UNESCO-Club Hannover

UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V.

Inhaltsüberblick, Berichte, Veröffentlichungen

 

I. Iran-Reise 1970

Presseberichte

Zur Übersicht "Iran-Schwerpunkt"

Fotogalerie über Iran
auf dem persönlichen Web von Gerhard Voigt

 

Eilers/Voigt:

Zwei Monate lang im VW-„Käfer“ über Schotterstraßen und Wüstenpisten

Ein Osteroder Student und sein Studienkollege gingen auf Examensfahrt in den Iran

OSTERODE/HANNOVER. Die letzten Vorbereitungen sind gelaufen. In diesen Tagen fahren der Osteroder Student Wilfried Eilers (25) und sein Kommilitone Gerhard Voigt auf eine Expedition in den Iran! Zwei Mann von der Technischen Universität Hannover wollen im „Käfer“ den Spuren Alexanders des Großen fol­gen, um die Stätten des altpersischen Reiches zu sehen und eine wissenschaftliche Arbeit im Landstrich am Persischen Golf zu machen. Was die beiden Geographie-Studenten auf ihrem Trip, der in seiner Länge von 20.000 Kilometern dem halben Erdumfang entspricht, erleben, werden die Leser des „Harzkurier“ spä­ter mitverfolgen können. Wilfried Eilers schickte uns noch vor der Abfahrt eine Beschreibung der Reiseroute und erklärte den Ablauf der Arbeiten im Iran:

„Für uns ging es bei der Wahl unseres Themas darum, ein Gebiet zu finden, in dem die natürlichen Einflüsse auf die Lebensbedingungen und die Wirtschaftsweise des Menschen besonders deutlich werden. Dies ist eine Kern­frage der Geographie. Ihre Beantwortung wird in Gebieten extremer Klimabedingungen erleichtert. Auch das Ver­ständnis der eigenen Umwelt wird erleichtert durch die Kenntnis der Extrembedingungen. Die Grenzen der Be­siedlung und des Ackerbaus weisen auf die natürlichen Bedingungsfaktoren hin.

Nach ersten ,Wüstenerfahrungen‘ bei Kartierungen in der algerischen Sahara, der besonderen Domäne des Geographischen Institutes der TU Hannover, fiel unsere Wahl auf die Trockengebiete des Südwestirans. Zugege­ben, eine besonders aufwendige Themenstellung, von der wir uns aber auch besonders wertvolle geographische Er­geb­nisse erhoffen.

Im Südwestiran stoßen die inneriranischen Hochflächensteppen und Wüsten, in ihrer extremen Form als Salz­wüsten auch Kawire genannt, auf die mächtige Kette des Zagros-Gebirges, das in steilem Abfall, nur von we­nigen, verkehrsfeindlichen Pässen durchschnitten, zur Küstenebene des Persischen Golfes abfällt.

Erdöl – persisches Gold

In den sumpfigen Ebenen der persischen Golfküste liegt das Zentrum der iranischen Erdölförderung. Im äußersten Südwesten des Landes, nahe der irakischen Grenze am Schatt-al-Arab, entstand die ,Erdölstadt‘ Abadan, mit Raf­fi­nerieanlagen, die zu den größten der Welt gehören. Pipelines führen das Öl von den Bohrstellen im seichten Wasser des Golfes und auf den angrenzenden Küstenebenen zu den Raffinerien und den Verladeeinrichtungen in den Häfen. Der Puls der Wirtschaft wird bestimmt vom Erdöl.

Die Arbeit im Untersuchungsgebiet

Das Zentrum unseres Gebietes ist die etwa 200.000 Einwohner zählende Provinzhauptstadt Schiraz, berühmt vor allem durch ihre Gärten, Rosen und Wein und die Grabmale der beiden persischen Nationaldichter Saadi und Ha­fez.

Die Provinz Fars ist das kulturgeschichtliche Zentrum des Irans. Die Parsi, von deren Namen ,Persien‘ – und auch ,Fars‘ – siedelten vor allem hier, in der Umgebung von Schiraz. Die Bedeutung dieser Gegend wird deutlich durch die mächtigen altpersischen Ruinen von Persepolis, das schon Alexander der Große auf seinem Zug in den Osten erobert hatte.

Für uns wird es vor allem von Bedeutung sein die natürlichen, räumlich erfaßbaren Bedingungen in einem Kulturland alter Tradition zu beobachten, das im Laufe seiner wechselvollen Geschichte in Phasen politischer und wirtschaftlicher Ohnmacht zu seiner heutigen Situation als Entwicklungsland zurückgesunken ist.

Unsere Reise

Die eben geschilderte Arbeit im Gelände wird sicher drei bis vier Wochen in Anspruch nehmen.

Interessant wird es jedoch auch sein, die Routen der Hin- und Rückfahrten thematisch auszuwerten. Die Reise soll mit dem Pkw erfolgen. Das bedeutet insgesamt ca. 20.000 km Fahrt über Straßen verschiedener Qualität, von der Autobahn bis zur nahezu unbefahrbaren Schotterpiste, eine Fahrt durch acht Länder in Europa und Asien.

Daß unseren geographischen Interessen dabei einige Anregungen geboten werden, versteht sich von selbst. Wir werden deshalb auch zwei verschiedene Routen für die Hin- und Rückreise wählen, so daß noch einmal vier Wochen Fahrt hinzukommen. Die Strapazen für Fahrer und Wagen werden für uns wettgemacht durch die vielfäl­ti­gen Reiseeindrücke. Die Route hat in etwa folgenden Verlauf:

Über den Tauernpaß fahren wir zur sogenannten Transbalkanischen Straße. In Jugoslawien werden wir Ljubl­jana, Zagreb, die Hauptstadt Belgrad und die an der Abzweigung nach Sofia gelegene altserbische Stadt Niš durch­fahren. Hier schon finden wir aus der Zeit des osmanischen Reiches die ersten orientalischen Einflüsse in Lebens­form und Siedlungsweise. Das verstärkt sich auf der Strecke durch Bulgarien über Sofia und Plovdiv bis in die Türkei hinein zusehends.

An der Grenze von Europa nach Asien, an der Nahtstelle von Okzident und Orient liegt Istanbul, oft als eine der schönsten Städte der Welt gerühmt. Der Vergleich der Siedlungsformen erhält weitere Nahrung durch den Be­such so gegensätzlicher Städte in der Türkei wie Ankara, als modernem Verwaltungssitz und Kayseri, einer alt­türki­schen Festungsstadt.

Über Täbriz, Teheran und Isfahan erreichen wir nach einigen Tagen unser Untersuchungsgebiet. Wie schon ge­sagt, werden wir versuchen, von Schiraz aus unsere Untersuchungen durchzuführen. Auf einer schlechten Schot­ter­piste über die Pässe des Zagros-Gebirges, führt unser Weg zum Hafenort Bandar Buscher. Von dieser Piste, ebenso wie direkt von Schiraz aus, müssen wir versuchen, so weit wie möglich nach Osten und Westen in das Ge­birge ein­zudringen. Eine speziellere Untersuchung der Küstenlandschaft des Persischen Golfes muß sich daran an­schließen.

Die Rückreise

Ein Vergleich von Landschaften der Küstenregionen wird auch das Leitthema unserer Rückreise werden. Es liegt nahe, von Teheran aus an das Ufer des Kaspisees zu fahren und von dort aus zurück über das schroffe Elburz-Ge­bir­ge mit Gipfeln über 5000 m Höhe nach Azarbaidjan.

Die zentrale Stadt hier ist Täbriz. Auch hier finden wir Zeugen alter Kulturen, Moscheen, Festungsruinen und wildromantische Siedlungen.

Die Küste des Schwarzen Meeres in der nördlichen Türkei, der Bosporus und das Marmara Meer werden un­se­re nächsten Ziele in der Türkei während der Rückreise sein. Von Istanbul liegt es dann nahe, einen Abstecher nach Griechenland zu unternehmen. Auf der landschaftlich reizvollen Küstenstraße der nördlichen Agäis errei­chen wir Thessaloniki. Diese Hafenstadt und ihr wachsender Ballungsraum geben den Kontrast zu den altgriechi­schen Kultstätten am Berg Olympos, dem Wohnsitz der aus der Sage her bekannten griechischen Götter.

In die Welt der byzantinisch-orthodoxen Kirche führt uns die Fahrt über die Klosterstraße von der nach dem Erdbeben wieder aufgebauten Stadt Skopje nach Belgrad. Ein eigener Kulturbereich zwischen dem türkisch ge­präg­ten Balkan und dem mitteleuropäischen Bereich österreichischer Provenienz ist Ungarn. Durch die Donau-Theiss-Ebene, die vielgerühmte, heute durch die Landwirtschaft zurückgedrängte Puszta, führt unser Weg nach Budapest. Interessant wird es sein, Veränderungen in diesem Lande seit einer Reise vor einigen Jahren zu beob­achten. Den Abschluß bildet die Fahrt über Wien, Linz und Passau zurück nach Hannover.“

Harzkurier, Samstag, 12.8.1970

Kartenskizze der Reiseroute 1970 von Gerhard Voigt und Wilfried Eilers
(Scan aus dem Zeitungsdruck, daher drucktechnisch nicht besonders gelungen. Die ursprüngliche Druckvorlage lag bei der Web-Erstellung nicht mehr vor).

