 |
|
AP in % der westdeutschen
Produktivität |
56,2 |
59,5 |
60,3 |
59,4 |
* 61,0 |
* Schätzung 1999,
vorläufige Daten (Quelle: Statistisches Bundesamt)
Die Gründe für den Produktivitätsabstand zu
Westdeutschland sind vielfältig. Er hat hauptsächlich strukturelle
Ursachen. Zu den verschiedenen Faktoren zählen insbesondere:
*
eine geringere Zahl an kapitalkräftigen
Großunternehmen in der ostdeutschen Wirtschaft,
*
eine im Durchschnitt deutlich geringere
Kapitalausstattung der Unternehmen,
*
ein hoher Anteil an Wirtschaftszweigen mit
relativ niedriger Produktivität (Baugewerbe, Landwirtschaft),
*
deutlich weniger forschungs‑ und
entwicklungsintensive Branchen,
*
vergleichsweise höhere Marktzugangsbarrieren
aufgrund des Umstandes, dass sich ostdeutsche Unternehmen erst noch ihre
Referenzen als wettbewerbsfähige Anbieter auf den Absatzmärkten
erarbeiten müssen.
(Jahresbericht 2000 der Bundesregierung zum Stand der
Deutschen Einheit)

Die Neue Messe in Leipzig
Mit dem Ende der UdSSR und der Auflösung des RGW
brachen auch die traditionellen Absatzmärkte in Osteuropa zusammen. Hinzu
kam, dass nahezu sämtliche Waren der DDR‑Produktion aus den
Verkaufsregalen der überwiegend von westdeutschen Handelsketten
übernommenen Geschäfte verschwanden. In kurzer Zeit waren größte Teile der
ostdeutschen Wirtschaft zahlungsunfähig. Dies erklärt, warum der
wirtschaftliche Einbruch bis auf wenige Ausnahmen alle Bereiche erfasste.
Hauptfelder des Transformationsprozesses und der wirtschaftspolitischen
Aktivität in den neuen Bundesländern
|
Eigentumsordnung insbesondere Verfügung über die
Produktionsmittel |
Grundlage der Politik war die Privatisierung
ehemaligen Staats‑ bzw. „volkseigenen“ und genossenschaftlichen
Produktionsvermögens (Staatsbetriebe, VEB, LPG), die durch die
staatliche „Treuhandanstalt“ und ihre Nachfolgebehörde, die
Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben, durchgeführt
wurde. |
|
Vereinheitlichung der Rechtsordnung |
Die nur wenig modifizierte Übernahme der
bundesdeutschen Gesetze und Verordnungen im Bereich der
Wirtschaftsordnung führte sofort zur Einbeziehung in den Prozess der
europäischen Integration. |
|
Arbeitsrecht und Arbeitsmarkt |
Die Arbeitsmarktpolitik mit dem Ziel des Abbaus
der Arbeitslosigkeit durch Investitionshilfen (Wachstumspolitik),
Arbeitsbeschaffungs‑ und Qualifizierungsmaßnahmen steht im
Spannungsverhältnis zu dem Ziel der Einkommensangleichung durch
Übernahme der Lohn‑ und Gehaltstarife der westlichen Bundesländer.
Dieses Ziel ist auch Gegenstand der Tarifauseinandersetzungen zwischen
Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. |
Sozialunion
Mit der Währungs‑ und Wirtschaftsunion am 1. Juli
1990 trat auch die Sozialunion in Kraft. Damit wurde die Grundlage für die
Einführung der Sozialen Marktwirtschaft geschaffen. Die volle
Einbeziehung aller Ostdeutschen in die sozialen Sicherungssysteme der
Bundesrepublik war ein wichtiger erster Schritt zur Angleichung der
Lebensverhältnisse. Sie half den Menschen, die gewaltigen Umbrüche und
Veränderungen der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse besser zu
verkraften.
(Jahresbericht 2000 der Bundesregierung zum Stand der
Deutschen Einheit)
|
 |
 |
|
Regale in den Tagen vor ... |
... und nach der Währungsunion |
Die Angleichung des sozialen Sicherungssystems in den
neuen Bundesländern an das System der alten Bundesrepublik führte in
besonderem Maße zu ökonomischen Problemen. Die Sozialleistungen in der
DDR wurden aus den laufenden Staatseinnahmen (z. B. in den Volkseigenen
Betrieben) bestritten. Es fehlte daher ein Rücklagenkapital, wie es in der
Bundesrepublik Deutschland über lange Zeiträume aus Beiträgen bei den
Sozialversicherungsträgern gebildet worden war. Auch nach der Vereinigung
steht in den neuen Ländern wegen der wirtschaftlichen Probleme ein
vergleichsweise geringes Beitragsaufkommen hohen Leistungsanforderungen
an die Sozialversicherungen gegenüber. So sind die neuen Bundesländer
mehr noch als die Länder der alten Bundesrepublik vor allem „Nehmerländer“
mit hohen Beitragsdefiziten.
Die Notwendigkeit der Angleichung der
Lebensverhältnisse in West und Ost macht einen längerfristigen Kapital‑
und Leistungsfluss von West nach Ost notwendig, der sich nicht nur im
Bereich der Sozialunion, sondern auch im Bereich der privaten und
öffentlichen Investitionen (Verkehrswegebau, Versorgung und Entsorgung,
Umweltschutzinvestitionen u. a.) vollzieht. Soweit sich dieser Prozess
Über staatlich geführte Wirtschaftspolitik vollzieht, wird er als „Aufbau
Ost' bezeichnet und u. a. durch den „Solidaritätszuschlag“ auf die
Einkommenssteuer finanziert.
„Aufbau Ost“ – Pro und Kontra
|
 |
Pro
Jede vernünftige Investition regt die Nachfrage
an und ist konjunkturpolitisch sinnvoll. Die industriellen
Neuinvestitionen im Osten sorgen für eine technologische Erneuerung,
die es wahrscheinlich macht, dass die Innovationszentren in den
konjunkturellen „Langen Wellen“ in Zukunft zusammen mit anderen
ehemaligen RGW‑Ländern wie Polen, Tschechei und Ungarn eher im
östlichen Mitteleuropa liegen und damit eine neue Chance für die
deutsche Wirtschaft bedeuten.
Kontra
Der hohe Geldbedarf der östlichen Bundesländer
schwächt die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland im
internationalen Wettbewerb und führt letztlich zu geringerem
Wirtschaftswachstum. So werden die Investitionsgewinne im Osten wieder
aufgefressen. Gegenseitige Vorurteile und Aggressionen zwischen den
Bürgern Ost‑ und Westdeutschlands werden gefördert. Das Sozialsystem
wird unbezahlbar und letztlich ist der Osten ein „Fass ohne Boden“.
|
 |
-
Sammeln Sie Informationen zur Begründung
beider kontroverser Thesen und organisieren Sie in Ihrer Lerngruppe eine
Diskussion zu diesen Positionen.
-
Organisieren Sie eine Podiumsdiskussion über
die wirtschaftliche Situation an Ihrem Heimatort, zu der
Kommunalpolitiker, Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften
eingeladen werden.
Projektaufgabe / Gruppenarbeit:
-
Untersuchen Sie die wirtschaftliche Situation
Ihrer Heimatregion.
-
Legen Sie zunächst fest, welche Indikatoren
für Ihre Untersuchung gelten sollen (z. B. Investitionstätigkeit,
Entwicklung der Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarktsituation).
-
Gehen Sie arbeitsteilig vor. Nutzen Sie
Informationen der Industrie‑ und Handelskammern, der Arbeitsämter, der
Wirtschaftsdezernenten in den Kommunen, der Arbeitgeberverbände und
Gewerkschaften. Werten Sie Berichte der Lokalpresse aus.
-
Vergleichen Sie die Ergebnisse Ihrer
Untersuchung mit den Bundes‑ und Landesdurchschnitten in den alten und
neuen Bundesländern, die Sie aus statistischen Jahrbüchern und anderen
statistischen Materialien der Bundes‑ und Landesregierung entnehmen
können.
