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politik unterricht aktuell, Heft 1/2002: 12-22

Prof. Dr. Dawud Gholamasad

Die Selbstmordattentate der Islamisten als Funktion der Destruktivität ihres Wir-Ideals[1]

Zum Islamismus als mobilisiertes Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen gegen die als Imperialismus erfahrene Globalisierung.

Meine Damen und Herren,

Ich bedanke mich für diese Einladung und begrüße ihr Interesse an einem seit dem 11. Septem­ber nicht mehr zu verdrängendem Problem, mit dem wir alle existentiell konfrontiert sind. Ich deute solche Zusammenkünfte als  Zeichen einer wachsenden Sensibilität für die zwischen­menschlichen und interkulturellen Probleme, die sich als Folge der zunehmenden Globalisierung der Interdependenzen der Menschen ergeben. Diese Globalisierung, die stets einhergeht mit so­zialen Auf- und Abstiegsprozessen von Menschen als Einzelne und Gruppen,  verschärft nicht nur die Spannungen und Konflikte der zwar nationalstaatlich organisierten, aber ethnisch oder konfessionell segmentierten Menschen als Etablierte und Außenseitergruppen; sie ermöglicht zugleich auch eine entsprechende Erweiterung der Bezugsrahmen der Selbsterfahrung der Men­schen und der damit einhergehenden Reichweite der Identifizierung von Mensch und Mensch jenseits der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit. Dies ist die unabdingbare Voraussetzung einer globalisierten Empathie, der Fähigkeit, sich in die Lage fremder Menschen zu versetzen, um sie mit ihren Ängsten und Nöten verstehen zu können. Die handlungssteuernden Zwänge anderer Menschen zu erklären und sie so zu verstehen, bedeutet jedoch nicht, sie zu entschuldigen.

In meinem Vortrag geht es um solch einen Erklärungsversuch, der die global vernetzt ope­rierenden militanten Islamisten und ihre Selbstmordattentate paradigmatisch untersucht. Dabei geht es mir nicht um die Gestaltähnlichkeit der Selbstmordattentate, sondern um ihre Funktions­ähnlichkeit,  sind doch die Motive der Selbstmordattentäter vielfältig. Dies zeigt sich schon, wenn man allein die unterschiedlichen individuellen Motive zweier gescheiterter palästinensi­scher Selbstmordattentäter vergleicht, die in den israelischen Gefängnissen interviewt wurden. Sie repräsentieren die zwei Pole eines Spektrums von Motivlagen der Selbstmörder, „egoisti­sche“ und „altruistische“. Während die eine bloß den Tod ihres Freundes zu rächen beabsich­tigte, wollte der andere an einem als heilig erklärten nationalen Befreiungskampf teilnehmen, wofür er sich als Märtyrer den Zugang zum Paradies versprochen hatte.[2] Dabei ist der erwartete Zugang zum Paradies nur die Kompensation für das erbrachte individuelle Opfer, für die Unter­werfung unter das national und religiös höchste Gebot, nicht aber der Zweck seiner Handlung.  Dies kam z.B. zum Ausdruck, als der altruistische Selbstmordattentäter vom israelischen Vertei­digungsminister gefragt wurde, warum er Selbstmord begehen wolle. Er lehnte dies entschieden als Unterstellung ab: „Das ist nicht korrekt. Ich wollte nicht Selbstmord begehen. Ich wollte einen Märtyrer-Tod sterben. Ich wollte die Auszeichnung erhalten. Ich verbrachte einen Monat in der Moschee. Ich habe dort gelernt, wie wichtig es ist ein Märtyrer zu sein. Es ist das erha­benste ZielEs ist sehr wichtig für die Palästinenser, sowohl national als auch religiös. Es ist das Größte und Heiligste, was man tun kann. Und dann man erhält alle Belohnungen im Para­dies“.[3]

Hier begegnet man der Wirkung der durch die Gruppenmeinung repräsentierten Kontrolle der Selbstregulierung der individuellen Mitglieder. Diese religiös geprägte Gruppenmeinung der Palästinenser über altruistischen Selbstmord wird hier hervorgehoben als national und religiös gefordertes und gefördertes individuelles Handlungsziel, woran sich der Selbstmordkandidat auszurichten verpflichtet fühlt. Die individuelle Selbstregulierung der Einzelnen wird also auch hier in der Bahn gehalten nicht nur durch befriedigende Teilhabe am höheren menschlichen Wert der Gruppe und die entsprechende Erhöhung der individuellen Selbstliebe und Selbstachtung, zu der die Anerkennung in der Gruppenmeinung das ihre tut, sondern auch zugleich durch die Zwänge, die sich jedes Mitglied der Gruppe  im Einklang mit den gemeinsamen Normen und Standards selbst auferlegt, bei Strafe des Verlusts der genanten Gratifikation.[4] Allerdings neigt hier die Balance zwischen den Selbst- und Fremdzwang entsprechend der Art und Grad der Indi­vidualisierung zugunsten des letzteren.

In der Tat ist wie in jedem zivilisationsbegründenden normativen Selbstbild der Menschen als Einzelne und Gesellschaften im Sinne eines gemeinsam kommunizierbaren Orientierungs- und Kontrollmittels, die Anwendung von Gewalt gegen sich selbst und andere Menschen auch im Islam untersagt. Selbstmord wird daher als Todsünde betrachtet. Allerdings gibt es auch in diesen Gesellschaften, genauso wie in allen anderen, eine heilige Pflicht zum altruistischen Selbstmord. Im Unterschied zum egoistischen Selbstmord, also Intihar, heißt diese individuelle Aufopferung für die Gemeinschaft Ishtihad. Sie ist in einem als heilig erklärten Krieg, Djihad, eines der höchsten Gebote, für dessen Erfüllung der direkte Zugang zum Paradies versprochen wird.  Hier unterscheiden sich die kulturell unterschiedlich geprägten Gesellschaften nicht in der Heroisierung des altruistischen Selbstmordes im Einsatz zur Verteidigung der Gemeinschaft, als Wir-Einheit, sondern nur in der Art ihrer Belohnung. Mit der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaften wird auch sie verweltlicht.

