Chancen interkultureller Erziehung?
Pädagogische Fragen
„Ausländer-Seminar 1988“
Aus der Einleitung zum Symposium
"Ausländer im Gymnasium"
und Einleitungsvortrag von Herrn RD Hamann,
niedersächsisches Kultusministerium
[Protokoll: Christian Hümer]
Voigt: Zunächst einmal einige kurze Erläuterungen zu
diesem Symposium: Eingeladen hat der UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am
Maschsee, Bismarckschule Hannover, e.V. Das haben Sie an den Einladungen
selbst gesehen, aber ich weiß nicht, ob es jedem deutlich geworden ist, um
was es sich bei diesem UNESCO-Club handelt. Daher ein paar Stichworte zur
Erläuterung: Der UNESCO-Club wurde an unserer Schule vor etwas mehr als
einem Jahr gegründet und zwar auf Anregung des Verbandes der
UNESCO-Schulen in Deutschland, die eine solche Organisationsform
vorschlugen, um die Arbeit im Bereich der UNESCO-Ziele auch über die
Einschränkungen der schulischen Institution und die Beschränkung auf die
Umsetzung im Unterrichtsgeschehen hinaus zu vertiefen. Die Bismarckschule
Hannover ist nun seit über zwanzig Jahren eine UNESCO-Schule. Sie hat sich
seither also selbst den Schwerpunkt gesetzt, im Bereich internationaler
Kontakte und interkultureller Erziehung besonders aktiv zu werden.
In den letzten Jahren hatten wir die Zeit und die
Gelegenheit, diesen Schwerpunkt unserer Arbeit wieder zu reaktivieren und
zu intensivieren und haben eine ganze Reihe von Veranstaltungen und
Projekten in diesem Bereich von unserer Schule her durchgeführt. Dazu
gehören auch und gerade Kontakte zu Partnerschulen in verschiedenen
Ländern der Welt.
Ich erinnere dabei an eine Schule in den USA in
Degonia, mit der wir Partnerschaftskontakt haben, eine Schule in
Posen/Poznań, dem V. Liceum, mit dem wir als eine der ersten deutschen
Schulen eine offiziell abgesegnete Partnerschaft haben eingehen können,
und dann auch seit etwas über zwei Jahren eine Partnerschaft mit der
Istanbul Lisesi in Istanbul, bei der die Kontakte bislang noch recht
einseitig sind, d.h. wir haben es bislang noch nicht erreichen können,
dass auch Schüler dieser Schule zu uns kommen konnten, was bei den beiden
anderen Schulen schon mehrfach der Fall war. Aber wir hoffen, dass wir
dies im Laufe der nächsten zwei Jahre auch erreichen können, so dass wir
auch da eine intakte Partnerschaft erreichen.
Wir wollen dieses Partnerschaftsmodell mit
Partnerschaften bzw. Schulpatenschaften in weiter entfernten Ländern vor
allem der "Dritten Welt" noch erweitern und ausbauen. So haben wir erste
Kontakte nach Südamerika (Bolivien) und nach Namibia aufgenommen, was
allerdings nicht heißt, dass wir dorthin Studienfahrten machen wollen
oder Schüleraustausch machen wollen, denn das wird zu aufwendig sein. Aber
Kontakte werden zumindest auf dem Wege der Post, der Information und u.U.
auch der Unterstützung möglich sein.
Das ist der äußere Rahmen unserer
Partnerschaftsbemühungen, der natürlich, das ist vielleicht damit deutlich
geworden, zunächst noch dem üblichen Denkansatz des Gymnasiums entspricht,
auf der Ebene des (z.B. länderkundlichen oder fremdsprachlich-fachlichen)
Unterrichtesgegenstandes und darauf aufbauend über den Unterricht hinaus
zu arbeiten. Erst im Laufe dieser Diskussion und der Arbeit an diesen
Schwerpunkten trat dann die zweite Frage in den Vordergrund: Wie sieht es
denn mit interkultureller Erziehung, mit interkulturellen Kontakten an
der Schule selbst aus. Das ist die zweite Ebene, die, und das würde ich
wirklich sagen, prägend für unsere Schulform sein sollte.
Deshalb haben wir den UNESCO-Club gegründet: um
interkulturelles Arbeiten kontinuierlich machen zu können, das im
Schulalltag sonst in den wechselnden Aktivitäten des Unterrichts leicht
abbrechen und unterbrochen werden könnte. Der UNESCO-Club ist zwar ein
eingetragener Verein, aber er repräsentiert und dient der Arbeit der
Schule. Das sollte hier völlig klar sein. Die Rechtsform ist aus äußeren
und finanziellen Gründen so gewählt worden. Was der UNESCO-Club tut, tut
er im Auftrage und auf Beschluss der Schule und im Rahmen der schulischen
Ziele. Da ist also nichts auseinander zu dividieren. Und deshalb ist auch
dieses Symposium, nicht ein Symposium einer außerschulischen Institution,
sondern ein Symposium, das aus Wünschen von der Schule selbst heraus
entstanden ist.
Symposium, und damit möchte ich diese Vorbemerkungen
abschließen, heißt, dass wir keine Vortragsveranstaltung hier machen
wollen und dass wir von uns aus nicht viel zu bieten haben, sondern wir
haben Fragen. Das ist unser Problem. Wir wollen eigentlich als Schule
fragen und zwar nach verschiedener Seite hin.
Was ist zu diesem Problem gedacht und an anderer
Stelle gemacht worden? Können wir Anregungen davon haben, können wir
Handlungsperspektiven daraus entwickeln und können wir Kontakte knüpfen,
die uns auf etwas längere Dauer einfach auch Informationen und auf
sicherer Basis für unsere eigene Arbeit im Unterricht und außerhalb des
Unterrichtes geben? Und dafür habe ich Sie dann im Namen des UNESCO-Clubs
eingeladen, mit der Bitte, selbst zu berichten.
Und ich hoffe, wenn diese Veranstaltung erfolgreich
verlaufen sollte, dass wir dann einen verbesserten gegenseitigen
Informations- und Diskussionsstand bekommen, ohne dass hier irgend jemand
in der Rolle eines "thematischen Superlehrers" auftritt oder eines, der
die Antworten schon vorher weiß, die wir hier erarbeiten wollen. Zumindest
von unserer Schule aus sind die Antworten noch nicht da, sondern es sind
die Fragen da.
Einiger dieser Fragen habe ich in Stichworten auf
den Zetteln formuliert, die Sie, falls Sie es noch nicht getan haben, sich
hier vorne bitte nehmen können. Ich möchte diejenigen, die schon im Plenum
etwas zu berichten haben und berichten wollen, bitten, das im Anschluss an
das Referat von Herrn Hamann vom Niedersächsischen Kultusministerium zu
tun, damit wir eine zusammenhängende Eingangsdiskussion bis zur
Mittagspause führen können, die auch die Informationen von Herrn Hamann
mit einbezieht. Wir sollten darauf im gemeinsamen Interesse bestehen, dass
die Thesen und Fragen einfach und knapp formuliert werden. Von
verschiedener Seite her können die Eingangs angesprochenen Aspekte des
Themas im Laufe des Symposiums in Arbeitsgruppen mit direkten Beiträgen
von Schülerseite diskutiert und ergänzt werden.
Wie viele Arbeitsgruppen gebildet werden können oder
welche Form wir diesen Arbeitsgruppen geben, liegt ganz daran, wie Sie
selbst ihre thematischen Interessen formulieren.
(Es folgt die Aufforderung zum Eintrag in die
Anwesenheitsliste und die Organisation der Essenteilnahme und der
Protokollierung des Abschlußberichtes.)
Voigt: Ich habe noch eine Bitte und ich bitte Sie um
ihre Zustimmung: Diese Diskussion und auch die Diskussion in den
Arbeitsgruppen soll protokolliert werden; wir haben hier aber keine
Stenographen oder ausgebildete Protokollanten. Wir möchten daher, und ich
bitte dafür um Ihr Einverständnis, die Versammlung auf Tonband aufnehmen.
Falls Sie im Einzelfalle damit bei bestimmten Beiträgen nicht
einverstanden seien sollten, müssten wir das dann technisch regeln. Ich
möchte sie aber bitten, es zu akzeptieren, dass wir die Verhandlungen
aufnehmen. Die Aufnahmen dienen nur der nachherigen Abschrift fürs
Protokoll und werden anschließend wieder gelöscht. Gibt es dagegen
Widerspruch? Ich glaube, dies ist für uns die einzige Möglichkeit, ein
Protokoll zu erstellen.
*
Frage nach der Organisation und Mitgliederstruktur
des UNESCO-Clubs.
Antwort Voigt: Die Mitglieder sind zu 90% Schüler
dieser Schule, dazu einige Lehrer, die sich aktiv an der UNESCO-Arbeit
beteiligen wollen; nach der Satzung können auch Eltern unserer
Schülerinnen und Schüler Mitglied werden, ebenso mit der Schule und der
UNESCO-Arbeit verbundene Freunde, die von außerhalb im engeren Kontakt mit
der Bismarckschule stehen wollen. Es gibt dort also keine Beschränkung.
