Chancen interkultureller Erziehung?
Pädagogische Fragen
„Ausländer-Seminar 1988“
Ein
Überblick über die Ergebnisse des „Ausländer-Seminars“ des UNESCO – Clubs
e.V. Hannover und des Verbandes der Politiklehrer in der Bismarckschule
Hannover am 15. -16. März 1988 mit Gästen aus dem Kultusministerium, der
Verein zur pädagogischen Förderung ausländischer Kinder in Osnabrück, den
beiden Lehrerverbänden und aus der Schulpraxis unterschiedlicher
Schulformen.
Die Probleme ausländischer
Schüler an weiterführenden Schulen, vor allem aber am Gymnasium, sind noch
kaum ins öffentliche Bewusstsein gedrungen, geschweige denn ausreichend
wissenschaftlich dokumentiert. Für den Grundschulbereich gibt es einige
brauchbare Untersuchungen (SMOLICZ 19822; KLEFF 1984), vor allem aber für
Gesamtschulen (PZ Berlin 1987 u. a.). was verständlich und sinnvoll ist,
wenn man die Dringlichkeit der Problemlagen vergleicht. Es ist jedoch zu
überprüfen, inwieweit diese Ergebnisse unmittelbar z.B. in den
Gymnasialbereich zu übertragen sind. Aus diesen Vorüberlegungen heraus
entschloss sich der UNESCO-Club Hannover e.V. in Zusammenarbeit mit der
UNESCO-Schule, Bismarckschule Hannover, ein Expertengespräch über diese
Probleme zu veranstalten, das am 15. und 16. März 1988 als „Symposium:
Probleme der weiterführenden Allgemeinbildung für Ausländer, z.B. Türken im
Gymnasium“ in den Räumen der Bismarckschule Hannover stattfand und zu dem –
mit veranstaltet vom Verband der Politiklehrer e.V., Hannover, – Vertreter
des Nieder sächsischen Kultusministeriums, der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft (GEW), des Philologenverbandes Niedersachsen (phvn), vor allem
aber ausländische Kollegen und Praktiker der interkulturellen Erziehung von
verschiedenen Schulformen eingeladen waren.
Ein aufschlussreiches
Grundsatzreferat hielt der Kollege Michael BOMMES vom „Verein zur
pädagogischen Förderung ausländischer Kinder“ in Osnabrück, der das bislang
geringe Interesse an dem Themenbereich bestätigen konnte, ein Umdenken aber
dringend anriet, da es sicher nicht unser bildungspolitisches Ziel sein
kann, zwar für Ausländerkinder eine integrationsorientierte Grundbildung
bereit zu stellen, die Teilhabe an weiterführenden Bildungsgängen, an denen
sie bislang deutlich unterrepräsentiert sind, aber explizit oder durch
strukturelle Hürden zu behindern. Diese Benachteiligung wurde auch durch die
Zahlen deutlich, die Herr Regierungsdirektor HAMANN vom Niedersächsischen
Kultusministerium in seinem einleitenden Referat vorlegte. Zwar ist eine
steigende Tendenz des Realschul- und Gymnasialbesuches festzustellen – die
Gesamtzahl lässt eine Beschäftigung mit dieser Schülergruppe durchaus
dringlich erscheinen! –, doch die Hürden sind noch hoch.
Es fällt dabei auf, dass
Türken gegenüber anderen Ausländergruppen noch deutlich benachteiligt sind.
Das hat vor allem zwei Ursachen:
-
Das Verhalten der
deutschen Gesellschaft gegenüber ihrer türkischen Minderheit ist stärker
diskriminierend als gegenüber anderen Ausländergruppen; das oft zu
beobachtende „Sich-Absondern“ türkischer Familien ist auch eine unmittelbare
Reaktion auf das „Abgesondert – Werden“ durch die deutsche Mehrheit; dies
beeinträchtigt in doppelter Weise die Teil habe z.B. an den
Bildungsangeboten des Schulwesens.
