Patenschaft der Bismarckschule Hannover
mit dem Hospital San Gabriel
in La Paz / Bolivia - 2005
Berichte aus Bolivien
Absender: Lieselotte de Barragán
An: Günter Fuchs, Bismarckschule
Datum: 09.06.2005 19:01
Ihr Lieben alle,
wir warten - was im Kongress geschehen wird.
La Paz ist fast wortwörtlich belagert. Tausende von Campesinos, Arbeiter,
Lehrer, Studenten und was sonst noch alles, aus La Paz und El Alto
marschieren in und durch die Stadt, blockieren ganze Stadtteile, und
zerstören Autos, Läden, Fensterscheiben, Telefonzellen, usw. Ausserdem
sind Fussgänger angegriffen worden, die Campesinos haben Peitschen
mitgebracht und um sich geschlagen, wer einen Anzug trug, dem wurde die
Krawatte abgerissen und die Jacke zerrissen, den Frauen wurden die Taschen
entrissen.
Weswegen gibt es diese massive soziale
Bewegung, von der Gewaltakte erwartet werden müssen, weil das bei diesen
Gelegenheiten immer so ist? Das Volk verlangt, dass der Kongress endlich
ein Gesetz herausgibt, um die Asamblea Constituyente einzuberufen, um das
Grundgesetz zu ändern. Ausserdem wird verlangt, dass Erdöl und Erdgas
nationalisiert werden, entgegen dem neuen Gesetz, das die
Erdölgesellschaften zwingt, 50% der Einnahmen an den Staat abzugeben (was
an sich gerecht ist, aber die Gesellschaften verärgert hat) Und
schliesslich wollen die Departamentos, in denen Erdgas vorhanden ist, vor
allem Santa Cruz, ein Referendum, in dem das Volk sich darüber äussern
soll, ob die Departamentos sich autonom verwalten sollen. Diese
Departamentos liegen im Osten und Süden. Die, die kein Erdgas haben, das
sind die im Westen im Andengebiet, sind absolut dagegen.,
Das ist ein Teil des Problems. Der andere
ist politisch. Manche verlangen, Mesa soll abtreten, dann käme der
Präsident des Senats dran, Hormando Vaca Diez (vom MIR) der nach diesem
Posten schon seit einiger Zeit giert, anders kann man es nicht ausdrücken.
Der Mann ist ein Fuchs und ein Gauner. Andere wollen, dass Mesa bleibt,
aber endlich regiert! und nicht einfach zusieht, wie alles zusammenbricht.
Andere wollen, dass Vaca Diez und der Präsident der Deputierten ihr Recht
an den Präsidenten des Obersten Gerichts abtreten, der neue Wahlen
einberufen soll. Die wären aber nur für 2 Jahre, bis diese Periode abläuft
(2003 - 2007) Das lohnt also nicht.
Gestern sollte der Kongress tagen, mit einer
bedrängten und massiv von Polizisten beschützten Plaza Murillo; die Tagung
hat nicht stattgefunden, weil die Abgeordneten sich nicht einig werden
konnten. So gehen die Drohungen gegen den Kongress, wenn der heute nicht
tagt, von der in Brandsetzung bis zur Einnahme durch die verschiedenen
radikalen Anführer.
Ausserdem sind die meisten Landstrassen
irgendwo blockiert, sodass man nicht von einer Stadt in die andere kommt;
weder Reisende noch Lastwagen.
Und in den anderen Städten gibt es auch
Märsche und Blockaden.
Ab morgen werden die öffentlichen
Transportmittel streiken. Meistens werden dann Privatwagen angegriffen,
mit Steinen und Stöcken, weswegen man zu Hause bleibt, wenn man nicht
dringend irgendwo hin muss. Sogar Krankenwagen haben oft in solchen Fällen
Probleme gehabt.