Die einzige Einschränkung ist inhaltlicher Art. Wer die Ziele der UNESCO
und der UNESCO-Schulen vertritt, kann Mitglied werden. Wir machen aber
nach außerhalb keine große Werbung dafür, weil wir uns satzungsgemäß auf
die Schule konzentrieren. Aber Mitglied kann jeder werden, mit dem wir
dann auch kontinuierlich Kontakt halten können. Das bedeutet natürlich
auch, eine gewisse räumliche Beschränkung zu akzeptieren. Es wäre
sicherlich nicht sinnvoll, von sehr weit außerhalb hier Mitglied zu
werden. Die Mitgliedschaft wird sich wohl auf den Raum Hannover
beschränken. Es sind auch eine Reihe von ehemaligen Schülern Mitglied
geworden, die dadurch den Kontakt zur Schule halten wollen. Auch in
unserem dreiköpfigen Vorstand ist eine ehemalige Schülerin, die jetzt in
Hannover Studentin ist und sich bei der Vorbereitung dieses Symposiums
sehr aktiv beteiligt hat.
(Verweis auf Info-Blatt über Club und Schriften)
*
Referat von Herrn RD Hamann, Niedersächsisches
Kultusministerium:
Hamann: Meine Damen und Herren, vielleicht kurz etwas
zu meiner Person. Ich bin im niedersächsischen Kultusministerium tätig und
bin zuständig für, ich möchte es so sagen, alle ausländischen
Minderheiten, die wir an niedersächsischen Schulen haben. Also in erster
Linie Ausländer, aber auch Aussiedler, wie etwa Sinti und Roma. Also für
diesen gesamten Bereich einschließlich der ausländischen Lehrkräfte.
Soviel zu meiner Person.
Nun habe ich hier so ein schönes Manuskript und ich
fürchte es wird für sie frustrierend, wenn ich das hier lange vorlese.
Deshalb versuche ich, dies noch kürzer zu machen und es frei vorzutragen.
Ich bin gerne bereit mich unterbrechen zu lassen, damit das Gespräch in
Gang kommt. Vielleicht sollte ich aber noch einmal Bezug auf die These 1
(des Thesenpapiers. Anm. d. Red.) nehmen. Vielleicht kann ich Ihnen noch
einmal sagen, was die Zahlen, also die Statistik, über die ausländischen
Schüler an Gymnasien aussagt. Es ist so, dass die Besuchsquote
ausländischer Schüler an den Gymnasien natürlich wesentlich geringer ist,
als die der deutschen, aber so gering wiederum sind die Zahlen nicht.
Die Sekundarstufe I an Gymnasien besuchen in
Niedersachsen insgesamt 84.000 Schüler, den Sekundarstufenbereich II
insgesamt 80.000 Schüler. Das sind also 165.000 Schüler von insgesamt
857.000, ca 20% also. Wenn wir nun die ausländischen Schüler nehmen, dann
sind das im Sekundarstufenbereich I an Gymnasien in Niedersachsen
immerhin 1.857 Schüler und im Sekundarstufenbereich II 1.281, also rund
3.100 Schüler. 3.100 von 42.000 ausländischen Schülern, daran merken Sie,
dass die Besuchsquote wesentlich geringer ist, als die der deutschen
Schüler.
Aber ich war heute Morgen selber einmal wieder
erstaunt, wie hoch letztlich die Zahlen sind. Es ist nahezu das erste Mal,
dass ich höre, dass sich speziell ein Gymnasium um die ausländischen
Schüler kümmert und sich mit den Problemen expressis verbis in einer
Veranstaltung befasst. Ich darf ihnen auch sagen, dass ich kaum
Erfahrungen darüber habe, was in Gymnasien, oder auch in den Realschulen
mit den ausländischen Schülern geschieht, welche Probleme es gibt. Es gibt
kaum Untersuchungen darüber.
Vielleicht werden wir aus Osnabrück im Referat von
Herrn Bommes mehr davon zu hören bekommen. Ich nehme gleich einmal ein
Teil meines Referates vorweg! Wir haben einen sehr schönen Erlass:
Unterricht für ausländische Schüler. Und da ist u.a. vorgesehen, dass
ausländische Schüler, soweit sie noch Defizite in der deutschen Sprache
oder in Sachfächern oder Mathematik haben, gefördert werden sollen in
speziellen Fördermaßnahmen. An Grund- und Hauptschulen und
Orientierungsstufen gibt es dafür Vorbereitungsklassen oder
Vorbereitungskurse, aber auch an den Gymnasien kann spezieller
Förderunterricht für ausländische Schüler erteilt werden. Nach der
Statistik machen die Gymnasien davon nach wie vor sehr wenig Gebrauch.
Meine Kritik an den ganzen Fördermaßnahmen ist die,
dass man zwar so lange fördert, bis der Schüler in der Schule mitkommt,
dass man dann ist aber zufrieden ist und es laufen lässt. Das gilt, meine
ich, mehr oder weniger für alle Schulformen. Mehr oder weniger habe ich
aber festgestellt, dass die Grund- oder Hauptschulen in Ballungsgebieten
ausländischer Arbeitnehmer doch einen Schritt weiter gehen. Verständlich,
wenn die ausländischen Schüler 20-30% oder gar 50 bis 60% der
Schülerschaft ausmachen, dann ist das ein Hauptproblem dieser Schule!
Etwa in Salzgitter können Sie Hauptschulen beobachten
- aber auch in anderen Städten, auch hier in Hannover -, die etwas mehr
machen, als nur den Anschluss im sprachlichen Bereich zu erreichen. Und
das ist ja auch das Thema, das Sie sich gestellt haben: was können wir
tun? Wenn Sie sich die Statistik im Einzelnen ansehen, werden sie sehen,
dass der Anteil ausländischer Schüler im siebten Schuljahr noch relativ
groß ist, aber dann kommen die Ausfälle, nach Klasse Sieben geht die erste
Welle wieder zurück an die Hauptschulen oder an die Realschulen! Das
gleiche gilt auch für die Realschulen: und dann ist die Verdünnung da, um
es einmal so zu sagen.
Das wird auch aus diesen Zahlen hier ersichtlich:
84.000 Schüler in der Sek. I zu 80.000 in der Sek. II, aber das Verhältnis
bei den ausländischen Schülern ist 1.800 zu 1.200!
Ich wollte eigentlich ein bisschen provozierend
beginnen und wollte sagen, gerade an Gymnasien ist es seit Jahrzehnten,
wenn nicht seit Jahrhunderten, Tradition, sich um ausländische Schüler
sehr intensiv zu kümmern und auch eine jahrzehntelange Tradition
interkultureller Erziehung, oder wie sie es immer nennen wollen, zu
leisten. Da sind die modernen Fremdsprachen Englisch und Französisch und
alles, was sich daraus entwickelt hat und was damit zusammenhängt. Es ist
eine Selbstverständlichkeit, dass man Partnerschaften mit englischen,
französischen und amerikanischen Schulen pflegt. Schüleraustausch:
Deutsche, französische, englische und amerikanische Schüler schätzen sich
glücklich, für ein paar Wochen oder gar für ein Jahr sich in dem
jeweiligen anderen Land aufhalten zu können, die Schule zu besuchen und
das Land kennen zu lernen. Das ist einfach ein Faktum.
Realschulen und auch Hauptschulen sind heute dabei,
dies als Gewinn für sich ebenfalls zu ermöglichen. Immerhin gibt es schon
drei Hauptschulen, die z.B. Schülerfahrten in die Türkei durchgeführt
haben. Aber wir müssen auch feststellen, dass es nicht so ist, dass es
schon lange eine sehr positive Einstellung zu Ausländern gäbe. Aber es ist
der westeuropäische oder angloamerikanische Raum auf den wir uns mit
dieser Bestandsaufnahme beziehen.
Nur haben sich in den letzten dreißig Jahren die
Dinge kolossal verändert. Die große Zahl an Ausländern, die wir jetzt an
unseren Schulen haben, kommen eben nicht aus dem westeuropäischen oder
angloamerikanischen Raum, sondern aus dem Mittelmeerraum. Es sind die
Gastarbeiterkinder, die gut 80% unserer ausländischen Kinder ausmachen.
Davon wiederum sind es ohnehin 50%, also glatt die Hälfte, die aus der
Türkei kommen. Und hier stellt sich nun tatsächlich die Frage, wie sich
diese Entwicklung im europäischen Raum sich auf Schule ausgewirkt hat.