 

Eilers/Voigt:

Im September soll es losgehen:

Osteroder Student folgt im „Käfer“ den Spuren Alexanders des Großen

Fahrt über elf Grenzen, über Pässe, Schotterpisten und Wüstenstraßen – 20.000 Kilometer im Pkw für eine Examensarbeit – Geographische Studi­en am Persischen Golf

OSTERODE. Der „Count Down“ läuft, die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Nur noch wenige Wo­chen trennen den Osteroder Studenten Wilfried Eilers von jenem „Tag X“, an dem er seinen Käfer besteigt, um gemeinsam mit einem Kommilitonen in Richtung Persien aufzubrechen. Wovon Pennäler nur träumen, wenn sie mit halbem Ohr im Geschichtsunterricht vom großen Zug gen Osten jenes legendenumwobenen Herrschers Alexander des Großen hören, das wird für die Zwei-Mann-Expedition von der Technischen Uni­versität Hannover jetzt Wirklichkeit Sie werden die Stätten des altpersischen Reiches zu sehen bekommen. Ihr Interesse allerdings liegt auf einer anderen Ebene: Zweck der strapaziösen Reise, die sie bis an den per­sischen Golf führen soll, ist das Zusammentragen wissenschaftlichen Materials für eine geographische Ex­amensarbeit, an der die beiden Studenten gegenwärtig arbeiten. Wilfried Eilers (25) erläutert: „Thema unse­rer Arbeit ist die natur- und wirtschaftsgeographische Analyse des Gebietes zwischen Schiraz und der Ha­fenstadt Bandar Buscher im Südwestiran.“ Das Gebiet liegt in der iranischen Provinz Fars. Jener Land­strich war im Altertum das Kernland des altpersischen Reiches. Nicht weit von den Trümmern der einstigen Metro­pole Persepolis – jener Stadt, die Alexander der Große im Jahre 332 v. Chr. in Brand stecken ließ – entfernt liegt die heutige Hauptstadt der Provinz Fars: Schiraz. „Wir werden etwa zwei Wochen benötigen, bis wir dort angekommen sind“, schätzt Eilers. Einen Monat lang will er dann von Schiraz aus zusammen mit sei­nem Reisegefährten Gerhard Voigt aus Hannover geographische Studien treiben.

Neue Aufgaben der Geographie

Vor hundert Jahren zogen Forscher aus, unbekannte Gegenden zu bereisen und zu beschreiben. Weltberühmt ge­worden sind die Reisen von Livingstone, Nansen, Amundsen, Alexander von Humboldt oder Sven Hedin – immer mehr „weiße Flecken“ auf den Landkarten verschwanden. Heute arbeitet der Geograph in Gegenden, die bekannt und oft sogar schon touristisch erschlossen sind, wenn er es nicht vorzieht, spezielle Fragen in der eigenen Heimat zu bearbeiten. Die Geographie hatte heute andere konkretere Fragen zu beantworten, als nur „weiße Flecken“ auf der Landkarte zu tilgen. Ihr stellt sich die Aufgabe, unsere Umwelt zu beschreiben, die in der Landschaft wirken­den Kräfte zu analysieren und die räumlichen Probleme von Ländern und Gebieten zu verstehen. Umweltschutz und Verbesserung der Existenzbedingungen sind brennende Probleme, die ohne ein umfassendes Verständnis räumlicher Faktoren nicht zu bewältigen sind.

Was haben Eilers und Voigt zu tun?

Stärker als in unseren Breitengraden machen sich in den klimatischen Extremgebieten unserer Erde die natürli­chen Bedingungen für das menschliche Leben bemerkbar. Das Leben in trockenen Ländern – sei es nun in Nord­afrika oder auch in Persien – ist bestimmt durch das Warten auf die spärlichen Regenfälle, durch kostspielige Brunnenbau­ten und Bewässerungsanlagen. Das setzt eine genaue Kenntnis der Geländeform voraus. Hier Antwor­ten zu geben ist die Aufgabe der Geomorphologie – der Lehre von den Oberflächenformen und ihrer Entwicklung. Dazu kommt die Pflanzenwelt und ihre Abhängigkeit vom lokalen Klima. Beides steht in enger gegenseitiger Wechselwirkung. „Eine unserer wichtigsten Aufgaben im Iran“, so Eilers, „wird es daher sein, genaue Aufzeich­nungen über Oberflächen­formen und Pflanzenbedeckung anzufertigen“.

Damit nicht genug

Der zweite Themenbereich jeder geographischen Analyse betrifft die Umgestaltung der Landschaft durch mensch­li­che Siedlung und Wirtschaft in ihrer Abhängigkeit von den natürlichen Gegebenheiten. Der TU-Student: „In Süd­westiran finden wir eine weite Skala kulturlandschaftlicher Formen von primitivem Feldbau auf Regenverdacht bis zu modernen Bewässerungssystemen, kleinen Ackerbausiedlungen und -dörfern bis zu großen traditionsreichen Städten mit allen Möglichkeiten urbanen Lebens.“

Hier nennt Eilers die Metropole Teheran, Isfahan, die Stadt der Moscheen, Abadan, den größten Erdölhafen Persiens zugleich Zentrum der chemischen Industrie und Schiraz, die Stadt der Gärten und Dichter. „Unsere Auf­gabe wird es sein“, fährt der 25jährige fort, „die Probleme, die sich aus diesen kontrastreichen Lebensbedingungen ergeben, besser zu verstehen. Kulturelle und religiöse Tradition trifft auf für die Landwirtschaft ungünstige Bedin­gungen, und eine wenig entwickelte wirtschaftliche Infrastruktur – Tradition und Armut sind die ,ty­pi­schen Bedin­gungen‘ für ein ,Entwicklungsland alter Kultur‘. Welche Trends sich im Zeitalter der Entwicklungshilfe, der in­terna­tionalen Verflechtung, des sozialen Aufbegehrens abzeichnen, wie diese Trends sich mit den natürlichen Ge­geben­heiten und der geschichtlichen Situation vereinbaren lassen: das wenigstens umrißhaft zu erkennen, ist die wichtigste Aufgabe einer modernen geographischen Arbeit.“

Sommerstart mit Winterreifen

Ehe die beiden Studenten der Technischen Universität Hannover jedoch hierzu ihren Examensbeitrag geleistet ha­ben, ist nicht nur viel wissenschaftliche Mühe nötig, auch körperlich wird es manche noch unvorstellbare Bela­stung geben. Schon die Anfahrt zum Forschungsraum fordert ihren Tribut. Elf Ländergrenzen müssen passiert werden, Schotterpisten, Gebirgspässe und Wüstenstraßen werden den beiden Autofahrern viel abverlangen. „Sie werden Winterreifen mitnehmen müssen“, meinte Wilfried Eilers Vater. Im übrigen jedoch werde kein Spezial­fahrzeug benutzt, sondern ein gewöhnlicher „Käfer“, wie er zu Hunderttausenden die Landstraßen befährt. Was die Geogra­phen auf ihrem Trip, der in seiner Länge von 20.000 Kilometern dem halben Erdumfang entspricht, erle­ben, werden die Leser des „Göttinger Tageblatts“ in den nächsten Wochen mitverfolgen können. Wilfried Eilers versprach uns, sich ab und zu zu melden, soweit die postalischen Bedingungen in Vorderasien das möglich ma­chen.

Göttinger Tageblatt, Samstag, 1.8.1970

 

Eilers/Voigt:

Osteroder Geographiestudent

Auf der Transbalkana unterwegs nach Persien

Wilfried Eilers berichtet für die Leser des GT – Zöllner fragte: „Haben Sie Pistolen?“

OSTERODE. Am 8. September brach der 25 Jahre alte Geographiestudent Wilfried Eilers aus Osterode ge­meinsam mit seinem Studienkamerad von der Technischen Universität Hannover, Gerhard Voigt, zu einer wissenschaftlichen Expedition nach Persien auf. Die beiden Studenten die – wie bereits berichtet – am Per­si­schen Golf Material sammeln wollen für ihre geographische Examensarbeit, starteten von Hannover aus und wollen mit einem Pkw auf dem Landweg bis Schiraz in der persischen Provinz Fars. Hatten sie ur­sprünglich beabsichtigt, die 20.000-Kilometer-Route ihrer Expedition mit einem „Käfer“ zurückzulegen, mußten sie im letzten Augenblick – wie das GT gestern von Eilers’ Schwester erfuhr – auf einen „VW-Vari­ant“ umsteigen, da sie wegen des bevorstehenden Winters auch vier Spezialreifen in ihrem Gepäck mitneh­men müssen. Wie das GT bereits ankündigte, werden die Persienfahrer von Zeit zu Zeit den Lesern unserer Zeitung brieflich über ihre Erlebnisse während der Fahrt und ihres Aufenthalts im Iran berichten. Die er­sten beiden Luftpost­briefe erreichten jetzt unsere Redaktion. Nachfolgend veröffentlichen wir Brief Nr. 1, geschrieben am 11. September, 100 Kilometer vor Istanbul.