Informationen in www.bundesregierung.de,
www.deutschland.de, www.ifo.de, www.spiegel.de
3.4
Das Geld in der Wirtschaft
3.4.1 Das Geld und die Probleme des Wertbegriffs
Geldwertstabilität
Gesetz zur Förderung der Stabilität und des
Wachstums der Wirtschaft („Stabilitätsgesetz“) vom 8.6.67, § 1:
„Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts‑ und
finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen
Gleichgewichts zu beachten. Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im
Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des
Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem
Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum
beitragen.“
Nach dem Stabilitätsgesetz hatte die Deutsche
Bundesbank dafür zu sorgen, dass der Geldwert (d. h. die Kaufkraft)
möglichst stabil bleibt. Diese Aufgabe ist im Zuge der Europäischen
Wirtschafts‑ und Währungsunion an die Europäische Zentralbank in Frankfurt
a. M. übergegangen. Sie hat den Wert des EURO stabil zu halten und die
Geldmenge in den Ländern der EURO‑Zone zu kontrollieren.
in www.ecb.int (aktuelle Statistiken in englischer
Sprache)
Merkmale von Inflation und Deflation
|
Inflation |
Deflation |
|
*
Kaufkraftschwund bzw. völlige
Geldentwertung
*
Flucht in Sachwerte und damit Erhöhung der
Umlaufgeschwindigkeit des Geldes
*
Güterverknappung
*
Fehlen von Produktionsreserven durch
Überbeschäftigung
*
Exportausweitung, solange die Preise für
das Ausland günstig sind
*
Verlust des ersparten Bar‑ und Buchgeldes
(Schuldner, besonders die öffentliche Hand gewinnen)
*
Sozialer Abstieg von Rentnern, Gehalts‑
und Lohnempfängern
*
Beseitigung der Inflation durch
Verringerung des Geldvolumens (Währungsreform)
|
*
Preisrückgang
*
Extreme Sparneigung und damit
Verringerung der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes
*
Stillegung von Produktionsstätten
*
Massenarbeitslosigkeit
*
Wertsteigerung des ersparten Bar‑ und
Buchgeldes (Gläubiger gewinnen)
*
Beseitigung der Deflation durch Schaffung
zusätzlicher Nachfrage und Erhöhung der Geldmenge
|
Die Europäische Zentralbank fasst regelmäßig die
Daten der Länder der EURO‑Zone zusammen. Ein wichtiges Leitdatum ist das
Außenhandelsgleichgewicht. Es besagt, inwieweit die eingehenden Zahlungen
(für Exporte) den ausgehenden Zahlungen (für Importe) möglichst gleich
sind. Geldwertveränderungen (z. B. EURO‑Schwäche im Verhältnis zur
internationalen Leitwährung US‑$) beeinträchtigen dieses Gleichgewicht.

Finanzmetropole Frankfurt am Main
Daten der Europäischen Zentralbank für 1999 und 2000 (in Billionen Euro)
|
|
1999 |
2000 |
|
August |
|
Januar- August |
August |
|
Januar- August |
|
G |
S |
B |
G |
S |
B |
G |
S |
B |
G |
S |
B |
|
Laufende
Zahlungsbilanz |
100.6
|
102.4 |
-1.8
|
865.5
|
861.5 |
3.9
|
120.8
|
123.0 |
-2.2
|
1000.2
|
1019.1
|
-18.9 |
|
davon: Güter |
60.4 |
55.7 |
4.6
|
516.6
|
459.1 |
57.6 |
75.5 |
70.9 |
4.6
|
619.6
|
582.6
|
37.0 |
|
Dienstleistungen |
20.8 |
21.5 |
-0.7
|
157.5
|
164.0 |
-6.5 |
23.4 |
23.1 |
0.3
|
173.5
|
179A
|
-5.9 |
|
Einkommen |
15.3 |
16.1 |
-0.8
|
144.0
|
165.3
|
-21.2 |
18.5 |
20.1 |
-1.6
|
159.7
|
179.7
|
-19.9 |
|
Auslandsüberweisungen |
4.1 |
9.1 |
-5.0 |
47.3 |
73.2
|
-25.9 |
3.4 |
9.0 |
-5.6 |
47.4
|
77.5 |
|
|
Kapitalbilanz |
1.0 |
0.4 |
0.6 |
11.1 |
3.6 |
7.5 |
0.9 |
0.8 |
0.1 |
11.0
|
5.2 |
|
G = Guthaben,
eingehende Beträge S = Schulden, ausgehende Beträge B = Bilanz, Saldo für
die EURO‑Zone
Über www.ecb.int können Sie die Daten
aktualisieren.
Geld ist nicht gleich Geld!
Geld ist dynamisch: Erst, wenn es in der
Volkswirtschaft umläuft, erhält es seinen Wert. Je schneller der
Geldumlauf abläuft, desto größer ist die wirksame Geldmenge.
Arten des Geldes
Wege des Geldes

Ein
Spiel: Wir machen Geld
Bestimmen Sie in Ihrer Lerngruppe (Teilnehmerinnen
und Teilnehmer A, B, C, ...), welche Güter und Dienste (zu bezeichnen mit
W1, W2, W3, ...) Sie untereinander handeln wollen, und legen Sie fest,
wieviel Vertrauen Sie in die Kreditwürdigkeit der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer setzen (zu bezeichnen mit A(4), B(3), C(4) .... wobei die Zahl
für ein Währungsäquivalent steht). Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer
kann nun für die Summe dieses Währungsäquivalents Schuld scheine (a(1),
b(2), c(1) ... ) ausgeben, die vom Empfänger zu weiteren Käufen wiederum
weitergegeben werden können. Das Spiel beginnt so.
A(4) kauft von B für a(1) Wl, von C für a(1) W2, von
D für a(2) die teurere Ware W3 B(3) kauft von A für b(2) W4, von C für
a(1) W5, von D für b(1) W6
C(4) kauft von A für c(2) W7, von B für a(l+1) W8,
von E für c(2) W9 ... und so weiter.
Führen Sie das Spiel systematisch fort und
berücksichtigen Sie dabei, dass die Kreditwürdigkeit regelmäßig überprüft
werden kann, wenn jemand z. B. viel eingenommen hat ... Zählen Sie am Ende
des Spiels alle Kaufsummen, die bezahlt worden sind, zusammen und rechnen
Sie damit aus, wie viel „Geld“ Sie insgesamt in Umlaufgebracht und
ausgegeben haben, ohne auch nur einmal die gesetzlichen Zahlungsmittel in
Anspruch genommen zu haben.
Geldmenge und Geldschöpfung
Die gesamte Geldmenge ergibt sich als Summe des
Münzgeldes, der Banknoten und des „Buchgeldes“. Dieses „Buchgeld“ ist
nicht anschaulich. Es „entsteht“ im Prozess des wirtschaftlichen Handelns
und beruht immer auf der Annahme der Kreditfähigkeit des jeweiligen
Wirtschaftspartners, wie wir es in unserem Spiel „Geld machen“ gelernt
haben. Wie „Buchgeld“ durch die Kreditschöpfung zwischen den
Kreditinstituten entsteht, zeigt folgende Musterrechnung, die in der
volkswirtschaftlichen Ausbildung in verschiedenen Varianten immer wieder
diskutiert wird. Kleinere Abweichungen ergeben sich in der Realität durch
die Rundungskonventionen. Das Zustandekommen der Tabelle ist
folgendermaßen zu erklären:
Ein Kunde hat bei seiner Bank 2.000,00 EURO bar
eingezahlt. Die Bankbilanz stimmt in Kassenhaltung und Einlagen mit
2.000,00 EURO überein. Die Liquiditätsreserve beträgt bei einem Satz von
20 % 400,00 EURO; der Liquiditätsüberschuss 1600,00 EURO. Die Bank gewährt
in Höhe des Liquiditätsüberschusses einen Buchgeldkredit. Die
Buchgeldschöpfung hat somit ein Volumen von 1.600,00 EURO. Der
Kreditnehmer überweist diese 1.600,00 EURO an einen Gläubiger, der sein
Konto bei einer zweiten Bank führt. Dieser überweist an einen weiteren
Gläubiger, der sein Konto bei einer dritten Bank führt usw.

„Meine private Bank…“
|
Kreditschöpfung |
Einlage |
Reserve |
Kredite |
|
(1) |
(2) |
(3) |
(4) |
|
|
|
20 % von (2) |
(2)‑(3) |
|
Bank 1 |
2000,00 |
400,00 |
1600,00 |
|
Bank 2 |
1600,00 |
320,00 |
1280,00 |
|
Bank 3 |
1280,00 |
256,00 |
1024,00 |
|
Bank 4 |
1024,00 |
204,80 |
819,20 |
|
Bank 5 |
819,20 |
163,84 |
655,36 |
|
… |
|
|
|
|
… |
|
|
|
|
|
Der gleiche Rechenvorgang wiederholt sich regelmäßig, bis bei der 49.
Stufe eine Gesamtkreditsumme von fast 8 000,00 EURO entstanden ist, die im
Wirtschaftskreislauf als Geld wirksam wird. |
|
Bank 49 |
0,04 |
0,01 |
0,04 |
|
Liquiditätsreserve: |
1999,96 |
|
|
Kreditsumme: |
|
7999,86 |
3.4.2 Geld‑ und Warenwert: Der Wirtschaftskreislauf
Das Wirtschaftsgeschehen einer Volkswirtschaft kann
insgesamt als Kreislaufmodell beschrieben werden, wobei einem materiellen
Kreislauf der Waren und Dienste ein Kreislauf des Geldes entgegenläuft.