Deswegen warten wir, ob der Kongress nun
tagen wird oder nicht; inzwischen ist es 16.30. Um 15.30 sollte die Tagung
anfangen. Den Nachrichten nach wird es schwierig sein, dass die
Abgeordneten sich einig werden; scheinbar wollen sie vorher eine Einigung
erreichen, um grössere Auseinandersetzungen zu vermeiden.
Morgen berichte ich weiter.
Allen einen lieben Gruss! Lielott
Also warten wir, was geschehen wird. Mit
wachsender Sorge.
1.
Fortsetzung
Hermanitas queridas, liebe Freunde,
nun haben wir das Land total kaputt gemacht.
Die zwei Fronten, Santa Cruz und die Grossgrundbesitzer, dazu die
verschiedenen Unternehmer und die Mittelklassen, einerseits, und die
campesinos, andere indianische Gruppen und die "kleinen Leute", dazu
Studenten, Lehrer und verschiedene Linksradikale, andererseits, können
sich nicht einig werden, weil die wirtschaftlichen, ethnischen,
politischen und ideologischen Differenzen nicht überbrückbar sind.
Das hat man gestern wieder im Parlament
gesehen, wo die Abgeordneten bis 21 Uhr keine Einigung erreicht haben, der
Kongress keine Sitzung einberufen konnte, und verschiedene Manöver der
rechts orientierten Gruppen jede Lösung bis zum Dienstag verschoben haben.
Das hat die - berechtigte - Wut der verschiedenen Gruppen ausgelöst,
Tausende, die marschierend, blockierend, auf eine Einigung gewartet
hatten. Danach hat Carlos Mesa gegen Mitternacht ein Dekret herausgegeben,
in dem sowohl das Referendum für Autonomien als auch die Einberufung der
Asamblea Constituyente für den 16. Oktober verordnet werden.
Wahrscheinlich zu spät. Die "Legalität" dieses Dekrets wurde sofort
angegriffen, es müsste am Dienstag vom Kongress validiert werden, was
unwahrscheinlich ist. Und was die Linksradikalen jetzt ausserdem
verlangen, ist die Nationalisierung nicht nur des Erdgases, sondern aller
"recursos naturales no renovables", also Minen, usw. die zum Teil
privatisiert worden waren.
Jetzt hat der Präsident wieder verzweifelt
die katholische Kirche gebeten, zu vermitteln. Auch Evo Morales.
Vielleicht auch zu spät. Aber die verschiedenen Bischöfe sind auf dem Weg
nach Sta. Cruz, wo Kardinal Terrazas seinen Sitz hat.
Da alles blockiert ist, kann das Benzin und
Diesel nicht zu den Tankstellen gefahren werden, die jetzt leer sind. Die
Autoschlangen haben sich resigniert aufgelöst.
Politische Analytiker meinen, dass jetzt
mehrere Möglichkeiten offen sind: entweder müssten neue Wahlen einberufen
werden, oder Mesa tritt ab (weil er mit der ganzen Situation nicht fertig
wird) und der Präsident des Senats übernimmt die Regierung, der allerdings
bei allen verhasst ist, weswegen das niemals angenommen werden würde; der
könnte an den Präsidenten der Deputierten abtreten, was auch nicht
angenommen werden würde, und der wiederum an den Präsidenten des Obersten
Gerichtshofes, und der würde Wahlen einberufen müssen. Das wären die
gesetzlichen Wege.
Die anderen Möglichkeiten wären ein
allgemeiner Aufstand, wahrscheinlich sehr blutig, von dem wir nicht weit
entfernt sind! wobei nicht ganz klar ist, wer daraus hervorgehen könnte,
denn die Linksgruppen sind sehr gespalten, und es gibt grosse
Auseinandersetzungen unter ihnen, mit den entsprechenden Machtgelüsten.
Keiner von ihnen wäre wahrscheinlich in der Lage, alle zusammenzuführen,
was ein totales Chaos verursachen würde. Oder ein Militärputsch, den heute
nicht wenige herbeiwünschen ...
