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politik unterricht aktuell, Heft 1/2002:
12-22
Prof. Dr. Dawud Gholamasad
Die Selbstmordattentate der
Islamisten als Funktion der Destruktivität ihres Wir-Ideals
Zum Islamismus als
mobilisiertes Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen
gegen die als Imperialismus erfahrene Globalisierung.
Meine Damen und Herren,
Ich bedanke mich für diese
Einladung und begrüße ihr Interesse an einem seit dem 11. September
nicht mehr zu verdrängendem Problem, mit dem wir alle existentiell
konfrontiert sind. Ich deute solche Zusammenkünfte als Zeichen einer
wachsenden Sensibilität für die zwischenmenschlichen und
interkulturellen Probleme, die sich als Folge der zunehmenden
Globalisierung der Interdependenzen der Menschen ergeben. Diese
Globalisierung, die stets einhergeht mit sozialen Auf- und
Abstiegsprozessen von Menschen als Einzelne und Gruppen, verschärft
nicht nur die Spannungen und Konflikte der zwar nationalstaatlich
organisierten, aber ethnisch oder konfessionell segmentierten Menschen
als Etablierte und Außenseitergruppen; sie ermöglicht zugleich auch eine
entsprechende Erweiterung der Bezugsrahmen der Selbsterfahrung der
Menschen und der damit einhergehenden Reichweite der Identifizierung
von Mensch und Mensch jenseits der jeweiligen Gruppenzugehörigkeit. Dies
ist die unabdingbare Voraussetzung einer globalisierten Empathie,
der Fähigkeit, sich in die Lage fremder Menschen zu versetzen, um sie
mit ihren Ängsten und Nöten verstehen zu können. Die handlungssteuernden
Zwänge anderer Menschen zu erklären und sie so zu verstehen, bedeutet
jedoch nicht, sie zu entschuldigen.
In meinem Vortrag geht es um
solch einen Erklärungsversuch, der die global vernetzt operierenden
militanten Islamisten und ihre Selbstmordattentate paradigmatisch
untersucht. Dabei geht es mir nicht um die Gestaltähnlichkeit der
Selbstmordattentate, sondern um ihre Funktionsähnlichkeit, sind
doch die Motive der Selbstmordattentäter vielfältig. Dies zeigt sich
schon, wenn man allein die
unterschiedlichen individuellen Motive zweier gescheiterter
palästinensischer Selbstmordattentäter vergleicht, die in den
israelischen Gefängnissen interviewt wurden. Sie repräsentieren die zwei
Pole eines Spektrums von Motivlagen der Selbstmörder, „egoistische“ und
„altruistische“. Während die eine bloß den Tod ihres Freundes zu rächen
beabsichtigte, wollte der andere an einem als heilig erklärten
nationalen Befreiungskampf teilnehmen, wofür er sich als Märtyrer den
Zugang zum Paradies versprochen hatte.
Dabei ist der erwartete Zugang zum Paradies nur die Kompensation
für das erbrachte individuelle Opfer, für die Unterwerfung unter das
national und religiös höchste Gebot, nicht aber der Zweck seiner
Handlung. Dies kam z.B. zum Ausdruck, als der altruistische
Selbstmordattentäter vom israelischen Verteidigungsminister gefragt
wurde, warum er Selbstmord begehen wolle. Er lehnte dies entschieden als
Unterstellung ab: „Das ist nicht korrekt. Ich wollte nicht Selbstmord
begehen. Ich wollte einen Märtyrer-Tod sterben. Ich wollte die
Auszeichnung erhalten. Ich verbrachte einen Monat in der Moschee. Ich
habe dort gelernt, wie wichtig es ist ein Märtyrer zu sein. Es
ist das erhabenste Ziel. Es ist sehr wichtig für die
Palästinenser, sowohl national als auch religiös. Es ist das Größte
und Heiligste, was man tun kann. Und dann man erhält alle Belohnungen
im Paradies“.
Hier begegnet man der Wirkung
der durch die Gruppenmeinung repräsentierten Kontrolle der
Selbstregulierung der individuellen Mitglieder. Diese
religiös geprägte Gruppenmeinung der Palästinenser über
altruistischen Selbstmord wird hier hervorgehoben als national und
religiös gefordertes und gefördertes individuelles Handlungsziel,
woran sich der Selbstmordkandidat auszurichten verpflichtet fühlt. Die
individuelle Selbstregulierung der Einzelnen wird also auch hier in der
Bahn gehalten nicht nur durch befriedigende Teilhabe am höheren
menschlichen Wert der Gruppe und die entsprechende Erhöhung der
individuellen Selbstliebe und Selbstachtung, zu der die
Anerkennung in der Gruppenmeinung das ihre tut, sondern auch
zugleich durch die Zwänge, die sich jedes Mitglied der Gruppe im
Einklang mit den gemeinsamen Normen und Standards selbst auferlegt, bei
Strafe des Verlusts der genanten Gratifikation.
Allerdings neigt hier die Balance zwischen den Selbst- und Fremdzwang
entsprechend der Art und Grad der Individualisierung zugunsten des
letzteren.
In der Tat ist wie in jedem
zivilisationsbegründenden normativen Selbstbild der Menschen als
Einzelne und Gesellschaften im Sinne eines gemeinsam kommunizierbaren
Orientierungs- und Kontrollmittels, die Anwendung von Gewalt gegen sich
selbst und andere Menschen auch im Islam untersagt. Selbstmord wird
daher als Todsünde betrachtet. Allerdings gibt es auch in diesen
Gesellschaften, genauso wie in allen anderen, eine heilige Pflicht zum
altruistischen Selbstmord. Im Unterschied zum egoistischen
Selbstmord, also Intihar, heißt diese individuelle
Aufopferung für die Gemeinschaft Ishtihad. Sie ist in einem als
heilig erklärten Krieg, Djihad, eines der höchsten Gebote, für
dessen Erfüllung der direkte Zugang zum Paradies versprochen wird. Hier
unterscheiden sich die kulturell unterschiedlich geprägten
Gesellschaften nicht in der Heroisierung des altruistischen Selbstmordes
im Einsatz zur Verteidigung der Gemeinschaft, als Wir-Einheit, sondern
nur in der Art ihrer Belohnung. Mit der zunehmenden Säkularisierung der
Gesellschaften wird auch sie verweltlicht.
