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UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee
Bismarckschule Hannover e.V.
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Schriftenreihe des UNESCO-Club für die
UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V.
ISSN 0945-1536

 

Tradition oder Umbruch. Erlebnisse im Nahen Osten.
Bericht über die Orientreise 25.6.-4.8.1987.

VIII. Syrien

1. Eindrücke und Einordnungen

Es ist seltsam, wie politische Einordnungskategorien das Bild eines Landes in der Öffentlich­keit prägen und Urteile provozieren, die mit den erfahrbaren Realitäten kaum etwas zu tun haben. Gegenüber Syrien ist das Vorurteil gefällt: ein Land, das weltweit den Terror unter­stützt und in jeder Hinsicht eine Gefahr für uns darstellt. Die Vorstellung hat sich festgesetzt, dass ein solches Land auch innenpolitisch nur als terroristische Schreckensherrschaft vorgestellt werden kann, dass es eine Gefahr für Leib und Leben für jeden ausländischen Besucher darstellt und dass es ohnehin einen Besuch feindlicher Ausländer nicht zulassen würde. Diese Vorstellungen sind weitab von jeder Wirk­lichkeit und bedürfen der Korrektur und der Differenzierung. Auch das war eine Zielsetzung un­serer Reise.

Zunächst ist natürlich festzuhalten, dass sich Syrien gegenüber Israel im Kriegszustand befindlich sieht, dass Syrien Sprecher und Exponent der so genannten „Ablehnungsfront“ ist, die einen Ausgleich mit Israel unter Anerkennung des status quo nicht befürwortet und immer noch auf eine grundsätzli­che Reorganisation im staatlichen Gefüge des Nahen Ostens hofft. Von der Sicht Israels aus ist na­tür­lich Syrien der gefährlichste Gegner, und es ist sicher nicht geraten, in Syrien allzu große Sympa­thien für Israel zu zeigen. Hier steht die – aus der historischen Situation und den heutigen engen po­litischen Beziehungen heraus verständliche und sicherlich positiv zu wertende – freundschaftliche Haltung der westlichen europäischen Länder und der Bundesrepublik Deutschland – durch das schreckliche zeit­geschichtliche Erbe der Nazizeit noch befestigt – einer neutralen und freundschaftli­chen Beziehung zu Syrien entgegen, obwohl die direkten politischen und geschichtlichen Beziehun­gen keinen tatsächli­chen weiteren Sprengstoff erkennen lassen.

Vor allem von Frankreich aus wird daher ersucht, auch vor dem Hintergrund der französischen Interessensphärenpolitik zischen den Weltkriegen im syrischen Raum, die Beziehungen zu entkramp­fen und den europäischen Faktor konfliktabbauend in das nahöstliche Interessenfeld einzubringen. Es stände der Bundesrepublik Deutschland gut an, in diesem Sinne helfend mitzuwirken, ohne dabei hi­storisch gewachsene Beziehungen und Freundschaften aufzugeben. Die persönlichen Erfahrungen und die vielfältigen Informationen, die wir zusammentragen konnten, sprechen für diese Entkramp­fung der Beziehungen zu Syrien, die mit einem Abbau feindseliger Vorurteile in der deutschen Öf­fentlichkeit verbunden werden muß.

Welche Erfahrungen haben wir in Syrien gemacht? Zunächst einmal war die Visabeschaffung als Voraussetzung der Reise nach Syrien unproblematisch und schnell, wenn auch, wie bei vielen ande­ren Ländern auch, relativ hohe Visagebühren und Zwangsumtauschsätze erlangt wurden – bei der fi­nanziellen Misere des Landes und seinem Devisenmangel eine durchaus verständliche Haltung. Die Einschränkung, dass keine israelischen Sichtvermerke im Paß eingetragen sein dürfen, ist nicht pro­blematisch, da Israel kein Vorausvisum erlangt und wir uns zusätzlich, falls eine Rückfahrt durch Sy­rien erforderlich gewesen sein sollte, mit Zeitpässen ausgestattet hatten.

Die Einreise von der Türkei aus war bürokratisch und – bezüglich erwarteter Bakschischzahlun­gen – nicht allzu korrekt, dafür aber zeitraubend. Bei dem Image Syriens als „sozialistischer Dikta­tur“ wohl ein unerwartet „orientalischer“ erster Eindruck, nicht besser oder anders, als wir es später in Jordanien und Ägypten kennen lernen sollten. Und dieser Eindruck bestätigte sich bei unserem Auf­enthalt im Lande immer wieder. Die ideologische Seite der Politik, die außenpolitisch so eine große Rolle spielt, tritt innenpolitisch hinter den traditionellen sozioökonomischen Strukturen zu­rück. Der forcierte Personenkult um Präsident Assad ist Kehrseite seiner durchaus nicht allzu siche­ren politi­schen Stellung, da er, aus einer der Sekte der Alawiten zugehörigen Familie stammend, keine starke gesellschaftliche Gruppe als Hausmacht hinter sich hat. Dazu kommt die aus der osman­ischen Zeit bruchlos überkommene Beamten- und Militärbürokratie. Die Parallelen zu den, politisch anders aus­gerichteten, arabischen Nachbarländern wird augenscheinlich.

Diese Traditionalität der Gesellschaftsordnung hat für den Reisenden, der mit Geduld und Tole­ranz gewappnet ist, eine andere, äußerst positive Kehrseite: die überaus große Hilfsbereitschaft, ja Fürsorglichkeit, auf die er bei Amtspersonen wie Privaten, bei Uniformierten wie Zivilisten allenthal­ben stößt, die Gastfreundschaft, die zu ungewöhnlich interessanten Begegnungen und Gesprächen führt, und die Toleranz, mit der die Unsicherheit des Reisenden in vielen alltäglichen Fragen hinge­nommen wird. Bei der relativen außenpolitischen Isolierung des Landes ist zur Zeit an eine Erschlie­ßung für den Massentourismus noch nicht zu denken – obwohl Syrien mit seinem kurzen Stück Mit­telmeerküste im Norden sich darüber durchaus ernsthaft Gedanken macht –, so dass der Reisende noch als einzelner Mensch und Gast und nicht als Massenereignis wahrgenommen wird. Kurzum, der Besuch in Syrien hat uns, über die geschichtlichen Denkmäler hinaus, viele wichtige und positive Ein­drücke gebracht und das Land als empfehlenswertes Reiseland ausgewiesen. Der innere Friede ist zwar wie in den Nachbarländern nicht so sicher und zuverlässig, wie wir das in Mitteleuropa ge­wöhnt sind (wobei wir viele alltägliche Unsicherheitsfaktoren zischen Alltagsaggression, Kriminalität und Verkehrsgefahren zu verdrängen gelernt haben); die blutigen Unruhen in Homs und Hama An­fang der achtziger Jahre sind ein Hinweis auf nur scher unter Kontrolle zu haltende Sozialkonflikte; und wieweit das in Syrien traditionell harmonische Zusammenleben der Religionsgruppen unter dem Ein­druck der Ereignisse im Libanon auf Dauer beizubehalten ist, sei dahingestellt; doch der Reisende wird kaum mit diesen Konflikten direkt in Berührung kommen – ein persönliches Risiko daraus ablei­ten zu vollen, ist unsinnig, dieses Risiko ist in dem beliebten Reiseland Israel sicher um ein vielfaches höher (auch wenn in bestimmter Sichtweise gerade an diesem Faktum Syrien nicht ganz unschuldig sein wird).

Wichtig waren für uns neben den unmittelbaren Eindrücken, die wir gewinnen konnten, vor al­lem die vielen Gespräche, die wir im Lande mit Syrern aber auch mit einem Vertreter der deutschen Bot­schaft in Damaskus führen konnten, den wir, aus diplomatischer Diskretion aber nicht direkt zi­tie­ren möchten und dessen Aussagen für uns eher Verständnis fördernde Hintergrundinformationen wa­ren. In der Vorbereitung der Reise stützten wir uns – aus geographischer Sicht selbstverständlich – vor allem auf die Informationen aus der grundlegenden länderkundlichen Monographie über Syrien von Wirth; Aktualisierung erfuhren diese Informationen durch die Exkursionsberichte der Universi­tät Würzburg, die in einer gerade die Schüler in Form und Diktion gut ansprechenden „Grau­zo­nen­publikation“ des Würzburger Geographischen Instituts von Schliephake zusammen­gestellt worden sind.

Den gesellschaftlichen Traditionalismus in Syrien und die daraus resultierenden Probleme für die Durchsetzung einer modernen, nationalen Staatlichkeit haben wir schon angesprochen. Die deutli­chen Korruptionserfahrungen, die der Reisende in Syrien machen kann, deuten genau in diese Rich­tung: der Staat und seine säkulare Wertordnung wird als etwas Aufgesetztes, Fremdes wahrgenom­men, dessen man sich bedient, gegenüber dem aber eine umfassende Loyalität suspekt wäre. Das tägliche Leben wird in den Sozialgruppen der unteren Ebene, der Familie, der Religionsgruppe, der Klientel geregelt und abgesichert; „Freundschaftsbeziehungen“ und familiäre Bande sind durchaus noch wich­tiger als staatliche Hierarchien. Hier wird die, machtverstärkende, Doppelfunktion des Militärs deut­lich: zunächst einmal staatliche Herrschaftshierarchie nach dem Prinzip von Befehl und Gehorsam zu sein, unabhängig von äußeren, außermilitärischen Bindungen des einzelnen Soldaten. Zum anderen ist das Militär aber auch eine soziale Institution mit engen persönlichen Beziehungen und zwangsweisem Zusammenleben in einer reinen Männergesellschaft, in der sich, ganz nach dem überkommenen ge­sellschaftlichen Muster, interne persönliche Loyalitäten und Klientelverhältnisse herausbilden können: Truppenteile als „militärische Familienclans“, die sich, in Europa würde man sagen: als „Staat im Staate“, von äußeren Loyalitätsverpflichtungen weit entfernen können und Machtpolitik im eigenen Interesse betreiben. Das macht die Gefährlichkeit des Militärs in einer Ge­sellschaft mit ungesichertem Staatsverständnis aus. Im Libanon sehen wir, dass das Militär sehr schnell in einzelne, rivalisierende Milizen und auf eigene Rechnung kämpfende Truppenteile zerfällt, wenn der Staat an Autorität ver­liert, und damit ist der Zusammenbruch des Staates besiegelt.

Das Verhältnis zum Libanonkonflikt ist eine Schicksalsfrage für Syrien, die den Konflikt um Is­rael überlagert, zum Teil aber auch aus syrischer Sicht identisch ist. Diese syrische Sichtweise ist si­cherlich wenig distanziert und ausgewogen. Da ist zunächst der historisch begründete Anspruch Sy­riens auf Hegemonialrechte über den Libanon, der als Provinz eines Großsyriens, zu dem auch die Provinz Iskenderun der heutigen Türkei gehören sollte und das die Oberhoheit zumindest über Teile Palästinas beansprucht, gesehen wird. Richtig ist, dass die heutigen Grenzen nach dem ersten Welt­krieg von den Westmächten willkürlich gezogen wurden und durchaus nicht den traditionellen Zu­sammengehörigkeit und kulturellen Teilräumen entsprachen. Doch dürfte heute der panarabische Traum von einem Großsyrien den seither gewachsenen sozioökonomischen und politischen Struktu­ren widersprechen und dementsprechend anachronistisch sein.

Auf der anderen Seite ist der Libanonkonflikt eine tatsächliche gravierende Bedrohung für Syri­en und rechtfertigt ein militärisches Eingreifen durchaus, wenn nicht ein Übergreifen der gewalttäti­gen Konflikte auf Syrien hingenommen werden soll. Die sozialen Problemlagen gibt es im Libanon wie in Syrien, gleichfalls das Auseinanderfallen der Gesellschaft in eine unüberschaubare Vielzahl von regional und religiös differenzierten Sozialgruppen, deren friedliches Zusammenleben immer neue Kompromisse und auch eine stetige und gleichmäßige Verbesserung der materiellen und politischen Lebenschancen erlangt. Im Libanon scheiterte dieser Versuch, abgesehen einmal von den vielfältigen von außen einwirkenden politischen Pressionen und der Sonderrolle des Palästinenserproblems, das in den politischen Autonomieansprüchen der PLO ihren Ausdruck findet, vor allem daran, dass eine, zahlenmäßig noch nicht einmal mehrheitsfähige, Gruppe, die der libanesischen Christen, durch ihre besonderen Beziehungen zu den westlichen Wirtschaftsmächten und der ehemaligen französischen Mandatsmacht nahezu alle ökonomischen Erfolge auf das eigene Konto gutschreiben konnte.

Die „Schweiz des Nahen Ostens“, wie der Libanon in den fünfziger und sechziger Jahren ge­nannt wurde, war eine Angelegenheit allein dieser Sozialgruppe, die ihre politische Stellung auch in der Verfassung festschreiben konnte, wo die höchsten Staatsämter auf die drei dominanten Gruppen – Christen, Sunniten, Drusen – erteilt und eine Feststellung der Zahl der jeweiligen Anhänger dieser Gruppen ausdrücklich untersagt wurde. Andere, wachsende Gruppen wie die der Schiiten blieben von der politischen Repräsentation völlig ausgeschlossen und bildeten ein zunehmend unzufriedenes, un­ruhiges Proletariat am Rande der Großstädte. Im Zuge der islamischen Renaissance und der Ereig­nisse in Iran erachte der Wunsch nach adäquater politischer Repräsentation sowohl bei den Sunniten, deren Majorität sich mit der bisherigen verfassungsmäßigen Drittelparität ebenso wenig abfinden konnte wie mit der deutlichen ökonomischen Benachteiligung, als auch bei den bisher gar nicht wahr­genommenen Schiiten, deren fanatische Kampfgruppen heute das radikalste politische Potential des Libanon darstellen. Alle diese Faktoren wirken sich unmittelbar auf die Lage in Syrien aus. Das Selt­same ist es ja, dass der Libanon trotz gesellschaftlicher Anomie und einem Jahrzehnt blutigem Bür­gerkrieg Strukturen der vorangegangenen Prosperitätszeit bewahren konnte – und die Privilegien der christlichen Wirtschaftsführer, die sich in das gebirgige Küstenland zischen den Großstädten zurück­gezogen haben, welches sie durch unbezwingliche christliche Milizen gegenüber den Bürgerkriegsre­gionen hermetisch abgeriegelt haben. Hier kommt wie eh und je ein großer Teil des nahöstlichen In­dustrie- und Bankkapitals zusammen, das hier, von staatlichen Instanzen und Finanzamtzugriffen si­cher abgeschirmt, politischen Einfluss sichern und mit bedeutenden Geldvermögen stützen kann. Die libanesischen (amtlich noch immer in Beirut angesiedelten) Großbanken machen Gewinne, um die sie andere Banken beneiden, und verwalten schließlich die Gelder aller kriegführenden Parteien im Liba­non. Der Fortfall staatlicher Kontrolle führt zwar zu großen persönlichen Risiken, kann aber auch, wenn das Sicherheitsproblem durch entsprechende Bewaffnung gelöst ist, zum Aufbau spekulativer oder kriminell erworbener Vermögen genutzt werden. Schmuggel und Umsatz von „heißer Ware“ haben im Libanon Konjunktur! Die Supermärkte – etwas was es in ganz Syrien in moderner Form noch nicht gibt – sind wohl bestückt; für entsprechendes Geld ist in Beirut alles zu haben, Lebensmit­tel, Haushaltswaren und -geräte, Elektronik, Luxusgüter und Fahrzeuge, Rauschgift und Waffen. Die wohlhabenden Gruppen in Syrien, vor allem in Damaskus, darunter auch Regierungskreise und di­plomatisches Personal, entgehen den Versorgungsengpässen in ihrem Land durch kurze Wochenend­ausflüge in den syrisch kontrollierten Sektor Beiruts, um, gegen entsprechend hohe Bezahlung, all das einzukaufen, was in Damaskus nicht erhältlich ist. Wie sich das auf die Staatsloyalität auswirkt, kann man sich denken. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass der Libanonkonflikt Syrien zu un­erträglich hohen, noch immer steigenden Militärausgaben zwingt, die mit für die ökonomischen Pro­bleme des Landes verantwortlich sind. Sind doch die Voraussetzungen für den Aufbau einer ge­sun­den Volkswirtschaft – im Gegensatz zum Wüstenstaat Jordanien ohne das Westjordanland, der am „Tropf“ der Finanzhilfe der politisch befreundeten arabischen Nachbarstaaten, vor allem Saudi Ara­biens hängt – durchaus positiv zu bewerten.