-
Kinder aus Familien
Asiens oder Afrikas, die bei uns politisches Asyl gefunden haben, stammen,
im Gegensatz zur Mehrzahl der bei uns lebenden türkischen Familien,
überwiegend aus den Oberschichten ihrer Heimatländer und haben oft schon in
ihrer alten Heimat trotz aller politischen Bedrohung und Repression das
Selbstbewusstsein kultureller Eliten verinnerlicht und verfügen damit über
die international schon recht nivellierten Symbole und Verhaltensweisen
einer Bildungsschicht, durch die eine Integration in unser bürgerliches
Gymnasium trotz aller Sprachanpassungsprobleme erheblich erleichtert wird.
Von der Häufigkeit ihres
Auftretens wie von der Gewichtigkeit der Problemlage her konzentriert sich
unser Thema daher schwerpunktmäßig auf folgende Aspekte:
-
Wie kann die Anzahl
türkischer Jugendlicher am Gymnasium erhöht werden, um unter anderem auch
diese „Bildungsreserve“ auszuschöpfen und um dabei fruchtbare Ansätze
kultureller Erziehung zu finden, die auch das Gymnasium selbst inhaltlich
positiv verändern könnten?
-
Wie kann der türkischen
Minderheit ein gleicher Anteil an Bildungschancen, wie sie von deutschen
Kindern selbstverständlich in Anspruch genommen werden, gesichert werden?
-
Wie können die
innerschulischen strukturellen Barrieren überwunden wer den, die sich vor
allem im Vorhandensein typischer „Hürdenfächer“ am Gymnasium ausdrücken?
-
Wie können
Vorurteilshaltungen bei Lehrern wie bei Mitschülern abgebaut werden und wie
kann ein fruchtbarer interkultureller Austausch, als Bereicherung des
Schullebens, in die Institution Gymnasium fest integriert werden?
Ausländische Schüler am
Gymnasium sollten nicht in erster Linie als Problem, sondern als Chance und
Selbstverständlichkeit verstanden werden!
Anknüpfend an die Berichte
über die Betreuung von Ausländerkindern in Osnabrück, von Michael BOMMES
vorgetragen, vehement unterstützt von den Schulpraktikern aus Hannover,
vertreten auch durch die türkischen Kolleginnen Nil BERKE (Berufsbildende
Schulen 6 Hannover) und Reziye EBCINOĞLU (Grundschule Goetheplatz in
Hannover), wurde zunächst einmal eine weit verbreitete, grundsätzliche
Haltung deutscher Lehrer kritisiert: Kooperative Elternarbeit und Förderung
der Sozialfähigkeit der Schüler kann nicht auf der Basis eines latenten
Misstrauens gegen die türkische Familie gedeihen, ein Misstrauen, das auf der
Gegenseite die Befürchtung weckt, die deutsche Schule wolle die Kinder
bewußt ihren Elternhäusern entfremden. Es muß hier das gleiche Vertrauen
vorausgesetzt werden, das deutschen Elternhäusern, unbesehen,
selbstverständlich entgegengebracht wird: dass die Eltern Willens und in der
Lage sind, ihre Kindern auch im Sinne des Kindeswohles zu erziehen und dass
sie ihr Bestes tun, in oft schwieriger eigener ökonomischer und sozialer
Lage, den Kindern einen schützenden und fördernden familiären Hintergrund zu
geben. Es ist ja interessant zu beobachten, dass in Konfliktfällen deutsche
Lehrer gegenüber deutschen Elternhäusern meist Partei für die erzieherischen
Intentionen der Eltern gegen das Aufbegehren ihrer Kinder nehmen, während in
vergleichbaren Fällen gegenüber türkischen Elternhäusern dieselben Lehrer
vorgeblich als Sachwalter der Kindesinteressen gegen deren Elternwünsche
auftreten. Erst wenn eine vergleichbare Vertrauensvorgabe auch gegenüber
türkischen Eltern selbstverständlich ist, kann vertrauensvolle Elternarbeit
und Werben um Verständnis für die schulischen Belange und Maßnahmen
erfolgreich stattfinden. Das Gespräch mit den türkischen Elternhäusern muß
auch von Seiten des Gymnasiums her intensiviert werden mit dem Ziel, die
Schule den Eltern verständlich zu machen, Ängste abzubauen, die in der
fremden und oft feindlichen sozialen Umwelt der Türken in Deutschland
beherrschend werden können, und um bei Konflikten helfend vermitteln zu
können. Das kann die Forderung umfassen, dass auch Gymnasiallehrer sich dazu
aufraffen sollten, in die Familien hineinzugehen, Hausbesuche zu machen und
die sozialen und persönlichen Hintergründe ihrer Schüler kennen zu lernen.