Mit dem exemplarischen Bezug
auf die islamistischen Selbstmordattentäter, soll daher hier gezeigt
werden, dass nichts irreführender wäre als die Zurückführung der
Selbstmordattentate auf blinden Fanatismus - nicht einmal bei den
Islamisten. Denn von religiöser Inbrunst führt kein direkter Weg in
einen Supermarkt oder in das Cockpit einer Passagiermaschine. Um sich in
eine Bombe zu verwandeln, braucht es mehr als den Glauben an ein paar
heilige Verse. Auch selbst die Naherwartung eines Logenplatzes im
Paradies, wo der „Märtyrer“ die Aufhebung der Prohibition genießen
kann, bringt auch niemanden dazu, sich voller Begeisterung sogleich in
die Luft zu sprengen.
Sie töten sich und andere also nicht bloß für die
Unsterblichkeit. Ihre heterodestruktive Autodestruktivität ist eine
Verzweiflungstat
der Menschen, deren blanke Wut sich aus der Erfahrung der eigenen
Machtschwäche ergibt, welche die Selbstmordattentäter als ungerecht
empfinden. Aus diesem Grunde z.B. besteht – einem palästinensischen
Intellektuellen zufolge – der gegenwärtige Kampf der Palästinenser vor
allem darin, nicht Selbstmordattentäter zu werden. Das Erstaunliche sei
nicht so sehr, dass es Selbstmordattentäter gibt, sondern eher ihre
Seltenheit.
Und zwar angesichts der kollektiven und individuellen Erfahrungen der
Palästinenser seit der zionistischen Besetzung ihres Landes und der u.a.
damit einhergehenden sukzessiven gewaltsamen Enteignung ihrer nationalen
Identität als ein Staatsvolk. Denn nichts empört Menschen mehr als die
hautnahe Erfahrung dessen, was sie als Ungerechtigkeit empfinden
Diese Gefühlslage entsteht,
weil ein Zusammenhang zwischen der Machtrate von Gruppen und dem
Wir-Bild und Wir-Ideal ihrer Mitglieder besteht. In diesem
Zusammenhang wird mit der scheinbaren Freiheit der Selbstaufgabe im
Selbstmordanschlag die Verwundbarkeit der Machtstärkeren bloß gestellt,
die für sich ein besonderes Gruppencharisma beanspruchen, und damit ihre
Unvollkommenheit demonstriert. Auf diese Weise wird die bestehende
Selbstwertbeziehung zugunsten der machtschwächeren Gruppe verändert,
mit der sich der Selbstmordattentäter identifiziert. Aus diesem Grunde
ist das Selbstmordattentat als altruistischer Selbstmord die scheinbar
wirkungsvollste Angriffswaffe der Machtschwächeren. Dabei teilt der
Selbstmordattentäter mit dem Heros die Zerstörungswut, mit dem Märtyrer
die relative Machtschwäche, mit dem Terroristen die Rebellion gegen die
eigene relative Machtschwäche. In seiner Person vereinigen sich Courage
mit Grausamkeit, Hass mit Selbstlosigkeit.
Doch es wäre trügerisch, die Selbstmordattentate als fremdgesteuert,
also manipuliert erklären zu wollen. In dem Fall müsste man erklären,
wer die Manipulatoren manipuliert hat. Es wäre aber auch irreführend,
sie individualpsychologisch begreifen zu wollen, obwohl in einer
weitgehend individualisierten Gesellschaft, in der wir leben, ein
Selbstmordattentat als individueller Entschluss des Attentäters
erscheinen mag, einmalig autonom zu handeln. Dieser Annahme
liegt aber die in den westlich-industrialisierten Gesellschaften
vorherrschende homo clausus Selbsterfahrung der weitgehend
individualisierten Menschen zugrunde. Diesem Menschen werden - als in
sich geschlossene Einheit - zwar Instanzen der Selbstkontrolle
zugebilligt, wie sie in Gruppenprozessen als „Ich“, „Über-Ich“ und
„Ich-Ideal“ Gestalt gewinnen und in einem vermeintlich autonomen
„inneren“ am Werk sind. Andere Ebenen der individuellen
Persönlichkeitsstruktur, die am engsten und direktesten mit den
Gruppenprozessen verknüpft sind, an denen ein Mensch teil hat, liegen
aber jenseits der homo clausus Selbsterfahrung. Dies sind vor allem die
Funktionen des Wir-Bildes und Wir-Ideals.
Werden wir uns jedoch unserer
scheinbar wir-losen Selbsterfahrung als für eine bestimmte
Entwicklungsstufe der menschlichen Gesellschaft charakteristische
Selbsterfahrung bewusst, so gehen wir von einem realitätsangemessenen
Bild des offenen Menschen aus, dessen Ich-Wir-Balance sich mit
zunehmender sozialer Differenzierung zugunsten der Ich-Identität
verschiebt, ohne dass er je seine Wir-Identität aufgeben könnte. Sein
Wir-Bild und Wir-Ideal sind aber genauso ein Gemenge von
gefühlsgeladenen Phantasien und realistischen Vorstellungen wie sein
Ich-Bild und Ich-Ideal. Wie bei letzteren tritt ihre Eigenart auch am
schärfsten hervor, wenn Phantasie und Realität in Widerspruch zueinander
geraten; dann wird nämlich ihr imaginärer Gehalt akzentuiert. Während
aber die affektiven Phantasien im Falle von Persönlichkeitsfunktionen
wie Ich-Bild und Ich-Ideal rein individuelle Erfahrungen eines
Gruppenprozesses verarbeiten, hat man es im Falle von Wir-Bild und
Wir-Ideal mit individuellen Versionen kollektiver Phantasien zu tun.