Die Landwirtschaft in den mediterranen Küstengebieten, den großen Oasen zischen Aleppo und Damaskus am Ostrand des Libanongebirges und in den Stromoasen des Euphratgebietes ist seit al­ters her leistungsfähig und intensiv und steht einer weiteren Intensivierung offen. In der letzten Zeit wurde die landwirtschaftliche Nutzfläche durch die neu erschlossenen Bewässerungsgebiete unter­halb des Assad-Staudammes noch erheblich erweitert. Eine Selbstversorgung mit agrarischen Le­bensmitteln ist in Syrien durchaus möglich. Auf dieser gesunden Basis entwickelte sich kontinuierlich eine leistungs­fähige Handwerker- und Händlerschaft, die sich noch heute auf die traditionelle Form der Bazarwirt­schaft stützt. Aber auch einige Industrieprojekte wurden in den ergangenen Jahren er­folgreich entwic­kelt. Doch die politische Isolierung des Landes und der Libanonkonflikt hemmen und stören diese Erfolg versprechende Ausgangssituation. Mangelnder Außenhandel, verursacht durch die politische Außenseiterrolle Syriens, und der damit verbundene Devisenmangel, zusätzlich belastet durch die unproduktiven, abfließenden Militärausgaben, verursachen einen eklatanten Kapitalmangel, der auch die binnenwirtschaftliche Entwicklung hemmt und illegale Schattenwirtschaftsformen för­dert. Die wachsende Bevölkerung Syriens erlangt eine Modernisierung der bisher vorwiegend hand­werklichen Produktion und eine Modernisierung der Distribution, des Handels; die wachsenden Ver­sorgungs­probleme stärken die schon dargestellte Staatsferne weiter Teile der Bevölkerung, die schließlich, werden die ökonomischen Probleme nicht gelöst, zu einem Kollaps der syrischen Politik führen könnte.

Eine stärkere politische Öffnung und ein Ausgleich mit den Nachbarn wird immer dringlicher; doch birgt er wiederum politische Gefahren für die derzeitige Herrschaftsschicht, die einen radikalen politischen Umschwung wohl kaum durchsetzen und verkraften könnte. Der traditionelle Konflikt mit dem Nachbarn Iraq – die politischen Dissenzen, die zum Bruch der beiden nationalen Flügel der Baath-Partei geführt hatten, sind wohl nur oberflächliche Kaschierungen gravierender ökonomischer Interessengegensätze, die mit den Stichorten Nutzung des Euphratwassers und Förderung und Durchleitung des Erdöls aus den Nordiraqischen Feldern zu charakterisieren sind. Dieser führte zu einer, in dieser Region einmaligen, positiven Beziehung zum iranischen Revolutionsregime – nach dem Motto: der Feind meines Feindes ist mein Freund –, eicht aber zunehmend einer nüchterneren Beur­teilung der Lage durch Syrien und ersten, vorsichtigen und verdeckten Schritten zu einem Inter­essen­ausgleich.

Auch hier spielen wieder die Entwicklungen im Libanon eine entscheidende Rolle, wo die proiranischen, schiitischen Hisbollah-Milizen die bislang radikalsten schiitischen Amal-Milizen an terro­ristischer Radikalität und Brutalität abgelöst haben. Sie lassen sich, trotz angeblich vorhandener Bündnisverpflichtungen, noch weniger als die Amal-Milizen von syrischen Interessen beeinflussen, gehorchen sie doch, wie es scheint, nicht einmal Wünschen ihrer iranischen Schutzmacht, sondern nur noch augenblicksbezogenen eigenen Situationseinschätzungen und Machtgewinnperspektiven. Diese Milizen sind längst identisch geworden mit traditionellen Familien- und Klientelgruppierungen, die sich als völlig autonom erstehen.

Je weniger aber der Iran seinen syrischen Verbündeten in der Libanonfrage entgegenkommt oder entgegenkommen kann, um so mehr muß sich Syrien sowohl auf die eigene militärische Kraft erlas­sen als auch Rückendeckung bei anderen arabischen Nachbarn suchen. Eine aktive Rolle für ei­nen möglichen Ausgleich spielt seit einiger Zeit Jordanien, das zwar politisch als Monarchie dem so­zialisti­schen Baath-Regime in Damaskus sehr fremd ist und nach innenpolitischen, ideologischen, Maßstä­ben ein potentieller Gegner sein könnte – Syrien verurteilt dazu auch noch die kompromissbereite Haltung Jordaniens gegenüber Israel –, aber zur Zeit der einzige Ansprechpartner Syriens im arabi­schen Lager des Nahen Ostens ist, mit dem nicht (Quasi-) Kriegszustand herrscht. Jordanische Regie­rungsmitglieder waren 1986/87 mehrfach zu geheimen Gesprächen in Damaskus, und König Hussein soll informell auch mit Präsident Assad zusammen getroffen sein. Das jordanische Interesse ist dabei eindeutig: die wirtschaftliche Krise und Abhängigkeit von Saudi-Arabien beschränkt die Entwick­lungsfähigkeit des Landes ebenso wie die politischen Handlungsspielräume. Jordanien muß durch den Verlust des Westjordanlandes, des agrarischen Kernraumes des vormaligen Staates Jor­danien, eigent­lich allein die Kosten des ungeklärten Konfliktes um Palästina/Israel tragen und ist für seine Nah­rungsmittelversorgung auf Lieferungen aus den besetzten Gebieten weiterhin abhängig. Abgesehen von den vielfältigen familiären und persönlichen Beziehungen über den Jordan hinweg, muß also ein tragbarer Modus vivendi mit dem ungeliebten israelischen Nachbarn gefunden werden. Ein neuer, vielleicht aus dem Libanonkrieg übergreifender, von Syrien provozierter Waffengang ge­gen Israel liegt in keinerlei Interesse Jordaniens, das seine endgültige staatliche Existenzvernichtung befürchten müsste (eventuell sogar eine Annexion durch ein siegreiches Syrien). Es ist daher nur lo­gisch und ver­ständlich, dass ein mäßigender Einfluss auf Syrien und gleichzeitig eine Verbesserung der ökonomi­schen Beziehungen zu dem nördlichen Nachbarn für Jordanien einen hohen Stellenwert hat. Dazu können als vorsichtige Zwischenschritte die ermittelnden Bemühungen König Husseins um eine Ent­krampfung des Spannungsverhältnisses Syriens zu Iraq wie auch zu Ägypten, zu dem in der Folge des Camp-David-Abkommens mit Israel die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden, die­nen. Die Isolierung Syriens zeigt sich auch darin, dass weder zu Iraq noch zu Ägypten nennenswerte Wirtschaftsbeziehungen bestehen, dass kein Devisenaustausch vorgenommen wird und dass keine di­rekten Flugbeziehungen z. B. nach Baghdad oder Kairo zugelassen werden. Eine weltpolitisch inter­essante Marginalie, kennzeichnend für die problematische Situation der Sowjetunion auf nahöstli­chem Pflaster, ist, dass die staatliche sowjetische Schiff-Fahrtslinie von Kairo aus auf ihrem Weg in die Ägäis und das Schwarze Meer direkt den syrischen Hafen Lattakia ansteuert.

Sieht man diese Informationen über Syrien im Zusammenhang, vielleicht noch ergänzt durch die Beobachtungen, die wir an unseren einzelnen Stationen im Lande machen konnten und die wir nachfolgend noch beschreiben vollen, so ergibt sich ein durchaus differenziertes Bild mit einigen Fra­gezeichen, was die möglichen zukünftigen Entwicklungen anbelangt. Das Land hat eine Vielzahl po­sitiver materieller wie pressender Ressourcen und eine kulturelle geschichtliche Identität, die stabilitätsstiftend wirken mag. Als Reiseland bietet es alle die traditionellen Vorzüge eines gastfreundlichen arabischen Landes, in dem die weltpolitischen Konflikte die persönlichen Kontakte und Beziehungen nicht belasten, solange man sich nicht offen auf die Seite der staatlichen Konfliktgegner stellt. Die kulturellen und historischen Erlebnismöglichkeiten in Syrien sind, stärker als erwartet, zu bleibenden Eindrücken und Erfahrungen geronnen. Die innenpolitische Situation und die außenpolitische Kon­fliktlage Syriens sind nicht kongruent, doch haben sie zusammen das Land in eine nahezu unlösbare „Zwickmühlensituation“ hereinmanöveriert: die außenpolitische Verhärtung hemmt die ökonomi­schen Entwicklungspotentiale des Landes ebenso wie seine immer kleiner erdenden politischen Ge­staltungs­spielräume. Eine Verhärtung der Krisensituation ist deutlich zu beobachten, was schließlich zu uner­wünschten innenpolitischen Konflikten und Krisen führen kann, die die Stabilität des Landes in Frage stellen.

Auf der anderen Seite ist ein radikaler Wechsel der politischen Ausrichtung, der in Kenntnis der politischen Fixierung der Herrschenden auch nicht zu erwarten ist, ein so großes innen- und macht­politisches Risiko, dass ein politischer Erfolg äußerst fragwürdig erscheint. Syrien muß etwas tun, was es nicht tun kann. In dieser Situation ist eine behutsame, möglichst abseits des öffentlichen In­teresses stattfindende helfende Vermittlerrolle von außen, wie sie von Jordanien ersucht wird und wohl auch, wenn das auch nicht so klar hervortritt, von Saudi Arabien als dem ökonomisch potente­sten Land der Region vorsichtig unterstützt wird, der einzige Weg, Zukunftsperspektiven zu öffnen und die erfah­rene Situation in Nahost wieder in Bewegung zu bringen.

Tragisch ist es dabei, dass gerade zu diesem Zeitpunkt Israel, verständlicherweise aber deshalb nicht weniger verhängnisvoll, außen- und innenpolitische Immobilität und zugleich militärische Do­mi­n­anz demonstriert und kaum Verhandlungs- und Kompromissbereitschaft erkennen lässt. Die Unru­hen im Westjordanland und im Gazastreifen, übergreifend nun auch schon auf die arabische Bevölke­rung innerhalb der israelischen Stammgebiete, sind – vielleicht Anlass, auf jeden Fall aber auch – Folge dieser israelischen Politik der Härte.

Das Ende der Eskalation ist auch heute, im Sommer 1988, ein Jahr nach unserer Reise durch das damals noch weitgehende ruhige Land, nicht abzusehen. Dieser Konflikt kann das Ende der vor­sich­tigen Entspannungsbemühungen im Nahen Osten sein, bestätigt er doch Syrien in seiner konse­quent feindlichen Ablehnungshaltung und zwingt er doch Jordanien und Ägypten, in unterschiedli­chem Maße friedensbereit und kompromissfähig, zurück in eine arabische Solidarität des Kampfes gegen Israel, in der die Palästinenser, mit oder ohne PLO, ihre Ansprüche auf Eigenstaatlichkeit und Auto­nomie, die durchaus nicht deckungsgleich sind mit den politischen Interessen der arabischen Staaten, mit größter Vehemenz und militärischer Drohung vorgetragen werden. Weltpolitik muß sich dann, will sie den offenen, unkalkulierbaren Krieg um Palästina verhindern, ernsthaft mit den Reali­sie­rungsmöglichkeiten dieser Forderungen auseinandersetzen!

2. Aleppo

Mit der Einreise nach Syrien betreten wir zum ersten Male arabisches Gebiet und damit den Raum, den wir im engeren Sinne „Orient“ nennen können, wenn auch der Einfluss des Islam im Laufe der Geschichte weiter nach Norden vorgedrungen ist und die Türkei – und zeitweise auch den Balkan – in den nahöstlichen Kulturkreis mit einbezogen hat. Und wir betreten mit Syrien auch gleich eines der Kernlande der altorientalischen Reiche, die die Wiege der Menschheitskultur – zumindest was die herrschende eurasische Kulturvielfalt angeht – gewesen ist. Zu Recht dürfen wir von Syrien beson­ders aufschlussreiche und für uns neue Erlebnisse und Eindrücke erwarten, ist doch der syrische Raum im allgemeinen Geschichtsbewusstsein des Mitteleuropäers weit weniger präsent als Ägypten mit seiner fast ebenso alten Kulturtradition oder auch, wenn auch im weniger deutlichen Maße, als das untere Mesopotamien im heute iraqischen Zweistromland, wo die alten Namen Babylon und Sumer doch auch in unser Geschichtsbild eingedrungen sind, auch durch die biblische Überlieferung.

Doch hier sollten wir die Bibel gründlicher lesen, um auch zu erfahren, dass der gesamte Kultur­raum zischen Zweistromland und Levante, zischen Nil und Taurus Schauplatz einer einheitlichen, großen, wenn auch in eine Vielzahl von Phasen, Reichen, Völkern und Dynastien zersplitterten Menschheitsgeschichte gewesen ist. Dann ist aber Syrien für uns vor allem eines der Kernländer des Islam. Unser erster Aufenthalt in Syrien, die alte Handelsstadt Aleppo, führt uns nun mitten in die is­lamische Tradition des Landes hinein.

Doch zunächst sind noch einige Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Grenzübertritt zu er­wähnen, die in der Erinnerung als bizarr und vielleicht auch für den Zustand des Landes typisch er­scheinen (was sicher vielen integren und freundlichen Syrern unrecht tut, aber wir vollen berichten, wie wir es erlebten). Die Fahrt zur Grenze vom türkischen Iskenderun aus führt über einen Gebirgspass und eine abgelegene, kaum ökonomisch entwickelte Grenzregion, in der eine arme, traditionelle Bauernbevölkerung lebt. Den Straßen sieht man an, dass sie heute auf keine der großen Durchfahrtrouten für waren und Reisende mehr führen. Die Grenzabfertigung für die Ausreise aus der Türkei ist halb erstreckt bei einigen Hütten am Ende eines kleinen Ortes. Die Bürokratie ist üblich, aber nicht mehr besonders störend; Zollschikanen sind hier nicht mehr zu erwarten. Dafür folgt nach einiger Strecke Weges, außerhalb des Ortes, eine grenzpolizeiliche Nachkontrolle, die noch einmal einige Zeit in Anspruch nimmt. Arabische Reisende, die entgegenkommen, warnen vor endlosen Kontrollen und unverschämten Bestechungsgeldforderungen an der syrischen Grenze. Ein Araber aus den Golf­scheichtümern, der nun aber einen Luxuswagen mit Ausfuhrpapieren durch den Zoll bringen mußte, sprach von einigen Tagen Wartezeit, die es schlimmstenfalls kosten könnte.

In den letzten Tagen in der Südtürkei waren uns vorher schon besorgniserregende Gerüchte durch rückreisende Touristen aus Syrien zu Ohren gekommen, von blutigen Unruhen, Militärrevolten und einer noch geheim gehaltenen Absetzung von Präsident Assad. Allen diesen Gerüchte, wir merk­ten es später, fehlte jede reale Grundlage; auch deutsche ‚Insider‘ in Damaskus bestritten, dass diese Gerüchte irgendwie begründet gewesen seien. Aber für unsere Stimmung und unsere Befürchtungen, was die weitere Route unserer Reise anging, waren diese Gerüchte und Warnungen nicht gerade eine Beruhigung.