Mit dem exemplarischen Bezug auf die islamistischen Selbstmordattentäter, soll daher hier gezeigt werden, dass nichts irreführender wäre als die Zurückführung der Selbstmordattentate auf blinden Fanatismus - nicht einmal bei den Islamisten. Denn von religiöser Inbrunst führt kein direkter Weg in einen Supermarkt oder in das Cockpit einer Passagiermaschine. Um sich in eine Bombe zu verwandeln, braucht es mehr als den Glauben an ein paar heilige Verse. Auch selbst die Naherwartung eines Logenplatzes im Paradies, wo der „Märtyrer“ die Aufhebung der Prohi­bition genießen kann, bringt auch niemanden dazu, sich voller Begeisterung sogleich in die Luft zu sprengen.[5]  Sie töten sich und andere also nicht bloß für die Unsterblichkeit. Ihre heterodestruk­tive Autodestruktivität ist eine Verzweiflungstat[6] der Menschen, deren blanke Wut sich aus der Erfahrung der eigenen Machtschwäche ergibt, welche die Selbstmordattentäter als ungerecht empfinden. Aus diesem Grunde z.B. besteht – einem palästinensischen Intellektuellen zufolge – der gegenwärtige Kampf der Palästinenser vor allem darin, nicht Selbstmordattentäter zu werden. Das Erstaunliche sei nicht so sehr, dass es Selbstmordattentäter gibt, sondern eher ihre Seltenheit.[7] Und zwar angesichts der kollektiven und individuellen Erfahrungen der Palästinen­ser seit der zionistischen Besetzung ihres Landes und der u.a. damit einhergehenden sukzessiven gewaltsamen Enteignung ihrer nationalen Identität als ein Staatsvolk. Denn nichts empört Menschen mehr als die hautnahe Erfahrung dessen, was sie als Ungerechtigkeit empfin­den

Diese Gefühlslage entsteht, weil ein Zusammenhang zwischen der Machtrate von Gruppen und dem Wir-Bild und Wir-Ideal ihrer Mitglieder besteht. In diesem Zusammenhang wird mit der scheinbaren Freiheit der Selbstaufgabe im Selbstmordanschlag die Verwundbarkeit der Machtstärkeren bloß gestellt, die für sich ein besonderes Gruppencharisma beanspruchen, und damit ihre Unvollkommenheit demonstriert. Auf diese Weise wird die bestehende Selbstwertbe­ziehung zugunsten der machtschwächeren Gruppe verändert, mit der sich der Selbstmordatten­täter identifiziert. Aus diesem Grunde ist das Selbstmordattentat als altruistischer Selbstmord die scheinbar wirkungsvollste Angriffswaffe der Machtschwächeren. Dabei teilt der Selbstmordat­tentäter mit dem Heros die Zerstörungswut, mit dem Märtyrer die relative Machtschwäche, mit dem Terroristen die Rebellion gegen die eigene relative Machtschwäche. In seiner Person verei­nigen sich Courage mit Grausamkeit, Hass mit Selbstlosigkeit.[8] Doch es wäre trügerisch, die Selbstmordattentate als fremdgesteuert, also manipuliert erklären zu wollen. In dem Fall müsste man erklären, wer die Manipulatoren manipuliert hat. Es wäre aber auch irreführend, sie  indivi­dualpsychologisch begreifen zu wollen, obwohl in einer weitgehend individualisierten Gesell­schaft, in der wir leben, ein Selbstmordattentat als individueller Entschluss des Attentäters er­scheinen mag, einmalig autonom zu handeln. Dieser Annahme liegt aber die in den westlich-in­dustrialisierten Gesellschaften vorherrschende homo clausus Selbsterfahrung der weitgehend in­dividualisierten Menschen zugrunde. Diesem Menschen werden - als in sich geschlossene Ein­heit - zwar Instanzen der Selbstkontrolle zugebilligt, wie sie  in  Gruppenprozessen als „Ich“, „Über-Ich“ und „Ich-Ideal“ Gestalt gewinnen  und in einem vermeintlich autonomen „inneren“ am Werk sind. Andere Ebenen der individuellen Persönlichkeitsstruktur, die am engsten und di­rektesten mit den Gruppenprozessen verknüpft sind, an denen ein Mensch teil hat, liegen aber jenseits der homo clausus Selbsterfahrung. Dies sind vor allem die Funktionen des Wir-Bildes und Wir-Ideals.

Werden wir uns jedoch unserer scheinbar wir-losen Selbsterfahrung als für eine bestimmte Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft charakteristische Selbsterfahrung bewusst, so gehen wir von einem realitätsangemessenen Bild des offenen Menschen aus, dessen Ich-Wir-Balance sich mit zunehmender sozialer Differenzierung zugunsten der Ich-Identität verschiebt, ohne dass er  je seine Wir-Identität aufgeben  könnte. Sein Wir-Bild und Wir-Ideal sind aber ge­nauso ein Gemenge von gefühlsgeladenen Phantasien und realistischen Vorstellungen wie sein Ich-Bild und Ich-Ideal. Wie bei letzteren tritt ihre Eigenart auch am schärfsten hervor, wenn Phantasie und Realität in Widerspruch zueinander geraten; dann wird nämlich ihr imaginärer Gehalt akzentuiert. Während aber die affektiven Phantasien im Falle von Persönlichkeitsfunktio­nen wie Ich-Bild und Ich-Ideal rein individuelle Erfahrungen eines Gruppenprozesses verarbei­ten, hat man es im Falle von Wir-Bild und Wir-Ideal mit individuellen Versionen kollektiver Phantasien zu tun.[9] Die Selbstmordattentäter sind vor allem von diesen individuellen Versionen kollektiver Phantasien gesteuert.

Das eher Phantasie gesättigte Wir-Bild und Wir-Ideal der islamisch geprägten Selbstmord­attentäter ist daher ein schlagendes Beispiel für einen Effekt, der sich in höherem oder geringe­rem Maß regelmäßig bei Mitgliedern ehemals mächtiger Völker einstellt, die ihren Vorrang im Verhältnis zu anderen Völkern eingebüßt haben. Ihre Mitglieder haben jahrhundertelang unter dieser Situation gelitten, weil das gruppencharismatische Wir-Ideal, das ausgerichtet ist an einem idealisierten Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe, noch weiterlebt – als ein verpflichtendes Modell, dem sie nicht mehr gerecht zu werden vermögen. Der Glanz ihres kollektiven Lebens als islamisch geprägte Völker ist dahin, ihre Machtüberlegenheit, die für ihr Gefühl ein Zeichen ih­rer menschlichen Höherwertigkeit im Vergleich zu dem geringeren Wert anderer Gruppen gewe­sen war, unwiederbringlich verloren. Und doch wurde ihr Traum von einem besonderen Cha­risma auf vielfache Weise lebendig erhalten.