Theoretisch müsste die Summe der materiellen Werte in diesem Kreislauf dem
Wert der Geldströme im entsprechenden Zeitraum entsprechen.
Geld‑ und Warenkreislauf

Indem wir die einzelnen Kreisläufe in Geldwert
ausdrücken, kommen wir zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung mit den
grundlegenden Kategorien, welche die Volkswirtschaft eines Landes
charakterisieren und quantitativ beschreiben:
*
Bruttosozialprodukt (BSP): Gesamtsumme
aller Waren und Dienstleistungen
*
Volkseinkommen (VE): Gesamtsumme aller
Einkommen, Löhne und Gehälter
BSP und VE müssten theoretisch den gleichen Wert
haben, da aber die Berechnungssystematik nicht vergleichbar ist, können
beide Kategorien nicht nebeneinander verwendet werden. Das BSP errechnet
sich aus den Steuerleistungen aller Wirtschaftssubjekte und wird aus
staatlichen Statistiken gewonnen. Eine vergleichbare Einkommenserfassung
findet in der Bundesrepublik Deutschland nicht statt. In der DDR wurde
wegen eines abweichenden Steuersystems und Fehlens der Marktpreise kein
BSP errechnet, sondern aus den Einkommensunterlagen des Staates nur das
VE.
*
Bruttoinlandsprodukt (BIP): Zieht man
den Außenhandelsbeitrag vom BSP ab, erhält man das BIP.
Schema der Berechnung des Sozialproduktes
1
i
Ist
das Sozialprodukt Maßstab des Wohlstandes?

AR = Analphabetenrate
Erwachsene (älter als 15 Jahre) in %
KS =
Kindersterblichkeit auf 1000 Lebendgeburten
LE = Lebenserwartung
in Jahren BSP =
Bruttosozialprodukt
pro Kopf in US‑Dollar
(Quelle. Fischer WeltaInianach 2000, CD‑ROM)
-
Stellen Sie die Entwicklung der
Analphabetenrate, der Kindersterblichkeit, der Lebenserwartung dieser
Länder und des BSP pro Kopf in einem Kurvendiagramm dar.
-
Stellen Sie fest, in welchem Verhältnis die
Kurven des BSP pro Kopf und der übrigen Sozialdaten in diesen Ländern
zueinander stehen.
-
Wie erklären Sie gefundene Unterschiede?
Ziehen Sie zur Erklärung länderkundliche Informationen heran, die sie u.
a. aus der Wirtschaftskarte des Atlas oder aus Lehrmaterial des
Geografieunterrichtes entnehmen können. Aktualisierungen der Daten können
Sie ggf. in neuen Folgen des Fischer Weltalmanach, in den Statistischen
Jahrbüchern des Bundesamtes für Statistik (in Bibliotheken einsehbar)
oder der UNO vornehmen.
-
Überlegen Sie, was die Größen „Sozialprodukt“
und „Volkseinkommen“ aussagen und welche wichtigen Charakteristika einer
Gesellschaft, ihrer Probleme und Entwicklungschancen mit diesen Größen
nicht gekennzeichnet und erklärt werden können.
Arbeit und Arbeitsgesellschaft
Arbeit

Die Arbeit im Sinne von Berufstätigkeit ist für die
moderne Wirtschaftsgesellschaft wie für das Leben jedes Einzelnen von
zentraler Bedeutung und daher in vielfältiger Weise durch den Staat und
seine Gesetze geregelt. Doch Bedeutung und Regelung der Arbeit sind in der
Bundesrepublik Deutschland nicht unumstritten. Das gilt für folgende
Zusammenhänge:
Stellung der Arbeitnehmer im Betrieb
Die Rechte der Arbeitnehmer schränken
notwendigerweise die Entscheidungsfreiheit des Unternehmers bzw. des
Kapitaleigners ein, daher sind sie Gegenstand gesellschaftlicher
Auseinandersetzungen, in denen es um Schutzrechte für die Arbeitnehmer,
Mitwirkungs‑ und Mitbestimmungsrechte im Betrieb, Rechte auf soziale
Absicherung (z. B. durch die Sozialversicherungen) geht (vgl. Kap. 2.2).
Arbeit, Ausbildung und Qualifikationsstandards
Es ist unumstritten, dass die Leistungsfähigkeit
einer Volkswirtschaft vom hohen Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer
abhängt. Umstritten ist jedoch, wie die Bildung staatlich, privat oder
durch die Wirtschaft selbst zu finanzieren ist und in weichem Verhältnis
dabei Allgemeinbildung (z. B. durch die Schule) und berufliche
Fachqualifikation (Berufsausbildung) stehen und welches Ausmaß staatliche
Regelungen für formale Qualifikationen notwendig haben sollen.
Bildung im Bereich der europäischen Integration
Die Europäische Union hat das Ziel, Freizügigkeit und
Gleichwertigkeit für alle Arbeitnehmer in ihrem Bereich zu garantieren.
Das bedeutet, dass einzelstaatliche Sonderregelungen für schulische und
berufliche Qualifikationen mittelfristig ebenso abgebaut werden sollen wie
besondere staatliche oder berufsständische Zugangsregelungen zu Berufen,
die eine Ausbildung im eigenen Land verlangen (z. B. Handwerksrolle und
Meisterbrief, Zulassung zu den Berufen des Anwalts oder des Arztes).
Die gesetzlichen Regelungen der Arbeit und der
Ausbildung sind sowohl in innenpolitischen Zusammenhängen wie im Rahmen
der europäischen Integration in Fluss und werden z. T. grundlegend
überarbeitet.
-
Verfolgen Sie in der Presse, welche dieser
umstrittenen Fragen gegenwärtig diskutiert, weiche Meinungen, Standpunkte
vertreten und weiche gesetzlichen Neuregelungen getroffen werden.
Das
Berufsleben des Jochen M.
|
15 Jahre: |
Jochen hat gejobt. Dabei musste der Betrieb
strenge Jugendschutzbestimmungen einhalten, wie z. B.
Arbeitszeitbegrenzung, Verbot schwerer körperlicher Arbeit,
Nachtarbeitsverbot. Wegen der geringen Beschäftigungsdauer blieb
das Arbeitsverhältnis steuer‑ und abgabenfrei. |
|
16 Jahre: |
Jochen findet zunächst keine Ausbildungsstelle.
Da er noch schulpflichtig Schulabschluss ist, besucht er vormittags
die Berufsschule im Berufsgrundbildungsjahr. Seine
Familie hat finanzielle Probleme. Daher nimmt er zusätzlich vorüber
gehend eine geringfügige Beschäftigung (zur Zeit 630 DM‑Gesetz)
an, bei der er eine Steuerfreistellung beantragt hat und bei
der der Arbeitgeber die Sozialabgaben pauschal abführt, ohne
dass für Jochen dabei Leistungsrechte entstehen. |
|
17 Jahre: |
Jochen findet eine Lehrstelle als Kfz‑Mechaniker.