Nachdem wir die türkische Grenze durch ein Gittertor passiert hatten, ging die trostlos mit Schlaglöchern übersäte Straße kilometerweit in einem großen, nicht einsehbaren Talbogen zunächst am Grenzzaun und dann an verlassenen Hütten und weidenden Schafherden vorbei durch das Nie­mandsland, ohne dass wir erkennen konnten, wo nun die syrischen Grenzabfertigungen stattfinden sollten. Über Kilometer begleiteten uns auf den Feldern zerstörte, verrostete und zerlegte Auto­wracks, die einen bedenklichen Nachkriegszustand suggerierten. Verstärkt wurde das durch rätsel­hafte Warn­schilder: „Danger! Explosives!“, die mitten auf den Wiesen und zischen den weidenden Schafen zu sehen waren. Ansonsten trostlose Stille und Einsamkeit. Erst später ging uns auf, dass die Auto­wracks Unfallwagen waren, die zur Vermeidung des fälligen Zolls, wenn sie nicht rechtzeitig wie­der ausgeführt worden wären, über die Grenze geschleppt oder geschoben worden waren, um sie dann hier irgend­wo im Niemandsland einfach liegen zu lassen. Die Besitzer sind dann wohl zu Fuß in der Türkei an­gekommen!

Auch direkt hinter den Grenzkontrollen in Syrien gab es noch einen Schrottplatz, auf dem eine ganze Flotte kaputter LKW abgestellt war. Doch zunächst kamen wir an eine im Rohbau fertige große Abfertigungsanlage, bei der wir keine Menschenseele antrafen. Durch lockeren Sand suchen wir uns, älteren Spuren folgend, einen Weg durch die Baustelle. Und noch einen Kilometer geht es weiter, bis dann endlich ein großer Platz mit einer Reihe von Holzhütten drumherum die Grenzabfer­tigungsstelle ausmachte. Eine große Tafel in Arabisch, Englisch und Französisch weist die Reisenden auf die einzuhaltende Reihenfolge der Abfertigungen hin und weist den Weg zu den Büros in den verschiedenen Baracken. Geldumtausch mit amtlichem Beleg, Haftpflichtversicherung für die Wagen, Grenzpolizei und Passkontrolle, Wagenpapiere und Wageneinfuhr, Zollkontrolle. etwas verwirrend ist die Anlage ja schon, besonders da die Beamten kaum englisch sprechen. Aber üblich – und natürlich in Erwartung auf ein gutes Trinkgeld – ist die Hilfe amts- und funktionsloser „Grenzlotsen“; für pro­blemlose Einzelreisende machen das meist Halbwüchsige (vielleicht sogar die Kinder der Grenzbeam­ten?); unser Fall mit vier Kleinbussen erschien schwieriger (oder besser: finanziell lohnender), so dass wir das Hilfsangebot eines smarten jungen Syrers erhielten (und auch annahmen, weil uns das als das geringere Übel als eine verpatzte Grenzabfertigung erschien), der sich als Export-/Import-Kaufmann vorstellte. Sein Büro direkt im Abfertigungsbereich der Grenzstation suchten wir nach der geglück­ten Grenzabfertigung auf, um ihm das versprochene Geld zu geben, was dann doch noch zu Diskus­sio­nen und einer vorübergehenden Verstimmung führte, da er seinen Preis nachträglich hoch­schraubte und wir ihn auf das für uns gerade noch Tragbare wieder herunterhandelten. Immerhin bot er uns dann noch an, nachdem die Dunkelheit schon eingebrochen war, uns zum Campingplatz in Aleppo zu lotsen. Dieser zusätzliche, für uns sehr hilfreiche Dienst wurde dann bei der Honorierung zu seinen Gunsten berücksichtigt. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass auch Amtshandlungen in orientali­schen Ländern anders abgewickelt werden als wir es in Mitteleuropa erwarten.

Die eigentliche Zollkontrolle war nur formal; doch wurde durch unseren Grenzhelfer eine kleine Bestechungssumme (die sicher offiziell anders genannt sein dürfte) gezahlt; an anderer Stelle waren Zigaretten und andere kleine Aufmerksamkeiten, die immer über unseren Vermittler liefen, ange­bracht. Dieses Geben und Nehmen, sicher nach gewohnheitsmäßigen Schlüsseln aufgeteilt, ist wohl für alle Beteiligten ein lukratives (vielleicht finanziell sogar lebensnotwendiges) Geschäft. So wird uns der „Beruf“ dieses „Außenhandelskaufmannes“ mit einem fast leeren Büro ohne jeden Schrift­verkehr klar: werden doch täglich auch Lastkraftwagen mit wertvoller Ladung abgefertigt; und da ist es sicher recht nützlich, einen mit den Grenzumständen vertrauten „Geschäftspartner“ regelmäßig gegen ent­sprechendes Honorar hinzuzuziehen, was auch den Vorteil hat, nicht selbst Bestechungs­gelder zahlen zu müssen, was einem Ausländer in gewissen Situationen leicht zum Vorwurf gemacht werden und drakonische Strafen nach sich ziehen könnte. Wie gesagt, unsere Grenzabfertigung dauerte zwar lange, doch vermieden wir überflüssige Wege und Wartezeiten. Papiere, Wagen und Fracht wurden nicht beanstandet, und unsere Pässe waren um attraktive Einreisestempel reicher. Schon hier verwun­derte uns die Beobachtung der schwerfälligen Registrierungsbürokratie, der wir in Syrien, Jordanien und Ägypten noch mehrmals begegnen sollten. Eine Unmenge von Daten wurde in große „Haupt­bü­cher“ per Hand eingetragen; bei unserer Abfertigung mit den Papieren in der unge­wöhnli­chen lateini­schen Schrift mussten Namen und Ortsangaben von uns immer einmal wieder laut vorgele­sen werden, woraufhin die Eintragungen in arabischer Schrift dann in phonetischer Umschrift nach Gehör erfolg­ten. Wie mit solchen Büchern und Datenfriedhöfen später irgendwelche Verwal­tungsakte begründet werden sollten, blieb uns schleierhaft. An der jordanischen Grenze ging der läs­sige Um­gang mit die­sen Büchern sogar soweit, dass mir ein Buch zum eigenhändigen Eintrag aller geforderten Personalan­gaben unserer Reisegruppe vorgelegt wurde; eine Kontrolle dieser Eintragun­gen, von de­nen nur die Anzahl der männlichen Reisenden mit den entsprechenden ausgefüllten Zeilen überein­stimmen mußte, erfolgte nicht.

Der Campingplatz liegt an der Einfahrtsstraße nach Aleppo neben einer Tankstelle bei einem kleinen Straßenrestaurant in einem leicht abfallenden Pinienwäldchen, das sich, zur Seite hin undefi­nierbar in ein von außen leicht zugängliches, aber durch die abseitige Lage am Stadtrand wenig durchquertes Ödland- (oder Ruinen?-)feld öffnet. Außer uns trafen wir zunächst nur ein deutsches Ehepaar in einem Campingbus an, das sich schon etwas länger in diesem Raume aufgehalten und kei­nerlei Schwierigkeiten beim Aufenthalt in Syrien hatte, was für uns, aufgeschreckt durch die oben ge­nannten Gerüchte, doch eine gewisse Beruhigung war.

Abends beobachteten wir bei dem kleinen Gasthaus ein „Picknick“, oder wie immer man dieses Zusammentreffen auch nennen mag, von Arabern aus der Golfregion: Todchic nach letzter Mode gekleidet, die Männer mit maßgeschneiderten (etwas mafiös wirkenden) taillierten Anzügen, die nur bei zwei offensichtlichen Leibwächtern an der entsprechen Stelle unter der Schulter etwas ausgebeult waren, die Frauen mit knallbunten Kopftüchern und, im Kontrast dazu Kleidern und Kostümen fast italienischen Zuschnitts (na, ich bin in diesen Fragen doch kein Fachmann und verzichte auf weitere Modeschauberichte, die Lokalisierung des Modestils stammt von Till Büthe); es war ein munteres und lautes Treiben zischen den großen „Amischlitten“ mit getönten Scheiben und Klimaanlagen und dem so unscheinbar wirkenden Gaststättengebäude, das von außen fast schäbig wirkte. Einige der Kinder, so zischen sechs und zehn Jahren, Mädchen wie Jungen, machten nun den Campingplatz un­sicher, indem sie reihum alle Gäste anstießen und in theatralischen Schaukämpfen mit Stöcken und Latten traktierten. Wir reagierten zischen spaßhaftem Mitmachen und ab und zu doch energischerem An­brül­len, was nur einige Momente Ruhe nach sich zog. Schließlich ließen sich die Mädchen – nichts von angeblicher arabischer Zurückhaltung – ihren Rückzug mit klingender Münze bezahlen. Dieses Bet­teln machte ihnen augenscheinlich einen Heidenspaß! (was wohl die gutbetuchten Eltern zu die­sen Spielen gesagt hätten, wenn sie sie hätten sehen können?)

Dienstag, 7. Juli. Aleppo zu sehen von der Einfahrtsstraße her, ist ein unvergessliches Bild: das Ge­wirr der Altstadtstraßen und Suqs in der Senke vor uns wird überragt von den Minaretten der Mo­scheen und schließlich, stadtbildbeherrschend, von der Zitadelle im Zentrum der Innenstadt. Am Abend im armen Licht der untergehenden Sonne werden wir hier noch einmal anhalten, um zu foto­grafieren. Doch bis wir wirklich die Innenstadt erreicht haben, müssen wir uns noch einige Zeit mit den Ver­kehrsverhältnissen herumschlagen. Schon die Besatzung des „Einkaufsbusses“, die frühmor­gens auf der Suche nach Brot, Butter und Obst in Richtung Stadt aufgebrochen war, berichtete von dem un­durchdringlichen, irren Straßengeflecht, in dem nur nach einigem Suchen die gewünschten Lebens­mittel aufzutreiben waren.

Zunächst suchten wir für unsere Busse einen beachten Parkplatz, den wir vor dem Büro der „Tourist Information“ fanden. Dieses Büro wird uns noch einige gute Dienste leisten. Morgens zu­nächst einmal wird uns der Parkplatz angeboten. Einige Informationsmaterialien über Aleppo erleich­tern uns unsere nachfolgende Besichtigung. Spätnachmittags lassen wir uns dann jedoch noch ganz intensiv über die möglichen Routen unseres weiteren Programms in Syrien informieren, über die Möglichkeiten, im Freien zu zelten, und über den Zustand der Straßen im Osten des Landes in Rich­tung Euphrat und Deir ez-Zor. Bei einem anderen Anliegen, von hier aus in Damaskus bei Professor Mahli anzurufen, um unser Ankommen zu signalisieren, konnte man uns dann aber doch nicht hel­fen; die Verbindung war nicht herzustellen.

Zunächst gelangen wir, nun zu Fuß, in das Gewirr der äußeren Suqs, im ehemaligen jüdischen Viertel. Der Stadtteil ist völlig heruntergekommen und beherbergt heute vor allem arme Handerker, Kesselflicker, Blechschmiede, aber auch einige kleine Läden für den täglichen Bedarf, die sich in ih­rer Warenpräsentation schon eher an heutigen Mustern, wenn auch auf einfachstem Niveau, orien­tie­ren. Schmutz und Abwässer auf den Straßen zeugen von der Sanierungsbedürftigkeit dieses Teiles der Altstadt. Die zentralen Suqs werden demgegenüber einen ganz anderen, sauberen und wohlha­ben­den Eindruck machen. Plötzlich stehen wir am Ende der Straße vor einem Rest der Stadtmauer; wir müssen umkehren und auf den Hauptstraßen einen anderen, umständlicheren Weg ins Zentrum fin­den. Und dann stehen wir vor der Großen Moschee, die wie die Moschee in Damaskus aus der Omayyadenzeit stammt, doch kleiner und anspruchsloser ist. Nur das viereckige, verzierte Minarett im typischen besonderen Aleppostil ist zunächst einmal sehenswert. Doch eine Besichtigung der Mo­schee, barfuss, die weiblichen Besucher in schwarzen Umhängen, zeigt doch noch andere interessante Details, vor allem was die Ausgestaltung und Proportionierung des Hofes angeht. Die Gebetshalle ist eher niedrig und gedrungen; doch wird sie ästhetisch verschandelt und um ihren architektonischen Eindruck gebracht durch ein Übermaß an grünen Leuchtstoffröhren, die den Raum in einen unruhi­gen Kirmes zu verwandeln drohen. Auch hier also, aus durchaus ehrenwerten Motiven, der Um­schlag in Devotionalienkitsch, der sonst in der islamischen Welt, deren Augen durch das Bilderverbot ästhe­tisch eher geschärft sind, eher selten anzutreffen ist.

Gleich hinter der Moschee beginnt das unübersehbare Gebiet der Suqs und Bazare. Eine lang gestreckte, enge Führung der parallelen kleineren und größeren Verkaufsstraßen, nur ab und zu von Quergängen verbunden, ist Erbe der älteren hellenistischen Stadtanlage; sogar Säulenreihen und Mauerwerk, zum Teil aus wertvollem Marmor, wurden im Laufe der Zeit in die Anlage der Suqs mit einbezogen. Dem Stadtgeographen wohlbekannt ist das hier wieder zu beobachtende Phänomen ei­ner über die Jahrhunderte, hier schon die letzten beiden Jahrtausende hinweg greifenden Struktur­konstanz bei einem mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Funktionswandel, das heißt einer An­passung der Nutzungsformen an die jeweiligen sozialen Voraussetzungen und Bedürfnisse.

Der Bazar, so die aus dem Persischen stammende, international bekanntere Bezeichnung gegen­über dem arabischen Begriff Suq, ist in Aleppo besonders gut erhalten und noch immer ökonomisch voll funktionsfähig, ohne – wie beim „Gedeckten Bazar“ in Istanbul – zu einem Spezialservice für Orienttouristen verkommen zu sein.

In diesem Gewühl der unterschiedlichsten Verkaufsstände und Handwerkerläden erteilt sich un­sere Gruppe schnell, ebenso schnell, wie dann auch, sicherlich vor allem aus Verkaufsinteressen, dann aber auch aus ehrlicher Freude am Gespräch und im Stolz auf den sehenswerten Bazar, diverse Kontakte hergestellt wurden. Keine der durch die Suqs streifenden Gruppen blieb wohl ohne einhei­mische Begleitung, der auch ohne große Kaufkraft unsererseits nichts an Freundlichkeit und Hilfsbe­reitschaft abging. Ab und zu trafen sich dann die einzelnen Gruppen wieder, vor einem der großen, sehenswerten Khane – das sind große, in die Suqs integrierte Höfe, die dem Großhandel als Warenla­ger und den Händlern als Treffpunkte auch zum Gebet in den kleinen Moscheen auf diesen Höfen dienen –, oder bei einem der Händler, die das Anpreisen und Handeln zu einer Kunst, ja zu einer Performation werden ließen. Ein solches Original, ein Armenier, erkaufte einigen von uns wort- und gestenreich original-arabische Kopftücher – im Aleppo-Stil, mit Damaszener Muster, oder als schwarzweiße Palästinensertücher. Es war eine große Gaudi, zu sehen, welchen Verhandlungswider­stand die einzelnen Käufer aufbrachten und wie der Schall der orte doch immer wieder zu Ver­kaufs­erfolgen führte.

Nach einem bewundernden und intensiven Blick auf die Zitadelle, zu deren Platz sich die Suqs auf der anderen Seite hin öffnen, die aber an diesem Tag nicht von innen zu besichtigen war (das äu­ßere Bild der hohen Mauern über einem steilen, gemauerten Glacis, mit dem erinnernswerten Brückenvorbau am Eingang ist zu bekannt, um es hier noch im einzelnen schildern zu müssen), lie­ßen wir uns in der Gruppe, der ich angehörte, von einer Zufallsbekanntschaft, einem Medizinstuden­ten, dessen Familie als Teppichhändler im Suq arbeitet, durch die Khane und Verkaufsstraßen führen; die einzelnen angebotenen Warengruppen wurden erläutert und bewertet, und schließlich nahmen wir noch in einer kleinen Gaststätte mitten im Suq ein einheimisches Mittagessen aus gebratenen Fleisch­bällchen, Fladenbrot und Salaten ein.

