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Deutschland:
Gesellschaft - Wirtschaft - Politische Kultur
Gerhard Voigt:
Transformationsprozesse: Von der DDR zur wirtschaftlichen Einheit in
Deutschland
Die wirtschaftlichen Disparitäten zwischen den
„alten“ und den „neuen“ Bundesländern in der Bundesrepublik Deutschland
weisen auf den schwierigen Prozeß der „Systemtransformation“ von der
zentralen Verwaltungswirtschaft bzw. Planwirtschaft in der ehemaligen
DDR zur marktwirtschaftlichen Ordnung im heutigen Deutschland hin.
Die volkswirtschaftlichen Daten zeigen, daß ein
langsamer Anpassungsprozeß in den Neuen Bundesländern stattfindet, daß
aber die wirtschaftliche Situation was Produktivität,
Investitionsverhalten, Arbeitslohnniveau und Arbeitslosigkeit betrifft
zwischen West- und Ostdeutschland noch deutliche Disparitäten aufweist.
Positive Situationsbewertung
Im Jahresbericht 2000 der Bundesregierung zum Stand der
Deutschen Einheit findet sich dazu eine bedingt positive Einschätzung:
„Insbesondere in den neuen Ländern haben die Bürger einen Neuanfang
geschaffen. Gleichwohl ist der Weg der wirtschaftlichen und sozialen
Angleichung zwischen Ost und West noch nicht abgeschlossen. Insbesondere
die hohe Arbeitslosigkeit stellt ein gravierendes Problem in den neuen
Ländern dar. Deshalb sind die wichtigsten Ziele ... die Schaffung von
ausreichend Arbeitsplätzen und die Angleichung der Lebensverhältnisse in
ganz Deutschland. ... Mit dem Wachstum des Verarbeitenden Gewerbes bildet
sich eine wettbewerbsfähige industrielle Basis in den neuen Ländern
heraus. Erste Lichtblicke gibt es auch auf den Arbeitsmärkten. Insgesamt
werden die neuen Länder aber auch in Zukunft auf die Unterstützung und
den solidarischen Beitrag des ganzen Landes angewiesen sein.
Rolf Schwanitz, Staatsminister beim Bundeskanzler
Die Situation soll im Folgenden mit einige Daten
konkretisiert werden:
Der Kollaps der DDR-Ökonomie 1989-1991
-
Verringerung der industriellen Warenproduktion in der
DDR bzw. in Ostdeutschland von 1989 - 1990 ca. 50 %, bis Anfang 1991 fast
70 %.
-
Zahl der Erwerbstätigen zum Zeitpunkt der Vereinigung
von DDR und BRD: über 9 Millionen, 1991: 6,2 Millionen.
-
Arbeitslosigkeit 1991: 1,2 Mio. Menschen waren 1992
offiziell als arbeitslos registriert, weitere knapp 2 Millionen befanden
sich zum gleichen Zeitpunkt in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen.
Kompilation aus amtl. Quellen
Eigentlich wäre es notwendig, einen konkreten
Vergleich der Wirtschaftsdaten der ehemaligen DDR 1980-1989 und dann der
vereinigten Bundesrepublik Deutschland vorzunehmen. Das ist ohne sehr
schwierige und spekulative Umrechnung unter Berücksichtigung der völlig
anderen Einbindung der DDR in die Wirtschaftsverbindungen des RGW nicht
möglich und in der Fachliteratur bis heute nicht abschließend gelungen.
Es sei hier nur darauf hingewiesen, daß im RGW die DDR nach der UdSSR als
stärkste und modernste Industriemacht galt, die durch den
innerdeutschen Handel auch auf dem westlichen Weltmarkt vertreten
war.
Als Grundlage für eine selbständige
Hausarbeit zu diesem Themenbereich kann eine fundierte Arbeit des
Geographen Karl Eckart zu den „Industriestrukturveränderungen in Thüringen
seit dem Zweiten Weltkrieg“ in der „Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie“
Heft 3/1989 herangezogen werden.
Nach der »Wende« zeigten sich aber gravierende
technologische Rückstände, z.B. in der Elektronik und Steuerungstechnik,
ebenso wie Strukturdefizite beim Warenaustausch, der Infrastruktur und den
Warenverkehren, die zwar qualitativ beschrieben, in ihrer Bedeutung aber
nur schwer quantitativ-statistisch zu erfassen sind. Daher ist es für
die Bestimmung der ökonomische Lage in Deutschland wichtiger, den
Einigungsprozess selber mit Daten zu verfolgen und in Hinblick auf die
erheblichen Wachstums- und Innovationspotentiale zu bewerten. Dies
geschieht mit den nachfolgenden Statistiken. Dabei ist die Prognose
durchaus adäquat, daß durch die ganz modernen Industrieinvestitionen
(z.B. Automobilwerke und Elektronikfirmen in Sachsen) die östlichen
Bundesländer in mittlerer Zukunft eine technologische Führungsrolle in
Mitteleuropa einnehmen können – wenn die politischen und sozialen
Einigungsprobleme gelöst werden....
Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts
nach neuen und alten Ländern 1995 – 1998
|
|
1995
|
1996
|
1997
|
1998
|
1999
|
|
alte Länder
|
0,9
|
1,1
|
2,3
|
2,8
|
2,7*
|
|
neue Länder
|
4,4
|
3,2
|
1,7
|
2,0
|
2,2*
|
* Schätzung 1999, vorläufige Daten
Quelle: Statistisches
Bundesamt, Berechnung
des Bruttoinlandsproduktes auf Preisbasis 1991
Entwicklung der Produktion im
Produzierenden Gewerbe in den neuen Ländern (Index 1995 = 100)
|
Produzierendes
Gewerbe
|
1996
|
1997
|
1998
|
1999
|
|
Verarbeitendes
Gewerbe
davon:
|
105,9
|
115,6
|
127,6
|
135,3
|
|
- Büromaschinen
|
116,3
|
140,3
|
158,0
|
183,0
|
|
- Fahrzeugbau
|
94,3
|
100,7
|
129,2
|
137,9
|
|
- Chem. Industrie
|
98,2
|
99,9
|
114,8
|
126,9
|
|
- Ernährung
|
112,8
|
123,6
|
126,0
|
128,7
|
|
- Möbel
|
104,6
|
116,0
|
128,1
|
128,2
|
|
Bau
|
96,6
|
92,2
|
85,3
|
81,7
|
Quelle: Statistisches Bundesamt
Erläutern Sie die unterschiedlichen
Produktionsbedingungen der einzelnen Branchen in Hinblick auf Rohstoffe,
Produktionsform, Arbeitsmarkt und Absatz und erörtern Sie daraufhin die
oben stehende Tabelle.
(Gruppenarbeit:) Suchen Sie – aus amtlichen
Statistiken und Angaben der Industrie- und Handelskammern und aus dem
Atlas – entsprechende Daten für die „Alten Bundesländer“ heraus und
fertigen Sie eine Übersichtskarte, wo in der Bundesrepublik Deutschland
die einzelnen Branchen ihre Schwerpunkte haben.
Anteil der Bruttowertschöpfung
verschiedener Wirtschaftszweige 1998

Quelle: Statistisches Bundesamt (aus: Jahresbericht
2000 der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit)
Die wirtschaftliche Entwicklung in den Neuen
Bundesländern ist auf den Systemunterschied zwischen der ehemaligen DDR
und der Bundesrepublik Deutschland ebenso zurückzuführen wie auf
strukturelle ökonomische Defizite der damaligen DDR selbst, die in ihren
Folgen noch heute nachwirken. Über die Gründe des Zusammenbruchs gibt es
verschiedene Hypothesen. Vor allem die Einführung der D-Mark zu einem –
gemessen an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit – stark
überbewerteten Kurs war ausschlaggebend. Obwohl die Währungs- und
Wirtschaftsunion zu einem frühen Zeitpunkt für das Ziel der Vereinigung
politisch notwendig war und von den Menschen auch erwartet wurde,
überforderte sie doch die Anpassungsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft.
Als Strukturdefizite der DDR-Ökonomie werden genannt: Veraltetes
Anlagekapital (Maschinen, Anlagen), zu geringe Produktivität (weniger als
30 % des westdeutschen Niveaus), wenig wettbewerbsfähige Produktpalette.
Entwicklung der Arbeitsproduktivität in den
neuen Ländern
|
|
1995
|
1996
|
1997
|
1998
|
1999
|
|
Arbeitsproduktivität (BIP/Beschäft.) in DM
|
62.300
|
66.000
|
69.700
|
70.900
|
71.000*
|
|
In % der westdeutschen Produktivität
|
56,2
|
59,5
|
60,3
|
59,4
|
61,0*
|
* Schätzung 1999, vorläufige Daten
Quelle: Statistisches Bundesamt
»Die Gründe für den Produktivitätsabstand zu
Westdeutschland sind vielfältig... Sie haben hauptsächlich strukturelle
Ursachen. Zu den verschiedenen Faktoren zählen insbesondere: eine
geringere Zahl an kapitalkräftigen Großunternehmen in der ostdeutschen
Wirtschaft, eine im Durchschnitt deutlich geringere Kapitalausstattung
der Unternehmen, ein hoher Anteil an Wirtschaftszweigen mit relativ
niedriger Produktivität (Baugewerbe, Landwirtschaft), deutlich weniger
forschungs- und entwicklungsintensive Branchen sowie vergleichsweise
höhere Marktzugangsbarrieren als westdeutsche Unternehmen aufgrund des
Umstandes, dass sich ostdeutsche Unternehmen erst noch ihre Referenzen als
wettbewerbsfähige Anbieter auf den Absatzmärkten erarbeiten müssen.«
Quelle: Jahresbericht 2000 der Bundesregierung
zum Stand der Deutschen Einheit
Mit dem Ende der UdSSR und die Auflösung des RGW
brachen auch die traditionellen Absatzmärkte in Osteuropa zusammen. Hinzu
kam, dass nahezu sämtliche Waren der DDR-Produktion aus den
Verkaufsregalen der überwiegend von westdeutschen Handelsketten
übernommenen Geschäfte verschwanden. Binnen kurzem waren größte Teile
der ostdeutschen Wirtschaft zahlungsunfähig. Dies erklärt, warum der
wirtschaftliche Einbruch bis auf wenige Ausnahmen alle Bereiche erfasste
(vgl. Jahresbericht 2000).