Zur Entstehung dieses verpflichtenden Modells und der gegenwärtigen Gefühlslage der Is­lamisten trägt vor allem ihre Erinnerung an zwar ungewöhnliche, aber doch in der Überlieferung idealisierte Errungenschaften der Muslime während der ersten sechs Jahrhunderte der islami­schen Herrschaft bei: Die islamisierten Gesellschaften waren in dieser Periode die relativ entwi­ckeltsten. Sie lieferten die höchstentwickelten wissenschaftlichen und technischen Errungen­schaften und schufen ungewöhnlich siegreiche Armeen. Die islamisch geprägten Menschen erin­nern sich gern an das Erfolgsmuster der Muslime, das ihnen selbstverständlich erscheint, verließ doch der Prophet Muhammad Mekka im Jahre 622 als Flüchtling, um acht Jahre später als Herr­scher zurückzukehren. Man erinnert sich daran, dass schon 715 die muslimischen Eroberer ein Imperium errichteten, das von Spanien im Westen bis Indien im Osten reichte. Aus diesem Grunde schien ihr Glaube für eine lange Zeit ein Distinktionsmittel, also Unterscheidungsmerk­mal ihres höheren sozialen Ranges gegenüber anderen Gruppen zu sein. So bedeutete ein Mus­lim zu sein, zugleich Angehöriger einer siegreichen und dominanten Gemeinschaft von Men­schen zu sein, die sich durch ihr Zivilisationsmuster von anderen abhob. Es ist also kein Wunder, dass heutzutage manche Muslime nachträglich eine Korrelation zwischen ihrem Glauben und ih­rem sozialen Aufstieg als Hegemonialmacht herstellen und sich daher als charismatische Gruppe im Sinne einer von Gott bevorzugten Gemeinschaft begreifen.

Ihre Jahrhunderte lange kollektive Trauer ist Folge der Erfahrung des sozialen Abstiegs der islamischen Welt seit dem 13. Jh., ohne dass Muslime sich dessen bis zum 18. Jh. bewusst wur­den. Während man sich nämlich im Westen auf neue Entdeckungen begab, versank die islami­sche Welt in dieser Zeitperiode in einer Art selbstgefälligen Ignoranz. Dies wird ausgedrückt z. B. durch den berühmten muslimischen Intellektuellen, Ibn Khaldun, der um 1400 über Europa schreibt, „ich höre, dass sich einiges im Lande der Römer entwickelt, aber nur Gott weiß, was dort passiert.“ Diese Ahnungslosigkeit machte die Muslime verwundbar, als sie nicht mehr igno­rieren konnten, was in Europa inzwischen passiert war, nämlich ein Anstieg der Machtchancen, der sich aus der Entwicklung der Triade der Grundkontrollen ergab: der Naturkontrolle in Gestalt der technologischen Entwicklung, der sozialen Kontrolle in Gestalt der Nationalstaatsbildung und der Trieb- und Affektkontrolle in Gestalt der zunehmenden Zivilisierung  des Verhaltens und Erlebens der Menschen in Europa. Es war also die fortschreitende, gerichtete Entwicklung dieser Triade der Grundkontrollen, die den Muslimen entging; eine Entwicklung, die sich aus jahrhundertelangen, ungeplanten Verflechtungsprozessen zielgerichteter Wünsche, Pläne und Handlungen von Millionen von Menschen unterschiedlicher ethnischer und konfessioneller Her­kunft in einer langen Generationenkette der Menschheit ergab und schließlich zur Verlagerung der Machtbalance zwischen den islamisch und den christlich geprägten Gesellschaften und damit zu ihrem sozialen Auf- bzw. Abstieg führte.

Der dramatischste Wendepunkt der Machtbalance zu Ungunsten der Muslime kam im Juli 1798 zu ihrem Bewusstsein, als Napoleon Bonaparte in Ägypten landete und so das Zentrum der muslimischen Welt mit erstaunlicher Leichtigkeit eroberte. Andere Angriffe folgten über die nächsten Jahrhunderte. Nach der zionistischen Besetzung Palästinas und den demütigenden Nie­derlagen der arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg, scheint der wohl tragischste dieser An­griffe für Muslime wie Bin Laden die US-amerikanische Präsenz in Saudi-Arabien seit der iraki­schen Invasion Kuwaits zu sein: „Die größte Katastrophe, welche die Muslime seit dem Tod des Propheten gelitten haben, ist die Besetzung des Heiligen Landes von Ka’ba und die Qible durch die Christen und ihre Verbündeten“[10] verkündete Bin Laden bereits im August 1996. Zur Bekäm­pfung dieser „Besetzung des Bodens der heiligen Stätten“[11] fühlen sich die Islamisten des­wegen verpflichtet, weil sie ihrer Wehrhaftigkeit und damit ihrer Ehre gerecht werden müs­sen: „Unser Terrorismus gegen Sie, die unser Land bewaffnet besetzt halten, ist unsere Pflicht. Sie sind wie eine Riesenschlange, die in unser Haus eingedrungen ist, die man töten muss“. Im Bezug auf den Saudi-Arabischen Herrscher fährt er fort: „Er, der Ihnen erlaubt, bewaffnet in sei­nem Land herum zu gehen, obwohl Sie Friede und Sicherheit genießen, ist ein Feigling...“[12]

Aus diesem Unvermögen des saudischen Herrschers, das staatliche Gewaltmonopol zu be­haupten, das zugleich zu seiner Legitimationskrise führt, leiten also Islamisten wie Osama Bin Laden die Legitimation ihres Kampfes nicht nur gegen die USA ab, sondern auch zugleich gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft im eigenen Land.[13] Doch das Versagen der Staaten in islamisch geprägten Gesellschaften ist u.a. Ausdruck ihrer relativen Machtschwäche gegenüber den entwickelteren Staatsgesellschaften.

Die Frustration der Muslime, die jeder Zeit  in Aggression umschlagen kann,  ist angesichts dieser Macht- und Statusverhältnisse zu ihren Ungunsten enorm. Dieses um sich greifende uner­trägliche  Gefühl der Demütigung wird z. B. ausgedrückt durch den Imam einer Moschee in Je­rusalem, wenn er hervorhebt: „Früher waren wir die Herren der Welt und jetzt sind wir nicht einmal Herr unserer eigenen Moschee.“[14]

Für die Wiederherstellung dieser erinnerten hegemonialen Machtposition der Muslime sind die Islamisten zu jedem Opfer bereit, weil das gruppencharismatische Wir-Ideal, das an einem idealisierten Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe ausgerichtet ist, für sie als verpflichtendes Modell weiterlebt. Ihr als heilig erklärter Krieg, den sie mit dem  Einsatz ihres eigenen Lebens führen, ist daher die radikalste Form der Erfüllung dieser Verpflichtung: „Man kann nicht die anderen bitten, uns zu befreien. Wir haben zur Zeit nicht genügend Leute zu unserer Unterstüt­zung. Das ist der Grund,  warum wir damit enden, uns vor Panzer zu werfen.“[15]- so ein palästinensi­scher Selbstmordkandidat.