Viele unterschiedliche Branchen finden wir im Suq. Der Lärm im Kupferschmiede-Bazar ist er­drückend; doch mit welcher Geschicklichkeit entstehen hier Gegenstände des täglichen Bedarfs, die in ihrer Vollkommenheit und formalen Ausgewogenheit zu kunsthandwerklichen Meisterstücken wer­den. Silberschmiede – die heute meist nur Ersatzlegierungen bearbeiten können und dürfen – schaf­fen fein gepunzte und ziselierte Schmuckstücke, Teeglashalter und Tabletts. Immer finden wir die Läden und Werkstätten einer Branche nebeneinander in ihrem Teil des Suqs. Doch das wichtige Textilgewerbe verschwindet langsam; Stoffeinfuhren aus Ostasien und mechanisierte Webereien und Textilfabriken verdrängen die handwerkliche Produktion im Bazar. Die Läden, die hier noch Texti­lien erkaufen, erhalten ihre Ware vom Großhandel.

Unvergesslich sind die Gerüche und Geräusche des Suqs, das geheimnisvolle Halbdunkel und die körpernahe Warenpräsentation, aber auch das Gedrängel und der Schrecken, wenn plötzlich sich ein Lastenesel durch die Menge drängt oder ein Moped mit Gepäckanhänger laut klingelnd und ohne Rücksicht auf die Passanten seine Weg durch die Menge findet: zwei Epochen des Lastentransports, die sich hier begegnen. Gut kann man nachvollziehen, dass dieser enge menschliche Kontakt zischen den Händlern im Suq, aber auch mit den regelmäßigen Kunden, neben dem Treffen in der Moschee zum sozialen Brennpunkt der Gesellschaft werden konnte, zur Informations- und Gerüchtebörse, zur Keimzelle von widerstand gegen staatliche Macht, zum Ausgangspunkt von Insubordination und Re­volten, aber auch, was die überkommenen gesellschaftlichen Werte angeht, zum Kristallisationspunkt konservativer Welt- und Gesellschaftsbilder, die sich einer tief greifenden Modernisierung der orienta­lischen Gesellschaft entgegensetzen.

Mittwoch, 8. Juli. Die Zeit geht viel zu schnell vorbei. Auch in Aleppo, das noch vieler Tage der Be­sichtigung Wert gewesen wäre, drängte die Zeit zum Aufbruch. Der Weg führt uns nun nach Osten, wo wir abends bei Deir ez-Zor (die Transkription dieses Namens wechselt von Karte zu Karte) un­se­ren östlichsten Reisepunkt erreichen. Die Straße nach Osten führt uns schnell aus dem hügligen Oa­senland von Aleppo in die weiten Steppen und Wüsten der Syrischen Tafel. In diesem Gebiet Nord­syriens gibt es noch viele historische Sehenswürdigkeiten aus vorislamischer, christlicher und omayyadischer Zeit, vor allem aber auch aus der Zeit der Kreuzritter, die sich hier ihre Burgen bau­ten, zu entdecken, was wir uns aus Zeitmangel aus dem Kopf schlagen müssen.

Eine spätere, vertiefende Reiseroute zeichnet sich hier als noch sehr wage Planung ab, jetzt, da das Ende des so genannten Golfkrieges gekommen ist und ein Besuch des Iraq wieder in den Bereich des Möglichen rückt: eine Autoreise, die auch hier in Aleppo beginnt, dann aber intensiver den nordsyrischen Raum berücksichtigt, später auf Wüstenstraßen in den Iraq überwechselt, im Zwei­stromland über Baghdad nach Süden bis nach Basra – und eventuell Kuwait – vordringt, um dann ei­nen Rückweg von Osten her nach Jordanien und über Amman und Damaskus zurück nach Aleppo findet. Einige Punkte dieser Reise, vor allem Baghdad, sind für mich noch dringende Desiderate zur Besichtigung. Mit einer gewissen Genugtuung blättere ich aber schon heute in einem meiner Lieb­lingsbücher, einem prächtigen Bildband über islamische Architektur, und zähle überrascht aus, dass ich etwa die Hälfte aller vorgestellten Bauwerke, der Meisterwerke des islamischen Welterbes selbst schon gesehen und besichtigt habe. Iraq und Indien sind aber – leider – noch immer „weiße Flecken“ auf meiner Wunschreisekarte.

Im weiteren Einzugsbereich von Aleppo, der zentralen Stadt Nordsyriens, finden wir Dörfer mit Resten der traditionellen „Bienenkorbhäuser“ aus Lehmziegeln, deren zuckerhutförmige Scheingewölbe heute vielfach nur noch Getreidespeicher und Lagerräume überdecken. Dieser Baustil hat eine uralte Tradi­tion, die in ihren Konstruktionsprinzipien auf prähistorische Zeit zurückgeht und eine Anpassung an den Holzmangel der Region darstellt, der zu integrierten Abdeckungsformen zwang. Daneben stehen kubische abweisende Lehmziegelhäuser, deren Höfe mit hohen Mauern abgeschlossen werden. Zum Teil noch auf Regenverdacht, hier in der Nähe der westlichen und nördlichen Randgebiete noch mit ausreichend Aus­sicht auf Erfolg, zum anderen Teil schon mit Zusatzbewässerung, finden wir seitlich der Straße weitflä­chigen Getreideanbau und in der Nähe der kleineren, aber schon immer spärlicher er­denden Siedlungen Baumanpflanzungen und Gemüsegärten.

Auf unserer Suche nach geeigneten Einkaufsmöglichkeiten für die für die Tagesverpflegung unab­dingbaren Viktualien halten wir in einem etwas größeren Ort, der uns als Versorgungszentrale der umliegenden Region erscheint, in Dair Hafir. Gewerbegelände mit Betonhallen, Wasserturm und neuere, aus Mauerwerk und Betonfachwerk errichtete Wohnhäuser und Ladenzeilen deuten auf jün­geres Wachstum des Ortes hin. Wir warten am Straßenrand, während sich Till Büthe mit dem „Essens- und Einkaufsbus“ aufmacht, die entsprechenden Läden zu suchen. Die Zeit wird lang und länger, und der Bus kommt nicht zurück. Zwischenzeitlich werden wir von Scharen von Kindern umringt, für die wir die Sensation des Tages sind; aber auch ältere Einwohner gesellen sich schnell zu uns, zu Fragen, zum Gespräch, wodurch wir viele interessante Einzelheiten über das Leben in diesem Ort erfahren, der tatsächlich zu einem gewerblichen Entwicklungsschwerpunkt wurde, in dem sich die Mehrzahl der Bevölkerung von der Landwirtschaft abkehrte und in den neu errichteten Industrie­be­trieben, im modernen Dienstleistungssektor, im Transportwesen oder, wenn auch wegen der grö­ßeren Entfer­nung noch nicht so zahlreich, als Pendler in den Betrieben Aleppos arbeitet. Der gemein­same Tee bei einem Metall- und Haushaltswarenhändler an der Straßenecke vertieft diese Ge­sprächskon­takte noch in angenehmer Weise; doch gerade während dieser Zeit kommt der Einkaufs­bus wieder, der ebenfalls durch eine Einladung aufgehalten worden war, und nun waren wir ermisst. Es sind gut zwei Stunden vergangen, seit wir unsere Einkaufsrundfahrt begannen; in der Zwischen­zeit haben wir interessante Eindrücke über das Leben in einer kleinen syrischen Landstadt gewinnen können. Ganz ungetrübt war die Wartezeit für diejenigen, die gerne weiter im Wagen gedöst hätten, nicht. Die Para­de der neugierigen Kinder, aus anderer Sicht ja wohl eine lustige und erfrischend menschliche Bande, war für trägere Geister eher eine Belästigung. Über die Begegnung mit Kindern, täglich aufs Neue, wenn unsere Wagen in einem Ort ankamen, zu Besichtigungen oder zum Einkau­fen anhielten, schreibt Gerhard Stünkel eine kleine, abschließende Reflexion:

Kinder. Was gibt es zu den Gesichtern schon zu sagen, die Du hier siehst? vielleicht, dass uns bewusst wird, wie ähnlich sie sich überall auf der Welt sind in dem, was uns wichtig ist: Freude, Schmerz, Offenheit, Angst, Interesse am Neuen, Fremden; dann, dass es so scheint, als seien ihre Perspektiven offen. Was haben nicht die etwas größeren alles für Pläne geäußert, wenn es mal zu Gesprächen kam. Das setzte allerdings ja auch schon Englisch voraus.

Aber ich will Situationen schildern, Bilder, und Dich nicht elenden mit Gedanken, die man sich, wenn vielleicht solche Bilder sie anregen, leicht selbst differenzierter denkt und weiter als nur für zwei Minuten erfolgt. Wo wir in Orten anhielten oder in der Nähe von Ansiedlungen, da waren sie sofort oder bald da, die „Kids“, wie der Begriff war, wenn unsere Jungmannschaft die vorwie­gend als lästig empfundene Gesellschaft warnend ankündigte oder vorschlug, zum Beispiel in der schönen Oase Feiran auf dem Sinai, doch gar nicht erst in der Oase zu halten, damit wir keine Zu­schauer hätten. Natürlich hat das Hintergründe. Kinder erleben ja den Kontrast der Lebensumstän­de sehr unmittelbar. Klar, dass sie betteln. Wenn sie es nicht tun, hat es mit dem Stolz und der Dro­hung der Eltern zu tun. So hat das eine der beiden Mädchen, die uns etwas zum Verkauf anzubieten haben, Angst, obwohl ich gerade bei ihr für mein Patenkind Hüttenschuhe gekauft habe. In Sultanhanı in Anatolien habe ich die Situation der Kinder geradezu als brutal empfunden, bzw. hier haben die Erwachsenen so reagiert. Wenn die Kinder in unsere Nähe kamen, schickte der freundliche alte Herr Öztürk seinen Hund, er hetzte ihn geradezu auf die Kinder. Auf Anfrage war lediglich davon die Rede, die Kinder sollten uns nicht lästig fallen mit ihrer Bettelei. Vorm Eingang der Karawan­se­rei hatte der Polizist einen bewaffneten Hilfssheriff: ein etwas größerer Junge hatte das Privileg, sich in der Nähe der Reisenden aufzuhalten, wenn er dafür die anderen Kinder mit seinem dicken Knüppel verscheuchte. Soweit diese Kinder. Unsere jungen Leute hatten nun weder Lust, ihre knap­pen Mundvorräte oder Melonenstücke gerade vor den Kindern zu essen, noch davon oder vom Rei­segeld etwas als Bakschisch abzugeben. Die Peinlichkeit umgehen, das hat schon mit Takt zu tun, so hart es ist, so freundliche Kontakte abzublocken. Was alles an Nähe und Gegensätzen wird in sol­chen Begegnungen bewusst!“ 

3. Durch die Syrische Wüste

Tibni, bei Deir ez-Zor, Donnerstag, 9. Juli. Die erste Wüstenübernachtung. Gestern hatten wir zum ersten Male auf unserer Reise das Erlebnis einer echten Wüstenfahrt. Von Aleppo aus ging die Fahrt zum Euphrat, den wir beim Assad-Stausee erreichten. Wie eine Fata Morgana erschienen die blauen und türkisgrünen Wasserflächen dieses großen künstlichen Sees hinter den nur leicht abfallenden gel­ben Sand- und Schotterflächen, über die wir in den letzten Stunden gefahren waren. Von der Haupt­straße aus war noch kaum etwas zu erahnen; erst als wir undeutlichen Pisten und Fahrspuren im Ge­lände einige Kilometer gefolgt waren, zeigte sich der See in seiner vollen Größe. Die Uferlinie ist, dem nur flach gewellten Gelände entsprechend, das gar keinen richtigen Talcharakter trägt, in viele Buchten und Arme gegliedert, an denen hier und da schon kleine Hütten die beginnende landwirt­schaftliche Nutzung des Wassers andeuten.

Auf der anderen Seite der Bucht sehen wir auch das Zelt einer Nomadenfamilie mit ihren Tie­ren, die sie hier zur Tränke geführt haben; eine armselige Existenz mit wenigen Tieren, die nur einige Per­sonen ernähren können; nicht zu vergleichen mit der alten beduinischen Tradition der Arabischen Halbinsel oder Nordafrikas. Aber für die Produktion tierischer Lebensmittel hat die Wanderweide­wirtschaft, auch dann, wenn größere Teile der Stämme und Familien schon im Umfeld der Städte an­gesiedelt wurden, noch ihre Existenzberechtigung, um die marginale natürliche Vegetation in diesen Wüstenräumen zu nutzen. Aber der Ausbau der Landwirtschaft durch Verbesserung der Bewässe­rungssysteme und der Wassernutzung hat Vorrang.

Der Assad-Stausee ist ein wichtiger Schritt zur Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Seit 1968 erst mit deutscher, dann mit russischer Hilfe errichtet, soll er neben der Erzeugung von, in der Endausbaustufe, ca. 800.000 kW elektrischer Energie bis zu 850.000 ha Bewässerungsareal ver­sorgen. Die Schätzungen über die insgesamt in Syrien noch für den Bewässerungsfeldbau zur Verfü­gung stehenden Flächen schwanken mit Angaben über eine mögliche Ausweitung von heute etwa 500.000 ha bis 600.000 ha auf 1,0 Mio. ha oder auch optimistischer auf 1,3 bis 1,5 Mio. ha, was be­deutet, dass in Zukunft bis etwa 1/3 der bebauten Fläche bewässert werden könnte (nach Wirth 1971). Diese Ausführungen bestätigen die auch heute noch dominante Rolle der Ressource Wasser für die Lebensfähigkeit der nahöstlichen Länder. Es scheint mir sinnvoll zu sein, die Nutzungsformen der Wüstenregionen, durch die wir jetzt wochenlang fahren, etwas genauer zu beschreiben und ihre Problematik zu systematisieren. Dazu möchte ich an dieser Stelle einen Text eines „Wüstenspezialisten“ zitieren, der als Beitrag zu einer Tagung über Wüstenprobleme von D.H.K. Amiran[1] vorgelegt worden ist:

„Die aride Zone besteht aus zwei Hauptregionen: der ariden Zone im engeren Sinne und der semiariden Zone. Die aride Zone kann definiert werden durch die Humangeographie als Gebiet mit so trockenem Klima und so geringen Niederschlägen, dass es keine landwirtschaftlichen Anbaupro­dukte trägt. Daraus folgend finden wir daher vor allem folgende Erschließungsformen:

  1. Dienstleistungen an den regionalen Transportwegen – zu Lande oder im Luftverkehr;

  2. Erschließung der mineralischen Ressourcen für den Gebrauch außerhalb der ariden Zone; da­zu zwei Formen der Landnutzung, welche wichtige Neuerungen darstellen und charakteri­stisch sind erst für das gegenwärtige Jahrhundert:

  3. Nutzung des Erholungswertes der sonnigen und trockenen Klimate und der wilden Schönheit der Trockengebiete;

  4. Nutzung der weiten, leeren Räume der Wüsten für spezielle Zecke, die solche Einöden erfor­dern, z.B. nukleare Testgebiete; und schließlich:

  5. die landwirtschaftliche Nutzung selbst: Landnutzung in einer Wüste ist immer räumlich unzusammenhängend; sie gehört zum Typ der Oasenwirtschaft.

In Hinblick auf die Landwirtschaft können vier Typen der Lokalisierung und Verbreitung unter­schieden werden:

  1. Grundwasseroasen; entweder als einzelne Dörfer oder als ein begrenztes Gebiet, welches eine Anzahl einzelner Oasensiedlungen umfasst. Ihre Lokalisierung ist ausschließlich bestimmt durch die Grundwassergeologie, in der Regel durch die natürlichen Grundwasserverhältnisse, zuweilen aber auch künstlich entwickelt, wie z.B. bei artesischen Brunnen.

  2. Flussoasen an Flüssen, deren Quellen außerhalb der ariden Zonen zu finden sind.

  3. Bergoasen dort, wo das Wüstengebiet ansteigt zu solchen Höhen, die ausreichen, Steigungsre­gen hervorzurufen – meist mit recht bescheidenen landwirtschaftlichen Erträgen. Ihre Bedeu­tung ist oft nicht nur in der Bereitstellung der sehr eng begrenzten Wasserversorgung zu sehen, als im direkten Nutzen, den der Ackerbau aus dem Regen und der generellen Abnahme der Aridität zieht.