Die Krise der DDR in
sozialwissenschaftlicher Perspektive
Die Organisation der Volkswirtschaft wurde nicht nach
Kriterien wie Effizienz, Rationalisierung, Knappheits-Prinzip,
technischer Qualitätsoptimierung, strukturiert, ausgenommen der von der
UdSSR dominierte Rüstungssektor, der aber bedingt durch intensive ‚Blaupausen‘-Spionage
mögliches Investiv-Kapital in erheblichem Maße band. Der Wechsel von
extensiver Ausbeutung der Arbeitskraft zur intensiven und letztlich
intelligenten Ausnutzung von human capital, wurde nicht
erreicht. Er war durch Zementierung geltender Staatsdoktrinen blockiert
und dadurch verhindert worden. So erfolgte mit dem Ende der DDR die
„Demaskierung“ einer bislang in der Rangfolge der Industrie-Länder
hoch eingeordneten Volkswirtschaft, was vor allem auch
bewirkt worden war durch nicht vergleichbare (statistische)
Bewertungsmaßstäbe, manipulierte Statistiken, eine verschleierte
Außenverschuldung (ca. 80 Mrd. DDR-Staatsschulden) und das zwar als
positiv eingeschätzte, aber nur unter den spezifischen Bedingungen
(scheinbar) wirtschaftlich funktionierende Binnensystem, das, wie die
Ereignisse von 1989 zeigen, strukturell instabil und nicht hinreichend
legitimiert war. Auch in den Neuen Bundesländern ist das
Aufeinanderstoßen antagonistischer wirtschaftlicher Paradigmen zu einem
Entwicklungshemmnis geworden, was eben gerade nicht eine
Auseinandersetzung von Sozialismus und Kapitalismus
bedeutet, sondern sich auf die Bewertung der Produktionsfaktoren –
Arbeit, Produktionskapital, Flächenverbrauch – und auch auf die Verwendung
und rationelle Nutzung von Rohstoffen und Energie bezieht und die
Konsequenzen aus dem Knappheitspostulat ziehen muß.
Lothar
Nettelmann, Wende, 2000
Erörtern Sie diese typischen Strukturmängel
der Wirtschaft der ehemaligen DDR vor dem Hintergrund der Strukturen einer
Zentralverwaltungswirtschaft.
Stellen Sie die auch in anderen
Transformationsländern Europas anzutreffenden Krisenabläufe in den
Zusammenhang der globalen politischen Veränderungen am Ende der 80er
Jahre.
Folgende gesellschaftliche und ökonomische Bereiche
zeigen den Transformationsprozess besonders deutlich und sind zu
Hauptfeldern der wirtschaftspolitischen Aktivität des Bundes wie der
Bundesländer geworden:
1. Eigentumsordnung – insbesondere
Verfügung über die Produktionsmittel. Grundlage der Politik ist hier die
Privatisierung ehemaligen Staats- bzw. „volkseigenen“ und
genossenschaftlichen Produktionsvermögens (Staatsbetriebe, VEB, LPG), die
durch die staatliche „Treuhandanstalt“ bzw. durch die Nachfolgebehörde,
die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben,
durchgeführt wurde,
2. Vereinheitlichung der Rechtsordnung
– durch nur wenig modifizierte Übernahme der bundesdeutschen Gesetze und
Verordnungen; im Bereich der Wirtschaftsordnung bedeutet das insbesondere
die Einbeziehung in den Prozeß der europäischen Integration,
3. Arbeitsrecht und Arbeitsmarkt –
die Arbeitsmarktpolitik mit dem Ziel des Abbaus der Arbeitslosigkeit durch
Investitionshilfen (Wachstumspolitik), Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und
Qualifizierungsmaßnahmen steht im Spannungsverhältnis zu dem Ziel der
Einkommensangleichung durch Übernahme der Lohn- und Gehaltstarife und der
Beamtenbesoldung aus den westlichen in die Neuen Bundesländer. Dieses Ziel
ist auch Gegenstand der Tarifauseinandersetzungen zwischen
Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften.
Sozialunion
Mit der Währungs- und Wirtschaftsunion am 1. Juli 1990
trat auch die Sozialunion in Kraft. Damit wurde die Grundlage für die
Einführung der Sozialen Marktwirtschaft geschaffen. Die volle Einbeziehung
aller Ostdeutschen in die sozialen Sicherungssysteme der Bundesrepublik
war ein wichtiger erster Schritt zur Angleichung der Lebensverhältnisse.
Sie half den Menschen, die gewaltigen Umbrüche und Veränderungen der
wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse besser zu verkraften.
Jahresbericht 2000 der Bundesregierung
zum Stand der Deutschen Einheit
Zum Sozialsystem der Bundesrepublik gehören
-
Sozialversicherungen: Kranken-, Pflege-,
Arbeitslosen- und Rentenversicherung, die bis zu einer gesetzlichen Grenze
als Pflichtversicherung für Arbeitnehmer existieren, deren Beiträge
i.d.R. hälftig von Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu entrichten sind,
-
Arbeitsmarktverwaltung durch die Arbeitsämter
(Stellenvermittlung, Qualifizierungsmaßnahmen, Arbeitsmarktstatistik
und -information, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen),
-
das System der gesetzlichen Unfallversicherung durch
die Berufsgenossenschaften über die Arbeitgeber.