In diesem Sinne möchte ich daher die Selbstmordattentate als Funktion der Destruktivität des Wir-Ideals der sozial abgestiegenen islamisch geprägten Menschen angesichts der relativ ge­ringen Ressourcen dieser Gesellschaften im Verhältnis zu dem angestrebten Ideal diskutieren. Deren konjunkturelle Entstehung ist jedoch Folge eines Globalisierungsschubes.

1. Zur Globalisierung als Entstehungs- und Wirkungszusammenhang einer globalen Bezie­hungsfalle von kulturell unterschiedlich geprägten Menschen als Etablierte und Außenseiter.

Diese These ist jedoch nicht nachvollziehbar, solange man einen der zentralen Aspekte der zu­nehmenden Globalisierung der gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen vernachlässigt, den ich als Entstehungs- und Wirkungszusammenhang einer Beziehungsfalle von kulturell unter­schiedlich geprägten Menschen als Etablierte und Außenseiter in ihrem sozialen Auf- und Ab­stiegsprozess bezeichne. Und zwar jene Beziehungsfalle, die durch die Globalisierung der be­ruflichen und staatlichen Bindungen der Menschen entsteht, ohne dass sie sich als globaler In­tegrationsprozess der Erfahrung der Menschen aufdrängt. Es ist der Nachhinkeffekt dieser Transformation der Wahrnehmung hinter der sozialen Transformation, der sich als Wunsch- und Furchtbilder der sich gegenseitig ausschließenden sozialen Gruppen manifestiert, die real ablaufende, langfristige und ungeplante globale Integrationsprozesse selektiv als Chance bzw. als Gefahr erleben.

Dessen ungeachtet wird diese stillschweigende Verringerung der Distanz, diese zuneh­mende Integrierung der in mehr als 191 Staaten aufgespalteten Menschheit zunehmend wir­kungsmächtig als gesellschaftliche Einheit und als Bezugsrahmen vieler Entwicklungsvorgänge und Strukturwandlungen.[16]

Mit dieser Verdichtung des Netzwerkes der Interdependenzen zwischen den in Staaten or­ganisierten 6,1 Milliarden Menschen, sind diese Staaten als mehr oder weniger feste Verbände in höherem oder geringerem Maße voneinander abhängig geworden - sei es in ökonomischer Hin­sicht, sei es durch einseitige oder gegenseitige Gewaltandrohung oder je nachdem auch durch sehr direkten Gewaltgebrauch, sei es durch Ausbreitung von Selbstregulierungs- und anderen Verhaltens- und Empfindensmustern von bestimmten Zentren her, sei es durch Übernahme von Sprach- und sonstigen kulturellen Modellen und in vielerlei anderer Hinsicht.

Diese zunehmende Integrierung der Menschheit bedeutet aber nicht nur eine steigende hori­zontale soziale Mobilität der Menschen auch über die Grenzen des eigenen Staates hinaus, die sich etwa in Tourismus und Migration als Massenerscheinungen und damit in einer Vergröße­rung der Chancen der Individualisierung äußert. Sie manifestiert sich zugleich als eine steigende vertikale soziale Mobilität und somit als eine funktionale Demokratisierung inner- und zwi­schenstaatlicher Beziehungen, die als sozialer Auf- bzw. Abstiegsprozess erfahren wird.

Diese zunehmende gegenseitige Angewiesenheit und Abhängigkeit der staatlich organisier­ten Menschen drückt sich daher nicht zuletzt in Manifestationen der Eskalation ihrer nicht mehr übersehbaren existentiellen Ängste voreinander aus. Sie fühlen sich zunehmend in ihrer physi­schen und sozialen Existenz gegenseitig als Etablierte und Außenseitergruppen bedroht. Folglich prägen sie sich in ihren emotionalen Verstrickungen gegenseitig durch eine globalisierte Kultur des Misstrauens und tragen so zu einem Teufelskreis der gegenseitigen Bedrohung bei.

Daher fühlen die europäischen und amerikanischen Bürger und ihre Regierungen sich seit dem Niedergang der Sowjetunion - der einherging mit dem Zerfall der bipolaren Hauptspan­nungsachse zwischenstaatlicher Beziehungen und der Entstehung ihrer Multipolarität - zuneh­mend von den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und deren islamisch geprägten Bürgern bedroht. Es ist dieses angstgesättigte Erlebensmuster der Etablierten dieser Welt, das sich nicht nur in solchen phantasiegeladenen Abwehrreaktionen  wie der  theoretischen Konstruktion eines „Clash of Civilizations“[17] manifestiert. Dieser prophezeite  „Kampf der Kulturen“ schreibt als Aus­druck ihrer Gefühlserfahrung und Phantasie den „Kulturen“ Eigentümlichkeiten einer Person oder einer Sache zu, die scheinbar von sich aus als kausale Triebkraft zu wirken vermag, fast un­abhängig von den Menschengruppen, die derart miteinander verkehren. So wird nicht nur ver­drängt, dass es sich um eine mögliche Eskalation der bestehenden Spannungen und Konflikte der kulturell unterschiedlich geprägten  Menschengruppen handeln könnte, die mit extrem unglei­chen  Macht– und Statuschancen ausgestattet sind. Mit der Hervorhebung der Zivilisationsdiffe­rentiale als Exklusions- und Inklusionskriterien, wird zugleich ein Weltbild  entlang der Kon­fliktlinie zwischen „the West and the Rest“ konstruiert, das - mit dem Islam als Hauptfeind - die Renaissance eines Zivilisations- und Kulturbegriffes Vorschub leistet, der von Kolonialmächten als gruppencharismatischer Kampfbegriff gegen jene machtschwächeren Völker geprägt wurde, die damit als „unzivilisiert“ und „barbarisch“ stigmatisiert wurden.