  4. Weidewirtschaft durch Nomaden oder Halbnomaden in den Randgebieten der drei erwähnten Agrarregionen in den dazu geeigneten Jahreszeiten. Dieses ist immer eine sehr extensive Landnutzung, während die Nutzungsformen der drei Oasentypen recht intensiv sein können.

Grenzen und Wandlungen der Erschließung der ariden Zone. Man sollte richtig einschätzen, dass das Wasser sicher nicht der einzige Faktor ist, der den Landbau in vollariden Gebieten zur Oasen­wirtschaft limitiert. Außerhalb der Oase ist landwirtschaftlich nutzbarer Boden nicht weniger kost­bar als das Wasser, ist das meiste Land doch entweder felsig oder stark versalzen. In Flussoasen bringen das Wasser und mit ihm die Sedimente eine Verbesserung der Böden; das gleiche geschieht in geringerem Maße auch bei Grundwasseroasen. Die Böden der Höhenoasen sind das Ergebnis der verringerten Aridität des Gebietes.

Unter den Typen der Erschließung arider Zonen, die oben erwähnt wurden, sind die nicht­landwirtschaftlichen Nutzungsformen (a.-d.) nicht notwendigerweise abhängig von der örtlichen Wasserversorgung. Das Bedürfnis, die Besiedlung aufrechtzuerhalten, ist hier so vordringlich, dass es eine Wasserversorgung zu extrem hohen Kosten rechtfertigt. Die 520-km-Wasserpipeline vom Darling-Range-Gebirge zu den Goldminen von Kalgoorlie in Westaustralien sind dafür ein über­zeugendes Beispiel. Die hochwertige Wirtschaft, die in diesen Erschließungsformen entwickelt wor­den ist, macht die Nutzung weniger empfindlich gegen klimatische Schwankungen. Diese mögen zwar den Preis des Wassers erhöhen, sie verursachen aber keine kritische Abnahme der zur Ver­sor­gung notwendigen Wassermenge. Am meisten betroffen durch den Einfluss klimatischer Instabili­tät im Rahmen der landwirtschaftlichen Nutzungsformen sind die Grundwasser- und die Gebirgsoa­sen. In diesen beiden Typen ist die Siedlungsgröße recht gering. Dennoch haben solche Änderun­gen, die sich in der Grundwasserführung bemerkbar machen, generell das Ergebnis, dass schließ­lich dann eine weitere Grundwassernutzung unmöglich wird, wenn die ständige Abnahme den Wie­derauffül­lungsbetrag überschreitet und der Wasserhorizont dauerhaft sinkt. Sowohl in diesem Falle als auch im Falle der Handelswege, die die Wüste kreuzen, wurde verschiedentlich behauptet, dass die kriti­sche Verminderung – und teilweise sogar das verschwinden – der Wasservorräte als Folge wach­sender Aridität die Ursache der Aufgabe von Siedlungen und des Bedeutungsverlustes der Handels­routen gewesen sei. Dieses Argument kann aber schwerlich aufrechterhalten werden.

Weder die große Seidenstraße noch die Transsahara-Route – auf der Salz und andere wert­volle Güter und später auch Sklaven transportiert worden sind[2]  – sind durch klimatische Verände­rungen aufgegeben worden. Von weitaus größerer Bedeutung waren die Änderungen in den Um­ständen des Warenaustausches und, möglicherweise noch wichtiger, die Änderungen in der Trans­porttechnolo­gie, die es ermöglichten, die Wüsten erfolgreich zu umgehen – zu See, mit der Eisen­bahn oder mit dem Flugzeug. Welcherart die vom Menschen eingeleiteten Wandlungen waren, die das verschwin­den der Handelswege, die Aufgabe von Bergbausiedlungen und Grenzsicherungsan­siedlungen be­wirkten, sie bewirkten einen Rückzug, der typisch für die ariden Gebiete ist. Es findet keine gradu­elle Abnahme, sondern eine völlige Aufgabe der Siedlungen statt. Ein großer Teil der Bevölkerung – oder gar die Mehrzahl – erlässt das Gebiet, wenn der Grund, der die Inbesitznahme des Raumes bewirkt hatte, nicht mehr existiert. Infolge der physischen Begrenzungen der ariden Umwelt können sich diese Bevölkerungsgruppen nicht auf andere Ressourcen hin umorientieren, wie dies in humi­den Gebieten der Fall ist.

Eine besondere Art klimatischer Veränderungen mag hierbei indirekt angesprochen sein. Es wurde festgestellt (Murray 1949; Schiffers 1951), dass in bestimmten ariden Zonen Grund­wasser­vorräte vorhanden sind, die als fossile Relikte aus feuchteren pleistozänen Klimaepochen herrüh­ren. Solche Vorräte würden verschwinden bei ihrer Nutzung durch den Menschen. Dennoch ist kein solcher Fall bisher zufrieden stellend bewiesen worden. Sicherlich, viele dieser Grundwas­serkörper sind heute auf einem tieferen Niveau anzutreffen als im Pleistozän. Doch bei einem sorg­samen Um­gang mit diesen Ressourcen dürfte eine kritische Abnahme dieser Vorräte nicht auftreten. Dies nun aber ist, schließlich, der grundlegende Bedingungsfaktor der Nutzung der ariden Zonen: Leben in ariden Gebieten ist Leben in einer marginalen Umwelt oder, um es anders auszudrücken, in einer Umwelt, in der nichts leichter ist als die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen, die damit dauerhaft vernichtet werden. Das nun erlangt von den Verwaltungen in den ariden Gebie­ten ein hohes Maß an technischer Kompetenz. Heute haben viele in den Trockengebieten lebende Bevölke­rungsgruppen diese Befähigung im Rahmen ihrer Traditionen und Erfahrungen. Anomale Bedin­gungen des Bevölkerungswachstums oder des Druckes geringer erdender Nahrungsspielräu­me, Dürrezeiten u.a. verursachen dann entweder eine exzessive Nutzung vorhandener Ressourcen wie Wasser oder Weideland, oder bewirken Wanderungsbewegungen in die angrenzenden semiari­den Gebiete, um diese als Ausweichräume zu nutzen.“

Soweit Amiran. Der Eindruck der Wüstenlandschaften als traditionsreiche Kulturräume verstärkt sich für uns in diesen Tagen, denn wir sehen nicht nur neu gewonnene Bewässerungsflächen und Siedlungen, sondern stoßen auf gewaltige Ruinenstädte. Etwas abseits von der Hauptstraße nach Deir ez-Zor liegt Resafa, ein Ort, der bis in die hellenistisch-frühchristliche Zeit Station des Karawa­nenwe­ges durch die Wüste von der Arabischen Halbinsel über Petra, Palmyra bis auf die anatolischen Hochflächen hinauf am Oberlauf des Euphrats gewesen ist. Als römische Garnison trat Resafa in das Blickfeld der Geschichte durch das Schicksal des christlichen Märtyrers und Soldatenheiligen Sergio, der während der letzten Christenverfolgung unter Diokletian um 300 vor den Mauern des römischen Kastells hingerichtet worden war (Odenthal 19852). An dieser Stelle wurde eine frühchristliche Basilika errichtet als Zentrum eines wachsenden Kirchen- und Wallfahrtskomplexes, dessen Ruinen nach sechshundertjähriger Vergessenheit seit der Aufgabe in der Zeit des Mongolensturms dennoch eindrucksvoll Größe und Schönheit der Stadtanlage verdeutlichen.

Zwar sind die Flächen der aus Lehmziegeln errichteten Wohnhäuser und Hütten heute zerfallen und eingeebnet; doch die Basiliken und Zisternen ebenso wie die massive rechteckige Stadtummaue­rung, innen um die ganze Stadt herum begleitet von Säulenreihen und Arkadengängen für die Ver­teidiger der Stadt, sind in großen Teilen erhalten. Längere Zeit, als wir eigentlich erwartet hatten – wem von uns war Resafa schon ein Begriff? –, streiften wir durch das menschenleere, unbewachte Ruinenfeld auf der Suche nach versteckten unterirdischen Zisternen, neuen überraschenden Durch­blicken auf Säulenfluchten und Gewölbefragmente der vielen Kirchenruinen, nach glasierten Kachel­fragmenten und Zeugnissen des ergangenen Lebens in dieser Stadt. Über allem steht eine brennend heiße, weiße Sonne, die die gelb- bis hellockerfarbige Einfarbigkeit dieser Ruinenstadt noch betont; grelle Flächen modellieren sich in den Winkeln durch tiefdunkle Schlagschatten; Größenmaßstäbe gehen verloren; etwas Unwirkliches liegt über dieser Ruinenlandschaft, in der man sich nur scher noch das bunte und laute Leben der Bewohner, der Soldaten und der Pilgerscharen vorstellen kann!

Bei Tibni fließt der Euphrat, in mehrere Arme geteilt, durch ein breites grünes Bett, das sich im Laufe der Jahrtausende etwa vierzig Meter tief in die syrische Wüstenplatte eingefräst hat. Hier, noch oberhalb der Palmengrenze, kommen wir in die Bereiche der ältesten Flussoasen Mesopotamiens, Ur­sprung aller Kultur, Heimat und Lebensraum Abrahams, der, von Ur kommend, stromaufwärts hier den Weg nach Westen zum Jordan fand. Uralte Städte und archäologische Fundorte wie Mari (Tell Hariri) sind hier ganz in der Nähe. Fast senkrecht sind die Einschnitte in die eichen Wüstenformatio­nen; die Geländeformen sind für das mitteleuropäische Auge fremd, schroff, steil; auch kleine Hügel tragen Formen, die wir sonst nur im Hochgebirge erwarten: Wüstenmorphologie, durch fehlende Ve­getation, fehlende Humusbildung und Verwitterung, durch seltene, aber um so heftigere Wasserab­flüsse bedingte tiefe Erosionsrinnen und Zerfurchungen der Erdoberfläche. Es ist seltsam, das wirken des abfließenden Wassers in den trockenen Wüsten viel besser erkennen zu können als in den wasser­reichen mittleren Breiten!

Hier, unter einem dieser steilen Felshänge, etwas abseits des heutigen Flussverlaufes mit seinen feuchten Äckern und Buschlandschaften, die uns wohl eher Mücken und anderes lästiges Ungeziefer beschert hätten, zwar noch in Sichtweite der Hauptstraße, aber in der Dunkelheit doch recht unge­stört, bauen wir unser Lager auf. Abends beobachten wir Schwärme von Tausenden von Fledermäu­sen, die in Höhlen und Ritzen der Felswand über uns nisten und nun bei anbrechender Dunkelheit zur Jagd aufbrechen. Die abendliche Einkaufsfahrt des „Küchenbusses“ führt, wieder einmal, zu interes­santen Kontakten und Gesprächen mit Bewohnern von Tibni, dem Lehrer und dem Polizisten und ih­ren Familienangehörigen. Wir hätten bei mehr Zeit hier sicher eine ganze Reihe von Einladungen an­nehmen können; so erhielten wir von einigen jungen Männern abends aber noch Besuch in unserem Lager. Wenn auch die Verständigung scher war, der gemeinsame Tee und die Teilnahme an unserem Abendessen brachte eine angenehme Atmosphäre. Spät nachts, nach Mitternacht, wurden einige noch einmal von Besuch geweckt: doch es war nichts Beängstigendes, sondern einer der abendlichen Besu­cher war noch einmal zurückgekommen, um uns Melonen zu bringen!

Die weitere Nacht brachte dann, wie häufig in Wüstengebieten, einen raschen Temperaturabfall und das Auftreten starker Winde. Ein Zelt brach, von den schlafenden Insassen unbemerkt, über ih­nen zusammen; Eimer und Melonenschalen, die zum Abfall gesammelt waren, rollten durch das La­ger und waren nahe dran, sich für immer von uns zu verabschieden; Sand drang in jede Ritze von Wagen und Zelten, kurz, es war alles so, wie es sich für eine Nacht in der Wüste gehört. Am näch­sten Morgen konnte ich das Chaos und das langsame Aufwachen in den einzelnen verstreuten La­gerstätten noch filmen und dabei auch einen eindrucksvollen filmischen Rundblick über die Steil­hänge und das Euphrattal festhalten, ehe uns die Fahrt durch Deir ez-Zor, wo wir keinen weiteren Aufenthalt einleg­ten – obwohl dieser Ort zeitgeschichtlich als Zielort der osmanischen Umsiedlung der Armenier An­fang dieses Jahrhunderts, die Züge eines Genozids trug, interessant ist –, nach Pal­myra führte.

Doch noch einmal schiebe ich eine allgemeinere Überlegung ein, um einer Frage nachzugehen, die sicher viele von uns gestellt haben, als sie durch diese öde, unfruchtbare Landschaft fuhren: warum entstand unsere Kultur gerade hier und nicht in den fruchtbareren, klimatisch weniger extremen Breiten? Dazu müssen wir doch etwas tiefer in die Geschichte und Geographie einsteigen. Die Frage, warum hier?, ist dabei zu trennen von der anderen Frage, warum nicht dort, nämlich in Mit­teleuropa? – Letztere Frage ist einfacher zu beantworten: In Mitteleuropa endete vor zehntau­send Jahren, als die Kulturentwicklung in Vorderasien schon vehement einsetzte, erst die letzte Eiszeit mit der stufenweise Wiederbesiedlung der Region mit erst spärlichen Buschgehölzen und später dichter erdenden Wäldern. Die Region war feucht, sumpfig, mit undurchdringlichen Auewäl­dern, Strauchwerkes und Unterhölzern überzogen; Winters machten Frost und Schnee vorankom­men und Jagd fast unmöglich. Die natürlichen Potentiale reichten gerade für eine spärliche Nut­zung durch einige wenige Jäger und Sammler aus, deren Lebenserwartung nur gering war; Unfälle, Frost, Hunger und Krankheiten rafften immer wieder ganze Familien und Gruppen dahin. An ein Sesshaftwerden war bei diesem Nahrungsmangel nicht zu denken. Und woher sollte hier die Idee, die Anregung zum Ackerbau kommen? wir sehen, landwirtschaftliche Gunst nach heutigen Maßstä­ben gibt keinen Aufschluss über die Nutzungspotentiale für ganz andere Gesellschaftsformen in frü­heren Zeiten. Gunst ist daher geographisch kein festes Attribut einer Landschaft, sondern ein Er­gebnis der Fähigkeit zur Inwertsetzung des Raumes durch eine konkrete Gesellschaft. So ist auch die heu­tige scheinbare Ungunst der nahöstlichen Siedlungsräume kein Maßstab für ein Urteil über die Nutzungspotentiale in vor- und frühgeschichtlicher Zeit.

Mehrere raumtypische Faktoren bestimmen die relative Gunst des nahöstlichen Raumes für die „erste landwirtschaftliche Revolution“, die Erfindung des Ackerbaus, die Kulturpflanzenentwick­lung und das Sesshaftwerden. Auch die „zweite landwirtschaftliche Revolution“, die Herausbildung von größeren Gesellschaften, die Entwicklung städtischer Siedlungen, das Entstehen von Grund­herrschaft und das Aufkommen erster differenzierter religiöser Systeme und Kulte findet im Nahen Osten seinen geeigneten Nährboden. Beginnen wir mit den natürlichen Voraussetzungen:

  1. Geeignete Pflanzen stehen für die Kulturpflanzenentwicklung zu Verfügung. Gräser sind die Grundlage der Getreideentwicklung (Emmer, Einkorn etc.), Rosazeen bilden nicht nur im Na­hen Osten die Ausgangspflanzen für Obst und Früchte.