Die Selbstmordattentäter sind vor allem von diesen individuellen
Versionen kollektiver Phantasien gesteuert.
Das
eher Phantasie gesättigte Wir-Bild und Wir-Ideal der islamisch geprägten
Selbstmordattentäter ist daher ein schlagendes Beispiel für einen
Effekt, der sich in höherem oder geringerem Maß regelmäßig bei
Mitgliedern ehemals mächtiger Völker einstellt, die ihren Vorrang im
Verhältnis zu anderen Völkern eingebüßt haben. Ihre Mitglieder haben
jahrhundertelang unter dieser Situation gelitten, weil das
gruppencharismatische Wir-Ideal, das ausgerichtet ist an einem
idealisierten Bild ihrer selbst in der Zeit ihrer Größe, noch weiterlebt
– als ein verpflichtendes Modell, dem sie nicht mehr gerecht zu werden
vermögen. Der Glanz ihres kollektiven Lebens als islamisch geprägte
Völker ist dahin, ihre Machtüberlegenheit, die für ihr Gefühl ein
Zeichen ihrer menschlichen Höherwertigkeit im Vergleich zu dem
geringeren Wert anderer Gruppen gewesen war, unwiederbringlich
verloren. Und doch wurde ihr Traum von einem besonderen Charisma auf
vielfache Weise lebendig erhalten.
Zur Entstehung dieses
verpflichtenden Modells und der gegenwärtigen Gefühlslage der
Islamisten trägt vor allem ihre Erinnerung an zwar
ungewöhnliche, aber doch in der Überlieferung idealisierte
Errungenschaften der Muslime während der ersten sechs Jahrhunderte der
islamischen Herrschaft bei: Die islamisierten Gesellschaften waren in
dieser Periode die relativ entwickeltsten. Sie lieferten die
höchstentwickelten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften
und schufen ungewöhnlich siegreiche Armeen. Die islamisch geprägten
Menschen erinnern sich gern an das Erfolgsmuster der Muslime, das ihnen
selbstverständlich erscheint, verließ doch der Prophet Muhammad Mekka im
Jahre 622 als Flüchtling, um acht Jahre später als Herrscher
zurückzukehren. Man erinnert sich daran, dass schon 715 die muslimischen
Eroberer ein Imperium errichteten, das von Spanien im Westen bis Indien
im Osten reichte. Aus diesem Grunde schien ihr Glaube für eine lange
Zeit ein Distinktionsmittel, also Unterscheidungsmerkmal ihres höheren
sozialen Ranges gegenüber anderen Gruppen zu sein. So bedeutete ein
Muslim zu sein, zugleich Angehöriger einer siegreichen und dominanten
Gemeinschaft von Menschen zu sein, die sich durch ihr
Zivilisationsmuster von anderen abhob. Es ist also kein Wunder, dass
heutzutage manche Muslime nachträglich eine Korrelation zwischen ihrem
Glauben und ihrem sozialen Aufstieg als Hegemonialmacht herstellen und
sich daher als charismatische Gruppe im Sinne einer von Gott bevorzugten
Gemeinschaft begreifen.
Ihre Jahrhunderte lange
kollektive Trauer ist Folge der Erfahrung des sozialen Abstiegs der
islamischen Welt seit dem 13. Jh., ohne dass Muslime sich dessen bis zum
18. Jh. bewusst wurden. Während man sich nämlich im Westen auf neue
Entdeckungen begab, versank die islamische Welt in dieser Zeitperiode
in einer Art selbstgefälligen Ignoranz. Dies wird ausgedrückt z. B.
durch den berühmten muslimischen Intellektuellen, Ibn Khaldun, der um
1400 über Europa schreibt, „ich höre, dass sich einiges im Lande der
Römer entwickelt, aber nur Gott weiß, was dort passiert.“ Diese
Ahnungslosigkeit machte die Muslime verwundbar, als sie nicht mehr
ignorieren konnten, was in Europa inzwischen passiert war, nämlich ein
Anstieg der Machtchancen, der sich aus der Entwicklung der Triade der
Grundkontrollen ergab: der Naturkontrolle in Gestalt der technologischen
Entwicklung, der sozialen Kontrolle in Gestalt der Nationalstaatsbildung
und der Trieb- und Affektkontrolle in Gestalt der zunehmenden
Zivilisierung des Verhaltens und Erlebens der Menschen in Europa. Es
war also die fortschreitende, gerichtete Entwicklung dieser Triade der
Grundkontrollen, die den Muslimen
entging; eine Entwicklung, die sich aus jahrhundertelangen, ungeplanten
Verflechtungsprozessen zielgerichteter Wünsche, Pläne und Handlungen von
Millionen von Menschen unterschiedlicher ethnischer und konfessioneller
Herkunft in einer langen Generationenkette der Menschheit ergab und
schließlich zur Verlagerung der Machtbalance zwischen den islamisch und
den christlich geprägten Gesellschaften und damit zu ihrem sozialen Auf-
bzw. Abstieg führte.
Der dramatischste Wendepunkt
der Machtbalance zu Ungunsten der Muslime kam im Juli 1798 zu ihrem
Bewusstsein, als Napoleon Bonaparte in Ägypten landete und so das
Zentrum der muslimischen Welt mit erstaunlicher Leichtigkeit eroberte.