Ist es z.B. richtig, dass Englisch und Französisch
die vorherrschenden Fremdsprachen sein müssen? Auch hier hat sich auch ein
Wandel vollzogen. Wir haben in Hannover oder in Niedersachsen allgemein
eine Reihe von Schulen, wo Spanisch, Italienisch und auch Russisch als
zweite, dritte oder vierte Fremdsprache unterrichtet werden. Ich will es
vorweg sagen, ich will hier nicht dafür predigen, dass die
Vormachtstellung von Englisch und Französisch abgebaut wird, aber
zumindest sollte man doch überlegen - bei dieser großen Zahl von
Gymnasiasten -, dass es doch eigentlich wünschenswert wäre, wenn in einer
Stadt wie Hannover ein Gymnasium auch Neugriechisch als zweite oder dritte
Fremdsprache anbieten würde. Und dasselbe wäre auch für Italienisch und
für Türkisch allemal von der Zahl der Schüler und auch von der Zahl der
Gymnasiasten, die wir hier in Hannover haben, durchaus denkbar.
Dasselbe gilt für Spanisch, bei Portugiesisch wird es
schwierig sein, für Serbokroatisch wäre es auch sehr leicht. Denn, wenn
man die einzelnen Nationalitäten ansieht, dann ist es gerade bei den
Jugoslawen und bei den Griechen so, dass von den Schülern ab Klasse 7 mehr
als die Hälfte heutzutage schon Realschulen und Gymnasien besuchen.
Warum stelle ich das Problem der Fremdsprachen voran?
Ich gehe damit auch so ein bisschen auf die Thesen ein. Ein ausländischer
Schüler, der sich völlig integriert hat, um dieses Wort zu nehmen, oder
akkulturiert oder assimiliert hat, der marschiert in den Gymnasien mit.
Seine eigenen Probleme - darüber wird er kaum sprechen; von der Schule
werden sie, das gilt nicht nur für Gymnasien, kaum aufgegriffen, sie
werden nicht weiter verfolgt. Wie stünde aber ein Schüler da, der als
Türke in der Schule erfährt, hier wird nicht nur Englisch und Französisch
gelehrt, sondern auch Türkisch, meine Sprache, wird angeboten. Und damit
natürlich auch Landeskunde und damit die Türkei insgesamt.
Und das ist also eine türkische Minderheit innerhalb
der Schule. Ich glaube, wenn ich das hier nur so andeute, dann können sie
selber daraus ableiten, was das für das Selbstverständnis dieser Schüler
bedeutet, wenn wir verstärkt Schulen bekämen, die das machen.
Vielleicht sollte ich hier an dieser Stelle einfach
einmal folgendes einschalten: Wir haben seit Jahren in Niedersachsen die
Möglichkeit, dass alle Schüler aus diesen sechs Hauptherkunftsländern, ich
brauche sie hier nicht noch einmal zu nennen, sie sind bekannt, ihre
Muttersprache anstelle einer Fremdsprache wählen können. Am besten in der
Form, dass an einer Schule diese Sprache Jahrgangs weise angeboten wird.
Aber wir haben sogar die sehr großzügige Lösung, das die Teilnahme am
muttersprachlichen Unterricht, allerdings mit erhöhten Anforderungen, so
heißt es, auch anstelle der zweiten Fremdsprache angerechnet werden kann.
Dennoch machen nur etwa 1.000 von den 42.000 Schülern davon Gebrauch. Und
ich meine, das hängt auch mit der Einschätzung der Sprachen des
Mittelmeerraumes im Vergleich zu Englisch und Französisch zusammen.
Die Schüler spüren auch, unsere Sprache zählt nicht
so viel wie die Sprache anderer europäischer Staaten, so dass sie von
dieser Möglichkeit nicht Gebrauch machen wollen. Es kommen also auch
direkt Identitätsprobleme hinzu, so, dass diese Schüler weitgehend sogar
verschweigen wollen, woher sie eigentlich kommen und welchem kulturellen
Kreis sie eigentlich angehören. Das Problem für mich ist das, ob wir
nicht gerade ausländischen Schülern an Gymnasien und an Realschulen helfen
könnten, wenn es uns gelänge, mehr Schulen zu bekommen, die Türkisch,
Spanisch usw. als zweite Fremdsprache anbieten?
Zwischenfrage Jasmin Arbabian: Sie haben den
muttersprachlichen Unterricht angesprochen. Und da habe ich folgende
Frage: Wann findet denn dieser Unterricht statt? Während der Schulstunden
allgemein oder nachdem dieser Unterricht beendet ist? Meinetwegen an der
Schule?
Hamann: Ja, er findet leider in der Regel am
Nachmittag statt, weil es aus organisatorischen Gründen nicht anders geht.
Wir haben hier eine Schule in Hannover, das ist die IGS Linden, da ist
Türkisch schon zweite Fremdsprache und da ist es natürlich im allgemeinen
Schulunterricht integriert. Ich hoffe, dass wir jetzt zum 1. August 1988
an der IGS Roderbruch Neugriechisch und griechisch-orthodoxe Religion in
griechischer Sprache in den Stundenplan einarbeiten können. Aber in der
Regel ist es leider am Nachmittag.
Jasmin A.: Aber das ist doch das Hauptproblem.
Die Schüler überlegen sich, sie gehen sechs Stunden zur Schule und danach
noch muttersprachlichen Unterricht. Das ist schon erheblich zu viel. Vor
allen Dingen Schüler, die noch zur Realschule gehen, die sind in einem
Alter von 10-14 Jahren und da ist es klar, dass sie das dann nicht mehr
schaffen. Nach sechs Stunden Schule, da sind auch alle anderen Schüler
geschafft.
Hamann: Das sehe ich auch so. Und es sind auch
nur rund 50% der ausländischen Schüler aus diesem Personenkreis, die das
Angebot annehmen könnten, die tatsächlich auch daran teilnehmen. Das ist
ein weiteres Argument dafür, dass es mehr Schulen geben sollte, die sagen:
So, wir machen jetzt Türkisch oder Spanisch anstelle der zweiten
Fremdsprache.
Zwischenfrage einer türkischen Kollegin, Frau
Ebcinoğlu: Ich bin selbst an einer Grundschule tätig. Herr Hamann hat
vorhin gesagt, dass die Schüler anfangs sagen, unsere Sprache ist nicht
so anerkannt worden wie die anderen beiden Sprachen. Als Mutter kann ich
dazu berichten, dass mein Sohn jetzt auf ein Gymnasium geht und dieses
eine Jahr Türkisch gemacht hat. Unser Sohn soll integriert werden, er muß
eine der Hauptfremdsprachen lernen, damit er gute Zensuren in der Hand
hat. Aber jetzt kommt die Frage: was für ein Beruf soll ich lernen? Als
Arzt oder Medizin will ich studieren, aber ich kann ja noch nicht einmal
mit meinen Leuten ein Gespräch führen. Das ist wirklich ein großes Defizit
für unsere ausländischen Schüler, besonders für unsere türkischen Kinder.
Zuerst integrieren, beide Sprachen, mein Sohn wird kein Wort französisch
sprechen, mit wem denn? Aber türkisch braucht er unbedingt. Wenn er ein
Arzt wäre, wären die Patienten türkische Patienten für ihn. Wenn er ein
Ingenieur wäre, dann kommen auch die Kontakte in der Türkei, aber er
beherrscht seine Muttersprache nicht. Das ist wirklich ein großes Defizit.
Ich gebe ihnen ein Beispiel: Neulich kam ich zu meinem Zahnarzt, der ist
Türke und hat hier studiert, er wollte mir klar machen, dass es bei seiner
Arbeit nicht wehtun wird. Wissen sie, was er gesagt hat? Auf türkisch. Er
hat mir nicht gesagt, es wird nicht weh tun, sondern das wird ganz wenig
kritzeln. Also so etwas. Der hat sich so geschämt. Frau Ebcinoğlu es tut
mir schrecklich leid, aber ich habe überhaupt kein Wort türkisch in der
Schule gelernt. Nur vom hören. Und das vom Hören ist keine offizielle
Sprache. Das ist nur, was man so in eigenen Worten so spricht, aber nicht
auf Türkisch. Es ist ein großes Defizit. Ich möchte so gerne als Mutter
und als Lehrerin den Kinder die Chance geben, wo es nötig ist, die
Muttersprache weiter zu erlernen im Gymnasium sogar. Es wird eine große
Defizit. Und wo mein Sohn zur Schule geht, Herschelschule, habe ich ein
Gespräch geführt mit dem Schulleiter, der hat mir auch verschiedene
Zahlen genannt. Da sind 23 Schüler, also 4% türkische Kinder sind dabei,
das kann man als ein Lehrer machen. Die haben gesagt, das kann man nicht
als ein Lehrer machen, wenn der krank ist, dann muß das Fach ja vertreten
werden. Das 4% ist ... in der Schule, bitte das muß doch machbar sein.
Nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis.
Kurlbaum-Goy: Ich habe noch einmal eine Frage.
Herr Hamann, warum tendieren sie zur Zeit in ihren Ausführungen dahin,
dass die zweite Fremdsprache das diskutable sei? Warum nicht die erste?