Im Gegensatz zum staatlich-zentralistischen System
basiert das Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland auf dem
Versicherungssystem bzw. dem so genannten „Generationenvertrag“, bei dem
die Leistungen aus den Beiträgen der Versicherten bezahlt werden, die
durch Selbstverwaltungsinstitutionen (deren Vertreter durch die
Versicherten in den regelmäßigen „Sozialwahlen“ bestimmt werden,
z.B. Krankenkassen etc.) verwaltet werden und der Staat nur als
Gewährleistungsträger auftritt.
Ökonomisch ist die Transformation hier recht
problematisch, da im Staatshaushalt der DDR keine Rücklagen für die
Sozialleistungen vorhanden waren, die aus den laufenden Staatseinnahmen
z.B. in den volkseigenen Betrieben bestritten wurden. Es fehlt daher an
Rücklagenkapital, das in der Bundesrepublik Deutschland bei den
Sozialversicherungsträgern gebildet war.
Da zudem die schon untersuchte Wirtschaftskrise wenig
Beiträge aber hohe Leistungsforderungen an die Sozialversicherungen
bedeutete, sind die Neuen Bundesländer mehr noch als die Länder der
„alten Bundesrepublik“ vor allem „Nehmerländer“ mit hohen
Beitragsdefiziten.
Die Notwendigkeit der Angleichung der
Lebensverhältnisse in West und Ost macht einen längerfristigen Kapital-
und Leistungsfluss von West nach Ost notwendig, nicht nur im Bereich der
Sozialunion sondern auch im Bereich der privaten und öffentlichen
Investitionen (Verkehrswegebau, Versorgung und Entsorgung,
Umweltschutzinvestitionen u.a.), die soweit es die staatliche Seite
angeht, als „Aufbau Ost“ bezeichnet wird und u.a. durch den „Solidaritätszuschlag"
auf die Einkommenssteuer finanziert wird.
Pro- und Contra-Positionen zum „Aufbau Ost“
Contra: Der hohe Geldbedarf der östlichen
Bundesländer schwächt die Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland im
internationalen Wettbewerb und führt letztlich zu geringerem
Wirtschaftswachstum, der die Investitionsgewinne im Osten wieder auffrisst
und gegenseitige Vorurteile und Aggressionen zwischen dem Bürgern Ost- und
Westdeutschlands nur aufhetzt. Das Sozialsystem wird unbezahlbar und
letztlich ist der Osten ein „Fass ohne Boden“.
Pro: Jede vernünftige Investition regt die
Nachfrage an und ist konjunkturpolitisch sinnvoll. Die industriellen
Neuinvestitionen im Osten sorgen für eine technologische Erneuerung, die
es wahrscheinlich macht, daß die Innovationszentren in den konjunkturellen
„Langen Wellen“ in Zukunft zusammen mit anderen ehemaligen RGW-Ländern wie
Polen, Tschechei und Ungarn eher im östlichen Mitteleuropa liegen und
damit eine neue Chance für die deutsche Wirtschaft bedeuten.
Sammeln Sie Informationen zur Begründung
beider kontroverser Thesen und organisieren Sie in Ihrer Lerngruppe eine
Diskussion zwischen diesen Positionen. Es ist gegebenenfalls auch
möglich, in der Schule eine Podiumsdiskussion über die wirtschaftliche
Situation am Heimatort zu organisieren, zu der Kommunalpolitiker und
Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften eingeladen werden.
(Gruppenarbeit:) Untersuchen Sie Ihre
Heimatregion in Bezug auf wirtschaftliche Situation, Arbeitsmarkt,
Neuinvestitionen etc. und ordnen Sie diese in einen Vergleich mit den
Bundesdurchschnitten und den Landesdurchschnitten in West- und
Ostdeutschland ein. Nutzen Sie Informationen der Industrie- und
Handelskammern, der Arbeitsämter, der Wirtschaftsdezernenten der Kommunen
und der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften oder „navigieren“ Sie im
Internet zu den Seiten der genannten Stellen oder auch z.B. über
www.bundesregierung.de, www.deutschland.de, www.ifo.de, www.spiegel.de,
www.fr_aktuell.de oder die Seiten anderer Tages- und Wochenzeitschriften
(in den „Suchmaschinen“ Zeitungsnamen eingeben) und nutzen Sie auch die
dort zu findenden „links“.
Arbeit und Arbeitsgesellschaft
Die Entwicklung der Industriearbeit
Im Lauf der wirtschaftlichen Entwicklung verschoben
sich die Beschäftigungszahlen in den einzelnen Stufen der Produktion.
Während im Mittelalter fast die gesamte Bevölkerung in der Landwirtschaft
[also im »primären Sektor« oder der »Urproduktion« zu dem auch jede
unmittelbare Nutzung der natürlichen Ressourcen gehört (Bergbau,
Forstwirtschaft, Fischfang, Jagd)] beschäftigt war, verschob sich die
Beschäftigung in der Zeit der Industrialisierung hin zur Fabrikarbeit, zum
sekundären Sektor. Im 20. Jhd. dann entwickelt sich die
»Dienstleistungsgesellschaft« durch die Rationalisierung und
Automatisierung der Fabrikarbeit hin zu einem starkem Wachstum von
Handel, Verwaltung, Verkehr, Geldgeschäften etc. als typischen
Kennzeichen der »Konsum-« oder Wohlstandsgesellschaft.