Andere Angriffe folgten über die nächsten Jahrhunderte. Nach der
zionistischen Besetzung Palästinas und den demütigenden Niederlagen der
arabischen Staaten im Sechs-Tage-Krieg, scheint der wohl tragischste
dieser Angriffe für Muslime wie Bin Laden die US-amerikanische Präsenz
in Saudi-Arabien seit der irakischen Invasion Kuwaits zu sein: „Die
größte Katastrophe, welche die Muslime seit dem Tod des Propheten
gelitten haben, ist die Besetzung des Heiligen Landes von Ka’ba und die
Qible durch die Christen und ihre Verbündeten“
verkündete Bin Laden bereits im August 1996. Zur Bekämpfung dieser
„Besetzung des Bodens der heiligen
Stätten“
fühlen sich die Islamisten deswegen verpflichtet, weil sie ihrer
Wehrhaftigkeit und damit ihrer Ehre gerecht werden müssen:
„Unser Terrorismus gegen Sie, die unser Land bewaffnet besetzt
halten, ist unsere Pflicht. Sie sind wie eine Riesenschlange, die in
unser Haus eingedrungen ist, die man töten muss“. Im Bezug auf den
Saudi-Arabischen Herrscher fährt er fort: „Er, der Ihnen erlaubt,
bewaffnet in seinem Land herum zu gehen, obwohl Sie Friede und
Sicherheit genießen, ist ein Feigling...“
Aus diesem Unvermögen des
saudischen Herrschers, das staatliche Gewaltmonopol zu behaupten, das
zugleich zu seiner Legitimationskrise führt, leiten also Islamisten wie
Osama Bin Laden die Legitimation ihres Kampfes nicht nur gegen die USA
ab, sondern auch zugleich gegen die als ungerecht empfundene Herrschaft
im eigenen Land.
Doch das Versagen der Staaten in islamisch geprägten Gesellschaften ist
u.a. Ausdruck ihrer relativen Machtschwäche gegenüber den entwickelteren
Staatsgesellschaften.
Die Frustration der Muslime,
die jeder Zeit in Aggression umschlagen kann, ist angesichts dieser
Macht- und Statusverhältnisse zu ihren Ungunsten enorm. Dieses um sich
greifende unerträgliche Gefühl der Demütigung wird z. B. ausgedrückt
durch den Imam einer Moschee in Jerusalem, wenn er hervorhebt: „Früher
waren wir die Herren der Welt und jetzt sind wir nicht einmal Herr
unserer eigenen Moschee.“
Für die Wiederherstellung
dieser erinnerten hegemonialen Machtposition der Muslime sind die
Islamisten zu jedem Opfer bereit, weil das gruppencharismatische
Wir-Ideal, das an einem idealisierten Bild ihrer selbst in der Zeit
ihrer Größe ausgerichtet ist, für sie als verpflichtendes Modell
weiterlebt. Ihr als heilig erklärter Krieg, den sie mit dem Einsatz
ihres eigenen Lebens führen, ist daher die radikalste Form der Erfüllung
dieser Verpflichtung: „Man kann nicht die anderen bitten, uns zu
befreien. Wir haben zur Zeit nicht genügend Leute zu unserer
Unterstützung. Das ist der Grund, warum wir damit enden, uns vor
Panzer zu werfen.“-
so ein palästinensischer Selbstmordkandidat.
In diesem Sinne möchte
ich daher die Selbstmordattentate als Funktion der Destruktivität des
Wir-Ideals der sozial abgestiegenen islamisch geprägten Menschen
angesichts der relativ geringen Ressourcen dieser Gesellschaften im
Verhältnis zu dem angestrebten Ideal diskutieren. Deren konjunkturelle
Entstehung ist jedoch Folge eines Globalisierungsschubes.
1. Zur
Globalisierung als Entstehungs- und Wirkungszusammenhang einer globalen
Beziehungsfalle von kulturell unterschiedlich geprägten Menschen als
Etablierte und Außenseiter.
Diese These ist jedoch nicht
nachvollziehbar, solange man einen der zentralen Aspekte der
zunehmenden Globalisierung der gegenseitigen Abhängigkeit der
Menschen vernachlässigt, den ich als Entstehungs- und
Wirkungszusammenhang einer Beziehungsfalle von kulturell
unterschiedlich geprägten Menschen als Etablierte und Außenseiter
in ihrem sozialen Auf- und Abstiegsprozess bezeichne. Und zwar
jene Beziehungsfalle, die durch die Globalisierung der beruflichen
und staatlichen Bindungen der Menschen entsteht, ohne dass sie sich
als globaler Integrationsprozess der Erfahrung der Menschen
aufdrängt. Es ist der Nachhinkeffekt dieser Transformation der
Wahrnehmung hinter der sozialen Transformation, der sich als Wunsch-
und Furchtbilder der sich gegenseitig ausschließenden sozialen Gruppen
manifestiert, die real ablaufende, langfristige und ungeplante globale
Integrationsprozesse selektiv als Chance bzw. als Gefahr erleben.
Dessen ungeachtet wird diese
stillschweigende Verringerung der Distanz, diese zunehmende
Integrierung der in mehr als 191 Staaten aufgespalteten Menschheit
zunehmend wirkungsmächtig als gesellschaftliche Einheit und als
Bezugsrahmen vieler Entwicklungsvorgänge und Strukturwandlungen.
Mit dieser Verdichtung des
Netzwerkes der Interdependenzen zwischen den in Staaten organisierten
6,1 Milliarden Menschen, sind diese Staaten als mehr oder weniger feste
Verbände in höherem oder geringerem Maße voneinander abhängig geworden -
sei es in ökonomischer Hinsicht, sei es durch einseitige oder
gegenseitige Gewaltandrohung oder je nachdem auch durch sehr
direkten Gewaltgebrauch, sei es durch Ausbreitung von
Selbstregulierungs- und anderen Verhaltens- und Empfindensmustern
von bestimmten Zentren her, sei es durch Übernahme von Sprach- und
sonstigen kulturellen Modellen und in vielerlei anderer Hinsicht.
Diese zunehmende
Integrierung der Menschheit bedeutet aber nicht nur eine steigende
horizontale soziale Mobilität der Menschen auch über die
Grenzen des eigenen Staates hinaus, die sich etwa in Tourismus und
Migration als Massenerscheinungen und damit in einer Vergrößerung der
Chancen der Individualisierung äußert. Sie manifestiert sich zugleich
als eine steigende vertikale soziale Mobilität und somit als eine
funktionale Demokratisierung inner- und zwischenstaatlicher
Beziehungen, die als sozialer Auf- bzw. Abstiegsprozess erfahren wird.