Die Balkanstaaten sind in einer rasanten Entwicklung begriffen. Das war unser erster Eindruck von unserer Fahrt in den Orient, die uns auf der „Transbalkana“, der 1500 km langen Schnellstraße quer durch Jugoslawien und Bulgarien bis nach Istanbul führte. Überall trafen wir auf groß angelegte Baustellen. Der älteste Teil dieser Trans­balkanstraße ist die Strecke von Ljubljana nach Niš in Jugoslawien. Dieses Land hat zu kämpfen mit den vielen Provisorien der er­sten Ausbaustufe der „autoput“. Der in den letzten Jahren stark angestiegene Touristik- und Frachtverkehr hat die Planungen überrollt. Wir fanden daher streckenweise aufgebrochene und überlastete Stra­ßenabschnitte neben kilo­meterlangen Baustellen. Der große „Griff“ einer generellen Erneuerung dieser Straße fehlt in Jugoslawien bislang noch.

Streckenweise vierspurig

Überrascht waren wir dagegen von den ausgezeichneten, neuen Straßen in Bulgarien. Bis auf einige unfertige Stellen ist die Transbalkana hier sehr großzügig und verkehrssicher, streckenweise sogar vierspurig ausgebaut.

Neben einem mittleren Lkw-Verkehr trafen wir vorwiegend auf Pkw mit deutschen Kennzeichen, ein Teil si­cher gesteuert von heimkehrenden türkischen Gastarbeitern. Das bestätigte sich auch an den jugoslawischen, bul­ga­rischen und türkischen Zollabfertigungen die, das sei hier hervorgehoben, in allen Fällen höflich, zügig und so­gar deutschsprachig vonstatten ging.

Erheiternd war die bulgarische Zollkontrolle in Euzonoi. Die einzige Frage des Beamten galt den – nicht vor­handenen – Pistolen oder anderen Waffen. Nachdem er einen Kamerafilter daraufhin untersucht und zum Schießen als untauglich befunden hatte, war die Zollkontrolle vorbei, und mit einem freundlichen „Gute Reise“ entließ er uns in Richtung Sofia.

Notbehelf statt Architektur

Hinsichtlich der Entwicklung im Balkan muß noch die starke Bautätigkeit in den Großstädten hervorgehoben wer­den. In den meisten Fällen handelt es sich um in Leichtbauweise hochgezogene Wohnblöcke, ohne besondere Reize für das Auge, mehr Notbehelf als Architektur. Ganze Stadtviertel, mit den dazugehörenden Straßenbauarbei­ten, ver­sperrten uns den Weg nach und durch Zagreb, der zweitgrößten Stadt Jugoslawiens. Es mag merkwürdig klingen, daß wir vom „autoput“ aus Zagreb zuerst nicht fanden und nur nach vielen Umleitungen und Rückfragen bei Poli­zeibeamten schließlich ins Zentrum gelangten.

Überrascht fanden wir in der Heimat der weltberühmten „Zagreber Solisten“ eine Stadt wie sie in ihrem Lärm und ihrer Hektik und ihren schnell wachsenden Vorstädten prosaischer nicht gedacht werden konnte. Nach unserer ca. 16stündigen Fahrt von Hannover aus, hielt uns dann auch nicht mehr viel in dieser Stadt.

Wie viel mehr architektonische Reize hat dagegen die Hauptstadt Belgrad. Sie ist eines der wenigen indu­striel­len Zentren dieses Landes, in dem noch immer mehr als 60 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben.

Kummer mit dem Wohnungsbau

In einem interessanten Gespräch mit einem Beamten aus Belgrad, konnten wir uns ein Bild von den Problemen ma­chen, vor die die jugoslawische Hauptstadt, aber auch andere jugoslawische Städte gestellt werden. Viele Land­arbei­ter ziehen in die Städte, wo neue Industrien wuchsen, die in den jetzigen Jahren oft in Zusammenarbeit mit ausländi­schen Großunternehmen entstanden sind. Er wies besonders darauf hin, daß das staatliche Wohnungsbau­programm die Planungen der letzten Zeit ständig revidieren mußte, und dennoch den wachsenden Anforderungen kaum ent­spricht.

Göttinger Tageblatt, Samstag, 19.9.1970

 

Eilers/Voigt:

Istanbul ist ein Schock

Bakschisch und türkische Kontraste

OSTERODE. In unserer Sonnabend-Ausgabe druckten wir den ersten Brief des Osteroder Geographiestu­den­ten Wilfried Eilers ab, der sich gegenwärtig mit einem Studienkollegen aus Hannover auf dem Weg zum Persischen Golf befindet, wo die beiden Studenten Material für ihre Examensarbeit sammeln wollen. Heute nun der zweite Brief, in dem Eilers seine Eindrücke vom Orient wiedergibt.

„Der Orient beginnt da, wo der Reisende noch als reich gilt“, so habe ich irgendwo gelesen und diesen Reichtum muß der Reisende teilen. In viele kleine Trinkgelder für nicht verlangte Dienste, für teure Preise in Bazaren.

Die Sonne hatte ihre Mittagshöhe gerade erreicht, als wir durch verschlungene Gassen und auf steilen Trep­pen zum Castell von Ankara emporstiegen. Zwei halbwüchsige Jungen „erklärten“ uns radebrechend die Stadt. Vor der letzten Treppe nun sagten sie uns, daß die Zitadelle heute geschlossen sei, aber dies wäre das „Plateau des Bakschi­sch“, die Plattform des Trinkgeldes, und das wäre doch auch etwas Feines.

Der Orient lebt von den Kontrasten: Hier die ernste und hoheitsvolle Weite der Blauen Moschee, ausgelegt mit dunkelroten Gebetsteppichen (die wir nur in Strümpfen betreten durften), geschmückt mit blauweißen Fay­ence-Ornamenten ... dort, vor der Tür, das Feilschen und Handeln von Kindern und Halbwüchsigen, Souvenirs, Schuhe­putzen, stechende Sonne, Verkehrslärm, alles gehört zusammen.

Dann, kurz hinter Istanbul bei einer kleinen Rast: ein kleiner, vielleicht fünfjähriger Hütejunge inmitten sei­ner weidenden Schafe, hockt in respektvoller Entfernung vom Wagen und schaut uns zu. Kaum ein Lächeln, kein Wort, nur Staunen und viel Zeit.

Das westliche Auge wird hilflos

Istanbul ist nur mit den Sinnen zu erfassen. Abschreckend, oft brutal drängt es auf den Besucher zu. Schon die ge­waltigen Steinmassen der Moscheen, der Paläste entziehen sich der begrifflichen Vorstellung. Als Sultan Achmed die – im Türkischen nach ihm benannte – „Blaue Moschee“ errichtete, fügte er ihr als einziger Moschee sechs Mi­narette hinzu. Es heißt nun, daß er als Sühne für seine Anmaßung für das Heiligtum in Mekka einen siebenten Turm spen­den mußte. Im Sultanspalast, wohlbehütet zwischen den Schätzen der einstigen Herrscher des osmani­schen Reiches, funkelt der 86karätige, kinderfaustgroße Topkapi-Diamant, gefaßt von einem Ring weiterer Dia­manten.

Das Auge des an westlicher Architektur geschulten Betrachters, von früh an mit Proportionen und Symme­trien vertraut, wird hilflos vor den wuchernden Bauformen, der ständigen Variation der Form und den sich schein­bar ins Unendliche erstreckenden Ornamenten, Arabesken und Schriftzügen. Erst sehr langsam werden die inne­ren Bezie­hungen der Bauglieder zueinander, ihre in Lebensgewohnheiten und im Rituellen wurzelnde Komplexität erkennbar.

Von Istanbul nach Ankara

Istanbul ist ein Schock! Größer, lauter als die Metropolen Nordafrikas, fremder, aufdringlicher als die Städte des Balkans! Leichter erschließt sich uns Ankara. Die großzügigen Planungen der neuen türkischen Kapitale seit Ke­mal Atatürk, bewußt an westlichen Vorbildern orientiert, legt sich wie ein orientierendes Netz über die alte, eng besiedelte Altstadt. Nicht gleich wird der Beschauer gewahr, daß auch hier römische, byzantinische und altislami­sche Tradition die Stadtentwicklung bestimmen.

Die „junge“ Stadt Ankara hat geschichtliche Wurzeln bis in die vorrömische Zeit. Ist es die Einwirkung der Umwelt oder wohnt hier ein anderer, verschlossenerer Menschenschlag als unten am Bosporus? Die orientalischen Verhaltensweisen sind hier gemildert, der Umgangston zurückhaltender.

Mehr Fragen als Antworten

Städte im Orient – mehr Fragen als Antworten! Kontrast zwischen der lärmenden Fassade und dem verschlosse­nen, nur an seinen Zeugnissen in der Umwelt erkennbaren „Dahinter“.

Wir werden versuchen müssen, im ständigen Vergleich diese Fragen näher zu durchleuchten und in Bezie­hung zu setzen mit unserem geographisch-begrifflichen Instrumentarium, so daß aus den sich überstürzenden Ein­drücken eine nachprüfbare Erkenntnis herauskristallisiert werden kann.