In solchen Stigmatisierungen zeigt sich eine gruppencharismatische Angstreaktion der Etablierten, die auf einer Wahrung der Machtunterschiede und ihrer eigenen Überlegenheit be­harren oder noch zu deren Erhöhung hin drängen, gegen die Herausforderung der Außenseiter­gruppen, die sich mit stillem Druck oder offener Tat um einen sozialen Aufstieg bemühen und somit auf eine Verringerung der Machtdifferenziale hin drängen. Diese Angstreaktion manife­stiert sich nicht zuletzt in den Äußerungen der amerikanischen und europäischen Staatsober­häupter wie Silvio Berlusconi, der nicht zuletzt und in der Hitze des Gefechts gemeinsame Glau­bensaxiome und Werthaltungen der Etablierten dieser Welt artikulierte: „Wir sollten uns der Überlegenheit unserer Zivilisation bewusst sein, die in einem Wertesystem besteht, das den Menschen breiten Wohlstand in den Ländern beschert hat, die es achten, und das den Respekt der Menschenrechte und Religion garantiert.“(...) Mit dieser Selbsterhöhung hebt er  zugleich eine selbstverständliche Mission der machtstärkeren Staatsgesellschaften hervor, die man als Glaube an die zivilisierende Mission europäischer Völker längst für überwunden hielt: “Das Abendland ist dazu bestimmt, die Völker zu erobern und zu verwestlichen.“[18]

Hier wird nicht nur deutlich, dass kollektive Lob- und Schimpfphantasien auf allen Ebenen von Machtbalance-Beziehungen eine unübersehbare, zentrale Rolle für gesellschaftliche Praxis spielen, deren Entwicklung Funktion der Entwicklung der betreffenden Gruppen ist. Es lässt sich auch hier wie immer beobachten, dass Mitglieder von Gruppen, die im Hinblick auf ihre Macht anderen, interdependenten Gruppen überlegen sind, von sich glauben, sie seien im Hinblick auf ihre menschliche Qualität besser als die anderen. Dabei sehen sie sich ausgestattet mit einem Gruppencharisma, einem spezifischen Wert, an dem ihre sämtlichen Mitglieder teilhaben und der anderen abgeht. Und mehr noch: Als Funktion der unüberwindbaren Machtdifferenziale, können immer wieder die Machtstärkeren die Machtschwächeren selbst zu der Überzeugung bringen, dass ihnen die Begnadung fehle - dass sie schimpfliche, minderwertige Menschen seien.[19] Sie wun­dern sich bloß, dass die Machtschwächeren sich rächen und zu einer gewaltigen Gegenstig­matisierung ausholen, sobald sich die Machtbalance zu ihren Gunsten verschiebt und sie sich dieses relativen Machtzuwachses bewusst werden.

Der Charakter solcher erniedrigenden und stigmatisierenden Statusideologie der Etablierten als Angriff- und Verteidigungswaffe gegen die als bedrohlich empfundenen Außenseiter­gruppen manifestiert sich u.a. exemplarisch in einem Beitrag eines der Falken unter den amerikanischen Nah-Ost Experten über Saudi Arabien unter dem Titel „nicht Freund oder Feind“, dessen Kultur er als „notorisch rückständig, engstirnig und barbarisch“ angreift. Mit dieser Erniedrigung attackiert er einen der mutmaßlichen künftigen Herausforderer der USA, dessen Anspruch er als eine Anmaßung empfindet: „Trotz dieser Nachteile betrachten die Herrscher des Königreichs sich als Anführer von mehr als einer Milliarde Muslimen weltweit und als Vorhut einer Bewegung, die letztendlich die als korrupt und verdammt ab­gelehnte westliche Zivilisation besiegen und ersetzen will. Diese übermäßige Ambition lei­tet der saudische Staat aus seiner Funktion als ‘Protektor der zwei heiligen Stätten’, der Städte Mekka und Medina ab“ [20]

Wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Stigmatisierungen dem engsten und bisweilen treuesten Verbündeten der USA gelten, kann man das Gefühl der Bedrohung durch hege­moniale Herausforderung erfassen, aus dem heraus solche emotionalen Reaktionsmuster entstehen, die entsprechende Gegenreaktionen hervorrufen. Dieses Erfahrungsmuster mani­festiert sich in seiner Angst gesättigten Prognose, welche die Erfahrungswelt der Etablierten annährend kennzeichnet: „Wie dominant auch die USA heute sein mögen, es gibt eine An­zahl von Möchtegern-Nachfolgern, und Saudi Arabien ist nicht weniger ambitioniert als die anderen.“[21]

Es muss einsichtig sein, dass mit einer solchen erniedrigenden und stigmatisierenden Status­ideologie, die als Angriffs- und Verteidigungswaffe der Etablierten ihre eigene Überlegenheit betont und rechtfertigt und die Bürger der machtschwächeren Staaten als minderwertige Men­schen abstempelt, permanent eine globale Beziehungsfalle zwischen Etablierten und Außensei­tern reproduziert wird. Entstanden aus einer empfundenen Bedrohung, ist diese „Ideologie“ - als System von Einstellungen und Glaubensaxiomen - aufgebaut um bestimmte stereotype Themen. Sie wird aber verbreitet und aufrechterhalten durch einen unaufhörlichen Strom von journali­stisch zubereiteten Informationen mittels eines globalisierten Netzes von Massenkommunikati­onsmitteln, das einerseits dazu neigt, selektiv alle Ereignisse innerhalb und außerhalb der macht­stärkeren Staaten aufzugreifen, die zu deren Erhöhung beitragen, sowie andererseits alle Ereig­nisse innerhalb und außerhalb der weniger entwickelten Gesellschaften, die das Negativbild der aufstiegsorientierten machtschwächeren Menschen verstärken. Diese zur Selbstverständlichkeit verfestigte Statusideologie, die den Stammtisch-Gesprächen den nötigen Stoff liefert, verstellt schließlich den Blick für alle Ereignisse, die ihr irgend hätten widersprechen können.

Diese Statusideologie der Etablierten, samt der entsprechenden Gefühlslage, kommt nicht minder in der Erklärung der 58 führenden amerikanischen Intellektuellen zum Ausdruck, die im Namen von fünf fundamentalen Wahrheiten“ den amerikanischen Krieg gegen den „Terroris­mus“ zu legitimieren versuchen. Sie heben hervor: "Manchmal wird es notwendig für eine Na­tion, sich selbst mit Waffengewalt zu verteidigen“. Dabei bekräftigen Sie ihre „fünf fundamen­talen Wahrheiten“ und stellen fest: Wir kämpfen, um uns selbst und diese allgemeingültigen Prinzipien zu verteidigen“. Dennkonsequenterweise richtet sich (der) Hass  (der Islamisten) nicht allein gegen das, was unsere Regierung tut, sondern gegen das, was wir sind - gegen un­sere Existenz.“  So definieren sie ihre Existenz durch die Werte, die sie vertreten, in dem sie fra­gen: „Wer also sind wir? Was sind unsere Werte?[22]

Mit einem Selbstbegriff im Sinne der demonstrativen Hervorhebung der als eigen erklärten „grundlegenden Werte, die unsere (amerikanische) Lebensweise definieren“ und die „für die Menschen überall auf der Welt“ attraktiv seien, wird also die Notwendigkeit eines Verteidi­gungskrieges behauptet, in dem nicht nur das Leben der als Feinde definierten Menschen ge­opfert werden darf, sondern auch das der Eigenen.[23]