Fourastié entwickelt folgende Kurve der
Verschiebung der Beschäftigungsanteile in der Wirtschaft vom Mittelalter
bis Heute („Die Große Hoffnung des Zwanzigsten Jahrhunderts“):
Entwicklungsphasen der Wirtschaftssektoren
in Europa
[1] Es fehlt in diesem Modell die
Problematisierung des heutigen Zustandes, der sich durch
Massenarbeitslosigkeit, Rationalisierung im tertiären Sektor, aber
auch gleichzeitig und gegenläufig durch Bemühungen um alternative,
umweltorientierte (und damit wieder arbeitsaufwendigere)
Produktionsformen kennzeichnen läßt. Der gezeichnete
Endzustand ist für weitere Veränderungen offen.
[2] In der abhängigen Entwicklung der dritten Welt
fehlt weitgehend die Phase der Industrialisierung; die hier
entstandenen Dienstleistungsgesellschaften sind unproduktiv und nur
als Krisensymptom zu verstehen. Dienstleistungen sind hier:
aufgeblähte staatliche Verwaltung, »Schattenwirtschaft« Hausarbeit,
minder produktive Dienstleistungen (z.B. Schuhe putzen), Betteln,
Kriminalität (z.B. Drogenhandel, Bandenbildung). Dies geht einher
mit Landflucht und Überbevölkerung, d.h. Versorgungs- und
Ernährungskrisen. Die Wirtschaft muß hier insgesamt produktiver
werden, ehe im modernen Sinne von einer »Dienstleistungsgesellschaft«
gesprochen werden könnte. Im Schema von
Fourastié würde die
Entwicklung der »Dritten Welt« wie nebenstehend im zweiten
Diagramm-Schema aussehen.
Globale Entwicklung der Wirtschaftssektoren
|
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Dem entsprechen die gesellschaftlichen Entwicklungsphasen:
Agrargesellschaft — koloniale »Modernisierung« — heutige Zeit
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Arbeit
Die Arbeit im Sinne von Berufstätigkeit ist für die
moderne Wirtschaftsgesellschaft wie für das Leben jedes Einzelnen von
zentraler Bedeutung und daher in vielfältiger Weise durch den Staat und
seine Gesetze geregelt. Doch die Bedeutung und Regelung der Arbeit ist in
der Bundesrepublik Deutschland nicht unumstritten. Das gilt für folgende
Zusammenhänge:
Stellung der Arbeitnehmer im Betrieb.
Die Rechte der Arbeitnehmer schränken notwendigerweise die
Entscheidungsfreiheit des Unternehmers bzw. des Kapitaleigners ein. Daher
ist diese Frage auch eine gesellschaftliche Machtfrage. politisch erörtert
werden Schutzrechte für die Arbeitnehmer, Mitwirkungs- und
Mitbestimmungsrechte im Betrieb, Rechte auf soziale Absicherung
(z.B. durch die Sozialversicherungen).
Arbeit, Ausbildung und
Qualifikationsstandards. Es ist unumstritten, daß die
Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft vom hohen Qualifikationsniveau
der Arbeitnehmer abhängig ist. Umstritten ist aber, wie die Bildung
staatlich, privat oder durch die Wirtschaft selbst zu finanzieren ist und
in welchem Verhältnis dabei Allgemeinbildung (z.B. durch die Schule) und
berufliche Fachqualifikation (Berufsausbildung) stehen und wieweit
staatliche Regelungen für formale Qualifikationen notwendig sind.
Bildung im Bereich der europäischen
Integration. Die EU hat das Ziel, Freizügigkeit und Gleichwertigkeit
für alle Arbeitnehmer in ihrem Bereich zu garantieren. Das bedeutet, daß
staatliche Sonderregelungen, was die schulische und berufliche
Qualifikation angeht, mittelfristig ebenso abgebaut werden sollen wie
staatliche oder berufsständische Zugangsregelungen zu einem Beruf, die die
Absolvierung der Ausbildung im eigenen Land notwendig machen
(Handwerksrolle und Meisterbrief, Zulassung zu den Berufen des Anwalts
oder des Arztes etc.).
Die gesetzlichen Regelungen der Arbeit und der
Ausbildung sind sowohl in innenpolitischen Zusammenhängen wie im Rahmen
der europäischen Integration in Fluss und werden z.T. grundlegend
überarbeitet. Es ist daher kaum möglich, feste Daten und Zahlen für die
einzelnen Rechtsbereiche festzuhalten. Im Folgenden beschränken wir uns
daher auf allgemeine Ausführungen, die im Unterricht jeweils aktualisiert
und konkretisiert werden müssen.
Das Berufsleben des Jochen M.
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15 Jahre:
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Jochen hat gejobbt. Dabei musste der Betrieb
strenge Jugendschutzbestimmungen einhalten, wie z.B.