Göttinger Tageblatt, Dienstag, 22.9.1970

 

Eilers/Voigt:

Die Erben Atatürks kämpfen gegen die Natur

Probleme der Wirtschaftsentwicklung in der heutigen Türkei

ANKARA. Eine Faustregel besagt, daß sich die für den inneren Ausbau benötigten Investitionen innerhalb eines Landes mit der Größe des Landes potenzieren lassen. So problematisch eine solche Merkformel auch sein mag, um so erstaunlicher war es, im Verlauf unserer Fahrt die Kulturlandschaften der durchfahrenen Länder darauf hin zu vergleichen, Wie die Gründe auch im einzelnen sein mögen, so konnten jedoch folgen­de Vergleiche gezogen werden: Schon in unserem letzten Bericht schrieben wir über die überraschenden Entwicklungen in Bulgarien. Hier ist es nötig, noch einmal in die Erinnerung zurückzurufen, daß auch die bulgarische Agrarlandschaft ausgezeichnet war durch sorgfältige Bewirtschaftung, den augenblicklichen Markterfordernissen angepaßte Spezialkulturen und eine rationelle Gliederung der zur Verfügung stehen­den Fläche.

In dem größeren Jugoslawien war die Durchrationalisierung der Agrarlandschaft noch längst nicht so weit fortge­schritten und auch die BRD schneidet in diesem Vergleich nicht sonderlich gut ab. Damit sollte kurz skizziert wer­den, welchen Problemen sich die Türkei mit ihren ca. 770.000 qkm gegenübergestellt sieht. Auf einem Gebiet mehr als dreimal so groß wie die BRD leben nur 30 Mio. Menschen, das sind im Durchschnitt 38 Einwohner pro qkm. Dennoch führt das Wachstum dieser Bevölkerung zu Wirtschafts- und Wohnungsnot in den Großstädten, be­sonders in Istanbul; denn die Bevölkerung wächst ungleichmäßig, konzentriert auf die Städte, deren Probleme durch eine ständige Landflucht noch verstärkt werden. Das führt in Istanbul zu beinahe chaotischen Zuständen. Der traditionelle Lärm und die Hektik der Orientstädte werden hier potenziert durch Wohnungsnot, ungenügendes Wirtschaftswachs­tum im Stadtbereich und die in der heutigen Zeit kaum mehr ausreichende Baustruktur der Stadt.

Ankara hatte den Vorteil, nach seiner Ernennung zur Hauptstadt durch den „Vater der modernen Türkei“, Ke­mal Atatürk, in einer gewaltigen Bauanstrengung einen, auf die heutige Zeit ausgerichteten Rahmen angepaßt zu bekommen. Das ausufernde Istanbul dagegen ist hinausgewachsen über die Möglichkeit einer planvollen Neu­gliede­rung. Nur ein jahrzehntelanger Anpassungsprozeß mag gewisse Erleichterungen schaffen.

Die Landwirtschaft der Türkei sieht sich verschiedenen Problemen gegenübergestellt. Da ist zum einen die zu­nehmende Trockenheit nach Südosten hin, dann die anbaufeindliche Natur der mediterranen Felsenküsten und schließlich die ungünstige Ausstattung des anatolischen Hochlandes in Bezug auf Boden und Wasserhaushalt. Nur durch großen Kapitalautwand. den die Türkei derzeit nicht von sich aus aufbringen kann, sind Intensivierungen des Anbaues möglich. An diesem Kapitalmangel und dem immer noch vorhandenen Bildungsdefizit der türki­schen Landbevölkerung scheitert auch eine marktorientierte Erzeugung von landwirtschaftlichen Spezialproduk­ten.

Die nicht zu unterschätzenden Devisen, die durch die türkischen Gastarbeiter in die Türkei fließen, reichen bei weitem nicht aus, die Infrastruktur, als Voraussetzung wirtschaftlichen Wachstums, zu verbessern. So wäre, nach den Möglichkeiten des Tourismus zu fragen. Hier wird es die Türkei nicht einfach haben. Die Bevölkerung sieht, was in ihrer Armut verständlich ist, im Touristen keinen Gast oder Geschäftspartner, sondern den reichen Mann, für den es selbstverständlich ist, bei jeder sich nur gebenden Gelegenheit Trinkgelder auszuteilen. Ehe nicht wenigstens die gröbsten sozialen Spannungen zwischen dem Touristen und seinem Zielgebiet beseitigt sind, dürfte die Türkei nur wenig an Attraktivität gewinnen. Unsere Eindrücke von der türkischen Landschaft und den türki­schen Städten, allen voran Istanbul, sind zu vielfältig, um auf einen gemeinsamen Nenner gebracht zu werden. Die Kontraste die den Orient prägen sind auch kennzeichnend für die moderne Türkei. In weiteren Vergleichen auf unserer Fahrt durch die östliche Türkei müssen wir sehen, wie diese vielfältigen Eindrücke noch eindringlicher zu fassen und zu geogra­phisch auswertbaren Erkenntnissen zu verdichten sind

Harzkurier, Dienstag, 22.9.1970

 

Eilers/Voigt:

Vor Ürgüp ging ihnen das Benzin aus

Voigt und Eilers haben Persien erreicht

OSTERODE. Die beiden Weltenbummler Gerhard Voigt (Hannover) und Wilfried Eilers aus Osterode, über deren Fahrt an den Persischen Golf das GT bereits berichtete, haben den Iran erreicht. Dies geht aus dem Poststempel (Bandar Pahlavi) hervor auf dem Luftpostbrief vom 18. September, der gestern in der GT-Re­daktion eintraf. Nachstehend der dritte Bericht des Osteroder Geographiestudenten W. Eilers:

Nicht immer liegt das Interessanteste sozusagen „am Wege“. Wenn das Durchfahren einer Landschaft nicht nur Episode bleiben soll, bedarf auch die Routenzusammenstellung außerhalb des eigentlichen Zielgebietes einer gründ­lichen Planung. Obwohl unsere Reise in den Orient eine unmittelbare geographische Fragestellung im Raum von Südwest-Persien zum Anlaß hat, versuchen wir, auf unserer 6500 km langen Anfahrt zusätzliche Eindrücke und Er­lebnisse mitzunehmen. Daß dabei einige interessante Probleme angeschnitten werden, haben wir den Lesern des GT in unseren vorherigen Berichten schon geschrieben.

Eine neue Dimension unserer Reise wurde angerührt bei der Fahrt durch die alte Kulturlandschaft der zentra­len Türkei. Hier liegt die altrömische Festung Cesarea, die heutige Stadt Kayseri. Aber auch sie war nicht der erste Siedlungsversuch der Menschen in dieser Gegend, denn nur wenige Kilometer von Kayseri entfernt liegt die alte hethitische Kolonie Kanisch, oder wie heute die Türken sagen: Kültepe.

Der Vulkan Argäus

Viele Jahrhunderte verschüttet und vergessen, ist sie auch jetzt noch nicht vollständig ausgegraben. Bedeutende hethitische Kunstwerke aus dieser Fundstelle befinden sich im hethitischen Museum in Ankara.

Abgelegen von den großen Durchgangsstraßen liegt ebenfalls in der Nähe von Kayseri eine der seltsamsten Landschaften der Türkei. Der schon in der altgriechischen Literatur erwähnte, heute erloschene Vulkan Argäus (türk. Erciyes Dağı) und seine Nachbarvulkane, die Kayseri überragen, bedeckten einst weite Landstriche Kap­padokiens mit weichen Tuffen und Lavadecken. Die Erosion, die Abtragung durch das Wasser, hat hier einmalige phantastische Formen geschaffen. Aus dem ehemaligen Plateau wurden aufragende Formen wie Türme und Zin­nen herausgebil­det, jede von einer anderen Gestalt.

Höhlenkirchen

Fährt man durch dieses Gebiet hindurch, ergeben sich von Meter zu Meter wechselnde Blicke in steile Abbrüche, lange und dann sich weitende Täler und durch Felstürme, die an einen versteinerten Wald erinnern. Aber nicht das alleine macht die Bedeutung dieses Ortes aus. In diese weichen Erosionsreste hinein gruben frühchristliche Mön­che und sich von der Umwelt zurückziehende byzantinische Gemeinden ihre Klöster und Heiligtümer. Die Erosi­onsland­schaft um Ürgüp wurde ein geistiges Zentrum byzantinischen Christentums. Vor allem im 10. bis 11. Jahr­hundert hatte es als Bischofssitz Bedeutung.

Ohne eigenen Stil

Interessant mag es auch sein zu beobachten, daß die Baumeister jener Epoche keinen neuen Stil für ihre Höhlen­kir­chen entwickelten, sondern die architektonischen Formen der traditionellen Holz- und Steinkirchen mit all ih­ren in der Höhle funktionslos gewordenen statischen Elementen übertrugen. Die Ausschmückungen und Fresken haben bedeutenden ikonographischen Wert.