Denn die Erfahrungen zeigen, dass z.B. bei einer offen Wahl in der
Orientierungsstufe, nehme ich Englisch oder die Muttersprache, die Schüler
ganz bewußt nicht ihre Muttersprache nehmen, nicht, weil sie sich damit
nicht identifizieren, sondern weil ihnen in den Chance für die
weiterführenden Schulen verbaut wird. Das muß man ganz offen erst einmal
erkennen, dass keine der weiterführenden Schulen, Realschule und
Gymnasium, einen solchen Schüler aufnehmen können, weil er hier nicht
weitermachen kann.
Hamann: Ihre Frage war, warum ich für die
zweite Fremdsprache bin? Sie haben die Antwort eigentlich schon gegeben.
Kurlbaum-Goy: Warum verlegen sie ihr Interesse
nicht auf die erste Fremdsprache?
Hamann: Wie sie selber schon sagen, wir haben
europaweit Englisch oder Französisch als erste Fremdsprache. Die Griechen
etwa oder die Spanier, auch in der Türkei ist Englisch oder Französisch
erste Fremdsprache. Und wir würden vielen Schülern den Weg verbauen. Ein
griechischer Schüler z.B. der während der Schulzeit nach Griechenland
zurückkehren will, hätte Schwierigkeiten in die Schule integriert zu
werden, wenn er Englisch nicht nehmen würde. Kurzum es ist der
Grundgedanke der, dass erstens möglichst doch alle Schüler Englisch
machen sollten, als erste Fremdsprache, weil das sowohl bezogen auf eine
Ausbildung im universitären Bereich als auch in der Berufsausbildung das
Fach ist, was in aller Regel verlangt wird und zweitens seine
Reintegrationsfähigkeit wäre beeinträchtigt, wenn er nicht Englisch nehmen
würde. Deshalb plädiere ich dafür, die Muttersprache anstelle der zweiten
Fremdsprache zu nehmen. Wir haben einige Schulen ,wo mehr als Notlösung
dies so gehandhabt wird. Etwa in der Hauptschule in Braunschweig habe ich
kennen gelernt, da hat man Seiteneinsteiger, Schüler, die während der
Schulzeit erst gekommen sind und Englisch nicht nachlernen können, da hat
man gesagt, hier nehmen wir Türkisch anstelle der ersten Fremdsprache und
dadurch können diese Schüler den Hauptschulabschluss bekommen. Im Grunde
genommen ist es ein Gedanke, wir haben europaweit Englisch oder
Französisch als erste Fremdsprache und wir würden die Schüler in ihrer
Mobilität in Europa letztlich behindern, wenn wir das nicht auch bei uns
fördern würden.
Zwischenfrage: Sie haben dafür tendiert, dass
Englisch oder Französisch für die Kinder und für die Jugendlichen die
Berufschancen eröffnet und das deshalb Englisch oder Französisch sehr
wichtig sein, weil diese Sprachen im Berufsleben dieser Menschen sehr
wichtig sein. Dann frage ich mich wirklich, warum man per Druck die
Berufschancen nicht in der Muttersprache weiter zu ..., damit dass man die
Muttersprache genauso weitgehend(?) kann, wie andere Sprachen. Und das hat
mit interkultureller auch sehr viel zu tun. Wenn man von interkultureller
Erziehung spricht, dann muß man einfach einsehen, dass die italienische
oder türkische Sprache genauso einen Wert hat, wie deutsche oder
englische. Aber wenn man sich im Berufsleben umschaut, da sieht man, dass
diese Sprachen, wie Herr Hamann auch sagte, keine Bedeutung haben. Warum
versucht man nicht, im Berufsleben auch in der Bildung die Chance diesen
Sprachen zu verschaffen, das diese Sprachen auch dort wert sein können.
Meinetwegen an Hochschulen, dass man kleine Anregungen geben muß, dort
...stellen ... .
Zwischenfrage: Das Problem ist hier so
weitgreifend, dass wir jetzt von Standpunkt ausgehen. Wir sind hier in
Europa und von mir aus, wenn ich mir überlege, ich bin Iraner und ich
möchte in den Iran zurückkehren, es wäre eine schöne Sache, wenn ich
Persisch sprechen könnte. Aber wenn ich hier Medizin studieren und hier
arbeiten will, die medizinischen Bücher sind meistens auf französisch oder
englisch geschrieben worden, wenn ich diese Sprache nicht kann, dann kann
ich diese Bücher nicht lesen, dann kann ich mich nicht weiterbilden. Meine
Muttersprache als erste Fremdsprache zu nehmen, wäre für mich ein
Nachteil. Ich hatte in der 10. Klasse Persisch als erste Fremdsprache,
dann kam ich in die elfte Klasse. Dort war es nicht mehr erlaubt, Persisch
als erste Fremdsprache weiter zu machen. Ich bin froh, dass ich Englisch
dadurch wenigstens ein Jahr gehabt habe. Ich habe es dann abgewählt. Aber
dieses bißchen Englisch, was ich noch kann, hilft mir immer weiter. ich
kann es mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Englisch hier in Europa als
erste Fremdsprache für die Schüler abgeschafft wird.
Zwischenfrage: Man kann jede Sprache genauso
wichtig machen wie ... . Man kann das ja in alle Sprachen übertragen. Ich
meine, einerseits lernen die nicht alle Medizin, die ausländischen
Schüler, ich habe auch nichts dagegen, was sie da sagen, die Englische
Sprache ist Weltsprache oder Wissenschaftssprache, wenn ich so sagen darf,
weil das nun mal so ist, aber es gibt auch andere Berufszweige, wie
Kirche, wie Dolmetscher, ich meine, man spricht jetzt hier von
interkultureller Erziehung oder wenn man versucht, die interkulturelle
Erziehung in diesen Ländern ein bisschen weiter zu bringen, dann muß man
auch Wege suchen , dann muß man auch wissen, wie man das ein bisschen
weiter bringen kann. Darum geht es.
Zwischenfrage: Eines muß man aber auf jeden
Fall anmerken, dass, wenn Englisch nicht als erste Fremdsprache genommen
wird, die Studierfähigkeit gerade im wissenschaftlichen Bereich erheblich
eingeschränkt wird. z.B. Medizin, es gilt auch für andere Sparten, dass
teilweise bis zu 80% der Literatur auf Englisch oder Französisch, mehr
aber auf Englisch, geschrieben ist. So muß ich sagen, wenn sich jetzt das
ausländische Kind für die Muttersprache als erste Fremdsprache entscheidet
und damit Englisch weit zurück stellt, müsste eigentlich da schon die
Entscheidung fallen, ob es überhaupt einen Beruf mit notwendigem Studium
ergreifen will. Denn das wäre dann kaum noch möglich. Die Berufswahl
müsste dann sehr früh in einen Beruf gestellt werden, wo kein Studium für
notwendig ist. Und ich weiß nicht, ob dies so einfach so zu machen ist.
Hamann: Wir haben auch Beispiele dafür, dass
Deutsche etwa ohne Englisch oder Französisch, nämlich mit Latein und
Altgriechisch, durchaus zum Studium gekommen sind. Wissen sie, es ist für
mich ein eigenartiger Vorgang, ich habe hier ein Publikum, was diesem
Problem sehr aufgeschlossen gegenüber steht. Mir ging es aber hier erst
einmal um den Grundgedanken, aber ich trage hier sozusagen Eulen nach
Athen um diesen Grundgedanken, man sollte sich doch einmal klar machen,
welche unterschiedliche Gewichtung europäische Sprachen an unseren
Schulen haben. Einerseits dieses starke dominieren von Englisch und
Französisch und andererseits diese, Geringschätzung kann man nicht sagen,
das wäre ein bisschen zu hart, aber diese Missachtung anderer Sprachen
innerhalb Europas, auch innerhalb der EG. Herr W., ich gebe ihnen ohne
weiters Recht, man wird vielleicht in 20 Jahren fragen, warum hat man in
Hannover denn nicht an einer Berufsschule Dolmetscherausbildung betrieben
mit Türken, mit Griechen und mit Spaniern, da sind so viele da gewesen.
Wir brauchen sie doch hier in unserer Wirtschafts-EG, die mehr als eine
rein Wirtschaftsvereinigung sein soll. Ich bin davon überzeugt, vielleicht
in 10 Jahren. Irgendwann wird man sich fragen, warum hat man denn dies
damals nicht gesehen. Nur ich muß schlicht und einfach feststellen, die
Mehrheit der Eltern, der Politiker und der Lehrer sieht es noch nicht.