Diese zunehmende gegenseitige
Angewiesenheit und Abhängigkeit der staatlich organisierten Menschen
drückt sich daher nicht zuletzt in Manifestationen der Eskalation
ihrer nicht mehr übersehbaren existentiellen Ängste voreinander aus. Sie
fühlen sich zunehmend in ihrer physischen und sozialen
Existenz gegenseitig als Etablierte und Außenseitergruppen
bedroht. Folglich prägen sie sich in ihren emotionalen Verstrickungen
gegenseitig durch eine globalisierte Kultur des Misstrauens und tragen
so zu einem Teufelskreis der gegenseitigen Bedrohung bei.
Daher fühlen die europäischen
und amerikanischen Bürger und ihre Regierungen sich seit dem Niedergang
der Sowjetunion - der einherging mit dem Zerfall der bipolaren
Hauptspannungsachse zwischenstaatlicher Beziehungen und der Entstehung
ihrer Multipolarität - zunehmend von den Staaten des Nahen und
Mittleren Ostens und deren islamisch geprägten Bürgern bedroht. Es ist
dieses angstgesättigte Erlebensmuster der Etablierten dieser
Welt, das sich nicht nur in solchen phantasiegeladenen
Abwehrreaktionen wie der theoretischen Konstruktion eines „Clash
of Civilizations“
manifestiert. Dieser prophezeite „Kampf der Kulturen“ schreibt als
Ausdruck ihrer Gefühlserfahrung und Phantasie den „Kulturen“
Eigentümlichkeiten einer Person oder einer Sache zu, die scheinbar von
sich aus als kausale Triebkraft zu wirken vermag, fast unabhängig von
den Menschengruppen, die derart miteinander verkehren. So wird nicht nur
verdrängt, dass es sich um eine mögliche Eskalation der
bestehenden Spannungen und Konflikte der kulturell unterschiedlich
geprägten Menschengruppen handeln könnte, die mit extrem
ungleichen Macht– und Statuschancen ausgestattet sind. Mit der
Hervorhebung der Zivilisationsdifferentiale als Exklusions- und
Inklusionskriterien, wird zugleich ein Weltbild entlang der
Konfliktlinie zwischen „the West and the Rest“ konstruiert, das - mit
dem Islam als Hauptfeind - die Renaissance eines Zivilisations- und
Kulturbegriffes Vorschub leistet, der von Kolonialmächten als
gruppencharismatischer Kampfbegriff gegen jene machtschwächeren
Völker geprägt wurde, die damit als „unzivilisiert“ und
„barbarisch“ stigmatisiert wurden.
In solchen Stigmatisierungen
zeigt sich eine gruppencharismatische Angstreaktion der Etablierten, die
auf einer Wahrung der Machtunterschiede und ihrer eigenen Überlegenheit
beharren oder noch zu deren Erhöhung hin drängen, gegen die
Herausforderung der Außenseitergruppen, die sich mit stillem Druck oder
offener Tat um einen sozialen Aufstieg bemühen und somit auf eine
Verringerung der Machtdifferenziale hin drängen. Diese Angstreaktion
manifestiert sich nicht zuletzt in den Äußerungen der amerikanischen
und europäischen Staatsoberhäupter wie Silvio Berlusconi, der nicht
zuletzt und in der Hitze des Gefechts gemeinsame Glaubensaxiome und
Werthaltungen der Etablierten dieser Welt artikulierte: „Wir sollten uns
der Überlegenheit unserer Zivilisation bewusst sein, die in einem
Wertesystem besteht, das den Menschen breiten Wohlstand in den Ländern
beschert hat, die es achten, und das den Respekt der Menschenrechte und
Religion garantiert.“(...) Mit dieser Selbsterhöhung hebt er zugleich
eine selbstverständliche Mission der machtstärkeren Staatsgesellschaften
hervor, die man als Glaube an die zivilisierende Mission europäischer
Völker längst für überwunden hielt: “Das Abendland ist dazu bestimmt,
die Völker zu erobern und zu verwestlichen.“
Hier wird nicht nur deutlich,
dass kollektive Lob- und Schimpfphantasien auf allen Ebenen von
Machtbalance-Beziehungen eine unübersehbare, zentrale Rolle für
gesellschaftliche Praxis spielen, deren Entwicklung Funktion der
Entwicklung der betreffenden Gruppen ist. Es lässt sich auch hier wie
immer beobachten, dass Mitglieder von Gruppen, die im Hinblick auf ihre
Macht anderen, interdependenten Gruppen überlegen sind,
von sich glauben, sie seien im Hinblick auf ihre menschliche Qualität
besser als die anderen. Dabei sehen sie sich ausgestattet mit
einem Gruppencharisma, einem spezifischen Wert, an dem ihre
sämtlichen Mitglieder teilhaben und der anderen abgeht. Und mehr noch:
Als Funktion der unüberwindbaren Machtdifferenziale, können immer wieder
die Machtstärkeren die Machtschwächeren selbst zu der Überzeugung
bringen, dass ihnen die Begnadung fehle - dass sie schimpfliche,
minderwertige Menschen seien.
Sie wundern sich bloß, dass die Machtschwächeren sich rächen und zu
einer gewaltigen Gegenstigmatisierung ausholen, sobald sich die
Machtbalance zu ihren Gunsten verschiebt und sie sich dieses relativen
Machtzuwachses bewusst werden.