Heute befindet sich mitten zwischen diesen Kirchen ein türkisches Großdorf mit Bakschisch heischenden Kin­dern und orientalischem Lärm. Hier trafen wir auch, das sei am Rande bemerkt, eine Gruppe Tübinger Wel­tenbumm­ler mit ihrem zerschlissenen und buntbemalten VW-Bus. Für uns kamen sie wie gerufen, denn zwei Tankstellen versagten uns ihre Dienste aus Mangel an Benzin, so daß wir buchstäblich mit dem letzten Tropfen vor die Tore Ürgüps rollten.

Die rauhe Wirklichkeit

So stehen wir immer zwischen den Erfordernissen der unmittelbaren Gegenwart (wo essen, schlafen, tanken?) und den oft überwältigenden Zeugen einer großartigen Natur und der weit ins Dunkel zurückreichenden Geschichte des Menschen.

Göttinger Tageblatt, Mittwoch, 23.9.1970

 

Eilers/Voigt:

Eghlid ist so groß wie Osterode

Impressionen aus einer persischen Kleinstadt

OSTERODE. Nach längerer Pause erreichte jetzt wieder ein Brief der beiden Persienfahrer – des Osteroder Geographiestudenten W. Eilers und seines Kommilitonen G. Voigt – das Göttinger Tageblatt. Es ist der er­ste Bericht aus dem Zielort Shiraz (der Hauptstadt der persischen Provinz Fars), in deren Umgebung die Ex­amenskandidaten hauptsächlich ihre Studien treiben werden. In dem vorliegenden Brief schildern Eilers und Voigt das Leben in einer Kleinstadt 275 Kilometer nördlich von Shiraz dem 18.000-Einwohner-Städt­chen Eghlid.

Die Stadt liegt in 2000 Metern Höhe am Fuß des 3900 Meter hohen Kuh-e-Bul und ist zentraler Ort im Sharestan (Re­gie­rungs­bezirk) Abadeh. W. Eilers schreibt:

Es mag für die Leser in Osterode, das ja nahezu dieselbe Größe hat, interessant sein, etwas über das Leben in einer Kleinstadt in Persien zu erfahren. Eghlid mag typisch sein für eine Vielzahl persischer Landorte, vielleicht etwas größer, vielleicht etwas wohlhabender, noch verwurzelt in den traditionellen Lebensformen der persisch-is­lamischen Kultur. Aber auch hier will sich die Jugend nicht mehr immer mit dem Althergebrachten zufriedenge­ben, erste An­zeichen des Aufbegehrens sind der Drang, auf die Schulen in den größeren Städten zu gehen, um sich von dort aus eine Existenz aufzubauen oder auch der (zum Entsetzen der noch im Religiösen verankerten älteren Generation) ständig steigende Verbrauch des vom Koran verbotenen Alkohols in der jüngeren Generation. Aber dennoch weiß man den Respekt, jedenfalls in der äußeren Form, vor den Oberhäuptern der Familie zu wahren. Die ausgeklügelten Höflichkeitsriten bei Empfang und Bewirtung des Gastes werden noch befolgt.

Trotz Verbot: verschleiertes Gesicht

Obwohl im Rahmen der Emanzipationsgesetze durch Schah Reza Pahlewi in den dreißiger Jahren den Frauen das Tragen des Gesichtsschleiers verboten wurde, ist die völlige Isolierung der Frau aus dem öffentlichen Leben, be­son­ders in der Kleinstadt, noch lebendig. Im Hause des Gastgebers, besonders in den wohlhabenden Familien tritt die Frau bzw. Mutter niemals in das Blickfeld des Gastes, weder bei der Begrüßung, noch bei Tisch, noch bei ir­gendeiner anderen Gelegenheit.

Auf den Straßen gehen die Frauen in lange Umhänge verhüllt, die auch Kopf und Gesicht eng umschließen. Als Ersatz für den Schleier wird bei Begegnung mit Männern ein Teil des Tuches vor das Gesicht gehalten

Häuser ohne Fenster

Der besondere Stolz Eghlids ist es, eine Reihe Häuser aus gebrannten Ziegeln und Steinen zu besitzen. Der Groß­teil der Stadt ist jedoch nach Landesart aus luftgetrockneten Lehmziegeln errichtet. Die Häuser sind ohne Fenster nach außen in einstöckiger Bauweise auf kleine Innenhöfe und Gärten gerichtet. Liebevoll wird hier der wüsten­haften Trockenheit zum Trotz jeder kleine Baum, jede Blume gehegt und gepflegt. Was das in einem Trockenge­biet zu bedeuten hat, können wir uns in Deutschland kaum vorstellen.

Der durch Bauweise und Raulehmputz hervorgerufene Eindruck von Schmutz und Schlampigkeit wandelt sich beim Betreten eines solchen Hauses schlagartig. Die Sauberkeit der Räume, die geschmackvolle Einrichtung und die auf Temperaturausgleich bedachte Bauweise, brauchen einen Vergleich mit unseren Wohnungen nicht zu scheuen. Wertvolle Teppiche (selbstverständlich echte „Perser“!) bedecken die Böden, die üblicherweise nur auf Strümpfen betreten werden.

Beim nächstenmal mit Stuhl

Nach Landessitte setzt man sich nach der Begrüßung im Kreis auf den Boden. Aber – wieder ein Beispiel für das Einfühlungsvermögen der persischen Gastgeber – man hat es gemerkt, wie ungewohnt dieses Sitzen für uns ist, und so stehen bei nächster Gelegenheit wie selbstverständlich ein Tisch und Stühle im Raum, ein reichhaltiges Es­sen nach persischer Art wurde uns vorgesetzt (daß unseren empfindlichen Mägen manche der ungewohnten In­gredien­zien nicht bekommen, wird uns erst später klar!).

Wie selbstverständlich wird hier auch noch der traditionelle Unterschied zwischen den wenigen Familien der Besitzenden und einflußreichen Elite und der Masse der Bevölkerung respektiert. Daß sich diese Zustände auf die Dauer nicht werden halten lassen, zeigt die unbeständige Entwicklung in den größeren Städten. Hier sucht die persi­sche Regierung – wie erfolgreich, das mag dahingestellt sein – mit Maßnahmen der Bodenreform und der Wirt­schaftsentwicklung steuernd einzugreifen.

Zuckerfabrik aus Braunschweig

Ein Beispiel für wirtschaftliche Maßnahmen ist die Errichtung einer modernen Zuckerfabrik in Eghlid durch eine Braunschweiger Firma, die in diesen Tagen ihre endgültige Produktion aufnehmen wird. Aber auch das ändert nicht viel daran, daß nahezu alle Bewohner Eghlids direkt vom Ackerbau leben.

Göttinger Tageblatt, Donnerstag, 8.10.1970

 

Eilers/Voigt:

Fruchtbare Äcker am Rande der Salzwüste

Auf Schotterpisten und Karawanenstraßen durch den Vorderen Orient

OSTERODE/HANNOVER, Die beiden Studenten W. Eilers und G. Voigt – aus Osterode bzw. Hannover – sind seit Wochen auf einer ausgedehnten Studien- und Forschungsfahrt durch den Vorderen Orient unter­wegs. Von Fall zu Fall senden sie dem HARZKURIER Berichte zum jeweiligen Fahrtverlauf und zu den bis­herigen Reiseergebnissen. Ein weiterer Zwischenbericht erreichte uns gestern. Wir veröffentlichen ihn nachstehend.

Salzseen und Salzwüsten gibt es in allen Trockengebieten der Erde. Die meisten von uns werden vom großen Salz­see im Staate Utah in den USA gehört haben, wissen von den großen Salzflächen um diesen Salzsee herum, auf dem die schnellsten Landfahrzeuge getestet werden. Auch der Name „Hochland der Schotts“ wird manchem ver­traut im Ohr klingen, gemeint sind die großen, von Salzseen (Schotts) unterbrochenen Steppenhochflächen Nord­afrikas. Ebenso ritt Karl May’s Kara ben Nemsi bei seinen vielen Abenteuern im Nahen Osten über weite Salzflä­chen.

Aber nur wenige können sich eine wirkliche Vorstellung machen, wie solch eine „Salzpfanne“ entsteht und aussieht. Im südlichen Iran gehört die Salzfläche zum bestimmenden Formenschatz der Landschaft. Am typisch­sten sind wohl die überall auftretenden kleineren Salzseen, wie der Daryacheh-e-Maharlu, direkt vor den Toren von Shi­raz. Typisch ist wieder, daß Entstehung und Form mit den Schotts der nordafrikanischen Hochfläche auch bei gründlichem Vergleich übereinstimmen: Salz und Wasser schaffen unter gleichen Klimabedingungen gleiche For­men.