Arbeitszeitbegrenzung, Verbot schwerer körperlicher Arbeit,
Nachtarbeitsverbot. Wegen der geringen Beschäftigungsdauer
blieb das Arbeitsverhältnis steuer- und abgabenfrei.
|
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16 Jahre: Schulabschluß
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Jochen findet noch keine Ausbildungsstelle. Da er
noch schulpflichtig ist, besucht er vormittags die Berufsschule
im Berufsgrundbildungsjahr. Seine Familie hat finanzielle
Probleme. Daher nimmt er zusätzlich vorübergehend eine geringfügige
Beschäftigung (z.Zt. 630 DM-Gesetz) an, bei dem er eine
Steuerfreistellung beantragt hat und bei dem der Arbeitgeber
die Sozialabgaben pauschal abführt, ohne daß für Jochen dabei
Leistungsrechte entstehen.
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17 Jahre:
Berufsausbildung
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Jochen findet eine Lehrstelle als
Kfz-Mechaniker. Zunächst müssen seine Eltern und er mit dem
Ausbildungsbetrieb einen Ausbildungsvertrag abschließen. Für
seine Tätigkeit erhält er einen tarifmäßigen (d.h. in den
Tarifverhandlungen zwischen Arbeitnehmerorganisation und
Gewerkschaften ausgehandelten) Lohn für Auszubildende (Azubis).
Daneben besucht er an zwei Tagen in der Woche die Berufsschule
für sein Berufsfeld.
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Abschlußprüfung: Gesellenprüfung oder
Facharbeiterprüfung
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Er schließt seine Ausbildung erfolgreich mit
einer Prüfung ab (je nach Beruf und Betrieb bei der Handwerkskammer
oder der Industrie- und Handelskammer; der theoretische Teil
wird von der Berufsschule durchgeführt.
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18 Jahre:
Arbeitslosigkeit
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Jochen wird von seinem Betrieb nicht übernommen
und meldet sich beim Arbeitsamt als Arbeitssuchender. Er
erhält vorübergehend bei der Gemeinde einen Aushilfsjob im Rahmen
einer vom Arbeitsamt unterstützten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme
(ABS-Stelle).
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19 Jahre:
Tätigkeit im erlernten Beruf
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Nach etwa 14 Monaten findet Jochen eine Stelle in
einem Kfz-Betrieb. Er schließt einen Arbeitsvertrag ab, der
seine Arbeitsleistungen, seine Eingruppierung in den Lohntarif
sowie Einzelheiten über Arbeitszeit, Urlaub,
Sozialleistungen des Betriebes etc. regelt. Dieser Vertrag ist
ebenso wie der Tarifvertrag, auf den er Bezug nimmt, für beide
Seiten rechtsverbindlich und kann ggf. beim Arbeitsgericht eingeklagt
werden. Verstößt Jochen gegen die Bestimmungen des Arbeitsvertrages,
ist dies ein Kündigungsgrund.
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Pflichten des Arbeitnehmers
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Grundsätzlich muß Jochen gegenüber seinem
Betrieb loyal sein, d.h., er darf nichts tun, um dem Betrieb
und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu schaden oder ihren Ruf
zu beeinträchtigen. Insbesondere muß er Informationen aus und über
seinen Betrieb und die Belegschaft vertraulich behandeln. Sexuelle
Anmache oder politische Agitation im Betrieb sind Gründe für eine
fristlose Kündigung!
|
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Rechte des Arbeitnehmers
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Da neue Tarifverhandlungen anstehen,
möchte Jochen dabei mitwirken. Er tritt der zuständigen
Gewerkschaft bei (in seinem Fall die IG Metall) und lässt
sich in den Betriebsrat wählen (im öffentlichen Dienst heißt
die entsprechende Institution Personalrat). Damit kann er die
betrieblichen Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer
wahrnehmen. Der Betriebsrat wird informiert und angehört bei
Kündigungen, bei Veränderungen der Arbeitsbedingungen und
Sozialleistungen, bei der generellen Regelung von Arbeits- und
Urlaubszeiten und wird vertraulich informiert über die
wirtschaftliche Situation des Betriebes.
|
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Tarifverhandlungen
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Der neue Tarifvertrag kommt nicht zustande. Daher
kommt es nach Ablauf des alten Tarifvertrages (also nach Ende der
Friedenspflicht) zu einem Arbeitskampf. Die Gewerkschaft
führt in ihrem Organisationsbereich eine Urabstimmung durch,
bei der über 75 % der Beschäftigten für einen Streik stimmen.
Nach einigen Tage Streik vereinbaren die Tarifparteien die
Anrufung eines neutralen Schlichters.
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Arbeitskampf
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Auf der Grundlage seines Schiedsspruches
wird ein neuer Tarifvertrag vereinbart, der von der Mehrheit der
Arbeitnehmer wie auch von dem Arbeitgeberverband angenommen und
unterzeichnet wird. Damit beginnt für die Laufzeit des Vertrages
wieder die Friedenspflicht, in der der »wilde Streiks«
rechtswidrig sind und zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen
(Kündigungen) führen können.
|
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Betriebswechsel
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Jochen sucht und findet eine Stelle in einem
anderen Betrieb, die seinen Wünschen besser entspricht. Dabei musste er
sicherstellen, dem bisherigen Betrieb nicht zu schaden und weiterhin
die Vertraulichkeit zu wahren.