Zunächst müssen seine Berufsausbildung Eltern und er mit dem
Ausbildungsbetrieb einen Ausbildungsvertrag abschließen. Für
seine Tätigkeit erhält er einen tarifmäßigen (d. h. in den
Tarifverhandlungen zwischen Arbeitnehmerorganisation und
Gewerkschaften ausgehandelten) Lohn für Auszubildende
(Azubis). Daneben besucht er an zwei Tagen in der Woche die für sein
Berufsfeld zuständige Berufsschule. |
|
Abschlussprüfung: Gesellen‑ oder
Facharbeiterprüfung |
Er schließt seine Ausbildung erfolgreich mit
einer Prüfung ab (je nach Beruf und Betrieb bei der Handwerkskammer
oder der Industrie‑ und Handelskammer). Der theoretische
Teil wird von der Berufsschule durchgeführt. |
|
18 Jahre: Arbeitslosigkeit |
Jochen wird von seinem Betrieb nicht übernommen
und meldet sich beim Arbeitsamt als Arbeitsuchender. Er erhält
vorübergehend bei der Gemeinde einen Aushilfsjob im Rahmen einer vom
Arbeitsamt unterstützten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
(ABM‑Stelle). |
|
19 Jahre:
Tätigkeit im erlernten Beruf |
Nach etwa 14 Monaten findet Jochen eine Stelle in
einem Kfz‑Betrieb. Er schließt einen Arbeitsvertrag ab, der
seine Arbeitsleistungen, seine Eingruppierung in den Lohntarif
sowie Einzelheiten über Arbeitszeit, Urlaub, Sozialleistungen
des Betriebes usw. regelt. Dieser Vertrag ist ebenso wie der
Tarifvertrag, auf den er Bezug nimmt, für beide Seiten
rechtsverbindlich und kann gegebenenfalls beim Arbeitsgericht
eingeklagt werden. Verstößt Jochen gegen die Bestimmungen des
Arbeitsvertrages, ist dies ein Kündigungsgrund. |
|
Pflichten des Arbeitnehmers |
Grundsätzlich muss Jochen gegenüber seinem
Betrieb loyal sein, d. h., er darf nichts tun, was dem Betrieb
und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern schadet oder ihren Ruf
beeinträchtigt. Insbesondere muss er Informationen aus und über
seinen Betrieb und die Belegschaft vertraulich behandeln. Sexuelle
Anmache oder politische Agitation im Betrieb sind Gründe für eine
fristlose Kündigung. |
|
Rechte des Arbeitnehmers |
Da neue Tarifverhandlungen anstehen,
möchte Jochen dabei mitwirken. Er tritt der zuständigen
Gewerkschaft bei (in seinem Fall die IG Metall) und lässt
sich in den Betriebsrat wählen (im öffentlichen Dienst heißt
die ent sprechende Institution Personalrat). Damit kann er die
betrieblichen Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer
wahrnehmen. Der Betriebsrat wird informiert und angehört bei
Kündigungen, bei Veränderungen der Arbeitsbedingungen und
Sozialleistungen, bei der generellen Regelung von Arbeits‑ und
Urlaubszeiten. Er wird vertraulich über die wirtschaftliche
Situation des Betriebes informiert. |
|
Tarifverhandlungen / Arbeitskampf |
Der neue Tarifvertrag kommt nicht zustande. Daher
kommt es nach Ablauf des alten Tarifvertrages (also nach Ende der
Friedenspflicht) zu einem Arbeitskampf. Die Gewerkschaft
führt in ihrem Organisationsbereich eine Urabstimmung durch,
bei der über 75 % der Beschäftigten für einen Streik stimmen. Nach
einigen Tagen Streik vereinbaren die Tarifparteien die
Anrufung eines neutralen Schlichters. |
|
Tarifabschluss |
Auf der Grundlage seines Schiedsspruches
wird ein neuer Tarifvertrag vereinbart, der von der Mehrheit der
Arbeitnehmer wie auch von dem Arbeitgeberverband angenommen und
unterzeichnet wird. Damit beginnt für die Laufzeit des Vertrages
wieder die Friedenspflicht, in der „wilde Streiks“
rechtswidrig sind und zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen
(Kündigungen) führen können. |
|
Betriebswechsel |
Jochen sucht und findet eine Stelle in einem
anderen Betrieb, die seinen Wünschen besser entspricht. Dabei musste
er sicherstellen, dem bisherigen Betrieb nicht zu schaden und
weiterhin die Vertraulichkeit zu wahren. |
|
Zeugnisse |
Der Arbeitgeber muss dem ausscheidenden
Arbeitnehmer auf Wunsch ein qualifiziertes Zeugnis
aushändigen, in dem keine negativen Einträge stehen dürfen und
das trotzdem wahrheitsgemäß sein muss. Dies ist vor dem
Arbeitsgericht einklagbar. Oft versuchen Arbeitgeber, negative
Einschätzungen durch verdeckte Formulierungen („bemühte sich um
Pünktlichkeit“ = „schaffte es aber nicht“ o. ä.) auszudrücken; dies
ist jedoch nicht zulässig. Nur Auslassungen im Zeugnis können
aussagefähig sein: wenn zum Beispiel im Zeugnis eines Kassierers
nichts über korrekte Abrechnungen und Ehrlichkeit steht, ist dies
eher bedenklich. |
|
Rente |
Mit 61 Jahren geht Jochen in den vorgezogenen
Ruhestand. Die Regelungen über den vorzeitigen Ruhestandsbeginn
wechseln schnell und werden oft nach Arbeitsmarktlage ausgehandelt,
um z. B. Massenentlassungen in bestimmten Branchen zu verhindern.
Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit ist immer ein Grund für einen
vorzeitigen Ruhestand, muss aber mit einer Verminderung der
Rentenhöhe erkauft werden. |
Die
Arbeit der Zukunft: Neue Lebensformen, neue Konflikte
Neue Formen des Arbeitsmarktes
Ein Indiz für die Grenzen der Steuerbarkeit besteht
in der bisherigen Entwicklung des Zweiten Arbeitsmarktes, der ja den
grundsätzlichen ordnungspolitischen Zielsetzungen zuwider läuft. Aus der
Notwendigkeit heraus, sozialer Sicherheit wieder einigermaßen Geltung zu
verschaffen und Not abzubauen, hat die Gesellschaft über den Staat
Beschäftigungsbereiche geschaffen, die z. B. als
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungs‑, Fort‑ und
Weiterbildungsmaßnahmen seitens der Arbeitsämter zunächst temporäre
Bedeutung zum Wiedereintritt in den eigentlichen Ersten, tariflich
gesicherten Arbeitsmarkt hatten. Diese Maßnahmen sind längst zu
Dauerbeschäftigung oder Dauermaßnahmen etabliert, notwendigerweise
zunehmend ausgeweitet – einschließlich der so genannten Kurzarbeit Null
in den neuen Bundesländern. Kurzarbeit gilt im Arbeitsrecht nicht als
Arbeitslosigkeit: das Arbeitsamt zahlt den betroffenen Arbeitnehmern
Differenzlöhne. Die hier angesprochene Sonderform vermeidet, dass
faktisch arbeitslose Arbeitnehmer als solche eingeordnet werden; formal
gilt ihre Beschäftigung als fortbestehend und das Arbeitsamt zahlt aus den
Geldern für Kurzarbeit den Gesamtbetrag des ausstehenden Lohnes
einschließlich der Beiträge zu den Sozialversicherungen. Über die
Legitimität dieses Verfahrens ist noch nicht abschließend geurteilt
worden.
Längst werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als
dauerhaftes Mittel eingesetzt, einige Formen struktureller
Arbeitslosigkeit gerade auch in Ostdeutschland abzufedern. Das bedeutet,
dass Bereiche sinnvoller und notwendiger, aber nicht notwendigerweise
kurzfristig produktiver gesellschaftlicher Arbeit über den Ersten
Arbeitsmarkt nicht mehr zu finanzieren sind und auch in die
Austauschbeziehungen der Volkswirtschaft nicht zu integrieren sind. Diese
wissenschaftlichen, sozialen und betreuenden Aufgaben, wenn sie nicht
unter Umständen ganz in den ehrenamtlichen Bereich abgedrängt werden,
finanziert der Staat (z. T. indirekt verschleiert durch gesellschaftliche
Vereinigungen, Organisationen oder Körperschaften) bestenfalls im Zweiten
Arbeitsmarkt. Für viele junge Akademiker, für Sozialarbeiter und
Sozialarbeiterinnen oder Pädagogen und Pädagoginnen, die sich in
erheblichem Maße in nicht auf Dauer angelegten Beschäftigungsverhältnissen
befinden, ist dieser Zweite Arbeitsmarkt zur einzigen
Beschäftigungsmöglichkeit geworden, zur einzigen Chance, den
Lebensunterhalt, wenn auch an der untersten Grenze des sozial Erträglichen
zu erwerben. Letztlich gehört die große Zahl der Frauenbeauftragten
ebenfalls dazu. Ihre Einrichtung wie auch ihre Finanzierung hat zugleich
die Funktion einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für im Regelfall hoch
qualifizierte Frauen. Entsprechendes gilt für die Einrichtung von
„Frauenministerien“.
(Nettelmann, Lothar / Voigt, Gerhard / Plavśić, Vesna
/ Holm, Helena, 1999: Zur Bestimmung des Begriffes einer
»Staatsgesellschaft«. Eine Einführung. In: Voigt, Gerhard, Hrsg., 2001:
„Staatsgesellschaft“. Historisch-sozialwissenschaftliche Beiträge zur
Diskussion von Entwicklungen, Problemen und Perspektiven.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V..)
Aus
dem Leben von Dirk K.