Zwischenfrage: Wenn ich von vorne hinein weiß,
dass ich die Sprache, die ich lerne, in meinem Berufsleben, wie das
heutzutage ist, nicht brauche, dann würde ich natürlich diese Sprache
nicht lernen. Aber man muß dies zumindestens anbieten. Aber wenn ich von
vornherein weiß, dass diese Sprache mir im Berufsleben hilft, dann würde
ich natürlich diese ... nehmen, wie das da auch gesagt wurde. Und wenn
man, wie sie Herr Hamann, sagt, dass man viele ausländische Kinder oder
die, die aus den Mittelmeerländern kommen, wissen, dass ihre Sprache
keine große Bedeutung hat, wie diese zwei europäischen Sprachen Englisch
und Französisch, das ist korrekt, denn sie merken, dass sie mit ihren
eigenen Sprachen im Berufsleben keine Chancen haben. Das ist das. Daran
liegt dies.
Hamann: Ich muß nur noch einmal sagen, ich bin
seit Jahren bemüht, in den Ballungszentren Schulen zu bekommen, auch
Minister Oschatz hat sich dafür z.B. in Wolfsburg sehr eingesetzt. Kurzum,
ich wäre froh, wenn wir überhaupt mehr Schulen bekommen, wo man Türkisch
und die Muttersprachen aus dem Mittelmeerraum wenigstens als zweite
Fremdsprache anbietet. Und bezogen auf Realschulen und Gymnasien, ich
meine, dass dadurch auch, dass klingt so nach Erfolgshaschen, aber ich
meine es mehr als das ich es jetzt so verkürzt sage, ich glaube, dass man
dadurch auch die Besuchsquoten erhöhen könnte. Ganz einfach ausgedrückt,
wenn ein realschul- oder gymnasialschulfähiger Schüler, der Deutsch als
Fremdsprache lernen mußte und Englisch als Fremdsprache lernen muß, wenn
er jetzt nicht eine dritte Fremdsprache, sondern seine eigene Sprache
machen kann, das muß für erstens zu bessern Leistungen führen und
zweitens auch eine andere Motivation geben. Ich will nicht vordergründig
die Besuchsquoten erhöhen, aber ich meine, hier müssen wir etwas anbieten,
was die Identität des Schülers stärkt und das ist nun allemal seine eigene
Fremdsprache. Wie das sich dann weiter ausbauen kann, wenn wir dann
verstärkt Realschüler oder Gymnasiasten in Hannover oder Niedersachsen
allgemein, die dann mit ihrer Muttersprache als Fremdsprache den
Schulabschluß haben, dann wird von selbst ein Druck auf Berufsschulen,
möglicherweise auch auf Universitäten, entstehen, um da eine Fortsetzung
zu finden. Bloß wir müssen überhaupt erst einmal einen Anfang haben.
Zwischenfrage (Fr. Berke): Ich habe eine
Frage: vorhin sagten sie, dass sie eine Schule ab 1.8.88 gewinnen werden,
in der Neugriechisch und griechische Religion als Fach gelehrt wird. So
weit ich weiß, sind Griechen in Prozent in Hannover sehr wenig, nach
welchen Gesichtspunkten gehen sie, dass sie gerade eine solche Schule für
diese Sprache gründen, aber es gibt immer noch keinen konzentrierten
Religionsunterricht z.B. für Türken? Beziehungsweise ist der Anteil der
türkischen Schüler in Grund- und Hauptschulen erheblich größer ist, was
... entsprechende Gewährleistung dort gemacht?
Hamann: Wir gründen keine neue Schule, sondern
eine Schule hat gesagt, wir sind bereit verstärkt griechische Schüler
aufzunehmen, was für die Schülerpopulation auch Probleme bringen kann und
wir werden innerhalb unseres Stundenplanes Muttersprache für die Klassen
1 bis 6 anbieten, das ist die IGS Roderbruch, die mit der Grundschule
beginnt bis zur Klasse 13, wir bauen den griechisch-orthodoxen
Religionsunterricht ebenso ein, wie den katholischen, protestantischen
oder evangelischen und ab Klasse 7 bieten wir Neugriechisch anstelle einer
zweiten Fremdsprache an. Das ist dadurch entstanden, dass die griechische
Gemeinde in Hannover, übrigens das sind über 800 griechischen Schüler hier
in Hannover von den Schuljahren 1-13 an den allgemein bildenden Schulen,
immerhin so 70-80 pro Jahrgang. Die griechische Gemeinde war sehr daran
interessiert, eine griechische Nationalschule zu bekommen und die ist
letztlich auch von Oschatz zugesagt worden, aber die Einrichtung scheitert
an finanziellen Gründen. Die von der griechischen Seite zur verantworten
sind, nicht einmal von uns. Im Laufe dieser Diskussion habe ich immer
wieder die griechischen, also auch den Generalkonsul und den
Erziehungsattaché, der in Hannover am Konsulat ist, ihre griechischen
Eltern brauchen sich einfach nur eine Schule auszusuchen und da melden sie
ihre Kinder, also eine Angebotsschule, ein Gymnasium ist auch eine
Angebotsschule, nein sie ist eine Regelschule, aber sie hat keine
festgelegten Einzugsbereiche, darum geht es ja immer bei Grundschulen und
Orientierungsstufen, da müssen die Schüler immer eine bestimmte Schule
besuchen, und ich habe der griechischen Seite geholfen, die Eltern dafür
zu werben. Ich weiß nicht einmal, ob es zustande kommt. Aber im Grunde
genommen brauchen sich auch die Türken nur zu einigen, wir wollen unsere
Realschüler zur Realschule A und unsere Gymnasiasten zum Gymnasium C zu
schicken und wenn acht Schüler pro Jahrgang oder an einer Schule
muttersprachlichen Unterricht haben wollen, ist er einzurichten. Frau
Berke, es ist eigentlich eine Frage des Elternwillens.
Antwort Berke: Ich meine, werden sie nur durch
Eltern über solche Dinge in Bewegung gesetzt oder kommen sie selbst auf
diesen Gedanken nach Prozentsatz oder bei Umfragen so was für Türken auch
längst geschehen sollte. Ich meine, sie kennen die türkischen Eltern, die
sind nicht so informiert oder fähig solche Sachen in die Wege zu leiten,
ob man jetzt von höherer Stelle dieses in die Hand nehmen sollte und
entsprechend den Eltern und auch den Schülern helfen sollte.
Hamann: Jetzt kommen wir in ein sehr
schwieriges Gebiet. Vor 4 - 5 Jahren, ich darf das jetzt mal ganz offen
sagen und das darf auch im Protokoll stehen, nein wir möchten keine
"Türkenschule" haben. Wenn das gut laufen soll, brauchen sie die
Zustimmung oder die Duldung durch den Schulträger, das eine Nationalität
an einer Schule konzentriert wird, und sie brauchen zumindest auch die
Duldung durch das Kollegium. Ich meine, pädagogisch gesehen ist dies zu
wenig. Sie müssen die Zustimmung haben. Und die Konferenz an der IGS
Roderbruch hat zwei Stunden darüber diskutiert und hat gesagt, wir sehen
dies als eine positive Aufgabe, wir wollen dies tun. Sie brauchen also den
Willen des Kollegiums, einen Mehrheitsbeschluss, das wollen wir an unserer
Schule machen. Das sind die beiden wesentlichen, die daran beteiligt sind.
Und es haben schon viele Gespräche mit dem Schulträger, Herrn Warmbold,
usw. stattgefunden. Die Offenheit dieses Kreises ist nicht mit der, des
Landes Niedersachsen allgemein, oder der, der Stadt Hannover,
vergleichbar. Ich habe immer nur da darüber zu sprechen Gelegenheit, wo
ohnehin schon guter Wille vorhanden ist. Ich müsste dann vielleicht ganz
wo anders predigen.
Zwischenfrage: Ich wollte mich erkundigen, wie
sind die Erfahrungen in anderen Ländern? In Niedersachsen hören wir die
Zahlen, wir wissen auch, dass dies oder jenes in den Großstädten gemacht
wird, aber wie sieht es in den Ländern aus, gibt es auch viele Ausländer
oder so viele Türken, hat man Erfahrungswerte auch vom UNESCO-Club aus,
wie dortige Gymnasien arbeiten, um dieses Problem zu lösen. Das wäre meine
eine Frage. Und zweitens, sie haben sehr schön in Zahlen genannt, wie
viele ausländische Schüler die Gymnasien besuchen. Ich bin aber neugierig,
wie viele der von ihnen genannten Schülerzahlen sind türkische Schüler?