Allein, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die islamisch geprägten Gesellschaften sich schon praktisch seit Jahrhunderten in solch einer bedrohlichen Lage befinden, wie sie die amerikani­schen Intellektuellen für die Legitimierung ihres „Verteidigungskrieges“ hervorheben, begreift man die Funktion der angstgesättigten  „Verschwörungstheorien“[24] der Islamisten als Abwehrrekti­onen der machtschwächeren und als minderwertig stigmatisierten Menschen. In der Tat ist die „Dämonisierung der Außenwelt und die Zurückführung allen Übels auf ihre Machen­schaften“[25]  im Sinne eines voluntaristischen Entwicklungsbegriffs Folge der Erfahrung extremer Machtdifferentiale und des sich daraus ergebenden permanenten Gefühls, extrem fremdbestimmt zu sein. Eine solche Erfahrung der Fremdsteuerung verselbständigt und verfestigt sich als Kultur im Sinne der „zweiten Natur“ der Menschen durch die soziale Vererbung und praktische Wie­derholung dieser Erfahrung über langen Generationenketten.

Diese machtschwächeren Menschen werden sich mit zunehmender funktionaler Demokrati­sierung im Sinne der Verlagerung der Machtbalance zu ihren Gunsten als Folge der zunehmen­den Globalisierung der gesellschaftlichen Funktionsteilung und Multipolarität zwischenstaatli­cher Beziehungen ihres relativen Machtzuwachses bewusst, ohne dass sie damit gleichzeitig in der Lage wären, ihren verschwörungstheoretischen bzw. voluntaristischen Entwicklungsbegriff aufzugeben. Aus dieser Erfahrung heraus, holen sie zu einer Gegenstigmatisierung der Mach­stärkeren als „korrupt und verdammt“ aus[26], während ihre militanten Teilformationen diese prak­tisch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln herausfordern. Es sind jedoch die ab­solut unüberwindbar großen Machtdifferenziale zu ihren Ungunsten, die das Selbstmordattentat zu ihrer scheinbar wirkungsvollsten Angriffswaffe gegen eine als Imperialismus erfahrene Glo­balisierung machen. Dies wird verständlich, wenn man sich die Sozio- und Psychogenese des militanten Islamismus als globale Herausforderung vergegenwärtigt.

2. Der Islamismus als nativistisch orientierte chiliastische Erhebungen der islamisch gepräg­ten Menschen

Untersucht man inhaltlich die Glaubensaxiome und Werthaltungen der Islamisten, erweisen sich die islamistischen Bewegungen als nativistisch[27] orientierte chiliastische Erhebungen. Sie entstan­den als Umschlag des chiliastischen Quietismus der islamisch geprägten Menschen in ih­ren chiliastischen Aktivismus[28]: Begreifen wir den als „Prinzip Hoffnung“ bekannten Chiliasmus im Sinne der kollektiven Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung paradiesischer Glückszustände auf Erden[29], wie sie sich religiös im Glauben an ein Reich der Gerechtigkeit nach der Wieder­kehr des Erlösers ausdrückt. Und verstehen wir unter Quietismus eine Orientierung der Men­schen auf eine Verschmelzung mit Gott durch wunsch- und willenloses Sichergeben in seinen Willen, wie sie sich in ihrer apokalyptischen Weltabgeschiedenheit und völliger Ruhe des Ge­müts manifestiert. Dann sind islamistische Bewegungen Ausdruck des Umschlags einer kollekti­ven Aufbruchsbereitschaft der islamisch geprägten Menschen für Herstellung paradiesischer Glückszustände bzw. Gerechtigkeit auf Erden in einen kollektiven Aufbruch von nativistisch ori­entierten Menschen, d.h. von  Menschen,  die mit einem neuen Schema von Selbstwerten, nicht nur ihren eigenen Selbstwert als Gruppe demonstrativ hervorheben.  Als nativistische Bewegung ist der Islamismus zugleich eine der aktiven Durchsetzungsformen eines neu empfundenen eige­nen Wertes für sich und für andere in Gestalt der Durchsetzung eines neuen Schemas der Ver­teilung der konstitutiven Bestandteile der Selbstachtung, also der Verteilung der Symbole der Überlegenheit, an denen nicht nur das Selbstwertgefühl der aufstiegsorientierten, islamisch ge­prägten Menschen haftet.[30]

Dies wird nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kraft der lebensstei­gernden Funktion des Selbstwertgefühls sich gegenwärtig unter anderem in der Universalität der Neigung zeigt, den Wert der eigenen Gruppe auf Kosten des Wertes anderer zu erhöhen.[31] Der eigene Selbstwert, sowohl in den eigenen Augen als auch in den Augen anderer sozialer Forma­tionen, bestimmt sich daher durch das Ergebnis der Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe zwischen verschiedenen Menschengruppen um die Verteilung der Macht- und Statusquellen. Folglich ergibt sich die zwingende Kraft der Selbst- und Fremdwertbeziehungenim Sinne einer Beziehungsfalle - nicht zuletzt aus der Furcht der Menschen voreinander, vor der physischen Vernichtung, Versklavung, Ausbeutung, Abhängigkeit etc und nicht zuletzt vor Vernichtung der Sinngebung. Die Angst vor einem drohenden Sinnverlust ruft dann schließlich nicht selten Ge­fühle extremer Feindseligkeit hervor, derart, dass die Gläubigen bereit sind, die als Gegner em­pfundenen Anders-Gläubigen zu vernichten, um ihr eigenes Glaubenssystem und ihre Tradition bzw. ihre Höherwertigkeit zu garantieren.

Diese Deutung wird einem nahegelegt, wenn man diesen Menschen aufmerksam zuhört und ihr Anliegen ernst nimmt. Nur so kann man sie, samt ihres Leidensdrucks, verstehen. Denn wo Leiden ist, ist auch Leidenschaft. Es ist ihr unerträglicher Leidensdruck, der diese nativistisch orientierten chiliastischen Aktivisten dazu treibt, für die Herstellung neuer Selbstwertbeziehun­gen im Sinne der Umkehrung der bestehenden Macht- und Statusordnung, sogar sich selbst  in­dividuell zu opfern. Die Notwendigkeit dieser autodestruktiven Tendenzen wird z. B. durch Aya­tollah Chomeini hervorgehoben, der bereits in den sechziger Jahren seine berühmte Formel prägte, der Islam sei ein Baum, der nur wachsen könne, wenn er durch das Blut der Jugend ge­nährt werde. Zu lange schon hätten die Muslime den Tod gefürchtet, und um ihn zu entgehen, einen hohen Preis bezahlt – das unwürdige Leben in einer Tyrannei.[32]

Mit der Ablehnung der passiven Geisteshaltung der Quietisten, die besonders durch das Streben nach einer gottergebenen Frömmigkeit und Ruhe des Gemüts gekennzeichnet ist, unter­scheiden sich die chiliastischen Aktivisten also dadurch, dass sie nicht mehr auf den Erlöser warten können. Der Höhepunkt dieser Selbsterlösung ist ihr Selbstmordattentat, das man als Um­schlag der kollektiven Trauer der islamisch geprägten, aufstiegsorientierten Menschen in ihren Hegemonialrausch interpretieren kann.