Es ist wieder 17 Uhr. Die marschierenden
Gruppen ziehen jetzt aus allen Richtungen in Richtung Plaza Murillo, die
von der Polizei massiv bewacht wird. Also - ?
17.15: eine Gruppe von etwa 70 "ciudadanos
patrióticos" steht mit Fahnen vor den geschlossenen Türen des
Militärkommandos, um Gral. Antezana, Jefe de Ejército (nicht etwa den
obersten Kommandeur auch der Luftwaffe und der Navy) zu bitten, die
Regierung zu übernehmen.
17.30: Pressekonferenz der Bischöfe in Santa
Cruz. Daraus wurde ein kurzer Aufruf zum brüderlichen Dialog aller
Gruppen, eigentlich ein comunicado, keine Pressekonferenz. (En boca
cerrada no entran moscas, sagte jemand, es wäre unter den gegenwärtigen
ersten Versuchen unklug gewesen, etwas anderes zu sagen)
In diesem Land geht aber nichts ohne
Anekdoten ab. Vorgestern hat eine militante Lesbierin, die María Galindo,
bester Familie, Schwester des gegenwärtigen Ministro de la Presidencia,
der Carlos Mesa am nächsten steht, die eine Gruppe "Mujeres Creando"
anführt (und völlig verrückt ist) beschlossen, ihre Solidarität mit ihren
"hermanas indias" zu zeigen, indem sie ihnen die wundgelaufenen Füsse
waschen wollte. In Vertretung aller mujeres, "indias, chotas (= cholas de
vestido), putas y señoritas". Ergebnis: die alle Frauen beherrschenden
machos, und der machismo ist unter den Indianern absolut, haben sie mit
ihren "kimsa charanis" (Dreischwänzige Lederpeitsche) weggeprügelt, zum
Ergötzen der "prensa machista" (und der "anständigen" Frauen)
Einen lieben Gruss, Lielott
Mal sehen, was jetzt kommt.
2. Fortsetzung
Hier die versprochene Fortsetzung. Im
Parlament wird immer noch in verschiedenen Nebenräumen diskutiert. Der
Transport liegt flach, morgen soll es auch so sein, die Stadt steht still.
Um die Plaza Murillo sitzen die verschiedenen Gruppen, die jetzt am
Nachmittag nicht mehr marschieren, die campesinos sind erschöpft, aber
rühren sich nicht von der Stelle.
Mein Sohn Volkmar war gerade hier, der einen
guten politischen Überblick hat. Als ich ihn fragte, was denn eine
Einigung im Kongress verhindert, sagte er folgendes: die Frage ist, was
zuerst stattfinden soll, ob das von Santa Cruz geforderte Referendum über
Autonomien, oder die von den indigenistischen Gruppen der Andengebiete
erhoffte Asamblea Constituyente, und wie die verlangte Nationalisierung
des Erdgases nach dem vor wenigen Wochen verabschiedeten Gesetz zu
verstehen ist.
Er sagte, in Santa Cruz, und im Beni und
Pando, sind die grossen Landbesitzer mit Tausenden von Hektar Land, in
denen Soja, Baumwolle, Zuckerrohr angebaut wird und grosse Viehherden
gezogen werden. Dorthin ist die Agrarreform nicht gekommen. Und natürlich
wollen die Grossgrunbesitzer dort keine Reform, und sie haben das nötige
Geld, deren Parlamentarier zu "überzeugen".
Dagegen wollen die Gruppen in den
Andengebieten, die aus verschiedenen wirtschaftlichen, demographischen und
der nicht ausreichenden Produktion in den rauhen Höhengebieten mehr Land
brauchen und sich in neuen Gebieten ansiedeln wollen, mit dem neuen
Grundgesetz die Reform auch in diese Gebiete bringen.
Unter anderen Gründen, die auch grosse
wirtschaftliche Interessen berühren.