Der Daryacheh-e-Maharlu ist weder ein See in unserem Sinne, noch eine einfache Salzkruste, sondern ein viel­gestaltiges Gebilde. Eingebettet in eine weite Fläche von Schottern und feineren Sanden, begrenzt von zwei Gebirgs­ketten, gespeist von einem nur spärlich wasserführenden, im Sommer völlig versiegenden Fluß, entsteht an einer Stelle, an der durch eine gewisse Verebnung sich in unseren Breiten vielleicht ein kleiner Sumpf bilden würde, ein Salzsee. Durch die unregelmäßige Wasserführung können keine Uferlinien ausgemacht werden. Das leicht abfallende Gelände rings um den See wird zur Mitte hin immer salziger, bis die ersten Salzkristalle den Bo­den bedecken. Auch dann noch verändert der See sein Gesicht schnell. Auf dünnen, den Boden oder Schotter be­deckenden Salzkrusten, von der letzten Flut herrührend. folgte tiefgründiger, versalzener Morast, der von einer fe­sten Salzkruste bedeckt ist und noch feuchte, bei Auftreten glitschig erscheinende Sumpfstellen und schließlich hier und da offenes Salzwasser.

Trocknen diese ein, so bedeckt eine neue Salzkruste den Boden. Wenn die Salzsümpfe an der Oberfläche trocknen, entstehen bei der Auskristallisation interessante, reliefartig erscheinende Muster, sogenannte Polygone. Gewisse rhythmische Gesetzmäßigkeiten strukturieren und untergliedern die Fläche. Auch die Farbe des Salzes ändert sich je nach Zusammensetzung des einfließenden Wassers und der umliegenden Gesteine, von denen das Regenwasser zusätzliche Mineralien in das Becken bringt. Aber auch das strahlende Weiß, von dem wir so oft hö­ren, findet sich stellenweise.

Das Erstaunliche ist nun, daß gerade der Rand eines solchen Salzsees ein wichtiges Gebiet für den Ackerbau ist. In der Umgebung dieses Sees ist Grundwasser vorhanden, auch die Luft ist etwas feuchter als im Gebirge. Mit der, in diesen Gebieten überall notwendigen künstlichen Bewässerung, in unserem Fall betrieben mit Motorpum­pen, beugt das wieder abfließende Wasser einer ebenfalls drohenden Versalzung vor. Durch geschicktes Handha­ben der Bewässerungsabläufe kann so am Rande des vollkommen vegetationslosen Salzbeckens ein optimales Gleichgewicht von Wasser und Mineralien zum Zwecke des Ackerbaues hergestellt werden.

Die am Rande des Salzsumpfes noch wachsenden, besonders salzliebenden Pflanzen (Halophyten), dienen darüber hinaus noch als Weide für Schafe, Esel und einige Rinder. Weiter oben auf der Schotterfläche verliert sich der spärlich werdende Ackerbau in eine karge Gebirgssteppe.

An diesem Beispiel wird sichtbar, wie viele natürliche Grenzen das Leben des Menschen in diesen trockenen Gebieten behindern, wie beschränkt der Raum für sinnvolles Wirtschaften bis heute noch geblieben ist und welche kunstvollen und oft sehr aufwendigen Methoden angewandt werden müssen, um dem Menschen eine Existenzbasis zu sichern.

Harzkurier, 5.11.1070

 

Eilers/Voigt:

An der Endstation wurde ausgebeult

Beim ersten Male fuhren wir gegen einen Felsen

...denn der Bus war nicht mehr so ganz in Ordnung – Letzter Bericht der Persi­en‑Fahrer

OSTERODE. Es gibt zuweilen Autofahrer, die ihrem Unmut Luft machen über zu schmale Straßen, schlechte Fahrbahndecken, miese Verkehrsverhältnisse – wer kennt nicht das alte Lied. Daß es anderswo noch weit­aus schlimmer ist, soll kein Trost sein. Dennoch: es ist vielleicht ganz aufschlußreich, es einmal aufs neue zu erfahren. Wie eine Überlandfahrt in Persien vorsichgeht, schildert der nachstehende Bericht des Osteroder Geopraphiestudenten Wilfried Eilers, der sich kürzlich in Shiraz am Persischen Golf aufhielt. Mit dem heu­ti­gen Bericht schließt das GT die Serie von den beiden Iran‑Fahrern W. Eilers und Gerhard Voigt ab.

Auf unseren Fahrten kamen wir durch viele kleine Dörfer, abgelegen von den Hauptstraßen. Für unsere letzte Fahrt ins Gebirge wollten wir einmal sehen, wie sich der Überlandverkehr für die Einheimischen abwickelt. Wir ließen unseren Wagen in Shiraz stehen und kauften uns eine Busfahrkarte nach Ardekan, etwa 100 km nordwest­lich von Shiraz. Morgens, viertel vor neun, sollte es losgehen. Als wir ankamen, wurden noch eifrig Säcke auf dem Dach verstaut, einzelne Fahrgäste versuchten noch, den Preis herunterzuhandeln, der mit umgerechnet 2 DM für die 100 km erstaunlich niedrig lag. Nach einigen herzzerbrechenden Abschiedsszenen fuhren wir dann etwa eine dreiviertel Stunde zu spät los.

Gleich hinter Shiraz hörte die Asphaltstraße auf und eine wilde Piste brachte den Wagen zum Schaukeln. Aber unser Fahrer kannte die Strecke. Lässig lenkte er das schwere Gefährt mit einer Hand, mit rund 50 Stun­denkilome­tern durchfuhr oder umfuhr er Gräben, Schlaglöcher, Dellen oder Steinhaufen, dabei aber immer darauf bedacht, die Unterhaltung mit seinem Beifahrer nicht abbrechen zu lassen.

Der Fahrer kennt das schon...

Leider war der Bus nicht mehr so ganz in Ordnung, der erste Gang schien überhaupt nicht mehr gebrauchsfähig zu sein und die Lenkung hatte viel zu viel Spiel. So kamen wir in einige Kalamitäten, als wir im Gebirge eine Kurve nehmen mußten, die zudem noch eine erhebliche Steigung aufwies, für die der Bus mehr „Anlauf“ brauchte als die Lenkung erlaubte, so fuhren wir beim ersten Mal gegen einen Felsen, erst beim zweiten Mal schaffte er es. Aber das schien unser Fahrer zu kennen, unverdrossen beulte er an der Endstation das eingedrückte Blech wieder aus – bis zum nächsten Mal!

In Ardekan selbst, einer Stadt mit 4000 Einwohnern, kam es uns vor, als wären wir die ersten Ausländer seit Menschengedenken. Eine große Anzahl übermütiger Kinder und Bengels verfolgte uns auf Schritt und Tritt, ab und zu fuhr ein Erwachsener dazwischen; aber auch ihm gelang es nicht, die Meute zu zerstreuen.

Nach 90 Minuten war Taxe voll

Zurück nach Shiraz fuhren wir mit einem Sammeltaxi, etwa zum gleichen Preis. Die Fahrt wurde jedoch sehr lang­wierig, etwa neunzig Minuten brauchte der Fahrer, um genügend Fahrgäste aufzutreiben und sie aus ihren Häusern abzuholen. Bei dem Minibus waren auch einige technische Mängel, so war z.B. die Kupplung nicht mehr zu bedie­nen und es grenzte an Akrobatik, den Gang einzulegen oder gar anzufahren, daß wir schieben mußten, versteht sich von selbst. Einige weitere unfreiwillige Unterbrechungen brachte das ständige Nachfüllen des Kühl­wassers, welches aus irgendwelchen Bewässerungsgräben entnommen wurde, denn der Kühler war an einigen Stellen undicht. So ka­men wir erst nach fünf Stunden Fahrt, spätabends wieder in Shiraz an!

Göttinger Tageblatt, Samstag, 21.11.1970

 

Eilers/Voigt:

So sieht Persiens Wirklichkeit aus

Die „Armee des Wissens“ – Im Hintergrund lauert die Geheimpolizei

OSTERODE. Einmal halb um den Erdball gefahren sind die Geographiestudenten Wilfried Eilers aus Osterode und Gerhard Voigt aus Hannover, um das Material für ihre Examensarbeit zusammenzubekom­men. Was sie bei ihrer Persienreise erlebten, wissen die GT-Leser aus zahlreichen Berichten, die wir in den ver­gangenen Wochen veröffentlichten. Ehe zum Ende dieser Woche die Artikelserie ihren Abschluß findet, sei heute noch einmal auf einige innenpolitische Aspekte des Iran eingegangen.

Ein sehr interessantes Experiment – so schreiben Voigt und Eilers – ist die Sepah-e-Danesh, die Armee des Wis­sens. Abiturienten werden während ihrer Militärdienstzeit nicht mehr zu den „Waffen gerufen“, sondern nach ei­nem kur­zen Lehrgang als Grundschullehrer auf die Dörfer geschickt, denn der Prozentsatz der Analphabeten be­trägt auch heute noch über 60 Prozent. Absolventen höherer Examina und länger Dienende werden im Offiziers­rang als soge­nannte „supervisors“ eingesetzt, die von Ort zu Ort reisen und den Einsatz der „Soldaten des Wis­sens“ koordinieren, und auch der Bevölkerung mit technischen Ratschlägen besonders im landwirtschaftlichen Be­reich, hilfreich zur Seite stehen. Damit wird gleichzeitig ein Weg beschritten, die Armee aus ihrer sozialen Isola­tion herauszuführen. Gerade die jüngeren Offiziere gelten im Iran als recht progressiv und für soziale Veränderun­gen auf geschlossen.