Der Charakter solcher
erniedrigenden und stigmatisierenden Statusideologie der
Etablierten als Angriff- und Verteidigungswaffe gegen die
als bedrohlich empfundenen Außenseitergruppen manifestiert sich u.a.
exemplarisch in einem Beitrag eines der Falken unter den amerikanischen
Nah-Ost Experten über Saudi Arabien unter dem Titel „nicht Freund
oder Feind“, dessen Kultur er als „notorisch rückständig,
engstirnig und barbarisch“ angreift. Mit dieser Erniedrigung
attackiert er einen der mutmaßlichen künftigen Herausforderer der USA,
dessen Anspruch er als eine Anmaßung empfindet: „Trotz dieser Nachteile
betrachten die Herrscher des Königreichs sich als Anführer von mehr als
einer Milliarde Muslimen weltweit und als Vorhut einer Bewegung, die
letztendlich die als korrupt und verdammt abgelehnte westliche
Zivilisation besiegen und ersetzen will. Diese übermäßige Ambition
leitet der saudische Staat aus seiner Funktion als ‘Protektor der zwei
heiligen Stätten’, der Städte Mekka und Medina ab“
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass
diese Stigmatisierungen dem engsten und bisweilen treuesten Verbündeten
der USA gelten, kann man das Gefühl der Bedrohung durch
hegemoniale Herausforderung erfassen, aus dem heraus solche
emotionalen Reaktionsmuster entstehen, die entsprechende
Gegenreaktionen hervorrufen. Dieses Erfahrungsmuster manifestiert sich
in seiner Angst gesättigten Prognose, welche die Erfahrungswelt
der Etablierten annährend kennzeichnet: „Wie dominant auch die USA heute
sein mögen, es gibt eine Anzahl von Möchtegern-Nachfolgern, und Saudi
Arabien ist nicht weniger ambitioniert als die anderen.“
Es muss einsichtig sein, dass
mit einer solchen erniedrigenden und stigmatisierenden
Statusideologie, die als Angriffs- und
Verteidigungswaffe der Etablierten ihre eigene Überlegenheit
betont und rechtfertigt und die Bürger der machtschwächeren Staaten als
minderwertige Menschen abstempelt, permanent eine globale
Beziehungsfalle zwischen Etablierten und Außenseitern reproduziert
wird. Entstanden aus einer empfundenen Bedrohung, ist diese „Ideologie“
- als System von Einstellungen und Glaubensaxiomen - aufgebaut um
bestimmte stereotype Themen. Sie wird aber verbreitet und
aufrechterhalten durch einen unaufhörlichen Strom von journalistisch
zubereiteten Informationen mittels eines globalisierten Netzes von
Massenkommunikationsmitteln, das einerseits dazu neigt, selektiv alle
Ereignisse innerhalb und außerhalb der machtstärkeren Staaten
aufzugreifen, die zu deren Erhöhung beitragen, sowie andererseits alle
Ereignisse innerhalb und außerhalb der weniger entwickelten
Gesellschaften, die das Negativbild der aufstiegsorientierten
machtschwächeren Menschen verstärken. Diese zur Selbstverständlichkeit
verfestigte Statusideologie, die den Stammtisch-Gesprächen den nötigen
Stoff liefert, verstellt schließlich den Blick für alle Ereignisse, die
ihr irgend hätten widersprechen können.
Diese Statusideologie der
Etablierten, samt der entsprechenden Gefühlslage, kommt nicht minder
in der Erklärung der 58 führenden amerikanischen Intellektuellen zum
Ausdruck, die im Namen von fünf „
fundamentalen Wahrheiten“
den amerikanischen Krieg gegen den „Terrorismus“ zu legitimieren
versuchen. Sie heben hervor: "Manchmal wird
es notwendig für eine Nation, sich selbst mit Waffengewalt zu
verteidigen“. Dabei bekräftigen Sie ihre „fünf fundamentalen
Wahrheiten“ und stellen fest: „Wir
kämpfen, um uns selbst und diese allgemeingültigen Prinzipien zu
verteidigen“. Denn „konsequenterweise
richtet sich (der) Hass (der Islamisten) nicht allein gegen das, was
unsere Regierung tut, sondern gegen das, was wir sind - gegen
unsere Existenz.“ So definieren sie ihre Existenz durch die Werte, die
sie vertreten, in dem sie fragen: „Wer also sind wir? Was sind
unsere Werte?
Mit einem
Selbstbegriff im Sinne der demonstrativen Hervorhebung der als eigen
erklärten „grundlegenden Werte, die unsere (amerikanische)
Lebensweise definieren“ und die „für die Menschen überall auf der
Welt“ attraktiv seien, wird also die Notwendigkeit eines
Verteidigungskrieges behauptet, in dem nicht nur das Leben der als
Feinde definierten Menschen geopfert werden darf, sondern auch das der
Eigenen.
Allein, wenn man sich
vergegenwärtigt, dass die islamisch geprägten Gesellschaften sich schon
praktisch seit Jahrhunderten in solch einer bedrohlichen Lage
befinden, wie sie die amerikanischen Intellektuellen für die
Legitimierung ihres „Verteidigungskrieges“ hervorheben, begreift man die
Funktion der angstgesättigten „Verschwörungstheorien“
der Islamisten als Abwehrrektionen der machtschwächeren und als
minderwertig stigmatisierten Menschen. In der Tat ist die „Dämonisierung
der Außenwelt und die Zurückführung allen Übels auf ihre
Machenschaften“
im Sinne eines voluntaristischen Entwicklungsbegriffs Folge der
Erfahrung extremer Machtdifferentiale und des sich daraus ergebenden
permanenten Gefühls, extrem fremdbestimmt zu sein. Eine solche Erfahrung
der Fremdsteuerung verselbständigt und verfestigt sich als Kultur im
Sinne der „zweiten Natur“ der Menschen durch die soziale Vererbung
und praktische Wiederholung dieser Erfahrung über langen
Generationenketten.