Folglich: kommen die Autonomien zuerst, dann
kann jedes Departamento seine eigenen Gesetze erlassen. Kommt die Asamblea
Constituyente zuerst, dann wird mit absoluter Sicherheit die
Landverteilung geändert werden. Irgendwie ist es das gleiche Problem, wie
es Brasilien mit dem Movimiento sin Tierra hat. Hier gibt es diese
Bewegung auch seit ein paar Jahren, mit den entsprechenden Problemen der
Landeinnahmen.
Unter der Nationalisierung des Erdgases
stellt man sich grössere Einnahmen vor, die über die Verteilung an die
verschiedenen Municipios nach dem Gesetz der Participación Popular den
kleineren Orten zukommen würden.
Die Landbesitzer in Santa Cruz haben Geld,
die indigenistischen Gruppen haben grosse Menschenmassen, wie wir jetzt in
unserem belagerten La Paz erleben.
Daher das Tauziehen; beide Gesetzentwürfe,
dass das Referendum stattfinden soll, und auch die Asamblea Constituyente,
sind fertig; es fehlt nur bei beiden - das Datum wann.
Inzwischen gibt es auch verschiedene Gruppen
im Hungerstreik, der Druck auf das Parlament nimmt zu. Wenn nicht heute -
es ist jetzt 17 Uhr und kein Zeichen der Einigung - oder spätestens
morgen, kann das Volk gewaltsam gegen das Parlament vorgehen. Die
Abgeordneten sind sich dessen bewusst - folglich müssen sie sich einigen,
oder zu ihrer Sicherheit verschwinden. Das würde polisch noch
katastrophalere Folgen haben.
Evo Morales hat gerade eine Pressekonferenz
gehalten: es ist ein Kampf der Armen gegen die Reichen. Und die Armen sind
in der Mehrheit. Er hat eine offene Drohung gegen die Abgeordneten
ausgesprochen, auch gegen die Regierung.
Also warten wir weiter, mit wachsender
Sorge.
Einen lieben Gruss an alle, Lielott
3. Fortsetzung
Ihr lieben alle,
nachdem ich nun mal angefangen habe mit den
Berichten, soll es auch weitergehen. Die Kirche versucht zu vermitteln,
was nicht leicht ist. Alle Bischöfe sind Bei Kardinal Terrazas in Santa
Cruz. Es geht da ziemlich hermetisch zu. Was durchsickert - falls sich das
nicht jemand ausgedacht hat, ist dass die Wahlen vorverlegt werden, Mesa
abdankt, beide Präsidenten des Kongresses auch (senadores y diputados) und
der Präsident des Obersten Gerichts das Amt übernimmt und Wahlen
einberuft.
Mit all denen scheinen sie schon gesprochen
zu haben. Nun kämen die Parteiführer dran, unter ihnen Evo Morales, und
dann die "representantes de los movimientos soiciales", und das sind
viele. Also welche? Alle wird nicht gehen. Einige haben schon gesagt dass
sie nicht teilnehmen werden, denn die Kirche vertritt nur die Interessen
der clases oligárquicas. Also muss man abwarten.
Inzwischen sind die Märkte in den meisten
Städten wegen der Blockaden fast leer, es wird wahnsinnig spekuliert, was
natürlich die Armen schwer trifft. In La Paz sind die Tankstellen leer,
weil die Tankwagen vom Alto nicht runterfahren können, also fährt nur der,
der unbedingt muss, und noch Benzin hat. Der Streik des öffentlichen
Transports ist zwar beendet, aber die haben auch kein Benzin. Die, die
noch fahren, haben ihre Tarife nach Lust und Laune erhöht.
Die Läden in der Stadt müssen schliessen, um
Plünderungen zu verhindern. Die Banken schliessen, wenn die Märsche
kommen, und öffnen nur bis 14 Uhr. Es ist viel Spargeld abgehoben worden,
um Lebensmittel einzukaufen.