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Zeugnisse
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Der Arbeitgeber muß dem ausscheidenden
Arbeitnehmer auf Wunsch ein qualifiziertes Zeugnis
aushändigen, in dem keine negativen Einträge stehen dürfen und
das trotzdem wahrheitsgemäß sein muß. Dies ist vor dem Arbeitsgericht
einklagbar. Oft versuchen Arbeitgeber, negative Einschätzungen durch
verdeckte Formulierungen („bemühte sich um Pünktlichkeit“ =
„schaffte es aber nicht“ o.ä.) auszudrücken; dies ist jedoch nicht
zulässig. Nur Auslassungen im Zeugnis können aussagefähig sein: wenn
zum Beispiel im Zeugnis eines Kassierers nichts über korrekte
Abrechnungen und Ehrlichkeit steht, ist dies eher bedenklich!
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Rente
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Mit 61 Jahren geht Jochen in den vorgezogenen
Ruhestand. Die Regelungen über den vorzeitigen Ruhestandsbeginn
wechseln schnell und werden oft nach Arbeitsmarktlage ausgehandelt, um
z.B. Massenentlassungen in bestimmten Branchen zu verhindern.
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Arbeitsunfähigkeit durch Krankheit ist jedoch
immer ein Grund für einen vorzeitigen Ruhestand, muß aber mit einer
Verminderung der Rentenhöhe erkauft werden.
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Informieren Sie sich über den derzeitigen
Stand der Diskussion über »Rentenreform«, »Arbeitsrechtsreform« und die
aktuellen Arbeitsmarktdaten.
Diskutieren Sie, welche Möglichkeiten Sie
selbst in Ihrer beabsichtigten Berufslaufbahn durch die gesetzlichen
Rechte und Pflichten als Arbeitnehmer haben.
Die Arbeit der Zukunft: Neue Lebensformen, neue Konflikte
Die Struktur- und Legitimationsprobleme
in den entwickelten Industriestaaten Westeuropas und den USA stellen
eine typische Entwicklungsphase dar, die keineswegs zufällig ist
oder nur mit einer vorübergehenden Konjunkturschwäche erklärt werden
kann. Die Probleme sind grundsätzlicher und struktureller Natur. Das
liegt vor allem daran, daß in der Geschichte das Gewaltmonopol des
Staates nicht gegenüber der ökonomischen Macht durchgesetzt
worden ist. Das Instrument des Steuermonopols als Grundprinzip
des Staates versagt, wenn in einer hochkomplexen, sich international
organisierenden Gesellschaft und Volkswirtschaft die wichtigsten
existenzsichernden Aufgaben und Funktionen – Produktion,
Distribution, Vorsorge – nicht (nur) vom Staat, sondern von privaten
Unternehmen übernommen werden (müssen).
Neue Formen des Arbeitsmarktes
»Ein in Indiz für die Grenzen der Steuerbarkeit besteht
in der bisherigen Entwicklung des Zweiten Arbeitsmarktes, der ja
den grundsätzlichen ordnungspolitischen Zielsetzungen zuwider läuft. Aus
der Notwendigkeit heraus, sozialer Sicherheit wieder einigermaßen
Geltung zu verschaffen und Not abzubauen, hat die Gesellschaft über den
Staat Beschäftigungsbereiche geschaffen, die z.B. als
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Umschulungs-, Fort- und
Weiterbildungsmaßnahmen seitens der Arbeitsämter zunächst
temporäre Bedeutung zum Wiedereintritt in den eigentliche Ersten,
tariflich gesicherten Arbeitsmarkt hatten. Diese Maßnahmen sind
längst zu Dauerbeschäftigung oder Dauermaßnahmen etabliert,
notwendigerweise zunehmend ausgeweitet – einschließlich der
so genannten »Kurzarbeit Null« in den Neuen Bundesländern. Kurzarbeit gilt
im Arbeitsrecht nicht als Arbeitslosigkeit; das Arbeitsamt zahlt den
betroffenen Arbeitnehmern Differenzlöhne. Die hier angesprochene
Sonderform vermeidet, daß faktisch arbeitslose Arbeitnehmer als solche
eingeordnet werden; formal gilt ihre Beschäftigung als fortbestehend und
das Arbeitsamt zahlt aus den Geldern für Kurzarbeit den Gesamtbetrag des
ausstehenden Lohnes einschließlich der Beiträge zu den
Sozialversicherungen. Über die Legitimität dieses Verfahrens ist noch
nicht abschließend geurteilt worden.
Längst werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen als
dauerhaftes Mittel eingesetzt, einige Formen struktureller
Arbeitslosigkeit gerade auch in Ostdeutschland abzufedern. Das
bedeutet, daß Bereiche sinnvoller und notwendiger, aber nicht
notwendigerweise kurzfristig produktiver gesellschaftlicher Arbeit –
über den Ersten Arbeitsmarkt nicht mehr zu finanzieren sind und
auch in die Austauschbeziehungen der Volkswirtschaft nicht zu
integrieren sind. Diese wissenschaftlichen, sozialen und betreuenden
Aufgaben, wenn sie nicht unter Umständen ganz in den ehrenamtlichen
Bereich abgedrängt werden, finanziert der Staat (z.T. indirekt
verschleiert durch gesellschaftliche Vereinigungen, Organisationen oder
Körperschaften) bestenfalls im Zweiten Arbeitsmarkt. Für viele
junge Akademiker, für Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen oder
Pädagogen und Pädagoginnen, die sich in erheblichem Maße in nicht auf
Dauer angelegten Beschäftigungsverhältnissen befinden, ist dieser
Zweite Arbeitsmarkt zur einzigen Beschäftigungsmöglichkeit
geworden, zur einzigen Chance, den Lebensunterhalt, wenn auch an der
untersten Grenze des sozial erträglichen zu erwerben. Letztlich gehört
die große Zahl der Frauenbeauftragten ebenfalls dazu. Ihre Einrichtung
wie auch ihre Finanzierung hat zugleich die Funktion einer
Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für im Regelfall hoch qualifizierte
Frauen. Entsprechendes gilt für die Einrichtung von
›Frauenministerien‹.«
Nettelmann/Voigt/Plavšić/Holm,
2000 (gekürzt)
Erörtern Sie die unterschiedlichen
Berufchancen und Lebensperspektiven der verschiedenen Sozial- und
Berufsgruppen:
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Welche Bedeutung hat eine umfassende Grundbildung?