  2. Ein optimaler Artenreichtum für die Auswahl von geeigneten Pflanzenstämmen ist dadurch vorhanden, dass es sich hier um ein so genanntes „Mannigfaltigkeitszentrum“ (Vavilow 1926) handelt, in dem ein besonders differenzierter Genbestand anzutreffen ist; das hat drei Gründe: zum einen überschneiden sich in Vorderasien die mediterranen, irano-turanischen und saharo-sindischen Florenreiche (Fisher 19716), zweitens hat der eiszeitliche, im Nahen Osten pluviale (feucht­zeitliche) Klimawandel die vorderasiatischen, klimatisch begünstigten Randgebirge (Tau­rus, nordsyrisches Hügelland, Zagros) zu Rückzugsgebieten weiter im Nor­den ver­dräng­ter Arten gemacht, und drittens ist das klimatisch reich differenzierte Gebiet an der Tro­cken­grenze mit seiner Vielzahl klimatischer und edaphischer Besonderheiten geeignet, eine größere An­zahl regional eng begrenzter „ökologische Nischen“ für evolutionäre Sonder­wege bereitzu­hal­ten, die auch nicht von einer aggressiv-dominanten dichten Leitvegetation be­einträchtigt wer­den. Zusammengefasst also: wir finden hier bei relativ geringer pflanzlicher Individuenzahl ein Maximum an Artenvielfalt und damit beste Voraussetzungen für (in der Frühzeit) eher zu­fäl­lige oder (in der späteren Zeit) planmäßige Herausbildung geeigneter, er­tragreicher Nutz­pflan­zen.

  3. Kurzfristige Klimaschwankungen, klimatische Grenzsituationen und lokal extreme biologische Lebensbedingungen verstärken den evolutionären Selektionsdruck auf die Pflanzenwelt und er­höhen damit die Geschwindigkeit der Artenentwicklung; ein Vorgang, der die schon erläuterte Artenvielfalt noch erhöht und die Zuchtvoraussetzungen verbessert. Außerdem liefern diese na­türlichen Bedingungen anschauliche Muster für die Auswirkungen von Lebensbedingungen auf das Pflanzenwachstum, die vom frühen Menschen, z.B. bei der „Erfindung“ der Bewässe­rung, leicht imitiert und genutzt werden konnten.

Aber auch von der Seite der menschlichen Lebensbedingungen sind einige wichtige Gunstfaktoren zu nennen, die historisch wirksam geworden sind.

  1. Die offenen Landschaften am Rande des späteren „fruchtbaren Halbmondes“ (schon dieser Begriff zeigt, dass diese Region sehr lange noch als Gunstgebiet angesehen worden ist!) erhöh­ten die Mobilität der zunächst noch nicht sesshaften Gruppen und die Bereitschaft, sich zu grö­ßeren Gruppen zusammenzuschließen. Nach der „ersten landwirtschaftlichen Revolution“ konnte schon sehr früh ein erster Warenaustausch entstehen, der dann die „zweite Kulturrevo­lution“ begleitete und prägte.

  2. Die Lebenserwartung in diesen Räumen war höher als in den winterkalten mitteleuropäischen Sumpf- und Waldgebieten (Rodungstechniken waren damals noch ebenso wenig bekannt wie Trockenlegungen von Sumpfländereien).

  3. Bevölkerungswachstum führte später zu dem Zwang, neue, ertragreichere Subsistenzformen zu finden und drängte zur Nutzung der oben genannten landwirtschaftlichen Gunstvoraussetzun­gen. So finden wir die ersten Spuren sesshafter Bevölkerung mit planmäßigem Pflanzenanbau an den Hängen der vorderasiatischen Randgebirge. Doch schon bald, wohl den Flüssen fol­gend, nutzen Menschen, vor über zehntausend Jahren, die Steppen und Halbwüsten am Fuße der Berge, indem sie die Bewässerungswirtschaft erfinden und Quellen und Flusswasser, nur wenig später auch selbst gegrabene Brunnen nutzen. Seitdem dreht sich die Lebensvorsorge der frühen Kulturen in erster Linie um das Wasser, seinen Gewinn, seine Speicherung und Nut­zung, seine gerechte Verteilung (Grünert 1981).

  4. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sich, unter dem Zwang wachsender Bevölkerungszahlen und der steigenden Ansprüche an eine planmäßige Daseinsvorsorge, immer größere Men­schengruppen zusammenschließen, um die Bewässerungssysteme zu verbessern, Kanäle und Stauanlagen zu bauen, Brunnen anzulegen und Instanzen zu schaffen, die die rechtmäßige Ver­teilung des knappen und kostbaren Wassers kontrollieren. Dies ist sicher eine der wesentli­chen Wurzeln dafür, dass sich, nach historischen Maßstäben, schon so bald nach der Sesshaftwerdung des Menschen übergeordnete gesellschaftliche Organisationsformen, staatliche Insti­tu­tionen, Königreiche und Priesterkönigtümer, Militär und hierarchische Verwaltungsformen entwickelten: die altorientalischen Reiche waren geboren, auf deren Kulturerrungenschaften auch unsere Kultur noch aufbaut. Wittfogel nennt dies, wir haben es in der Einleitung schon erwähnt, die „hydraulische Kultur“.

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Palmyra führt uns dann in eine andere historische Periode. Kaiserin Zenobias ruhmreicher und schließlich doch vergeblicher Kampf gegen die Römer, ihr Versuch, die traditionsreiche Oasen- und Karawanenstadt, deren berühmte Palmenhaine den Namen gaben, wieder zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum das Nahen Ostens zu machen im Schnittpunkt der Handelswege zischen Mittelmeer und Mesopotamien und Iran, zischen Ägypten, Arabien und den anatolischen Hochlän­dern, prägte den prunkvollen Ausbau des Baal-Tempels, der Prachtstraßen und der öffentlichen Ge­bäude. Es entwickelte sich ein ganz spezifischer Kunst- und Architekturstil eines römisch beeinflussten orientalischen Hellenismus, dessen Einzelelemente uns wohlbekannt erscheinen, Säulen, Tri­umphbö­gen, Theater, Forum und Tempel, dessen Gesamtanlage und Proportion jedoch ganz origi­nale, den Veränderten gesellschaftlichen Umständen entsprechende Ausdrucksformen annimmt. Wir können von einem palmyrischen Sonderstil sprechen. Eine Beschreibung der Ruinenstadt findet sich in jedem Reiseführer; die Ruinenstadt, neben der heutigen Ortschaft Tadmur gelegen, gehört zu den berühm­testen Sehenswürdigkeiten weit über die Staatsgrenzen des heutigen Syriens hinaus.

Und, was gar nicht so selbstverständlich ist, der eigene Augenschein bestätigt diese Beurteilung. Gegenüber der aus mächtigen Quadern und Ziegeln erbauten Wehr- und Pilgerstadt Resafa, am er­gangenen Tag besichtigt, zeigt nun Palmyra monarchischen, ja stellenweise imperialen Prunk. Größe und Erhaltungszustand der Marmorsäulenkolonnaden des nicht allzu großen Theaters und vor allem der rätselhaft-beeindruckenden Säulenanlage des Tetrapylon, der viermal vier Säulen, auf der Kreu­zung von Cardo und Decumanus, um die römische Bezeichnung für die beiden sich kreuzenden Hauptstraßen hier zu gebrauchen, reizen trotz der drückenden Hitze, im Schatten der Säulen nur we­nig gemildert, zu Streifzügen durch die Ruinenstadt und zu vielen Fotografien. Den Abschluss des Be­suches bildet eine Fahrt zu den auf einem nördlich der Stadt gelegen Hügel gelegenen rätselhaften Grabtürmen, Familiengräbern und Fürstengräbern, die heute leer stehen. Die wenigen erhaltenen Funde aus dem Inneren sowie ein ganzes wie ein Wohnhaus eingerichtetes unterirdisches Grab sind in das Nationalmuseum in Damaskus gebracht worden und bilden ein Kernstück seiner Sammlungen.

        

4. Damaskus

Der Abschied von Palmyra trug chaotische Züge. Verspätung, Hitze. Noch vor der Abfahrt passiert, gruppenintern, ein kleines Verkehrsmalheur, das die Schließfähigkeit einer der vorderen Türen des einen Busses beeinträchtigte. Notdürftig mit Draht befestigt erfolgte die Abfahrt durch die weite und heiße syrische Wüste auf oft schnurgerader Straße. Das Erlebnis einer solchen Fahrt ist scher zu be­schreiben. Wenn es den einen durch Monotonie und die Lebensgeister betäubende Hitze nahezu zur Verzweiflung treiben kann, erfährt der andere eine emotionale Erweiterung, die zischen meditativer Versenkung und Rauschzustand angesiedelt ist. Solche Wüstenfahrten gehören zu den beglückendsten Eindrücken, die ich in den Jahrzehnten meiner Fahrten in die heißen Zonen jenseits der Grenzen Europas aufnehmen durfte. Doch die unterschiedliche Sensibilisierung für das Erleben der Wüste ist dann immer ein Problem, wenn größere Gruppen zusammen reisen und die verschiedensten Versu­che, der Langeweile zu entgehen, die Gruppendynamik prägt: laute Musik, Alberei und schlicht Ag­gression aus Müdigkeit. Der Weg nach Damaskus wurde dann noch kompliziert durch eine Reifen­panne und die anschließende, nicht gerade einfache Suche nach dem Campingplatz der syrischen Hauptstadt. Dirk Fuhlbohm, Mitreisender in dem Pannenbus, schildert diese Erlebnisse aus seiner sehr persönlichen, eher humoristisch-lockeren Sicht:

Einfahrt nach Damaskus. Nachdem wir die arabische Fremdenfreundlichkeit nicht nur von zivi­len Syrern sozusagen am eigenen Leib, in Form von Tee und Melonen, sondern auch von an der Straße wachenden Posten der dortigen Streitkräfte in Form von Wegweisungen, Tomaten und Fla­denbrot erfahren hatten, sollte uns auch die syrische Polizei hilfreich zur Seite stehen:

Am 9. Juli, während wir noch unter dem Eindruck unserer Fahrertür, des gigantischen Ruinen­feldes von Palmyra und einiger Magenverstimmungen standen, wurde einer der insgesamt sechzehn in Aktion befindlichen Reifen Opfer irgend eines Metallstückes. Die beiden vorausfahrenden Busse hatten mal wieder überhaupt nichts gemerkt, und es bedurfte einiger Heizerei des um die Panne wissenden Busses (50 PS), um sie (zwei mal 70 PS) zur Umkehr zu bewegen. Wieder am Ort des Aufenthaltes, beschloss man einvernehmlich, die beiden bunten Busse zwecks Zubereitung des Abendessens zum internationalen Campingplatz von Damaskus vorauseilen und die beiden weißen Busse zurück zu lassen.

Wie auch immer: Festzustellen bleibt, dass es in der Dunkelheit wohl leicht ist, Damaskus zu finden, nicht aber den örtlichen internationalen Campingplatz an der Einfallstraße aus Homs. Wohl deshalb findet sich im Reiseführer über Syrien und Jordanien (U. und W. Bardorf: Syrien / Jorda­nien. Reisehandbuch. München 1986) folgende Information:

     

Man kann sich denken, dass jetzt die Damaszener Ordnungshüter ins Spiel kommen! Der glückliche Eigentümer des Reiseführers zeigte also die oben wiedergegebenen Zeilen, worauf sich aus dem Kreis der kontaktierten Polizisten – sie standen gerade an einem Kreisel – ein Motorrad­fahrer lö­ste, der uns Handzeichen gab, uns zu folgen. Die Fahrt zum Campingplatz erfolgte flie­ßend, denn an Kreuzungen, Kreiseln und Auffahrten benutzte er sein rotes Einsatzblinklicht, dessen Autorität sich natürlich problemlos auf unsere Minibusse übertrug. Seltsamerweise hatten die vor­ausgefah­renen Busse den Campingplatz ohne Probleme gefunden. Manche Kreise mögen das auf die starke Kon­zentration von Lehrern in jenen Bussen zurückführen; ich für meinen Teil halte je­doch eine unglei­che Verteilung der brauchbaren Landkarten für wahrscheinlicher.“

Nun, diese Erklärung kann ich, wenigstens für Syrien, wo bei uns die Kartenausstattung generell ka­tastrophal war, nicht unbedingt teilen. Die vorausfahrenden Busse hatten, bei einbrechender Dunkel­heit, ebenfalls einige Orientierungsprobleme. Die Einfahrt der Landstraße von Palmyra her nach Da­maskus ist verwirrend, da alte Trassenführungen und nicht genauer bezeichnete Zubringerwege zur neuen Autobahn aus Homs, rechter Hand von Norden sich unserer Fahrtroute nähernd, unübersicht­lich bleiben, so dass wir zeitweise befürchteten, uns in vorstädtische Gewerbegebiete, einmal sogar auf eine Trasse, die eher wie ein kleines Flugfeld angelegt war, zu verlieren.

Nur die grobe Richtungsorientierung half uns, die rechten Abzweigungen zu finden bis wir auf die genannte Autobahn stießen. Rechts und links waren die Spuren der Neutrassierung noch deutlich: Abgekappte Zufahrtsstraßen, eilig zusammen geschobene Erd- und Schuttwälle, umgestoßene Rekla­meschilder vor einer Kulisse zurückweichender Hütten, Schuppen, Gärten und vorstädtischem Öd­landes – die untrüglichen Wachstumszeichen einer aus den Nähten quellenden Großstadt, internatio­nal auch in der Erscheinung der Negativfolgen der Agglomerationsprozesse. Damaskus, die berühm­te grüne und fruchtbare Oase am Hang des Gebirges, von Reisenden vieler Jahrhunderte gepriesen: hier war noch nichts von ihr zu erkennen; und auch später hatten wir Mühe, untergegangen im Häu­ser­meer der heutigen Kapitale die Spuren der historischen, inneren Größe und Schönheit dieser Stadt wieder zu finden.

Am Rande dieser tristen Ausfallstraße sahen wir, fast wären wir daran vorbei gefahren, das halbwegs umgefallene Hinweisschild „Camping“ meterweit vom rechten Straßenrand entfernt. Dort­hin zurück zu gelangen, überhaupt eine Einfahrt zu finden, war nicht ganz leicht, so dass wir Passan­ten um Hilfe und Auskunft baten; so ging es durch wildes Baustellengelände zur eigentlichen Ein­fahrt, an der wir vorbei gefahren waren. Der Campingplatz machte einen guten Eindruck mit Swimming Pool und Getränkeverkauf, laubenartigen Abstellplätzen für die Fahrzeuge und genügend Platz für unser raumgreifendes Campingleben.

Unser Aufenthalt in Damaskus verlief nicht ganz so, wie wir bei der Planung gedacht hatten. Von Dr. Schliephake in Würzburg hatten wir, mit der entsprechenden Empfehlung, die Adresse des Geo­graphen Professor Mahli von der Universität Damaskus, der enge Beziehungen zu deutschen Geo­graphen unterhält und uns auf Anfrage hin auch zu einem Gespräch in Damaskus eingeladen hatte; leider, wie wir erleben mussten, fanden wir ihn, bedingt durch Feiertag, Umzug und Semesterende, nicht. Bei der Suche ging, jedenfalls für einige von uns, mehr als ein ganzer Aufenthaltstag verloren, bei dem wir dann jedoch das moderne Damaskus in verwirrenden kreuz und quer Fahrten kennen lernen konnten. Der andere Programmteil, die historische Dimension dieser Stadtkultur, mußte dann sehr knapp und konzentriert aufgenommen werden. Doch wurde diese Stadt doch auch Anlass für sehr individuelle Begegnungen mit islamischer Geschichte und Kultur, auch abseits der touristischen Brennpunkte, die in Syrien, wir erläuterten das in der Einführung zu diesem Lande schon, ohnehin nicht allzu sehr vom Interesse der Massen der Reisenden geprägt und überformt sind. Hier schälte sich dann auch, langsam und schichtweise das Bild des alten Damaskus heraus, dessen Kultur über Jahr­hunderte hin prägend für den Nahen Osten gewesen ist. Aber diese Vielschichtigkeit der Stadtkultur, die modernen Überlagerungen durchaus lebendiger alter Traditionen sind keine Aus­nahmeerschei­nung für Damaskus, sie sind Kennzeichen jeder lebendigen Urbanität, wohl auch not­wendig zum Überleben einer Stadt. Bevor wir uns den verschiedenen Aspekten unseres Programms in Damaskus zuwenden, soll diese persönliche Möglichkeit der Begegnung mit dem Islam, von einem Erlebnis in Damaskus ausgelöst, in einem kurzen Essay von Gerhard Stünkel in den Vordergrund gerückt wer­den.