Die Intellektuellen in Teheran

Eines der größten Probleme mit denen die iranische Verwaltung zu kämpfen hat, ist die Korruption und die damit verbundenen verschiedenen Formen von Protektion oder Intrige. Ein Beamter des Wirtschaftsministeriums in Te­he­ran äußerte die Meinung, daß eine ganze Reihe von Reformmaßnahmen, die von der Schah-Administration ver­anlaßt worden sind, von einer „Clique“ subalterner, höherer Beamter systematisch abgeblockt würden.

Dazu ein Beispiel: Die Regierung fördert mit recht großem finanziellen Aufwand das Studium junger Perser im Ausland, mit Anreiz auf gute Bezahlung und sicherer Stellung. Dazu unser Bekannter: „Meine Tätigkeit im Ministe­rium beschränkt sich trotz meines Auslandsstudiums auf einfache Bürotätigkeiten, die wohl jeder, der lesen und schreiben kann, ebensogut erledigen könnte. Mein Studium, für das ich einiges investiert hatte, war so nahezu um­sonst!“ Er glaubt, die Urheber dieser Misere in den älteren, nicht studierten Beamten des Ministeriums lokali­sieren zu können.

Ein anderes Beispiel: Als Anreiz für persische Studenten im Ausland, sobald als möglich nach Hause zurück­zukehren, gewährt der Staat neuerdings erhebliche Zollerleichterungen, z. B. auch für die Einfuhr eines gebrauch­ten Wagens. Diese Vorschriften waren jedoch so ungenau verfaßt worden, daß unser Bekannter bei der Zollanmel­dung an der persischen Grenze einige Überraschungen erlebte: Der von ihm gewählte Typ wird auch im Iran montiert, deshalb wäre er von der Zollbefreiung ausgenommen; erst auf heftigen Protest hin, wurde ihm ein ermä­ßigter Zoll­satz zugestanden, aber berechnet auf den Neuwert des zum Erhebungszeitpunktes neuesten Modelles, Einfuhrsteuer und recht hohe, sogenannte Straßengebühren wurden ihm nicht erlassen, so daß ihn die Einfuhr die­ses Wagens um rund tausend Mark teurer zu stehen kam als ein Neukauf im Iran. Er meinte dazu, daß dies typisch sei für die „Förderungsmaßnahmen“ für die junge Intelligenz!

Kritik am System

Noch heftigere Kritik an den heutigen Zuständen im Iran äußerte ein Iraner Universitätsangestellter. Er brachte auch das Gespräch auf die, gerade von den jüngeren Teheranis gefürchtete, politische Geheimpolizei. In Teheran erzählt man sich dazu folgenden Witz: Ein frommer Moslem kommt nach seinem Tode ins Paradies, der Engel stellt ihm die üblichen drei Fragen: „Wer ist Dein einziger Gott?“ Zur allgemeinen Überraschung kommt die Ant­wort: „Seine Majestät, der Schah-in-Schah!“ Verwundert fragt der Engel weiter: „Und wer ist sein Prophet?“ – Unser Mi­nisterpräsident!“ Die letzte Frage: „Und welches ist Dein einziges Buch?“ Antwort: „Das Buch unserer verehrten Majestät, ,Die weiße Revolution‘.“ – Fassungslos berichtet der Engel darüber. Allah läßt diesen Mann zu sich kommen und sagt zu ihm: „Wir kennen dich doch als frommen Moslem. Warum antwortest du dann solch ei­nen Unsinn? Sag mir noch einmal, wer ist dein einziger Gott?“ Diesmal kam die richtige Antwort: „Allah!“ – „Und wer ist sein Pro­phet?“ – „Mohammed!“ – „Und welches ist dein einziges Buch?“ – „Der Koran“. Fragt ihn Allah verwundert: „Du weißt es doch, warum hast du meinem Engel falsche Antworten gegeben?“ Prompt kam die Antwort: „Woher kann ich wissen, ob er nicht bei der Geheimpolizei ist?!“

Auch unter den persischen Studenten in Deutschland soll es vereinzelt Denunzianten und Angehörige der Ge­heimpolizei geben.

Göttinger Tageblatt, 17.11.1970

 

Voigt/Eilers:

Auf der Rückfahrt vom Persischen Golf

Mit Müh’ und Not der Cholera entkommen

W. Eilers und G. Voigt ziehen Bilanz – Zwischenfall in „Texas“ – Strafzettel in Jugoslawien

OSTERODE. „Wir haben mit einigen Berichten versucht, den Lesern des Göttinger Tageblattes Erlebnisse und Eindrücke von unserer Fahrt nach Persien zu übermitteln. Nun, nach unserer glücklichen Heimkehr, ist die Gelegenheit, unsere Erfahrungen zusammenzufassen; es kommt jetzt die Zeit der wissenschaftlichen Aus­wertung der Kartierungen und Notizen, die wir im Gelände machen konnten. Für die Leser wird es je­doch interessanter sein, wenn wir von einigen mehr persönlichen Erlebnissen unserer Reise berichten.“ Mit diesen Worten leitet der Osteroder Geographiestudent Wilfried Eilers, der gemeinsam mit seinem Kommili­tonen Gerhard Voigt aus Hannover auf wochenlanger Expedition im Iran war, seinen Abschlußbericht ein. Aus Platzgründen mußten wir diesen Berichten teilen, die Fortsetzung erscheint in einer unserer nächsten Aus­gaben.

Den größten Schrecken unserer Reise erlebten wir auf unserer Rückfahrt, wir waren kaum in Istanbul angelangt, da sahen wir schon – mehr durch Zufall – in einer türkischen Zeitung große Überschriften über die Cholera in die­ser Stadt. Wir versuchten nun darüber Auskunft zu erhalten, aber niemand wußte Genaueres. In einem Lederge­schäft erzählte uns ein Verkäufer, daß direkt um die Ecke schon Cholera-Opfer zu beklagen gewesen wären – eine Nach­richt, die unsere Laune eben nicht gerade besserte. Die Frage war nun, wie kommen wir aus der Türkei her­aus? Aber wir hatten noch einmal Glück gehabt; an der griechischen Grenze bei Ipsala wurde zwar unser Impfpaß sorgfältig kontrolliert (wir hatten uns schon vor der Abreise in Hannover gegen Cholera impfen lassen!), doch die Einreise wurde uns noch gestattet. Wie wir dann später erfuhren, war das einer der letzten Tage vor der absoluten Schließung der Grenzen. Einige junge Engländerinnen in dieser Grenzstation sollten geimpft werden, ein Gedan­ke, der sie zu Tränen rührte!

Auf der Suche nach Haschisch

Es gibt für einen Reisenden wohl kaum ein schöneres Gefühl, als wenn sein Wagen nach etwas durchsucht wird, was nicht da ist. So erging es uns in Ipsala an der griechischen Grenze. Der Zolloffizier hatte an unserem Paß ge­se­hen, daß wir aus Persien kamen, er holte sich „Verstärkung“ und schon begann die Suche nach Haschisch. Die Kof­fer wurden geöffnet, Sitze zur Seite geschoben und stellenweise die Innenverkleidung des Wagens gelockert. Die Diagnose wurde durch säuberliches Abklopfen des Wagens vervollständigt, nichts zu finden. Pech! Trotzdem wünschte man uns eine gute Reise! Auf die Frage, weshalb diese Prozedur, erwiderte uns ein Vorgesetzter in Zivil, daß gerade einen Tag vorher bei einigen Persienreisenden mehrere Kilo Haschisch gefunden worden wären. Es scheint beim Zoll eine automatische Gedankenverbindung Iran und Haschisch zu bestehen, vielleicht nicht ohne Grund!

Polizeikontrolle in „Texas“

Außer an den Grenzen haben wir in allen Ländern wenig mit Uniformträgern zu tun gehabt, d. h. ein Strafmandat in Jugoslawien ausgenommen. Nur einmal wurden wir im Iran auf der Straße kontrolliert, in Firuzabad, in der Nähe von Shiraz. Schon vorher erzählten uns unsere persischen Freunde, Firuzabad wäre eine „gefährliche Ecke“, denn bis vor wenigen Jahren waren Schießerei zwischen den Nomaden und den Ortsbewohnern oder dem Militär an der Tages­ordnung. Sie nannten diese Gegend immer nur Texas! Auch heute liegt eine Militärgarnison in Firuz­abad, und die Straßen werden von einem großen Aufgebot der Polizei überwacht. Zweimal stoppte ein Polizeipfiff unsere Weiter­fahrt. Kontrolle! Wir kamen etwas in Verlegenheit. denn wir hatten nur einen Reisepaß dabei, aber es gelang uns jedesmal den Personalausweis, den wir noch zufällig in unserer Tasche gefunden hatten, als Paß auszugeben. Wa­genpapiere scheinen im Iran unbekannt zu sein. sie wurden nie von uns verlangt!

Tourismus im Iran

Für den Tourismus ist der Iran noch wenig erschlossen, trotz der sehr aktiven und zuverlässigen Iran National Tourist Organisation (INTO). Zuwenig asphaltierte Straßen, umständliche Zollformalitäten, und ein noch unvoll­ständiges Hotelnetz mit annehmbaren Komfort. Dennoch ist allen Touristen, die noch Erlebnisse suchen, wegen der vielgestal­tigen Reize, den bedeutenden geschichtlichen Stätten, wie etwa Persepolis und nicht zuletzt wegen der überaus freundlichen und hilfsbereiten Bevölkerung dieses Landes selbst.