Die Bäcker werden ab morgen kein Brot mehr
herstellen, weil sie kein Gas, kein Mehl und kein Schmalz bekommen können.
Für die linksradikalen aller Tendenzen, d.h.
campesinos, Minenarbeiter, Bewohner der marginalen Stadtteile, usw. heisst
es nun "jetzt oder nie", und da es mehr oder weniger wirklich so ist, wird
ein Nachgeben sehr schwer sein.
Unter dem Rest der Bevölkerung, d.h. untere
und mittlere Mittelschichten, aber auch die Besitzer der kleinen Läden und
Handwerker, greift eine wachsende Verzweiflung, Mut- und Ratlosigkeit um
sich.
Für morgen, Montag, sind wieder Märsche
angesagt, im ganzen Land. Die Blockaden bestehen weiter, 70% aller
Landstrassen sind betroffen. Die restlichen 30% führen in kleine Orte, die
nicht ins Gewicht fallen.
Carlos Mesa hat völlig jede Kontrolle
verloren, er scheint zu denken "man kann machen nichts, man muss gucken
zu". Also kommt es jetzt auf die Kirche an, zumal bereits Gerüchte über
einen Militärputsch umgegangen sind.
Allen einen lieben Gruss, drückt uns bloss
die Daumen!
Lielott
4. Fortsetzung
Hola a todos,
nun möchte ich alle weiter informieren, was
jetzt geschieht. Es herrscht eine grosse Ungewissheit. Einerseits
verhandelt die Kirche in Santa Cruz, hinter ziemlich verschlossenen Türen
und kargen Pressemitteilungen. Andererseits hat sich die Strangulierung
von La Paz verschärft. Tausende von campesinos marschieren in der Stadt.
2.000 sind gerade aus der Gegend von Sorata angekommen; andere sind
unterwegs. Alle Märkte sind geschlossen, weil deren Syndikate auch an den
Märschen teilnehmen wollen? müssen? Es gibt keinen Tropfen Benzin, und
kein Gas. Die Preise der wenigen Lebensmittel sind bis in den Himmel
gestiegen. Es gibt kein Brot, weil es kein Gas und kein Mehl und kein gar
nichts gibt, Die Stadt ist kollabiert.
Unter knallenden Dynamitladungen, von denen,
die die Minenarbeiter benutzen, sammeln sich immer mehr Menschen in der
Plaza vor San Francisco an. Verlangt wird die Nationalisierung der nicht
erneuerbaren Ressourcen (Erdgas, Minen, usw.) und die Asamblea
Constituyente für ein neues Grundgesetz. Dagegen im Süden, Santa Cruz und
Tarija, wird die Autonomie verlangt.
Die Fenster von zwei grossen Hotels in der
Stadt sind mit Steinen sinnlos eingeworfen worden.
Eines der Wasserkanäle in Milluni ist von
campesinos gesprengt worden, also haben etwas mehr als die Hälfte aller
Stadtteile kein Wasser. An der Reparatur wird gearbeitet. Etwas egoistisch
gedacht, ist unser Stadtteil nicht betroffen. Aber alle haben Wasser
gespeichert.
Müll wird auch nicht mehr abgeholt, weil die
Wagen kein Benzin haben.
16 Uhr: Mons. Abastoflor und Mons. Juárez
sind nach La Paz gekommen, um mit Evo Morales und anderen Anführern zu
verhandeln. Evo Morales hat angenommen, die Extremisten aber nicht.
Bei Cochabamba hat eine Gruppe von 250
campesinos die Erdölpumpstation Sayari eingenommen, die Petroleum nach
Chile pumpt. Die Pumpstation steht jetzt still. Danach die in Sica Sica,
die auch stillsteht.
Ein Freund hat mich gerade angerufen, dass
Mesa mit dem Militärkommando versammelt ist, und angeblich das Amt
niederlegen wird. Der Palast ist, bis auf verstärkte Militärwache, leer;
alle Minister sind angeblich gegangen.