In dieser affektiven Enthemmung manifestiert sich der Umschlag der Bereitschaft zum Aufbruch in praktischen Aufbruch zur Herstellung der Gerechtigkeit, als Folge des Wandels der vom Ver­langen nach Achtung und Selbstachtung dominierten Bedürfnisstruktur der siegesgewissen chili­astischen Aktivisten. Dieser Strukturwandel des Bedürfnisses ist nicht nur das Ergebnis der rela­tiv zunehmenden Befriedigung ihrer ökonomischen Bedürfnisse, welche die nicht-ökonomischen Bedürfnisse in den Vordergrund drängt und so zunächst die wohlhabenderen Schichten zur Kerngruppe der islamisch geprägten Selbstmordattentäter werden lässt. Diese Verschiebung der Valenzfiguration der Außenseiter ist auch Folge einer Verschiebung der Machtbalance zugun­sten der machtschwächeren Menschen auf unterschiedlichen Integrationsebenen, im Sinne einer funktionalen Demokratisierung und zwar als Folge der Modernisierung. Ihre affektive Enthem­mung dokumentiert aber zugleich einen Ent-Zivilisierungsschub ihres Verhaltens und Empfin­dens als Bumerangeffekt einer permanent erfahrenen unerträglichen Demütigung durch die Etablierten dieser Welt, die sie als eine Kriegserklärung der machtstärkeren Staatsgesellschaften auf allen, ökonomischen, politischen, kulturellen und militärischen Ebenen begreifen.

Es ist die Jahrhunderte lange unerträgliche Erfahrung der praktischen Reproduktion hege­monialer Positionen der globalen Kerngruppen der Macht als Imperialismus, die den Islamismus als Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen mobilisiert und dessen Anhänger bis zum Äußersten treibt. Ihre militanten Angriffe sind aber Funktion der Erfahrung der funktionalen Demokratisierung als Folge der zunehmenden Globalisierung. Sie sind daher auf eine Überwin­dung der als ungerecht und entwürdigend empfundenen Macht- und Statusverhältnissen gerich­tet, die sie traumatisierten.

Diese traumatische Erfahrung, die unmittelbar Angst, Schrecken und völlige Hilflosigkeit auslöst, führte zunächst zu einem Zusammenbruch der zentralen Ich- und Wir-Funktionen und schließlich zu einer basalen Erschütterung des psychischen Apparates dieser Menschen, die nun vom Bemühen bestimmt werden, diese traumatische Situation nachträglich zu bewältigen.[33] Die­ser Restitutionsversuch der islamisch geprägten Menschen ist nachvollziehbar, wenn man be­rücksichtigt, dass die traumatische Erkenntnis des Machtverlusts ihrer Staaten als hauptsächliche Brennpunkte, auf die sich ihre Zwillingswünsche nach einer Identität und nach einem Wert, bzw. einer Zugehörigkeit und einem Sinn über die eigene Lebensspanne hinaus richten, mit einer Identitäts- und Sinnkrise einher geht. Dieser Wiederherstellungsversuch[] ist daher verantwort­lich für ihre typischen posttraumatischen Symptome, die im Kern in einer zwanghaften Wieder­holung des traumatischen Geschehens z.B. in Tagträumen oder in unwillkürlichen historischen Flashbacks und zuweilen in einer weitgehenden Interessenverarmung der Einzelnen im Sinne ih­rer libidinösen Entbindung von ihrer als unerträglich empfundenen realen Existenz bestehen. Der Selbstmordkandidat ist die Verkörperung dieser posttraumatischen Symptome, der mit seiner li­bidinösen Entbindung den militantesten Islamisten hervorbringt.

Doch der Versuch, den Schock dieser traumatischen Erkenntnis des Machtverlusts ihrer Staaten um jeden Preis zu vermeiden, und der heftige Wunsch, den Entwicklungsprozess umzu­kehren, der die islamisch geprägten Gesellschaften in so einen niedrigen Rang  stürzte, fällt mit den Selbstmordattentaten so extrem aus, weil die faktischen Ressourcen dieser Gesellschaften im Vergleich zu dem Ideal, zu dem Traumreich, für dessen Wiederherstellung sie von den Isla­misten eingesetzt werden, sehr gering sind.

In diesem Sinne bestätigen die Selbstmordattentate nur die Regel, dass je schwächer, je unsiche­rer und verzweifelter die Menschen auf ihrem sozialen Abstiegsweg werden, je schärfer sie zu spüren bekommen, dass sie um ihren erinnerten Vorrang mit dem Rücken zur Wand kämpfen, desto roher ihr Verhalten, desto akuter die Gefahr ist, dass sie die zivilisierten Verhaltensstan­dards, auf die sie stolz sind, selbst missachten und zerstören.[34]

Hannover, Juli 2002

 


 


[1]    Beitrag zum „aktuellen Colloquium zur politischen Bildung“: Tod, Hass und Ehre – Zur gesellschaftlichen Funk­tion mörderischer Selbstkonzepte. - Veranstaltet von DAT in Kooperation mit dem Institut für Soziologie der Uni. Hannover, Hannover , 30. bis 31. Juli 2002 in Hannover

[2]    A near-death experience; in: Ha’aretz, English Edition, vom 28.07.02, http://www.haaretzdaily.com

[3]    ibid.

[4]    Verl. Elias, N. / John L. Scotsen: ,,Etablierte und Außenseiter, Frankfurt am Main, 1990, S. 42

[5]    Vergl. Sofsky, Wolfgang. “Die den Tod nicht achten – Selbstmordattentäter: Sie sterben im Moment der Tat und zeigen, dass jede Macht verletzlich ist” , in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13.4.02

[6]    „Ich glaube, es ist eine Verzweiflungstat und eine sehr ernste Stufe eines scheinbar fortwährenden Konfliktes“ (Dr. Sarraje, Eyad: Understanding Palestinian Terror; in: Mid-East Realities (MER), www.middleeast.org ). So der Versuch eines palästinensischer Intellektuellen, die Selbstmordattentate seiner Landsleute verständlich zu machen.

[7]    ibid

[8]    Vergl. Sofsky, Wolfgang, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 13.4.02.