Dirk K. ist ausgebildeter Tischler. Drei Jahre hat er
in seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb gearbeitet, ehe der Betrieb in
Konkurs ging. Nach fünf Monaten Arbeitslosigkeit hat er die Chance, als
ABM‑Kraft (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, zu der das Arbeitsamt einen
Zuschuss an den Arbeitgeber zahlt) für ein halbes Jahr
Hausmeistertätigkeit in einem städtischen Amt zu übernehmen. Danach
möchte er sich wieder eine feste berufliche Perspektive erarbeiten. Mit
Hilfe des Arbeitsamtes lässt er sich zum EDV‑Techniker umschulen und
verdient einige Jahre nach einem Umzug nach Süddeutschland recht gut. Er
gründet eine Familie, doch dann verliert er seine Stelle, da der Betrieb
seine Entwicklungsabteilung in die Mutterfirma in den USA abgibt. Nun wagt
er den Schritt in die Selbstständigkeit und leitet ein kleines
EDV-Service‑Büro. Letztlich reichen seine Finanzen doch nicht aus und er
muss den Betrieb liquidieren. Die nächsten Jahre fährt er als Fernfahrer
bei einer Spedition auf einem LKW, da er beim Militärdienst seinen
LKW‑Führerschein machen konnte ...
(Fiktive Geschichte)
-
Wie könnte sich das Arbeitsleben von Dirk K.
weiter vollziehen?
-
Zu welchen Schlussfolgerungen gelangen Sie,
wenn Sie den bisherigen Weg von Dirk K. mit Ihren Vorstellungen vom
eigenen zukünftigen Weg im Arbeitsleben vergleichen?
-
Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der
Tendenz zu so genannten „patchwork‑Biographien“, d. h. zu Lebensläufen
ohne feste berufliche Kontinuität mit der Notwendigkeit ständiger Neu‑
und Umqualifikation ? (Vergl. Abschnitt 2.2.2 „ Wandel der Arbeitsformen
„)
Plädoyer für die gemeinnützige Arbeit
Aus der Diskussion mit einem Mediziner, der vier
Jahre ehrenamtlich in Krisengebieten außerhalb Europas gewirkt hatte.
Eine Gesellschaft kann nicht nur durch die ständige
Konkurrenz um Berufs‑ und Einkommenschancen bestimmt werden. Wenn wir
menschenwürdig überleben wollen, muss jeder einen Teil seiner Lebenszeit
für soziale Ziele verwenden. In der einfachsten Form sind das Familie und
Haushalt. Aber wie sollten wir auch in Notlagen existieren, wenn nicht
Menschen zur Pflege, Nachbarschaftshilfe und Fürsorge bereit wären, wie
sollten wir eine bessere Zukunft gestalten, wenn niemand mehr bereit wäre,
ehrenamtlich in Verbänden oder in der Politik zu wirken?
Aber auch die Bereitschaft, zeitweise für geringes
Entgelt soziale und kulturelle Tätigkeiten zu übernehmen, also auf dem
zweiten oder gar ehrenamtlichen „dritten Arbeitsmarkt“ zu arbeiten, ist
für eine nachhaltige Sicherung der gesellschaftlichen Zukunft
ausschlaggebend ...
(Aufgezeichnet von Gerhard Voigt)
-
Was halten Sie von der Bedeutung
ehrenamtlicher gemeinnütziger Tätigkeit in der Gesellschaft?
-
Können Sie sich vorstellen, dass eine solche
Tätigkeit in Ihrem späteren Leben eine Rolle spielen könnte? Weiche
könnte das sein?
Betriebe, Firmen, Kapital
Wirtschaftsrecht, Mitbestimmung, Betriebsverfassung
Betriebsformen in den Industrieländern
1. Einzelgewerbetreibende und
Personengesellschaften
Eigentum und Besitz befinden sich in den Händen einer
Person, Personengruppe oder Familie. Grundlage sind in Deutschland je nach
Gewerbe der Gewerbeschein, der Eintrag in die Handwerksrolle bzw. die
Registrierung bei der Industrie‑ und Handelskammer oder der Eintrag im
Handelsregister beim Amtsgericht. Die Eigentümer haften mit ihrem
gesamten Privatvermögen.
Eine Sonderform ist die Offene Handelsgesellschaft
(OHG), bei der ein Gesellschaftervertrag besteht, und die
Kommanditgesellschaft (KG), bei der nur der Kommanditist oder die
Kommanditisten persönlich haften (meistens kleinere Betriebe,
Einzelhändler).
2. Gesellschaften mit beschränkter Haftung (GmbH)
Durch Gesellschaftervertrag wird ein gesetzlich
festgelegtes Mindestkapital als Firmenvermögen eingebracht und im
Handelsregister beim Amtsgericht eingetragen. Die Firma haftet nur im
Rahmen dieses Kapitals, kann also in der Regel keine höheren
Verbindlichkeiten eingehen (meist mittelständische Unternehmen, aber auch
einige Großunternehmen, die damit den strengen Öffentlichkeits‑ und
Bilanzbestimmungen des Aktienrechts entgehen).
3. Aktiengesellschaften (AG)
Das Kapital wird in Anteilscheinen an beliebige
Eigentümer vergeben und nach Zulassung an der Börse gehandelt. Die Haftung
ist wie bei der GmbH auf das Kapital (= Betriebsvermögen) begrenzt. Es
bestehen strenge Regeln für die zu veröffentlichenden Bilanzen, die von
vereidigten Buchprüfern testiert werden müssen. Das gilt vor allem bei an
der Börse gehandelten AG. Hier müssen sogar „Gewinnwarnungen“
veröffentlicht werden, wenn die wirtschaftliche Entwicklung hinter den
Planungen und Voraussagen zurückbleibt. Viele AG veröffentlichen auch
„Sozialbilanzen“ und „Umweltbilanzen“.
Das Wirtschaftsrecht greift mit Regelungen umso
stärker in die Betriebsstruktur ein, je größer die Firma ist und je
weniger ein einzelner Eigentümer persönlich haftbar gemacht werden kann.
Grundlage sind das Arbeitsrecht, das Aktienrecht, das
Betriebsverfassungsgesetz (BVG) und die Mitbestimmungsgesetze. Zwar haben
im Sinne der kapitalistischen Wirtschaftsordnung letztlich die Eigentümer
des Kapitals die Verfügungsgewalt über die Produktion, sie müssen jedoch
strenge gesetzliche Rahmenbedingungen einhalten, die derzeit im
europäischen Rahmen harmonisiert werden.
Das Betriebsverfassungsgesetz (BVG) gewährt den
Beschäftigten Informations‑ und Mitwirkungsrechte, die vor allem die
Arbeitsbedingungen im Betrieb betreffen. Der Arbeitgeber kann nicht ohne
Anhörung des gewählten Betriebsrates über Entlassungen und Einstellungen,
Arbeitszeiten, grundlegende Veränderungen der Arbeitsanforderungen,
Urlaubspläne, Sozialeinrichtungen (Kantine, Aufenthaltsräume) oder die
Sanitäreinrichtungen verfügen. Der Betriebsrat als gewählte
Arbeitnehmervertretung ist andererseits gesetzlich zu loyalem Verhalten
gegenüber den Bedürfnissen des Betriebes verpflichtet.
Aufbau einer Arbeitnehmervertretung in einer Konzernstruktur

Ø
Nehmen Sie Kontakt zum Vorsitzenden des
Betriebsrates eines in Ihrer Nähe liegenden Betriebes auf und informieren
Sie sich in einem Gespräch über Aufgaben, Arbeitsweise und Probleme der
Betriebsratsarbeit.
Die Tagesgeschäfte in einer großen Firma,
insbesondere einer Aktiengesellschaft, werden von den leitenden
Angestellten, den Direktoren und Abteilungsleitern, erledigt. Sie werden
kontrolliert vom regelmäßig tagenden Aufsichtsrat, der die rechtliche
Verantwortung für die Firma trägt. Dieser Aufsichtsrat, der aus
Vertretern der Kapitaleigner und der Belegschaft besteht, wird nach dem
Betriebsverfassungsgesetz und den Mitbestimmungsgesetzen gewählt. Darin
besteht eine Besonderheit des deutschen Rechtes, die zu einem relativ
gesicherten „sozialen Frieden“ in der deutschen Wirtschaft beiträgt. Es
gilt nämlich das Prinzip des Einigungszwangs im Interesse des Unternehmens
und der Arbeitnehmer.
Die Anteilseigner (Kapitaleigner) wählen ihre
Vertreter in der Aktionärsversammlung. Die Mitglieder des Aufsichtsrates
sind in der Regel keine Firmenangehörigen, da sie die Firma kontrollieren
sollen, sondern auf Kapitaleignerseite oft Unternehmer aus anderen
Großbetrieben oder Bankvertreter. Bei Großbetrieben gilt eine erweiterte
Mitbestimmung, die den Belegschaftsvertretern, die meist von den
Gewerkschaften gestellt werden, größere Einflussnahme auf die
unternehmerischen Firmenentscheidungen sichert.