Diese machtschwächeren
Menschen werden sich mit zunehmender funktionaler Demokratisierung
im Sinne der Verlagerung der Machtbalance zu ihren Gunsten als Folge
der zunehmenden Globalisierung der gesellschaftlichen Funktionsteilung
und Multipolarität zwischenstaatlicher Beziehungen ihres relativen
Machtzuwachses bewusst, ohne dass sie damit gleichzeitig in der Lage
wären, ihren verschwörungstheoretischen bzw. voluntaristischen
Entwicklungsbegriff aufzugeben. Aus dieser Erfahrung heraus, holen sie
zu einer Gegenstigmatisierung der Machstärkeren als „korrupt und
verdammt“ aus,
während ihre militanten Teilformationen diese praktisch mit allen ihnen
zur Verfügung stehenden Mitteln herausfordern. Es sind jedoch die
absolut unüberwindbar großen Machtdifferenziale zu ihren Ungunsten, die
das Selbstmordattentat zu ihrer scheinbar wirkungsvollsten Angriffswaffe
gegen eine als Imperialismus erfahrene Globalisierung machen. Dies
wird verständlich, wenn man sich die Sozio- und Psychogenese des
militanten Islamismus als globale Herausforderung vergegenwärtigt.
2. Der Islamismus
als nativistisch orientierte chiliastische Erhebungen der islamisch
geprägten Menschen
Untersucht man inhaltlich die
Glaubensaxiome und Werthaltungen der Islamisten, erweisen sich die
islamistischen Bewegungen als nativistisch
orientierte chiliastische Erhebungen. Sie entstanden als Umschlag
des chiliastischen Quietismus der islamisch geprägten Menschen in ihren
chiliastischen Aktivismus:
Begreifen wir den als „Prinzip Hoffnung“ bekannten Chiliasmus im Sinne
der kollektiven Aufbruchsbereitschaft zur Herstellung
paradiesischer Glückszustände auf Erden,
wie sie sich religiös im Glauben an ein Reich der Gerechtigkeit nach der
Wiederkehr des Erlösers ausdrückt. Und verstehen wir unter Quietismus
eine Orientierung der Menschen auf eine Verschmelzung mit Gott durch
wunsch- und willenloses Sichergeben in seinen Willen, wie sie sich in
ihrer apokalyptischen Weltabgeschiedenheit und völliger Ruhe des Gemüts
manifestiert. Dann sind islamistische Bewegungen Ausdruck des Umschlags
einer kollektiven Aufbruchsbereitschaft der islamisch geprägten
Menschen für Herstellung paradiesischer Glückszustände bzw.
Gerechtigkeit auf Erden in einen kollektiven Aufbruch von
nativistisch orientierten Menschen, d.h. von Menschen, die mit
einem neuen Schema von Selbstwerten, nicht nur ihren
eigenen Selbstwert als Gruppe demonstrativ hervorheben. Als
nativistische Bewegung ist der Islamismus zugleich eine der aktiven
Durchsetzungsformen eines neu empfundenen eigenen Wertes für
sich und für andere in Gestalt der Durchsetzung eines neuen
Schemas der Verteilung der konstitutiven Bestandteile der
Selbstachtung, also der Verteilung der Symbole der Überlegenheit, an
denen nicht nur das Selbstwertgefühl der aufstiegsorientierten,
islamisch geprägten Menschen haftet.
Dies wird nachvollziehbar,
wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kraft der lebenssteigernden
Funktion des Selbstwertgefühls sich gegenwärtig unter anderem in
der Universalität der Neigung zeigt, den Wert der eigenen Gruppe auf
Kosten des Wertes anderer zu erhöhen.
Der eigene Selbstwert, sowohl in den eigenen Augen als auch in den Augen
anderer sozialer Formationen, bestimmt sich daher durch das Ergebnis
der Konkurrenz- und Ausscheidungskämpfe zwischen verschiedenen
Menschengruppen um die Verteilung der Macht- und Statusquellen.
Folglich ergibt sich die zwingende Kraft der Selbst- und
Fremdwertbeziehungen – im Sinne einer Beziehungsfalle - nicht
zuletzt aus der Furcht der Menschen voreinander, vor der
physischen Vernichtung, Versklavung, Ausbeutung, Abhängigkeit etc und
nicht zuletzt vor Vernichtung der Sinngebung.
Die Angst vor einem drohenden Sinnverlust ruft dann
schließlich nicht selten Gefühle extremer Feindseligkeit hervor,
derart, dass die Gläubigen bereit sind, die als Gegner empfundenen
Anders-Gläubigen zu vernichten, um ihr eigenes Glaubenssystem und
ihre Tradition bzw. ihre Höherwertigkeit zu garantieren.
Diese Deutung wird einem
nahegelegt, wenn man diesen Menschen aufmerksam zuhört und ihr Anliegen
ernst nimmt. Nur so kann man sie, samt ihres Leidensdrucks, verstehen.
Denn wo Leiden ist, ist auch Leidenschaft. Es ist ihr unerträglicher
Leidensdruck, der diese nativistisch orientierten chiliastischen
Aktivisten dazu treibt, für die Herstellung neuer
Selbstwertbeziehungen im Sinne der Umkehrung der bestehenden
Macht- und Statusordnung, sogar sich selbst individuell zu opfern.
Die Notwendigkeit dieser autodestruktiven Tendenzen wird z. B. durch
Ayatollah Chomeini hervorgehoben, der bereits in den sechziger Jahren
seine berühmte Formel prägte, der Islam sei ein Baum, der nur wachsen
könne, wenn er durch das Blut der Jugend genährt werde. Zu lange schon
hätten die Muslime den Tod gefürchtet, und um ihn zu entgehen, einen
hohen Preis bezahlt – das unwürdige Leben in einer Tyrannei.
Mit der Ablehnung der
passiven Geisteshaltung der Quietisten, die besonders durch das Streben
nach einer gottergebenen Frömmigkeit und Ruhe des Gemüts gekennzeichnet
ist, unterscheiden sich die chiliastischen Aktivisten also dadurch,
dass sie nicht mehr auf den Erlöser warten können. Der Höhepunkt dieser
Selbsterlösung ist ihr Selbstmordattentat, das man als
Umschlag der kollektiven Trauer der islamisch geprägten,
aufstiegsorientierten Menschen in ihren Hegemonialrausch
interpretieren kann.