„Arabisches, Islamisches. Ein Innenhof und Schmuck in einer Apsis. Der Innenhof der Zahirieh-Medresse. Hier in einer schattigen Ecke schrieb ich gerade eine Karte, als mir ein freundlicher Mensch auf die Schulter tippte, um mir – mit Schlüssel bewaffnet – zu zeigen, wo der große Mamlukensultan Baibar begraben liegt. Erst später las ich im DuMont-Kunstreiseführer über die Bedeu­tung dieser Koranschule, die heute zur Nationalbibliothek gehört, und das schöne Sultansgrab. Da habe ich nur Ruhe mitten aus dem Bazarbetrieb gesucht, mich über ein schattiges Plätzchen gefreut und verschnauft, und, ohne es zu ahnen, sitze ich zugleich in einer über sechshundertjährigen Kunstproduktion. Ich war und bin aber ein hungriger Banause: So schön das alles war und ist, war doch das Schönste, wie der Mann freundlich war! Als ich meine Karten weiter schrieb, kam er wie­der und lockte mich wie die Hexe den Hänsel. Ich folgte dem krummen Finger und dem aufrichtigen Blick in ein Portal. Dort hatte er für uns auf seinem Pförtnerpult den Tisch gedeckt: Fladenbrot, das man zugleich als Griffserviette nimmt für Salate, kleine Kichererbsenbällchen, die immer so herr­lich an Buletten erinnerten, und mit unbekanntem Gemüse, zischen allem Pfefferminze und Zi­tro­nenmelisse, je nach Bedarf als Salat, Garnierung oder Tempotuch für die feuchten Futterfinger zu benutzen. Später haben wir erfahren, dass man ganze Sträuße davon, ins Auto gelegt, herrlich an­stelle irgendwelcher Raumdeos benutzen kann. Ja, so habe ich also ein Mittagessen bekommen, das eigentlich von den sechs Wochen das schönste war, obwohl da nichts passiert war, als dass ein Mensch seine Portion geteilt hat, ohne, dass es irgend etwas mit Not zu tun gehabt hätte.“

Der Bericht geht aber noch etwas weiter. Bilder von anderen Stationen unserer Reise schieben sich vor das Auge der Erinnerung, gestützt auch auf die vielen Fotos, die die von der Bilderfülle arg be­drängte Erinnerung katalysatorartig strukturieren und evozieren: Bilder von Eindrücken aus Mosche­en, die den Vergleich zu den Eindrücken aus der Omayyadenmoschee in Damaskus nahe legen. Wir folgen weiterhin Gerhard Stünkel in seinen Reflexionen über das Arabische, Islamische:

„Und nun drei Sätze zu einem Detail aus dem Mihrab in der Kairoer Sultan-Hassan-Moschee: Man könnte denken, dass dieser schöne Blickfang eine Art Altarersatz darstellt. Vielleicht stimmt es ein ganz klein bisschen: Das Mihrab ist eine Gebetsnische; für das Gebet aber reicht normal die bloße Richtung auf Mekka hin, die Qibla, in den Moscheen durch eine der Wände markiert, oft durch das grüne Licht. Mit diesem gibt es manchmal, und nur in diesem Zusammenhang, für mich die Erinne­rung an „Kitsch“. Vielleicht lege ich noch ein entsprechendes Bild aus Konya dazu, wo im Mêvlânâ-Kloster die Ordensgräber Zusätzliches im Sinne der belasteten Ästhetik tun. Wie gut tut dabei aber die Bilderlosigkeit dieser Sakralbauten!“

Die Omayyadenmoschee liegt wie alle alten Haupt- und Freitagsmoscheen im Zentrum der Altstadt, ist ihr geistiges und räumliches Zentrum, auf das hin sich alle zentralen Funktionen, Markt und Sozi­aleinrichtungen orientieren, dessen Nähe Wert und Ansehen des Ortes bedingt. Doch der Rang der Omayyadenmoschee geht weit über die Bedeutung für die Stadt Damaskus hinaus. Sie ist nur im Rückblick auf die frühe Geschichte des Islam zu verstehen.

Nachdem der Islam von Medina und Mekka aus noch zu Lebzeiten Muhammads zur gestaltenden geistigen und weltlichen Macht der arabischen Kernlande bis hin nach Syrien und Mesopotamien geworden war, konzentrierte sich die Erweiterung und Konsolidierung der islamischen Herrschaft in der Zeit der „rechtgeleiteten Kalifen“, Abu Bekr, Omar, Othman und Ali, dem Schwiegersohn Muhammads, auf die nördlichen fruchtbaren Säume der arabischen Wüste, auf das Oasengebiet von Euphrat und Tigris, auf die alten syrischen Handels- und Verkehrszentren Aleppo, Palmyra und Damaskus und auf Palästina im Jordantal und damit auch auf Jerusalem.

Damit werden die späteren islamischen Kulturzentren, die die geistige und machtpolitische Nachfolge der arabischen Ursprungsorte Mekka und Medina, die weitgehend auf die Funktion als Wallfahrtsorte reduziert werden, festgelegt. Jerusalem, wir kommen später noch darauf zurück, er­rang schon zu Muhammads Zeit religiöse Bedeutung und gilt seither als dritte Heilige Stadt – in Konkurrenz und Nachfolge der Hochschätzung, die dieser Ort in den religiösen Überlieferungen des Judentums und des Christentums erfährt. Am Ende der Zeit der „Rechtgeleiteten Kalifen“ tre­ten Macht- und Vorherrschaftskämpfe im arabischen Reich auf, bei denen der, zu seiner Zeit ange­fein­dete und umstrittene vierte Kalif und Ehemann von Muhammads Tochter Fatima, Ali, nur noch Teile des Reiches hinter sich sah, vor allem im Euphrat- und Tigrisbereich bei Basra, und sich mili­tärisch gegen seine Widersacher, die sich um den syrischen Statthalter Muawija sammelten, vertei­digen mußte. Nach der Ermordung Alis gelingt es seinen Söhnen Hassan und Hussein nicht, die Nachfolge zu übernehmen. Muawija holt zum entscheidenden Schlag aus und tötet in Kerbala im heutigen Iraq bei einem nächtlichen militärischen Überfall Hussein und seine militärischen Ge­folgs­leute. Dieses Ereignis sichert den Beginn einer neuen Kalifatsdynastie, der Omayyaden von Damaskus, die sich von der führenden Kaufmannsfamilie der Omayya in Mekka herleiten und der Muawija entstammte, bedeutete als Martyrium von Kerbala die Spaltung des Islam, bei der die große Gruppe der Anhänger der unmittelbaren Familie Muhammads, der „Partei des Ali“ oder „Shi’at ’Ali“ (der „Schia“) als Anhänger einer legalistischen Erbfolge das Omayyadenkalifat nicht akzeptieren und in der Nachfolge Muhammads eine Reihe von Imamen als religiöse Führer aner­kennen.

Damaskus wird zum Sitz des Omayyadenkalifats und für ein Jahrhundert kulturelles Zentrum des Islamischen Weltreiches, welches sich von Iran bis Spanien und Südfrankreich, von Ägypten bis Sizilien und bis zur ständig nach Norden eichenden Grenze zum byzantinischen Reich erstreckt. Damaszener Handelsgüter wie Stahl, Waffen und Textilien, aber auch Bücher und wissenschaftliche und künstlerische Produktionen werden auch im christlichen Abendland bekannt, beneidet, kopiert oder als Werke des Bösen verteufelt.

Die Auseinandersetzungen zischen den Religionen werden härter und, neben allem friedlichen Kulturkontakt, über Jahrhunderte vor allem in der Kreuzfahrerzeit blutig ausgefochten. Syrien, Jordanien und Palästina, unsere Reiseziele, sind ein geschichtliches Bilderbuch dieses Kulturkon­taktes und dieser Auseinandersetzungen. Ihren Höhepunkt aber erreichen diese Konflikte erst in der nachfolgenden Zeit der Abbasidenkalifen von Baghdad, die als Repräsentanten der vordem unterle­genen iraqischen Muslime die Macht übernehmen, die Familie der Omayyaden blutig vernichten – bis auf den Zeig von Cordoba, wo sich in der Folge das Omayyadenkalifat von Cordoba von der Reichseinheit loslöst – und die Hauptstadt ins Zweistromland verlagern. Damit beginnt für lange Zeit der Abstieg von Damaskus. Doch die Omayyadenmoschee mit dem Grab Johannes des Täufers bleibt weiterhin ein Wallfahrtsziel und hoch geachtet in der islamischen Welt.

Die Omayyadenmoschee ist, neben der Moschee in Medina und dem Felsendom in Jerusalem eine der frühesten islamischen Baudenkmäler und doch schon ein aus der geschlossenen geistigen Kon­zeption heraus großartiges und reifes Bauwerk, auch wenn im Einzelnen noch die Suche nach der gültigen Ausdrucksform, nach der nahtlosen Einschmelzung vorislamischer Bautraditionen und Stil­elemente deutlich ablesbar bleibt. Der Standort hat eine alte Tradition. Auf der Grundlage hellenisti­scher Bau­werke – ob Tempel oder weltliche Basilika (Markthalle) ist umstritten – wurde unter Ein­beziehung der alten Säulen und Portale eine frühchristliche Basilika errichtet. Man sollte die Bedeu­tung von Damaskus auch für die frühchristliche Kirchenentwicklung nicht unterschätzen. Ein Blick z.B. in die Apostelgeschichte zeigt das.

An diese Tradition knüpft der Bau der Omayyadenmoschee an. Die basilikaverwandte Hallen­struktur, die hellenistische Formelemente aufweisenden Säulenreihen ließen früher die Vermutung laut werden, hier wäre einfach eine christliche Kirche unter Drehung der Gebetsrichtung hin zur Längswand – der Qiblawand mit dem Mihrab, wovon Gerhard Stünkel schon berichtet hatte – „islamisiert“ worden wie Jahrhunderte später die Hagia Sophia in Konstantinopel; diese Anschauung ist, wie sorgfältige Untersuchungen zeigen, nachweislich falsch. Zar wurden tatsächlich Säulen und Kapitelle, Marmorplatten und Steinquader der früheren Bauwerke wieder verwendet; der Umbau war jedoch so grundlegend, dass von einem Neubau gesprochen werden muß. Eine Besonderheit, die nicht nur auf die frühere Basilikenform zurückzuführen ist sondern auf zusätzliche Wurzeln in der Orien­tierung der Gebethalle in der Moschee von Medina verweist, die eigentlich nur die Anlage des Wohn­hauses von Muhammad nachgezeichnet hat, ist der Aufbau mit fünf Schiffen, die der Qiblawand quer vorgelagert sind und weniger die Tiefe als die Breite des Raumes betonen. Die Mitte die­ser Hallen ist, vor dem Mihrab, etwas erhöht und von außen an dem zentralen Giebelbau mit dem Haupteingang vom Hofe her zu erkennen. Diese Querorientierung, die keine punktuelle Raumkon­zentration und Perspektive wie in christlichen Kirchen auf den Altar hin erkennen lässt, entspricht dem islamischen Gefühl, das sich auch im Gebetsritus ausdrückt, bei dem, nebeneinander in Reihen kniend, jeder Gläubige für sich die Gebets- und Niederwerfungszeremonie vollzieht.

Eine große Ruhe und Harmonie strömt dieser Raum aus. Später finden islamische Baumeister noch andere, vielleicht dem islamischen Ideal durch ihre weite und Lichtheit noch besser angepasste Bauformen wie die türkische Zentralkuppelmoschee oder die iranische Vier-Liwan-Hofmoschee. Von der Konzeption der Querschiffe wie bei der Omayyadenmoschee kommt die islamische Bau­kunst nach der damazener Zeit nach und nach ab; die weiten, ruhigen, den Blick des gläubigen Men­schen nicht richtenden und einengenden Säulenhallen bleiben aber Kennzeichen aller großen Gebets­räume. Im Gegensatz zu der Sonderform des etwa gleichaltrigen Kuppelbaues des Felsendomes in Jerusalem – von dem aus keine direkte Verbindungslinie zu den türkischen Zentralkuppelmoscheen ziehen lässt, die sich vor allem am Vorbild der Hagia Sophia orientieren –, wirkte die Omayyadenmo­schee stilbil­dend.

Wieweit dieser Moscheebau aber noch in der vorislamischen Kunst stilistisch verankert ist, zeigt der – typischerweise aber im Gegensatz zur christlichen Kirche nach außen zum Hof hin geendete – Mosaikenschmuck auf Goldgrund, der verblüffende Parallelen zu Mosaiken in Byzanz, in Konstan­tinopel aber auch in Ravenna, erkennen lässt. Die, hier ganz ungenierte muslimische Überlieferung bestätigt, dass neben christlichen Konvertiten zum Islam auch christliche Künstler im Dienste des Kali­fen standen und beim Moscheebau mitwirkten. Typisch für die Omayyadenzeit ist es, dass bildli­che Darstellungen, mit Ausnahme der der menschlichen Figur, noch nicht gänzlich aus dem Mo­scheebe­reich verbannt waren. Das strikte Bilderverbot und der ungeahnte Aufschwung der Kalligra­phie als Schmuckelement sind erst für die Abbasidenzeit typisch.

In den herrlichen und gut erhaltenen und restaurierten Mosaiken der Omayyadenmoschee erken­nen wir die symbolisch ausgeschmückte Darstellung des Paradieses, eines himmlischen Jerusalems, mit Lebensbäumen, Palmen und Wasserläufen, in denen sich die Paradiesesprophezeihungen des Qur'ân widerspiegeln. Auch der zentrale Brunnenbau auf dem Hof, für die rituellen Waschungen vor dem Gebet unverzichtbarer Bestandteil jeder Moschee, greift die Mosaikdarstellungen auf und führt sie fort, so dass die Hofanlage, an den drei übrigen Seiten mit Arkadengängen und Marmorsäulen umge­ben, ein Gesamtkunstwerk ergibt, das den eintretenden Gläubigen durch die architektonische Gestalt wie durch den sprechenden Bilderschmuck anspricht und auf das Gebet vorbereitet. Auch Gerhard Stünkel kann sich der Faszination dieser Moschee nicht entziehen. Sie ist ihm Anlass für eine Schilde­rung seiner Erlebnisse in diesem Bauwerk.

     

Omayyadenmoschee Damaskus

Wie gerne hätte ich mich gerade hier so eingeladen gefühlt wie in anderen Moscheen. Aber am Eingang werden hier die Ungläubigen zurückgeschickt und auf ihren separaten Zugang erwiesen. Dort zahlt man Eintritt bei jemandem, der nur arabisch spricht. Eine ganz distanzierte Beziehung. Ich bin froh, dass ich doch eine persönliche Begegnung habe. Als ich im Hof der Moschee Aufnah­men mache und zwei schlafende Kinder entdecke, frage ich den in der Nähe hockenden Vater um Zustimmung zu einem Foto von beiden. Das Foto misslingt, weil der Belichtungsmesser verrückt spielt, aber jetzt habe ich eins von seiner restlichen Familie: acht weitere Kinder und zwei Frauen, von denen ich eine für seine Schwiegermutter halten würde, wenn nicht die „gedrängte Altersstruk­tur“ der Kinderschar mich eher zwei Mütter vermuten ließe. Ich habe das Bild auf seinen Wunsch gemacht und muß in meinem Tagebuch noch seine arabische Anschrift ermitteln. Jedenfalls ist er Polizist in Aleppo und hat mit seiner Familie eine Wallfahrt nach Damaskus gemacht. Hier ist nämlich das Grab Johannes des Täufers. Natürlich ist der wie alle biblischen Figuren, zumindest von denen „auf der richtigen Seite“, ein „Prophet“ für die Muslime. So stellt es ja der Koran in der zweiten Sure für Jesus fest. Maria fehlt allerdings das richtige Geschlecht zum Propheten.