17 Uhr: der Präsident und seine Minister
sind wieder im Palast. Alles ist äusserst konfus und widersprüchlich.
21.30: Der Präsident hat abgedankt. Was
jetzt? Jetzt gehe ich schlafen.
Dienstag: Was jetzt? Die campesinos,
Minenarbeiter und die Leute vom Alto marschieren wieder nach La Paz, gegen
das Abdanken von Mesa - der sie angeblich "betrogen" hat, weil er kein
Dekret zur Nationalisierung des Erdgases erlassen hat, welches mit
Dynamit, Steinen und grossem Geschrei verlangt wird.
Nun muss der arme Mesa ja bleiben, bis der
Kongress einen anderen ernennt. Jetzt ein derartiges Dekret herauszugeben,
ist natürlich absurd.
Jetzt geht es darum, wer Präsident werden
soll. Ideal wäre ein Verzicht des Senatspräsidenten und des Präsidenten
der Diputados, damit der Präsident des Obersten Gerichts Präsident wird
und im Dezember Wahlen einberuft. Frage ist nun, ob dieser von allen
verhasste Gauner und Fuchs von Hormando Vaca Diez, Präsident des Senats,
tatsächlich verzichten wird. Heute hätte er den Kongress einberufen müssen
- aber angeblich gibt es keine Garantien dafür. Möglich bei diesem
Durcheinander. Aber der Kongress kann wo auch immer zusammenkommen; Sucre
ist das nächstliegende.
Die Kirche verhandelt weiter.
Schulen in La Paz: Winterferien werden
vorverlegt.
Ihr könnt Euch vorstellen, wie verzweifelt
jeder ist, der nirgendwo hinkommt, der nicht arbeiten kann, inmitten einer
totalen Ungewissheit und Ungewissheit. Vor allem die Armen, die von der
Hand in den Mund leben, und nichts zu Essen bekommen, kein Gas zum Kochen
haben, usw.
Soweit für jetzt.
Allen einen ganz lieben Gruss, Lielott
5. Fortsetzung
Ihr Lieben alle,
gestern habe ich nichts mehr geschrieben,
weil mich die Ungewissheit und die Unsinnigkeit dieser ganzen Situation so
deprimiert hat, dass ich zu nichts Lust oder Laune hatte.
Die Blockaden sind nun im ganzen Land, die
Märsche in allen Städten des Andengebietes, aber auch in den ländlichen
Gebieten und kleineren Städten in Santa Cruz. Alle Flughäfen streiken. Der
Transport steht still, es gibt kein Benzin.
Es geht jetzt darum, wer Präsident wird. Der
Kongress hätte am letzten Donnerstag zusammenkommen sollen, was aber wegen
der absoluten Uneinigkeit nicht möglich war. Daraufhin wurden die Märsche
radikaler. Es gibt kein Gas, kein Benzin, jetzt auch für Krankenwagen und
Krankenhäuser nicht; auch keinen Sauerstoff. In den Gefängnissen gibt es
keine Lebensmittel mehr; man befürchtet Meutereien der Gefangenen.
Es muss ein Präsident ernannt werden. Der
erste in der Nachfolge ist der Präsident des Senats, Hormando Vaca Diez.
Ein absoluter und skrupelloser Gauner. Der zweite ist der Präsident der
Diputados, Mario Cossio, farblos und relativ unerfahren. Der dritte ist
der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Eduardo Rodríguez; der müsste
innerhalb von drei Monaten Wahlen einberufen. Das wollen die meisten, vor
allem das jetzt auf alle rationale, irrationale und radikale Weisen
protestierende Volk, aber auch die Mittelschichten.