Ein Vertrauenslehrer für ausländische Schüler, eventuell unterstützt durch
Schülerpatenschaften zwischen älteren Schülern der Oberstufe und den
Schulneulingen der Eingangsklassen, kann hier Pionierarbeit leisten und
bislang weniger problembewusste Kollegien und Schülerschaften zum Umdenken
veranlassen.
Einen breiten Raum nahm die
Diskussion um sprachliche Defizite ein. Dabei wurde deutlich, dass das
Problem weitaus komplexer ist, als es an Gymnasien oft gesehen wird. Jeder
sollte sich klar machen, dass es schon an sich eine beachtliche
intellektuelle Leistung ist, wenn ein Schüler, für den Deutsch nicht die
Muttersprache ist, ein rein deutschsprachiges Gymnasium besucht. Die
Angebote eines muttersprachlichen Unterrichts – die nach niedersächsischer
Erlasslage, was wenigen Gymnasien bekannt ist, relativ problemlos
einzurichten sind – sollten gezielt und verstärkt realisiert werden, auch
mit der Möglichkeit, muttersprachlichen Unterricht als dritte Fremdsprache
auszubauen und anzubieten, was auf mittlere Sicht auch zu einem
verbesserten, differenzierteren Fächerangebot für deutsche Schüler führen
würde. Im Sinne einer Aufwertung mediterraner und außereuropäischer
Sprachen, die den Zielen einer modernen Weltkultur und den interkulturellen
Bemühungen der UNESCO dienen würde, wäre ein solches verbreitertes
Sprachangebot sicher ein wichtiger Beitrag zur positiven Weiterentwicklung
der Allgemeinbildung. Auch auf unsere eigene Gesellschaft bezogen wäre es
sehr wünschenswert, wenn möglichst viele Deutsche diejenige Sprache
verstehen und sprechen könnten, die schon jetzt als zweithäufigste Sprache
nach dem Deutschen selbst in unserem Lande gesprochen wird: Türkisch!
Aber es geht nicht nur um
die offensichtlichen Sprachprobleme und eine eventuelle zweisprachige,
doppelkulturelle Erziehung für unsere türkischen Schüler. Wie die
Erfahrungen an anderen Schulformen zeigen, ist die Formalstruktur einer
Sprache, hier des Deutschen, noch relativ einfach zu erlernen. Auf der
anderen Seite ist ebenso oft auch eine große umgangssprachliche Wendigkeit
ausländischer Kinder zu beobachten, die beim ersten Kontakt dann gar nicht
mehr erkennen lässt, mit einem ausländischen Jugendlichen zu sprechen! Doch
beginnen – in ganz ähnlicher Weise wie es seit langem für deutsche Kinder
aus so genannten „bildungsfernen Schichten“ untersucht und nachgewiesen
worden ist (z.B. OEVERMANN 1972) – die Schwierigkeiten beim Übergang zur
(bürgerlichen) Schrift- und Bildungssprache. Es wird uns Gymnasiallehrern
meist gar nicht bewußt, wie viele unausgesprochene Implikationen und
Voraussetzungen unser elaborierter Sprachgebrauch enthält, in wie weit er
mit Metaphern und symbolischen Ausdrucksweisen, Anspielungen auf
Bildungsinhalte und gesellschaftliches „Allgemeinwissen“ durchsetzt ist.
Wenn das Verständnis schon deutschen Schülern oft schwer fällt, um wie viel
schwerer wird es für Schüler, für die die gesamte Sprache, in der sie lernen
und sich ausdrücken müssen, eine Fremdsprache ist! Daraus leiten sich ganz
konkrete Forderungen ab:
Aus- und Fortbildung der
Gymnasiallehrer im Bereich der Unterrichtssprache; deutschsprachige
Aufbaukurse für Lehrer (nicht nur für Germanisten und Sprachlehrer)!