[9]    Vergl. Elias, Norbert: Etablierte und Außenseiter, a.a.O. S. 43 ff.

[10]   Extracts from the letters allegedly written by Osama bin Laden, in: The Guardian, Thursday 18 October 2001, P. 10.

[11]   Vergl. CNN.com – Bin Laden, millionaire with a dangerous grudge- - September 13, 2001-11-12.

[12]   Extracts from the letters allegedly written by Osama bin Laden, in The Guardian, Thursday 18 October 2001, P. 10.

[13]   In diesem Sinne sollte der affektiv positiv besetzte Begriff der Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs)  erwei­tert werden, um solche terroristischen Organisationen als eine der Formen der Herstellung und des Be­triebes allgemeiner Reproduktionsbedingungen einer verstaatlichten Gesellschaft zu begreifen, die  sonst Auf­gaben und Legitimationsgrundlage des Staates wären.

[14]   Daniel Pipes: Islam and Islamism – Faith and Ideology, in The National Interest, Spring 2000, 
<dplist-admin@danielpipes.org>

[15]  The Christian Science Monitor, 14. August 2001 – http://www.csmonitor.com/2001/0814/p1s4-wome.html

[16]  Diese umfassendere und festere Gesamtintegration der Menschheit im Sinne der zunehmenden Ersetzung der Staaten durch einen Staatenverband der Menschheit als maßgebliche gesellschaftliche Einheit ist Folge:

o      der Verkleinerung der Entfernung zwischen vielen Staaten und Staatengruppen als Funktion der sozialen Entwicklung, die zu der des Kraftwagens und des Flugverkehrs drängte,

o      der Verdichtung des Kommunikationsnetzwerkes als Folge der Entwicklung der Massenkommunikations­mittel, und

o      der Ausweitung des globalen Touristen-, Güter- und Kapitalverkehrs,

o      kurz: der schnellen Verdichtung des Netzwerkes der Interdependenzen zwischen den Staaten der Welt im Laufe des 20. Jhs.  (Norbert Elias: Die Gesellschaft der Individuen, Frankfurt am Main, 1987, S. 219 ff).

[17]   Samuel P. Huntington: The clash of civilizations and the remaking of World order,  New York 1996

[18]   Hannoversche Allgemeine Zeitung, 27.9.01

[19]   Norbert Elias, John L. Scotson:  Etablierte und Außenseiter, Frankfurt am Main. 1990, S. 8

[20]   Daniel Pipes: Not friend or Foe, in New York Post, May 14, 2002

[21]   ibid.

[22]   Siehe:http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2002/02/11/ak-mn-667856.html, und http://www.propositionsonline.com/html/fighting_for.html.

[23]  Denn „in der Konsequenz richtet sich ihr Hass nicht allein gegen das, was unsere Regierung tut, sondern ge­gen das, was wir sind - gegen unsere Existenz.“ (...) „Wer also sind wir? Was sind unsere Werte? Für viele Menschen, viele Amerikaner, einen Gutteil der Unterzeichner eingeschlossen, sind einige Werte, die in Ame­rika sichtbar werden, nicht erstrebenswert und schmerzlich. Konsum als Lebenszweck. Der Begriff von Frei­heit als Fehlen von Regeln. Das Verständnis des selbstbestimmten und uneingeschränkt souveränen Indivi­duums, als ob es anderen und der Gemeinschaft nichts schuldig sei. Die Schwächung von Ehe und Familienle­ben. Zudem den enormen Unterhaltungs- und Kommunikationsapparat, der solche Ideen rücksichtslos glorifi­ziert und sie, ob willkommen oder nicht, in fast jede Ecke des Globus sendet. (...) Gleichzeitig gibt es andere amerikanische Werte -  die wir als grundlegende Werte begreifen, die unsere Lebensweise definieren -, die sich von den zuvor genannten unterscheiden und weit attraktiver sind nicht nur für Amerikaner, sondern für die Menschen überall auf der Welt“. (ibid)

[24]  „Verschwörungsdenken hat tiefe Wurzeln in der islamischen Kultur“, stellt der irakische Exil-Autor Samir Al-Khlil in seinem Buch „Republic of Fear“  (S.100) fest, ohne nach ihrer Sozio- und Psychogenese zu fragen.

[25]   Bassam Tibi: Kreuzzug oder Dialog; in Volker Matthis(Hg.):Kreuzzug oder Dialog – Die Zukunft der Nord-Süd-Beziehung, Bonn 1992, S.115

[26]   Vergl. Misbah Yazdi, Muhammd Tagi: Cultural Assault, Qom 2000 (1380)

[27]  Nativismus bedeutet demonstrative Hervorhebung der als eigen definierten Werte. Vergl. W.E. Mühlmann et al: Chiliasmus und Nativismus. Studien zur Psychologie, Soziologie und historischen Kasuistik der Umsturz­bewegungen, Berlin 1961

[28]   Dawud Gholamasad: Iran – Die Entstehung der „Islamischen Revolution“, Hamburg 1985

[29]   Vergl. W.E. Mühlmann et al.

[30]  Der gegenwärtige Wunsch einiger „Schurkenstaaten“,  Zugang zu Massenvernichtungswaffen zu bekommen, liegt ebenfalls nicht zuletzt in diesem Bedürfnis begründet, sich mit entsprechenden Macht- und Statussym­bolen auszustatten, um sich so international Respekt zu verschaffen.

[31]  Vergl. Norbert Elias, John L. Scotson: Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main 1990, S.312

[32]  Er fand Bestätigung durch eine Zeile des berühmten persischen Dichters Nasser Khosro, in der es hieß: Die Furcht des Volkes vor dem Tod ist eine Krankheit, die nur der Glaube heilen kann. (Vergl. Amir Taheri: Cho­meini und die islamische Revolution, Hamburg 1985, S. 144f.)

[33]  Vergl. Ehlert-Balzer, Martin: Trauma; in: Wolfgang Mertens, Bruno Waldvogel (Hrsg.): Handbuch psycho­ana­lyti­scher Grundbegriffe, S. 727 ff.

[34]  Vergl. Norbert Elias: Studien über die Deutschen, Frankfurt am Main. 1989, S.463

Dokument Information:

Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1/2002: 3-11
"Tod, Haß und Ehre - Zur gesellschaftlichen Funktion mörderischer Selbstkonzepte"
Hannover, 2002. A 5, kart. [ISBN 3-9807714-3-1 - ISSN 0945-1544]

Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover

Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str. 20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover 
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Internetpublikation 2002 auf http://pu-aktuell.de/pua2002/Gholamasad_Selbstmordattentate.htm
Letzte Überarbeitungen: 1.8.2004 / 02.12.2011
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