Vaca Diez, um Zeit zu gewinnen, hat
beschlossen, dass die Sitzung erst heute, Donnerstag, um 10.30,
stattfinden soll, und nicht in La Paz, sondern aus Sicherheitsgründen in
Sucre. Inzwischen hat er während der Woche intensiv mit den alten
verdrängten und diskreditierten Parteien verhandelt, die mit Goni im
Oktober 2003 sich wegen der vielen Toten verhasst gemacht haben, um von
ihnen zum Präsidenten ernannt zu werden, und mit ihnen zu regieren. Er hat
bereits ein Kabinett vorgesehen, und, heisst es, ein Dekret für die
Ausrufung des Belagerungszustands. Santa Cruz, Beni, Pando, Tarija (?)
unterstützen ihn, La Paz, Cochabamba, Sucre, Oruro, Potosí nicht.
Sucre ist inzwischen aber auch belagert von
campesinos, Minenarbeitern, Lehrern und Studenten, die Plaza ist vom Heer
und Polizei bewacht und abgeriegelt.
Um 10.30 haben die verschiedenen Partei- und
Regionalvertretervertreter sich versammelt, haben aber keine Einigung
erreicht - was zu erwarten war. So ist die Sitzung auf 18 Uhr verlegt
worden. Da kann zweierlei geschehen: entweder man hat sich so geeinigt,
dass entweder Vaca Diez automatisch, oder der Präsident des Obersten
Gerichts die nötige Mehrheit von 2/3 erreicht, oder man geht bei völliger
Uneinigkeit erst die liegengebliebene Tagesordnung durch: Asamblea
Constituyente und Referendum für Autonomías. Während das Tauziehen
weitergeht, und alles ungeduldiger werdend abwartet.
Was kann nun kommen? Nur wenn Vaca Diez und
Cossio freiwillig zurücktreten, kann Rodríguez Präsident werden. Evo
Morales, der Anführer der Cocaleros, wird, so sagt er, die Wahl von Vaca
Diez "wie auch immer" blockieren.
Wird Vaca Diez Präsident, gibt es mit
Sicherheit ein Blutbad, wenn nicht einen Zivilkrieg. Was viele von uns
befürchten, ist dass die Amerikaner hinter ihm stehen, um die Erdgasfelder
zu bewahren. Sie werden nicht direkt eingreifen, aber über das Heer. Das
Heer will aber kein Blutbad, unter anderem, weil das "international sehr
schlecht wirkt", und wir brauchen internationale Hilfe.
Also müssen wir warten. Warten und hoffen
...
Mit lieben Grüssen, Lielott
Wird Rodríguez Präsident, ziehen sich die
verschiedenen Gruppen zurück, die Blockaden werden aufgehoben, und, ärmer
als zuvor, kann alles einigermassen normal weitergehen, bis sich die
verschiedenen Kandidaten stellen, und ein neuer Präsident gewählt wird.
Rodríguez hat aber - bisher zumindest - nicht die nötigen 2/3 Stimmen.
6. Fortsetzung
11.06.2005
Ihr Lieben alle,
gestern hatten
wir einen äusserst dramatischen Tag. Der Präsident des Kongresses, Vaca
Diez, hatte die entscheidende Sitzung erst mehrmals aufgeschoben, dann aus
Sicherheitsgründen nach Sucre verlegt. (Die Gesandten von Kirchner und
Lula haben sich in Santa Cruz im Haus vom Kardinal getroffen; ausser ihre
"Sorge" auszusprechen, ist weiter nichts dabei herausgekommen)
Vaca Diez hatte,
100% sicher, dass er Präsident werden würde, und auch sicher, dass in
Sucre keiner mit Märschen oder ähnlichen Äusserungen stören würde, hatte
bereits sein Kabinett gebildet, nach Verhandlungen mit dem MIR, MNR und
NFR, wie immer, wer was abkriegt; das sind die Parteien, die die Regierung
von Goni gebildet hatten, mit Gegenwart des Schwiegersohns von Goni,
(Gonzalo Sánchez de Lozada) der seine rechte Hand war. Dahinter standen,
denken wir, finanzierend die Erdölgesellschaften, um das inzwischen
massive Verlangen des Volkes nach Nationalisierung zu blocken, und wohl
auch den Prozess gegen Goni wegen der 69 Toten, die es im Oktober 2003
gegeben hat. Und die ihm die Präsidentschaft gekostet haben.