Zwei Mitbestimmungsmodelle
Mitbestimmungsrecht in der Montanindustrie (seit
1951) für Unternehmen der Montanindustrie mit mehr als 1000 Beschäftigten.
(Beispiel: Aufsichtsrat mit je zehn Vertretern beider
Seiten und einem neutralen Mitglied)
|
|
Aufsichtsrat |
|
|
Anteilseigner |
 |
Arbeitnehmer |
|
Zehn von der Hauptversammlung der Aktionäre
bestimmte Mitglieder |
Vier Betriebsangehörige, vom Betriebsrat
vorgeschlagen, die Gewerkschaft kann die Vorschläge ablehnen
Sechs außerbetriebliche Mitglieder, von den
Gewerkschaften vorgeschlagen |
|
|
 |
Ein neutrales Mitglied, auf Vorschlag beider
Seiten bestellt |
|
|
|
|
|
Mitbestimmungsrecht in anderen Unternehmen (in der
Gesetzesform von 1976 für Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten)
(Beispiel: Aufsichtsrat mit je zehn Vertretern beider
Seiten für einen Betrieb mit 20.000 Beschäftigten)
|
|
Aufsichtsrat |
|
|
Anteilseigner |
 |
Arbeitnehmer |
|
Zehn von der Hauptversammlung der Aktionäre
bestellte Mitglieder. Sie bestimmen den Aufsichtsratsvorsitzenden,
wenn er nicht im ersten Wahlgang mit einer Zweidrittelmehrheit aller
Mitglieder gewählt wird. Der Vorsitzende hat bei Stimmengleichheit
im Aufsichtsrat zwei Stimmen. |
Vertreter der leitenden Angestellten
Sechs weitere Betriebsangehörige, getrennt nach
Vertretern der Angestellten und der Arbeiter*
Drei von den Gewerkschaften vorgeschlagene
Mitglieder können auch außerbetriebliche Personen sein.
* In der Regel
bestellt durch Wahlmänner, die von der Belegschaft gewählt werden |
-
Erörtern Sie die Wirkung der minimalen
Unterschiede der beiden Modelle.
-
Begründen Sie, warum die erweiterte
Mitbestimmung als ein wichtiger Erfolg für die Weiterentwicklung der
sozialen Marktwirtschaft in Deutschland gilt und inwiefern sie zum
sozialen Frieden beiträgt.
3.6.2 Staat und Kapital
Die Wirtschaft befindet sich in einem Umbruchprozess
(Globalisierung), dessen Ergebnis noch nicht voll absehbar ist. Die
bisherigen wirtschaftspolitischen Instrumentarien der Nationalstaaten,
aber auch internationaler Wirtschaftsvereinigungen und –institutionen
haben sich zunehmend als unzureichend erwiesen. Auf der Grundlage neuer
internationaler Vereinbarungen der Welthandelsorganisation (WTO) ist die
heutige Wirtschaftspolitik der Europäischen Union folgenden Zielen
verpflichtet:
|
Deregulierung |
Abbau von Kontrollen, Regeln, Zöllen sowie
anderen Bestimmungen und Verwaltungsvorschriften, die den freien
Handel und Markt behindern könnten („Handelshemmnisse“), mit Ausnahme
des im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft notwendigen sozialen und
strukturellen Ausgleichs |
|
Entstaatlichung |
Die wirtschaftliche Eigentätigkeit des Staates
soll sich auf diejenigen Be reiche beschränken, in denen eine
notwendige Versorgung der Bevölkerung durch privatwirtschaftliche, in
Marktkonkurrenz stehende Betriebe nicht möglich ist.
Kernbereiche des staatlichen Handelns beschränken
sich auf die Herstellung von Rechtssicherheit (Gesetzgebung), innere
und äußere Sicherheit, allgemeingültige und international angepasste
wirtschaftliche Rahmenbedingungen (Zivilgesetze und ‑gerichte,
Geldwertstabilität), Marktsicherung (Kartell‑ und Monopolgesetze),
Sozialpolitik und Qualifikationsförderung (Bildungspolitik). |
Folgen für die Wirtschaft
*
Verkauf bisheriger staatlicher Betriebe
(Privatisierung) und der Verkauf staatlicher Anteile (Aktien) an der
Börse bringt diesen Betrieben wiederum Investitionskapital ein (Beispiele
aus der letzten Zeit: Deutsche Telekom, T‑Online, Post, Postbank).
*
Der durch internationale
Wirtschaftsverflechtungen verschärfte Wettbewerb führt zu erhöhtem
Investitionsbedarf, wobei das Kapital durch Ausgabe neuer Aktien über die
Börse beschafft wird, aber auch zu Firmenzusammenschlüssen und ‑übernahmen
(Daimler/Chrysler, Mannesmann / Vodafone, Air Touch), die über die Börse
abgewickelt werden.
*
Die Bedeutung der Börse als Ort der
Kapitalbeschaffung und des Handels mit Kapital wächst zusehends und zieht
immer mehr Privatanleger an, die entweder auf Kursgewinne spekulieren oder
Gewinnausschüttungen (Dividenden) erwarten, nicht aber als Eigentümer
unternehmerische Ziele verfolgen. Sie interessiert also nur der jeweilige
Aktienwert der Firmen („Shareholder Value“), nicht aber die reale
wirtschaftliche Aktivität des Betriebes.
-
Sammeln Sie aus Zeitungsarchiven (örtliche
Tageszeitungen) und/oder dem Internet Informationen über größere
Firmenkäufe oder Firmenzusammenschlüsse der letzten Zeit und diskutieren
Sie anhand der Materialien die wirtschaftlichen Folgen für diese Firmen,
für die Beschäftigten und für die Volkswirtschaft.
Informationen z. B. im SPIEGEL‑Archiv unter
www.spiegel.de
Aktien und Aktienmarkt
Eine Aktie ist ein Anteilsgutschein an einem
Unternehmen, das als Aktiengesellschaft organisiert ist. Der Nennwert
der Aktie gibt den Anteil am Grundkapital des Unternehmens an.
Das Grundkapital einer Firma stellt ihren materiellen
Wert dar. Die Anteile davon sind die Aktien, die mit unterschiedlichem
Nennwert ausgegeben werden können (100, 500, 1000, 10 000 EURO). Doch der
Wert der Firma für den Anleger (= Eigentümer) wird noch durch andere
Faktoren bestimmt. Diese drücken sich im Handelswert der Anteile (= in
Aktienkursen) aus.
|
 |
Die Börse führt Kapitalgeber (Anleger) und
Kapitalnehmer (Firmen) zusammen und ermöglicht auf diese Weise die
Finanzierung von Investitionsprojekten bzw. die Ausweitung von
Unternehmen. Dazu werden Schuldverschreibungen (Anleihen) und
Beteiligungspapiere (Aktien) ausgegeben und zum Kauf angeboten. Der
Anleger ist bestrebt, sein Kapital dort zu platzieren, wo er eine
hohe Rendite erwarten kann.
Das Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage
führt zur Kursbildung (Preisfindung) für die im Umlauf befindlichen
Wertpapiere (Anleihen und Aktien). |
|
Magisches Dreieck der Geldanlage |
|
Die Kurse werden sowohl von der aktuellen als
auch von der erwarteten wirtschaftlichen Entwicklung der Unternehmen
beeinflusst. Darüber hinaus fließen innen‑ und außenpolitische
Ereignisse in die Kursbildung ein. |
Paul, Mario und Swetlana investieren in Aktien und
verfolgen dabei unterschiedliche Strategien.
Paul will eine langfristige, sichere Anlage und
regelmäßige Gewinne (Dividenden): „Es geht doch vor allem darum, dass die
Firmen langfristig stabil sind, über ein wertvolles Anlagevermögen
verfügen und auf den internationalen Märkten gut positioniert sind. Ich
kaufe deshalb Aktien von Bayer, VW, IBM oder der Telecom.“
Mario hält dagegen: „Das bringt keine hohe Rendite.
ich beobachte den Markt genau und investiere in mittelgroße high‑tech‑Firmen
auf dem Neuen Markt. Hier entstehen doch die technischen Neuerungen, die
in Zukunft unsere Wirtschaft bestimmen und höhere Gewinne machen werden
als die traditionellen ‚Elefanten-Industrien‘! Dem hohen Risiko beuge ich
durch breite Streuung meiner Anlagen vor.“
Swetlana, die selbst eine EDV‑Firma besitzt, geht
wiederum ganz anders vor: „Für mich ist die Aktienspekulation ein
spannendes Glücksspiel. Ich beobachte die Kursentwicklung von Tag zu Tag,
kaufe schnell und verkaufe ebenso schnell wieder. So stecke ich die
Kursgewinne ein. Die Firmen selbst sind für mich uninteressant. Alles, was
ich wissen will, sagt mir der Kursverlauf.“
„Was ist aber, wenn alle Käufer so denken? Dann kann
doch eine Fehlinformation ganz schnell zum Kursabsturz führen?“ wendet
Paul ein. „Ja schon“, erwidert Swetlana, „aber ich hoffe, dass ich immer
etwas schneller als die anderen bin.“
(Fiktiver Text)
-
Beschreiben Sie die unterschiedlichen
Anlagemotive und ‑strategien von Paul, Mario und Swetlana und erörtern
Sie deren Auswirkungen auf den Aktienmarkt.