Hamann: Ich habe jetzt keine genauen Zahlen
hier, ich weiß nur, dass beste Beispiel für eine bilinguale Schule, ist
ein Gymnasium... Der Schulleiter, Herr Becker, war Lehrer an einer
deutschen Schule in Lissabon, ist also auf Portugal orientiert, und er hat
einfach festgestellt, dass in und um Dortmund herum eine doch recht
beträchtliche Population portugiesischer Schüler ist. Und er hat es
erreicht, dass Portugiesisch zuerst als erste Fremdsprache, später hat man
dies umgestellt, so dass Portugiesisch als zweite Fremdsprache
unterrichtet wird, inzwischen auch für deutsche Schüler, denn das ist
immer ein Effekt, der daraus entsteht. Und das ist nun inzwischen eine
deutsch-portugiesische Begegnungsschule geworden. Wir haben bundesweit
ca. 100 bilinguale Schulen. Unter bilingualer Schule versteht man solche
Schulen, die eine Fremdsprache nicht nur als Unterrichtsfach unterrichten,
sondern ein weiteres Fach in dieser Sprache. Eines der berühmtesten ist
das Französische Gymnasium in Berlin. Das waren übrigens auch
Gastarbeiter, die dieses berühmte Gymnasium in Trägerschaft des Landes
Berlin, geschaffen hat, das Französische Gymnasium. Nur diese bilingualen
Schulen, diese 100 in der BRD, davon ist keine in Niedersachsen, sind
weitgehend franco- oder anglophon. Es gibt nur einige griechische Schulen,
aber vorwiegend oder fast ausschließlich in Bayern. Griechische
Privatschulen, die sowohl in griechischer als auch in deutscher Sprache
unterrichten. -Zwischenfrage- Nein, wir haben keine bilinguale
Schule in Hannover. Wenn das jetzt mit den Griechen an der IGS Roderbruch
zum Tragen kommen sollte, dann hätten wir die erste in Niedersachsen. Wir
haben die IGS Linden, an der Türkisch zweite Fremdsprache ist, wir haben
die IGS Wolfsburg, an der Italienisch zweite Fremdsprache ist, inzwischen
auch für deutsche Schüler, aber bilingualer Zug setzt voraus, dass ein
weiteres Fach in dieser Sprache unterrichtet wird und das haben wir
abgesehen von den beiden privaten griechischen Lyzeen, die in Hannover und
Gifhorn sind, haben wir das in Niedersachsen nicht. Lyzeen sind für die
Schuljahre 10 bis 12.
Zwischenfrage: Ich wollte noch fragen, ob in
diesem Gymnasium Roderbruch durchgehend griechischer
Muttersprachenunterricht Einzug in den dortigen Stundenplan findet? ... .
Hamann: So ist es die IGS Roderbruch ist eine
Ganztags-Schule und eine Ganztags-Schule hat natürlich andere
Möglichkeiten, den Stundenplan zu gestalten. Allerdings, die Grundschule
ist eine reine Halbtagsschule und da versucht man, den
griechischsprachlichen Muttersprachenunterricht in die erste Stunde zu
legen. Das geht wahrscheinlich damit gut, da die Grundschule sowieso erst
mit der Zweiten Unterrichtsstunde beginnt. Und beim Religionsunterricht
ist es dadurch leichter, weil man einfach dann parallel zum katholischen
oder evangelischen Religionsunterricht den griechisch-orthodoxen
Religionsunterricht legt.
Zwischenfrage: Ob ich bitten dürfte, dass
dieses Problem nicht durch Hilfe der griechischen Gemeinde lösen zu
versuchen, was andere Länder anbetrifft. Die Griechen, also die ...
Griechen, die in Griechenland leben, leben auch im Ausland. (Hamann: Noch
mehr.) Seit jeher gibt es in der Türkei, in den Großstädten, griechische
Schulen, die zeitweise konzentriert Neugriechisch oder Türkisch oder
gleichberechtigt alle Sprachen lernen. Und die Griechen, die im Ausland
leben, haben eine ganz andere Auffassung von ihrem Alltag oder von ihrer
Ausbildung oder von ihrem Aufenthalt im Ausland usw... Ich habe zufällig
Griechen in Chicago kennen gelernt, die dritte Generation in Chicago
lebten, trotzdem mit einem sehr starken Akzent Amerikanisch gesprochen
haben und sie waren als Griechen stolz. Diese Erfahrungen haben die Türken
bzw. die Osmanen nicht gemacht, das ist jetzt ein neues Gebiet. Und wenn
wir jetzt ihnen nicht behilflich sein werden, diese Sitten und Gebräuche
des Mittelmeerraumes bekannt zu machen, werden wir natürlich sehr viele
Generationen sozusagen in ... tragen. Und deshalb sollten Anregungen vom
Kultusministerium kommen.
Hamann: Ich weiß nicht, ich sprenge jetzt ihr
Thema. Aber ganz kurz. Es gibt Expertenkommissionen, aufgrund des
Kulturabkommens mit den sechs Hauptherkunftsstaaten, ich gehöre allen
sechs Kommissionen an, es ist nur die griechische Seite die so etwas
will, die türkische Seite sagt ganz offiziell seit Jahren, wir wünschen
Integration, allerdings muttersprachlichen Unterricht und auch islamischen
Religionsunterricht. Das war ihre zweite Frage, Frau Berke. Wir haben de
facto jetzt islamischen Religionsunterricht, ich sage dies jetzt hier so,
auch für das Protokoll. Die ... ist das erweiterter muttersprachlicher
Unterricht in türkischer Sprache, erweitert um religiöse Themen. Warum wir
so verfahren? Unser Schulgesetz verlangt bei der Erstellung von
Rahmenrichtlinien für Religionsunterricht das Einverständnis der
jeweiligen Religionsgemeinschaft. Und hier haben wir nicht den Partner. Es
gibt also nicht so etwas wie eine islamische Kirche oder eine islamische
Körperschaft, so dass wir also diese Hilfskonstruktion haben. Die hat
allerdings den großen Vorteil, dass wir diesen Religionsunterricht in
türkischer Sprache geben zu können. Hätten wir eine islamische
Gemeinschaft, die ja nicht nur Türken umfassen würde, sondern Perser,
Marokkaner und Tunesier, dann müssten wir wohl als Unterrichtssprache
Deutsch festsetzen. Oder Arabisch. Frau Berke, insofern ist also diese
pragmatische Lösung , ich sage dies in aller Offenheit, eine Lösung, die
dem größten Teil der islamischen Schüler an niedersächsischen Schulen
sehr entgegenkommt. Und der größte Teil ist der türkische.
Zwischenfrage: Eine Frage, die Überlegung
Schüler dieser Sprachen an bestimmten Schulen zu konzentrieren, um auf
diese Weise muttersprachlichen Unterricht anbieten zu können, eventuell
sogar als eine Fremdsprache, klingt so auf Anhieb ganz einleuchtend.
Sehen sie dann unter Umständen wieder Probleme der Integration, weil sich
diese Kinder dort verstärkt finden, untereinander aufhalten, Gruppen
bilden, so dass im Grunde soziale Probleme verstärkt auftreten können?
Hamann: Frau Berke, diese Frage hatten sie
auch indirekt gestellt. Wir können vom Ministerium aus bei der Rechtslage
der Bundesrepublik, abgesehen von den Stadtstaaten, muß man immer diesen
Dualismus sehen zwischen dem Bundesland und den Kommunen. Die
Schulträgerschaft, die Festlegung von Einzugsbereichen, die Festlegung,
welche Schulen man einrichten will, das ist eine Sache des Schulträgers
und wir können gar nicht per Erlass festlegen, griechische Schüler gehen
dorthin. Wir können da nur sagen, wir haben von Seiten des Landes die
Voraussetzungen geschaffen. Man kann dabei behilflich sein, aber
letztlich können wir diese nicht festlegen. Ich muß ihnen Recht geben,
natürlich kann es Probleme geben. Wenn wir nun alle 800 griechischen
Schüler an der IGS Roderbruch konzentrieren würden, ich glaube, dies
bekäme der Schule nicht gut. Dasselbe gilt natürlich auch für andere
Nationalitäten. Ich meine, hier müsste es so etwas entstehen: ein
deutsch-türkischer Verein vielleicht, der sich speziell dieser Schulfragen
widmet und der auch mit Schulleitern und mit Lehrern darüber spricht. Der
einfach einmal feststellt, ich kann das anhand meiner Statistik sehr
schnell tun, wir hätten genügend türkische Schüler hier in Hannover an
Gymnasien, wenn sie an einem konzentriert wären, so dass wir sofort
Türkisch als zweite Fremdsprache einrichten könnten. Wir müssen einfach
einmal das Faktum sehen, dass in Deutschland die Eltern die Möglichkeit
haben, die Schule für ihre Kinder zu wählen. Rechtlich gilt dies auch für
ausländische Eltern. De facto wird es aber auch von ausländischen Eltern
immer mehr wahr genommen. Gerade bei diesen Gesprächen mit den Griechen,
ich bin also schon in 7 griechischen Elternversammlungen gewesen, da
finden sie immer wieder Eltern die sagen, wir wollen keine griechische
Schule, wir wollen auch dies nicht mit der IGS Roderbruch; meine ersten
beiden Kinder gehen zum Gymnasium soundso, kommen da sehr gut mit, haben
gute Leistungen und die weiteren zwei Kinder in unserer Familie sollen
denselben Weg gehen. Das heißt, dass bisher gefragt wurde, ist die IGS
nicht so eine Schule, die nicht soviel leistet und das Abitur, was man
dort machen kann, das zählt doch nicht soviel; also das, was sie bei
deutschen Eltern als Stellungnahme und Auffassung von Schule durchgesetzt
hat, nehmen sie Orientierungsstufe ja oder nein, diese Fragen, das setzt
sich auch immer mehr bei den ausländischen Eltern durch. Man kann also
immer nur wieder informieren, aber man muß es den Eltern überlassen, wie
sie den Weg dazu finden. Ich darf auch ganz offen sagen, ich habe so
manchen Oberstudiendirektor schon gefragt, kannst du nicht an deiner
Schule Türkisch einrichten - die Antworten waren nicht durchweg positiv.