Im Laufe des
Nachmittags davor kamen die ersten Abgeordneten an, am Morgen die
restlichen. Um 10.30 kamen die Vertreter der verschiedenen Parteien
zusammen, und die der verschiedenen Regionen (Santa Cruz und der gesamte
flache Osten, Tarija und der Süden, wo die meisten Gasfelder liegen, und
La Paz für die Andengebiete) Es sollte Einigkeit erreicht werden, um 1.
Mesas Rücktritt anzunehmen, und 2. Vaca Diez zum Präsidenten zu wählen.
Dagegen haben sich radikal - und diesmal Gott sei Dank! - die Abgeordneten
von Evo Morales mit Händen und Füssen gewehrt, sodass die Sitzung auf 18
Uhr verlegt wurde.
Aber was geschah,
hatte keiner so erwartet: gegen Mittag kamen Hunderte campesinos und
Hunderte Minenarbeiter, die wie immer mit ihrem Dynamit knallend, um die
Ernennung von Vaca Diez und Cossio zu verhindern. Irgendwie kam es dazu,
dass auf der Strecke Potosí - Sucre, etwa 17 Km von Sucre entfernt,
während das Militär und Polizei nach Dynamit oder anderen Sprengstoffen
suchten, ein Minenarbeiter durch einen Schuss umkam. Hinzu kamen zwei
nicht schwer Verwundete. Das löste eine ungemeine Wut bei der inzwischen
auch belagerten Stadt aus, der Tote wurde Vaca Diez zugeschrieben, bei den
Abgeordneten, die mit Vaca Diez alliiert waren, brach die Panik aus, erst
die NFR und dann seine eigene Partei, der MIR, gaben ihren Beistand auf.
In dem Wirrwarr
versuchte Vaca Diez die Sitzung von 18 Uhr aufzuheben, und nach Santa Cruz
zu verlegen. Cossio verschwand um 17.30 in seinem Hotel. Um 18.30 wurde
Vaca Diez in einem Landrover in eine Kaserne gefahren, um ihn zu schützen.
Offensichtlich war sein Präsidentschaftsprojekt gescheitert. Um 20.45
renunzierte er auf sein Nachfolgerecht, nicht ohne den Toten Carlos Mesa
in die Schuhe zu schieben. Dann renunzierte Cossio, der ebenfalls Mesa
beschuldigte, diese gesamte Krise ausgelöst zu haben. Blieb also Eduardo
Rodríguez, der Präsident des Obersten Gerichtshofes, der um 23.14 vom
Gericht abgeholt wurde und zum Präsidenten ernannt wurde, zum allgemeinen
Jubel der campesinos und Minenarbeiter, und zur grossen Erleichterung
aller andren, denn Vaca Diez hätte ein Blutbad ausgelöst. Allerdings hatte
das Heerkommando schon gesagt, sie würden jede demokratische Nachfolge
annehmen - aber: man solle auch die Stimme des Volkes erhören. Das war für
Vaca Diez deutlich genug: womöglich würden sie den Gehorsam verweigern,
wenn sie gegen die Leute schiessen müssten.
Nun ist seit
heute Mittag Rodríguez im Palast, muss ein Kabinett zusammenstellen, und
dann sehen, wie er mit den Blockaden usw. fertig wird. Bis auf eine Gruppe
im Alto - die allerdings Gas und Benzin blockieren, und damit den
Transport weiterhin lähmen, haben alle anderen eine Art Waffenstillstand
erklärt, um Rodríguez eine Chance zu geben.
Also haben wir
alle aufgeatmet, nach einem wirklich dramatischen Tag, und die Nacht dazu.
Was nun kommt, ob happy end, muss man sehen.
Allen einen ganz
lieben Gruss, Lielott