Eine Reise in den Iran ist zu empfehlen, nur ist es wichtig, gewisse Sprachkenntnisse, sowohl in Englisch als auch in Französisch zu besitzen, und auch die Reise gründlich vorzubereiten (ADAC, INTO, iranische Botschaft etc.). Um dieses Land richtig kennenzulernen, muß man in vielem umlernen, die weite Landschaft und die dünne Besiedelung bedingen ein anderes Verhältnis zum Raum. Entfernungen unter 100 km werden pauschal als nah an­ge­sehen und Nachmittagsausflüge die zu Zielen führen, die mehr als 100 km entfernt sind, sind nichts Besonderes. Wir sind mit Hin- und Rückfahrt rund 20.000 km gefahren.

Aber auch das Verhältnis des Persers zur Zeit ist anders. Der Begriff Pünktlichkeit gilt nicht. Höflichkeit und Zeit-füreinanderhaben jedoch alles So sieht man nach einer solchen Reise auch unsere eigene Umwelt in ihrer Hektik und Verbissenheit und ihren vielen kleinen Unfreundlichkeiten des Alltags in einem etwas anderen, sicher­lich nicht besseren Licht. Auch dies ist ein Grund mehr, den Orient zu bereisen, nur muß man sich Zeit dafür nehmen!

Göttinger Tageblatt, 14.11.1970

 

Eilers/Voigt:

Sie entwischten gerade noch der Cholera

Abenteuer eines Osteroder Studenten und seines Kommilitonen – 22 Grenzkontrollen auf der Fahrt durch den Orient

OSTERODE. Glücklich zurückgekehrt sind der Osteroder Student Wilfried Eilers und sein Kommilitone Voigt, die eine 20.000-Kilometer-Fahrt durch den Vorderen Orient gemacht hatten, um geographische For­schungen durchzuführen. Sie haben abschnittsweise von ihrer abenteuerlichen Fahrt im VW-Variant den Le­sern des „Harzkurier“ von ihren Erlebnissen berichtet. Heute erreichte uns ihr Abschlußbericht mit eini­gen Fotos:

Der Iran ist voller Gegensätze. Das, was den westlichen Touristen wohl zuerst berührt, sind die vielen steinernen Zeugnisse der Vergangenheit. Für den historisch Interessierten bietet der Iran neben den weltbekannten Palast- und Tempelruinen von Persepolis, deren Zerstörung durch Alexander den Großen das Ende des altpersischen Rei­ches bedeutete, noch mehrere Ausgrabungsstätten mit ungeheuer wichtigen und interessanten Funden. angefangen von der vorgeschichtlichen Zeit (Rezayeh-See) über die Metropolen des Reiches Elam und des altpersischen Rei­ches (Susa, Ecbatana, Shapur) bis zur vollständigen Reihe der Baudenkmäler des Islam.

Diese Fülle sollte jedoch die Besucher nicht von den vielfältigen Problemen des heutigen Iran ablenken. Ge­rade das Wechselspiel eines reichen Vergangenheit mit den rasanten Umwälzungen unseres Jahrhunderts prägen den Charakter dieses Landes. In unseren letzten Berichten haben wir versucht, den Lesern dieser Zeitung einiges von diesen Fakten zu schildern. Nun, da wir unsere Reise glücklich beenden konnten, möchten wir zum Abschluß unse­rer Artikelserie noch einmal den Ablauf unserer Reise zusammenfassen.

Wir haben trotz vieler gewagter Pistenfahrten viel Glück mit unserem Fahrzeug gehabt, das keinen ernsthaf­ten Schaden erhielt. Pistenfahrten erfordern für den an deutsche Straßen gewöhnten Autofahrer eine große Umstel­lung. Das wichtigste ist wohl, die Höhe von Steinen und Unebenheiten schätzen zu können, um nicht mit dem Wagenbo­den aufzusetzen. Aus diesem Grunde sind bei Pisten, deren Breite und Steigung es zuläßt, Lastkraftwa­gen und Busse gegenüber den Personenkraftwagen im Vorteil. Um auch diese Seite des Verkehrs einmal kennen­zulernen, fuhren wir eines Tages von Shiraz aus mit einem Linienbus ins Gebirge. Wir bewunderten dabei die Ge­schicklichkeit des Fahrers, mit der er den schon recht maroden Bus mit Geschwindigkeiten von rund fünfzig Stun­denkilometern mit einer Hand über alle Unebenheiten hinüber und durch morastige Bewässerungsgräben hindurch steuerte.

Unser Auftauchen in den kleinen Gebirgsorten, die abgelegen vom Durchgangsverkehr ein bescheidenes Da­sein fristen, brachte oftmals die Bevölkerung in helle Aufregung. Umringt von lärmenden Kindern, die jeden Schritt verfolgten, fanden wir immer wieder das Gespräch mit Einheimischen, sei es in einem temperamentvollen Kauder­welsch mit englischen, französischen und einigen persischen Brocken oder aber auch mit Zeichensprache. Die Freundlichkeit, mit der wir überall im Lande empfangen wurden, besonders auch bei Freunden, deren Adres­sen wir uns schon in Hannover hatten geben lassen, war für uns wohl das Erlebnis schlechthin. Gerade das Gefühl, in einem fremden Land als Freund begrüßt zu werden und auf vielfältigen Rat und Hilfe hoffen zu dürfen, macht eine solche Reise interessant und fruchtbar.

Einige Fotos, die wir aus den über tausend Bildern, die wir gemacht haben, und die wir für die Leser ausge­sucht haben, sollen die Erlebnisse unserer Reise noch anschaulicher machen.

Die geschichtliche Bedeutung von Shiraz, welches im 18. Jahrhundert für einige Zeit Hauptstadt des Iran war (Dy­nastie der Zand-Prinzen), zeigt sich in der Fülle von Dichtern und Philosophen, welche dieser Stadt entstam­men. Besonders verehrt werden die beiden mittelalterlichen Dichter Hafes (die Verse des „Diwan“) und Saadi („Go­le­stan“‚ das „Buch des Rosengartens“), deren Mausoleen in Shiraz beliebte Ausflugsziele für Einheimische und Touristen sind.

Etwas aufregender wurde für uns die Rückreise aus dem Iran, da wir Istanbul gerade in den Tagen des Aus­bru­ches der Cholera-Epidemie erreichten. Wir hatten uns zwar vorsorglich in Hannover impfen lassen, doch stand schon in diesen Tagen die absolute Schließung aller Grenzen zur Debatte. So gehörten wir zu den letzten Touri­sten, die den Grenzübergang nach Griechenland noch passieren durften.

Über unsere zweiundzwanzig Grenzkontrollen bei elf Grenzübergängen in acht Ländern könnten wir ein Buch schreiben, so reichten die Kontrollen von einer minutiösen Haschischsuche in Griechenland über das auf­merksame Spähen nach Waffen in Bulgarien oder die Verwunderung des Zolls über unsere 30 Dia-Filme in Un­garn bis zu ei­nem lässigen Vorbeiwinken in Österreich auf der Fahrt nach Passau, wo es der Zollbeamte wegen ei­nes Regen­schau­ers noch nicht einmal für nötig befand, vor die Tür zu kommen. Überall sind wir jedoch höflich und korrekt behan­delt worden.

Was blieb uns nun von unserer Reise? – Neben unseren Fotos und Erinnerungen die Aufgabe, unsere Notizen und Eindrücke für unsere Staatsexamensarbeit wissenschaftlich umzusetzen und zu geographisch relevanten Er­geb­nissen zu kommen. Aber was vielleicht noch viel mehr ins Auge fällt: bei jedem von uns liegt jetzt ein Perser­teppich aus Abadeh, reich geschmückt mit den alten persischen Glückssymbolen wie Lebensbaum, Granatäpfel, Hund und Hahn. Hoffentlich bringen sie auch uns Glück!

Harzkurier, 14.11.1970

Shiraz: Restaurierungsarbeiten am religiös verehrten Grabmal des Shah Cheragh, einer lokalen Pilgerstätte
(Scan aus dem Zeitungsdruck, daher drucktechnisch nicht besonders gelungen. Die ursprüngliche Druckvorlage lag bei der Web-Erstellung nicht mehr vor).

Persepolis, Zentrum des alten Perserreiches zur Zeit des Darius und Xerxes; von Alexander dem Großen zersört. Relief mit dem Thron des Großkönigs am Eingang der Palastanlage, dem "Tor aller Völker".

Persepolis: Überblick über die Grundmauern der Königspaläste. Einige Säulen und Pfeiler sind in der Restauration wieder aufgerichtet worden.

 

 

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Ab 2007 als Stellvertreter und designierter Nachfolger: Stefan Schulze-Brüggemann
Kontakte über die Schule an Herrn Schulze-Brüggemann - stefansb@web.de

Bearbeitungsstand: 30.06.2009