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Wie stark muß die Berufsausbildung spezialisiert werden?
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Haben Studenten und Akademiker bessere Lebensperspektiven als
Arbeiter?
Diskutieren Sie diese Fragen kontrovers in
der Lerngruppe und sammeln Sie Fallbeispiele aus Ihrem Bekanntenkreis!
Eine Szene aus dem Leben von Dirk K.
Dirk K. ist ausgebildeter Tischler. Drei Jahre hat er in
seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb gearbeitet, ehe der Betrieb in
Konkurs ging. Nach fünf Monaten Arbeitslosigkeit hat er die Chance, als
ABM-Kraft (Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, zu der das Arbeitsamt einen
Zuschuss an den Arbeitgeber zahlt) für ein halbes Jahr Hausmeistertätigkeit
in einem städtischen Amt zu übernehmen. Danach möchte er wieder eine feste
berufliche Perspektive erarbeiten. Mit Hilfe des Arbeitsamtes lässt er
sich zum EDV-Techniker umschulen und verdient einige Jahre nach einem
Umzug nach Süddeutschland recht gut. Er gründet eine Familie, doch dann
verliert er seine Stelle, da der Betrieb seine Entwicklungsabteilung an
die Mutterfirma in den USA abgibt. Nun wagt er den Schritt in die
Selbständigkeit und leitet ein kleines EDV-Service-Büro. Letztlich reichen
seine Finanzen doch nicht aus und er muß den Betrieb Liquidieren. Die
nächsten Jahre fährt er als Fernfahrer bei einer Spedition auf dem LKW,
da er beim Militärdienst seinen LKW-Führerschein hatte machen können...
Wie geht sein Leben in Zukunft weiter? In der Literatur
wird – umstritten! – von einer Tendenz zu »patchwork«-Biographien
gesprochen, d.h. zu Lebensläufen ohne feste berufliche Kontinuität mit
der Forderung ständiger Neu- und Umqualifikation.
Nehmen Sie zu den Risiken und Chancen dieser
Lebensperspektiven Stellung!
Plädoyer für die gemeinnützige Arbeit
„Eine Gesellschaft kann nicht nur durch die ständige
Konkurrenz um Beruf- und Einkommenschancen bestimmt werden. Wenn wir
menschenwürdig überleben wollen, muß jeder einen Teil seiner Lebenszeit
für soziale Ziele verwenden. In der einfachsten Form sind das Familie und
Haushalt. Aber wie sollten wir auch in Notlagen existieren, wenn nicht
Menschen zur Pflege, Nachbarschaftshilfe und Fürsorge bereit wären, wie
sollte wir eine bessere Zukunft gestalten, wenn niemand mehr bereit wäre,
ehrenamtlich in Verbänden oder in der Politik zu wirken? Aber auch die
Bereitschaft, zeitweise für geringes Entgelt soziale und kulturelle
Tätigkeiten zu übernehmen, also auf dem zweiten oder gar ehrenamtlichen
»dritten Arbeitsmarkt« zu arbeiten, ist für eine nachhaltige
Sicherung der gesellschaftlichen Zukunft ausschlaggebend...“ Aus einer
Diskussion mit einem Mediziner, der vier Jahre ehrenamtlich in
Krisengebieten außerhalb Europas gewirkt hatte.
Erörtern Sie, in wie weit Sie selbst Ihre
Zukunft auf dem »ersten« oder »zweiten« Arbeitsmarkt sehen, oder ob der
so genannte »dritte Arbeitsmarkt« – die inoffiziellen, unkontrollierten
oder auch ehrenamtlichen Tätigkeiten – für Sie an Bedeutung gewinnen
können.
Dokument Information
Aus
einem Kapitel-Manuskript zu "Gesellschaft verstehen und handeln.
Sozialkunde Klassen 11-13. Lehrbuch von Ulrich Geisler (Hg.). Militzke
Verlag GmbH, Leipzig. Ausgabe 2000."
Kapitel 3 und 4 von Gerhard Voigt aus dem Abschnitt "Wirtschaft im
Wandel (Grundmodelle der Wirtschaftsordnung, Perspektiven der sozialen
Marktwirtschaft, Ökologie und Ökonomie, globale wirtschaftliche Prozesse,
EU und Weltwirtschaft)"
Fassung für den Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20,
30952 Ronnenberg / Region Hannover
Bearbeitungsstand 4.12.2000
Internetpublikation am 13.10.2001
Alle Rechte vorbehalten.
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