Die Außenansicht der Moschee war eher nüchtern, ein großer Karree, keine Kuppel zu sehen, eine Mauer um alles herum. Aber drinnen: der Hof mit blankem Marmor, auch die Säulen poliert, end­lich Mosaiken, die wir zuletzt in Istanbul in der Hagia Sophia gesehen haben. Mir hat gegen den christlichen Pomp, den ich eher aus Ravenna kannte, der des Islam fast gefehlt. Jedenfalls gibt es eine Beziehung, die ich rührend finde: Die Palmenmotive aus der Anbetungsszene in San Apollinare in Classe kommen dem islamischen Bilderverbot sozusagen entgegen: sprich, ein Motiv erin­nert mich an das andere. Hier ist es das Brunnenhäuschen, an dem endlich einmal Bilder und nicht nur Ornamente zu sehen sind. Drinnen dann eine große Halle, keine zentrale Orientierung. Es reicht für die Muslime eine and mit der Ausrichtung nach Mekka. Das raumbezogene Bedürfnis nach Konzentration ist anders ausgerichtet, breiter, ich denke manchmal: transzendentaler, gelas­sener, als bei den einigungs- und also streitsüchtigen Christen. Aber auch der Boden dieser Mo­schee ist konfessionellem Streit gewidmet. Mit ihrer Faszination haben die Religionen auch die Rechthaberei als die schlimme Tugend der Beter geweckt. Aber wie einladend sind die Teppiche der Moscheen, wo Menschen sich bewegen oder ruhen, aber nicht konsumieren!“

Die Umgebung auch dieser Moschee ist, wie wir es aus Aleppo schon kennen gelernt haben, der Ba­zar. Zwischen Handel und Religionsausübung sieht der Islam keinen Interessengegensatz, keine Aus­schließlichkeiten, war doch Muhammad selbst Karawanenhändler wie alle seine Familienmitglieder und Freunde in Mekka und ist doch der Islam auch und in ganz entscheidendem Maße Soziallehre und moralischer Leitmaßstab des Alltagslebens, zu dessen Notwendigkeiten, gottgewollt, Handel und Wandel gehören. Aber auch dem Christentum ist dieser Gedanke nicht fremd wie die Doppelbe­deu­tung des Wortes „Messe“ gut illustriert.

Der Bazar in Damaskus lässt sich jedoch in Rang und architektonischer Gestalt mit dem von Aleppo nicht vergleichen. Hier zeigt es sich, dass die Hauptstadt einen starken sozioökonomischen Wandel durchgemacht hat, der die traditionellen Bazarhandelsformen in den Hintergrund drängt. Der Autoverkehr sowohl von Kunden wie von Lieferanten prägt heute die Standortgunst eines Ladens stärker als die Eingebundenheit in das bunte Bazarleben. Auch wenn, wie früher schon erwähnt wurde, „westliche“ Verkausformen wie die des Supermarktes in Damaskus, vor allem aus Kapital­mangel und außenwirtschaftlicher Isolierung noch nicht Fußfassen konnten, sind Konzentrations- und Dislokationsprozesse des Handels entlang den Hauptstraßen und hin zu den modernen Citygebieten deutlich zu erfolgen. Das wurde schon von Dettmann 1967 festgestellt und bestätigt sich bei Wirth 1971.

Mit den Auswirkungen auf den Strukturwandel und teilweisen Funktionsverlust des Bazars, die hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden können, befassen sich die detaillierten Kartierungen der Studentengruppe, die 1983 von der Universität Würzburg aus Damaskus besucht haben (Schliep­­­hake 1985). – Der äußere Eindruck des Bazars ist nicht besonders attraktiv; der bauliche Zer­fall ist teilweise nur durch notdürftige Wellblechüberdeckungen aufgehalten worden; die Anpas­sung an so genannte moderne Verkaufsformen mit Neonwerbung und ladenähnlicher Abschließung der Verkaufsräume ist unterschiedlich weit gediehen und im Eingangsbereich und an den kundenin­tensiveren Hauptbazarstraßen am deutlichsten zu beobachten, so dass sich hier ein Übergangsbereich zu den umliegenden Ladengeschäften in Mehretagenwohn- und -bürohäusern der Innenstadt entwic­kelt, die deutliche räumliche Abgrenzung des Bazars daher in Auflösung begriffen ist. Das wird noch dadurch unterstützt, dass die im Bazarrandbereich liegende Zitadelle weitgehend zerstört ist und kei­nen städtebaulichen Akzent mehr setzt. Der Haupteingang des Bazars ist zur Hauptstraße zum Bahn­hof hin orientiert und mündet dabei auf einen städtebaulich konturlosen, aber verkehrsreichen Platz, auf dem vor allem die Taxistände das Bild bestimmen. Über dem Eingang setzt ein riesiges Bildnis von Präsident Assad noch einen Akzent ganz eigener Art. Doch ist der Bazar noch nicht ökonomisch bedeutungslos geworden, wenn sich wohl auch eine stärkere Orientierung auf die ärmere Kundschaft beobachten lässt. Dieser soziale Abstieg überalterter ökonomischer Funktionen ist an vielen Orten des Orients in Konkurrenz zu kapitalkräftigeren und effizienteren modernen Verkaufsformen zu beob­ach­ten. Auch der Tourismus, der zu einem, wenn auch funktional völlig umgebogenen Wiederauf­stieg z.B. des gedeckten Bazars von Istanbul geführt hat, erlangt in Damaskus noch keine wirklich prägen­de Rolle, wenn auch das Verkaufsangebot auf auswärtige touristische Besucher hier und da schon Rücksicht nimmt. Stärker ist das aber ebenfalls in Aleppo zu beobachten.

Wie die Altstadt und den Bazar erleben wir auch das moderne Damaskus in Gruppen oder indi­viduell. Ein gemeinsames Programm wird durch die Schwierigkeiten bei der Suche nach Professor Mahli verhindert. So entstehen sehr unterschiedliche Bilder von dieser Stadt und ich war doch sehr verwundert, als ich einen Teilnehmer Damaskus als allein aus einer herabgekommenen Altstadt be­ste­hend charakterisieren hörte! Das ist nun wirklich nicht zutreffend; im Gegenteil, die Flächenanteile mit moderner, wenn auch aus Armut oft nicht gerader sehr ansprechender Wohn- und Geschäftsbe­bau­ung übertrifft die Altstadtgebiete bei weitem. Es fehlt aber die Skyline der internationalen Ge­schäfts­welt, die modernen bis postmodernen Wolkenkratzer und Glaspaläste. In sofern ist Damaskus archi­tektonisch nicht so „modern“ wie z.B. das neue Nilufer von Kairo. Dafür fehlen hier aber auch so krasse Elendsquartiere, wie sie in der ägyptischen Hauptstadt außerhalb eines eng begrenzten Zen­trums so typisch sind.

Damaskus ist nicht so reich, aber auch nicht so arm wie andere Metropolen der „Dritten Welt“: es bestätigen sich die Anmerkungen zur syrischen Ökonomie im Einleitungskapitel! Da Damaskus schon in früheren Jahrhunderten eine Großstadt war und auch unter türkischer Herrschaft in der os­manischen Zeit bis zur Unabhängigkeit stärker als andere Nahoststädte seine Urbanität bewahren konnte, finden wir in Damaskus Stadtviertel aus den verschiedensten Bauphasen. Eine ansprechende, wenn auch heute etwas ungepflegt erscheinende Wohnbebauung aus der ersten Hälfte dieses Jahr­hunderts, gebaut für das aufstrebende Handels- und Verwaltungsbürgertum der Stadt verbindet das alte Bazarzentrum mit der Omayyadenmoschee in der Ebene, damals noch inmitten einer fruchtbaren Gartenoase, mit den westlichen Stadtteilen von Salihiye, die sich am Hang des Antilibanongebirges empor ziehen. Hier in den Gärten von Salihiye, gespeist aus frischen Gebirgsquellen, siedelten sich Weise und Heilige zu Gebet und Meditation abseits der lärmenden Großstadt an; ihre Grabmoscheen gehören zu den wichtigsten kulturellen Denkmälern Damaskus’.

Später wurde Salihiye zu einer bevorzugten Wohngegend der reicheren Bürger der Stadt, bis im 20. Jahrhundert Niedergang und Verfall auch dieses Stadtviertel erreichte. Neue Straßen und Plätze und dichte Wohn- und Bürobebauung verbinden jetzt Damaskus’ Innenstadt und Salihiye; hier finden sich die bevorzugten Adressen für Botschaften, internationale Repräsentanten und lange Zeit auch für Regierungsdienststellen, bis die Neubauten des Regierungsviertels fertig gestellt waren, – in ruhiger Umgebung, mit immer noch vorhandenen Gärten zischen den Straßenzügen, und doch nahe der In­nenstadt. Mit dem Wachstum der Stadt verlor dann die Innenstadt ihren einst gerühmten Cha­rakter als grünende und blühende Oase. Eine Zunahme der Wohnbevölkerung ging einher mit dem Ausbau von Handel und Verwaltung und dem Vordringen moderner Verkehrswege und der schritt­weisen Modernisierung der Infrastruktur.

Auf breiten innerstädtischen Alleen und über verkehrsreiche Kreisel und Verkehrsknotenpunkte erreichen wir dann auch die deutsche Botschaft, die wir schon vor unserer Reise mit der Bitte um ein Gespräch angeschrieben hatten. Die Fahrt über die oft recht steilen Straßenzüge im Botschaftsviertel, durch Verkehrssperrungen aus Sicherheitsgründen komplizierter als erst angenommen, wurde noch durch Schwierigkeiten mit unserem Wagen – wir fuhren diesmal als „Kundschafter“ alleine zur ange­gebenen Adresse – erschwert, der sich plötzlich aus welchen Gründen auch immer gegen das Schal­ten der unteren Gänge sperrte und nur noch im dritten Gang anzufahren war – ein unhaltbarer Zu­stand, der später spontan wieder verschwand. Bei der Botschaft konnte ich, während meine Beglei­tung draußen, z.T. im Botschaftsgebäude, z.T. auch zunächst nur davor auf der Straße, unruhig und gelangweilt warten mußte, nach einigem Hin und Her einen kompetenten Referenten sprechen; aus Termingründen mußte ich aber unsere Fragen ad hoc selbst stellen und die Antworten als Multiplika­tor meinen Mitreisenden später am Abend auf dem Campingplatz weitergeben.

Die Informationen, die im Einzelnen natürlich diskret zu behandeln waren, sind nun in die Ana­lyse der syrischen Situation in den vorliegenden Kapiteln eingearbeitet worden. Ich war erfreut und dankbar über die freundliche und offene Art, mit der uns von Seiten der Botschaft aufschlussreiche und interessante Aspekte der syrischen Situation und der deutsch-syrischen Beziehungen ausgebrei­tet worden sind. Das sollte, es sei hier am Rande gesagt, Anlass zu dem Hinweis sein, dass ich bei mehre­ren Reisen mit meinen Informationswünschen äußerst positive Aufnahme bei den deutschen Aus­landsvertretungen gefunden habe, so auch einige Jahre zuvor in den drei Maghreb-Staaten; viel­leicht ist der Grund auch darin zu suchen, dass sich hier einmal deutsche Besucher nicht mit der Bitte um Hilfe in Notfällen – ein wichtiger Arbeitsbereich der konsularischen Abteilungen – sondern aus Inter­esse an der politischen Arbeit und Urteilskompetenz der diplomatischen Vertretung die Bot­schaft auf­suchten.

Hier erfuhr ich auch, dass Professor Mahli wenige Tage zuvor in einen Vorort umgezogen war und telefonisch noch nicht zu erreichen war. Der Tipp, bei einem Freund von Professor Mahli im Goethe-Institut nachzufragen, blieb erfolglos und führte zunächst, nachdem wir unsere Suche nach einer Teilung der Kundschaftergruppe mit Taxen fortsetzten, zu einer zunächst frustrierend erfolglo­sen Suche des Instituts, das den Taxenfahrern unbekannt war. Als wir schließlich an der richtigen Adresse waren und dabei ein gut Teil des modernen Damaskus kennen gelernt hatten, zeigte es sich, dass Ruhetag war. Der einzige anzutreffende Mensch war eine Putzfrau, die uns nicht weiterhelfen konnte. Wir ersuchten es dann auf dem Campus der Universität Damaskus. Feiertag. Geschlossen. Der Pförtner konnte uns nicht weiterhelfen. So blieb zunächst der restliche Nachmittag für Bazar und Moschee frei, nachdem uns ein Taxifahrer in Verkennung unserer Zielwünsche bis in die Vorstädte hinaus chauffiert hatte und, von Passanten nach Rückfrage richtig zurück geleitet, am Zielort noch den vollen Fahrpreis von uns einforderte. Am nächsten Tag, wieder mit dem Taxi, setzen wir unsere Suche nach Professor Saleh Mahli auf dem Campus der Universität fort. Nach strengen Eingangs­kon­trollen begegnen wir viel Hilfsbereitschaft, bis wir das geographische Institut finden. Dort treffen wir auch einen hilfsbereiten Dozenten und Kollegen des Professors an, doch wie wir Professor Mahli jetzt erreichen können, nach dem Umzug, war auch mit mehreren Telefongesprächen nicht heraus zu bekommen. Seine eigene private Telefonnummer gab er uns in der Hoffnung, uns abends weiterhel­fen zu können. Doch das war wieder eine vergebliche Hoffnung, denn das Telefonnetz vom Cam­pingplatz aus, nicht mehr unter der Innenstadtnummer von Damaskus, war nicht intakt. Eine Verbin­dung kam nicht zustande. So blieb uns nur übrig, vor unserer Abreise aus Damaskus nach zwei Ta­gen Irrfahrten durch diese Stadt, den beiden Geographen brieflich zu danken und uns für unsere missglückten Versuche der Kontaktaufnahme zu entschuldigen.

[1]     D.H.K. Amiran: Effects of Climatic Change in an Arid Environment von Land-Use Patterns. Arid Zone Research XX. UNESCO, Paris, 1963, pp. 437-442. [äChanges of Climateô: Proceedings of the Rome Symposium, organ. by UNESCO and WMO, Rome, 2.-7. Oct. 1961] (gekürzt und in eigener Übersetzung aus dem Englischen)

 [2]     vgl. Oued-el-Abdi = "Sklavenfluss" im Saharaatlas in Ostalgerien

Inhalt

VIII. Syrien

1. Eindrücke und Einordnungen

2. Aleppo

3. Durch die Syrische Wüste

4. Damaskus

Omayyadenmoschee Damaskus

Impressum des Buches

Zu den übrigen Aufsätzen des Bandes:

I. Vorwort

II. Einleitung

III. Vorbereitungen

IV. Résumé

V. Der Aufbruch

VI. Türkei

VII. „Beim Hören die Finger in die Ohren gesteckt“

VIII. Syrien

IX. Jordanien

X. Ägypten

XI. Israel

XII. Verwendete Literatur

XIII. Anhang

1. Ein kurzes Reisetagebuch

2. Teilnehmerliste der Orientfahrt

Impressum des Buches:

Gerhard Voigt: Tradition oder Umbruch? Erlebnisse im Nahen Osten. Bericht über eine Studienreise in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, Ägypten und Israel im Sommer 1987 mit Schülern der Bismarckschule Han­nover im Rahmen der Arbeit einer UNESCO-Projekt-Schule. – Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. [An der Bismarckschule 5 D 30173 Hannover] / Gerhard Voigt. Mit Textbei­trägen von Dirk Fuhlbohm, Hartmut Grote, Hans A. Gütte, Udo Herges, Gerhard Stünkel und Alexander Schulze. – Hannover: UNESCO-Club, 1997. Druck der Erstauflage 1988: ISBN 3-930307-00-6

 

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Letzte Bearbeitung: 01.12.2011

 

 

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An der Bismarckschule 5. D 30173 Hannover
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Ab 2007 als Vorsitzender: Stefan Schulze-Brüggemann
Kontakte über die Schule an Herrn Schulze-Brüggemann - stefansb@web.de

Bearbeitungsstand: 05.12.2011