Zwischenfragen
Hamann: Da nehme ich die zweite Frage zuerst:
Teilnahme am muttersprachlichen Unterricht. Niedersachsen ist mit drei
weiteren Bundesländern, es gibt sowieso nur fünf Bundesländer, die den
muttersprachlichen Unterricht von Staatswegen erteilen lassen, in den
anderen sechs Bundesländern oder die anderen sechs Bundesländer sagen, das
können die Konsulate machen. Sie geben teilweise kräftige finanzielle
Unterstützung, haben aber nicht den muttersprachlichen Unterricht in
eigener Regie. Von den 5 Bundesländern hat Hessen den muttersprachlichen
Unterricht als Pflichtfach, aber die Eltern haben die Möglichkeit
abzumelden. Die Besuchsquote in Hessen ist höher als hier in
Niedersachsen; das ist richtig. Die anderen Bundesländer treten dafür
ein, dass es weiterhin freiwillig bleibt. Einmal wegen der Belastung, die
Stundenpläne ab Klasse 5 haben mindestens 30 Stunden pro Woche und wenn
dann 5, 6 oder gar 7 Stunden hinzu kämen, dann ist das eine enorme
Belastung, die man, meine ich, nicht zur Pflicht machen kann. Und es gibt,
meine ich, auch Probleme innerhalb der einzelnen Nationalitäten. Mir ist
bekannt, dass etwa auch aus Jugoslawien Asylberechtigte sich aufhalten.
Ich kann mir nicht vorstellen, sie zu zwingen, am serbokroatischen
Unterricht teilnehmen zu müssen. Dasselbe gilt für Kurden, die bei uns
Asylrecht haben. Auch von Nationalen Minderheiten, wir haben eine
Minderheit von griechischen Schülern türkischer Muttersprache. Von daher
sind wir der Meinung einerseits die zeitliche Belastung und andererseits,
man kann nicht jemanden zwingen, an einem Extraangebot teilnehmen zu
müssen. Man kann nur sagen, es gibt die allgemeine Schulpflicht, die hat
jeder zu erfüllen, aber wir können nicht eine Minderheit, egal welche,
zwingen, das ist teilweise auch meine persönliche Auffassung, du mußt da
zusätzlich dran teilnehmen. Muttersprache als Fremdsprache für deutsche
Schüler: wir haben bislang nur aus dem Mittelmeerraum Spanisch und
Italienisch als Fremdsprachen-Fächer für deutsche Schüler. Im Hause haben
wir schon darüber gesprochen. Wir meinen, dass wir auch neugriechisch
zulassen würden. Ich sehe da grundsätzlich keine Schwierigkeiten, dass,
wenn der Bedarf besteht, man auch andere Sprachen als zweite Fremdsprache
für deutsche Schüler anbietet. Schwierigkeiten gibt es allerdings bei der
Organisation dieses Unterrichts. Einmal die türkischen oder Griechischen
Schüler werden immer mehr Kenntnisse mitbringen als der deutsche Schüler,
der im 7 Schuljahr damit beginnt Türkisch oder Griechisch zu lernen. Und
wenn wir im verstärkten Umfang Türkisch und so weiter als Fremdsprache
anbieten wollen für deutsche Schüler, fehlen uns die Lehrer dazu. Denn
wir haben keine deutschen Lehrer, abgesehen von einigen Ausnahmen, die
Neugriechisch oder Türkisch als Fach haben. Spanisch und Italienisch
schon. Serbokroatisch aber z.B. auch nicht.
Zwischenfrage Kurlbaum-Goy:
...Reintegrierbarkeit, wie sie es vorhin beschrieben haben, als wir davon
sprachen Englisch als erste Fremdsprache muß sein. Wenn wir daran denken,
dass Reintegrierbarkeit auch überall dann herrscht, wenn Schüler ihre
eigene Muttersprache beherrschen, dann ist hier ja schon ein gewisses
Risiko zu verbuchen. Wir haben gerade gehört, etwa nur die Hälfte der
Schüler gehen an den Nachmittagen zu einer zusätzlichen ziemlich
langwierigen und anspruchsvollen Zeit zum muttersprachlichen Unterricht,
was ist mit denen dann mit Reintegrierbarkeit. Sie können dann Vielleicht
Englisch, aber kein Türkisch oder Griechisch.
Zwischenfrage: Sie sind auch nicht so
erfolgreich als wie .. Muttersprache unterrichtet.
Kurlbaum-Goy: Das auch. Außerdem ist die
Belastung ungeheuer groß.
Hamann: Das ist wirklich ein Problem, was
letztlich nicht 100% gelöst werden kann. Man hat bei der Einführung des
muttersprachlichen Unterrichts in erster Linie an die Rückkehr dieser
Schüler gedacht. Inzwischen haben wir festgestellt, dass die große
Mehrheit der Wanderarbeitnehmer nicht zurückkehrt. Wir haben schon die
zweite oder gar die dritte Generation hier in Deutschland und insofern
sind wir quasi Einwanderungsland. ich Halte es auch in der Mehrheit der
Fälle nicht für möglich, einen Schüler voll doppelsprachig zu erziehen. Es
gibt die berühmten Ausnahmen: Carlo Schmidt, es war für mich ein Erlebnis,
der nun also sowohl in der deutschen wie der französischen nicht nur
Sprache, sondern auch Kultur zuhause war. Aber eine volle
Doppelsprachigkeit ist für die Schule eine Aufgabe, die nur sehr, sehr
schwer zu lösen ist. Insofern gehen wir diesen Weg, ich gebe ja zu er, ist
etwas unbefriedigend, wir sind zwar bereit diese Doppelaufgabe zu lösen,
wir sind dazu übrigens auch durch KSZE Schlussakte und durch Richtlinien
der EG usw. verpflichtet, diese Doppelaufgabe zu erfüllen, wir legen aber
eine unterschiedliche Gewichtung. Wir, alle Bundesländer, behandeln die
ausländischen Schüler so, als würden sie für immer in der Bundesrepublik
bleiben. Und wir sind auch der Auffassung, man kann es pädagogisch gar
nicht anders verantworten. Die Bayern haben noch zweisprachige Klassen,
die sind mal entstanden aus dem Gedanken, die bleiben vier Jahre hier und
dann gehen sie wieder zurück und wir wollen vorwiegend Türkisch
unterrichten, damit sie besser zurückkehren können, aber die Bayern bauen
diese zweisprachigen Klassen auch ab. Wir legen den Schwerpunkt auf die
Integration, Vermittlung der deutschen Sprache und der Unterrichtsfächer
in deutscher Sprache. Und die Doppelaufgabe erfüllen wir eigentlich nur in
der Form, dass wir sagen, wer das wahrnehmen will, wir werben dafür auch,
wir unterstützen das, kann muttersprachlichen Unterricht angeboten
bekommen. Aber ist keine pädagogisch voll befriedigende Lösung, dies muß
ich einräumen.
Zwischenfrage: Das ist jetzt auch sehr schön,
dass wir in diesem Kreis darüber sprechen. Eine UNESCO-Schule oder ein
UNESCO-Club wäre mit solchen Aufgaben auch gut beauftragt. Meine letzte
Frage war, sie sagten in Niedersachsen wird muttersprachlicher
Unterricht angeboten so wie auch in sechs anderen Bundesländern, ... es
nicht, wie in den anderen sechs Bundesländern, Türkisch als
Muttersprache bzw. als Fremdsprache festgelegt ist, ob es da Erlasse
gibt oder ob das von irgendeinem Gremium festgelegt wird, was an diesem
Unterricht erteilt werden sollte. Ich habe leider auch nicht richtig
Ahnung wie es in Niedersachsen ist, nur vom Hörensagen erfahren wir, dass
das sehr unterschiedlich ist. In manchen Schulen ist der
muttersprachliche Unterricht nur eine Spätkreis, in anderen wird intensiv
Geschichte und Türkisch gelehrt, in anderen wird es in Religion oder es
wird über Probleme diskutiert. Also, ich bin zwar keine Mutter, aber
wenn ich Mutter wäre, ob ich mein Kind da hinschicke, wenn das nicht nach
einem bestimmten Schema oder Gesichtspunkten erteilt wird. Deshalb, wenn
wir jetzt davon sprechen, dass die Kinder nicht zum muttersprachlichen
Unterricht gehen, dürfen wir nicht die einzigen Schluss am
Nachmittagsunterricht ersehen, sondern wir müssen auch die Inhalte
untersuchen. Ich habe schon einige Eltern angesprochen, warum ihre
Kinder so miserabel Türkisch sprechen, als Antwort hörte ich, dass der
Unterricht nicht entsprechend was gebracht hätte bzw. bei neuerer Zeit
gewesen wäre. Wer macht dort also diese Punkte fest, was da gelehrt wird?