-
Diskutieren Sie, wie es immer wieder zum
unvorhergesehenen Zusammenbruch von Aktienmärkten (wie am „Schwarzen
Freitag“, der die Weitwirtschaftskrise einleitete) kommen konnte.
Die
Börse
Wertpapierbörsen stellen hoch organisierte,
behördlich kontrollierte Märkte dar, auf denen festverzinsliche
Wertpapiere (Anleihen), Aktien, Investmentanteile u. a. gehandelt
werden.
Für die Firmen ist der Börsengang (= Neuzulassung der
Anteile beim Börsenhandel) nicht nur ein Verkauf an neue Eigentümer (z. B.
die Privatisierung bei ehemaligen Staatsbetrieben wie Telecom), sondern
vor allem ein Mittel, neues Investitions‑ und Betriebskapital zu erhalten.
Je höher der durch die Nachfrage bedingte Ausgabekurs ist, desto mehr Geld
steht dem Betrieb zur Verfügung.
Wie auf jedem Markt ist die Voraussetzung für
rationales wirtschaftliches Verhalten im Aktienhandel eine zuverlässige
Information über die Firmen, das Vertrauen in die Börsenhändler und die
Kontrolle der Börse durch den Staat und durch gültige Gesetze.
Ein wesentliches Mittel zur Information über das
Aktiengeschehen sind die Aktienindizes. Ein Aktienindex ist eine
Kennzahl, die die Kursentwicklung eines Aktienmarktes allgemein oder in
einzelnen Branchen zeigt.
Auswahl internationaler Aktienindizes
|
Indexname |
Staat/Region |
Aktienanzahl |
|
Indexname |
Staat/Region |
Aktienanzahl |
|
DAX |
Deutschland |
30 |
|
Dow Jones STOXX
|
Europa |
600 |
|
NEMAX 50 |
Deutschland |
50 |
|
Nikei 225 |
Japan |
225 |
|
FT‑SE 100 |
Großbritannien |
100 |
|
Dow Jones
Industrial Average |
USA |
30 |
Der wichtigste Index am deutschen Aktienmarkt ist der
Deutsche Aktienindex (DAX), der die 30 umsatzstärksten deutschen Aktien
umfasst und mehr als 70 Prozent des gesamten Grundkapitals der
inländischen börsennotierten Gesellschaften repräsentiert.
Entwicklung des DAX 30 (von Dezember 2000 bis April 2001)

-
Welche Funktion erfüllt die Wertpapierbörse in
einer Volkswirtschaft?
-
Verfolgen Sie über einen längeren Zeitraum die
Entwicklung des Deutschen Aktienindex sowie die Wertentwicklung
ausgewählter Aktien führender Firmen verschiedener Branchen.
-
Was stellen Sie fest? Jährlich finden die „
Börsenspiele „ der Sparkassen statt. Schüler können dort ohne eigenen
Geldeinsatz im Wettbewerb Börsenaktionen üben.
Informationen im www.excange.de www.schul‑bank.de
Die
Wirtschaft im 21. Jahrhundert:
Europäische Integration und Globalisierung
Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wird
nicht mehr nur durch die Binnenwirtschaft und die Wirtschaftspolitik des
deutschen Staates bestimmt, sondern zunehmend, in der Tendenz zukünftig
wohl überwiegend, durch Einbindung in die internationale ökonomische
Verflechtung mit anderen Industriestaaten.
Die Wirtschaftsentwicklung wird zunehmend von
globalen Verflechtungen und Entwicklungen bestimmt. Besonders wichtig
sind dabei die großen Industriestaaten USA, Japan, Russland und die
aufstrebenden Industriestaaten Ost‑ und Südostasiens (z. B. die
„Tigerstaaten“ Taiwan, Süd‑Korea, Indonesien, Malaysia, Thailand) oder
Südamerikas (vor allem Brasilien, Argentinien und Chile). Aber auch die
Länder der Semiperipherien am Rande Europas (Türkei, Nordafrika, Naher
Osten und Israel) spielen eine wichtige Rolle.
Die großen Industriestaaten treffen sich regelmäßig
zu den Konsultationstagungen der „G 7“‑ oder mit Russland der „G
8“‑Länder, bei denen vor allem der Zusammenhang zwischen ökonomischer
Entwicklung und politischen Abstimmungen zur Friedenssicherung, auch durch
Interventionen bei lokalen Konflikten zur Debatte stehen. Es wird
versucht, eine einheitliche Haltung zu entwickeln.
Als immer stärker werdender Machtblock tritt dabei
Europa als Europäische Union (EU) auf. Die Europäische Integration ist die
Basis für die ökonomische Verflechtung innerhalb Europas und für die
Harmonisierung der politischen Rolle Europas in der Welt. Zugrunde liegt
die Erkenntnis, dass die gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung Europas
höhere Entwicklungsgewinne für die Wirtschaft und für die Bürger aller
betroffenen Länder garantiert als eine getrennte und konkurrierende
Entwicklung der Einzelstaaten. Ziel ist die Schaffung eines einheitlichen
Wirtschafts‑ und Rechtsraumes, in dem es für den Einzelnen letztlich egal
ist, in welchem nationalen Bereich er sich gerade aufhält, ähnlich wie es
in Deutschland heute relativ egal ist, in welchem Bundesland oder in
welcher Stadt der Einzelne lebt.
Vergl. Kap. 4.
Was
heißt „wirtschaftliche Integration“?
In wirtschaftlichen Sinn gebraucht, bedeutet
Integration, dass zwei oder mehr Volkswirtschaften aneinander angeglichen
und miteinander verflochten werden, indem die betreffenden Staaten die
zwischen ihnen bestehenden Zölle und Handelsbeschränkungen abbauen.
Bereits die Errichtung einer Freihandelszone kann als eine
Integrationsmaßnahme bezeichnet werden: die höchste Stufe ist die völlige
Verschmelzung zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum mit einheitlicher
Konjunktur‑ und Währungspolitik (Wirtschafts‑ und Währungsunion).
(Informationen zur politischen Bildung 154,
Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 1973. S. 2)

Jugendliche Eurofans
Das Ziel der europäischen Integration wurde in
verschiedenen vertraglichen Stufen von der Gründung der EWG (Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft, „Römische Verträge“ 1951) über die Erweiterung
und Vertiefung zur EG (Europäische Gemeinschaft) und heute zur EU
(Europäische Union mit der Einführung der gemeinsamen Währung EURO ab 2002
in den Kernstaaten) konsequent durchgeführt.
Der einheitliche Wirtschaftsraum ist damit weitgehend
verwirklicht. Die heutigen ökonomischen Zukunftsprobleme liegen vor allem
in den Beziehungen zu den übrigen Wirtschaftsräumen, die unter dem
Stichwort der Globalisierung zu fassen sind, und in der Einbeziehung der
Transformationsländer Ost‑ und Südosteuropas in die europäische
Integration, die sich in phasenweisen Beitrittsverhandlungen zunächst mit
Polen, Ungarn, Tschechien und Slowenien, dann auch mit Zypern, der
Slowakei, den baltischen Staaten, nach und nach den anderen Balkanstaaten
und schließlich eventuell auch der Türkei ausdrücken.
-
Suchen Sie in der Bibliothek statistische
Angaben über den Handel zwischen Europa (bzw. einzelner europäischer
Staaten) und Japan und stellen Sie dem Wachstum des Handelsvolumens die
Entwicklung Japans zu einer führenden Industriemacht zeitlich und
funktional gegenüber.
-
Erörtern Sie die ökonomischen Vorteile, welche
die „alten Industriestaaten“ von der wirtschaftlichen Entwicklung in
Japan gehabt haben, und setzen Sie sich dabei mit den Vorbehalten in
unserer Gesellschaft gegenüber den so genannten Schwellenländern, zu denen
Japan für eine vorübergehende Zeit gehörte, auseinander.
Ein
makaberes Szenario
Vor einigen Jahren beschrieben
Wirtschaftswissenschaftler in verschiedenen Szenarien, was der Wegfall
bestimmter Handelspartner für die deutsche Wirtschaft bedeuten würde.