In dieser affektiven Enthemmung
manifestiert sich der Umschlag der Bereitschaft zum Aufbruch in
praktischen Aufbruch zur Herstellung der Gerechtigkeit, als Folge
des Wandels der vom Verlangen nach Achtung und Selbstachtung
dominierten Bedürfnisstruktur der siegesgewissen chiliastischen
Aktivisten. Dieser Strukturwandel des Bedürfnisses ist nicht nur das
Ergebnis der relativ zunehmenden Befriedigung ihrer ökonomischen
Bedürfnisse, welche die nicht-ökonomischen Bedürfnisse in den
Vordergrund drängt und so zunächst die wohlhabenderen Schichten zur
Kerngruppe der islamisch geprägten Selbstmordattentäter werden lässt.
Diese Verschiebung der Valenzfiguration der Außenseiter ist auch Folge
einer Verschiebung der Machtbalance zugunsten der machtschwächeren
Menschen auf unterschiedlichen Integrationsebenen, im Sinne einer
funktionalen Demokratisierung und zwar als Folge der
Modernisierung. Ihre affektive Enthemmung dokumentiert aber
zugleich einen Ent-Zivilisierungsschub ihres Verhaltens und
Empfindens als Bumerangeffekt einer permanent erfahrenen
unerträglichen Demütigung durch die Etablierten dieser Welt, die sie
als eine Kriegserklärung der machtstärkeren Staatsgesellschaften auf
allen, ökonomischen, politischen, kulturellen und militärischen Ebenen
begreifen.
Es ist die Jahrhunderte lange
unerträgliche Erfahrung der praktischen Reproduktion hegemonialer
Positionen der globalen Kerngruppen der Macht als Imperialismus, die den
Islamismus als Widerstandspotential der islamisch geprägten Menschen
mobilisiert und dessen Anhänger bis zum Äußersten treibt. Ihre
militanten Angriffe sind aber Funktion der Erfahrung der funktionalen
Demokratisierung als Folge der zunehmenden Globalisierung. Sie sind
daher auf eine Überwindung der als ungerecht und entwürdigend
empfundenen Macht- und Statusverhältnissen gerichtet, die sie
traumatisierten.
Diese traumatische Erfahrung,
die unmittelbar Angst, Schrecken und völlige Hilflosigkeit auslöst,
führte zunächst zu einem Zusammenbruch der zentralen Ich- und
Wir-Funktionen und schließlich zu einer basalen Erschütterung des
psychischen Apparates dieser Menschen, die nun vom Bemühen bestimmt
werden, diese traumatische Situation nachträglich zu bewältigen.
Dieser Restitutionsversuch der islamisch geprägten Menschen ist
nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass die traumatische
Erkenntnis des Machtverlusts ihrer Staaten als hauptsächliche
Brennpunkte, auf die sich ihre Zwillingswünsche nach einer Identität und
nach einem Wert, bzw. einer Zugehörigkeit und einem Sinn über die eigene
Lebensspanne hinaus richten, mit einer Identitäts- und Sinnkrise
einher geht. Dieser Wiederherstellungsversuch[] ist daher
verantwortlich für ihre typischen posttraumatischen Symptome, die im
Kern in einer zwanghaften Wiederholung des traumatischen Geschehens
z.B. in Tagträumen oder in unwillkürlichen historischen Flashbacks und
zuweilen in einer weitgehenden Interessenverarmung der Einzelnen im
Sinne ihrer libidinösen Entbindung von ihrer als unerträglich
empfundenen realen Existenz bestehen. Der Selbstmordkandidat ist die
Verkörperung dieser posttraumatischen Symptome, der mit seiner
libidinösen Entbindung den militantesten Islamisten hervorbringt.
Doch der Versuch, den
Schock dieser traumatischen Erkenntnis des Machtverlusts ihrer Staaten
um jeden Preis zu vermeiden, und der heftige Wunsch, den
Entwicklungsprozess umzukehren, der die islamisch geprägten
Gesellschaften in so einen niedrigen Rang stürzte, fällt mit den
Selbstmordattentaten so extrem aus, weil die faktischen Ressourcen
dieser Gesellschaften im Vergleich zu dem Ideal, zu dem Traumreich, für
dessen Wiederherstellung sie von den Islamisten eingesetzt werden, sehr
gering sind.
In diesem Sinne bestätigen die
Selbstmordattentate nur die Regel, dass je schwächer, je unsicherer
und verzweifelter die Menschen auf ihrem sozialen Abstiegsweg
werden, je schärfer sie zu spüren bekommen, dass sie um ihren erinnerten
Vorrang mit dem Rücken zur Wand kämpfen, desto roher ihr Verhalten,
desto akuter die Gefahr ist, dass sie die zivilisierten
Verhaltensstandards, auf die sie stolz sind, selbst missachten und
zerstören.
Hannover, Juli 2002
Dokument Information:
Veröffentlicht in politik unterricht aktuell, Heft 1/2002: 3-11
"Tod,
Haß und Ehre - Zur gesellschaftlichen Funktion mörderischer Selbstkonzepte"
Hannover, 2002. A 5,
kart. [ISBN 3-9807714-3-1 - ISSN 0945-1544]
Herausgeber: Verband der Politiklehrer e.V., Hannover
Vorsitzender: OStR Gerhard Voigt OStR i.R. (seit 2009). Potsdamer Str.
20, 30952 Ronnenberg / Region Hannover
eMail:
politiklehrerverband.voigt@web.de
http://www.voigt-bismarckschule.de
Internetpublikation 2002 auf
http://pu-aktuell.de/pua2002/Gholamasad_Selbstmordattentate.htm
Letzte Überarbeitungen: 1.8.2004 / 02.12.2011
auf http://www.unesco-club-hannover.de
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