Oder unter welchem Gesichtspunkt wird solcher Unterricht gewährleistet?
Wer sind die Lehrer, die das machen? Sind sie selber integriert oder
beherrschen sie die Sprache oder haben sie immer noch selbst
irgendwelche Probleme?
Hamann: Ich stelle die Frage einmal so: was
sagt man, wenn man in einem Ministerium arbeitet. Da ist alles geregelt.
Wir haben Rahmenrichtlinien oder Rahmenvorgaben für den muttersprachlichen
Unterricht. Wir sind mit den anderen vier Bundesländern dabei, diese
Rahmenrichtlinien zu erweitern und zu verfeinern. Frau Berke, mir ist
klar, dass die Qualität des Unterrichtes, das gilt nicht nur für
ausländische Lehrer, sondern auch für deutsche, in der Praxis manchmal
eben gar nicht den Rahmenrichtlinien entspricht. Wir versuchen durch
Verbesserung der Richtlinien, durch Erarbeitung von Materialien, dies
geschieht in Nordrhein-Westfalen und in Hessen, durch Einsetzung von
Fachberatern für den jeweiligen Unterricht, den ersten Fachberater für
den türkischen muttersprachlichen Unterricht haben wir in Weser-Ems.
Leider hat eine große Lehrergewerkschaft, der ich auch angehöre, sehr
unverschämt darauf reagiert und diesen Lehrer als Spitzel bezeichnet, das
hat mich persönlich auch sehr getroffen. Fachberater sind eine alte
Institution in Niedersachsen und bisher ist man noch nie auf die Idee
gekommen, sie als Spitzel zu bezeichnen. Frau Berke, ich weiß, dass die
Qualität nicht immer so ist, wie man sich das vorstellt.
Zwischenfrage nach Praxisberichten
Hamann: Sie sind an der IGS Linden?
Antwort: Ja.
Hamann: Da ist es natürlich sehr gut zu
organisieren. Ich wollte die türkischen Kollegen nicht im Regen stehen
lassen, aber wissen sie, wenn aber als Vertreter eines Ministeriums
gefragt wird, wie sieht es in der Praxis aus, dann möchte ich nicht immer
nur dadurch antworten, dass ich sage, wir haben Richtlinien und es ist
alles da. Räume ich durchaus ein. Eines hätte ich auch noch von mir aus
aufgegriffen. Die Zusammensetzung der ausländischen Schüler beim
muttersprachlichen Unterricht klafft teilweise enorm auseinander. Da kommt
der zehnjährige Türke direkt aus der Türkei und spricht natürlich
hervorragend oder zumindest gut Türkisch, weil er schon fünf Jahre die
Schule in der Türkei besucht hat. Und daneben sitzt Ali, der hier geboren
ist, und der kaum noch Türkisch kann. Das ist auch eine sehr schwierige
Aufgabe für die Lehrer. Das muß man durchaus auch einmal sehen. Zumal die
Lerngruppen nicht immer nach Jahrgangsstufen eingerichtet sind. Sie haben
so manche Lerngruppe, wo zwei, drei oder vier Jahrgänge zusammensitzen.
Und dann noch diese unterschiedlichen Voraussetzungen, die sie
mitbringen. Ein Unterricht, der sehr viel vom Lehrer fordert.
Zwischenfrage (junger Iraner): Es wird immer wieder
gesagt, die Eltern mögen dies oder mögen das nicht. Das ist nicht das
Problem. Es sind die Eltern, die hier her gekommen sind, die die Kinder
zur Welt gebracht haben und jetzt erwarten, dass die Kinder, obwohl sie
hier in dieser Kultur leben, eine andere Kultur annehmen, die Kultur ihrer
Eltern. Wenn ein Kind hier der dritten Generation türkischer oder
iranischer Herkunft, die Nationalität ist hier egal, aufgewachsen ist, das
Kind hat die deutsche Kultur und Sprache angenommen. Ich sehe das so, die
Eltern wollen, dass die Kinder in die Türkei oder in den Iran
zurückkehren, das ist auch eine verständliche Sache, aber die Eltern
müssen auch irgendwann einmal merken und einstimmen, dass die Kinder fast
nicht mehr können. Es ist eine völlig andere Kultur, was sie jetzt haben.
Auch wenn sie die Sprache mit ach und Krach hier lernen, werden sie nie
damit zurückkehren können. Das ist eine Tatsache. Gut und schön, dass sie
hier die Sprache können, damit, wenn ein türkischer Patient im Falle der
Medizin kommt , sie mit ihm sprechen können, aber ich sehe es so, die
dritte Generation kann nie mehr in ihre Heimat zurückkehren. Warum
versuchen wir dann nicht, diese europäische Kultur ein bisschen zu stärken
und nicht zu schwächen?
Zwischenfrage (Ebcinoğlu): Ich kann nicht
akzeptieren, was Frau Berke gesagt hat. Ich weiß nicht, welche Eltern
fragen, nach welchen Kriterien ihr Kind dort teilnahm, ob mein Kind diese
türkischen Gestalt(?) gelernt hat oder nicht. Welche Kriterien, vielleicht
vergleichen sie sie mit sich selber. Obwohl die haben total vergessen. Die
waren ganz mit der türkischen Sprache beschäftigt und hier sind sie nur
zwei Stunden in der Woche mit der türkischen Muttersprache. Als Eltern
versuchen sie selber zuhause mit paar Wörtern Deutsche zu sprechen -
nicht Türkisch. Ich kenne so viele türkische Eltern, ich habe selber 55
Schüler, ich frage jeden Tag die Kinder, haben die Eltern euch zuhause
gefragt, was habt ihr heute gelernt in der türkischen Muttersprache. Kein
Kind sagt zu mir, Frau Ebcinoğlu, meine Mutter oder mein Vater hat
gefragt und ich habe das und jenes erzählt. Die kümmern sich überhaupt
nicht. Das kann man in drei Stunden diese ... beibringen, das ist
unmöglich.
Zwischenfrage
Hamann: Ich gehe auf ihre Fragen ein. Ich weiß
nicht, ob man das so hart sagen kann, dass die dritte Generation nicht
zurückkehren kann. Für mich ist das auch nicht die Frage, ob sie
zurückkehren. Ich meine, dass für die ausländischen Schüler auch in der
dritten oder in den folgenden Generationen, das Angebot an
muttersprachlichem Unterricht auch zur Persönlichkeitsentwicklung wichtig
ist. Abgesehen von anderen Aspekten wie etwa Verbreitung oder
Neubetrachtung von Fremdsprachenverbreitung. Zumindest das Angebot sollte
da sein. Das zweite Problem ist, die Entsendestaaten sehen immer selber
das Problem mit den Rückkehren. Die Zahlen, die ich jetzt gerade in Athen
gehört habe, dreißigtausend griechische Schüler sind aus dem
deutschsprachigen Raum zurückgekehrt. Es gibt bisher 4 Rückkehrerschulen,
wo man versucht, etwa bilingual weiter zu unterrichten, sowohl Deutsch wie
auch Neugriechisch, und eine Konsequenz ist die, dass der jetzige
Erziehungsminister in Griechenland verstärkt Deutschunterricht einführen
will und überhaupt die Sprachfolge neu durchdenken will. Englisch oder
Französisch ist erste Fremdsprache in Griechenland. Die beginnen überhaupt
mit den Fremdsprachen erst im 7.Schuljahr und man will das jetzt vorziehen
aufs 4.Schuljahr und will zumindest an 140 griechischen Schulen Deutsch
als erste Fremdsprache einführen. Auch etwas, was wir außenpolitisch sehr
begrüßen, sage ich jetzt einmal so. Ich wollte damit sagen, man kann nicht
damit das Problem abgeben, indem man sagt, die dritte Generation geht
spätestens nicht mehr zurück. Wir brauchen dafür nichts zutun, bezogen auf
Muttersprache, sondern es sind Aspekte wie Persönlichkeitsbildung,
Verteilung der Fremdsprachen wie auch, wie soll den Europa einmal ein
Europa der Vaterländer werden, wenn wir nicht diese Sprachenproblem
besser in den Griff bekommen. Zu ihnen, zu der Frage, gibt es eine
Statistik. Ich habe es vorhin vorgetragen. Es gibt in Niedersachsen
immerhin an Gymnasien, das war wohl ihre Frage.
Dokument Information
Verantwortlich: Gerhard Voigt OStR i.R.
für den UNESCO-Club für die UNESCO-Schule am Maschsee, Bismarckschule
Hannover, e.V.
Original Protokoll: 1988
Textfassung: 09.04.1994
Internetpublikation: 04.12.2011