Didaktische Umorientierung
der deutschsprachigen Fächer, indem isolierbare Inhalte, sprachstrukturelle
Regelmäßigkeiten und sprachlich-semantische Einkleidung deutlicher getrennt
werden; dies sollte durchweg bei Schulbüchern, Unterrichtsmaterialien und
Leistungsüberprüfungen berücksichtigt werden.
Methodische Verbesserungen,
wie z.B. das Zuliefern von „Stütztexten“ zu Quellen und literarischen Texten
(auch in Fächern wie Geschichte, Sozialkunde oder Kunst und Musik).
Differenzierte
Bewertungsmodelle, die sich an der didaktischen Differenzierung orientieren
und unterschiedliche individuelle Voraussetzungen mit berücksichtigen: die
kulturspezifische, sprachlich – semantische Einkleidung (ein bisheriger
Schwerpunkt bildungsbürgerlichen Allgemeinbildungsverständnisses!) darf
nicht länger zum vorrangigen Auslesekriterium gemacht werden. Parallelen zur
Behandlung habitueller Lese- und Rechtschreibeschwäche sollten gezogen
werden.
Entverbalisierung
derjenigen Fächer, die über eine eigene Formal- und Symbolsprache verfügen
(z.B. Mathematik und Naturwissenschaften). Diese eindeutigeren
Symbolsprachen sind für Ausländer leichter und fehlerfreier zu erlernen als
eine umgangssprachliche, nicht voraussetzungsfreie Einkleidung formaler
Aufgabenstellungen. In günstigen Fällen können gerade diese Fächer
bevorzugte Lern-, Leistungs- und Integrationschancen für ausländische (nicht
muttersprachlich deutsche) Schüler bieten. Vielleicht kommt eine didaktische
Neuorientierung dieser Fächer auch den deutschen Schülern zugute. Es ist
doch nicht einzusehen, warum gerade Mathematik und Naturwissenschaften als
„schwere Fächer“ verrufen sind!
In der Schule sollten
mehrsprachige Fachglossare und unter Umständen auch ausländische Schulbücher
aus den Heimatländern der Schüler vorhanden sein, um ggf. Fachtermini und
Sachdefinitionen in der Muttersprache erläutern zu können (soweit das nicht
durch einen muttersprachlichen Förderunterricht geleistet werden kann).
Das Problem des
Förderunterrichts muß zudem grundsätzlich neu betrachtet werden. Die
„Doppelzählung“ ausländischer Schüler kann dabei zusätzliche Lehrerstunden
frei machen, um nicht nur punktuelle Fachförderung zu betreiben, sondern
Modelle von Förderbändern zu entwickeln, die, integriert in den allgemeinen
Fachunterricht, so zur Selbstverständlichkeit werden sollten, dass sie ihre
derzeitige stigmatisierende Wirkung verlieren. Wie der Kollege Namzi
DAĞTEKIN (von der IGS Linden in Hannover) von seiner Schule berichten
konnte, wird dort ein differenziertes Fördermodell entwickelt, auf dessen
Erfahrungen sich auch die Überlegungen an anderen Schulen stützen können.
Zur infrage stehenden
Thematik wäre noch einiges zu sagen. Der Tagungsbericht wird vor allem in
den nachfolgenden, zusammenfassenden Protokollteilen die angesprochenen
Themen noch differenzierter auffächern. So sollen an dieser Stelle nur die
wichtigsten Ergebnisse der Tagung noch einmal als Thesen und
Diskussionsanregungen zusammengestellt werden:
Die Probleme ausländischer
Schüler in den weiterführenden Schulen, vor allem im Gymnasium, sind keine
„Individualprobleme“ des Bestehens oder Versagens, sondern Sozialprobleme,
die auf sozialstruktureller und politischer Ebene gelöst werden müssen.
Eine grundsätzliche Individualisierung von Problemlagen, wie sie am
Gymnasium üblich ist, verstellt den Blick auf die Regelhaftigkeit der
Probleme und führt letztlich zur äußeren Definition von „Versagergruppen“
und festigt damit ausländerfeindliche Vorurteile.
Voraussetzung einer
grundsätzlichen Problemlösung ist die Änderung von Einstellungen am
Gymnasium selbst; die Schulen müssen akzeptieren:
Ein umfassender
Erfahrungsaustausch zwischen den Schulen ist sinnvoll und notwendig.