Überspitzt zusammengefasst kamen sie zu folgenden Ergebnissen: Wegen der
engen wirtschaftlichen Verflechtung würde ein „plötzliches, spurloses
Verschwinden“ Frankreichs die deutsche Wirtschaft in wenigen Stunden in
einen vollständigen Kollaps treiben. Auch das „plötzliche, spurlose
Verschwinden“ der kleinen EU‑Partner, der Benelux‑Staaten, würde in
wenigen Tagen zu katastrophalen Folgen in Deutschland führen.
Ähnlich sähe es mit dem Verschwinden der
außereuropäischen Wirtschaftsmächte USA oder Japan aus, die für die
modernen Technologien unverzichtbare Handelspartner sind. Schon weniger
gravierend wäre das „plötzliche, spurlose Verschwinden“ der
ölproduzierenden Staaten des Nahen Ostens, da es einige Wochen dauern
würde, bis durch höhere Energiepreise die deutsche Wirtschaft ernsthaft
getroffen würde. Und die makabere Pointe: Fällt Zentralafrika auf diese
hypothetische Weise weg, könnte es Jahre dauern, bis es die deutsche
Wirtschaft und der deutsche Verbraucher überhaupt merken.
-
Diskutieren Sie die ökonomischen Gründe, warum
die Industriestaaten untereinander in existenzieller Abhängigkeit stehen,
während die Rohstoffländer und erst recht die „Dritte Welt“ (die
„ökonomischen Peripherien“) relativ einseitig von den Industriestaaten
(den „sozio-ökonomischen Zentren“) abhängen.
-
Erörtern Sie, was dies für die weiteren
Entwicklungsperspektiven sowohl in Europa wie im globalen Zusammenhang
bedeutet.
Globalisierung und internationale Wirtschaftsverflechtung
Dem Schlagwort „Globalisierung“ begegnet man sowohl
in der Tagespolitik als auch in fast allen aktuellen Wirtschaftsberichten
beinahe täglich. Was damit aber konkret gemeint ist und welche Folgen
Globalisierungsprozesse für unsere Wirtschaft, unseren Staat und für jeden
Einzelnen von uns haben, bleibt oft unklar und ist auch in der Politik
umstritten.
Globalisierung bezeichnet die zunehmende
internationale Verflechtung der Wirtschaft, die sich aber nicht in allen
Bereichen gleichmäßig und gleich schnell vollzieht.
Zu unterscheiden sind:
|
Globalisierung der Produktion |
Produkte werden aus Rohstoffen und Bestand teilen
(„Vorprodukten“) hergestellt, die auf inter nationalen Märkten
eingekauft werden. |
|
Globalisierung der Absatzmärkte |
Produkte werden international angeboten und
verkauft. Schwerpunkte des internationalen Handels liegen im
Maschinen‑ und Anlagenbau, im Fahrzeugbau, in der Foto‑, Elektro‑,
Elektronik‑ und Unterhaltungselektronikindustrie, in der
Textilindustrie. |
|
Globalisierung der Kapitalmärkte |
Wirtschaftliche Verbindungen,
Kapitalinvestitionen, Firmenzusammenschlüsse (Fusionen),
Firmenübernahmen und die Gründung von Tochterfirmen erfolgen allein
nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, ohne dass die
Staatszugehörigkeit noch eine Rolle spielt. |
|
Globalisierung des Geldverkehrs |
Freie Konvertibilität (= Eintauschbarkeit und
Handelbarkeit) aller Währungen, internationale Vereinbarungen über
den einheitlichen Zahlungsverkehr, Bildung von größeren
Währungszonen („Euro“). |
|
Globalisierung der Arbeitsmärkte |
Der freie Austausch von Arbeitskräften
(Arbeitsmigranten, „Gastarbeiter“) ist angesichts hoher
Arbeitslosigkeit noch besonders umstritten. Im Jahr 2000 wurde die
Diskussion in Deutschland durch den Fachkräftemangel im EDV‑Bereich
wieder neu belebt („Green Card“‑Lösungen in den USA und in
Deutschland). |
Globalisierung als ökonomischer Prozess ist mit
Prozessen der Universalisierung verbunden.
Als Universalisierung wird die internationale
Verbreitung von Lebensformen, Werten, Medien und Alltagsverhaltensweisen
bezeichnet.
Schwerpunkte der Universalisierung
Globale Verbreitung („Universalisierung“) von
Konsumgewohnheiten und Konsummarken (z. B. „fast food“, Coca‑Cola,
Automarken, internationale Mode).
-
Globale Verbreitung („Universalisierung“) von
Medieninhalten (von der Bibel bis zu Donald Duck, TV‑Serien, Stars aus
Film, Fernsehen und Sport, Roman‑Bestseller).
-
Globale Verbreitung („Universalisierung“) von
Alltagsnormen und ‑gewohnheiten (z. B. Zeitvorstellungen: Arbeitszeit
und Freizeit, Kalender, Verkehrsregeln, Handelsregeln).
-
Globale Verbreitung („Universalisierung“) von
Rechtsnormen (Völkerrecht, Menschenrechte, Interventionsrecht,
Vertragsrecht, Handelsrecht). Garanten sind die UNO und internationale
Verträge.
Globalisierung und Universalisierung sind im Prinzip
nicht neu. Der Fernhandel war ebenso wie der internationale
Kulturaustausch Charakteristikum aller größeren Reichsbildungen seit den
altorientalischen Reichen.
Fächerübergreifende Projekt‑ und Gruppenarbeit:
-
Charakterisieren Sie durch politische,
erdkundliche und geschichtliche Fakten den internationalen Handel und die
Universalisierung von Kultureinflüssen in den historischen Reichen Sumer
und Babylon, Archämenidenreich in Persien, Hellenistische Kultur zur Zeit
Alexander des Großen, Römisches Imperium, Mittelalterliche Hanse,
Kolonialreiche der Neuzeit und in der Globalisierung nach dem Zweiten
Weltkrieg,
Globalisierung und Universalisierung sind immer mit
gesellschaftlichen Veränderungen, oft mit Modernisierungsprozessen
verbunden, bei denen es Modernisierungsgewinner und
Modernisierungsverlierer gibt. Die heutigen Industriestaaten (USA, EU,
Japan) sind überwiegend von der Notwendigkeit der Globalisierung der
Wirtschaft überzeugt. Internationale Verträge, z. B. das GATT (General
Agreement on Tariffs and Trade) – aus dem die WTO (World Trade
Organisation) entstanden ist – haben zum Ziel, weltweiten freien Waren‑,
Kapital‑ und Informationsverkehr durchzusetzen, Zölle, Handelshemmnisse
und Grenzbarrieren für die Wirtschaft schrittweise abzuschaffen.
Aufgaben für eine Projekt‑ und Gruppenarbeit:
(1) Beschaffen Sie sich Informationen bei
verschiedenen Betrieben an Ihrem Heiinatort zu folgenden Fragen:
-
Verkaufen Sie Ihre Produkte auch im Ausland?
Welche Bedeutung hat der Export für den Betrieb?
-
Haben Sie Lieferanten im Ausland und weshalb
kaufen Sie im Ausland ein?
-
Beschäftigen Sie ausländische Arbeitskräfte
und, wenn ja, welche Vorteile hat Ihr Betrieb davon?
-
Sehen Sie direkte Auswirkungen der
Globalisierung für Ihren Betrieb?
(2) Veranstalten Sie im Unterricht ein
Streitgespräch über die Folgen der Globalisierung, indem Sie die Rollen
verschiedener Interessenvertreter – Unternehmer, Handwerker, Facharbeiter,
Gewerkschaftsfunktionär, Wirtschaftspolitiker – übernehmen.
Dokument Information
[*] Druckversion von Gerhard
Voigt mit Textergänzungen und überarbeiteten Abbildungen und Graphiken
durch die Buchredaktion / technische Abteilung des Militzke-Verlages.
Manuskriptversion vgl. "Wirtschaft im
Wandel"
Aus
einem Kapitel-Manuskript zu "Gesellschaft verstehen und handeln.
Sozialkunde Klassen 11-13. Lehrbuch von Ulrich Geisler (Hg.). Militzke
Verlag GmbH, Leipzig. Ausgabe 2000." Modifizierte Fassung.
Kapitel 3 und 4 von Gerhard Voigt aus dem Abschnitt "Wirtschaft im
Wandel (Grundmodelle der Wirtschaftsordnung, Perspektiven der sozialen
Marktwirtschaft, Ökologie und Ökonomie, globale wirtschaftliche Prozesse,
EU und Weltwirtschaft)"
Fassung für den Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
Bearbeitungsstand 4.12.2000
Internetpublikation am 09.12.2011
Alle Rechte vorbehalten.
|
|